»Ja.« Er sagte es, aber sie hörte es nicht. Sie sah es nur an der
Bewegung seiner Lippen.
Sie wollte weiterfragen, aber sie kam nicht dazu.
Der schwere und rollende Schlag eines Kanonenschusses dröhnte über das
Jagen des Schiffes hin.
Die Kranke fuhr in die Höhe und schrie auf -- schrie zu allen Heiligen
...
Kate Mathew sprang ihr zu Hilfe.
»Heilige Mutter Gottes von Kasan -- was war das --?! Warum wird
geschossen, Kyrill -- Kyrill --?!«
»Ein deutscher Kreuzer verfolgt uns,« antwortete Kyrill Petulikow und
wandte sich nach Kate Mathew um, die fast gefallen wäre.
Aber es war nur ein Augenblick gewesen. Im nächsten hatte sie sich
schon wieder in der Hand.
Und fast ohne ein Wort zu reden, zerrte sie die jammernde und
widerstrebende Frau auf die Füße, half ihr, sich anzukleiden ...
Vorwärts, vorwärts, Lisa Petulikowa -- wir haben bei Gott nicht einen
Augenblick zu verlieren ... Das war ein blinder Schuß ... der nächste
wird scharf sein ... Es ist Krieg, und ein deutscher Kreuzer verfolgt
ein englisches Schiff ...
Ja, das tat er. Er fegte hinter der »Princeß of India« drein, daß die
lohende Glut aus allen Schornsteinen breit flackernd wehte. Er hatte
seinen knappen »Halt!«-Befehl zu dem flüchtigen Schiff hinübergefunkt,
aber die »Princeß of India« ergab sich nicht; sie floh weiter, was
die Maschinen hergeben wollten, und sie jagte ihre Hilferufe in alle
Richtungen der Windrose.
Der Mann am Marconiapparat würgte seine Flüche hinunter; der Schweiß
lief ihm übers Gesicht. Er bekam keine Antwort.
Und drunten im Heizraum standen zehn, zwölf nackte Menschen vor dem
geöffneten Rachen der Hölle, die Weißglut von sich spie, und das Wasser
verdampfte auf ihren krebsroten Körpern und verzischte auf dem Boden
unter ihren Füßen und rieselte und spülte unablässig um sie, während
sie keuchend, knirschend, mit versagenden Lungen und Augen, die aus
den Höhlen quollen, Felstrümmer, Berge von Kohlen in die gefräßige Glut
schleuderten.
Das Schiff stöhnte vor Anstrengung. Das gleichmäßige Sausen der
Maschinen wurde zum Geheul. Auf eine halbe Meile rund um die »Princeß
of India« war das Meer in kochenden Gischt zerschlagen und zerpflügt.
Aber es half ihr nichts ...
Der erste Schuß grollte über die Wellen. Er war ein letzter Haltbefehl.
Er jagte die schlafenden Fahrgäste aus den Betten; halbbekleidet,
grotesk und lächerlich, mitleiderregend hasteten sie die Treppen hinauf
-- drängten sich an das Oberdeck. Männer, Weiber, Kinder taumelten
durcheinander und klammerten sich an jeden Menschen, der ihnen in den
Weg kam -- fragten, heulten, beschwerten sich ...
Der Kapitän der »Princeß of India« war ein ruhiger und kaltblütiger
Mann. Er war fest entschlossen, es aufs Äußerste ankommen zu lassen. Er
ergab sich nicht beim ersten blinden Schuß. Den Revolver in der Hand,
erteilte er seine Befehle. Die Bedienungsmannschaft der Rettungsboote
flog an ihre Plätze. Das ohrenzerreißende Rufen der Trillerpfeife
gellte ununterbrochen über Deck. Das Schiff lag noch immer im bleichen
Dunkel der ersten Morgenstunde.
Aber da kam das weiße Gleißen wieder ... Der breite Keil eines
Scheinwerfers sauste aus der Höhe und Ferne des verfolgenden Kreuzers
mit einem schwingenden Zupacken zu dem fliehenden Schiff hinüber und
hielt es in den Klauen. Ein zweiter legte sich flirrend daneben ...
Zwei Sekunden später blitzte es drüben auf -- das Gebrüll eines
Raubtiers folgte ...
Zweihundert Meter hinter dem gehetzten Schiff schlug das Geschoß
ins kochende Gischten des Kielwassers und schleuderte einen Geiser
sprühender Wassersäulen haushoch in die Luft.
Auf der »Princeß of India« brach eine Panik aus.
Die Fahrgäste taumelten durcheinander, als seien sie betrunken
vom Schrecken. Das Geschrei der Frauen und Kinder übertönte jeden
anderen Laut. In dem weißen und eiskalten Licht der Scheinwerfer, die
das fliehende Schiff nicht aus den Fängen ließen, die es förmlich
aufzusaugen schienen, waren alle Gesichter verzerrt und durch das
Fremde, Niegedachte, Nieerlebte von einer Art grausiger Neugier
gespannt.
Aller Lippen standen offen; alle raunten, murmelten, schrien etwas.
Eine Gruppe von Frauen drängte sich um den Schweizer Missionar,
der barhäuptig und ohne Rock mitten auf Deck stand und mit
unerschütterlicher Stimme und hocherhobenen Armen die kräftigsten
Psalmen Davids sprach; die Stimmen seiner Frau und seiner Töchter
schwangen sich über die seine hinweg wie ein Flug von geängstigten
Tauben.
Die englischen Frauen und Mädchen, die kein Wort von dem verstanden,
was er sprach, merkten doch, daß er ein Geistlicher war und mit dem
Schöpfer des Himmels und der Erde verhandelte; sie warfen sich neben
ihm auf die Knie, reckten die Hände in die Höhe und mischten das irre
Gestammel ihrer Angst mit seinem ruhigen und fast gewaltigen Beten.
Die schneidende Stimme des Ersten Offiziers hallte scharf und hoch über
das ganze Schiff: »Wenn der Befehl zum Verlassen des Schiffes gegeben
wird -- die Frauen zuerst in die Boote --!«
Der Chilene kam, völlig betrunken, die Treppe heraufgestolpert. Er war
kreideweiß im Gesicht.
»Die Boote sollen ins Wasser gelassen werden!« schrie er und rannte
torkelnd in die Menschen hinein. »Wo ist der Kapitän --? Die Boote
sollen ins Wasser gelassen werden --!«
»Verhalten Sie sich ruhig, Herr --!« antwortete ihm der Erste Offizier
mit einem grimmigen Ton.
Aber der Chilene bekam einen mächtigen Verbündeten. Drüben auf dem
deutschen Kreuzer blitzte es zum zweiten Male auf, und das Gebrüll
des Schusses erschütterte die gepeitschte Luft, und diesmal schlug
das Geschoß keine Schiffslänge mehr hinter der »Princeß of India«
ins Wasser. Der aufspringende Wind trieb die Tropfenschleier des
hochgeschleuderten Geisers über die Menschen hin, aus deren Mitte ein
verworrenes Geschrei aufstieg und Worte gewann und schließlich drohende
Fäuste.
»Der Dampfer soll halten --! Der Kapitän soll das Zeichen geben, daß er
halten will --! In einer Minute können wir alle in die Luft fliegen --!«
Der betrunkene Chilene war der Wortführer einer Schar, die ständig
wuchs; er erzwang sich mit den rücksichtslosen Ellbogen der Trunkenheit
und der Angst den Weg zum Kapitän.
»Herr, lassen Sie das Schiff halten!« brüllte er, und um so lauter, je
mehr ihm das Grausen vor dem Erleben dieser Nacht nach der Kehle griff.
»Wir befehlen Ihnen, daß Sie das Schiff halten lassen --!«
»Ich verbiete Ihnen, sich in meine Angelegenheiten zu mischen,« sagte
der Kapitän sehr scharf, denn er wußte recht gut, daß hinter dem
Chilenen eine brandende Mehrheit stand. Es ging um die Kommandogewalt
auf der »Princeß of India«.
»Ihre Angelegenheiten, Herr --?!« brüllte der Chilene. »Wenn wir von
dem Satan hinter uns in Grund und Boden geschossen werden, so ist
das ebensogut unsere Angelegenheit wie die Ihre --! Und wenn Sie sich
weigern -- Herr, ich sage, wenn Sie sich weigern,« wiederholte er und
schrie in der Fistel, während er dem Kapitän mit beiden Händen vor dem
Gesicht herumfuchtelte, »dann werden wir uns der Leitung des Schiffes
mit Gewalt bemächtigen --! Dann sind Sie Kapitän gewesen! Dann machen
wir selbst die Boote klar --!«
Der Kapitän der »Princeß of India« hob den Revolver in Augenhöhe.
»Den ersten, der sich untersteht, einen Schritt zu tun, den ich nicht
billige,« sagte er klingend, »schieße ich über den Haufen -- auf mein
Wort! Verhalten Sie sich ruhig, Myladies und Gentlemen! Ich habe die
Verantwortung -- das kann Ihnen genügen.«
Es trat ein Augenblick der Stille ein, in dem nichts zu hören war
als das Keuchen des fliehenden Schiffes und das Tosen des Wassers,
nichts als das Schluchzen einiger Frauen und die gehobene Stimme
des Missionars, über dem die volle Heiterkeit einer geliebten
Pflichterfüllung lag.
Das leise Jammern Jelisaweta Petulikowas war verstummt und hatte der
Stumpfheit Platz gemacht, die auf alles gefaßt ist und sich in alles
ergibt. Sie hockte auf ihren eigenen Fersen und war durch nichts zu
bewegen, aufzustehen und sich bequemer unterbringen zu lassen. Sie
hatte den Kopf mit den halbgelösten Haaren in die Arme vergraben und
zitterte unaufhörlich. Sie antwortete auf keine Frage mehr.
Neben ihr standen ihr Sohn und ihre Pflegerin. Und Kyrill Petulikow
ließ seine Augen mit einem sonderbaren Ausdruck auf der Frau ruhen,
deren Blicke nicht den Himmel, nicht das Meer, nicht die Menschen
suchten -- nur das Schiff hinter ihnen -- nur den deutschen Kreuzer.
Kate Mathew wußte es ebensogut wie der Chilene, wie die jammernden
Frauen und Kinder, wie der Kapitän und die Männer, die sich und ihre
Angehörigen mit Rettungsgürteln versahen: das war eine Fahrt auf Leben
und Tod. Und der Kreuzer fraß die Entfernung zwischen sich und dem
Engländer. Er mußte -- er würde ihn einholen ... Der nächste Schuß
würde der »Princeß of India« in den Flanken sitzen, so gewiß da drüben
deutsche Matrosen an den Geschützen standen.
Und wenn sie dann in die Rettungsboote gehen mußten -- die See
war aufgeregt wie die Menschen ... Es gab keine Gewähr gegen das
Unglück. Und der nächste Schuß aus den Kruppschen Geschützen konnte,
zu hoch gehalten, das Deck treffen, an Stelle des Schiffsrumpfes --
konnte mittenhineinschlagen in die Menschenmasse, die sich jammernd
zusammendrängte und sinnlose Schutzwände suchte.
Und doch war der Ausdruck auf dem Gesicht von Kate Mathew, das weiß und
leuchtend im vollen Schein der feindlichen Lichtströme stand, nicht
Furcht, nicht Haß, nicht Verstörtheit noch Ergebenheit ...
In ihren Augen, die sich ganz weit aufgetan hatten, in ihren Händen,
die sich falteten, in dem Sichöffnen ihrer Lippen, die nicht lächelten,
doch stets dazu bereit schienen, lag eine solche Inbrunst der Liebe,
wie Kyrill Petulikow sie noch niemals auf einem Menschengesicht gesehen
hatte.
Und darüber staunte er sehr, und seine Gedanken gingen wunderliche Wege.
Die Frau neben ihm wußte nicht, daß sie beobachtet wurde. Vielleicht
wäre es ihr in dieser Stunde auch gleichgültig gewesen. Sie sah dem
deutschen Kriegsschiff in die flammenwerfenden Augen hinein und spürte
eine närrische Sehnsucht, niederzuknien und zwischen Jauchzen und
Weinen das deutsche Schiff bei Namen zu rufen: »Du --! Du --!«
Sie liebte die Lichtkegel, die die Dunkelheit zerfraßen und das
englische Schiff in den starken Klauen hielten wie an straff
gespannten, bebenden Seilen.
Sie liebte die breite Fahne, die da drüben im Luftzug dieser rasenden
Wettfahrt knatterte und die sie nur mit den Sinnen ihrer Seele hörte
und sah; sie liebte das sprühende Feuer, das aus den drei Schloten
wehte; sie liebte die Rauchstandarte, die im Winde flog und flackte.
Sie liebte -- ja, sie liebte das Aufblitzen und Aufbrüllen der
deutschen Geschütze und würde das Geschoß lieben, das mit jeder Sekunde
hineinschlagen konnte in den Rumpf des englischen Schiffes, und wenn's
auch um den Preis ihres eigenen Unterganges wäre -- sie würde es doch
lieben ...
Denn all dies war ein Stück Heimat -- ein Stück von Deutschland, das
im Kriege stand mit der halben Welt -- etwas von allem, dem in dieser
Zeit ihre tiefste und schmerzlichste und ihre gläubigste Liebe galt --
Heimat, Volk und Vaterland ...
Und der Gedanke erfüllte sie mit einer heimlichen und grenzenlosen
Glückseligkeit: da unten, da, wo das Herz des Schiffes schlug, schlug
auch das Herz eines Menschen, der fühlte wie sie ... Auf diesem von
sinnloser Flucht gejagten Menschenboot, innerhalb dieser keuchenden,
glühenden, von Wut und Angst geschleuderten Menge, die zu Gott im
Himmel um Rettung schrie, war einer, der grimmig und herzlich lachte
-- einer, der nur darauf wartete, daß die »Princeß of India«, die
sich gutwillig nicht ergab, vom nächsten scharfen Schuß des deutschen
Kreuzers getroffen der Vernichtung in den Rachen taumelte -- und wenn
er mit hinunter müßte ... mit einem letzten Gedanken inbrünstigen
Hasses und inbrünstiger Liebe ...
»Nicht ohne mich, mein Mann,« flüsterte Beate und suchte mit ihrer
Hand, wie sie in diesen Tagen oft getan, den Pulsschlag der Maschinen,
die ein Gruß aus der brüllenden Tiefe waren; »nicht ohne mich ...«
Kyrill Petulikow sah, daß ihre Lippen sich regten; aber er verstand
nicht, was sie sagte -- er beugte sich zu ihr ... und im nächsten
Augenblick taumelten sie beide -- wie die Fichten um den Tempel der
Göttin mit den schönen Augen, als das Erdbeben sie warf.
Diesmal hatten sie gut gezielt auf dem deutschen Kreuzer ...
Das dröhnende Rollen des dritten Schusses mischte sich mit dem
kreischenden Laut, der die Flanken der »Princeß of India« zerriß -- und
mit dem aufgellenden Schrei der Menschen, die er halb zu Boden warf.
Jelisaweta Petulikowa lag auf den Knien und krallte ihre beiden
Hände in das Kleid ihrer Pflegerin; der Mund stand ihr offen und war
ganz verzerrt. Sie hatte den Blick einer Wahnsinnigen und schrie
ununterbrochen nach ihrem toten Sohne. Ihr Schreien war das eines
Kindes, das vor Schrecken verrückt geworden ist.
Beate bückte sich zu ihr und nahm den Kopf der Heulenden mit beiden
Armen an ihre Brust. Auch ihre Augen, ihre Lippen standen weit offen --
aber sie lauschte auf etwas anderes.
Mitten in dem tosenden Durcheinander von Rufen, Schluchzen, Brüllen,
Pfeifen hörte sie: die Maschinen der »Princeß of India« arbeiteten
nicht mehr im Takt.
Alle ihre Pulse waren in Verwirrung geraten. Jetzt rasten sie, und
jetzt hielten sie fast gänzlich inne -- und waren wie der Herzschlag
von einem, der mit dem Tode ringt.
Das Geschoß war in den Maschinenraum geschlagen ...
Die »Princeß of India« jagte noch immer wie von tausend Teufeln
besessen durch das zischende Wasser. Aber was sie vorwärts trieb, war
nur noch der eigene Schwung der Bewegung. Sie gehorchte der Steuerung
nicht mehr. Der ungeheure Leib des Schiffes taumelte wie betrunken.
Aus allen geöffneten Ventilen trillerte der abblasende Dampf mit einem
Zischen, das die Ohren taub machte. Das Schiff schrie, als sollten die
Sirenen platzen.
Rauch quoll aus der Tiefe ...
Der Chilene torkelte über das Deck und krallte die Finger in die Luft.
»Feuer --!« gellte seine Stimme auf. Und noch einmal: »Feuer --!«
Dann fiel er hin und schlug mit den Fäusten und Füßen um sich.
In einem Augenblick wußten es alle, daß er Recht hatte: Die »Princeß of
India« brannte in ihrer Tiefe.
Das zerreißende Jammern der Weiber, die ihre Kinder in den Armen
hielten, deckte die Stimme des Kapitäns zu, der den Befehl zum Halten
gab. Er hatte es nicht mehr nötig. Die »Princeß of India« war am Ende
ihrer Kraft. Noch ein paar hundert Meter vorwärts geschleudert ohne
Willen, lag sie treibend auf dem Wasser.
Langsam, unendlich langsam und dennoch merklich, neigte sie sich, wie
ein ungeheurer Riese, dem eine Flechse durchschnitten wurde.
Die Turbogeneratoren, die den Lichtstrom erzeugten, arbeiteten nicht
mehr. Das Schiff war in seinen Tiefen so dunkel wie die Tiefe des
Meeres. Aber die Scheinwerfer des deutschen Kreuzers badeten seinen
Untergang mit weißem, ganz enthüllendem Licht, das ohne alle Wärme
unbarmherzig war.
Das Schiff, das die deutsche Kriegsflagge trug, fegte mit der
wundervollen und federnden Kraft all seiner bedingungslos gehorchenden
Muskeln an die »Princeß of India« heran. In dem Augenblick, da das
erjagte Schiff seine Rettungsboote ins Wasser ließ, setzte auch der
Kreuzer seine sämtlichen Boote aus. Zwischen den beiden Riesen, über
die sich, das Licht der Scheinwerfer für Minuten trübend, der schwere
Qualm der Schornsteine wälzte, tanzten die schnellen und beweglichen
Geschöpfe auf den Kämmen der eingepreßten Wellen, mit ausgestreckten
Riemen, stoßbereit wie Vögel.
»Die Frauen in die Boote --!« brüllte der Kapitän.
»Die Frauen in die Boote --!« brüllten die Offiziere.
Kyrill Petulikow wollte seine Mutter aufheben. Sie sträubte sich;
sie hatte eine wahnwitzige Angst vor den gleichgültigen, langen und
greifenden Wellen, die ein Boot voller Menschen schleudern wie einen
Ball. Sie fühlte nicht, daß die »Princeß of India« sich mehr und mehr
neigte, achtete nicht auf den Rauch, der aus allen Luken dunkel quoll
-- sie fühlte nur, daß sie noch festen Boden unter den Füßen hatte, und
wollte ihn nicht verlassen.
Mit Gewalt schleppten Kyrill und Kate Mathew die Frau, die verzweifelt
um sich schlug, nach der Stelle, wo die Ausbootung vor sich ging.
Der Erste Offizier des deutschen Kreuzers schwang sich an Deck der
»Princeß of India«. Er grüßte den Kapitän.
»Ich bedaure, durch den Fluchtversuch Ihres Schiffes zu Gewaltmaßregeln
gezwungen worden zu sein,« sagte er. »Ich habe jedoch nicht viel Zeit.
Jeden Augenblick können englische Kreuzer auftauchen. Bitte, beeilen
Sie sich. In fünf Minuten muß das Schiff verlassen sein; wir sind im
Krieg.«
Der Kapitän grüßte. Mit der Uhr in der Hand verfolgte der deutsche
Offizier das Fortschreiten der Rettungsarbeit.
Es waren hauptsächlich Frauen an Bord der »Princeß of India« gewesen.
Sie hatten den Kopf verloren und wehrten sich teils verzweifelt
gegen die Hände, die sich nach ihnen ausstreckten, teils sprangen
sie blindlings über Bord, ins Wasser, das über ihnen zusammenschlug
-- in die schon gefüllten Boote hinein, denen, die sich darin
zusammendrängten, daß die Bemannung die Riemen nicht mehr rühren
konnte, auf die Köpfe.
Die Frau und die Töchter des Schweizer Missionars befanden sich im
zweiten Boot und streckten unter jammerndem Schreien die Arme nach dem
Mann und Vater aus, der noch auf Deck des Schiffes stand und unentwegt
seine starken und fast freudigen Gebete in das Toben der Verwirrung
schickte.
Die beiden Töchter von Sir Hugh Trelawney hielten sich eng umschlungen
und warteten, totenblaß und entschlossen, bis die Reihe an sie kommen
würde. Sie schienen sehr geneigt zu sein, dem deutschen Kreuzer die
Vernichtung der »Princeß of India« zu vergeben, weil er seine Sache
sportsmäßig tadellos gemacht hatte. Dafür besaßen sie Verständnis.
»Drei Minuten,« sagte der deutsche Offizier laut.
Der Chilene, den angesichts der doppelten Gefahr von Wasser und
Feuer die Seekrankheit mit allen Krallen gepackt hatte, stieß einen
gurgelnden Schrei aus und arbeitete sich mit wütenden Ellbogenstößen
eine Gasse durch die Frauen, die ihm vorgezogen wurden.
Der Kapitän der »Princeß of India« nahm ihn beim Kragen und schüttelte
ihn wie einen nassen Hund ... »Feigling, infamer --!«
Aber die Angst um sein Leben gab dem Betrunkenen doppelte Kräfte. Er
riß sich los und sprang über die Reling, schlug mit flachem Körper auf
den Rand eines Bootes auf, das eben abstoßen wollte, und glitt ins
Wasser. Von der nächsten Welle zurückgetrieben, stieß das Boot mit
voller Wucht gegen den Körper des Schiffes -- gerade in dem Augenblick,
als der Chilene wieder auftauchte. Er stieß einen grauenvollen Schrei
aus, den niemand hörte, denn die heranrollende Welle spülte über
seinen aufgerissenen Mund ... Ein Matrose bückte sich, um nach dem
Versinkenden zu greifen; aber der ging unter wie ein Sack.
Kyrill Petulikow trug seine Mutter die Treppe hinab; irgend jemand nahm
sie ihm aus den Armen; sie wehrte sich nicht mehr. Sie war ohnmächtig
geworden.
»Miß Kate!« schrie der Russe und sah sich nach allen Seiten um. »Miß
Kate --!«
Kate Mathew antwortete ihm nicht.
Sie wollte das Schiff nicht verlassen, ehe sie nicht mit eigenen Augen
gesehen hatte, daß auch die Heizer alle es verließen. Sie verkroch sich
in einen dunklen Winkel und preßte die Zähne in ihre Hand.
»Nicht ohne dich, Gerd ... nicht ohne dich ...«
Sie hörte das Rufen Kyrill Petulikows, aber sie drückte sich nur noch
tiefer in ihr Versteck ...
»Nicht ohne dich ... nicht ohne dich ...«
Es waren keine Frauen mehr an Bord -- nur sie allein. Die männlichen
Fahrgäste verließen das Schiff, das Personal, die Offiziere -- und die
Heizer. Aber der, den sie suchte, war nicht dabei.
Von den Heizern waren drei oder vier verwundet ... Einen mußten sie
ins Boot hinuntertragen. Sein nackter Oberkörper war mit einem Tuch
verhüllt, das dunkle Flecken zeigte.
Kyrill Petulikow suchte noch immer und rief nach ihr, die nicht hören
wollte.
»Fertig --?«
»Nein, um Gottes willen, nein --!«
»Bitte, beeilen Sie sich -- es ist die letzte Minute ...«
Das Wort jagte die Frau aus ihrem Winkel hervor. Sie wollte in das
Schiffsinnere hinunter. Sie wollte den Mann suchen, den sie vermißte.
Sie würde den Weg wiederfinden, den sie damals gegangen war. Sie würde
nach ihm rufen -- mochte dann geschehen, was wollte ...
Bei dem ersten Schritt, den sie tat, entdeckte Kyrill Petulikow ihren
Schatten. Er stolperte auf sie zu und griff nach ihr.
»Kate -- Kate, haben Sie den Verstand verloren --?!«
Er zerrte sie hinter sich drein; sie wehrte sich wie ein wildes Tier.
Sie wollte ihm sagen: »Lassen Sie mich los! -- Lassen Sie mich frei --!«
Aber in der fürchterlichen Verwirrung dieser Stunde fehlten ihr die
Worte der fremden Sprache. Sie konnte sich nicht besinnen, und wenn der
Weltuntergang daran gehangen hätte, was das für Laute waren, die sie in
diesem Augenblick brauchte. Sie rüttelte an den Armen, die sie hielten,
und biß in die Hand, die ihre Hände fesseln wollte.
Mit schleifenden Füßen hängte sie sich, so schwer sie konnte, an die
Kraft des Mannes, den sie ermüden wollte. Aber sie vermochte nicht,
ihn zu bewegen, daß er sie losließ. Die deutschen Worte sprangen ihr
bettelnd auf die Lippen, aber sie würgte sie mit einer ungeheuren
Anstrengung hinunter. Nichts verraten -- ihn nicht -- sich nicht ...
Heiliger Gott im Himmel!
»Fertig --?«
Der deutsche Offizier sprang in das letzte Boot. Gleichzeitig mit dem
seinen stieß auch das, in dem Kyrill Petulikow, Beate quer vor sich in
den Armen haltend, angelangt war, von der »Princeß of India« ab.
Beate ließ sich zu Boden fallen; sie krallte mit beiden Händen in ihr
Haar.
Als das letzte Boot dreißig Meter von dem verlorenen Schiffe entfernt
war, erschien droben, an der Reling der »Princeß of India«, ein Mann,
dem das Blut über das Gesicht lief. Er hob den nackten Oberkörper; der
linke Arm gehorchte ihm nicht; er winkte mit dem rechten. Und er schrie
mit der ganzen Kraft seiner Lungen zu den deutschen Matrosen hinüber:
»Kameraden --!«
In dem Boot, in dem Kyrill Petulikow saß, entstand eine Bewegung. Eine
Frau war aufgesprungen und hatte sich mit einem Rufe, den niemand
verstand, ins Wasser geworfen, um nach der sinkenden »Princeß of
India« zurückzuschwimmen.
Ein Mann neben ihr, ein englischer Matrose, packte sie bei den Haaren
und hob sie ins Boot zurück, wo sie regungslos liegenblieb.
»Es ist nichts, es ist nichts,« sagte er gleichmütig und schob ihr
seinen Rock unter den triefenden Kopf. »Sie hat wahrscheinlich den
Verstand verloren.«
6
Wellen kamen -- aus einer unendlichen Tiefe her. Sie stiegen auf ...
müde, müde ... waren so dunkel und so schwer wie schwarzer fließender
Marmor. Und immer, wenn sie dem Lichte des Bewußtseins und dem Tage
nahe kamen, ebbten sie langsam wieder zurück und versanken in einem
Meere von Verwirrung und Unlösbarem.
Beate schlief nicht. Sie träumte auch nicht. Sie lag nur unbeweglich
und fühlte mit weit offenen Augen, wie die dunklen Wellen aus ihrer
Tiefe heraufkamen und zu ihr emporstiegen, immer schwerer, immer
breiter -- langrollend und unaufhaltsam. Im nächsten Augenblick würden
sie über sie wegfluten oder sie fassen und mit sich saugen in die
grenzenlose Dunkelheit, aus der sie gekommen waren, um wieder in ihr zu
versinken.
Dann suchte sie irgend etwas, an das sie sich anklammern konnte --
vermochte kein Glied zu rühren und fühlte das Versagen ihrer Lungen,
wollte schreien und schrie doch nicht ...
Denn immer, wenn sie die Lippen öffnen wollte, blitzte als einziges
Licht in der Finsternis das Warnen ihres Verstandes auf: nichts
verraten -- verrate dich nicht ...
Dieses wachende Licht erlosch nicht einmal im Fieber. Aber es war
schuld daran, daß ihr Puls und ihr Hirn nicht zur Ruhe kommen konnten
-- daß sie mit fliegendem Atem und dem Herzschlag eines kleinen
kranken Kindes in der Kabine des holländischen Dampfers lag, der die
Mehrzahl der Fahrgäste von der »Princeß of India« dem deutschen Kreuzer
abgenommen hatte.
Von der »Buitenzorg« wehte der Heimatwimpel; sie kam von Batavia
und wollte nach Amsterdam. Kyrill Petulikow und seine Mutter hatten
beabsichtigt, auf gleichem Wege heimzukehren, wie sie ausgefahren
waren. Aber die Pforte hatte die Dardanellen gesperrt, und schon der
Gedanke an die Möglichkeit, noch einmal zwischen zwei Staaten zu
geraten, die in Meinungsverschiedenheiten waren, genügte, um Lisa
Petulikowa krank zu machen -- um so mehr, als die Ereignisse, die
hinter ihr lagen, ihrer Gesundheit schon einen schweren Stoß versetzt
hatten.
Kate Mathew fehlte ihr.
Die junge Holländerin, die ihre Pflege übernommen hatte, konnte sich
mit ihr nicht verständigen und brachte die Kranke, der alle Nerven
bebten, zu Weinkrämpfen durch die Unerschütterlichkeit ihrer heiteren
Seelenruhe, durch ihre roten Pausbacken und ihre blanken Augen -- und
durch die unschuldige Freude, die sie an den Tag legte, wenn Lisa
Petulikowa das Essen zurückschickte.
Am Tage, bevor die »Buitenzorg« in den Suezkanal einfuhr, fragte Kyrill
Petulikow, ob er Kate Mathew sprechen könne.
Der Schiffsarzt zuckte die Achseln. Gewiß könne er das; aber es sei
die Frage, ob sie ihm antworten würde. Sie war nicht eigentlich krank;
es lag nur eine Starrheit über ihr, wie über einem Menschen, den der
Schreck versteint hat. Es bestand nicht die geringste Gefahr für ihr
Leben; aber es schien, als weigere sie sich, zum vollen Bewußtsein
zurückzukehren. Ihr Geist tastete sich einen weiten Weg zurück, aus der
Dunkelheit ins Licht; aber wenn sie an der Türe des Erkennens stand,
die Klinke schon in der Hand hatte, schauderte sie und kehrte wieder um
-- tauchte von neuem unter im Nichts.
Kyrill Petulikow sagte, er wolle sie trotzdem sprechen. Sie sei
die Pflegerin seiner Mutter gewesen und habe immer gewußt, wie man
am besten mit der Kranken fertig werden konnte. Vielleicht war sie
doch imstande, ihm das Mittel zu nennen, das sie angewandt, um Lisa
Petulikowa zur Ruhe zu bringen ...
»Versuchen Sie's,« meinte der Arzt. »Es wäre ein großes Glück, wenn
es Ihnen gelänge, dieses Mädchen aus seiner Stumpfheit aufzurütteln.
Der Zustand, in dem sie sich befindet, erinnert verzweifelt an eine
beginnende Geisteskrankheit ...«
Kyrill Petulikow antwortete nicht.
Das saubere und freundliche Geritje, das die Kabine mit Kate Mathew
teilte, war sehr erstaunt, als der junge Russe bei ihnen eintrat; es
lächelte sein hübschestes Lächeln und wollte ihm das Feld überlassen.
Aber Kyrill Petulikow nickte ihr zu, sie möge nur getrost dableiben.
Von Geritje wußte er, daß sie kein Französisch verstand.
Kate Mathew hatte seinen Eintritt nicht bemerkt.
Sie lag, wie sie seit vielen Tagen zu liegen pflegte, mit weit offenen,
trockenen Augen, die nichts sahen, und mit krampfhaft geschlossenen
Kinnbacken, als müsse sie etwas in ihrem Munde festhalten, an dem ihr
Leben hing. Ihre Hände, die ganz durchsichtig geworden waren, lagen
bleich und schmal ausgestreckt auf der bunten Decke ihres Bettes. Ihre
Wangen waren so eingefallen, daß sich alle Zähne dahinter abzeichneten.
Sie glich sich selbst so wenig, daß Kyrill Petulikow Mühe hatte, sie
zu erkennen.
Und er dachte, während er auf sie niedersah, daß Kate Mathew nicht der
Mensch war, den die Angst, das eigene Leben zu verlieren, um seinen
klaren, starken Verstand brachte.
Er hatte nicht nach Kate Mathew gefragt um seiner Mutter willen; aber
er glaubte, vielleicht sei die Mahnung an ihre Pflicht das einzige, was
imstande war, die Wand zu durchstoßen, die sie vom Bewußtsein schied.
»Miß Kate,« sagte er behutsam, indem er sich über sie beugte, »meine
Mutter ist sehr leidend; sie verlangt nach Ihnen. Werden Sie kommen?«
Ja, nun war es geschehen. Nun hatte eine andere Hand die Türe
aufgemacht, vor der Kate Mathew sich so geängstigt hatte. Sie schrak
zusammen und faltete die Stirn, als besänne sie sich auf die Worte, die
sie gehört; und dann begriff sie.
Es ging nicht an, daß man sich vor dem Leben verkroch und sich taub und
blind stellte. Das Leben kannte seine Diensttauglichen ganz genau und
rüttelte sie wach, wenn es glaubte, daß es Zeit sei.
Sie war nicht Beate Hoyermann, die sich fallen lassen durfte und ihre
Not austrinken wie eine Schale voll von betäubendem Wein. Sie war
Kate Mathew, Stewardeß auf der »Princeß of India« und Pflegerin einer
kranken Frau, die nach ihr verlangte.
In ihre Augen kam der Blick zurück. Sie faßte die Gegenstände und den
Menschen, der sich über sie beugte, und begriff sie und was sie von ihr
wollten.
»Ja,« sagte sie, die Lippen regend, als müsse sie erst wieder sprechen
lernen. »Ja, ich komme.«
Kyrill Petulikow hatte noch weitersprechen wollen; aber die Enge und
Ungemütlichkeit des Raumes bedrückte ihn.
Er sagte: »Danke, Miß Kate,« und ging hinaus. Auf dem Gang, den sie
durchschreiten mußte, wartete er auf sie.
Er brauchte nicht lange zu warten.
Nach zehn Minuten kam sie aus der Kabine, in dem schwarzen Kleid,
das sie am Tage der Schiffskatastrophe getragen und das um ihren
abgemagerten Körper schlotterte. Sie ging mit ganz unsicheren Füßen und
dennoch eilig, mit den ausgestreckten Fingerspitzen rechts und links
die Wände des Ganges berührend. Ihre Augen standen noch immer viel zu
weit offen, und es sah aus, als hätten sie sich nie mehr geschlossen,
seit sie das Letzte -- das Bild des verwundeten Mannes auf der »Princeß
of India« -- geschaut, und als sähen sie es noch immer. Über ihre
Lippen, die das Fieber verbrannt hatte, flog der Atem. Ihre Füße
schlürften über den Boden, als seien sie sich selbst zu schwer.
Unwillkürlich machte Kyrill Petulikow eine Bewegung, als wollte er ihr
entgegengehen. Aber er besann sich und ließ sie auf sich zu kommen.
Kate Mathews geweitete Augen schienen durch ihn hindurch zu sehen. Er
stand an der Treppe, die zum Deck hinaufführte, und hielt die Kommende
mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zurück.
»Verzeihen Sie,« murmelte Kate Mathew und schwankte, als sie
stehenblieb. »Ihre Mutter --?«
»Meine Mutter, Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow mit seinem mildesten
und ehrerbietigsten Lächeln, »mag ein wenig warten ... Sie haben sehr
lange keine Sonne gesehen und keinen Salzwind geatmet ... Das würde
Ihnen gut tun. Und ich möchte Ihnen dies und jenes sagen, ehe Sie zu
meiner Mutter gehen. Bitte, kommen Sie ...«
Sie machte nicht den leisesten Versuch des Widerstandes; sie ging
sofort auf die Treppe zu und begann, die Stufen hinaufzusteigen. Kyrill
Petulikow hatte das Gefühl, daß sie mit derselben Widerstandslosigkeit
in brennendes Feuer hineingegangen wäre, so völlig war sie ihres
eigenen Willens beraubt.
»Hier ...« sagte er und schob ihr einen Stuhl hin. Das Sonnensegel
dämpfte Licht und Wärme. Sie setzte sich und legte die flachen Hände im
Schoß zusammen. Sie sah den Mann nicht an; ihre Augen irrten über das
schöne, stille Meer, wie Vögel, die nicht wissen, wo sie ruhen sollen.
Kyrill Petulikow setzte sich ihr gegenüber.
»Miß Kate,« begann er mit einem vorsichtigen Rufen, als wünschte er,
sie aufzuwecken, damit sie seine Worte gut begriff, »ich möchte Ihnen
sagen ... vielleicht tut es Ihnen gut, das zu wissen ... der Mann,
der -- damals -- auf der ›Princeß of India‹ zurückgeblieben war und
verwundet schien und rief ... er ist gerettet worden ...«
Eine Weile schien es, als hätte die Frau ihn nicht verstanden. Sie
starrte ihn völlig blicklos an. Und dann ging ein Zittern über ihre
Lider, ihre Lippen, über ihre Hände, die sie ihm entgegenhob. Sie
hielt den Atem in der Brust zurück und schluckte krampfhaft, ehe sie
mit einem fast blöden Ausdruck fragte: »Was sagten Sie eben, Kyrill
Petulikow?«
Der Mann wiederholte seine Worte mit einer merkwürdigen Bitterkeit des
Tons. Er sah die Frau an und dachte: Ich bin ein Narr ... Und er stand
auf, um fortzugehen.
Aber er ging nicht.
Kate Mathew hielt ihn zurück -- weit mehr noch durch ihren Blick als
durch die unschlüssige Gebärde ihrer Hände.
»Er ist also gerettet worden?« fragte sie. »Er ist gewiß gerettet
worden?«
»Ja, Miß Kate,« antwortete Kyrill Petulikow.
Kate Mathew schloß die Augen. Und dann lächelte sie.
»Das ist gut,« sagte sie, mit einem schluchzenden Atemholen. »Das ist
gut ...«
Und dann stand sie auf. Sie hatte ihren Willen wiedergefunden, und sie
konnte auch wieder, was sie wollte.
»Sie wünschten mir etwas zu sagen,« meinte sie mit einem helleren Ton
und Blick. Sie stand vor Kyrill Petulikow, als erwartete sie seine
Anordnungen.
»Das Wichtigste habe ich Ihnen gesagt,« entgegnete der Russe ernst.
Die Frau sah ihm ins Gesicht. Und sie begriff, als sie seinem klaren
und etwas schwermütigen Blick begegnete, daß er, wenn auch auf falschem
Wege, zum mindesten ein Stück der Wahrheit erraten hatte. Und sie
begriff zugleich mit dem Instinkt der Frau, die sich in ihrer Liebe
sicher weiß und es nur natürlich finden würde, wenn Gott und seine
Engel, die Menschen und die Tiere und alles, was auf der Welt ist,
einzig dieser Liebe dienen würden, daß hier ein Mensch war, von dem sie
alles erbitten und alles nehmen durfte, weil er wußte, wie groß ihre
Liebe zu einem anderen war.
Sie wollte reden, aber Kyrill Petulikow schüttelte den Kopf.
»Sagen Sie mir jetzt nichts, Miß Kate,« kam er ihr zuvor. »Wenn Sie
die Bitte, die ich an Sie richten will, erfüllen werden, dann haben
wir noch reichlich Zeit vor uns, Geheimnisse aufzuklären -- falls Sie
glauben, daß Sie das tun möchten ...«
»Ihre Bitte, Kyrill Petulikow?«
Er zögerte einen Augenblick. Er schien ein Wort zu suchen, das dem
Mädchen gezeigt hätte, wieviel ihm an der Erfüllung seines Wunsches
lag. Aber dann sagte er ganz einfach: »Ich wäre Ihnen so sehr dankbar,
Miß Kate, wenn Sie meine Mutter nach Rußland begleiteten ...«
Er schwieg und wartete, ob sie etwas sagen würde; aber sie schien
von seinem Vorschlag so überrascht zu sein, daß sie zunächst nichts
erwiderte und ihn auch nicht ansah.
»Meine Mutter,« fuhr Kyrill Petulikow darum nach einer Pause fort, »hat
Sie sehr entbehrt, Miß Kate. Sie haben eine feste und sanfte Art und
sind der einzige Mensch, von dem sich meine Mutter etwas abschlagen
läßt, das ihrer Krankheit förderlich wäre. Wir haben noch eine endlose
Reise vor uns, die der Kriegszustand doppelt erschwert. Die Pforte hat
die Dardanellen gesperrt. Ich glaube kaum, daß meine Mutter die Geduld
besitzen wird, so lange in Ägypten zu bleiben, bis die Meerstraße
wieder geöffnet ist. Wir wollen über Griechenland und Rumänien nach
Rußland reisen ... Sie können sich denken, was solch eine Reise für
meine Mutter bedeutet ... Sie würden ihr alles so sehr erleichtern ...
Und auch mir, Miß Kate ... Aber ich bitte nicht um meinetwillen ...«
»Ich will nicht sofort eine Antwort von Ihnen,« schloß er seine Rede,
da Kate Mathew noch immer schwieg und vor sich niedersah. »Ich will
Ihnen gern Zeit lassen, mit sich zu Rate zu gehen. Ehe wir an die
Weiterreise denken können, bleiben wir mindestens vierzehn Tage in
Kairo. Vielleicht schenken Sie uns diese Zeit und sagen mir dann, was
Sie tun wollen. Ist es Ihnen so recht?«
»Ja,« sagte Kate Mathew mit einem dankbaren Lächeln. Sie holte tief
Atem und sah sich um.
»Was suchen Sie?« fragte Kyrill Petulikow.
Sie zögerte ein wenig; dann sagte sie, während ihr das Blut in die
Schläfen stieg: »Ich habe Hunger ...«
»Gut, gut,« sagte der Russe, nun seinerseits lächelnd. »Wir wollen
also wieder leben, wie es scheint ...«
Die Frau sah ihn an und nickte. Die Tränen standen ihr in den Augen.
»Sie sind sehr gut zu mir,« meinte sie ernst.
Kyrill Petulikow erwiderte nichts ...
Sechs Wochen nach der Abfahrt der »Princeß of India« von Japan kamen
die Fahrgäste der »Buitenzorg« in Ägypten an. Und am Abend des nächsten
Tages mietete Kyrill Petulikow für seine Mutter, deren Pflegerin und
sich die stillsten und schönsten Zimmer von Shephards Hotel in Kairo.
Man hatte ihre Pässe und ihr sehr bescheidenes Gepäck -- die
Riesenkoffer Lisaweta Petulikowas waren mit der »Princeß of India«
untergegangen -- mit einer Gründlichkeit und Strenge durchsucht, die
in schroffem Gegensatz zu der früheren Großzügigkeit der englischen
Zollbeamten stand.
Kairo war nicht mehr die Stadt, die sie sonst gewesen. Sie hatte
sehr viel von den Zügen der Weltdame verloren, sehr viel von ihrer
Lebhaftigkeit, ihrem gastfreien Sinn und ihrer Sicherheit. An deren
Stelle war das Gesicht des Feldherrn getreten, der Soldaten suchte --
Wachsamkeit und Nervosität.
Es gab auf den Straßen sehr viele Männer, die keine Polizeiuniform
trugen, aber auf alles aufpaßten und stets bereit schienen, ihre
Berechtigung dazu nachzuweisen. Sie waren sehr höflich, aber ebenso
bestimmt, wenn sie es für gut befanden, ein Haus, eine Brücke, eine
Straße für etliche Zeit zu schließen. Man erfuhr niemals den Grund
dieser Maßnahmen; aber sie häuften sich von Tag zu Tag.
Kyrill Petulikow ermüdete die Beamten der öffentlichen Sicherheit durch
seine Freude an dem fremden und starken Leben der Stadt, dem er mit
einer sanften Unentwegtheit nachforschte, ohne sich im mindesten um
politische oder militärische Grundsätze zu kümmern. Er geriet mitten
hinein in eine Abteilung frisch angekommener indischer Soldaten, deren
schmale und leidenschaftliche Gesichter er mit einer Art künstlerischer
Freude anstaunte. Er bat sehr höflich um Entschuldigung. Er wußte
mit solchen Dingen nicht Bescheid. Sein Lächeln entwaffnete jede
Entrüstung. Schließlich hatte man sich an ihn gewöhnt und betrachtete
ihn als einen liebenswürdigen und wohlwollenden Halbnarren einer
verbündeten Nation. Sollte man ihn in Gottes Namen laufen lassen ...
Lisa Petulikowa war großmütig genug, ihrer Pflegerin zuzureden, sich
den forschenden und genießenden Streifereien Kyrills anzuschließen.
Aber Kate Mathew machte keinen Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die
Augen taten ihr weh, wenn sie über die Straßen ging und die turmhohen
Buchstaben der angeschlagenen Extrablätter ihr in allen Farben
entgegenbrannten.
Ja, die Deutschen hatten Lüttich erobert, hatten Brüssel besetzt und
Maubeuge genommen ... O, niemand dachte daran, zu leugnen, daß sie
tapfere Leute seien, diese armen Soldaten eines wahnsinnigen Kaisers
... Aber dann war die Schlacht an der Marne gekommen -- glorreiche Tage
für Frankreich und seine erhabenen Verbündeten ... mehrere Armeekorps
waren teils gänzlich aufgerieben, teils gefangen genommen ... Und die
Gefangenen erzählten greuliche Dinge über das Gemetzel, das die eigenen
Maschinengewehre in ihren Reihen angerichtet hatten, um Rebellion und
Empörung gegen die Führer zu unterdrücken ...
Ja, die Deutschen hatten die Russen ein wenig geschlagen, nachdem diese
ganz Ostpreußen besetzt und das Land einer Wüste gleich gemacht hatten
... Mein Gott, was hieß das, wenn Rußland ein paar tausend Soldaten
verlor ... Rußland hatte Millionenheere genug ... Und die Russen hatten
Lemberg erobert ...
In wenigen Wochen würden sie in Wien sein und bald darauf in Berlin,
und die Schlacht an der Marne feierte ihren Triumph in der endgültigen
Vertreibung des Feindes bis an das rechte Ufer des Rheins.
Bis Weihnachten war alles erledigt ...
Nun, Kate Mathew, die Engländerin, aus Sheffield gebürtig, hätte
mehr Freude über all diese Dinge an den Tag legen müssen, als sie in
Wirklichkeit tat. Sie war selbst für eine Engländerin ein wenig zu
gleichgültig gegen die Dinge der Weltgeschichte ...
»Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow eines Abends zu dem Mädchen, als sie
der Kranken das Orangenblütenwasser bereitete, »ich kann es begreifen,
daß man nach Japan fährt, ohne den Fujiyama zu sehen; denn wir haben
es in der Tat fertiggebracht, meine Mutter und ich ... Aber daß man in
Kairo ist, ohne die Pyramiden aufgesucht zu haben, das heißt, diese
Methode des Reisens ein wenig zu weit treiben ...«
Kate Mathew begriff sehr gut, daß dies eine Bitte sein sollte. Sie sah
die Kranke an und zögerte.
»Meine Mutter wird Sie entschuldigen,« fuhr Kyrill Petulikow mit
seiner liebenswürdigen Sanftheit fort, gegen die es kein Mittel gab.
»Wir reisen in wenigen Tagen ab ... Es ist ganz gewiß eine besondere
Schönheit der Erde, Sonnenuntergang und Mondaufgang bei der Sphinx von
Gizeh zu erleben ... Verderben Sie mir die Freude nicht -- kommen Sie
mit!«
»Wenn Sie es ausdrücklich wünschen, Kyrill Petulikow -- und Ihre Mutter
es gestattet ...«
»Beides, Miß Kate -- da es nötig zu sein scheint ...«
»Und wann wollen Sie aufbrechen?«
»In zehn Minuten werden die Esel vor der Treppe stehen.«
Der Eseljunge war pünktlich, und Kate Mathew war es auch. Achmed, der
jugendliche und reichlich verschlagen aussehende Besitzer der beiden
Reittiere, beschloß, als er Kyrill Petulikow in Begleitung einer
Dame kommen sah, ihn unerhört zu betrügen, was ihm am Ende auch in
Vollkommenheit gelang.
Da er den Russen französisch sprechen hörte, erwies er ihm die Ehre,
seinen Esel Napoleon zu nennen, während Miß Kate auf Lord Nelson saß.
Vor dem Kriege hatten sie zuweilen auch Bismarck und Radetzky geheißen,
aber seit der europäischen Verwicklung, von der Achmed nichts begriff,
als daß seitdem sein Geschäft zurückging, waren die Vertreter der
Mittelmächte beurlaubt.
Sie ritten langsam, solange sie sich im Getriebe der Straßen befanden,
das sich verstärkte, je mehr sie sich der Nilbrücke näherten.
Wasserverkäufer mit ihren schwappenden Ziegenschläuchen, Obsthändler
und Schuhputzer priesen Gott und sich selbst als die Wohltäter
der Menschheit. Ihre singenden Rufe gingen unter im Geschrei der
Zeitungsverkäufer, die das neueste Extrablatt ausriefen und eine
grellrote, mit schwarzen Schrägstreifen geschmückte Broschüre: »Die
Greueltaten der Deutschen in Belgien, nach amtlich beglaubigten
Aussagen von Augenzeugen!«
Kate Mathew kaufte sich das Heft. Es war billig -- einen Sixpence
kostete es. Der Verleger hoffte auf Massenabsatz, den er wahrscheinlich
auch fand. Kyrill Petulikow sah, daß sie das Heft kaufte, schien sich
ein wenig zu wundern, sagte aber nichts. Kate Mathew hatte das Gefühl,
daß sie ihn in diesem Augenblick enttäuschte, und sie freute sich
darüber. Sie steckte die Broschüre in ihre Manteltasche.
Längs der Straße, durch die sie ritten, säumten zu beiden Seiten,
dichtgedrängt wie Datteln auf einer Schnur, bettelnde Kinder,
Weiber und Greise den Weg, die meisten blind oder mit entsetzlichen
Augenkrankheiten behaftet, von der Not und der Sonne zu Gerippen
gedörrt, mit Lumpen bedeckt, ihre Krankheiten und Gebrechen entblößend;
sie streckten ihre leichendürren Hände aus und murmelten, zu faul, das
Wort »Bakhschisch« in seinem vollen Umfang auszusprechen, unaufhörlich:
»-- schisch, schisch -- schisch ...«
Kyrill Petulikow warf Hände voll kleiner und großer Münzen unter sie,
aber es war ein nutzloses Beginnen; das Elend schluckte seine Gaben ein
wie die Wüste den Tau -- und blieb Elend, wie sie Wüste bleibt.
Eine Schar von schwatzenden Fellachenweibern, verschleiert, dampfend
vor Hitze, kehrte über den Kasr en Nil nach ihrem Dorfe zurück. Über
ihren nackten Füßen klirrten die Spangen. Sie trugen die leeren Körbe
auf den Köpfen und hatten den Gang von jungen trächtigen Gazellen.
Vom Rücken ihrer Mütter herunter bettelten die Kinder, die noch nicht
laufen konnten, mit ausgestreckten Händchen: »--schisch.«
Als Beate den Nil erblickte, hielt sie unwillkürlich ihren Esel an. Sie
blickte nach Süden, woher er kam, und dachte an das Land, in dem seine
Quellen lagen -- das sie geliebt hatte und dessen Wasser sie getrunken.
Ein plötzlicher tiefer Jammer würgte sie am Halse. Kyrill Petulikow
fragte sie etwas; sie gab keine Antwort. Blind vor Tränen, die ihr die
Augen beizten, ritt sie weiter. Sie überließ es dem Russen und Achmed,
mit den bettelnden Bewohnern von El Kafr fertigzuwerden, die die Straße
nach Gizeh belagerten und unermüdlich neben den Fremden herliefen, um
ihnen unechte Skarabäen, falsche Münzen und Mumienglieder aus jüngster
Zeit der Schöpfung aufzudrängen.
Achmed schlug mit dem Stecken unter zornigen Anrufen Allahs,
des Allvermögenden, in das zudringliche Gesindel hinein, wobei
er nicht verfehlte, den scheinbar unerschöpflichen Sack seiner
schwerstwiegenden Schimpfwörter über das Gezücht von Hunden und
Schakalen auszuschütteln. Aber es nützte ihm nur wenig. Bis an die
Türe des Menahouse-Hotels, vor dem die mauerngefaßte Straße zu den
Pyramiden schon in blauem Schatten lag, blieben ihnen die Schmarotzer
der Pharaonen getreu. Dann erkaufte sich Kyrill Petulikow ihren
Verzicht auf weitere Annäherungsversuche durch Vermittlung des Portiers
mit einem Bakhschisch, dessen Höhe ihn für ewige Zeiten zu einem
Nationalheiligen von El Kafr erhob.
Kyrill Petulikow und Beate hatten auf dem Wege von Kairo nach dem
Menahouse-Hotel kaum ein Wort miteinander gewechselt. Jetzt, als
sie nach einer kurzen Pause der Erfrischung ihre Wanderschaft zur
Cheopspyramide fortsetzten, kam er an ihre Seite und sprach sie an.
»Ich wußte nicht, daß Ihnen dieser Ausflug so sehr ungelegen kommen
würde,« begann er das Gespräch. »Ich hätte Sie sonst nicht um Ihre
Begleitung gebeten, Miß Kate.«
Kate Mathew sah geradeaus.
»Verstehen Sie mich nicht falsch, Kyrill Petulikow,« antwortete sie.
»Ich bin wahrscheinlich sehr ungerecht ... Das wird man, wenn man
unfrei ist. Ich weiß, wie gut Sie es meinen, und danke Ihnen ehrlich
dafür. Aber ich wünschte mir eben so sehr, Sie möchten mich in Zukunft
nur als die dienende Pflegerin Ihrer Mutter betrachten, wie ich mir
anderseits wünschen muß, daß ich von Ihrem guten Willen weniger
abhängig wäre.«
»Sie sind keine Dienerin,« sagte Kyrill Petulikow kopfschüttelnd.
»Ich bin es, denn ich bin im Dienst ...«
»Ja, ja ... Seien wir nicht kleinlich, Miß Kate ... Wenn eine Königin
zum Rocken greift, so wird sie keine Spinnerin; aber sie macht das
Spinnen zu einer königlichen Arbeit.«
»Halten Sie mich für eine verbannte Königin?« fragte Beate,
unwillkürlich lächelnd.
»Vielleicht,« antwortete Kyrill Petulikow etwas verträumt.
»Das ist etwas sehr Trauriges,« meinte die Frau.
»Nein, Miß Kate. Sie sind, so wie Sie nun leben müssen, doch ganz gewiß
ein königlicher Mensch -- wie Raffael ohne Hände der große Maler ...
Irgendein deutscher Dichter hat einmal so etwas gesagt.«
»Sie irren sich, Kyrill Petulikow.«
Der Russe schwieg, aber sie fühlte, daß er es nur tat, um ihr nicht
noch einmal zu widersprechen.
Sie gingen allein. Achmed war bei seinen Eseln zurückgeblieben; die
drei Beduinen, die ihnen bei der Ersteigung der Cheopspyramide helfen
sollten, waren vorausgegangen und erwarteten sie am Fuße des Grabmals.
Die Sonne stand nur noch zwei Hände breit über dem Horizont. Die Luft
war sehr dunstig.
Als sie droben standen, ging die Sonne unter.
Und die drei braunen Männer, denen die weißen Mäntel um die langen,
hageren Glieder schlugen, lösten sich die Gürteltücher von den Hüften,
breiteten sie aus und warfen sich zum Beten auf ihr Gesicht.
»Es ist kein Gott außer Gott ...«
Kyrill Petulikow und Beate hatten sich am Rande der platten Kuppe
niedergelassen und schwiegen.
Unter ihnen, vom Sande der Jahrtausende halb begraben, lag die Sphinx
und wandte ihr fremdes, strenges Haupt nach Osten, gen Sonnenaufgang.
Fern drüben schimmerten die Kanäle, vom Grün der Sykomoren überlaubt.
Und ganz verloren im Duft des Sonnensinkens ruhte die Stadt -- die
»Siegreiche«. Ihre schlanken, unwirklich zarten Kuppeln und Minarette
blickten aus den Träumen einer anderen Welt herüber zu den lastenden
Gräbern ihrer Königsahnen, und mitten zwischen beiden pfiff der
Schnellzug von Assuan.
Beate Hoyermann sah und hörte dies alles und bemerkte es doch nicht.
Sie spürte in der Tasche ihres Mantels das grell gebundene Heft über
die Greueltaten der Deutschen in Belgien, und sie kam sich vor, im
Angesicht der ausgebreiteten Herrlichkeit zu ihren Füßen, wie ein
Mensch, der Brot braucht und jemand schenkt ihm eine Perlenkette.
»Sagen Sie mir, Kyrill Petulikow,« flüsterte sie, um die Betenden nicht
zu stören, »würde es schwierig sein, von Rußland aus nach Schweden zu
reisen?«
Kyrill Petulikow sah aus, als müsse er seine Gedanken erst
zusammenrufen, ehe er antworten konnte.
»In Rußland ist alles schwierig,« meinte er dann; »aber in den meisten
Fällen ist es eine Geldfrage.«
»Das würde keine Rolle spielen ...«
»Wie die Verhältnisse jetzt im Kriege liegen, kann ich natürlich nicht
sagen, da ich Rußland verlassen habe, bevor der Krieg ausgebrochen war.
Aber ich glaube, mit einigem guten Willen wäre es zu erreichen, daß Sie
Schweden ... Übrigens, was wollen Sie in Schweden, Miß Kate?«
»Ich suche eine Brücke, um nach Hause zu kommen,« antwortete Beate.
»O -- und Sie wollen mit uns nach Rußland fahren --?«
»Es bleibt sich gleich für mich, auf welchem Umweg ich nach Hause
reise,« antwortete Beate etwas herb. Sie merkte an seinem Schweigen,
daß er diese Herbheit sehr wohl empfand. Mit einer unwillkürlichen und
starken Gebärde faltete sie die Hände.
»Es ist, wie es scheint, eine unglückliche Bestimmung, Kyrill
Petulikow, daß ich auf alle Ihre guten Worte eine rauhe Antwort haben
muß, wenn ich nicht heucheln will ... Aber in alles, was ich denke,
redet mir der Krieg hinein ... Wenn ich zu anderen Zeiten und nicht
als die Kate Mathew, die Sie kennen, auf dem Gipfel der Cheopspyramide
säße, dann würde ich's vielleicht den Männern da drüben nachtun, meine
Augen nach Sonnenaufgang wenden und anbetend sprechen: ›Es ist kein
Gott außer Gott‹ ... Aber dies ist dafür nicht die Stunde ... Und zu
anderen Zeiten wäre ich vielleicht sehr stolz darauf gewesen, daß
Ihnen und Ihrer Mutter so viel daran liegt, daß ich mit Ihnen reise --
und daß Sie mir die Kranke anvertrauen. Aber heute ist die Reise nach
Rußland für mich nichts als ein Weg, der auch ein anderer sein könnte,
um mich nach Hause zu bringen -- und den ich nur darum gehe, weil er
vielleicht trotz allem der beste ist ...«
»Sie nehmen großen Anteil am Kriege,« meinte der Russe nach einer Pause.
»Ja, das tue ich ... Sie nicht?«
»Nein,« sagte Kyrill Petulikow. »Nicht sehr. Nicht so, wie Sie es
meinen.«
»Das wundert mich,« meinte Beate und schüttelte den Kopf.
Kyrill Petulikow schwieg. Er wandte den Kopf von Beate ab und schaute
nach Westen, wo die Sonne nun ganz versunken war, wo die Wüste anfing
und die Nacht. Sie kam sehr rasch, ohne Dämmerung; alle Farben
erloschen, als stürben sie für immer. Die Unendlichkeit der erstarrten
Wellen im »Meere ohne Wasser« schien gleichsam mit geschlossenen Augen
unter dem blassen Himmel zu liegen, an dem die Sterne groß und weit
voneinander verstreut zu funkeln begannen.
Der Wind, der während des ganzen Tages fast unfühlbar gewesen, machte
sich nun auf und wehte von Nordwesten, mit einem langen, sehr sanften
Hauchen, schwermütig und einsam. Das kaum hörbare Gleiten, Rieseln und
Beben des Sandes wurde in der Vollkommenheit der Stille ringsum ein
Klang.
Die Sphinx war ganz in Dunkelheit versunken. Über Kairo, jenseits des
Nils, war der Himmel trüb golden vom Widerschein der erleuchteten Stadt.
Die Beduinen hatten sich niedergehockt und schwatzten leise
miteinander. Allmählich verstummten sie auch. Ihre weißen Burnusse
schimmerten in der Finsternis.
»Jetzt bin ich Ihnen ganz fremd geworden,« sagte Kyrill Petulikow nach
einer tiefen Stille, ohne sich umzuwenden.
»Ist es nicht ein wenig sonderbar,« meinte Beate dagegen, »wenn ein
Mensch -- und noch dazu ein Mann -- eines der größten Ereignisse der
Weltgeschichte miterlebt und sagt, er nehme keinen rechten Anteil
daran?«
»Was nennen Sie miterleben?« fragte Kyrill Petulikow. »Zur selben Zeit
auf der Welt sein? Ich bin nie Soldat gewesen und werde es nie sein
können.«
»Und ich bin eine Frau,« sagte Beate, -- »ich bin auch nie Soldat
gewesen und habe meinen Platz ein gut Stück hinter der Front, wo diese
auch sein möge ... Aber wer seine Heimat und sein Vaterland liebt, der
erlebt den Krieg mit allen Nerven und Fasern seines Herzens, und wenn
er nie einen Schuß mit eigenen Ohren zu hören bekommt.«
»Ich weiß nicht, ob ich mein Vaterland liebe,« sagte Kyrill Petulikow.
»Dann wollen wir nicht mehr über den Punkt sprechen,« antwortete Beate
und richtete sich ein wenig auf.
Es war wieder still zwischen ihnen. Kyrill Petulikow stützte den Kopf
in die Hand.
»Ich wünschte mir doch, Sie hörten mich an,« meinte er schließlich, und
seine stille Stimme tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit, als
sei sie ein lebendiges Wesen, das in der großen Einsamkeit verirrt und
müde nach Hause verlangte. »Aber ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen
können, Miß Kate. Wir sind einander so unendlich fern und fremd. Wenn
wir reden, so müssen wir unsere Worte im Geist aus zwei verschiedenen
Sprachen in eine dritte übersetzen; glauben Sie, daß es dann wirklich
noch dieselben Worte sind, die wir gedacht haben? Und warum soll ich es
Ihnen nicht sagen, Miß Kate ... ich habe es mir sehr gewünscht, einmal
mit Ihnen zu sprechen ... wie man eben nur ein einziges Mal mit einem
Menschen spricht, in besonderen Stunden, die nie wiederkommen ... Und
nun habe ich nicht den Mut dazu ... Denn man kann sein Tiefstes nicht
so hinschütten in den Sand, vor die Füße eines Menschen, der nicht
darauf achtet -- wenn man weiter mit ihm leben will. Es darf keine
Scham zwischen zwei Menschen sein, die unter einem Dache wohnen ...
Scham ist schlimmer als Haß; und manchmal ist sie seine Mutter ... Man
muß seine Seele in zwei Hände legen können, die sich zu einer Schale
zusammenfügen. Dann ist das Reden leicht ... Aber ich weiß nicht, ob
Sie mir Ihre Hände so geben wollen ...«
»Das will ich, Kyrill Petulikow,« sagte Beate geduldig.
»Ja, vielleicht. Aber Sie wissen nicht, ob Sie es bis zum Ende wollen.
Wer sind Sie und wer bin ich? Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Denn
Sie sind nicht die Kate Mathew, für die Sie sich ausgeben; daraus haben
Sie mir gegenüber nie ein Hehl gemacht, und das danke ich Ihnen. Und
ich möchte doch gern wissen, wie Sie eigentlich heißen, damit ich Sie
manchmal bei Namen nennen kann, wenn ich Sie selber rufe und nicht
irgendeine fremde Frau ... Und ich möchte, daß Sie mich nennen, wie
mich meine Freunde nennen, Kyrill Iwanowitsch ... Ah, ich möchte, daß
Sie ein wenig Russisch könnten, um mir dieses oder jenes Wort zu sagen,
das nur in der Muttersprache einen Sinn hat ...«
»Um Russisch zu lernen,« meinte Beate, »werde ich wohl kaum genügend
Zeit haben, Kyrill Iwanowitsch ... Aber bei Namen will ich Sie gerne
nennen, wenn Sie es wollen. Vielleicht kommt auch einmal eine Stunde,
in der ich Ihnen meinen Namen sagen werde ... Aber dann müßte es
Frieden sein, oder wir müßten einander in meiner Heimat wiedersehen,
was ich schwerlich glauben kann, solange es Krieg ist. Können Sie sich
nicht an Miß Kate gewöhnen?«
»Nein,« sagte der Russe kopfschüttelnd. »Miß Kate ist irgend jemand,
aber nicht Sie ... Ich hatte eine kleine Schwester, die Mascha hieß.
Sie ist als Kind gestorben; meine Mutter liebte sie nicht sehr. Meine
Mutter liebte nur Jewgenij Iwanowitsch, der ein schöner und starker
Mensch war und immer lachte ... Meine kleine Schwester war kein
heiteres Kind, aber wir liebten uns sehr. Und sie war ein schönes Kind,
obwohl sie immer vor irgend etwas zu zittern schien und sich in sich
selbst verkroch. Als sie starb und begraben werden sollte, versteckte
ich mich auf dem Friedhof in ihrem Grabe. Aber sie entdeckten mich, wie
sie den Sarg hinunterließen, und zogen mich herauf, und meine Mutter
war ganz verstört, weil sie sich vor allen Menschen meiner schämen
mußte. Ich habe meine Schwester nie vergessen. Sie ist in mir lebendig
geblieben, mit mir gewachsen und nun groß geworden. Aber nun weiß ich
nicht mehr, wie sie aussieht, und manchmal quält mich das ... Wenn ich
Ihren Namen nicht wissen soll, so möchte ich Sie Mascha nennen. Und der
Name ist sehr schwer von trauriger und inniger Verehrung ...« Kyrill
Petulikow lächelte ein wenig. »Das mag daher kommen, daß ich als Knabe
glaubte -- und heute noch nicht ganz sicher bin, ob ich mich in meinem
Glauben getäuscht habe --, daß meine kleine Schwester nun viel klüger
und stärker sei als ich, weil sie das Leben und den Tod gleichermaßen
überwunden hatte und bei Gott war, der sie liebte ...«
Kyrill Petulikow schwieg. Beate hatte den Arm aufs Knie gestemmt und
ihr Kinn in die Hand gelegt. Sie sah mit ganz verträumten Augen in den
grenzenlosen Schatten des »Meeres ohne Wasser« hinab.
»Soll ich nun sprechen?« fragte der Mann behutsam.
»Ja ... ja ...«
»Ich glaube, Sie lieben Ihr Vaterland sehr, Miß Kate, nicht wahr ...«
»Ja, weiß Gott ...«
»Sie lieben es, weil Sie an seine Zukunft glauben -- ist es das?«
»Ich weiß nicht, was der Grund ist -- und ob man überhaupt einen
braucht, um zu lieben. Aber ich glaube an seine Zukunft, und ich liebe
es ...«
»Ich könnte mir denken, daß es so wäre,« fuhr der Russe fort, »daß man
sein Vaterland mit dem Gefühl umschlösse, das eine Mutter, die nicht
wie die meine ist, für ihr Kind haben mag. Ja, das ist wunderlich,
nicht wahr ... Wir sind doch selbst die Kinder des Landes und müßten zu
ihm aufschauen als zu dem Älteren -- dem, das vor uns war, geheiligt
durch Überlieferungen, durch die Größe des Vergangenen -- das Geliebte
um der Ehrfurcht willen ... Und dennoch weiß ich: wenn ich mein
Vaterland lieben würde, dann würde ich es tun in einem Gefühl -- jenem
sehr verwandt, das wir für die Jüngeren haben, für die, die sind, wenn
wir nicht mehr sein werden, für die Kommenden, die Zukünftigen ... in
einem Gefühl des grenzenlos beglückten Beiseitestehens, unverlangend,
voller Ergriffenheit, dankbar und vertrauend ...«
»Ja,« murmelte Beate.
»Und ich könnte mir auch denken, wenn das Land, das man so liebt, in
den Krieg zöge, daß man mit jedem Herzschlag, mit jedem Atemzug und
jedem Gedanken bei ihm wäre in Angst oder Zuversicht, weil es um ein
Höher oder Tiefer die Würfel schüttelte ...«
»Ja ... ja ...«
»Ich könnte mir auch denken, daß man im Kriege sein Bestes opfert,
sein Leben wegwirft und fühlt: es ist nicht zuviel ... Denn das Opfer
ist gut und hat einen Sinn. Es wird Früchte tragen und gesegnet sein
... Das liebe Land, das geliebte Land wird größer durch die Opfer, die
es fordert -- wir fallen ihm wie Ähren dem Schnitter, damit es neue
Aussaat hat -- dieses Land, das junge, das zukünftige -- das Land von
morgen ... Ja, das wäre schön. Das könnte einem dazu verhelfen, sein
Leben zu lieben, nur um es als gedoppeltes Opfer darbringen zu können
... Aber Opfer, die Rußland gebracht werden, haben keinen Sinn ...«
»Das ist ein sehr hartes Wort, Kyrill Iwanowitsch ...«
»Sie werden Rußland sehen, Miß Kate -- Sie werden es mit Ihren klaren
germanischen Augen sehen und werden sagen: er hatte Recht, der Kyrill
Iwanowitsch ... Glauben Sie mir, es ist ein sinnloser Zufall, daß
die Grenze Europas quer durch Rußland läuft. Wir gehören nicht mehr
zu Europa. Wir sind Asien. Wir sind ein Koloß auf tönernen Füßen.
Unsere Dichter -- und wir haben herrliche Dichter! -- halten uns den
Spiegel vors Gesicht: Seht -- seht, wie ihr in Wahrheit ausseht ... Wir
betrachten uns und nicken: Ja, ja, du hast Recht, Brüderchen ... aber
was willst du? So sind wir nun einmal -- Gott hat uns so geschaffen
... Wenn ich das Saufen lasse, Brüderchen, so wird die Welt darum
nicht besser. Und der Schnaps schmeckt mir; warum soll ich ihn nicht
trinken, wenn er mir schmeckt? Er ist dazu da, um getrunken zu werden.
Und wenn ich ein Beamter bin, so ist es nicht schön von mir, wenn ich
mich bestechen lasse -- aber sage selbst, Brüderchen: soll ich das Geld
einem anderen lassen, einem Amtskollegen, der es doch auch nur versäuft
--? Wir sind allzumal Sünder vor Gott; aber Gott ist gut, er verzeiht
uns ...
»Es gibt auch andere -- Schwärmer, ja ... die machen Revolutionen.
Und es gibt auch Schurken; die machen den Krieg. Die einen wollen das
Heil für Rußland, die anderen für sich selbst. Und die Revolutionen
kosten Blut und Geld, und der Krieg kostet Blut und Geld, und wenn
irgend jemand dabei gewinnt, so ist es nicht Rußland. Wir haben uns in
eine Sackgasse verrannt und finden nicht den Mut zur Umkehr, das ist
es ... Wenn der russische Soldat sich schlägt und sich opfern läßt,
wie man Stiere opfert -- glauben Sie, er weiß, wofür er sich schlägt
und geopfert wird? Es ist ein Bild zum Heulen, Miß Kate: Millionen von
Menschen, die dumm und gutmütig in den Krieg ziehen -- für nichts ...
Denn wenn dieser Krieg überhaupt einem Lande Nutzen bringt, dann wird
es nicht Rußland sein.«
»Warum,« fragte Kate Mathew etwas hart, »gab sich Rußland dann zum
Schilde von Mördern her?«
»Ich glaube, diese Frage wird man Ihnen in London besser beantworten
können als in Petersburg,« antwortete Kyrill Petulikow vorsichtig.
Kate Mathew wollte etwas sagen, aber sie verschluckte es.
»Vielleicht wird man einmal behaupten,« fuhr Kyrill Petulikow fort,
»daß dieser Krieg auch von Rußlands Seite aus wirtschaftlichen Gründen
geführt worden ist. Und die Worte vom eisfreien Hafen und vom Einfluß
in Kleinasien werden wieder auftauchen ... Aber der schönste eisfreie
Hafen kann dem russischen Reiche das nicht geben, was es braucht: eine
andere Volksseele ...«
Beate hob den Kopf.
»Ich habe bisher geglaubt, daß die russische Volksseele sehr
liebenswert sei,« meinte sie.
»Ja. Für die anderen. Wir sind so unendlich sanft, nicht wahr ... Wir
sind die Ergebungsvollen und die Ungefährlichen. Wir haben das Lächeln,
das Christus hatte, als er seinen Feinden verzieh -- wissend und
wehrlos. Darum wurde er auch ans Kreuz geschlagen. Aber mit all unserer
sanften Ergebung in den Willen Gottes, der in Rußland sehr schlechte
Statthalter besitzt, sind wir so weit gekommen, daß wir keine Rettung
für den Staat mehr haben als Krieg oder Revolution. Und beide sind
zwecklos. Man rettet einen blutkranken Menschen nicht dadurch, daß man
ihn wirtschaftlich unabhängig macht; man erleichtert ihm höchstens sein
Siechtum. Aber darauf kommt es nicht an ... Man müßte ihm ein Bethesda
weisen, in dem er sich gesund baden könnte, und das liegt nicht am
Persischen Golf und nicht am Bosporus. Das müßte im Herzen Rußlands
selber liegen ...«
»Was nennen Sie das Herz Rußlands?« fragte die Frau.
»Das Herz jedes Volkes -- seine Mütter,« antwortete der Russe.
Kate Mathew machte eine Bewegung. »Die Mütter,« wiederholte sie. Und
unwillkürlich kam das Wort sehr versonnen aus ihrem Munde.
»Ja -- die Mütter ...«
Es war wiederum eine Weile zwischen den beiden Menschen ganz still. Und
als Kyrill Petulikow weitersprach, geschah es so leise und so stockend,
daß die Frau Mühe hatte, ihn zu verstehen.
»Vielleicht ist es nur ein neues Narrentum -- wer weiß es? --
Vielleicht sucht man immer in dem das Alleinseligmachende, was man
selbst am meisten entbehrt ... Vielleicht ist es eine Torheit mehr, die
Genesung des russischen Volkes in einem Traum von sehr mütterlichen
Frauen zu suchen ... Ich weiß es nicht ... Und wenn ich es auch gewiß
wüßte -- das wäre noch kein Schritt weiter zur Erfüllung dieses
Traumes. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß Unglück zur Stärkung eines
Menschen notwendig und gut sei ... Die Glücklichen sind die Starken ...
Und wir sind nicht glücklich. Wir betrinken uns nicht um des schönen
Rausches willen und feiern unsere Feste nicht, weil wir das Leben
lieben. Wir betrinken uns, weil wir dann vergessen, und sind ekstatisch
heiter in der Erkenntnis, daß wir nichts anderes haben als den Taumel.
Und dann kommen die grauen Stunden der Ernüchterung, aus denen es
keine Errettung gibt als die neue Trunkenheit des Vergessens ... Und
wir müssen sehr viel vergessen und haben nichts, daran wir uns gern
erinnern -- nicht einmal die Stunden, da wir Kinder waren. Wir haben
auch keine Hoffnungen -- wir haben nur das Vergessen.«
»Sie sprechen von sich selbst,« meinte Beate halblaut. Es war eine
Mahnung.
»Ich spreche von mir wie von hundert und tausend anderen. Wir sind
arm und müde, weil unsere Kindheit arm und müde ist und sehr einsam.
Wir wissen nicht, was wir lieben sollen, und lieben uns selbst am
wenigsten. Es ist etwas Gespenstisches um unsere Heiterkeit wie um
unsere Trauer. Wir wissen, daß wir krank sind, aber wir glauben an
keinen Arzt. Die Schönheit der Erde stimmt uns traurig. Denn es hat uns
niemand gelehrt, als wir Kinder waren, daß sie für uns schön ist und
uns gehört. Das Leben schenkt uns nichts, wir müssen uns alles erobern,
ohne Eroberer zu sein. Denn niemand sagt uns, wenn wir Kinder sind,
welchen Weg wir gehen müssen, um glücklich zu werden; vielleicht wissen
unsere Mütter es selber nicht; auch das mag sein. Diese Frauen, die
immer ein wenig träge sind, die das Leben bitter gemacht hat, weil sie
es nicht verstanden, das Leben auszulachen -- die legen ihre breiten
Schatten auf unsere kindischen Wege und nehmen uns den Glauben daran,
daß unsere Zukunft einmal schöner sein könnte als ihre Gegenwart. Sie
lieben uns vielleicht als Menschen, wenn wir erwachsen sind. Aber sie
lieben uns nicht als Kinder, die beständig fragen, wünschen und hoffen.
Und das Erbe dieser Frauen ist es, das ein Volk von Männern mit sich
schleppt. Die Freudlosigkeit, die wir ererbt haben, die Sanftheit des
Entsagens und der Unglaube an morgen -- das ist's, woran wir elend
geworden sind. Aber nun liegt es uns im Blute ...«
»Vielleicht«, sagte Beate nach einer Stille, »wird dieser Krieg das
alles wachrütteln, was an Liebe, an Kraft und Hoffnung im russischen
Volke schläft ...«
»Wenn es eine Liebe ist, so ist es eine verzweifelnde,« antwortete
Kyrill Petulikow. »Denn wir werden am Ende dieses Krieges an nichts
reicher sein als an Gräbern.«
»So mutlos sind Sie ...«
»Ja ...«
Beate Hoyermann wandte den Kopf und sah dem Manne ins Gesicht.
»Sie sind nicht glücklich, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie gelind.
»Wer ist glücklich?« fragte der Russe mit einem Lächeln.
»Ich,« sagte die Frau. Dann verstummte sie. Sie legte ihren Kopf in
beide Hände.
»Nun wissen Sie,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »warum ich an dem großen
Kriege weniger Anteil nehme, als Sie von einem Manne erwarteten --
und vielleicht auch zu erwarten berechtigt waren. Man kann ein großes
Unglück lieben, wenn es der Weg zu großen Zielen ist. Aber das Sinnlose
kann man nicht lieben ... Ich bin ein Bauer, wenn Sie so wollen, und
mein Vaterland ist meine Erde, die nimmt und gibt. Aber der Bauer
treibt keine Politik und kümmert sich nicht um die Händel der Welt,
solange man ihm die Äcker nicht verwüstet. Und auch dann denkt er:
Sie mögen die Städte und die Dörfer niederbrennen -- die Erde können
sie nicht verbrennen. Und das ewige Gesetz von Saat und Ernte bleibt
bestehen, wenn alle anderen Gesetze aufgehoben werden. Was will ich
mehr?«
»Es würde Sie also nicht bekümmern, wenn Rußland schwer geschlagen
würde?« fragte Beate Hoyermann.
»Nein, Miß Kate. Denn wenn die Männer, die Rußland in den Krieg
geschickt haben, Recht behielten, dann wäre das ein viel größeres
Unglück für das Land als eine Niederlage.«
»Und nach der Niederlage -- was dann?«
»Was dann? -- Nichts ... Sommer und Winter, Frost und Hitze, Samen und
Ernte -- Tag und Nacht ...«
»Und Sie stehen abseits und bauen den Acker. Auch das ist schön ...«
»Sie irren sich, Miß Kate. Sie denken jetzt, auch Bauerndienst sei
Vaterlandsdienst. Aber daran habe ich nicht gedacht. Und auch bei dem,
was ich tun will, wenn ich in Rußland sein werde, denke ich nicht an
Vaterlandsdienst ...«
»Was wollen Sie tun, Kyrill Iwanowitsch?«
Der Russe gab keine Antwort. Sie hörte an seinem Atmen, daß er reden
wollte, aber er schien die Worte nicht zu finden, die er suchte. Beate
Hoyermann ließ ihm Zeit. Und dann fragte sie noch einmal und mit aller
Zartheit einer guten Schwester: »Mascha fragt, was Sie tun wollen,
Kyrill Iwanowitsch ... Mögen Sie es ihr nicht sagen?«.
Er schwieg aber.
Beate fragte nicht weiter. Den Kopf in die Hand gelehnt, sah sie in
die Dunkelheit hinein, die immer blasser und blauer geworden war. Im
Nordosten über der Stadt war der Mond heraufgekommen. Er badete die
Stirn der Sphinx mit einem kühlen, weißen Licht. In El Kafr heulten die
Hunde; sie hatten Furcht. Die Nacht am Saume der Wüste hatte keinen
Frieden; sie war ganz unerlöst und schön wie eine schöne Tote.
»Warum fragten Sie mich, Miß Kate?« sagte Kyrill Petulikow tonlos.
»Sie wollten mich wie Ihre Schwester nennen -- warum tun Sie's nicht?«
»Ich weiß nicht, ob Sie mir antworten würden, wie Mascha getan hätte
...«
»Versuchen Sie's nur, Kyrill Iwanowitsch,« sagte die Frau, in der
stillen Sicherheit ihres Herzens gütig und fest.
Kyrill Petulikow holte tief Atem.
»Sie haben meinen Bruder nicht gekannt,« begann er. »Er war der Abgott
meiner Mutter, weil er ihr Ritter war. Während er lebte, liebte sie
ihn; als er gestorben war -- und als ein Held gestorben --, betete sie
ihn an ... Miß Kate, Kain war kein Russe ... Was wissen wir, wieviel er
litt, bevor er Abel erschlug?«
»Haßten Sie Ihren Bruder so sehr?« fragte Beate mit einer schweren
Bewegung.
»Nein. Ich haßte ihn nicht. Aber ich wünschte, ihm ähnlich zu sein.
Jewgenij Iwanowitsch ähnlich sein, das hieß: ganz sorglos, ganz
leichtsinnig, ganz ohne Schwermut sein, niemand in Wahrheit lieben und
die Liebe aller besitzen. Ich wünschte mir nur eine Liebe: die meiner
Mutter. Diese Sehnsucht meiner Kindheit und meiner Knabenjahre ist mir
sehr treu geblieben ... bis auf den heutigen Tag ... Und vielleicht
habe ich das Mittel gefunden, meine Mutter zu zwingen, daß sie mich
wenigstens nach meinem Tode liebt ...«
»Wollen Sie sterben, Kyrill Iwanowitsch?«
»Nein. Nicht so ... so ohne Sinn ...« Kyrill Petulikow beugte den Kopf
in den Nacken und sah in den lichtgetränkten Himmel hinauf. »Es ist
vielleicht eine närrische Torheit ... nun, was mehr? In meinem Leben
ist nichts, das weise wäre. Und ich kenne nichts Schöneres, als zu
fliegen -- die Erde unter sich wegsinken zu sehen -- losgelöst zu sein
von allen Gesetzen, denen wir hier unten dienstbar sind ... Ich habe
einen Freund, der auch Flieger ist; er war nicht sehr glücklich vordem
... Nun hat er den Rausch gefunden, dem kein Ekel folgt ... dieses
Gaukeln mit dem Tode ... Mein Bruder ging in den Krieg und fand den Tod
im Meere ... Da sie mich als Soldat nicht brauchen können und meine
Mutter mir das nicht verzeiht ...«
»O Kyrill Iwanowitsch --!«
»Was wollen Sie, Mascha? Es ist so ... Sie liebt mich nicht, weil sie
nicht stolz auf mich sein kann. Und es mag närrisch sein, das gebe ich
freilich zu -- aber ich sehne mich nach der armen Rechtfertigung meines
Lebens, daß ich den Tod nicht fürchtete ... und daß meine Mutter es
erfahren wird ... ja, danach sehne ich mich sehr ...«
»Sie lieben Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch ...«
»Ja,« sagte der Mann. »Ja, ich liebe meine Mutter ... Oder ich weiß
nicht einmal, ob ich sie liebe ... Ich möchte nur, daß sie mich liebt
und daß ich ein Recht dazu hätte, es von ihr zu fordern -- da sie mir
das Recht nicht schenkt ...«
»So einsam sind Sie?« murmelte die Frau.
»Wir alle sind einsam, der eine mehr, der andere weniger, Mascha ...
Und dieses große Einsamsein macht uns zu Schwächlingen ... Jetzt
spreche ich, weil es Nacht ist und weil wir am Rande der Wüste sind
und gleichsam unkörperlich zwischen zwei Ewigkeiten. Morgen, wenn es
Tag sein wird und wir in der Stadt einander wiedersehen werden, bereue
ich es wahrscheinlich, daß ich ein Schwächling war und Sie beim Namen
meiner toten Schwester nannte, um Ihnen meine tiefste Seele in die
Hände zu schütten ... Kennen Sie die Sage von den Memnonsäulen? ...
Ich glaube, wir alle haben eine Stunde, in der wir zu klingen anfangen
... Und dann verstummen wir wieder und sind Stein ... Man sagt, die
Memnonsäulen klingen bei Sonnenaufgang ... Sie sind in mein Leben
hineingetreten, Mascha, wie ein starkes, klares Licht und haben alles
in mir zum Klingen gebracht, was steinern war ... Sie brauchen nicht
zu erschrecken ... Was ich sage, ist ganz ehrfürchtig und ohne Wunsch.
Ich habe Sie an jenem Tage -- in jener Nacht, da die ›Princeß of India‹
unterging, gesehen, wie Sie sich mit beiden Händen ins Haar griffen,
weil da auf dem untergehenden Schiffe ein Mann war, dem das Blut übers
Gesicht lief, und ich habe ihre irren Augen gesehen und die Gebärde,
mit der Sie sich ins Meer warfen ... Und ich habe Sie gesehen, wie Sie
die Augen schlossen, als ich Ihnen sagte, der Mann sei gerettet worden
... Sie haben Ihr Geheimnis, und ich rühre nicht daran. Und ich sage
Ihnen, was ich davon erriet, nur, um Sie meiner ganz sicher zu machen
...«
Beate Hoyermann faltete die Hände und hob sie vor ihre Stirn; und dann
ließ sie sie auf die Knie fallen und reckte sich in den Schultern.
»Ich will kein Geheimnis vor Ihnen haben, Kyrill Iwanowitsch,« sagte
sie fest, und die Worte fielen klingend in die Stille. »Ich habe Ihr
Vertrauen genommen wie ein Geschenk und gebe Ihnen das meine ... Der
Verwundete, den Sie auf dem Schiffe gesehen haben, war mein Mann.«
Kyrill Petulikow sagte nichts. Er wartete.
»Er hat als Heizer die Reise auf der ›Princeß of India‹ angetreten, wie
ich als Stewardeß, um nach Hause zu gelangen ...«
»Nach England?«
»Nach Deutschland ...«
Stille ...
Kyrill Petulikow hob die Hand und fuhr sich über die Stirn.
»Sie müssen Ihr Vaterland sehr lieben,« sagte er still.
»Das tun wir. Und nun habe ich's in Ihre Hände gelegt, Kyrill
Iwanowitsch, ob ich den Weg nach Hause finden werde oder nicht ...«
Kyrill Petulikow lächelte schwermütig.
»Sie irren sich, Mascha ... Selbst wenn ich wollte -- ich könnte nichts
gegen alle Ihre Schritte tun. Ich glaube, Sie sind einer von jenen
Menschen, die in ihrer Liebe gehen wie in einem Mantel aus Stahl und
Gold; nichts kann sie verletzen noch aufhalten. Wie die Heilige der
Sage gehen sie mit schlafwandlerischer Sicherheit über Drachen und
Teufel, die sich unter ihre Füße werfen ... Das Leben ist sehr seltsam,
Mascha. Immer gibt es uns so viel, daß wir von dem, was mehr wäre,
träumen müssen ... Auch das ist sehr schön ... Ich will Ihnen helfen
...«
»Geben Sie mir die Hand, Kyrill Iwanowitsch,« sagte Beate.
Der Russe nahm die Hand, die sie ihm gab, und hob sie an seine Lippen.
Aber er küßte sie nicht. Er bog den Kopf in den Nacken und gab ihre
Hand wieder frei.
»Wollen wir gehen?« fragte er, atemholend.
Beate stand auf. Sie weckten ihre schlafenden Helfer und begannen den
Abstieg, dem der Mond leuchtete.
»Ich möchte noch einmal der Sphinx ins Gesicht sehen,« sagte Beate.
Schweigend wanderten sie durch den feinen losen Sand.
Das volle Licht des Mondes lag auf dem kantigen Schädel des Rätsels der
Jahrtausende. Und um den Mund der steinernen Riesin lag der grauenhafte
Zug des Alleswissens und der Erkenntnis in das Nichts alles Irdischen.
Und ihre toten Augen, die dem Sonnenaufgang entgegensahen, waren voll
grenzenloser Gleichgültigkeit gegen das Lebende.
Schweigend, wie sie gekommen waren, gingen die Menschen.
Auf dem Heimwege nach Kairo, den Achmed der Eseljunge nur unter
standhaften Anrufungen Allahs auf sich nahm, blieb Kyrill Petulikow,
plötzlich anhaltend, stehen.
»Was war das?« fragte er und neigte den Kopf auf die Seite.
Beate hatte nichts gehört. Achmed, der an die Dämonen der Wüste dachte,
fing an, die heilige Fatah zu beten.
Über sein Flüstern hinweg ging ein heller, bretterner Ton. Es klang,
wie wenn dünne, harte Hölzer sehr rasch gegeneinandergeschlagen werden.
»Gewehrfeuer,« flüsterte Beate. Sie kannte den Laut aus ihren
ostafrikanischen Tagen.
Kyrill Petulikow trieb seinen Esel an. Achmed trabte ihm dicht zur
Seite. Er fürchtete sich anscheinend bedingungslos vor Menschen und
Geistern.
Plötzlich stieg aus dem trübgoldenen Schimmer der noch fernen Stadt
eine feine, sehr helle Flamme nadelspitz in die Luft. Und Sekunden
später folgte der Knall, den die Entfernung schwächte.
»Das sieht nicht sehr nach nächtlicher Übung aus,« murmelte der Russe.
Als sie näher kamen, schwirrte die Luft von einem grellen, doch schon
erstickenden Geschrei.
An der Nilbrücke standen zwei Posten, das Gewehr schußfertig in der
Hand. Sie verweigerten die Freigabe des Weges in die Stadt.
»Was ist denn los?« fragte Kyrill Petulikow durch Beates Vermittlung,
die sich als gute Britin auswies. Die Posten zuckten die Achseln.
Achmed schimpfte und machte sich mehrerer Beamtenbeleidigungen
schuldig. Nach einer Stunde ergebnislosen Hinundherredens kam die
Ablösung der Wache aus der Stadt, mit ihr ein Offizier, an den sich
Kate Mathew wandte, um gegen den Eingriff in die von Gott und aller
Welt anerkannte persönliche Freiheit jedes britischen Staatsangehörigen
Verwahrung einzulegen.
Der Offizier hörte sie ruhig bis zu Ende und sagte dann, ziemlich
einsilbig: »Es ist Krieg ...«
»In Ägypten --?!«
»Es scheint so ... Sie können weiterreiten ... Gute Nacht ...«
»Was heißt das?« fragte Kyrill Petulikow unterdrückten Tones, als sie
die Brücke hinter sich hatten.
Beate zuckte die Achseln. Sie atmete fieberhaft, und ihre Augen
funkelten vor Freude.
»Wartet --!« sagte sie vor sich hin, und nun sprach sie deutsch.
»Wartet nur!«
Am anderen Morgen erfuhren sie, daß in dieser Nacht zwanzig
Rädelsführer eines meuternden indischen Regiments erschossen worden
seien. Ein Pulvermagazin war in die Luft geflogen ...
Die Stadt war ruhig ...
7
»Lieber Freund!
Ich schreibe Ihnen englisch, weil mir das sicherer erscheint. Ob der
Brief überhaupt in Ihre Hände kommen wird, das weiß Gott. Vielleicht
sind Sie gar nicht mehr in Japan. Vielleicht haben Sie meine Zeilen,
die ich aus Kairo an Sie richtete und die Ihnen soviel erzählen
sollten, auch nicht mehr erhalten. Manchmal, wenn ich mir überdenke,
was ich erlebt habe, seit Sie mir im ›Garten des Freundes‹ in Ihr
kleines Boot halfen, glaube ich meiner eigenen Erinnerung nicht und bin
wie im Traum. Aber das Leben träumt nicht, das ist sehr wirklich und
läßt es uns fühlen.
Seit vierzehn Tagen sind wir nach einer endlosen und höchst
ungemütlichen Reise auf dem Gute Lisa Petulikowas. Sie würden
wahrscheinlich sehr erstaunt sein, wenn Sie dieses Gut kennenlernten.
Es ist größer als manches kleine deutsche Fürstentum, und das
Herrenhaus sieht aus wie eine große Scheune. Ein langgestreckter,
einstöckiger Kasten, grau beworfen, mit winzigen Fenstern. Das Land
ist so flach wie ein Tisch, aber nicht reizlos, namentlich nicht jetzt,
da der Schnee kniehoch liegt.
Ja, mein Freund, als wir uns trennten, war es Sommer auch hier. Nun ist
es November geworden und Winter. Seit drei Monaten weiß ich nicht mehr,
wo meine Gedanken den Mann suchen sollen, den sie lieben. Sie haben
mir redlich geholfen, den Weg zu finden, der mir versperrt zu werden
drohte, um wenigstens nach Europa zu gelangen. Nun bin ich in Europa.
Bin ich meinem Ziele näher? Ich weiß es nicht!
Die Überwachung aller Grenzen -- auch der neutralen -- ist so streng,
daß es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, ohne genügenden
Ausweis an sein Ziel zu kommen ... Sie wissen, ich kann mich nicht
deutlicher ausdrücken. Ich fürchte schon bei jedem Wort, zuviel gesagt
zu haben. Von Rumänien oder Griechenland aus wäre ich als Kate Mathew
wohl nach Österreichs Grenze gekommen -- aber als Kate Mathew nicht
hinüber. Und da wohl Kyrill Petulikow weiß, wer ich bin, aber nicht
seine Mutter, habe ich es vorgezogen, in dieser Richtung keine weiteren
Schritte zu unternehmen, sondern auf bessere Gelegenheit zu warten ...
Meine dringlichste Bitte an Sie, lieber Freund, ist nun die: Schicken
Sie einen genauen Bericht der Vorkommnisse in Japan in ihren ganzen
Einzelheiten an eine schwedische Persönlichkeit, zu der Sie Vertrauen
haben und an die ich mich wenden kann, wenn ich von Rußland aus über
Schweden nach Hause zu kommen versuche. Und teilen Sie mir mit, ob Sie
das getan haben und was Sie mir weiterhin raten. Selbstverständlich
werde ich auch alle anderen Wege einzuschlagen versuchen, aber ich
möchte die Beruhigung haben, daß ich mich im Notfall auf Sie berufen
kann und wenigstens einen ungefähren Zeitpunkt vor Augen habe, an dem
ich auf meine Heimkehr rechnen kann.
Wie ich mich danach sehne, kann ich Ihnen nicht schildern. Sie wissen
es! Denn Sie wissen, wie ich mich nach Hause gesehnt habe. Meine
Gefangenschaft hier ist eine sehr gelinde, denn Kate Mathew genießt das
Vertrauen, das die Behörden für das Haus Petulikow haben, mit. Aber
meine Nerven ertragen es doch nicht mehr allzulange, nichts zu wissen
und alles zu befürchten ... Der Krieg geht seinen fürchterlichen Weg,
und ich erhalte keine Nachricht ...
Übrigens geht es mir nicht schlimmer als den meisten russischen
Familien selbst. Die mörderischsten Schlachten werden geschlagen, aber
weder das Ergebnis noch die Verluste werden bekannt. Die russischen
Mütter und Frauen brauchen ihr ergebenes Lächeln jetzt sehr notwendig
und auch ihre Dumpfheit gegen das Schicksal. Ich, weiß Gott, besitze
weder das eine noch das andere ...
Was soll ich Ihnen noch schreiben? Meine Tage sind einförmig in
verschiedenste Pflichten eingeteilt. Die oberste heißt Lisa Petulikowa.
Sie bedarf meiner, und das macht mich ein wenig ruhig in aller
Unruhe, daß ich doch einem Menschen etwas nützen kann, wenngleich ich
tausendmal lieber in einer Seuchenbaracke daheim Pflegerin wäre. Die
Menschen hier sind gut gegen mich. Und ich bin ungerecht, ich weiß es,
denn es geht mir wohl. Aber ich wäre doch lieber zu Hause und teilte
die Not meines lieben Landes, als daß ich hier in der braven Sicherheit
der Fremde sitze.
Man redet in den Zeitungen viel von dem baldigen Ende Deutschlands.
Nun, dann wäre der Krieg aus ... Was soll ich darüber sagen? Ich kann
es mir nicht denken, daß das wahr sein soll. Wir hören hier nur die
Kriegsberichte der Entente ...
Und Kiautschou ...
Lieber Freund, Sie waren ein sehr, sehr guter Prophet ...
Was soll ich Ihnen noch erzählen? Es ist sehr schwer, Lebensberichte um
den halben Erdball herumzuschicken. Alles wird schwerfällig und unklar.
Auch muß ich immer denken, daß der Brief doch nicht in Ihre Hände
kommen wird, und das macht mich ganz unfrei.
Ich lerne Russisch. Kyrill Petulikow gibt sich viel Mühe mit mir. Wenn
nicht diese verwirrende Fülle fremder Schriftzeichen wäre, käme ich
wohl noch rascher voran. Aber ich fürchte -- oder ich hoffe, -- mein
Aufenthalt in Rußland wird nicht ausreichen, um mir die Sprache ganz zu
eigen zu machen.
Kyrill Petulikow bastelt halbe Tage und Nächte lang an seiner
Flugmaschine. Er behauptet, eine Erfindung gemacht zu haben. Ich
verstehe nichts vom Technischen, aber er hat einen ansteckenden Eifer.
Ich fange wirklich an, mich auch dafür zu interessieren. Im Grunde
genommen ist es ganz einfach. Die Beherrschung einiger Handgriffe --
nicht einmal so sehr viel körperliche Kräfte gehören dazu. Nur die
Nerven muß man in der Hand behalten -- und namentlich dann, wenn es das
Menschlichste wäre, die Augen zuzumachen und das Ende dem Zufall zu
überlassen. Manchmal denke ich ...«
Beate Hoyermann unterbrach sich im Schreiben, richtete sich auf und sah
gerade vor sich hin. Dann legte sie die Feder aus der Hand und stützte
den Kopf in die Hände.
Es war drei Uhr nachmittags und dämmerte schon. Aber das Schneeleuchten
gab noch ein feines, unirdisches Licht.
Das Zimmer, in dem Beate Hoyermann wohnte, lag im Giebel des Gutshauses
und schaute mit seinen drei niedrigen Fenstern auf das flache Feld
hinaus. Der Himmel über dem Felde war so ungetönt wie Wasser. Seit
Wochen hing er voller Schnee. Und Schnee lag, grenzenlos weit und
dicht, über dem demütigen Lande.
Beate liebte das Bild, das sich ihr von ihrem Platze aus bot, mit einer
Art von schmerzlicher Liebe. Es störte sie nicht; es war traurig und
still und paßte zu sehnsüchtigen Tagen und schlaflosen Nächten gut.
Nach Westen zu schloß ein Wald den Augenkreis -- einer von jenen
unendlichen Wäldern, die tief und unerforschlich sind wie die Wüste
und wie das Meer. Er schien ganz unlebendig; die Bäume standen
bewegungslos. Wenn eine Axt sie getroffen hätte, so wäre ein Klang
durch sie hingefahren wie von zerspringendem Kristall. Zuweilen
strichen die Krähen von ihren Horsten aufs Feld hinaus oder zum
Gutshof hinüber. Sie starben zu Tausenden in den strengen Stunden der
Frühdämmerung. Wenn der Wind ging, blies er ihre Federn in Wolken über
das fleckenlose Weiß rundum.
Tausend Schritte vom Gut entfernt lagen die geduckten Holzhäuser der
Bauern, bis an die Fenster im Schnee versunken. Manchmal -- ganz selten
-- kam ein Wagen, ein Schlitten aus der Stadt; die zwei Pferde, eins
vor das andere gespannt, dampften, daß sie kaum zu erkennen waren.
Und ihre kleinen Glocken klangen -- es war ein fast rührender Klang in
dieser furchtbaren und ihrer selbst ganz unbewußten Einsamkeit, in die
er sich verirrt hatte und sich selbst zum Trost geschaffen schien.
Beate beschloß, ihren Brief selbst in die Stadt zu bringen und auf
die Post zu tragen. Sie schloß ihn mit drei Worten, unterschrieb und
steckte ihn in den Umschlag, den sie offen ließ, schrieb die Adresse
in russischen und englischen Worten und fügte den Absender dazu. Bei
all dem dachte sie: Es ist sinnlos, daß ich es tue; Tystendal wird den
Brief nie bekommen. Aber das hoffende »Vielleicht doch!« behielt die
Oberhand.
Sie verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter, die, mit weißem
Sande bestreut, vor Sauberkeit leuchtete.
Dmitri, der Diener Kyrill Petulikows, tauchte aus dem Winkel neben
der Türe seines Herrn auf, wie ein alter lichtscheuer Kauz ins Helle
blinzelnd.
»Dmitri, wo ist dein Herr?«
Der Alte deutete mit dem Kopf nach dem Hofe hinaus, in der Richtung
der Werkstatt, die Kyrill Iwanowitsch sich eingerichtet hatte. Dmitri
sprach nicht gern. Seine Stimme war wie eingerostet und schwer aus
ihrem Verlies heraufzulocken. Aber er hatte Ohren wie eine Katze und
Augen wie ein Sperber und hätte sich für seinen jungen Herrn lebendigen
Leibes zerreißen lassen. Und er liebte die junge fremde Frau, die mit
seinem Herrn gekommen war, weil er es wohl gemerkt hatte, daß Kyrill
Iwanowitsch vom Morgen bis zum Abend nach den Händen dieser Frau
blickte, daß sie seine Herrin geworden war und daß seine Seele sich vor
ihr bückte bis auf die Erde. Da hatte sich auch Dmitri stillschweigend
in ihren Dienst gestellt.
Als er ihr den Pelz umgegeben hatte und sie die Mütze über das Haar
zog -- denn der Weg bis zum Werkstattschuppen genügte, um sich die
Ohren zu erfrieren, wenn man aus dem Süden kam --, blieb der Alte vor
ihr stehen, und seine wunderlichen Kropfbewegungen deuteten darauf,
daß Dmitri sprechen wollte, was immer, seiner Seltenheit entsprechend,
einiger Vorbereitungen bedurfte.
Beate, die mit ihren Gedanken sehr fern war, bemerkte es nicht. Sie
wandte sich zum Gehen. Aber der Alte trat ihr in den Weg und legte die
Hand auf die Klinke, die sie erfassen wollte.
Beate blieb stehen und sah ihn an.
»Nun, Dmitri!« sagte sie zuredend und lächelte, denn sie wußte, daß ihr
sehr junges Russisch auf eine harte Probe gestellt werden würde.
Dmitri bückte sich, um den Saum ihres Kleides an die Lippen zu ziehen.
»Ich bitte dich um Vergebung, Mütterchen!« sagte er, mit einer gewissen
Feierlichkeit. »Aber es ist nicht gut ...«
»Was ist nicht gut, Dmitri --?«
»Es ist nicht gut, was unser Herr tut, Mütterchen ... Ich sage es dir,
Mütterchen, und ich weiß, was ich sage ...«
»Was tut denn unser Herr, das nicht gut wäre?« fragte Beate geduldig.
Sie sah ein, daß sie so leichten Kaufes nicht davonkommen würde, und
lehnte sich gegen die Wand.
»Was er tut, Mütterchen, das heißt Gott versuchen -- in Wahrheit,
Mütterchen, das heißt Gott versuchen,« sagte der Alte und rüttelte die
aufgehobene Hand. »Sascha Alexandrowitsch, der auch ein Flieger war und
unseren Herrn dazu verleitet hat, daß er es ihm nachtut, war ein kühner
junger Mann und fürchtete den Tod nicht. Aber er liebte ihn auch nicht
-- er liebte das Leben mehr ... Aber unser Herr liebt das Leben nicht,
und das ist Sünde ...«
»Warum glaubst du, daß er das Leben nicht liebt?« fragte Beate mit
einer unwillkürlichen Schwermut, der sie sich nicht entziehen konnte.
»Du gehst ihm nicht nach, Mütterchen -- du siehst ihn nicht ... Ich
gehe ihm nach, und ich sehe ihn. Ich habe meine scharfen Augen noch,
obgleich ich alt geworden bin, und ich gebrauche sie, meine scharfen
Augen ... Wenn unser Herr zum Flug aufsteigt -- die Pest über die
Maschinen, Mütterchen: sie denken nicht, sie sind tot --, gehe ich aufs
Feld hinaus und warte, bis der Herr wiederkommt. Wenn er wiederkommt,
kreist er über dem großen Felde wie ein Adler. Ich stehe unter ihm im
Schnee und recke meine alten Arme hoch und schreie, denn ich glaube in
jedem Augenblick: nun stürzt er, dein Herr ... Aber er hört mich nicht
-- wie sollte er? Er ist viel zu hoch über mir, um mich zu hören. Und
doch kann ich das Schreien nicht lassen; es preßt mir das Herz aus dem
Halse, Mütterchen, dem Herrn zuzusehen ... Er fliegt nicht, wie die
Vögel tun ... Fliegen ist ein schönes Ding, und Sascha Alexandrowitsch
lachte immer, wenn er davon erzählte ... Aber der Herr fliegt nicht, --
er stürzt und steigt, stürzt und steigt -- wie die Lerchen tun ... Aber
eines Tages wird er stürzen und nicht mehr steigen ... Er wird fallen
und ein Loch in die Erde hineinschlagen, tief genug für ein Grab ... Er
wird das tun, weil er Gott versucht und weil er das Leben nicht liebt,
Mütterchen -- ich, Dmitri, sage es dir ...«
»Warum sagst du es mir, Dmitri,« meinte Beate und sah über den Alten
fort ins Leere, »und sagst es nicht dem Herrn selbst? Er würde auf
dich hören.«
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Er würde auf mich nicht hören und nicht auf Lisa Petulikowa und auf
Sascha Alexandrowitsch auch nicht, Mütterchen ... Er würde sagen,
daß wir töricht seien, weiter nichts. Und er würde mir vielleicht
verbieten, ihm nachzugehen und ihm zuzusehen, wenn er über dem großen
Felde fliegt ... Aber auf dich würde er hören, Mütterchen; darum sage
ich es dir. Und du mußt mit ihm reden, daß er davon abläßt, Gott zu
versuchen. Denn was er tut, ist eine schwere Sünde, für die er verdammt
werden wird, wenn er nicht davon läßt. Niemand darf sein Leben so
wegwerfen, wie unser Herr es tut ... Sprich zu ihm, Mütterchen, ich
bitte dich darum ...«
»Ich will es versuchen, Dmitri,« sagte Beate und wandte sich zum Gehen.
»Aber du mußt es nicht auf meine Schultern schieben, wenn dein Herr
auch auf mich nicht hört ...«
Dmitri antwortete nicht. Er bückte sich, um Beates Kleid zum zweiten
Male an die Lippen zu ziehen. Mit einer tiefen Verbeugung öffnete er
das schwere Haustor vor ihr und ließ sie hinaus.
Wie ein bissiger Hund sprang der Wind in den Flur hinein.
Beate hob den Muff vors Gesicht und stemmte die Stirn dem Druck der
eisigen Luft entgegen. Es schneite nicht, aber der Wind blies die
scharfgeschliffenen Kristalle von den Dächern und ließ sie tanzen; sie
zerschnitten die Haut wie unsichtbare winzige Messer. Auf dem Wege
vom Haus zum Werkstattschuppen jenseits des Hofes hatte sich der Muff
Beates vom Hauch ihres Mundes mit Eis bedeckt.
Die Werkstatt Kyrill Petulikows war ein sehr großer, niedriger Raum, an
den sich der Schuppen für die Flugmaschine anschloß. Kyrill hatte sich
die Werkstatt selbst gebaut, indem er die alte Scheune ausräumte und in
alle vier Ecken einen mächtigen Herd einsetzte. Auf diesen Riesenherden
brannten die Feuer unausgesetzt. Es wäre sonst vor Kälte nicht zu
ertragen gewesen. Im Schein der Feuer arbeitete Kyrill Petulikow am
Schraubstock. Mitten im Raum stand der rohe Tannentisch, mit Werkzeugen
aller Art bedeckt. Kyrill Petulikow hatte keinen Gehilfen; er tat alles
selbst. Und wenn Beate ihn bei seiner Arbeit beobachtete, fühlte sie,
daß dies die einzigen Stunden waren, in denen Kyrill Petulikow etwas
wie Glück empfand.
Sie trat bei ihm ein, ohne anzuklopfen. Sie wußte, daß es ihn freute,
wenn sie wie eine Schwester, unangemeldet, zu allen Stunden, zu ihm
kam. Er saß auf der Ecke der Hobelbank und prüfte das Gewinde einer
Schraube. Als er die Türe gehen hörte, hob er den Kopf und grüßte die
Frau mit seinem stillen Lächeln, das immer unerwidert blieb.
»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte Beate etwas schüchtern, da sie
russisch sprach. Ihrer Gewohnheit getreu, ging sie der fremden Sprache
mit großer Hartnäckigkeit zu Leibe. Sie versäumte keine Gelegenheit,
sich darin zu üben.
»Setzen Sie sich, Mascha,« entgegnete Kyrill Petulikow und schob mit
der Hand einen Haufen von Berechnungsplänen von einem hölzernen Schemel.
Sie setzte sich und sah ihm zu.
»Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit?« fragte sie nach einer Weile.
»Ja, Mascha ... Aber Sie kamen nicht, um mich das zu fragen, nicht
wahr?«
»Nein,« sagte sie ehrlich und sanft.
In seinem Gesicht rührte sich kein Muskel. Er nahm die Feile zur Hand.
»Ich bin gekommen,« fuhr sie fort, »um Sie zu fragen, Kyrill
Iwanowitsch, ob ich heute noch zur Stadt fahren könnte -- oder ob Sie
anders über die Pferde verfügt haben.«
»Warum fragen Sie das, Mascha?« sagte Kyrill Petulikow und sah sie
kopfschüttelnd an. »Sie wissen, daß Sie die Herrin in diesem Hause
sind, solange Sie darin wohnen. Ich bin eigensüchtig: ich hoffe,
daß es lange ist. Sie wünschen sich das Gegenteil, und ich sehe Sie
nie nach der Stadt fahren, Mascha, ohne daß ich darauf vorbereitet
wäre, Sie nicht wiederkommen zu sehen. Aber ich bitte Sie -- nicht
um meinetwillen, sondern weit mehr noch für Sie selbst und Ihren
eigenen Wunsch --: unternehmen Sie nichts Unbedachtes ... Sie kennen
Rußland und seine Verhältnisse nicht. Sie kennen vor allem nicht die
russische Polizei. Es genügt der allergeringste Anlaß, um Sie den
Behörden verdächtig zu machen. Dann wird man Ihnen den Paß abfordern,
und dann sind Sie jeder Willkür ausgeliefert. Als Ausländerin sind Sie
den Leuten sowieso eine unheimliche Erscheinung. Erkennt man Sie als
Deutsche, Mascha, so stehe ich für nichts ein ...«
»Ich werde vorsichtig sein,« versicherte sie mit einem Lächeln,
das seiner Sorge dankte. »Ich werde auch nichts unternehmen, ohne
Sie um Rat gefragt zu haben. Aber setzen Sie sich in meine Lage,
Kyrill Iwanowitsch ... Ich bin nicht Ihr Gast -- ich bin durch die
Verhältnisse eine halbe Gefangene, und während ich hier sitze und die
Hände in den Schoß lege, bricht vielleicht mein ganzes Leben zusammen,
und ich weiß es nicht einmal ... Ich will nach Hause ... Ich muß nach
Hause ... Geben Sie mir ein wenig Hoffnung, daß ich bald nach Hause
komme, Kyrill Iwanowitsch -- und ich will mich gedulden ...«
Kyrill Petulikow arbeitete schweigend. Dann sagte er: »Ich verspreche
Ihnen, daß ich in nächster Woche nach Moskau fahren werde, um mich für
Sie einzusetzen, daß man Ihrem Wege nach Schweden nichts in den Weg
stellt. Vielleicht gelingt es mir; es kommt auf die Stunde an. Niemand
kann in Rußland sagen, was ein Beamter tun wird, wenn er schlechter
Laune ist. Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit. Er ist sogar sehr
weit ... Aber ich will es versuchen ... Genügt Ihnen das?«
»Ja, Kyrill Iwanowitsch -- ich danke ...«
»Danken Sie mir nicht, Mascha,« sagte Kyrill Petulikow leise.
Sie schwiegen beide.
Kyrill Petulikow schob einen der riesigen Holzklötze, die am Herde
lagen, an die Flamme, die ihn spielend zu belecken anfing. Mit einem
verlorenen Blick sahen der Mann und die Frau dem Spiele zu; aber ihre
Gedanken gingen sehr verschiedene Wege.
»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Mascha,« begann der Russe,
»daß Sie sich beeilen müssen, wenn Sie heute noch in die Stadt wollen?
Es dunkelt früh, und die Wege sind keine Wege mehr ... Sie haben mir
nie erlaubt, Sie zu begleiten, und ich achte Ihre Gründe, obgleich
sie ein wenig schmerzlich für mich sind ... Aber Sie können mir nicht
verwehren, daß ich mich um Sie sorge ...«
»Dazu haben Sie keinen Grund, Kyrill Iwanowitsch,« antwortete Beate.
»Ich nehme mich schon in acht ... aber ich kann nicht fortgehen, ohne
Ihnen gesagt zu haben --«
»Was -- Mascha?«
Sie hob den Kopf und sah ihn an.
»Kyrill, warum spielen Sie mit dem Tode?«
Er machte eine Bewegung, mehr des Erstaunens als des Unwillens.
»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich das tue?«
»Ich weiß es, das ist genug. Warum tun Sie das, Kyrill?«
»Nun,« fragte der Russe versonnen, »und wenn ich es tue? Das Spiel ist
schön!«
Sie schüttelte den Kopf mit ernsten Augen. »Es ist ein unedles Spiel,
Kyrill Iwanowitsch ...«
Er lächelte. »Wie Sie das sagen, Mascha! -- So ernsthaft, als wenn Ihr
Herz es sagte ... Und das fragt nichts danach ... Seien Sie unbesorgt
... Wir spielen mit dem Leben oder mit dem Tode -- es kommt am Ende auf
eins heraus; nur daß das Spiel des Todes keinen Ekel kennt. Und das
ist schon viel wert ... Als ich den Gedanken faßte, Flieger zu werden,
hatte er einen Sinn. Jetzt hat die Wirklichkeit einen anderen. Und ich
liebe sie beide und weiß manchmal nicht, welcher der stärkere ist.
Das, was ich auf der Erde niemals hatte, das breite und zufriedene
Herrengefühl -- da oben habe ich es. Und wenn ich es ausgekostet habe,
was soll ich dann die Gewohnheit an seine Stelle treten lassen, und
die Übung an die Stelle der Kühnheit? Das wäre schal, Mascha -- das
wünschen Sie mir nicht ...«
»Sie sagen es also -- Sie sagen es, daß Sie das Leben wegwerfen
wollen!« rief die Frau mit einem tiefen und schönen Zorn.
Er schüttelte den Kopf. »Nicht ohne Zweck, Mascha -- ganz gewiß nicht
ohne Zweck ... Seien Sie unbesorgt ...«
Sie stand auf und legte ihm die Hände auf den Arm.
»Ich will nicht, daß Sie so reden!« sagte sie und rüttelte ihn, während
ihr die Tränen übers Gesicht liefen.
Kyrill Petulikow beugte den Nacken. Er schob ihre Hände von seinem Arm.
»Bitte, tun Sie das nicht --!« sagte er leise.
Beate Hoyermann ging.
Er sah ihr einen Augenblick nach; dann nahm er die Schraube wieder zur
Hand. Aber er arbeitete nicht. Der Widerschein der großen Feuer spielte
in seinen dennoch unerhellten Augen ...
Eine halbe Stunde später wateten die Pferde, die Dmitri lenkte, durch
den kniehohen Schnee der Straße, die zum Dorfe führte. Es war ein
weiter Weg nach der Stadt; sie würden die Gäule wechseln müssen.
Als sie das Dorf hinter sich hatten, blies der Wind über die flachen
Felder. Die Bäume am Straßenrand waren bis zu den Kronen eingeweht. Es
war nicht mehr so kalt, wie es am Morgen gewesen war; Schnee drohte in
dem tiefgespannten, gleichsam gelockerten Himmel.
Beate hatte sich an diese Schlittenfahrten auf Straßen, die keine
Straßen waren, allmählich gewöhnt. Sie wußte schon, wie man sich
festhalten mußte, um nicht zermalmt und zerschleudert am Ziele
anzukommen. Die Pferde stöhnten und dampften. Dmitri fluchte vor sich
hin und redete den Gäulen zu, indem er ihnen schmeichelte ...
»Vorwärts, vorwärts, meine Täubchen, meine Schwalben -- vorwärts,
meine Prinzessinnen, meine Edelsteine! Ihr, schneller als der Wind und
ausdauernder! Vorwärts, lauft, lauft, meine goldenen Rosen! Ihr sollt
in Hafer stehen bis an die Augen! Ihr sollt Brot und Zucker haben und
Schnaps zu saufen! Brecht euch das Genick, aber lauft!«
Schließlich erstickte auch sein Gemurmel hinter dem Vorhang aus
dampfendem Eis, zu dem sein Bart geworden war.
Im Hause des Postmeisters, wo sie die Pferde wechseln mußten, war
Beate wohlbekannt; sie hatte immer die Taschen voll Süßigkeiten für das
Kindergewimmel, das vom ersten Schneefall bis zur Schmelze nicht vom
Backofen herunterkam.
In dem niedrigen halbdunklen Raum, der vor Hitze zu beben schien,
knisterten die Holzkohlen des Samowars, und es dauerte keine Minute,
daß vor Beate das glühende Glas mit frischem Tschai stand. Während
Dmitri und der Postmeister die Pferde aussträngten und wechselten, saß
Beate am Herde und ließ die Kinder auf sich herumklettern, und unter
ihren Füßen balgten sich friedlich die Schweine und die Hühner -- die
Überreste des Paradieses, auf die mit weltabgewandten Augen die bunten
Heiligenbilder niederblickten.
Es war völlig Abend geworden, als Dmitris Schlitten in die Stadt einbog.
Die Stadt war nicht groß -- ein sehr weit vorgeschobener Vorposten von
Mütterchen Moskau. Zur Zeit des Friedens hatte sie einen starken und
gesunden Pulsschlag. Aber der Krieg hatte ihr das beste Blut aus den
Adern gepumpt; das dralle junge Weib war zur Vettel geworden.
Wie immer, wenn sie in die Stadt fuhr, hatte Beate alle Hände voller
Aufträge für das Gut. Aber da es ihr darum zu tun war, möglichst rasch
wieder nach Hause zu kommen, übertrug sie die Erledigung der Hälfte
Dmitri und erklärte ihm, sie werde sich zu Fuß auf den Weg machen, das
übrige besorgen und nach einer Stunde im Gasthof sein, wo er ausspannte.
Dmitri war mit dieser Anordnung durchaus nicht einverstanden. Und er
wußte, auch sein Herr hätte es nicht geduldet, daß die Frau, die er
Mascha nannte, zu Fuß wie eine Bäuerin durch die schmutzigen Gassen der
Stadt lief, sich neben stinkende Weiber in die Läden drängte und sich
mit den betrügerischen Hundesöhnen von Kaufleuten bei jedem Handel um
dreißig Kopeken die Lunge aus dem Halse schreien mußte.
Aber Dmitri hatte den bedingungslosen Gehorsam der Leibeigenen noch
im Blute; er widersprach nicht; er bückte sich vor der jungen Frau
und tat, wie sie ihm gesagt hatte ... In einer Stunde, wie die Herrin
befohlen, würde er wieder zur Stelle sein, gut, gut ... Gott schütze
dich, Mütterchen ...
Beate ging zuerst nach der Post und gab ihren Brief an Tystendal
auf. Um zu bezahlen, zog sie ihre Pelzhandschuhe aus, die sie
behinderten. Ein Mann stieß an sie an; die Handschuhe fielen zu
Boden. Er entschuldigte sich sehr höflich und bückte sich, um seine
Ungeschicklichkeit wieder gutzumachen. Beate dankte freundlich und
gedankenlos. Sie verließ das Postgebäude und sah nach ihrem Zettel,
auf den sie die notwendigen Besorgungen aufgeschrieben. Sie konnte ihn
aber nicht finden.
Sie entsann sich, daß sie ihn in den rechten Handschuh gesteckt, um ihn
immer griffbereit zu haben. Wahrscheinlich war er ihr bei dem kleinen
Zwischenfall in der Post verlorengegangen. Sie nahm es nicht sehr
schwer. Sie hatte ein gutes Gedächtnis und würde wohl nichts vergessen.
Schlimmstenfalls wiederholte sie an einem der nächsten Tage ihre Fahrt.
Sie blickte auf die Uhr und setzte ihren Weg beschleunigten Schrittes
fort. Die Zeit drängte. Lisa Petulikowa liebte es nicht, wenn sie
warten mußte.
Als Beate auf die Straße trat, hörte sie in der Entfernung lebhaftes
Schreien und Rufen, ohne sonderlich darauf achtzuhaben. Aber das
Schreien lief ihr in den Weg. Es spülte sich von weit her heran wie
eine ständig steigende Flut, auf der, gleich weißen Gischtflocken,
die hellen Stimmen von Weibern tanzten. Was sie riefen, war nicht zu
verstehen, aber das Brausen der Rufe war nicht freundlich.
Unwillkürlich blieb Beate stehen. Kyrill Petulikow hatte ihr genug von
den Aufläufen in russischen Städten erzählt, daß sie wünschen mußte,
keinem zu begegnen. Sie sah sich um, unschlüssig, wohin sie sich wenden
sollte. Aber sie kam nicht dazu, für sich selbst einen Entschluß zu
fassen. Was sie sah, mehr noch als was sie hörte, hielt sie fest auf
der Stelle, wo sie stand.
Am äußersten Ende der Straße, in der das Postgebäude lag, erschien ein
Mensch -- ein Mann, der in lang flatterndem Kaftan, barhäuptig, in
Sprüngen wie ein gehetzter Hund, über den Schneeschlamm des Fahrweges
setzte. Den Kopf über die Schulter gewandt, rannte er taub und blind
drauflos. Beate sah, daß er alt war; die langen, schmutzigen Locken
hingen ihm grau um das zerpflügte Gesicht. Der Mund stand ihm offen;
bei jedem Sprunge, den er tat, pfiff ihm der Atem durch die klaffenden
Lippen.
Die Menschen auf der Straße blieben stehen und gafften. Ein Jude, der
um sein Leben lief -- nun ja, was weiter? Die einen spuckten aus, die
anderen lachten ...
Aber dann überlegten sie ... Warum lief der Jude um sein Leben? Er
wurde verfolgt -- was hatte er getan? Gleichgültig, was er getan hatte
... Man mußte ihn aufhalten ... He --! He ...! Zwei -- drei -- fünf der
Gaffer schlossen sich zu einem neuen Trupp von Verfolgern zusammen.
Aus der Richtung, von der der Flüchtende gekommen war, schwoll das
Geschrei näher heran. Immer spritzten die gellenden Stimmen der Weiber
über das dumpfere Brausen hinaus. Jetzt spülten sie um die Ecke, die
ersten trüben Wellen einer Empörung, die satt werden wollte.
»Haltet den Juden fest --! Haltet ihn fest, den Hundesohn --!«
Schrille Pfiffe von rechts, von links ...
»Was hat er denn getan -- was --? Was ...?!«
Nun, was wird er getan haben! Es war eine sehr einfache Sache ... O,
es gab noch eine Gerechtigkeit auf der Welt --! Die Gerechtigkeit soll
leben ...
Michail Michailowitsch war ein guter Wirt; seine Kneipe erfreute sich
des regsten Besuches, denn er war ein gemütlicher Mann und verstand
es, zur rechten Zeit beide Augen zuzudrücken ... Nein, niemand hatte
Ursache, sich über Michail Michailowitsch zu beklagen ...
Aber der Zar -- Gott segne ihn! -- hatte in seiner Weisheit verboten,
daß irgend jemand im russischen Reiche Schnaps ausschenken sollte.
Gegen den Willen des Zaren gab es keine Auflehnung. Es wurde kein
Schnaps mehr ausgeschenkt; die Welt wurde so nüchtern wie am ersten
Tage ihrer Schöpfung.
Doch das Unglück -- oder die Gerechtigkeit (für die Sünder ist die
Gerechtigkeit immer das Unglück) -- wollte es, daß gestern Abend
ein paar Dutzend Soldaten in die Stadt einrückten, die nach Moskau
weiterbefördert werden sollten. Es war Krieg, und man brauchte die
Soldaten, gut --!
Als sie ankamen, waren sie so nüchtern wie frisches Stroh. Heute
hatte man sie sternhagelvoll in sämtlichen Kammern der Kneipe Michail
Michailowitschs zusammensuchen müssen.
Die Offiziere hatten geflucht, daß die Fenster bebten. Sie hatten
geschworen, der Ursache dieser Schweinerei auf den Grund zu kommen. Sie
hatten den Wirt in den Hof geschleppt und ihm mit der blanken Klinge
unter der Nase herumgefuchtelt: »Kerl, wo hast du den Schnaps her, den
du gestern nacht an die Soldaten verkauft hast --?! Weißt du nicht, du
Dreckseele, daß es verboten ist, Schnaps zu verkaufen --?!«
Michail Michailowitsch fiel auf die Knie und beschwor seine sämtlichen
Ahnen in ihren Gräbern: er hatte keinen Schnaps -- nicht ein Fäßchen,
nicht ein Glas voll, so wahr er selig werden wollte!
Aber die Juden hatten Schnaps -- ja, die verbargen ihn in ihren Kellern
...
Sein Nachbar -- der hatte Schnaps! Man mußte nur suchen! Die Fässer
würden ja wohl noch übrig sein.
War sein Nachbar ein Jude --?
Ein polnischer Jude, meine Herren -- ein krummer Hund, der es mit den
Deutschen gehalten hatte. Niemand wußte, mit wem er es jetzt hielt --
er trieb sich in den Nächten viel draußen herum ... Wenn man seiner
habhaft wurde, kam sicherlich manches an den Tag, wovon man sich bis
heute nichts hatte träumen lassen ...
Aber der Jude wartete es nicht ab, daß man ihn fing wie eine Maus in
der Falle. Er kannte die russischen Gefängnisse und die russische
Polizei. Und er wußte, wenn die russische Polizei einen Schuldigen
brauchte, dann fand sie ihn, und wenn der, den sie finden wollte, ein
Jude war, dann war er schuldig, und hätte der Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs selber für seine Unschuld gezeugt.
Die Keller des Juden waren ebenso frei von gefüllten wie von leeren
Fässern, und drüben bei Michail Michailowitsch brauchte man nur ein
paar Säcke voll Lumpen wegzuräumen, um zu entdecken, was man suchte.
Aber Michail Michailowitsch war ein getreuer und gehorsamer Untertan
des Zaren und ein gutgläubiger Christ, und er würde einen Eid schwören,
so hoch und teuer man es nur irgend von ihm verlangte, daß er von dem
Vorhandensein der Fässer nichts geahnt bis zu dem Augenblick, da man
sie ihm zeigte -- und daß der verfluchte Hund, der beschnittene, die
Fässer heimlich in den Keller von Michail Michailowitsch geschafft
hatte, um ihm zu schaden ...
Der Jude, dem die Verfolgung von Jahrhunderten ein gutes Gehör vererbt
hatte, lief, sobald der Tumult in der Nachbarschaft nach der Polizei
schrie, zu seiner Frau und seiner Tochter, die an der Schwindsucht
litt; er jagte sie, wie sie gingen und standen, auf die Straße hinaus
-- durch die Hintertüre, nach der Judengasse. Er ließ ihnen nicht so
viel Zeit, sich warm anzukleiden. Die Kälte konnte barmherzig sein --
die Polizei gewiß nicht ...
Die Frau warf der Tochter eine Tischdecke um den Kopf und die
Schultern; sie hasteten über die unerhellten Stiegen ihres Hauses. Die
Frau hielt die Hintertüre offen und schrie nach ihrem Manne. Sie wollte
nicht ohne ihn davon.
Aber er jagte sie -- er fand harte Worte für die schlechte Mutter, die
ihr Kind in die Hände der Henker fallen lassen wollte ... Willst du
wohl gehen --?!
Das Weib und das Mädchen drückten sich schluchzend an den Mauern
entlang; sie wandten bei jedem Schritt die Köpfe nach dem Gatten und
Vater. Aber der kam nicht.
Es war nicht genug, daß er Frau und Kind zur Flucht verholfen -- er
mußte auch die Verfolger auf sich hetzen -- er selbst ... Sie durften
nicht Zeit gewinnen, um nachzuforschen, wieviel Türen das Haus des
Juden hatte ...
Und er rannte und rannte. Und die Meute hinter ihm drein ... O, es war
eine lustige Jagd, wahrhaftig! Sie rafften Schneeballen auf, so groß
wie Kindsköpfe. Steine waren darin versteckt und Eisklumpen ... Um so
besser flogen sie. Und wie sie flogen --! Da hatte einer den Juden am
Kopfe getroffen ... Taumelst du, Jude --? Du sollst noch ganz anders
taumeln --! Wartet, wartet --! Sperrt ihm den Weg ab! O zum Teufel,
ihr seid nicht schnell genug! Er hat Feuer unter den Sohlen, der Jude
--! Da ist er euch unter den Händen entwischt ... Gelächter, Fluchen,
Pfeifen ...
Und plötzlich ein wiehernder Schrei -- er liegt! Er liegt --! Ein
Klumpen Eis -- wer hat ihn geworfen? es muß, bei den Heiligen, eine
wackere Faust gewesen sein! -- der hat ihn zwischen den Schultern
getroffen. Und da ist er gestolpert und gefallen ...
Nun liegt er im Schneeschlamm, der ihm den Mund füllt ... Ersticken
sollst du daran, schmutzige Bestie ... Aber erst sollst du gestehen: Wo
hast du den Schnaps her, Hundesohn --?!
»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren ...«
Seht doch, seht doch -- sie will leugnen, die Dreckseele! Hund, man
wird dir das Geständnis aus allen Gedärmen treten --! Wo hast du den
Schnaps her -- hörst du nicht? Sie wollen eine Antwort, die Frager ...
»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren! Ich habe keinen! Und wenn ihr
mich totschlagt, ich weiß nicht, was ihr wollt --!«
»Man wird dich totschlagen, sei ganz ruhig -- aber alles zu seiner
Zeit! Erst gestehe! Du hast den Soldaten gestern Schnaps verkauft!«
»Nein, nein, nein --!«
»Willst du die Wahrheit sagen, du Mistkäfer?!«
»Ich sage die Wahrheit ...«
Er sagt sie mit blutigem Munde. Er liegt am Boden, sie lassen ihn nicht
aufstehen. Fußtritte regnen auf seinen Rücken, auf seine Hüften. Er
soll gestehen. Er gesteht nichts, weil er nichts zu gestehen hat. Sie
müssen von ihm ablassen -- es ist nichts aus ihm herauszubekommen.
Aber die Menge hat einen Gedanken! Daß man nicht schon viel eher
auf diesen erleuchteten Gedanken gekommen ist! Mag sein, daß dieser
Jude nichts zu bekennen hat, daß er sogar unschuldig ist, so
unwahrscheinlich das auch wäre ... Aber es gibt viele Juden in der
Stadt! Wenn man bei denen nachforschte ...
Begeistert greifen sie den Gedanken auf ...
Zum Judenviertel --! Zum Judenviertel!
Was scheren sie sich noch um den Einzelnen, der am Boden liegt und dem
das Blut aus Nase und Mund läuft und den Schnee rot färbt ... Jetzt
haben sie höhere Ziele ... Die Polizei setzt sich an die Spitze der
Menge ... Hunderte, Tausende folgen ihr. Das Geschrei löst sich auf
in johlende Lieder. Sie müssen sich Luft machen; die Begeisterung
macht sie trunken. Es gilt eine heilige Sache -- eine herrliche Sache,
Brüderchen ... die Juden haben unseren Herrn ans Kreuz geschlagen ...
wir wollen ihn rächen ... Wer nicht mittut, ist ein schlechter Christ
und ein Lump ...
Beate steht, die Hände rückwärts an die Hauswand stemmend; ihre Augen
klaffen vor Grauen und Entsetzen und jammervollem Mitleid. Sie will
schreien, aber der Laut erstickt ihr auf den Lippen. Sie will sich
wehren, aber sie muß mit. Wenn sie nicht zertreten und zerrissen sein
will von der Horde, die der Mordrausch toll gemacht hat, dann muß sie
mit, eine Welle im siedenden und brodelnden Strom. Und sie taumelt
vorwärts und sieht -- muß sehen und hören ...
Ohne Füße gleichsam geht sie diesen Weg ...
In der Judengasse sind alle Fenster und Türen geschlossen und
verriegelt. Seht doch -- das schlechte Gewissen! Wie sie sich
verkriechen! Wie sie ihre stinkenden Höhlen verrammeln! Es soll euch
nichts nützen -- ihr Kinderschlächter!
Wo haben sie die Äxte, die Hacken, die Steine her? Niemand weiß es.
Aber mit einem Male sind alle Fäuste bewaffnet und hochgeschwungen. Ein
Steinhagel prasselt gegen das erste beste Haus ... Kriech aus deinem
Loch, du Hundeseele ...!
Willst du nicht? Nur Geduld -- Geduld, sie werden dich schon holen --!
Ein Axthieb schmettert gegen die Haustür ... Weicht doch zurück, zum
Teufel -- ich kann nicht ausholen ... Zum zweiten Male ... klingend
trifft Eisen auf Eisen ... das Schloß kreischt und singt ...
Die gutgefügten Bänder platzen beim vierten, fünften Hieb ...
Aber die Türe gibt noch nicht nach, so wütend sich auch die Schultern
des Stärksten dagegen pressen. Sie haben den Eingang durch Möbel
verstellt -- o, einmal werden sie doch nachgeben müssen ... fester --
fester --! Noch einmal -- hoi --!
Nun haben sie's erzwungen ... Sich stauend, stoßend und drehend
schwemmen die Angreifer in das gestürmte Haus ...
Die Weiber bleiben auf der Straße. Mit offenen Mäulern und zuckenden
Fäusten. Die Männer werden ihnen die Beute schon zutreiben; sie
brauchen sich keine Mühe zu geben, selbst die Judenbrut aus den
Schlupfwinkeln zu zerren.
Im Innern des Hauses erhebt sich ein jämmerliches Geschrei ... Sie
schleifen die Kinder aus den Betten, in die sie sich verkrochen hatten
... Ein junges Weib, eine Mutter, der das Haar in langen wirren
Strähnen um die zerkratzten Wangen hängt, klammert sich an den Arm
eines Kerls, der so lang ist wie Saul und einen Säugling hoch über
seinen Kopf hält ...
»Gib deinen Schmuck her, Judenhexe, oder ich schlage dir mit deinem
eigenen Wechselbalg den Schädel ein ...!«
Das Weib reißt sich die dünnen Goldringe aus den Ohren, zwei, drei
Ringe von den Fingern ...
»Da -- da, nimm --!«
»Das ist nicht genug ... Du hast mehr, viel mehr, meine Taube --!«
»Nein, Herr, nein -- lieber, guter Herr, ich habe nicht mehr! Will ich
tot hinfallen, wenn ich mehr habe!«
»Such nur -- du wirst schon noch was finden, das du vergraben hast!«
»Herr, Herr -- ich habe nichts mehr -- nichts!«
»Such, Hündin -- sage ich dir!«
Das Kind schreit auf ...
Und das junge Weib, dem die Verzweiflung fast die Augen aus den Höhlen
treibt, greift nach ihm, kann es nicht erreichen -- springt mit
versagenden Flechsen, unter dem johlenden Gelächter der anderen -- und
wendet sich plötzlich, reißt laut heulend alle Fächer, alle Schränke,
alle Schübe auf, daß die Kästen herausfallen und ihr Inhalt sich in den
Stuben verstreut ...
»Da --! ... Da -- ... da --!!«
Fluchend bückt sich der Kerl und läßt das Kind fallen. Das Weib fängt
es auf, wendet sich zur Flucht.
»Wohin willst du, Kröte --? Hiergeblieben!«
Sie duckt sich, kriecht in eine Ecke, hält ihr Kind auf dem Schoß und
schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.
Die Beute war ganz gut -- aber sie muß noch besser werden. Das lohnt
sich nicht, das Gewerbe ... Was ist da unten los? -- Ein junger Bursche
spielt auf der Ziehharmonika.
O Nikolai Sontscheff -- du bist eine Seele -- ein Gemüt von Wachs ...
Und außerdem bist du betrunken, Brüderchen! Wo hast du den Schnaps her
--?
Nikolai Sontscheff gröhlt aus vollem Halse:
»Meines Mädchens rote, rote Lippen ...«
Zum Teufel mit den roten Lippen deines Mädchens, Geizkragen -- wo hast
du den Schnaps gefunden --?
Geht zu Michail Michailowitsch, ihr Narren -- er wird ihn euch schon
verschaffen! Michail Michailowitsch ist ein braver Junge und schlauer
als ihr Dummköpfe alle miteinander ...
Nimm dich in acht, Brüderchen -- du wirst dich um den Hals reden ...
die Polizei ist da ...
Hol' der Henker die Polizei -- wo ist sie?
Verschwunden ...
Was ging es die Polizei an, wie sich das Volk mit den Juden
auseinandersetzte? Michail Michailowitsch hatte jedem der Beamten
zwanzig Rubel in die Hand gedrückt ... Gott segne ihn ... Die Polizei
hatte seine Keller durchsucht und nicht das geringste gefunden. Das
genügte für eine Berichterstattung vollständig. Michail Michailowitsch
war ein Ehrenmann; wenn man ihm ein Winkchen gab, fand die Polizei
vielleicht Gelegenheit, die zwanzig Rubel auf gute Weise wieder
loszuwerden ...
Was in der Judengasse vorging, stand auf einem ganz anderen Blatt ...
Nikolai Sontscheff kletterte auf einen Mauervorsprung. Er schrie, bis
alle auf ihn horchten.
Was wollt ihr hier in der jämmerlichen Gasse, in den Rattenlöchern, ihr
Esel und Narren! Warum, wenn ihr euch schon das Vergnügen machen wollt,
die Juden auszuräuchern und ihre starren Beutel ein wenig zu schröpfen
-- warum, im Namen der ganzen Hölle, frage ich euch, geht ihr nicht
dahin, wo das Gold in Haufen zu finden ist --? Warum sucht ihr nach dem
Abfall, wo ihr die ganze Tafel voller Herrlichkeiten haben könnt --?
Er hat Recht --! Freilich hat er Recht, der wackere Nikolai --!
Vorwärts, vorwärts -- zu den Reichen! Zu den verdammten Blutsaugern,
die auf ihren Goldsäcken sitzen! Wir wollen sie heruntertreiben, bei
den Heiligen! Sie sollen uns Gold und Kleider, zu essen und zu trinken
geben! Wir wollen an ihren Tischen sitzen, in ihren Betten schlafen ...
Ihre Weiber sollen uns bedienen ... Wir wollen sie tanzen machen --
hoch Nikolai Sontscheff -- hoch --!
Hierhin, dahin brandeten die Wellen -- wo war der kürzeste Weg zum
Ziel? Da lag ein Garten mitten vor ihnen, verschneit und einsam -- das
Haus hinter den Bäumen mit toten Fenstern, geschlossenen Läden, ein
Bild der Verlassenheit.
Wem gehört der Garten, wem gehört das Haus --?