An Arkadius Ossipowitsch Rosetti

Neapel, im Jahre 1847.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen

Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij

Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu

erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe

zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich

es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen

will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen

muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich

ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die

Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den

selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der

Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer

der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das

Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man

jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als

dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe

mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen,

die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer

empfindlichsten Stelle treffen mußten.

Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich

darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen

Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht

weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller

Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher

unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht

ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie

eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach

dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der

Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht

eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der

Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert.

Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für

ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in

seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch

oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser

Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich

heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen

können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich

kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen

Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte

erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das

wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich,

vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es

gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt

unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt

die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu

lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von

ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit

hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch

heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen

Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer

Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich

hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf

an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen:

Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir

ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich

sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas,

dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für

mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes,

sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu

machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die

Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes

bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in

flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über

ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in

Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich

macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er

hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und

zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der

Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie

jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.

Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder

eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und

Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier,

ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies

eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das

schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der

Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so

große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein

Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies

Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug

gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist;

es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von

diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen«

plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann

und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem

Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn

dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose

Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten

Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des

Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch

großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie

wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut

besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist

alles, was ich zu sagen vermag.

Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich

folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band

herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor,

die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich

schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal

Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu

macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch

einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor,

auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die

Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es

nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und

hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit

her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken:

»Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber

verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit

und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines

Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren

könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir

sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen

und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag

fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden;

wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll

sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch

eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon

gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen

diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders

veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere

Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern

und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen

werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige

Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur

für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es

besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch

Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden

können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne

genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn

die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird

gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu

beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige

Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu

lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein

Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu

lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige

Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute

noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als

je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem

schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich

kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich

dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen

und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie

aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich

Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr

Gogol.

_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern

eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind.

Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt;

sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich

erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.

Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen.

Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar

senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.

[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung

von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.]

Über den »Zeitgenossen«

(Sowremennik)

Ein Brief an P. A. Pletnew

Den 4. Dez. 1846.

Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen.

»Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des

vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses

schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der

Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil,

alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu

welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit

sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese

vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe

zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die

jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser

dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in

dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein

Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen

ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung:

weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle

modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die

die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen

enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen

Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen

Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur

eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten,

die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen

der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger

anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der

stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische

Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht

das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein

viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte.

Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften

schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck

kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die

Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben,

das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen.

Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht

allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als

er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er

zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte

ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde

Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen

Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen

konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu

jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu

hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen

können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals

noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges

Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber

ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben

geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung

führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und

Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und

lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt.

Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch

diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit

schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der

Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und

des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein

sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und

Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der

Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und

tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon

zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die

Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas

errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst

emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du

sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß

eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht

einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe

periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise

erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal

dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten

Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir

nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu

einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche

enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer

Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie

früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns

alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der

modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft

und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre

Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu

aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und

seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu

wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine

lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten

entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner

Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem

Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen.

»Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift

verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter

Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter

eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie

die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein

Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr

zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit

besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen:

das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum

ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus

der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu

Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo

sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles,

was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre

trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche

politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens

darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten

Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und

zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen

literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert

werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der

Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz

konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei

Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten

unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die

schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier

vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen,

die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei

Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.

Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische

Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger

gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen

Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde

gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen,

der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf

sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache

rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede

seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl

erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über

alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise

beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich

noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist

durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich

eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch

ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer

Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden

um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. --

Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich

unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet,

ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch,

wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die

Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus

solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe

Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil

eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der

Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann

wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe

zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die

sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er

miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst

interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit

bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht

bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als

irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen

persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle,

entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue

Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes

besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies,

daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein

kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein

lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was

er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner

wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für

deinen Almanach sein.

Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein

Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein

Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben

und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er

selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen

Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer

stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen

poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen

des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht

zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges

psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in

seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle

mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu

schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.

Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller,

dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blühender Stil

und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen

dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte

dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade

die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu

schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der

alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer

Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich

wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der

vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante

Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren

Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die

über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren,

ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.

Man hat mir gesagt, daß die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im

allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller

eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an

den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte,

konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der

Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt

vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu

wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich

bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der

Mensch, die Persönlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller --

zum Durchbruch gekommen ist -- daß sich dann alles andere ganz von

selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische

Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu

bemerken sein wird. Ich muß hier noch _des_ Schriftstellers gedenken,

der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama »_Der Tod Ljapunows_«

begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an

der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein

erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele

Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender

Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in

einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können -- das ist eine

große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten

Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre

keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche

Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf

den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte

der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein

echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so

stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das

so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle

historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von

den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich

wünschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und könntest ihn dazu

veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu

versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht

haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit

früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche

Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke

Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam

bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles

gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß

er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich

weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer

ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein

Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld

für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall

das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in

dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir

gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die

Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen

Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der

Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben

zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ...

Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im

»Zeitgenossen« eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was

endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und

eifriger Mitarbeiter an deinem »Zeitgenossen« sein. Du hast schon selbst

bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen

Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und

noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich

in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die

notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will

dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen

Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die

Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall

darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des

Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten

bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und _sie_

gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser

voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach

Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte

mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen

Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir

nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte

Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten

Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag

sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller,

nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger,

ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles,

was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann

aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer

würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben

wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur

schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den

Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern

meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das

Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit

und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel

der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie

ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter während

seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode

zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in

einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das

Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf

und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben

vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen »Zeitgenossen«

erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst

du mir nicht zürnen.

Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern

erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften

beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten,

die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die

weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem »Zeitgenossen«

mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser

Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn

du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für

deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen

die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw.

zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren

Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt

es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen

Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer

sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren

Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen

sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist

wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle

Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende

Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch,

wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den

»Zeitgenossen« zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir

gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge

liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich

weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur

Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über

einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es

gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg

noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er

selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt;

indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl

sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben,

seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde

Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche

Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.

Der poetische Teil des »Zeitgenossen« kann gleichfalls sehr reichhaltig

gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der

Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch

unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_

erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich

allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische

erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen.

Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine

früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen

beurteilen, die in der letzten Zeit im »Zeitgenossen« zum Abdruck

gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das

Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes

neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine

Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für

eine »_Kinderei_« von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für

kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form

eines besonderen Buches unter dem Titel _»Eine Gabe für die Kinder« von

Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer

Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm

geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem

Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich,

daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die

tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der

letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank

zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und

Jasykow. Sie können den »Zeitgenossen« mit neuen Tönen bereichern, wie

man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tönen, die aus einem

gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der

Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen

Gehalt der Poesie erfüllt hat.

Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten

sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine

gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst

an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre

Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen,

die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine

Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches

Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die

Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und

verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe

Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten

auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg

zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter

ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen

Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich

selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu

veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen

Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach

einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird.

Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten,

werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen,

viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen

»Zeitgenossen« zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst

beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht

hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr

greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig

schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand

etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem

Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie

hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre

Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich

sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das

es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen

Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was

da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des

Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt

wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und

wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die

innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe

kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu

bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung

beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen

gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der »Zeitgenosse« seinen Namen

rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- höheren Sinne: er wird

allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen

Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem

eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und

entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen

Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland

vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift

zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir

genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und

an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine

reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten

Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten,

vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann

auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend

ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und

wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur

möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die

bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit

mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen).

Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein

wenig größer sein als das der »Blüten des Nordens«, kurz, das Werk muß

seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck

eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu

bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon

für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen,

kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten

und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden

müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall

hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste

Buch des »Zeitgenossen« zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden

Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als

ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken.

Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz

haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich

bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir

und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine

Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste

seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es

nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu

erwähnen, -- daß vom »Zeitgenossen« dreimal im Jahre, zu den oben

angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die

Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen -- das

wird vollständig genügen. Alles übrige -- der Gehalt und die Bedeutung

der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung -- mag für

jeden Leser eine angenehme Überraschung sein.

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 7 / 56 题