Ein Deutscher -- was?
Nun, mein Gott, ein Deutscher -- das kann man nicht sagen ... Er lebt
seit dreißig Jahren hier.
Das ist ganz gleichgültig -- er ist trotzdem ein deutsches Schwein!
Wäre er sonst geflohen? Du siehst ja, daß er nicht zu Hause ist! Er ist
ausgerissen, der Feigling!
Nun, was das betrifft -- Nikolai Sontscheff hat ein wunderbares
Geschick, immer einen erhöhten Standort zu finden, von dem aus er
seine Reden in die Menge schleudert -- was das betrifft, gute Freunde
-- vertraut euch meiner Führung an! Ich zeige euch Nester, in denen die
Vögel noch sitzen ...
Was -- Deutsche --?
Deutsche, bei meiner armen Seele --! Die schönsten und reichsten Läden
der ganzen Stadt gehören den deutschen Schweinen! Und den Juden --!
Wer weiß, ob die nicht überhaupt unter einer Decke stecken? Ob die
nicht schuld an allem sind, was der Krieg über uns bringt? Wer hat ihn
angezettelt? Die Deutschen -- komme die Hölle über sie dafür!
Was -- die Hölle --! ~Wir~ wollen über sie kommen! Jetzt -- auf
der Stelle! Mach voran, Nikolai Sontscheff! Zeig uns den Weg --!
»Meines Mädchens rote, rote Lippen
Küss' ich morgens, mittags und am Abend!«
sang Nikolai Sontscheff und ließ die Ziehharmonika quieken.
Beate Hoyermann raffte ihren Mantel zusammen und lief -- lief wie eine
Hirschkuh auf der Flucht. Von rechts, von links wurden ihr Püffe und
Stöße zuteil. Sie fühlte nichts, sie lief. Man schrie ihr nach -- he,
he -- was hat sie es so eilig --? Sie hörte nichts, sie lief. Menschen
kamen ihr entgegen, Gesichter beugten sich zu ihr, Hände streckten sich
nach ihr aus. Sie sah nichts, sie lief.
Sie lief, und vor ihren Augen flirrte das Blut. Sie kam in die Straße,
wo Dmitri auf sie warten sollte. Er war nicht da. Der Schlitten war
nicht da. Frische Spuren zerschnitten den Schneeschlamm. Und dennoch
schrie Beate mit aller Kraft ihrer Lungen, als müßte -- müßte der Mann
sie hören: »Dmitri --! Dmitri --!«
Was wollte sie von ihm? Er sollte ihr helfen! Helfen -- wobei? -- Mein
Gott, wobei --?! Beim Warnen, beim Retten ...
»Dmitri --! Dmitri --!!«
Keine Antwort ...
Sie stürzte vorwärts, aufs Geratewohl in eine Straße hinein. Da standen
Menschen, anständig gekleidete Menschen ... Sie rannte auf diese
Menschen zu ...
»Helfen Sie! Um Gottes willen, helfen Sie!«
Niemand verstand sie -- sie hatte deutsch gesprochen ... Sie rang die
Hände und hob sie vor die Stirn ... Mein Gott, mein Gott, was sollte
sie tun --?!
Das Gebrüll der Menschen, die auf Raub ausgingen wie die Tiere der
Wildnis, kam näher und näher heran. Worte schäumten auf: »Nieder mit
den Deutschen! Nieder mit den Juden --! Schlagt sie tot, die verdammten
Hunde --! Hängt sie --! Hängt sie --!«
In dem Eckhaus der Straße, Beate zunächst, wo ein freier Platz sich
breitete, erloschen plötzlich die Lichter.
Die Tür des Ladens schloß sich. Irgend jemand mühte sich, die Rolläden
herabzulassen. Aber die Mechanik versagte, oder die Hände waren
ungeschickt. Schiefhängend verbargen sie nur halb die weiße Schrift auf
den großen Scheiben.
Vielleicht hatte ein Fernruf den Besitzer des Ladens gewarnt.
Vielleicht war in dieser behexten Stadt ein Mensch, der alle warnen
wollte, die deutsche Namen trugen oder jüdischen Ursprungs waren,
mochten sie außerdem so gute Russen sein wie der Zar selbst.
Aber er konnte so schnell nicht warnen, wie der Pöbel an sein Werk
ging. Und die herabgelassenen Läden boten dem auch keinen Widerstand --
sie reizten ihn nur noch mehr.
Was --? Wollten die Hunde sich verstecken? Wollte man sie um ihr
schönes Vergnügen bringen -- um ihre Beute, um ihren herrlichen Raub
--?!
Hoch die Stangen, die Gitter -- auf, auf --!
Glas splitterte und knirschte unter wütenden Tritten ... Wie hieß der
Name, der auf den Scheiben stand? Lochmann -- Julius Lochmann. Wagte es
die schmierige Seele wahrhaftig noch, in einer gut russischen Stadt,
auf russischem Grund und Boden russisches Geld verdienen zu wollen? --
Warte --! Dafür sollst du bluten! Wir wollen dein Geld schon finden --
und dich dazu!
Wer wohnt da drüben? Konstantin Abramow ... Ein Jude --? Nein, nein! --
Wer weiß das? -- Zum mindesten stammt er von Juden ab. Nieder mit dem
Juden --!
Nikolai Sontscheff trat mit dem Stiefelabsatz in die Spiegelscheibe
hinein. Unter dem brausenden Gelächter der Menge begann er, die Juwelen
und Goldsachen der Auslage mit vollen Händen unter die Weiber zu
streuen, die sich darum die Gesichter blutig schlugen ...
Aber es war zu dunkel -- viel zu dunkel --! Sie hatten die Lampen
ausgelöscht, die deutschen Hunde! Glaubten Sie vielleicht, im Dunkeln
entkommen zu können? He, ihr Schlauberger, ihr sollt eine Fackel auf
euren Weg bekommen, daß euch die Augen tränen sollen ...
Fäuste donnerten an eine gutrussische Tür.
»Aufgemacht, Väterchen -- wir brauchen deine schöne Lampe!«
Erschrockene Gesichter zeigten sich an den Fenstern.
»Was ist, um der Heiligen willen?!«
»Laßt die Heiligen ungeschoren -- wir wollen eure Lampe haben! Was
braucht ihr eine Lampe? Es soll euch bald hell genug werden ... Oder
steckt ihr vielleicht mit den deutschen Hunden unter einer Decke --?«
»Nein, nein ...« Es gab keinen Schwur, der hoch genug gewesen wäre, um
in dieser Stunde die Gemeinschaft mit den Deutschen abzuschwören ....
Die Lampe wurde aus dem Fenster gereicht. Sie flackerte; die
Stichflamme zuckte aus dem Zylinder ...
He, he, meine blonde Schöne, nicht so hitzig ...
Nikolai Sontscheff stand auf einem Prellstein und sang aus voller Kehle
...
Geh herunter, besoffenes Schwein -- du nimmst mir den besten Platz weg
--!
Und der lange Kerl, der in der Judengasse zwei Ohrringe und drei dünne
goldene Reifen erbeutet hatte, gab dem Betrunkenen einen Stoß, daß er
in den Schnee torkelte. Gelächter wusch über ihn weg ... Er raffte
sich fluchend auf und trat seinem Gegner in die Kniekehle, daß der
vornüberschlug, in die Scherben eines Fensters hinein. Die Wucht des
Angriffs nahm auch ihm das Gleichgewicht; sie lagen in Schlamm und
Scherben und verbissen sich ineinander; um sie herum färbte sich der
Schnee blutrot ...
Und dann zuckte eine Flamme auf. Eine breite, schöne und sehr helle
Flamme. Jemand, der sein Geschäft verstand, hatte die brennende
Petroleumlampe in ein Lager von Seidenstoffen geschleudert. Die Lampe
war gesprungen, und das Öl lief breit lohend über die köstlichen
Stoffe. Nun war die Straße bedeutend heller erleuchtet, als sie es
jemals auf Kosten der Stadt gewesen.
Willst du deine Lampe bezahlt haben, Väterchen? Komm heraus und hole
dir, was du willst ... Alle Schätze stehen dir zur Verfügung ... Gold,
Edelsteine, Seide und Pelze ... Ist deine Tochter blond, Väterchen? --
Dann nimm den schwarzen, er wird sie wunderbar kleiden ... Eine Fürstin
hätte dreitausend Rubel und mehr dafür bezahlen müssen. Du bekommst
ihn für eine Petroleumlampe. Preise dein Schicksal und die Gnade der
Heiligen und greif zu ...
Da drüben heulen sie, die deutschen Wölfe ... Man hat sie zu Paaren
getrieben und kitzelt sie mit langen guten Messern ... O, nur ein
wenig, nur zum Spaß ... Es soll ihnen nicht ans Leben gehen ...
Obgleich es gut wäre, wenn man sie samt und sonders mit einem guten
Strick aus der Welt beförderte ... Was meinst du, Brüderchen? Haben
sie's etwa nicht verdient?
Kniet nieder, ihr schmutziges Gesindel, und bittet um euer Leben ...!
Greise, Frauen und Kinder -- weiter niemand ... Die Männer waren schon
längst aus der Stadt getrieben worden -- nach Sibirien verschickt --
geradeswegs aus den Betten in die Untersuchungsgefängnisse und dann in
die Bahnwagen. Man machte wirklich nicht viel Federlesens mit ihnen
... Warum sollte man es mit denen machen, die übriggeblieben waren?
Die eine oder andere der Frauen war schön ... Und wenn man ihnen die
Kinder nahm, wurden sie vielleicht auch willfährig.
»He, du Kleine, komm her --!«
Das Kind, von den Flammen, dem Geschrei, dem Blut im Schnee und an den
Fäusten der Männer zu Tode geängstigt, verkroch sich noch tiefer hinter
den Rock seiner Mutter, die am Boden lag und heulte.
»Komm her, sag' ich dir --!«
Das Kind gehorchte. Aber die Mutter fuhr in die Höhe, schnellte auf,
als seien ihre Knie von Stahl.
»Rühr das Kind nicht an!« schrie sie. Allen Jammer, alle Verzweiflung,
allen Haß funkelten ihre Augen dem Menschen entgegen, der nach ihrem
Kinde griff.
»Ruhig, ruhig, meine Taube -- sonst wird man es dir beibringen ...«
»Seht doch, seht doch --! Wassilij Petrow im Kampf mit der deutschen
Wölfin! He, he, Wassilij -- nimm dich in acht! Sie hat blanke Zähne!«
»Willst du loslassen, verdammte Bestie?!«
Aber das Weib ließ nicht los. Sie hatte ihm die Zähne in die Hand
gegraben und krallte sich in seinen Rock.
»Du Teufel --! Du elender Teufel --!«
Wassilij Petrow wehrte sich nicht sehr. Er war mehr erstaunt als
erzürnt. Er sah auf die Frau hinunter, die ihm mit den Zähnen am
Leibe hing -- und dann machte er eine Bewegung -- nur eine ganz
kleine. Er war ein starker Kerl, der Wassilij -- alle Achtung! Wie sie
beiseiteflog, die deutsche Beißzange -- wie ein Sack Lumpen ...
Da lag sie ...
Wassilij Petrow bückte sich über sie ... »Nun, meine Taube --? Wirst du
jetzt vernünftig sein --? Komm her --!«
Er richtete sich auf. Eine Faust war ihm ins Gesicht geschlagen. Die
Faust einer Frau, die mit ihrem Leibe die Liegende deckte.
»Du Feigling --!« sagte die Frau mit einer ganz tiefen, schwingenden,
von Ekel und Empörung gesättigten Stimme. Ihre Augen sprühten ihn an.
»Du Feigling --!«
Wo kam die fremde Frau her? Sie sprach deutsch ... Sie trug einen
kostbaren Pelz und hatte blonde Haare ...
Nikolai Sontscheff duckte sich, schlich an den Häusern hin und rannte
zuletzt ...
Eine dürre, schmutzverkrustete Hand schob sich vor Beates Mund. Eine
Stimme zischelte ihr am Ohr: »Wenn der Frau Baronin lieb is ihr Leben,
soll se sein ganz still und laß mich machen.«
Beate bog den Kopf zurück; ihre Augen suchten. Sie kannte den Mann,
der sich vor ihr hin in den Schnee warf, ihre Füße küßte und ihr Kleid
und einen Schwall von russischen Worten über sie ergoß. Allmählich
verstand sie ... ja, ja, der gute alte Nathan, der Raritätenhändler
aus der Jüdengass' -- Nathan Löb hieß er, nun besann sie sich ... Der
wollte sie schützen. Der gab sie für eine Russin aus -- vielleicht gar
für eine Fürstin, alter Nathan, wie? -- es kam dir nicht darauf an
... Du merktest nur, daß die deutsche Frau, die freundlich zu dir, zu
deiner Frau und deiner Tochter gewesen war, in eine brandhelle Gefahr
hineingelaufen war mit ihrem zornigen und von Mitleid überströmenden
Herzen ... Und da sannst du dir ein gutes Märchen aus, braver alter Löb
...
Aber es sollte dir nichts helfen -- und der Frau auch nicht, vor der
du dich als ein lebendiger Schild aufgerichtet hattest ... Nikolai
Sontscheff hatte flinke Füße, trotz seiner Betrunkenheit ... Und er
hatte ganz genau gewußt, wo er die Polizei finden würde ... Bei Michail
Michailowitsch ...
Eine Hand legte sich auf die Schulter der Frau. Sie fuhr herum ...
»Was ist --?!«
»Kommen Sie ...«
»Wohin --?«
»Auf die Wache ...«
Vor Beates Augen tanzte die ganze Welt. Sie straffte sich in den Knien;
aber sie schwankte doch.
»Was soll ich -- auf der Wache --?!«
»Das werden Sie dort erfahren ... Kommen Sie ...«
Sie ging.
Nathan Löb, der alte Raritätenhändler aus der Jüdengass', blieb auf den
Knien liegen und drückte seinen mürben, ratlosen Kopf in beide Hände ...
Die Polizisten führten Beate durch drei, vier Gassen; sie kamen an ein
sehr langgestrecktes, graues Gebäude mit vergitterten Fenstern. Posten
schritten davor auf und ab. Sie wandten neugierig die Köpfe.
Durch zwei eiserne Tore und einen Gang, in dessen steinernen Gewölben
sich die Laute ihrer Füße fingen, kamen sie auf einen engen,
viereckigen Hof, der völlig leer war. Eine Türe tat sich auf. Ein
dunkler Flur ... Stufen, ausgetreten und krumm ... eine Öllampe an
der Windung der Treppe; Tabaksqualm -- Stimmen und Faustschläge auf
dröhnende Tischplatten. Dann abermals eine Tür, die sich öffnete ...
Um einen Tisch, den die Holzwürmer zerfressen hatten, saßen fünf oder
sechs Polizisten, die beim Eintritt der Frau und ihrer Begleiter
die Köpfe wandten. Sie spielten Karten und ließen sich nicht stören.
Nur einer, der auf einem dreibeinigen Schemel an der Tür gesessen
hatte, stand auf, wechselte ein paar Worte mit den Neuangekommenen
und verschwand, ohne einen Blick auf Beate geworfen zu haben, im
Nebenzimmer.
Einige Augenblicke später stand Beate Hoyermann vor einer Schranke,
die sie von mehreren Beamten trennte, deren Tätigkeit vor kurzem auch
das Kartenspiel gewesen sein mußte, denn die französischen Blätter und
Haufen von kleinen und großen Münzen lagen noch auf den Tischen.
Einer von Beatens Begleitern erstattete Meldung. Der älteste der
Beamten forderte die Frau mit einer Handbewegung auf, näher zu treten.
Beate gehorchte, ohne zu zögern. Sie sammelte alle ihre Kraft.
»Darf ich fragen, Madame,« begann der Russe in fließendem Deutsch, »wie
es gekommen ist, daß Sie sich in eine Angelegenheit des Straßenpöbels
mischten?«
Beate, die auf eine andere Frage vorbereitet gewesen war, zögerte
einen Augenblick. Aber dann hob sie den Kopf in den Nacken und sagte,
ebenfalls deutsch redend: »Weil ich zu meinem Bedauern feststellen
mußte, M'sieur, daß die Polizei nicht zur Hand war, um wehrlose Frauen
und Kinder vor der Gemeinheit des Straßenpöbels zu bewahren.«
Der Beamte sah seine Kollegen an und lächelte ein wenig.
»Deutsche Frauen und Kinder -- nicht wahr?« fragte er weiter.
»Allerdings, M'sieur ...«
»Und eben, weil es deutsche Frauen und Kinder waren, fühlten Sie sich
veranlaßt, sie in Ihren Schutz zu nehmen ...«
»Die Nationalität würde in keinem Falle bei mir eine Rolle spielen,
wenn es sich um die Verhütung einer Gemeinheit handelt,« sagte Beate
etwas herb.
»Sehr anerkennenswert ... Aber man hat gehört, wie Sie Deutsch
sprachen, Madame ...«
»Sie selbst sprechen ein ausgezeichnetes Deutsch, M'sieur ...«
»Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen zu verhandeln, Madame -- Sie führen
eine vortreffliche Klinge,« sagte der Beamte mit einer Verbeugung.
Beate antwortete nicht.
Der Beamte nahm ein Aktenformular aus dem Pult und legte es vor sich
hin.
»Wenn ich recht unterrichtet bin, wohnen Sie augenblicklich auf dem
Gute von Kyrill Iwanowitsch Petulikow -- nicht wahr?«
»Ich bin die Pflegerin seiner Mutter,« sagte Beate.
Der Beamte lächelte leicht.
»Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein,« sagte er, »daß man Sie in der
Stadt in nähere Beziehung zu Kyrill Petulikow selbst als zu seiner
Mutter bringen will, Madame ...«
Beate verstand nicht gleich. Und dann lief ihr das Blut übers Gesicht.
Im nächsten Augenblick war sie kalkweiß bis zu den Lippen.
»M'sieur,« sagte sie, und ihre Augen funkelten, »ich genieße den
ehrerbietigsten Schutz im Hause Kyrill Petulikows, den sich eine
verheiratete Frau wünschen kann.«
Der Beamte verbeugte sich.
»Sie sind also verheiratet?«
»Ja.«
»Mit wem?«
»Das tut nichts zur Sache.«
»Ganz wie Sie wollen, Madame ... Gestatten Sie mir eine andere Frage:
--« und er nahm einen Brief aus dem Aktenbogen, den er Beate reichte
... »haben Sie dieses Schreiben verfaßt und heute zur Post gegeben?«
Beate nahm den Brief nicht; sie erkannte ihn beim ersten Blick. Es war
der, den sie an Tystendal geschrieben.
»Ja,« sagte sie.
»Sie werden es begreiflich finden, Madame, daß sich der Staat in diesen
Zeiten -- zur eigenen Sicherheit -- um die Angelegenheiten seiner
Bürger mehr noch als sonst bekümmern muß ...«
Er sah die Frau an; aber Beate schwieg.
»Der Brief ist geöffnet an uns übergeben worden; und die Polizei hat
ihn gelesen ... Er enthält einige Punkte, die im Zusammenhang mit
anderen Ereignissen nicht uninteressant für uns waren ... Doch zuvor
noch etwas anderes.« Er nahm abermals den Aktenbogen zur Hand. »Haben
Sie dies hier geschrieben?«
Beate nahm den Zettel, den er ihr bot.
»Ja,« sagte sie. Es war der Zettel, den sie auf der Post verloren zu
haben glaubte. Sie wurde rot vor Zorn.
»Wie kommt es, Madame,« fuhr der Beamte in seinem Verhör fort, »daß sie
deutsche Worte mit russischen Buchstaben geschrieben haben?«
»Zur Übung,« sagte Beate einfach.
»So ... Sie lernen also Russisch?«
»Ja. Ist das ein Verbrechen?«
»Etwas Ähnliches, Madame ... Wenigstens in diesen Zeiten ...«
»Das verstehe ich nicht.«
Der Beamte zuckte die Achseln.
»Es muß um so verwunderlicher erscheinen, als Sie -- nach diesem
Brief zu urteilen -- die Absicht haben, Rußland recht bald wieder zu
verlassen!«
»Bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet.«
»Das heißt -- Sie wünschen nach Deutschland zurückzukehren,« sagte der
Beamte, ohne Beate anzusehen.
»Ja,« sagte sie kurz und fest. Wenn ihr Leben davon abgehangen hätte --
es wäre ihr unmöglich gewesen, »nein« zu antworten.
»Sie sind also deutsche Staatsangehörige?«
»Ja.«
»Mit einem deutschen Manne verheiratet?«
»Ja.«
Der Beamte machte eine Pause.
Dann wandte er sich Beate ganz zu und sah ihr mitten ins Gesicht.
»Darf ich um Ihren Paß bitten, Madame?« sagte er mit vollkommener
Höflichkeit.
Beate öffnete ihre Tasche, die sie im Muff getragen hatte, und übergab
ihm den Paß. In diesem Augenblick wußte sie, daß sie verloren war. Sie
stand aufrecht und still.
Der Beamte prüfte den Paß, ohne daß sich in seinem Gesicht irgendeine
Regung gezeigt hätte.
»Dieser Paß ist gefälscht?« fragte er.
»Es ist der Paß einer anderen,« antwortete Beate.
»Weiß Kyrill Iwanowitsch oder seine Mutter, daß Sie Deutsche sind?«
»Nein,« sagte Beate, ohne sich zu besinnen.
Der Beamte schob den Paß zu den übrigen Stücken der Akten.
»Ich bedaure, Madame, durch Ihr Verhalten dazu gezwungen zu sein, Sie
verhaften zu lassen,« sagte er höflich, aber sehr ernst.
Beate schluckte.
»Warum?« fragte sie dann. Sie fragte es fast nur, um Zeit zu gewinnen.
»Sie stehen unter dem dringenden Verdacht der Spionage ...«
»Das ist ein Irrtum,« sagte Beate still.
»Ich hoffe es um Ihretwillen, Madame,« antwortete der Beamte.
Er drückte auf einen Klingelknopf. Einer der Polizisten trat ein. Der
Beamte sagte ihm nur zwei Worte. Der Polizist öffnete die Tür ...
Und Beate folgte ihm ...
8
Nathan Löb hatte keinen Schlitten, aber er hatte einen Karren. Und er
besaß keine Pferde, aber er besaß Freunde. Das kam auf eins heraus.
Er schickte seinen Sohn in den Hof hinunter; er mußte den Karren
abladen, die Räder losschrauben und den Karren auf Kufen setzen. Das
war eine Arbeit von zwanzig Minuten. Und Nathan Löb selber lief in der
Nachbarschaft umher und fragte, wer ihm zwei Pferde leihen wollte. Da
er ein ehrlicher Mann war, fügte er gleich hinzu, es sei sehr möglich,
daß er die Pferde zu Tode jagen würde. Aber Nathan Löb stand im Rufe,
zwei Pferde recht gut ersetzen zu können. Er bekam sie.
Er sagte keinem Menschen, wohin er fahren wollte. Er dachte: was einer
nicht weiß, das verrät er nicht. Als er die Stadt hinter sich hatte,
hieb er auf die Gäule ein, daß sie den Schlittenkarren hinter sich
dreinrissen, als säße ihnen der Satan im Genick. Sie hatten es nicht
allzu schwer. Sie liefen auf der Spur eines anderen Schlittens, der die
gleiche Richtung hielt. Und dem Mann, der diesen Schlitten gelenkt
hatte, mußte es auch nicht auf das Leben oder die Beine seiner Pferde
angekommen sein. Der Schlitten hatte Sprünge gemacht wie ein Ball ...
Als Nathan Löb beim Postmeister anlangte und Pferde von ihm forderte,
sagte der Mann, er habe keine. Nathan Löb griff in die Tasche seines
Kaftans und klimperte mit gutem Silber. Der Postmeister blieb dennoch
bei seiner Behauptung. Nathan Löb sagte, er wolle die Pferde kaufen
und ihm außerdem die anderen überlassen. Der Postmeister führte ihn in
den Stall und zeigte ihm die Gäule, die er drin stehen hatte. Aber sie
standen nicht, sie lagen. Ein Knecht rieb sie mit Strohwischen. Nathan
Löb betrachtete sie, schüttelte den Kopf und ging hinaus. Nein, die
konnte er nicht brauchen. Sie dampften noch von der letzten Fahrt. Und
das war keine gute gewesen.
Die Frau des Postmeisters, die auf dem Ofen lag und ihr jüngstes
Kind säugte, wollte wissen, was es denn drin in der Stadt gegeben
habe ... Der Dmitri vom Gut sei dagewesen, habe die halbtoten Pferde
ausgewechselt und sei wie verrückt gewesen. Was habe es denn gegeben,
bei allen Heiligen --?
Nathan Löb blinzelte.
»Nu -- was soll es gegeben haben --? Nichts ... Die Leute machten sich
ein Späßchen ... Warum sollen sie sich nicht ein Späßchen machen bei
den ernsten Zeiten, so gut sie es verstehen? -- Hübsche Kinderchen hast
du, Mütterchen, unberufen -- und gesunde Kinderchen ... Hundert Jahre
sollst du werden und hundert Enkel haben, Mütterchen ... Gute Nacht ...«
Die Postmeisterin zog ihr Jüngstes fester an sich und seufzte. Sie
stützte den Ellbogen auf und legte das Gesicht in ihre flache Hand.
Dann hustete sie .... Es war Winter. Und der Winter pflegte sehr lange
zu dauern ... Nun, man mußte Geduld haben ... Einmal nahm alles ein
Ende ...
Nathan Löb fuhr weiter ...
Zwanzig Werst hinter dem Postmeisterhause, etwa auf halbem Wege zum
Gut, lag ein dunkler Klumpen im Schnee. Das war der Schlitten von
Dmitri. Er war umgefallen und halb im Schnee versunken. Dmitri hatte
die Pferde ausgesträngt. Das eine stand mit hängendem Kopfe, und der
Wind blies ihm die lange Mähne um Hals und Augen. Das andere lag am
Boden; es war tot. Der Schlag hatte es getroffen. Unter seinen Nüstern
fletschten die ganz entblößten Zähne. Der Schaum an den Lefzen war zu
Eis geworden.
Mit triefendem Gesicht arbeitete Dmitri, um den Schlitten wieder
aufzurichten. Er wandte sich, wischte sich den Schweiß aus den Augen
und winkte.
»Jude, hilf mir und gib mir deine Pferde!«
Nathan Löb betrachtete sich das Bild. Er schüttelte den Kopf.
»Warum soll ich dir geben meine Pferde, daß du mir die fährst auch
noch kaput?« fragte er. »Wenn du willst fahren aufs Gut, Dmitri, komm
auf meinen Karren. Wirst du fahren e bissel langsamer, aber sicherer
mit dem alten Juden. Wenn mer hat Eile, is e totes Pferd nix nutz.
Oder biste gefahren wie meschugge, bloß um dich selber zu bringen in
Sicherheit --?«
Dmitri sagte nichts. Er spannte das ledige Pferd neben dem ersten des
Juden ein, kletterte auf den Karren und griff nach den Zügeln. Aber
Nathan Löb schüttelte den Kopf und hielt sie fest. Dmitri ließ ihn
gewähren. Er merkte sehr bald, daß der Jude die Gäule nicht schonte.
Als sie auf dem Gute anlangten, war es zehn Uhr.
Lisa Petulikowa schlief noch nicht. Sie wartete auf ihre Pflegerin. Es
war noch niemals vorgekommen, daß Kate Mathew länger als vier Stunden
in der Stadt geblieben wäre, ohne auf irgendeinem Wege Nachricht zu
schicken, daß sie aufgehalten worden sei. Kyrill Iwanowitsch hatte
alle Welt angerufen -- niemand wußte etwas. Mit einem Male hatte das
Amt keine Antwort mehr gegeben, was die Unruhe und Besorgtheit noch
gesteigert hatte.
Kyrill Iwanowitsch war im Begriff gewesen, den nächsten besten
Ackergaul zu nehmen, um nach der Stadt zu reiten und nach Beate zu
suchen. Aber Lisa Petulikowa lag ihm mit ihrer krampfhaften Furcht vor
dem Alleinbleiben vor den Füßen. Sie traute keinem Menschen außer ihm,
Kate Mathew und Dmitri. Wenn alle sie zu gleicher Zeit verließen, würde
sie verrückt werden vor Angst.
Also blieb er.
Das Zimmer Beatens war das einzige, von dem aus man nach der Landstraße
blicken konnte, die zur Stadt führte. Kyrill Petulikow hatte es noch
nie betreten. Jetzt schlich er um die Türe herum wie ein Verfluchter um
die Kirchentür. Und endlich drückte er die Klinke nieder.
Das Zimmer war unverschlossen. Kate Mathew hatte keine Geheimnisse, die
man mit Schlüsseln sichern konnte. Die warme Dunkelheit und der Duft
des Menschen, der es bewohnte, gab ihm etwas von der Lebendigkeit des
Menschen selbst. Die drei kleinen Fenster glotzten bleich und in ihrer
Dreiheit gespenstisch wie die Augen eines Märchenwesens.
Kyrill Petulikow drückte den Kopf an die kühle, gleichgültige Scheibe.
Er war sehr hilflos, weil er schweigsam sein mußte. Er starrte die
Straße an, als sei sie verantwortlich für das, was auf ihr entlang
kommen mußte -- und endlich auch kam.
Mit zwei Pferden war Dmitri fortgefahren; mit dreien kam er zurück.
Kyrill Petulikow war sehr geneigt, diesen unvermuteten Zuwachs des
Reichtums für ein böses Zeichen zu halten. Für sein Wesen war das
Unvermutete und Unvorhergesehene auch immer das Unglückbringende.
Er lief quer durch das ganze Haus; Lisa Petulikowa öffnete ihre Türe;
ein Lichtschein fiel auf die ersten Treppenstufen; die anderen verloren
sich im Dämmer des Lämpchens vor dem bunten Heiligenbild.
»Kyrill --! Kyrill, wohin läufst du so --?«
»Sie kommen!« antwortete Kyrill Petulikow. Er riß seinen Hut vom Nagel
und zerrte an den Riegeln der mächtigen Haustür. Lisa Petulikowa beugte
sich über das Treppengeländer.
»So nimm doch den Pelz, Kyrill!« rief sie. »Willst du dir den Tod holen
--? Was willst du mit dem Hut anfangen? Der Wind bläst ihn dir fort,
ehe du ans Tor gekommen bist ... Um der Heiligen willen, Kyrill, laß
dir den Pelz bringen! Es ist dein Ende, wenn du so hinausgehst --!«
Kyrill rüttelte an der Türe, die er nicht öffnen konnte, weil die
Riegel seinen unruhigen Händen widerstanden.
Die Stimme Lisa Petulikowas jammerte fort; hinter ihrer breiten Gestalt
tanzte das Licht ihres Zimmers.
»Sprich nicht zu mir, hörst du --!« schrie Kyrill Petulikow in einer
plötzlichen Wildheit. Er sah seine Mutter mit einem Blick an, der sie
von ihrem Posten verscheuchte. Knirschend riß er an dem trägen Eisen,
das endlich nachgab. Die Türe flog auf. Im gleichen Augenblick, da
Kyrill Petulikow auf den Hof hinauslief und der Schneewind ihm den Atem
nahm und den Hut vom Kopfe fegte, läuteten die Schlittenglocken unter
der Einfahrt in das Gut.
Kyrills Augen bohrten sich in die Dunkelheit. Er unterschied zwei
Gestalten auf einem Gefährt, das nicht das seine war, und keine davon
war eine Frau.
»Dmitri --!!«
Niemals in seinem Leben hatte der Diener seinen Herrn in Wut gesehen.
Er hatte sich aus den Decken des Karrens befreit und war von seinem
Sitz gesprungen, bevor Nathan Löb die Pferde zum Stehen bringen konnte.
Jetzt fiel er mitten im Schnee auf die Knie.
»Herr, -- Herr, ich kann nichts dafür --! Bei der Seele meiner toten
Mutter -- ich kann nichts ...«
»Wo hast du die Frau gelassen --?!«
Kyrill Petulikow stand vor ihm, barhäuptig, Dampf vor dem Munde. Er
schüttelte den Diener an beiden Schultern, wie ein starker Hund ein
Wild schüttelt.
»Wo hast du die Frau gelassen -- du ...?!«
»Ich kann nichts dafür, Herr! -- Ich kann nichts dafür --!«
»Wofür kannst du nichts! Willst du reden? -- Wofür kannst du nichts
--?!«
»Ich kann nichts dafür, Herr -- bei meiner armen Seele! -- Ich kann
nichts dafür!«
Kyrill Petulikow ließ ihn los. Dmitri fiel ganz in sich zusammen
und lag, ohne sich zu rühren, im Schnee, den Kopf zwischen die
Hände drückend, als erwarte er einen Hieb ins Genick. Ratlos und in
erbitterter Verzweiflung blickte Kyrill Petulikow auf das Bündel
Menschheit zu seinen Füßen nieder, das der Schreck um jeden Rest seines
Verstandes gebracht zu haben schien.
Ein vorsichtiger Finger rührte ihn an.
»Wollen wir nicht gehen ins Haus, Herr?« fragte Nathan Löb zuredend.
»Es nützt nichts, daß Sie schlagen Ihren Diener zu Brei ... sind
andere, die müßten zerschlagen werden, da drin in der Stadt ... Muß
noch vieles geschehen in dieser Nacht, Herr, wenn es nicht sein soll zu
spät ... Hat Dmitri gemeint, Eile sei das Beste ... Hat er gefahren ein
Pferd zu Tode. Hat er es gut gemeint -- nu ... kann er dafür, daß er
war allein und wußte nicht zu helfen sich selbst und der Herrin?«
»Wo ist sie?« fragte Kyrill Petulikow. Er hatte nichts von allem
gehört, was der Jude sagte. Er hatte nur begriffen, daß der Jude etwas
von dem wußte, was geschehen war -- vielleicht auch alles. Er fragte
und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die vom Schweiße troff: »Wo
ist sie --? Weißt du, wo sie ist --?«
»Gehen wir ins Haus, Herr!« bat der Jude und zerrte an Dmitri, der noch
immer wie ein Sack am Boden lag. »Willst du aufstehen, alter Bursche
--? Wird dich der Herr nicht fressen, weil du ein Narr gewesen bist!
Steh auf -- he!«
Dmitri rührte sich nicht. Der Jude zuckte die Achseln und wandte sich
ab. Kyrill war ins Haus gegangen; er wartete, in der Türe stehend, auf
Nathan Löb. Als sie verschwunden waren, taumelte Dmitri von den Knien
auf, klopfte sich den Schnee vom Leibe und rieb sich den Schädel. Und
dann fing er die Pferde ein und brachte sie in den Stall. Aber er tat
alles, als sei er betrunken. Als er fertig war, fiel er ins Stroh
zwischen die Hufe der Pferde, die zu müde waren, um zu fressen. Und so
schlief er ein. Denn Dmitri war über siebzig Jahre alt, und das Leben
hatte ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er schnarchte mit offenem
Munde.
Nathan Löb hatte die Haustüre hinter sich geschlossen.
»Wo ist die Frau ...?« fragte Kyrill Petulikow. Er stand mit dem Rücken
gegen den Tisch im Flur gelehnt und stemmte die Hände rückwärts auf
die Platte.
»Müßt' ich lügen, Herr, wenn ich wollte sagen, ich wüßte, wo sie ist,«
antwortete der Jude und hob die Hände. »Aber ich hab' gesehen mit
meinen eigenen Augen, wie sie ist worden verhaftet und fortgeführt ...«
»Was sagst du --?« murmelte Kyrill Petulikow und beugte sich vor.
»Ich sag' die Wahrheit, Herr -- Gott soll mir helfen!«
»Sie ist verhaftet worden --?«
»Verhaftet, Herr!«
»Aber warum -- warum! -- im Namen Gottes?!«
»Nu, Herr -- warum wird mer verhaftet in Rußland? Gott behüte, der alte
Nathan Löb will nichts gesagt haben! -- Aber warum wird mer verhaftet
aus heiterem Himmel als e anständiger und feiner Mensch --? Wenn mer
hat e Herz für die Armen, für die Juden, die se haben ausgeräuchert,
die Henker ... wollen Se verzeihen, Herr ... und für die Deutschen,
denen se haben eingeschmissen die Fenster und die Türen, denen se haben
angezunden die Dächer über den Köpfen, denen se haben gegossen das
brennende Öl über die feinen guten Stoffe und haben e mächtiges Feuer
angerichtet und hineingeschmissen alles, was hat werden können zu Asche
... Se haben können sparen für de ganze Nacht de Straßenbeleuchtung
von der halben Stadt, Herr, wahrhaftig ...«
»Wo ist die Frau --?« fragte Kyrill Petulikow mit einer gewaltsamen
Drehung seines Nackens. Er glaubte den Dunst des Brandes zu riechen,
der schwelend aufstieg von der fernen Stadt.
»Nu, Herr ... ich hab' se gesehen, wie se gekommen is und hat gestanden
neben der Frau, der se wollten das Kind wegnehmen -- wozu? Um se zu
machen gefügig für die Herren ... Ich hab' se gleich gekannt -- is
se doch gewesen freundlich zu mir und zu Rebekka, dem alten Trödler
Nathan Löb seiner Frau, und zu Rahelche, meiner Tochter, die der Herr
mit Krankheit geschlagen hat seit ihrem fünften Jahr ... Is se doch
gekommen oft genug zu dem alten Nathan Löb und hat gekauft -- schöne
Sachen, feine Sachen, Herr -- für e Spottpreis -- weil se is freundlich
gewesen zu meinem Rahelche ... hab' ich se gleich wiedergekannt,
wie se sich hat geworfen über die Frau, die der Kerl hat von sich
weggeschleudert wie 'nen Sack, weil se hat verteidigt ihr Kind, ihr
kleines ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt, was is e deutsches Wort für
en Lumpenkerl -- ›Du Feigling --!‹ Und hat gedeckt mit ihrem Leibe die
Frau, die gelegen hat im Dreck auf der Straße ... Is der Nathan Löb e
alter Mann geworden und hat doch nie gesehen soviel Verachtung und Mut
und hat noch nie gehört soviel Haß, wie is gewesen in den Augen und in
der Stimme von der Frau, die immer freundlich und sanft gesprochen hat
zu Rebekka, meiner Frau, und zu Rahelche, meiner kranken Tochter ...«
Der alte Nathan Löb hob beide Hände, zu Fäusten geballt, und rüttelte
sie gegen einen Unsichtbaren in großer Begeisterung.
»So hat se gemacht, die Frau -- und ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Es
is geworden förmlich e schönes Wort, wie se das gesagt hat ...«
»Und dann?« fragte Kyrill Petulikow; die Lippen blieben ihm offen
stehen.
»Nu -- hat der alte Nathan Löb gedacht ... Es is e mutige Frau, aber
e unvorsichtige Frau ... hat se gemacht gemeinsame Sache mit den
Deutschen ... hat se Deutsch gesprochen ... ›Du Feigling!‹ hat se
gesagt ... Das wird ihr kosten den Kragen, wenn se wird erkannt als e
Deutsche. Und der alte Nathan Löb hat versucht, zu machen glauben die
Leut', daß die Frau is e reiche, feine Russin, die aus Mitleid sich
annimmt der deutschen Weiber und Kinder ... Aber es is gewesen ze spät
... Es sind gekommen zwei Kerle, die haben verhaftet die Frau und haben
se fortgeführt ...«
»Wohin --?«
»Zum -- Pristaw, Herr ...«
Der alte Nathan Löb sprach das Wort nur zögernd aus. Kyrill Petulikow
starrte ihn an.
»Du weißt noch mehr ...?«
»Ja, Herr ... Ich bin ihr nachgegangen ... hab' gewartet am Tor -- e
halbe Stund -- dann is se wiedergekommen ... zwischen zwei Polizisten
is se gegangen ... die haben se weitergeschafft -- nach dem Gefängnis
...«
Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er machte eine schwerfällige
Bewegung zur Seite hin. Da stand ein Stuhl am Tisch. In den ließ er
sich fallen. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf
in die verschränkten Hände. Sein weiches dunkles Haar fiel über seine
Finger ...
Oben am Treppengeländer erschien die träge Gestalt von Lisa Petulikowa.
Ihr bleiches, ein wenig gedunsenes Gesicht beugte sich aus dem Dunkel
vor; sie lauschte mit offenen Lippen.
Nathan Löb wartete eine Weile. Er trat von einem Fuß auf den anderen
und zermürbte die alte Pelzmütze zwischen seinen knochigen Händen.
»Herr,« fing er schließlich wieder an, »Se haben gescholten den Dmitri,
weil er hat den Kopf verloren und is davongefahren ohne die Frau ...
Ich hab' ihn gefragt: Dmitri, alter Esel, warum bist du davongefahren
ohne die Frau, wo du hast wissen müssen, se wird kommen in Gefahr
und wo's is gewesen deine Pflicht, se zu behüten vor Schaden. Er weiß
nix, was is vorgegangen, in seinem dummen Schädel. Er is gefahren wie
besessen und hat wollen melden, was is geschehen, auf dem Gut ...
Dmitri, alter Esel, hab' ich gefragt, warum hast du nicht einfach
angerufen den Herrn? -- Hat er gesagt, er weiß nicht Bescheid mit den
neumodischen Erfindungen ... Nu, Dmitri, hab' ich gesagt, wollen wir
hoffen, daß wir kriegen frei die junge Frau -- sonst geht's um deinen
Kopf, weil der Herr wird sehr böse sein auf dich ... Aber Herr -- es
wird nicht gut, was der Dmitri hat schlecht gemacht, wenn wir sitzen
hier und legen den Kopf in die Hände ... Wir müssen etwas tun mit
unsere zwei Händ' für die junge Frau ... noch in dieser Nacht, Herr
... Sonst bringen sie se fort -- nach Moskau oder weiter ... weil es
heißt, se hat gehabt en falschen Paß und hat getrieben Spionage für die
Deutschen ...«
Kyrill Petulikow stand auf und ging im Treppenhaus hin und her, mit
tief gesenktem Kopfe, als suche er den Weg zur Rettung in den weißen,
knirschenden Sandkörnern unter seinen Füßen.
Lisa Petulikowa schlich die Treppe hinab bis zu der Biegung, wo das
Heiligenbild hing.
»Was sagt der Jude?« murmelte sie mit ihrem kurzen Atem.
Kyrill Petulikow blieb stehen. Er sah seine Mutter an, gab aber keine
Antwort. Nathan Löb bückte sich bis zur Erde. Er zog sich nach der Tür
zurück.
»Nun, Kyrill ...«
»Sie ist verhaftet worden,« sagte Kyrill Petulikow.
»Verhaftet -- wer ...«
»Sie -- Kate Mathew ...«
»Kate Mathew --? Warum, um der Heiligen willen --?!«
Kyrill Petulikow sah seiner Mutter in das bleiche, schlaffe, ein wenig
gedunsene Gesicht. Vielleicht kam ihm für einen Augenblick der Gedanke,
sich mit allem, was er fühlte, mit allem, was nun zu einer Tat werden
mußte, der Frau anzuvertrauen, die seine Mutter war. Und vielleicht
hätte Lisa Petulikowa, die trotz ihrer Trägheit und Eigensucht gutmütig
und leicht zu rühren war, die Probe bestanden. Aber Kyrill Petulikow
wagte die Probe nicht. Es stand zuviel auf dem Spiele, um es von der
Laune einer kranken Frau abhängig zu machen. Und Kyrill Petulikow wußte
auch, daß Frauen nicht immer gerecht sind, wenn es sich um eine Frau
handelt.
»Mach dich fertig, Mutter,« sagte er mit einem plötzlichen Entschluß,
»du mußt noch in dieser Nacht zur Stadt und weiter -- mit dem nächsten
Zug, der nach Moskau fährt ...«
»Warum?«
»Du bist hier nicht sicher genug ... Es ist -- es ist etwas
vorgefallen, das mich fürchten läßt, man werde uns auch hier auf
dem Gute belästigen ... Kate Mathew ist als Ausländerin erkannt und
festgehalten worden ... Ich wünsche nicht, daß du in die Angelegenheit
verwickelt wirst ... In Moskau, bei deiner Schwester, bist du davor
sicher ... Du hast eine Schlittenfahrt vor dir, die ein wenig
beschwerlich sein wird -- und dann eine Reise -- nun ja ... aber das
ist das kleinere Übel -- nicht wahr? Es wird mich beruhigen, wenn du in
Sicherheit bist.«
»Und du -- was willst du tun?«
»Ich komme dir nach, sobald ich kann.«
»Und Kate Mathew?«
Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Ich werde den englischen Konsul
benachrichtigen -- mehr kann ich für sie nicht tun ... Es wird sich
alles aufklären ...«
Lisa Petulikowa sagte nichts mehr. Sie stieg die Treppe wieder hinauf
und rief nach ihrer Jungfer.
Nathan Löb machte ein schlaues und sehr zufriedenes Gesicht.
Kyrill Petulikow stand einen Augenblick, die Hand vor der Stirn; und
sah ins Leere. Dann schien er mit sich im klaren zu sein. Das machte
ihn still und gab ihm seine Sanftheit wieder.
»Du wirst mit uns fahren,« sagte er zu dem Juden. »Und du wirst mir
helfen, nicht wahr? -- Weil die fremde Frau freundlich zu dir und
deiner Frau und deiner kranken Tochter gewesen ist ...«
»Herr, wenn ich nicht helfen wollte mit allem, was der alte Nathan Löb
vermag -- wär' ich dann hergekommen?«
»Es ist gut,« sagte Kyrill Petulikow mit einem flüchtigen Lächeln. »Sag
dem Dmitri, er soll die Pferde einspannen ... Sie werden müde sein;
aber das hilft nichts. Wir werden sie wechseln und ihre Hälse in acht
nehmen ... Nun geh ...«
Nathan Löb zog sich die Pelzmütze über die Ohren und ging. Er mußte
wacker schreien, bevor er den schnarchenden Dmitri wach bekam. Der
kratzte sich den Pferdemist, in dem er gelegen hatte, aus den Haaren
und machte sich wortlos daran, den Befehl seines Herrn auszuführen.
Hätte er ein besseres Gewissen gehabt, so würde er sich wahrscheinlich
geweigert haben, die Pferde noch einmal in die Nacht hinauszujagen.
So aber schwieg er. Nathan Löb schleppte alles Stroh, dessen er
habhaft werden konnte, zusammen und polsterte den Karren damit aus. Er
wünschte, daß Lisa Petulikowa möglichst wenig Grund zu Klagen haben
sollte, denn er hoffte, dann würde sie auch wenig fragen.
Kyrill Iwanowitsch nahm alles Geld, das er im Hause hatte, legte einen
Teil für Lisa Petulikowa beiseite und steckte das übrige zu sich. Er
wußte, er würde es brauchen. Obgleich er sich beeilte, das Notwendige
erwog und tat und nichts vergaß, war über seinem Gang und seinen
Händen etwas von dem Wesenlosen einer Maschine. Er war wie ein Mensch,
der weiß, daß er wach ist, und hofft, daß er träumt -- er überlegte
jeden Schritt der nächsten zehn Stunden mit dem heimlichen Gedanken:
Vielleicht habe ich ihn nicht nötig. Und sein Verstand sprach über
diese Gedanken fort: Dies und noch viel mehr ...
Zuletzt ging er in das Zimmer, das Kate Mathew bewohnt hatte. Er nahm
alles, was er an beschriebenen Papieren fand, ihr Ausgabenbuch, den
kleinen Kalender, auf dem sie sich Notizen gemacht hatte -- selbst
das Löschpapier ihrer Schreibmappe. Er machte ein Bündel daraus, das
er verschnürte und versiegelte und mit sich nahm. Als er an der Türe
stand, sah er sich noch einmal in dem weiten und niedrigen Raume um,
neigte sich, als stünde er vor Lebendigem, löschte das Licht und schloß
die Türe hinter sich.
Er ging die Treppe hinunter und rief nach Lisa Petulikowa. Es war nicht
mehr weit von Mitternacht, aber niemand vom Gesinde hatte sich schlafen
gelegt. Die Mädchen drängten sich im Winkel der Treppe zusammen.
Sie fürchteten sich und schienen darauf zu warten, daß jemand sie
beruhigte. Aber keiner dachte daran. Die Älteste betete ununterbrochen,
ohne zu wissen, was sie sagte. Als Lisa Petulikowa aus ihrem Zimmer
trat und, fast unkenntlich in ihren Pelzen, mit Augen, die von der
Überstürzung aufgerissen und blöde zugleich erschienen, die Stufen
herunterkam, brachen die Mädchen grundlos und dennoch einmütig in ein
jämmerliches Geheul aus.
»Ja, ja, meine Kinder,« stammelte Lisa Petulikowa, mehr erschreckt als
gerührt, mit einem Blick auf ihren Sohn, der schon wartend an der Türe
stand, »ja -- weint nicht ... Warum weint ihr? Ich fahre nach Moskau
... was weiter? Seid nicht närrisch, meine Kinder ...«
Aber nun fand sie selbst, daß sie bejammernswert sei, und weinte
heftig. Die Gebete der ältesten Dienerin wurden fast zu Beschwörungen.
Die Grundlosigkeit und Heftigkeit dieses Jammers gab dem Abschied Lisa
Petulikowas ein Gewicht, als sei er nur die Vorbereitung zu wahrhaftem
Unheil, das gewiß kommen würde. Nur Wassilissa, die Jungfer, hatte
blanke, freche Augen. Sie freute sich auf Moskau, das bei Gott ein
lustigerer Aufenthalt war als dieser Kuhstall zwischen Feldern und Wald.
Sie war die einzige, die mit leichtem Herzen in die Nacht hineinsah.
An den Köpfen der Pferde stand Dmitri und schien bereit, vor seinem
Herrn abermals auf die Knie zu fallen.
»Laß, laß --!« sagte Kyrill Petulikow. »Höre, was ich dir sage,
Dmitri ... Es ist sehr ernst und wichtig, und du wirst gut aufpassen,
verstehst du ...«
»Ich will ewig verflucht sein, Herr ...«
»Laß das -- höre! Du wirst wach bleiben während der ganzen Nacht. Du
wirst an der Türe sitzen und warten, ob ich wiederkomme. Und wenn du
mich rufen hörst, öffnest du die Türe und wirst tun, was ich dir sagen
werde, ohne dich einen Atem lang zu besinnen ... Wenn aber nach mir --
noch in dieser Nacht oder morgen früh -- ein Mensch kommt und fragt
dich nach dem, was in dieser Nacht geschehen ist, so hast du geschlafen
und weder gehört noch gesehen, was vorgefallen ist. Du wirst sagen,
Lisa Petulikowa und ich seien fortgereist, doch du wüßtest nicht wohin
und noch weniger, wann wir wiederkämen ... Hast du mich verstanden?«
»Ja, Herr.«
Drei Minuten später fuhren sie davon. Lisa Petulikowa, ihr Sohn und der
Jude. Kyrill hörte noch, wie Dmitri die Haustür schloß und die Riegel
vorschob. Er wußte, daß das Haus in Flammen aufgehen konnte, aber
Dmitri würde auch dann seinen Posten nicht verlassen.
Wassilissa, die zu den Füßen ihrer Herrin im Stroh kauerte, schlief ...
Kyrill Petulikow spürte den Wind in seinem Gesicht. Er kam von Westen
und roch nach Schnee.
Kyrill Petulikow dachte an die Frau, um derentwillen er diese Fahrt
unternahm.
»Sie wird wissen, daß ich alles für sie tun werde, was ein Mensch tun
kann,« ging es ihm durch den Kopf. »Darum wird sie mutig sein und
warten ...«
Der Gedanke machte ihn ruhig. Aber er irrte sich. Beate Hoyermann
wartete nicht auf ihn ... Und sie war auch nicht mutig.
Sie war es gewesen; ja. Sie hatte sich bei dem ersten Verhör, dem man
sie unterzog, ganz aufrecht gehalten bis zum letzten Augenblick. Auch
als sie merkte, daß sie verloren war. Auch als sie das sicher wußte.
Sie hatte sich von den Polizisten fortführen lassen und nicht den
geringsten Widerstand geleistet, als der eine ihr die Faust zwischen
die Schultern stieß: »Vorwärts, deutsches Schwein -- soll ich dir Beine
machen?«
Sie war still geblieben, als man sie durch die Straßen schleppte und
das Volk, das von der Plünderung der deutschen Läden, dem Feuer und
ihrer Beute, von dem Rausch der Nacht und Grausamkeit noch trunken war,
auf sie aufmerksam wurde, ihr nachzulaufen begann und seine Wut und
seine Freude johlend über sie ergoß.
Es war nicht bei Worten geblieben, freilich, nein ... Sie hatten wissen
wollen, warum man die Frau ins Gefängnis führte. Nikolai Sontscheff
hatte sein Licht leuchten lassen. Noch etwas zerkratzt von seinem
Kampf mit dem stärkeren Gegner, stieg er auf den Vorsprung eines
Kellerfensters, schwang die Arme durch die Luft und brüllte ...
»Das, teure Freunde, war eine deutsche Bestie, die das heilige Rußland
an seine Feinde verriet. Eine Spionin, Herzensbrüder --! Die Geliebte
eines Großfürsten, die in einer Nacht das Einkommen von zwei Ministern
verspielte -- eine von denen, die schuld daran waren, daß das Volk
hungerte --! Hört ihr wohl, sie hat Papiere gestohlen! Festungspläne
hat sie gestohlen und an die Deutschen ausgeliefert --! Sie hat sich
eingeschlichen und Rußlands Gastfreundschaft mißbraucht --! Sie hält
es mit den Juden und liefert ihnen kleine Christenkinder ans Messer
--! Betet zu allen Heiligen, daß man sie aufhängt an einem doppelten
Strick, der ganz gewiß nicht reißt --! Hängen soll sie, die Bestie!«
Nikolai Sontscheff war so betrunken, daß er sich zwischen jedem Satz
seiner geifernden Wut erbrach. Schließlich verlor er das Gleichgewicht
auf seinem erhöhten Standpunkt, stolperte und fiel vornüber. Niemand
kümmerte sich um ihn. Er blieb im Schnee und Schlamm liegen und
schluchzte in herzzerreißendem Mitleid mit sich selbst. Endlich
schlief er ein. Einer seiner guten Bekannten hatte nur auf diesen
Augenblick gewartet, um sich in voller Ruhe über ihn herzumachen und
ihm die Taschen auszuleeren. Er hatte ein gutes Ergebnis, denn Nikolai
Sontscheff war bei der Plünderung eifrig tätig gewesen ...
Kein Mensch hatte ein Wort von dem geglaubt, was der Betrunkene über
die verhaftete Frau an Unflätigkeiten ausgeschüttet hatte. Aber seine
Rede war doch ein willkommener Anlaß gewesen, schmutzige Klumpen harten
Schnees von der Straße aufzuraffen und sie der Frau, die einen Pelz
und einen Schleier trug, an den Kopf zu werfen. Die Polizisten, die
sie führten, ließen das Volk gewähren, bis ein ungeschickt gezieltes
Wurfgeschoß dem einen die Mütze vom Schädel schlug. Mit einem Fluch
wandte sich der Getroffene gegen die Nachdrängenden; -- sie wichen
zurück. Sie begnügten sich damit, der Verhafteten das Geleite zu geben,
bis das Gefängnistor sich hinter ihr schloß.
Mit einer wunderlichen krampfartigen Neugier hatte Beate ihre
Umgebung betrachtet. Das Grausen, das sie aus hundert russischen
Schilderungen zorniger oder entsagender Dichter von den Gefängnissen
des Zarenreiches in sich hinein gelesen, stellte sich noch nicht ein.
Sie war sich noch nicht klar geworden, in welcher Lage sie sich befand.
Noch schien alles ein Scherz zu sein -- ein schlechter und roher Scherz
vielleicht ... Aber kein Ernst -- o nein ... Sie würde eine Nacht
hier zubringen müssen; man würde sie abermals verhören und sich davon
überzeugen, daß sie wahrhaftig keine Spionin sei -- und dann würde man
sie wegschicken ... Ob Dmitri freilich so lange warten würde --?
Armer Bursche ...
Sie hatte noch Zeit, an ihn zu denken, fast mit einem Lächeln. Aber
nicht lange mehr.
Man brachte sie in ein Zimmer, das von der Hitze zu bersten schien. An
dem Tisch in der Mitte, unter einer blakenden Petroleumlampe, saßen ein
paar Kerle, die Schnaps auswürfelten. Beim Eintreten Beatens wandten
sie nur die Köpfe, ohne sich unterbrechen zu lassen.
Einer der Polizisten wollte Bericht erstatten; aber der älteste der
Kerle fuhr ihm entgegen.
»Schweig, Hundesohn --! Hat dir einer zu reden erlaubt?«
Die Polizisten zogen sich nach der Tür zurück. Beate blieb mitten
in dem freien Raum zwischen Tür und Tisch stehen. Noch war kein
eigentlicher Schrecken in ihrem stillen Gesicht. Sie wandte den Kopf
mit einer langsamen und zaghaften Bewegung, wie manchmal Tiere sie
haben, die lange im Dunkeln waren und jäh ins Lichte gebracht werden.
Sie war sehr müde, und die stinkende Hitze des niedrigen Zimmers legte
sich ihr wie ein schnürendes Band um die Stirn.
»Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Herren,« sagte sie, und ihre Stimme
klang in der großen Erschöpfung so hoch wie die eines Kindes und ganz
verschleiert, »würden Sie mir gestatten, daß ich mich setze?«
Keiner der Männer gab eine Antwort.
Was den Schmähungen und Mißhandlungen des Pöbels nicht gelungen war,
das gelang der gleichgültigen Unfreundlichkeit. Beate fühlte, daß es
nicht mehr lange dauern konnte, dann würden ihre Nerven nachgeben und
sie selbst in Tränen ausbrechen. Sie senkte den Kopf und biß sich auf
die Lippen. Sie dachte an ihren Mann. »Wenn du da wärst!« -- und:
»Gut, daß du mich so nicht siehst ...« Der Jammer ihrer Verlassenheit
würgte sie in körperlichem Schmerz an der Kehle. Sie legte die Hände
ineinander, als wollte sie sich an sich selbst festhalten.
Endlich, nach mehr als einer halben Stunde, waren die Kerle mit ihrem
Spiel zu Ende, warfen die Karten zusammen und rückten die Stühle vom
Tisch. Der eine, der Beate gerade gegenübersaß, stand auf und trat auf
sie zu.
»Hast du Geld?« fragte er.
»Ja,« antwortete sie.
»Gib es her.«
Sie öffnete ihre kleine Tasche und nahm alles Geld heraus, das sie
besaß. Es waren vielleicht achtzig Rubel.
Der Russe zählte die Summe, blies über die Lippen und steckte das Geld
ein.
»Das ist nicht genug,« sagte er. Seine Kameraden lachten dröhnend.
Beate blickte von einem zum anderen. Sie verstand nichts.
»Ich habe nicht mehr,« meinte sie sanft.
»Du hast ~wohl~ mehr ...«
»Nein ...«
Der Mann ging auf eine Tür im Hintergrund des Zimmers zu, stieß sie auf
und brüllte: »Nastaßja --!«
Ein Frauenzimmer erschien, bei deren Anblick Beate unwillkürlich fror.
Sie hatte anscheinend geschlafen; das Haar hing ihr in die Augen. Sie
keuchte, denn sie war unförmlich dick. Auf der linken Seite ihres roten
Gesichts war ein blauunterlaufenes Mal, das sehr vermutlich von einer
Schlägerei herrührte. Wenn dem so war, so hatte ihr Gegner den Hieb
zu bereuen gehabt, denn es war durchaus unwahrscheinlich, daß dieses
Weib in einem Zweikampf unterliegen konnte, den sie nicht mit einem
Ringkämpfer von Beruf unternahm.
»Nastaßja, meine Taube,« sagte der Mann, der sie gerufen hatte,
»verzeih, daß ich deinen Schlummer störte, aber es gibt zu tun. Nimm
das Weib in deine Obhut und sieh nach, ob sie wirklich nicht mehr als
die paar Rubelchen in der Tasche hat, wie sie behauptet ... Aber sieh
gut nach, hörst du?«
Das Weib sah Beate an; sie fuhr sich mit der Zunge über die dicken
Lippen.
»Komm her,« sagte sie.
Beate folgte ihr. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihre Kräfte noch zu
ganz anderen Dingen brauchen würde, und wollte sie nicht verschwenden
in zwecklosem Widerstand. Die Türe schloß sich hinter ihr und der Frau.
»Gib dein Geld her,« sagte das Weib.
»Ich habe nichts mehr, Mütterchen,« antwortete Beate. Ihre Stimme rief.
Das Weib sah sie an. Sie murrte etwas und zog die Augen zusammen. Beate
rang mit der fürchterlichen Übelkeit, die der Dunst des Zimmers, in dem
sie sich befand, in ihr erweckte.
»Es nützt nichts, wenn du lügst,« sagte das Weib. »Ich werde dich
durchsuchen, und das sehr genau. Waska läßt nicht mit sich spaßen,
wahrhaftig ...«
Und sie griff nach dem Mantel ihrer Gefangenen.
Das Entsetzen, das Beate durchfuhr, als sie die rohen Hände an ihrem
Leibe fühlte, machte sie schlau.
»Mütterchen,« sagte sie und bückte sich, um im Nebenzimmer nicht gehört
zu werden, »ich schwöre dir, ich habe kein Geld bei mir ... Ich habe
alles dem Manne gegeben, den du Waska nennst. Ich habe nicht eine
Kopeke mehr in meiner Tasche noch sonst Geld versteckt oder eingenäht
... Aber ich habe ein wenig Schmuck ... nicht viel -- doch immer noch
mehr an Wert als die Rubel, die Waska bekommen hat. Wenn du mich
nicht durchsuchen willst, so will ich ihn dir schenken -- dir allein.
Waska braucht nichts davon zu erfahren, verstehst du ... Wenn du mich
durchsuchst, wirst du den Schmuck auch bekommen, aber ich werde dann
Waska sagen, daß du ihn hast, und dann wirst du teilen oder ihn ganz
hergeben müssen ... Nun, was willst du tun?«
Das Weib drückte die Lider zusammen und verzog den Mund.
»Gib her,« sagte sie unterdrückt.
»Wache an der Tür,« flüsterte Beate.
Das Weib gehorchte. Die Gier hatte sie gepackt.
Beate nahm ihren Trauring und schob ihn mit einer krampfhaften Bewegung
tief in ihr dichtes Haar. Dann zog sie ihre anderen Ringe ab, löste
ihre Schmucknadel und die feine goldene Kette vom Halse, legte die Uhr
auf den Tisch und streckte die nackten Hände vor sich hin.
»Ich bin fertig,« sagte sie, tief atemholend.
Das Weib überschaute ihre Beute, raffte sie mit der Schnelligkeit der
Diebin zusammen und schob sie in das Stroh ihres Bettes.
Sie stieß die Türe auf und sagte verdrossen: »Sie hat nichts, die
Hündin ...«
Beate lehnte sich einen Augenblick gegen den Türpfosten; dann ging sie
weiter und stand vor den Männern still.
»Schafft sie weg,« befahl Waska mit einem Fluch. Die Polizisten nahmen
Beate in die Mitte; sie verließen das Zimmer und schritten durch Gänge
und Gänge über Treppen und winzige Höfe, Luftschächten gleich, in ein
abseits liegendes Gebäude hinein. Es hatte Fenster so groß wie zwei
Hände, und sie waren vergittert.
»Was ist das?« flüsterte Beate mit einem versagenden Laut.
»Wart's ab,« sagte der eine ihrer Wächter. »Du wirst es noch zeitig
genug erfahren.«
Er donnerte mit dem Absatz an eine Tür.
»He --! Schläfst du, Lumpenkerl? Mach auf, es gibt etwas Neues!«
Die Türe ging auf. Ein Licht flackerte in einem schmalen und
schmutzigen Gang. Ein Mann stand auf der Schwelle. Er trug Uniform
und Mütze. Hinter ihm an der Wand lehnte sein Gewehr. Er war sehr
verschlafen.
»O zum Teufel, Bruder, warum kommst du mitten in der Nacht? Es wäre
besser gewesen, du hättest das Frauenzimmer laufen lassen, anstatt mir
Scherereien und Arbeit zu machen ...«
»Halt's Maul, Freund, und mach deine beste Kammer auf. 's ist eine
Spionin, die wir bringen ... eine deutsche Bestie, verstehst du? Gib
acht, daß sie nicht entwischt, sonst gebe ich keine Kopeke für deinen
Hals, Brüderchen ...«
»Wie soll sie entwischen?« brummte der Gefängniswärter. »Aus diesem
Hause entwischt keine Ratte, sei gewiß, Brüderchen ... Ich passe auf
... Ich werde mir ein Liedchen singen, um munter zu bleiben ... Nun,
vorwärts, deutsches Vieh -- kriech in deinen Stall -- pascholl!«
Beate taumelte vorwärts -- in ein dunkles Loch hinein, das völlig leer
zu sein schien bis auf ein wenig Stroh, das sie unter den Füßen fühlte.
Unwillkürlich blieb sie regungslos stehen, als sich die Türe hinter
ihr geschlossen hatte und die Stimmen ihrer Wächter nur noch gedämpft
zu ihr hereindrangen. Sie hatte so viele Schrecknisse durchgemacht an
diesem Tage und in dieser Nacht, daß sie vor jedem Schritt bebte, den
sie zu gehen gezwungen war. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn in
der Mitte dieser Gefängniszelle ein Loch gewesen wäre, in das man sie
stürzen lassen wollte, um sie loszusein und nichts von ihrem Verbleib
zu wissen.
Minutenlang stand sie so, die gespreizten Hände ein wenig von sich
abhaltend. Sie hatte Angst -- eine wahnsinnige Angst, deren sie nicht
Herr werden konnte. Die Dunkelheit des Lochs, in dem sie steckte, und
die todestraurige Bleichheit der Nacht, die durch das Fenster hoch über
ihrem Kopfe schimmerte und nur dazu gemacht schien, die Dunkelheit
noch trostloser zu gestalten -- die Stille, die fast einen Körper
gewann und zu wachsen schien, je länger sie währte, die sich auf sie
heranwälzte und unendlich langsam und unendlich sicher ihr die Luft zum
Atmen abschnürte -- der Gestank, der in dem Gefängnisloch herrschte und
förmlich in Wolken zu ihr aufstieg ... alles das vereinigte sich zu
einem Schrecknis, dem ihre höchstgespannte Kraft zu erliegen drohte.
Sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Über ihre Lippen kam ein
wimmernder Laut, vor dem sie selbst erschrak. Sie bedeckte sich den
Mund mit ihren Händen und stand ganz still, mit vorgebeugtem Kopfe.
Hinter ihrer Türe rührte sich etwas -- ein Schritt ... Der Wächter ...
Er summte vor sich hin.
Jetzt hörte sie, wie er sein Gewehr aufnahm und die Patronenkammer
füllte ...
Es war also Ernst -- vollkommener Ernst ...
Gott -- großer Gott im Himmel ... Das war ja Wahnsinn ... sie hatte ja
nichts getan, das auch nur im entferntesten den Verdacht gerechtfertigt
hätte, um dessentwillen sie hier war. Warum hatte sie sich nicht
gewehrt? Warum hatte sie nicht zu entkommen versucht -- warum war sie
mitgegangen wie ein Stück Schlachtvieh --?
Es konnte noch nicht zu spät sein! Sie mußte doch mit irgendeinem
Menschen reden können, den sie aufklären konnte ... Man konnte sie
doch nicht ins Gefängnis werfen, ohne sie verurteilt zu haben -- und
verurteilen konnte man sie nicht, denn sie war ja nicht schuldig ...
Sie hörte vor ihrer Türe das gleichmäßige und gelassene Auf und Ab des
Postenschrittes; der Mann summte noch immer vor sich hin. Er hatte
eine hübsche, weiche russische Stimme und sang ein kleines Volkslied;
Beate kannte die Worte gut. Aber sie entsetzte sich vor ihnen in dieser
Umgebung ...
Unwillkürlich wich sie von der Türe zurück und tastete mit der
vorgestreckten Hand an der Mauer hin, ob sie vielleicht auf eine Bank
stoßen würde, um einmal für Sekunden auszuruhen ...
Plötzlich zuckte ihre Hand zurück.
Es war etwas über ihre Finger gelaufen ... Eine Spinne? ... Sie
schleuderte das Unsichtbare von den Fingern ... Aber es war noch da
... Es kroch nicht, nein, es rieselte gleichsam über ihre Haut ...
Sie streifte mit der rechten Hand über ihre linke ... Sie fühlte ...
das war keine Spinne, das war überhaupt nicht ein Tier -- das war eine
Heerschar von gleitenden, behenden und unentwegten Geschöpfen ... Sie
spürte das rasche Rieseln an ihrem Halse; etwas brannte sie -- ein
Tropfen Gift ... Sie schlug sich mit beiden Händen nach der Kehle ...
Da kam ihr ein Geruch in die Nase ...
Und im gleichen Augenblick schrie sie auf, gellend, kreischend, wie von
allen Teufeln der Hölle gepackt -- schlug mit Armen und Händen um sich
und schrie und fühlte, wie unter ihren Kleidern, an ihren Haaren, in
ihrem Gesicht -- bis in ihre Augen hinein das Brennen, Rinnen -- der
höllische Gestank von ihr Besitz ergriff ...
Wanzen ...
Und da war der Mut der Beate Hoyermann zu Ende. Sie fiel auf die Knie
in den Kot des faulenden Strohs, das auf dem Boden der Zelle verstreut
lag, und schlug mit beiden Fäusten gegen die Türe ihres Gefängnisses.
Sie schrie nicht mehr mit offenem Munde, denn die Wanzen waren ihr
über die Lippen gekrochen, und sie hatte sie auf der Zunge gespürt.
Sie schrie mit geschlossenen Zähnen wie ein gefangenes Raubtier, dem
man die Zähne verschnürt hat -- schrie, daß ihr das Blut aus der Nase
sprang -- schlug sich die Fäuste wund an der summenden Türe.
Aber der Wächter hörte sie nicht, denn er wollte sie nicht hören ... O,
er kannte das -- so schrien die meisten, die man dort hineinbrachte in
die hübschen kleinen Zellen des Gefängnisses. So donnerten die meisten
mit den Fäusten gegen die Tür; aber die Türen waren verläßlich, die
hielten fest, auch wenn die Aufgeregtesten statt der Fäuste die Absätze
nahmen. Wenn sie heiser wurden, hörten sie schon auf zu schreien, und
wenn sie sich müde getobt hatten, dann ließen sie auch die Türen in
Ruh. In der zweiten Nacht pflegten sie bereits viel vernünftiger zu
sein. Man mußte ein wenig Geduld mit ihnen haben ...
Der Wächter summte sanftmütig weiter ...
Aber bei Gott, die deutsche Bestie trieb es arg ... Er mußte sie doch
wohl ein wenig zum Schweigen bringen, sonst brachte sie das ganze Haus
in Aufruhr ...
»Willst du still sein, du --?!«
Er stieß den Gewehrkolben gegen die Zellentür, daß sie dröhnte. Aber
die da drin war nicht still, sie rüttelte mit aller Kraft an den Bohlen
und röchelte dazwischen -- als spräche sie mit geschlossenen Zähnen, so
sonderbar klang's --: »Mach auf --! Mach auf --!«
»He, mein Täubchen, das werde ich bleiben lassen ... Es steht eine
strenge Strafe darauf, wenn man sich mit den Gefangenen einläßt -- und
du scheinst mir eine ganz Gefährliche zu sein, Ljuba, meine Liebe ...
Geduld, Geduld -- auch diese Nacht geht vorbei ... Morgen wird man
sehen, was mit dir geschehen muß ...«
Beate konnte ihre Hände nicht mehr rühren. Sie konnte auch nicht
mehr rufen, nicht einmal mehr röcheln. Sie lag vor der Schwelle der
unerbittlichen Türe und brannte am ganzen Leibe in einem fressenden
Feuer des Ekels -- in einem Entsetzen, das keine Worte und fast keine
Gedanken mehr hatte. Sie fuhr sich mit den Händen, an denen die Wanzen
in Trauben hingen, nach dem Gesicht und streifte sich das beißende
stinkende Gezücht von der Stirn, von den Wangen, von der Kehle -- sie
fühlte sich mit Blasen bedeckt wie mit Brandwunden, und ihr Bewußtsein
ging unter in einer so grenzenlosen Verzweiflung, daß sie zu fühlen
glaubte, wie ihr Verstand sich zerrüttete. Dann schlug sie mit der
Stirn gegen die Türe ... Nur ein Ende machen ... ein Ende machen ...
ganz gleich, welches -- nur ein Ende ...
Als sie mit voller Wucht, in der irrsinnigen Hoffnung, sich den Schädel
einzuschlagen, den Kopf gegen die Türe hämmerte, fiel ihr Trauring aus
ihrem Haar und mattklingend vor ihr auf den Boden.
Mein Gott, mein Gott, den hatte sie vergessen ...
Nun suchte sie ihn und fand ihn, hob ihn mit einem jämmerlichen Wimmern
auf und rieb ihn mit einem Zipfel ihres Kleides. Sie lallte etwas, das
ganz Zärtlichkeit und Verzweiflung war, und suchte, worin sie den Ring
verbergen konnte, um ihn nicht vom Schleim des stinkenden Ungeziefers
besudeln zu lassen. Schließlich barg sie ihn in ihrem Munde.
Sie dachte an ihren Mann. Sie nannte sich seinen Namen, wie ein
Ertrinkender nach einem Seile greift. Sie kauerte sich in der Ecke
neben der Türe zusammen und fiel in einen Zustand, der zwischen
völligem Stumpfsinn und heulenden Ausbrüchen ihrer Verzweiflung hin und
her schwankte; schließlich überließ sie sich, ohne mit einem Finger
Widerstand zu leisten, den gierigen, vergiftenden, zerfressenden
Angriffen des Ungeziefers. Sie hoffte sehr, zu sterben. Sie war so ganz
ohne Kraft und Willen, daß man sie hätte abschlachten können; sie würde
sich nicht gewehrt haben ...
Der Kopf sank ihr auf die Brust ...
Und plötzlich hob sie ihn wieder.
Sie hatte etwas gehört -- nicht die Schritte des Postens -- nicht sein
Summen noch das dumpfe Aufstoßen seines Gewehrkolbens auf dem Gange.
Sie hatte eine Stimme gehört ... Die Stimme kannte sie ...
Sie richtete sich mühsam auf; die Knie gehorchten ihr nicht. Ihre
Hände, ihre Füße waren verbrannt von der Fäulnis, in der sie gelegen
hatten ...
Die Stimme vor ihrer Türe sprach mit dem Posten -- ein anderer redete
dazwischen -- das war Waska ...
»Da hast du dein Geld, Hundesohn -- scher dich zum Henker!« zischte er.
»Du wirst dich um deinen Hals bringen, Brüderchen,« murmelte der Posten
halb betrübt.
»Schuft, was geht dich mein Hals an? Kümmre dich um den deinen und mach
dich fort!«
Stille. Tritte, die sich entfernten ...
Und wieder eine Stimme: »Die Schlüssel? -- Wo hast du die Schlüssel
--?!«
»Geduld, Geduld -- ich werde doch die Schlüssel nicht vergessen haben
--! Hier hast du sie, Herr ...«
Ein Kreischen im Schloß der Zellentür; ein Spalt, der sich öffnete;
ein Lichtschein, der dünn und scheu in das Dunkel des Zellenloches
leuchtete; eine Stimme, die rief, als würde sie erwürgt: »Mascha --!«
Beate taumelte vorwärts, in den Lichtstrahl hinein; er fiel auf ihr
Gesicht.
Der Mann an der Türe, der die Lampe hielt, schrie beinahe auf: »Jesus
-- um Gottes willen!!« Und wollte nach ihr greifen. Aber sie wich vor
ihm zurück, schüttelte sich, streckte beide Arme zur Abwehr aus ...
»Rühren Sie mich nicht an! Seien Sie barmherzig -- rühren Sie mich
nicht an --«
Kyrill Petulikow warf einen Blick auf den Menschen neben sich; der
zuckte die Achseln: »Was willst du, Herr? Es ist nun einmal nicht
anders bei uns ... Die Wanzen sind mächtiger als wir ... Niemand kann
etwas gegen sie ausrichten ...«
Kyrill Petulikow stieß die Türe weit auf, daß sie zur Mauer zurückflog.
»Kommen Sie,« sagte er.
Beate taumelte an ihm vorbei, durch die Zellentür, durch die Haustür,
hinaus in den Hof, in dem der Schnee fußhoch lag. Und sie warf sich
in den Schnee und wälzte sich darin -- sprang auf und schüttelte sich
und fiel wieder im Schnee zusammen ... griff mit beiden Händen in das
lockere Weiß und wusch sich das besudelte Gesicht, tauchte die Hände,
die Arme hinein -- hob den Schnee zu ihrem Halse.
Kyrill Petulikow bückte sich zu ihr.
»Mascha, Mascha --! Wir haben keine Zeit zu verlieren --! Stehen Sie
auf --!«
Sie gehorchte. Doch als er sie beim Arm nehmen wollte, wich sie wieder
zurück.
»Das nicht!« sagte sie. »Das nicht ...«
»Wir müssen weiter, Mascha -- Jesus Christus, wir können in jeder
Minute verloren sein ...«
»Gehen Sie ... ich folge Ihnen. Aber rühren Sie mich nicht an --!«
Kyrill Petulikow wandte sich um. Waska trat ihm in den Weg. Er streckte
die Hand aus.
»Herr, mein Geld --?«
»Du wirst es bekommen, wenn wir in Sicherheit sind, nicht eine Minute
eher. Geh voran!«
Waska lächelte schlau. Er nickte und ging. Es schien ihm ein guter
Gedanke gekommen zu sein.
Kyrill Petulikow und Beate folgten ihm auf den Fersen. Sie begegneten
niemand. Es war zwischen zwei und drei Uhr morgens.
Sie kamen auf die Straße, in der das Gefängnis lag. An der nächsten
Ecke hielt ein Schlitten. Ein Mann, bis über die Ohren eingehüllt und
unkenntlich, hielt die Pferde fest. Beate stieg ein; der Mann rührte
sich nicht. Kyrill Petulikow bückte sich zu ihm und flüsterte etwas.
Der Mann nickte und setzte sich neben Beate. Er hob ihr die Pelzdecken
um Knie und Hüften. Seine Hände waren ungeschickt vor Kälte oder
Aufregung.
Kyrill Petulikow nahm die Zügel auf und setzte sich zurecht. In dem
gleichen Augenblick, da er den Pferden die Nagajka über die Rücken
jagte, richtete der Mann im Schlitten sich auf und schleuderte Waska
ein schmales Bündel vor die Füße.
»Tausend Rubel für dich, Brüderchen -- weil du ein braver Schurke bist
--!«
Waska bückte sich ... Die Pferde gingen in wildestem Galopp. Der
Schlitten bog um die Ecke -- das Gefängnis verschwand.
Und der kleine Mann im Schlitten beugte sich vor und suchte die Hände
der Frau, die mit klirrenden Zähnen neben ihm saß, und lachte ...
»Was wird sich freuen Rahelche, mein Kind, und die Rebekka, meine Frau,
daß ich ihnen bringe mitten in der Nacht so e feinen und hochgeehrten
Besuch ...!«
»Nathan Löb?« murmelte Beate. Sie war wie betäubt.
»Der alte Nathan Löb aus der Jüdengass', ja --! Und der alte Nathan Löb
hat viel erleben müssen an Schlimmem und Gutem in beinah sechzig Jahr'
... Aber ihm will scheinen: daß er hat helfen dürfen herauszuholen die
gnädige Frau aus dem Hundeloch, dem Gefängnis ... das ist doch von
seinem ganzen Leben das Beste gewesen ...«
Beate antwortete nicht. Es ging ein ganz verwirrtes Lächeln über ihr
Gesicht. Sie nahm den Ring -- ihren Trauring -- und schob ihn wieder
an seinen rechten Platz. Es ging nicht so leicht. Ihre Finger waren
gequollen und wund, mit Blasen bedeckt.
Beate holte zitternd Atem. Und dann schluchzte sie, den Kopf in die
Hände legend, ganz haltlos, im Jammer aller Erkenntnis dessen, was
hinter ihr lag ...
Der alte Nathan Löb schüttelte den Kopf und seufzte.
»Es is e lumpige Welt,« murmelte er und rückte an seiner Mütze, »e
Welt, als ob se wär' gemacht von e Menschen ... und der wär' gewesen
meschugge ...«
9
Rebekka und das Rahelche hatten nicht viel Zeit gehabt, sich über den
feinen Besuch zu freuen, den Nathan Löb ihnen zwischen Mitternacht und
Hahnenschrei ins Haus brachte.
Kaum eine Stunde waren sie geblieben; Beate warf ihre Kleider, ihre
Wäsche von sich, als seien sie aus den Nesseln des Märchens gewebt, und
wusch sich das Haar, um sich dann vors offene Feuer zu setzen, um es
zu trocknen. Rebekka Löb, die mit solchen Sachen gut Bescheid wußte,
nahm den Pelz der gnädigen Frau und ihre Mütze und steckte beides in
den Backofen, unter dem sie ein Höllenfeuer anschürte. Zuletzt wurden
die ausgeglühten Stücke einem Schneebad unterzogen, geklopft und
gefettet und tadellos befunden. Es bedurfte einiger Mühe, Beate, trotz
aller selbstbeobachteten Gewaltmaßregeln, von der Tadellosigkeit ihres
Eigentums zu überzeugen.
Kyrill redete ihr zu. Und er tat es mit einem so eigentümlichen
Gesicht, daß Beate schließlich dachte, er müsse seine guten Gründe
haben. Vielleicht traute er den Pelzen, die Nathan und Rebekka
eilfertig herbeischleppten, auch nicht ganz, obgleich sie in keinem
russischen Gefängnis gewesen waren. Aber es gab schließlich noch andere
Liebhaber ... hm ...
Nathan Löb hatte im Auftrag von Kyrill Petulikow mitten in der Nacht
zwei sehr gute Schlitten und sämtliche Pferde aufgekauft, die Simon
Asser, sein Freund, vorrätig hatte. Es waren zehn. Mit den Pferden und
Schlitten fuhren Nathan und sein Sohn durch die Stadt voraus, bis auf
die freie Straße, die nach dem Gute Kyrill Petulikows führte. Dort
sollten sie auf ihn und Beate warten.
Beate wand sich die noch feuchten Zöpfe um den Kopf und zog die
Pelzmütze darüber.
Von Rahelche aufs liebevollste ausstaffiert und unter den Schwüren der
Mutter, daß ihre Kleider und Pelze jetzt schöner und sauberer seien,
als sie gewesen, da sie neu waren, kleidete sie sich an und war fertig,
als Kyrill an die Türe klopfte.
»Mascha -- es ist die höchste Zeit ...«
»Ich bin bereit, Kyrill Iwanowitsch ...«
Es waren die ersten Worte, die Beate mit freier Stimme zu ihm sprach,
seit sie das Gefängnis verlassen hatte.
»Nehmen Sie gut Abschied von Rebekka und Ihrer kleinen kranken
Freundin,« sagte Kyrill Petulikow vom Schlitten herunter. »Sie sehen
sie nicht wieder ...«
Er sagte es mit einer gewissen Herbheit und Bitterkeit, die Beate nicht
entgingen -- aber sie fühlte, daß sie sich nicht gegen ihre Person
richteten.
In völliger Dunkelheit waren sie angekommen und fuhren sie weiter. Die
Stadt lag im bleiernen Schlaf, der der Trunkenheit folgt. Sie kamen an
Brandstätten vorüber, die noch rauchten. Niemand kümmerte sich darum.
Je mehr von den Judenlöchern niederbrannten, desto besser ...
Tausend Schritte hinter der Stadt hielten Nathan Löb und sein Sohn.
»Nathan, willst du dir fünfhundert Rubel verdienen?«
Der alte Jude blinzelte vergnügt.
»Nu, Herr -- warum sollt' ich sagen nein --? E gutes Geschäft is e
gutes Geschäft, und mer kann's brauchen ...«
»Dann fährst du mit deinem Sohne querab über die Felder, bis an den
Wald, der die Grenze ist zwischen meinem Gut und dem von Wladimir
Prontoff -- du kennst ihn?«
»Werd' ich ihn ~nicht~ kennen ...! Hab' gemacht oft genug gute
Geschäfte mit dem gnädigen Herrn von Prontoff ...«
»Und kennst auch den Wald -- und wirst ihn finden ...?«
»Der gnädige Herr kann sein ohne Sorge ... Wenn der alte Nathan Löb
sagt, er kennt den Wald, dann findet er ihn auch ...«
»Gut, gut ... Dorthin also fährst du ... brauchst deine Gäule nicht zu
überanstrengen ... Aber dort mußt du warten ... Vielleicht nur kurze
Zeit -- vielleicht eine Stunde -- vielleicht auch noch länger ...«
»Wird der alte Nathan Löb warten, bis der gnädige Herr kommt und
schickt ihn nach Hause.«
»Auf mich, Nathan, mußt du nicht warten,« sagte Kyrill Petulikow mit
einem leisen Lächeln. »Es könnte sonst sein, daß du den Rest deiner
Tage da am Walde zubringen müßtest. Nein ... Aber vielleicht schicke
ich dir meine Leute zu -- den Dmitri und die anderen ... Die nimmst
du in deine Schlitten und fährst mit ihnen zu Wladimir Prontoff und
sagst ihm, er möchte sie in seiner Obhut behalten, bis meine Mutter ihm
Nachricht zugehen ließe -- hast du mich verstanden?«
»Ja, Herr ...« sagte Nathan Löb etwas zögernd und sehr ernst. Er sah
Kyrill Petulikow nachdenklich an und schien nicht zufrieden zu sein mit
dem, was er gehört hatte.
»Dann leb wohl, alter, braver Freund -- und du, Jakob, laß es dir gut
gehen!«
Er drückte dem Vater und dem Sohne herzlich die Hand und reichte dem
Alten die verheißenen fünfhundert Rubel. Aber Nathan Löb nahm sie
nicht.
»Für e Spazierfahrt und e Stund', wo ich soll warten, nehm' ich kein
Geld,« sagte er. »Und das Geld will mer nicht gefallen, Herr -- nichts
für ungut ...«
»Nimm's nur -- nimm's für deine kranke Tochter.«
»Nu, Herr --«