Kyrill warf das Geld in den Schnee.

»Vorwärts, vorwärts --!«

Beate streckte ihre beiden Hände aus.

»Du wirst noch von mir hören, Nathan -- du wirst noch von mir hören!«

rief sie fast schluchzend.

Der alte Jude nickte und lachte.

»Wird mer sein e hohe Ehre und e Freid!« rief er zurück.

Sein Sohn stand still neben ihm. Die listigen und die schwermütigen

Augen des Morgenlandes schauten der Frau nach, die sich zu ihnen

umwandte, so lange sie konnte. Dann gab der alte Nathan Löb seinem Sohn

einen Stoß.

»Gott der Gerechte, Jakob, was stehste da wie Lots Weib? Haste die

Sprach' verloren?«

Der junge Jakob Löb antwortete seinem Vater nicht. Er ging zu seinen

Pferden. Der alte Nathan schaute ihm kopfschüttelnd nach. Aber er

fragte nicht weiter. Sie fuhren schweigsam davon ...

Auch Kyrill und Beate schwiegen zunächst.

Noch immer war die Frau in einem Zustand halber Betäubung, der sich

zum Unglauben gegen sich selbst steigerte, wenn sie dachte: Hier,

auf dieser selben Straße, bin ich gestern gefahren -- es ist noch

keine vierundzwanzig -- noch keine zwölf Stunden her -- und was liegt

dazwischen ... Und was soll nun noch kommen?

»Kyrill Iwanowitsch ...«

»Was wünschen Sie, Mascha ...«

»Warum reden Sie nicht zu mir?«

Der Russe zögerte mit der Antwort. Dann sagte er, mit dem gleichen

bitteren und herben Ton, den sie schon einmal von ihm vernommen: »Ich

schäme mich dessen, was Sie erleben mußten, Mascha -- bei Gott, ich

schäme mich dessen ...«

Sie verstand ihn recht gut.

»Ich weiß Unterschiede zu machen, Kyrill Iwanowitsch, und werde mich

hüten, Ihr Vaterland nach seinen Gefängnissen und seinen Polizisten zu

beurteilen ...«

»Alles in einem Lande ist ein Maßstab -- im guten wie im schlechten,«

antwortete der Russe. Beate schwieg.

Kyrill Petulikow wandte sich um, aber nicht nach ihr. Er sah die Straße

zurück, die sie gekommen waren.

»Schauen Sie nach den Juden aus?« fragte die Frau.

»Nein ...«

Er hieb auf die Pferde ein, zweimal -- dreimal ... Der Schlitten sprang

über Schneewellen und Straßenlöcher. Kyrill Petulikow hatte drei der

Pferde vorgespannt -- die anderen drei trabten frei nebenher.

»Kyrill Iwanowitsch!«

»Mascha --?«

»Ich wollte Sie fragen ... warum schicken Sie Ihre Leute vom Gut davon?«

Abermals wandte der Russe den Kopf über die Schulter. Und spähte ...

»Mag sein, daß es besser für sie ist ...«

»Das verstehe ich nicht, Kyrill ... Wollen Sie nicht offen mit mir

reden?«

»Später, später ...«

Sie kamen an die Postmeisterei.

Kyrill Iwanowitsch sprang vom Schlitten und donnerte an die Haustür.

Ein Licht wurde hinter den trüben Scheiben angezündet. Der Postmeister

kam; er hatte in den Kleidern geschlafen und glotzte verwundert, als er

den gnädigen Herrn vom Gut erkannte.

»Hast du Pferde, Andrej Ljonotschka --?«

»Nein, Herr.«

»Du hast Pferde, gib sie her.«

»Ich hab' keine zum Totfahren übrig, Herr -- oder willst du sie

tauschen?«

»Ich will sie weder totfahren noch tauschen -- ich will sie kaufen, für

mich, verstehst du, Andrej Ljonotschka.«

»Ich will sie nicht verkaufen -- ich will sie eintauschen gegen zwei

von den deinen, Herr, anders nicht ...«

»Kerl, du wirst mir die Pferde geben, die du im Stalle hast, oder ich

zünde dir das Haus überm Kopfe an ... Vorwärts, bring sie her!«

Andrej Ljonotschka wehrte sich bis an die Grenze der Grobheit, aber

Kyrill Petulikow blieb Sieger. Er holte sich die Pferde selber aus dem

Stall, bezahlte sie um das Doppelte ihres Wertes und koppelte sie mit

denen zusammen, die frei liefen.

Sie hatten vor der Postmeisterei eine Viertelstunde Aufenthalt gehabt.

Während der ganzen Zeit hatte Beate das Schreien des kleinen Kindes

gehört, und es hatte ihr weh getan. Sie suchte nach etwas, das sie

ihm hätte schenken können. Aber sie besaß nichts mehr. Sie nahm das

seidene Tuch, das sie um den Hals getragen, und gab es dem Manne, der

verdrossen unter der Türe stand.

»Gib es deinem kleinen Kinde um, wenn es ins Freie geht,« sagte sie.

Andrej Ljonotschka bückte sich bis zur Erde. Er rief dem Schlitten

seine Segenswünsche nach, bis er das Geläut der kleinen Glocken nicht

mehr hörte.

Beate blickte nach ihm zurück.

»Was ist das, Kyrill Iwanowitsch?« sagte sie.

Er wandte den Kopf.

»Was -- Mascha --?«

»Dort hinten -- sehen Sie? Die kleinen schwarzen Punkte im Schnee ...

Ist das Nathan Löb mit seinen Pferden?«

Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er peitschte auf die Pferde, daß

sie sprangen. Der Schlitten tanzte wie ein Boot bei schwerer See --

gerissen und geschleudert. Beate Hoyermann beugte sich vor zu dem Manne.

»Sind es Wölfe, Kyrill Iwanowitsch?«

»Wir haben hier keine Wölfe.«

»Wer ist dann hinter uns? -- Und warum lassen Sie die Pferde so rasen?

Das ist unbarmherzig, Kyrill Iwanowitsch!«

»Vorwärts, vorwärts, meine Schwalben!« schrie der Russe. Die Nagajka

sauste durch die Luft.

»Kyrill -- Kyrill Iwanowitsch --!«

»Vorwärts, vorwärts, meine Lieblinge -- meine Falken --!«

»Kyrill« -- Beate Hoyermann richtete sich auf, hielt sich mit der einen

Hand krampfhaft fest und versuchte mit der anderen, dem Manne in den

Arm zu fallen -- »Kyrill, haben Sie den Verstand verloren --?!«

Keine Antwort. Kyrill Petulikow schlug auf die Gäule ein und rief ihnen

zu. Sie galoppierten, daß ihre Hufe nicht mehr zu unterscheiden waren.

In großen Flocken flog der Schaum von ihren Mäulern.

Beate rüttelte die Schulter des Mannes mit aller ihrer Kraft.

»Ich will jetzt wissen, was das bedeutet!« rief sie leidenschaftlich.

»Später, später, Mascha!«

»Jetzt auf der Stelle --! Ich bin kein Kind. Ich habe genug erlebt,

um noch mehr ertragen zu können! Aber ich will wissen, um was es sich

handelt!«

»Sind sie uns näher gekommen?«

Beate wandte sich um.

»Nein ... Nun sehe ich sie überhaupt nicht mehr ...«

»Wir haben die besseren Pferde,« murmelte Kyrill Petulikow.

»Die besseren -- als wer?« fragte Beate zupackend.

»Als die Kosaken ...«

»Was gehen uns die Kosaken an, mein Gott!«

»Haben Sie vergessen, Mascha, daß Sie vor zwei Stunden noch eine

politische Gefangene waren -- der Spionage angeklagt?«

»Nun --?!«

»Waska hat gute Freunde unter guten Reitern -- und er wird ihnen

nicht verschwiegen haben, daß hier vielleicht noch einmal ein fettes

Trinkgeld zu holen wäre ... Das wollen sie sich nicht entgehen lassen

... Und ich habe sie erwartet. Warum soll ein Verräter nicht zweimal

verraten -- nach rechts und nach links? Er ist vielleicht mitten unter

ihnen ...«

»Und --« Beate fiel im Schlitten auf die Knie ... »und wenn sie uns

einholen?«

»Sie holen uns nicht ein ...«

»Vielleicht nicht unterwegs ... Aber wenn sie aufs Gut kommen?«

»Darum schicke ich die Leute fort ...«

»Und wir --?«

»Wir -- wir werden nicht mehr auf dem Gute sein, wenn sie kommen.«

»Kyrill Petulikow, wohin wollen Sie mich bringen --?!«

Der Mann wandte den Kopf. Für einen Augenblick sahen sie sich ganz nahe

in die Gesichter.

»Wohin ich Sie bringen will? -- Nach Deutschland ...«

Beate stieß einen Schrei aus, den ihre eigenen Hände erstickten.

»Nicht scherzen, Kyrill Iwanowitsch --! Damit nicht --!«

»Bei der Liebe Gottes, Mascha, meine Schwester -- es ist kein Scherz!«

»Kein Scherz --? Ich soll ... ich soll nach Deutschland kommen?« Beate

Hoyermann schluchzte auf; sie lachte, und die Tränen liefen über ihr

Gesicht. »Ich soll nach Deutschland kommen?!«

»Wenn nicht ein Unglück geschieht, Mascha, ja -- dann werden Sie nach

Deutschland kommen!«

»Aber wann -- mein Heiland im Himmel -- wann --?«

»Heute noch -- noch an diesem Morgen ...«

»Heu ...« das Wort erstarb ihr auf den Lippen. Sie richtete sich

auf. »Verlangen Sie von mir, daß ich an Wunder glauben soll, Kyrill

Iwanowitsch?«

»Es bedarf keines Wunders ... Sie brauchen dazu nichts als einen Freund

und eigenen Mut ...«

»Mut habe ich.«

»Wirklich, Mascha? Unbedingten, tollkühnen, todverachtenden Mut --?«

»Allen Mut, den Sie wollen, wenn es sich darum handelt, nach

Deutschland zu gelangen.«

»Das ist gut,« sagte Kyrill Petulikow. »Dann haben Sie auch den Freund,

den Sie brauchen.«

»Sind Sie es, Kyrill Iwanowitsch?«

»Ja, meine Schwester ...«

Sie legte ihre Hände auf seine Schulter. »Ich glaube Ihnen,« sagte sie

einfach. »Ich werde tun, was Sie von mir verlangen. Was haben Sie mit

mir vor?«

»Vertrauen Sie mir Ihr Leben an?«

»Das tue ich.«

»Ohne sich zu besinnen?«

»Ohne mich zu besinnen.«

»Danke, Mascha ... Wenn mein Plan mißlingt, dann werden wir wenigstens

~beide~ nicht mit dem Leben davonkommen. Aber ich werde das

Menschenmögliche tun. Ich werde Sie im Flugzeug mit mir nehmen, die

deutsche Grenze zu überfliegen versuchen und Sie auf deutschem Boden

landen ... Das ist alles ...«

»Kyrill -- Kyrill!«

»Wollen Sie --?«

»Herr mein Gott -- Herr mein Gott ...«

»Sie sagten eben, daß Sie mir Ihr Leben anvertrauten -- und nun nehmen

Sie Ihr Wort zurück ...«

»Nicht um meinetwillen, Kyrill Iwanowitsch! Bei Gott, nicht um

meinetwillen! Es geht auch um ~Ihr~ Leben ...«

»Nun, was weiter?«

»Was weiter? -- Und Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch?«

Er lachte. »Meine Mutter ist in Moskau sehr in Sicherheit, Mascha, das

dürfen Sie mir glauben ... Und wenn ich ein Unglück hätte, so wäre es

das meine und nicht das meiner Mutter. Auch das dürfen Sie mir glauben

... Sprechen wir nicht mehr, Mascha! Achten wir auf den Weg ... Wir

brauchen noch zehn Minuten ... Können Sie die Reiter hinter uns jetzt

sehen?«

»Ja, ich sehe sie.«

»Sind sie uns nahe?«

»Sie sind so groß wie Krähen, Kyrill Iwanowitsch ...«

»Sie konnten keine frischen Pferde haben -- das war gut,« sagte der

Russe. Er ließ die seinen rasen, als sollten sie den Wind einholen, der

über sie wegjagte -- der von Westen kam. Weder er noch Beate sprachen

mehr ein Wort. Und wenn er sprach, galt es den Pferden ... »Vorwärts,

meine Falken, meine schnellen Falken ...!«

Ein schwarzer Fleck im Schnee, so tauchte das Gut vor ihnen auf. Noch

unterschieden sie kein Licht.

»Mascha!«

»Kyrill Iwanowitsch?«

»Sehen Sie die Verfolger noch?«

»Sie sind näher gekommen ...«

»Wie nahe --?«

»Ich kann es nicht schätzen, Kyrill Iwanowitsch ... Sie sind so groß

wie Füchse ...«

Der Russe stand auf. Im Stehen holte er aus und wirbelte die Nagajka um

den Kopf.

»Vorwärts, meine Falken, meine Tauben, vorwärts --!«

Die ersten Bäume des Dorfes -- wie festgefrorene, entsetzte Gespenster,

die sich am Wegrand reckten und vergebens einem Schrecknis zu

entfliehen suchten ... vorüber ...

Die ersten Häuser, armselig, geduckt -- die Fenster vom Schnee

geblendet ... vorüber ...

Die elende Kirche -- der Friedhof -- vorüber ...

Die letzten Häuser -- wieder freie Straße ...

Schwarz schob sich der Klumpen des Gutes gegen sie heran. Doch brannte

ein Licht hinter den niedrigen Scheiben am Eingang. Das Tor stand

offen; sie stoben in den Hof.

Kyrill Iwanowitsch wickelte die Leinen um seine Hand; er stieß einen

gellenden Pfiff aus.

»Dmitri --!!«

Er stemmte sich rückwärts, als sollten seine Muskeln und Adern bersten.

Die Pferde vor dem Schlitten stiegen kerzengerade und peitschten mit

den Vorderhufen die Luft. Sie geiferten und knirschten; der Schweiß

troff ihnen von den blanken Leibern ...

»Dmitri! Dmitri --!!«

Ein Schatten, gebückt und schwankend, glitt über die hellen Scheiben

-- verschwand. Die Riegel der Haustür kreischten. Der Schlüssel drehte

sich, einmal, zweimal ... Licht fiel durch die sich öffnende Tür.

Kyrill Iwanowitsch war vom Schlitten gesprungen und strängte die Pferde

aus.

»Rufe die Leute zusammen -- alle!« schrie er dem Diener zu. Dmitri

wandte sich um. Er rief etwas ins Haus hinein und winkte. Kyrill

Iwanowitsch trieb die frischen Gäule aus der Stadt vor dem Schlitten

zusammen. »Komm her, -- hilf mir --!«

Dmitri kam.

Im Handumdrehen war der Schlitten neu bespannt. Beate war ausgestiegen.

Sie lehnte mit verhülltem Gesicht an der Hauswand. Sie hörte, was um

sie her vorging, wie durch einen dicken Nebel. Kyrill Petulikow sprach.

»Hört mich gut an, ihr Leute ... Ihr nehmt den Schlitten -- und die

Pferde, die ledig sind -- und laßt sie laufen, was ihre Beine hergeben,

bis ihr an der Grenze des Waldes von Wladimir Prontoff auf den Juden

Nathan Löb trefft. Der wird euch sagen, was ihr weiter zu tun habt.

Aber eilt euch, als hinge euer Leben von eurer Eile ab! Und seht euch

nicht um! Seht euch nicht um -- hört ihr? Und wenn ihr es dennoch tut,

bei Gott, bei den Heiligen, ich prügle den mit eigenen Händen wie einen

Hund, der es wagen sollte, zurückzukommen --! Habt ihr mich verstanden?«

Gemurmel ringsum ... Flüstern ... hastige Schritte ... Die Glöckchen

der Pferde klangen ...

»Dmitri --!«

»Herr!«

»Du hast noch etwas gutzumachen, du weißt es!«

»Ja, Herr!«

»Du wirst der letzte sein, der geht ... Du wirst das Tor abschließen

und verriegeln. Du wirst im Hause alles Licht brennen lassen, damit

niemand auf den Gedanken kommt, es könnte verlassen sein -- hörst du?«

»Ja, Herr.«

»Wenn ich selbst das Gut verlassen habe, wirst du es auch verlassen --

fortgehen und dich nicht umschauen, hörst du?«

»Ja, Herr!«

»Jetzt sollst du mir helfen -- komm!«

Kyrill Iwanowitsch ergriff Beate am Arm.

»Nun ist es Zeit, Mascha ...«

Sie leistete keinen Widerstand. Sie hörte die Hoftür sich in den Angeln

drehen. Sie hörte den weichen Galopp von vielen Pferden, der jenseits

des Gutes verklang. Dmitri lief an ihr vorbei, öffnete die Tür des

Schuppens, an dem die Werkstatt lag.

Mit einer krampfigen Anstrengung blieb sie stehen und riß sich los. Sie

machte eine Bewegung auf das Tor zu. Kyrill Iwanowitsch sprang ihr in

den Weg.

»Was wollen Sie tun, Mascha!«

Ihr Atem flog, daß sie kaum reden konnte.

»Ich will -- ich will mich denen da draußen ausliefern.« Sie wehrte mit

beiden Händen, als er reden wollte. »Lassen Sie mich sprechen, Kyrill

Iwanowitsch! Sie haben das Unerhörteste für mich getan! Kein Bruder,

kein Freund -- mein eigener Mann nicht hätte mehr für mich tun können!

Das -- kann ich nicht von Ihnen annehmen! Der Flug, den Sie unternehmen

wollen, ist das grausigste Spiel mit dem Tode, das ein Mensch sich

ausdenken kann -- grausiger als jedes andere, das Sie bisher gewagt

haben! Ich will nicht die Veranlassung dazu sein -- ich nicht, bei

Gott!«

»Sie haben keinen Mut, Mascha -- das ist es! Sie wagen den Flug nicht

-- das ist es!«

»Ich --! Ich wage ihn nicht --! Kyrill Iwanowitsch, ich will Ihnen

etwas sagen! Als ich hierherkam, als ich Sie mit der Maschine arbeiten

sah, als ich merkte, daß nichts zum Fliegen gehörte als die Kenntnis

von zehn Griffen und Mut -- faßte ich den Entschluß: wenn es mir auf

keine andere Weise gelang, nach Deutschland zu fliehen, dann wollte

ich Sie bitten, mich das Notwendige zu lehren ... Ich wäre mit Ihnen

geflogen, dreimal -- zehnmal -- und eines Tages hätte ich den Flug

allein gewagt -- bei Gott, Kyrill Iwanowitsch, das hätte ich getan! Und

ich hätte Ihnen einen Brief hinterlassen, der alles gesagt hätte, was

nötig gewesen wäre, um mir Ihr Verstehen, Ihr Verzeihen zu sichern.

Aber so nicht! So nicht --! Ich will für mich selbst mein Leben wagen

und werde mich nicht einen Augenblick besinnen -- aber nicht das Ihre,

Kyrill Petulikow! Nicht das Ihre --!«

Er hatte ihre Hände gepackt und hielt sie fest. Sie hatte nicht gewußt,

daß er so viel Kraft besaß. Er stand ganz dicht vor ihr.

»Nun hören Sie mich auch!« sagte er halblaut, und seine Stimme glühte.

»Ich schwöre Ihnen bei dem, was mir das Heiligste auf der Welt ist,

Mascha -- bei Ihrem Haupte und bei Ihrem Leben! -- daß ich mir in

dem Augenblick, wo Sie Ihr Vorhaben, sich auszuliefern, ernstlich

versuchen, eine Kugel durch den Kopf jage. Bei Ihrem Haupte und bei

Ihrem Leben, Mascha! Es ist mein tödlichster Ernst --!«

»Wollen Sie mich unglücklich machen, Kyrill Iwanowitsch --?«

»Ich will Sie retten -- ~das~ will ich! Ich will Sie in Sicherheit

-- ich will Sie nach Hause bringen -- ~das~ will ich! Ich will --

o, weit mehr als das, Mascha -- auch für mich das Höchste und Größte,

das ich gewinnen kann: das Bewußtsein einer Tat, die man vielleicht die

eines Helden nennen kann -- und was mehr wert ist als dies: die Tat

eines guten Menschen ... Sie wissen, daß ich Sie liebe ... Sie fragen

nichts danach -- nun, du großer Gott, was kümmert es Sie auch --? Aber

ich will, wenn wir beide am Leben bleiben, daß Sie an mich denken,

Mascha, meine Schwester, daß Sie mit Achtung und Stolz an mich denken

-- ~das~ will ich! Nun entscheiden Sie sich!«

Beate schlug sich die Fäuste vor die Stirn. Ihre Augen suchten mit

einer Art von Wildheit den wolkenschweren Himmel.

Aber der Himmel gab ihr keine Antwort.

»Es ist gut!« sagte sie und wandte sich nach dem Schuppen, an dessen

Türe Dmitri wartend stand. »Wenn Sie ums Leben kommen, so werden Sie es

wenigstens nicht allein ...«

Sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren.

Auf der Dorfstraße fieberte der kurze Galopp kleiner, harter Pferde.

»Vorwärts, Herr -- im Namen Gottes!« schrie Dmitri.

Kyrill Iwanowitsch warf der Frau alles zu, was die Werkstatt an Decken

und Tüchern besaß. Er wickelte ihr selbst den Schal um die Ohren, ließ

nichts als Nase und Augen frei. Durch die ungeschliffenen Gläser der

Brille erschien alles sehr fremd und fern; sie war fast taub und hatte

ein Gefühl, das dem sehr ähnlich war, wenn sie, tief unter stehendes

Wasser tauchend, mit offenen Augen emporblickte.

Sie ließ sich zerren und schieben ...

Die Rückwand des Schuppens, die nach dem freien Felde zu lag, war

klaffend offen. Das bleiche Schneelicht war doppelt unwirklich und wie

von unten, von der Erde her, durchleuchtet unter dem Himmel, den der

wärmere Wind immer bräunlicher färbte. Die Schultern und Fäuste der

beiden Männer stießen und schoben an dem stählernen Riesenflieger,

dessen Flügel in grenzenloser Spannung erstarrt schienen. Sie schrien

sich zu, die Männer -- Beate sah es, aber sie hörte es nicht ...

Aber das hörte sie, daß jenseits des Hofes, vor dem Tor, Geschrei und

Rufen sich erhob und wütende Tritte das Tor summen machten.

Auch Kyrill hatte es gehört. Er wandte das hochrote, schweißtriefende

Gesicht Dmitri zu.

Er schrie etwas ...

Dmitri machte einen Sprung und riß Beate vorwärts.

»Hinauf --!«

Sie kletterte -- vergaß sich zu bücken, rannte mit der Stirn gegen

stählernes Gestäng, daß ihr der Kopf dröhnte -- fiel auf einen schmalen

Sitz.

Der Lärm vor dem Tore steigerte sich zum Geheul. Die Bohlen waren nicht

von Eisen; sie mußten schließlich nachgeben, wenn Fäuste, Fußtritte und

Kolbenstöße weiter gegen sie anstürmten.

Beate zitterte vor Erregung, daß ihr die Zähne gegeneinanderschlugen.

Sie klammerte sich mit beiden Händen rechts und links am stählernen

Leib der Maschine fest. Das Brüllen der Einlaßbegehrenden vor dem Tore

wurde übertönt von dem jäh einsetzenden, tosenden Brummen des Motors.

Kyrill Petulikow tauchte neben ihr auf; er hatte die Fliegerkappe über

den Kopf gezogen. Sein Anzug triefte von Öl. Er streckte eine Hand aus

und schrie Dmitri etwas zu. Beate hörte die Worte nicht, sie erriet

ihren Sinn; er hatte nach dem Hofe gewiesen.

»Halte sie auf!« hießen Wort und Gebärde.

Dmitri fiel auf die Knie. Er bückte sich, raffte sich wieder auf.

Kyrill Petulikow schwang sich in den Führersitz. Er blickte vorwärts

und rückwärts, seine griffsicheren Hände packten zu. Das Brummen des

Motors legte sich wie eine Maske über die Ohren ... Beate schloß die

Augen -- riß sie wieder auf ...

Das tote Geschöpf hatte Leben bekommen.

Es rannte geradeaus, wie blind, nahezu wie wahnsinnig, holperte,

stieß und sprang -- die irrwitzige Angst eines Wesens, das von Feuer

gepeitscht wird, lag über dieser hemmungslosen Vorwärtsbewegung ...

Aber mit einem Male hatte es sich auf sich selbst besonnen. Es löste

sich von der Erde, deren Rauheit und spröde Gesetze nicht für ein Wesen

solcher Art geschaffen waren. Es hob sich; es schwebte ...

Es flog mit der Kraft und dem weitausholenden Schwunge des Triumphes.

Die Stimme des sausenden Stahls wurde zum Siegesgesang. Die Träume

armer Jahrtausende warfen sich -- unsterblich durch die Sehnsucht,

deren Kinder sie waren -- unter die breiten Schwingen des brausenden

Menschengeschöpfs.

Beate wagte nicht, in die Tiefe zu blicken, deren Feindseligkeit

gegen das beschwingte Wesen sie fühlte. Sie rang minutenlang mit dem

schnürenden Gefühl tödlichster Übelkeit, das ihr den Magen und den

Schlund zerwürgte. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie preßte

Zähne und Lippen übereinander und krallte sich die Nägel ins Fleisch.

Mit einer ungeheuren Anstrengung gelang es ihr, den Aufruhr des Körpers

und der Nerven zu überwinden. Tiefatmend öffnete sie die Augen.

Und nun empfand sie, daß sie flog ...

Sie blickte seitwärts in die Dunkelheit der Erde hinab, die unter ihnen

wegzutaumeln schien -- wie von einem ungeheuren Schlund eingesogen.

Und sie bemerkte, daß sie weniger vorwärts kamen, nur daß sich die

Flugmaschine in weiten Spiralen höher und höher schraubte ...

Der dunkle Fleck im weißen Schneefeld unter ihnen -- war das Gut?

Noch während sie es fragend dachte, gewann das Bild unter ihr eine

fremde Farbe. Es rötete sich. Die bläuliche Bleichheit des Schnees

schien wegzuschmelzen, als sei die Erde unter ihr in Brand geraten.

Aber nicht die Erde brannte, sondern das Gut.

Beate Hoyermann wollte schreien: »Kyrill! Kyrill --!« Aber es wäre

sinnlos gewesen; er hätte sie nicht gehört. Und dann -- was hätte er

tun können? Vielleicht sah er alles viel besser als sie, gewohnt, die

Erde aus mehr als Berghöhe zu betrachten. Sie schwieg und starrte auf

das rote Glosten unter sich. Die Lautlosigkeit des irdischen Geschehens

unter ihnen war grausiger als das Brüllen der menschlichen Tiere, deren

Tun sie gestern miterlebt.

Nun stiegen sie nicht mehr; mit einem Schwung stieß sich die Maschine

in die Luft hinein, vorwärts -- und nahm den Flug nach Westen.

Beate beugte den Kopf bis fast auf ihre Knie; sie konnte nicht atmen,

so pfiff ihr der Wind entgegen, nicht fühlbar als etwas, das glitt und

strich, sondern wie ein Brett -- wie ein gepreßter Sack -- unteilbar

und unbeweglich. Sie fühlte eine Faust auf ihrem Kopf ... Sie hatte

nicht gewußt, daß Wind wie schweres Wasser sein kann. Sie bückte sich,

um nicht Widerstand leisten zu müssen; er hätte ihr die Halswirbel

verdreht.

Aber nun, da sie sich bückte, schlug ihr der Öldunst stinkend entgegen

... sie rang sich wieder hoch ... das war unmöglich, unmöglich ...

Sie hielt sich nicht mehr fest; sie nutzte die Hände, sich gegen den

Wind zu schützen und hinter ihnen Atem zu holen. Sie fühlte die kleine

Erleichterung wie ein Geschenk und gab sich ihr hin -- aaah --!

Allmählich löste sich die Taubheit von allen Sinnen. Sie horchte

auf das unentwegte brausende Brummen des Motors und gewann ein

großes Vertrauen zu seiner Kraft und Ausdauer. Sie konnte ein sehr

persönliches Verhältnis zu Maschinen gewinnen. Lokomotiven und

Schiffsturbinen wurden ihr zu wesenhaften Dingen, mit denen man

Zwiesprache halten konnte. Und sie tat es auch mit dem Motor, dem

sausenden Herzen des Flugkörpers ...

Wirst du aushalten? Wirst du gehorsam sein bis zum Ende? Wirst du mir

dienen und die Luft beherrschen? ... Die Maschine donnerte und heulte

ein einziges erschütterndes Ja ...

Und Beate glaubte ihr.

Je ruhiger sie wurde, desto stärker wurde sie sich des Erlebnisses

dieser Stunde bewußt. Sie schaute.

Da waren dunkle und lichte Flecken in der ungeheuren Leere des Raums

vor ihr. Wolken? Sie rasten darauf zu ... Nun spülte es um sie her,

wehende Nebel ... Nässe, eisige Kälte ... Was war das --? Sie bekam den

Wind nicht mehr von vorn -- seitwärts drückte er sich gegen sie an ...

Der Apparat zitterte heftig, er schwankte ...

Die Todesangst krallte sich um das Herz der Frau; sie öffnete die

Lippen zu einem Schrei des Entsetzens ... Aber sie hatte keinen Atem

zum Schreien ... Sie klammerte die Hände um den federnden Stahl, der

ihr als Stütze diente, schloß die Augen und überließ sich dem Sterben

...

War es nur das Gefühl ihrer Ohnmacht, der körperlichen Schwäche --

oder war es Wirklichkeit, daß der riesige Stahlvogel um sich selbst

gewirbelt wurde wie ein Stein, der in einen Strudel fällt --? Tanzte

das donnernde, heulende Menschengeschöpf auf den schiefen Wänden dieses

Luftwirbels den grausigen Todestanz --?

Das Flugzeug schwebte nicht mehr auf seinen weitgespannten Flügeln

-- es taumelte, es rollte wie ein schlechtgeladenes Schiff herüber,

hinüber ... Wie die Saiten einer übergewaltigen Harfe summten und

schwangen die Drähte ... Aber sie hielten -- sie hielten sich gut ...

Und plötzlich ... sank es nicht, nein -- es fiel, fiel wie ein Sack,

lotrecht hinunter, als fiele es in einem luftleeren Raum ... Die Luft

trug es nicht mehr -- sie war gleichsam nicht mehr da ... nicht die

Zeit noch die Tiefe dieses Fallens ließen sich messen ...

Beate hatte ein Gefühl, als sollte ihr der Sturz die Eingeweide aus dem

Halse jagen. Sie biß die Zähne tief hinein in ihre Lippen; in eisigen

Strömen rann ihr der Schweiß über das verzerrte Gesicht ... Sie dachte:

Gott ist nicht in der Welt ... nirgends ist Gott ...

Und dann schwebten sie wieder.

Nach der gräßlichen Leerheit des Luftloches war es nun, als glitte das

Flugzeug auf tragenden Wellen Wassers dahin ...

Triumphierend brüllte die Maschine ...

Beate brach in Tränen aus. Sie machte nicht die geringste Bewegung,

sich diese Tränen abzuwischen -- mochten sie laufen! Es war schön,

zu weinen -- es war wunderschön, ganz einfach loszuheulen ... Alles

war schön -- das Leben, das Atmen, das Fliegen ... Sogar die Kälte,

der Wind und der Ölgestank waren schön ... Alles wirkte so unsagbar

versöhnlich, zum Lächeln und Weinen lockend. Ja, mein Gott -- Nathan

Löb hatte Unrecht ... deine Welt ist ein herrliches Geschöpf ...

Eine Menschenstimme gröhlte hinter ihr ... Ja so, der Kyrill --! Der

Kyrill Iwanowitsch Petulikow! Der sorgte sich um sie und wollte

wissen, ob sie noch lebte! Keine Angst, du lieber, guter Kerl --! Ich

lebe! Und ob ich lebe! Jauchzend, jauchzend lebe ich --! Hei --!

Sie winkte mit der Hand nach rückwärts. Sie verspürte eine sehr

ausgeprägte Lust zum Singen. Aber es singt sich schlecht mit einem

Wollschal von drei Meter Länge und entsprechender Breite rund um

den Kopf gewickelt. Also ließ sie es bleiben. Sie würde noch Zeit

zum Singen haben -- noch viel, viel Zeit ... Wie alt war sie?

Vierundzwanzig Jahre kaum -- noch viele tausend Tage lang konnte sie

singen ...

Wie lange flogen sie nun schon? Sie konnte die Zeit nicht raten. Und

die Winternacht war unendlich lang ... Wo waren sie? Hatten sie sich

trotz des wütenden Kampfes mit der Luft in gerader Richtung halten

können? Flogen sie nach Westen, nach Deutschland -- Herrgott in deiner

blauen Höhe! -- nach Deutschland zu --?!

Wieviel Kilometer durchrasten sie in einer Stunde? Würden sie unterwegs

landen müssen, um Benzin zufassen -- oder trug die Maschine Kyrill

Iwanowitschs genug von ihrer Nahrung bei sich, um achthundert Kilometer

zu überwinden?

Übrigens -- Nahrung ... Es war schon eine gute Weile her, seit sie zum

letzten Mal gegessen hatte. Das fiel ihr jetzt ein -- keineswegs zur

rechten Zeit, wie sie meinte. Aber zum Kuckuck, das fehlte noch, daß

sie nicht einmal vierundzwanzig Stunden fasten konnte, wenn es nach

Hause -- nach Hause ging ...

Sie flogen so hoch, daß sie die Erde nicht erkennen konnte; sie waren

über den Wolken, manchmal versanken sie ganz darin. Dann tauchten sie

wieder auf und erblickten den reineren Himmel. Es war sehr viel stiller

geworden. Die Heftigkeit des Windes flaute mehr und mehr ab; nur tief

unter ihnen jagte er Schneelasten vor sich her; das war schön anzusehen

...

Alle Märchen aus Tausendundeine Nacht, alle erfüllten Sehnsüchte der

Kindheit des Menschen drängten sich zusammen in diesem königlichen

Schweben eines Geschöpfes aus stählernstem Stahl, von Menschen

geschaffen. Beate beugte den Kopf zurück und sah in den Himmel hinauf,

dessen bläuliche Schwärze alle Sterne verschluckt zu haben schien. Er

war ganz lichtlos und unbeschreiblich ernst ...

Sieh mich nicht streng an, dachte Beate. Ich gehe nach Hause ... nach

Hause ...

Mit einem Male weiteten sich ihre Augen. Was war das -- was war das --?!

»Kyrill! Kyrill, was ist das --? Oh -- oooh!«

Vor ihnen, über dem wallenden Ziehen der Schneewolken, erhob sich

etwas -- ein Berg? Ein Riesenfelsen --? Nein, nein, es hätte denn ein

Wunder geschehen müssen, das den gewaltigsten Giganten des Himalaja

hierhergezaubert hätte ... Noch schien es grenzenlos fern und füllte

dennoch aufragend allen Raum zwischen Erde und Himmel. Es ruhte in

unerschütterlicher, erhabenster Gelassenheit mit seiner Grundfläche

tief unter den ziehenden Wolken und hob einen Gipfel -- einen einzigen,

doch war er von zackiger Krone gekrönt -- in das verblassende

Dunkelblau des Himmels hinauf.

Und dieser gekrönte Gipfel, der so weiß war wie die Brustfedern eines

weißen Schwans, begann zu glühen -- er wurde ganz Glut, goldenste Glut.

Und über ihm der Himmel tönte sich lichter und lichter, bis er zu einer

Kuppel wurde, die aus einem einzigen Türkis geschnitten schien. Von

dem Gipfel des fernen Riesen floß das helle Glühen breit ausgegossen

über seine Hänge, und Hunderte, Tausende von zarten Wolken lösten sich

gleich einem Schwarm von Flamingos aus dem Meer der tiefer ziehenden,

bis der stählerne Vogel unter dem Himmel aus Türkis in einem Lichte

schwamm, das seinesgleichen auf der Welt nicht hatte, außer in der

Farbe milder Rosen.

Die Sonne war aufgegangen und warf den Schatten des Flugzeugs in

weichstem Blau über die durchglühten Wolken.

Der Schneeriese der Ferne löste sich auf und verschwand. Die

Offenbarung der Schönheit zerstörte sich selbst. Das Flugzeug stieg

abermals und suchte die höheren Höhen mit der Kraft und Sicherheit des

Adlers.

Beate schloß die Augen und neigte den Kopf auf die Seite. Eine große

Müdigkeit kam über sie; die Erschöpfung des Grauens, der Verzweiflung

und der Angst des Fliehens hatte der süßeren und beinahe tieferen des

Erlöstseins Platz gemacht. Das gleichmäßige, sehr tiefe Brummen des

Motors verklang immer ferner und ferner. -- Sie schlief ein ...

Was sie weckte, war ein Schuß.

Sie öffnete die Augen, doch nur, um sie gleich wieder geblendet zu

schließen. Denn die Sonne stand ihr gerade im Gesicht. Sie brauchte

einige Minuten, um sich zurechtzufinden. Sie blickte sich um --: wo

waren sie --?

Das Meer von Schneewolken unter ihr war verschwunden; sie konnte die

Erde sehen; doch flog ihr stählerner Vogel noch viel zu hoch, als daß

sie mehr zu unterscheiden vermocht hätte als dunklere und hellere

Flächen, zumal die Sonne schräge, blitzende Bänder dazwischen spann.

Aber eines sah sie ... von der Erde unter ihr löste sich eine winzige

weiße Wolke -- und Sekunden später vernahm sie den Knall eines Schusses

... galt das ihnen? Hatte man sie entdeckt --? Und wenn: kam der Schuß

aus russischem oder -- lieber, lieber Gott! -- kam er aus einem

deutschen Geschütz --?!

Sie machte eine Kopfbewegung zur Seite hin -- im gleichen Augenblick

hörte sie die brüllende Stimme Kyrill Petulikows, der sie anrief.

Sie gab ihm mit der Hand ein Zeichen, daß sie ihn hörte, und wandte ihm

so weit als möglich das rechte Ohr zu.

Er brüllte: »Nehmen Sie das weiße Tuch, das zu ihren Füßen liegt, und

lassen Sie es seitwärts flattern ... Wir sind über der deutschen Grenze

und werden beschossen und von deutschen Fliegern verfolgt ...!«

Beate bückte sich und riß das Tuch empor; es war aus leichter, weißer

Wolle und flog ihr fast aus der Hand, als sie sich damit über den Rand

ihres Sitzes beugte.

Gleichzeitig spürte sie, wie das Flugzeug sich tiefer schraubte, und

als sie unwillkürlich nach der Höhe zurückblickte, aus der sie kamen,

entdeckte sie über sich, so nahe, daß sie die Gesichter des Fahrers und

des Beobachters im Gestänge des Apparats erblicken konnte, ein anderes

Flugzeug -- und an den Enden seiner starren Schwingen das Zeichen des

Eisernen Kreuzes ...

Da lachte Beate Hoyermann aus ihrem tiefsten Herzen auf und ließ ihre

weiße Fahne flattern ...

O, schön war das anzusehen, wie sich über ihr, unter ihr, neben ihr die

deutschen Stößer sammelten, schwebten und wachten, daß ihnen die Beute

nicht entkam.

Kyrill Petulikow drosselte den Motor ab -- Beate schloß die Augen

-- he, wollte sie zum Schluß noch schlapp werden --?! In sausendem

Gleitflug glitten sie in die Tiefe ... es war, als sause ihnen die Erde

entgegen zu unabwendbarem Zusammenprall ... Aber die Maschine gehorchte

der Menschenfaust und schwebte noch einmal, wich und lief ... sprang

federnd über die Erdschollen -- stand ...

Hunderte von Menschen rannten auf den Apparat zu. Soldaten in fremden,

graugrünen Uniformen ... Waren das Deutsche?

Beate versuchte sich aufzurichten; es gelang ihr nicht. Die Knie

versagten ihr den Dienst. Kräftig gehoben und geschoben von

unbedenklichen Fäusten, wurde sie aus ihrer Haft befreit und wußte noch

immer nicht, ~wer~ sie befreite ...

Bis einer der Soldaten ihr ins Gesicht sah und laut und fröhlich zu

seinen Kameraden sagte: »Nu kiek mal, Franz -- det is ja 'n Mächen --!!«

Da wußte Beate, wo sie war ...

10

Beate hatte einen wunderschönen Traum.

Sie stand auf einem Turm -- oder der schmalen Spitze eines Berges,

schwindelfrei, leicht und glücklich, und fühlte den Wind, der ihr weich

um die Schläfen spielte. Unter ihr in grenzenloser Tiefe lagen Wälder,

Felder, Wiesen; die Obstbäume blühten. Über einen blanken, blauen See

glitt ein weißes Segel -- das sah sehr lieblich aus.

Und mit einem Male tauchten aus dem blanken, blauen See Hunderte und

Hunderte von weißen Schwänen auf, als würde jede Welle, die das Boot

mit dem gleitenden Segel schuf, zu einem weißen Schwan. Und die weißen

Schwäne hoben sich aus dem Wasser und flogen mit einem weiten, starken

Flügelschwung aufwärts und der Höhe entgegen, auf der Beate stand. Es

waren ihrer so viele, daß sie zusammen wie eine einzige schimmernde

Wolke erschienen, und sie flogen einmütig und schön zu ~einem~

Ziele.

Aber als sie näher kamen, verwandelten sie sich abermals und wurden zu

Hunderten und Hunderten von Flamingos, deren Gefieder die Farbe von

milden Rosen hatte. Und sie erreichten Beate und schwebten um sie her,

immer engere Kreise ziehend -- und endlich waren sie ihr so nahe, daß

ihre Schwingen Beatens Füße streiften.

Und in diesem Augenblick schien der Berg oder der Turm, auf dem sie

gestanden, unter ihr wegzusinken, und sie schwebte frei in der Luft,

getragen und gehütet von den rosenroten Schwingen der Wundervögel. Und

sie ließ sich ruhig sinken und lag mit ausgebreiteten Armen auf dem

Rücken und fühlte die ganze tiefentzückte Seligkeit des Fliegens, das

die Vögel selber haben, wenn sie die Luft mit ihrem klingenden Schrei

erfüllen ...

Und dann erwachte sie ...

Sie war nicht ohnmächtig gewesen, o nein; sie hatte ganz einfach

geschlafen. Köstlich geschlafen wie ein Kind ... Es war ihr nur nicht

ganz klar, wie sie in das Bett geraten war, in dem sie diesen kostbaren

Schlaf vollbracht hatte ... Sie hob den Kopf und sah sich um.

Das war nicht so leicht. Sie mußte über einen Berg von Federbetten

hinweg -- oha! was für Federbetten! Jedes wog einen Viertelzentner,

schlecht gerechnet. Und dann hatte sie einen Wärmkrug an den Füßen; das

war sehr mollig. Im übrigen konnte sie von ihrem Asyl nichts entdecken

als den spielenden Feuerschein an der niedrigen, schneeweißen Decke,

als die rosenroten Rosen und die himmelblauen Vergißmeinnicht, die,

von sinnigen Sprüchen umrahmt, im Innern der mächtig hohen Bettstatt

gemalt waren, als ein Fenster, das die Eisblumen in funkelndes

Kristall verwandelt hatten -- und einen Riesenschrank, gleichfalls

herzerfrischend bemalt und mit einem Schlüssel abgeschlossen, der dem

St. Peters an der Himmelspforte an Gewicht wenig nachgab.

All das war schön; aber das Schönste war, daß draußen vor der Türe

jemand in scharfem Flüsterton sich folgendermaßen äußerte: »Damliches

Kamel, mußt du mit deinen Riesenlatschen auftrampeln wie'n Nilpferd

--?!«

Herrgott, war das schön ...

Mit einem schluchzenden Lachen wandte Beate den Kopf zur Wand. Ach --!

sie war glücklich! Sie war glücklich! Daheim war sie ... daheim ...

Liebes damliches Kamel, trample du ruhig auf, soviel es dir Freude

macht ... Wenn du mich zu solchem Erwachen weckst, dann soll dich

keiner darum schelten ...

Sie war so munter, als hätte sie vierundzwanzig Stunden geschlafen; nur

die Glieder schmerzten sie und hingen an ihr wie taub. Nun, man macht

nicht umsonst einen Flug von tausend Kilometern, vom Herzen Rußlands

bis nach Deutschland hinein. Aber das schadete nichts. Sie war auf ihre

Schmerzen so stolz, als seien die ihre Erfindung ...

Sollte sie rufen? Nein ... Sie war sehr geneigt, die Dinge auf sich

zukommen zu lassen. Alles, was kam, mußte schön sein ... Denn sie war

daheim -- sie war daheim ... Wenn sie ein Vogel gewesen wäre -- sie

hätte sich aus den drei Worten ein Liedchen gemacht und es unaufhörlich

gesungen.

Noch eine kleine Weile -- nur noch eine kleine Weile in diesem lässigen

Hingegebensein ...

Dann wollte sie fort. Es konnte sie ja keiner mehr hindern, in ihrer

Heimat zu wandern, wohin sie wollte. Wohin wollte sie? Nach Berlin ...

Da gab es Menschen, die ihr sagen würden, wo Gerhard war ... Und wenn

sie ihr sagen mußten, daß er nicht nach Deutschland gelangt sei ...

Nun, dann würde sie auf ihn warten und in der Zwischenzeit beide Hände

kräftig rühren. Arbeit gab es genug ... Und sie war nicht umsonst zwei

schwere Jahre lang die beste Kraft in Doktor Heßreuters Klinik gewesen.

Und wenn sie hören würde, Gerhard sei zurückgekommen und ins Feld --

und sei gefallen ...

Ja so ... ja ...

Es war noch nicht die Zeit, von weißen Segeln und Schwänen zu träumen;

noch nicht die Zeit der sieghaften Gewißheit. Nur des Hoffens -- nur

des Hoffens. Und der Arbeit und der Zuversicht ...

Leise und noch ein wenig mit zerschlagenen Knochen stand sie auf,

flocht sich das Haar und tauchte mit halbem Leibe hinein in ein Ungetüm

von Waschschüssel, deren herzerfrischender Inhalt sie völlig munter

machte. Sie kleidete sich an und öffnete die Stubentür. Der Gang davor

war mit roten Ziegeln ausgelegt, und es duftete im Hause nach Holzbrand

und frischem Kaffee.

Ihr gegenüber war ein weißes Schild über der Türe angebracht, darauf

stand: Gastzimmer. Sie war also in einem kleinen Wirtshaus. Sehr schön!

Dann würde sie ja wohl auch endlich etwas in den Magen bekommen. Das

hatte sie redlich verdient.

Sie trat in das Gastzimmer; eine kleine vergnügte Glocke über der Tür

verkündigte ihren Eintritt mit lang anhaltendem Gebimmel. Die Stube

war leer; aber ein breites Fenster, das von ihr nach der Küche zu

führte, wurde schleunigst aufgeschoben, und eine kleine, dicke Wirtin

mit Backen wie die blankgeriebenen Weihnachtsäpfel, einem blonden

Ringelzöpfchen hoch droben auf dem Kopf und dem gutmütigsten Lächeln

von der Welt fragte aufmunternd, ob die gnädige Frau was zu essen haben

wollte.

»Und ob!« antwortete Beate.

Die beiden Frauen lachten sich an; warum Beate lachte, das wußte sie.

Aber die liebevolle Fröhlichkeit der Wirtin konnte sie sich nicht recht

erklären. Doch sie tat ihr zu wohl, als daß sie sich versucht gefühlt

hätte, nach ihrer Ursache zu forschen.

Während sie auf das Essen wartete, kniete sie auf der Bank am Fenster

und hauchte ein Guckloch in die Eisblumen hinein. Sie wußte nicht,

wo sie war. Das brauchte sie vorläufig auch noch nicht zu wissen.

Innerhalb der deutschen Grenze -- das war genug. Sie kam sich vor wie

eine Prinzessin, die durch die Luft entführt wurde und im Unbekannten

landete. Doch war der Empfang ein zu liebevoller gewesen, als daß sie

sich um das Weitere hätte sorgen müssen.

Sie dachte an Kyrill Petulikow; wo der wohl stecken mochte. Sie hatte

ihm noch nicht einmal gedankt. Und sie schüttelte den Kopf über sich

selbst, weil sie fühlte, daß dieser Mann, der sein Leben für sie gewagt

hatte, der sie mit einem kleinen Vermögen freikaufte und sein Besitztum

um ihretwillen der Plünderung und dem Brande überließ -- der sie liebte

mit einer großen Liebe, ehrfürchtig und ernst, -- daß der nun aus ihrem

Leben gehen würde -- und es schmerzte sie nicht.

Das Gefühl, das sie für ihn hegte und über das sie sich klar werden

wollte, war nicht frei von einem schmerzlichen und ungeduldigen Zorn.

Wie alle glücklichen Menschen hielt sie das Glück für eine Willenssache

und vergaß, daß es eine Eigenschaft ist wie jede andere auch.

Über ihrem Grübeln hatte sie nicht gehört, daß die Türe aufgegangen

war, und wandte sich erst, als sie angerufen wurde.

»Guten Morgen, Mascha!«

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Guten Morgen, guten Morgen, Kyrill Iwanowitsch! Wie geht es Ihnen?«

»Wie geht es ~Ihnen~, Mascha?« fragte er lächelnd dagegen und

hielt ihre Hand fest.

»O Kyrill Iwanowitsch -- ich bin in Deutschland ... Was soll ich Ihnen

weiter sagen?«

»Nichts, nichts -- das ist genug, nicht wahr? Sie sehen wohl aus, Gott

sei Dank! Und Sie haben rund zwanzig Stunden geschlafen ...«

»Nein!«

»Ja ... Sie taten recht daran. Sie haben wahrhaftig genug hinter sich,

Mascha, meine liebe Schwester ...«

Sie sah ihn an. Nun ergriff er sie doch mit seinem russischen

glücklosen Lächeln, das voller Güte war. Aber Beate Hoyermann hatte

eine ehrliche Seele.

»Seien Sie nicht so freundlich zu mir, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie

und rüttelte leise seinen Arm. »Kurz ehe Sie kamen, war ich in meinen

Gedanken ungerecht gegen Sie.«

»Das können Sie nicht sein, Mascha.«

»Doch, doch, doch --! Kommen Sie mir jetzt nur nicht mit Ihrer

russischen Gottähnlichkeit aus der Karwoche! Ich ~war~ ungerecht,

denn niemand kann aus seiner Haut heraus -- und obwohl ich das weiß,

hatte ich eine kleine Wut auf Sie ...«

»Warum, Mascha?«

»Warum ... Weil Sie unglücklich sind, Kyrill Iwanowitsch -- darum!«

Sein Lächeln verstärkte sich.

»Machen Sie mir daraus einen Vorwurf?« fragte er und setzte sich ihr

gegenüber.

»Ja -- gewiß! Lieber Kyrill, manchmal habe ich Sie im Verdacht, daß Sie

in Ihre Traurigkeit verliebt sind.«

Er wiegte den Kopf. Er lächelte, und seine rechte Hand, die auf dem

Tische lag, zeichnete die Maserung des Holzes nach.

»Vielleicht haben Sie da gar nicht Unrecht, Mascha,« antwortete er.

»Es liegt dem Russen vielleicht im Blute. Was können wir dafür? Wir

sind kein fröhliches Volk und haben gute Gründe. Aber wir haben uns

daran gewöhnt und lieben unsere Schwermut, wie andere Völker ihre

Laster lieben. Das heißt, wir haben aus der Not eine Tugend gemacht

... Vielleicht kommt für uns einmal eine Zeit, in der wir von uns

selbst erlöst werden ... Dann werden wir glücklich sein und unser Glück

lieben. Jetzt sind wir noch sehr weit davon entfernt ... Lassen Sie

uns nur, Mascha, liebe Schwester -- und vor allem: lassen Sie mich. Es

ist alles gut, wie es ist ... Und das Maß meiner Traurigkeit, die Sie

mir zum Vorwurf machen, geht nicht über die Grenze hinaus, an der die

Schönheit verletzt wird. Wenn ich mich nie in schlechterer Gesellschaft

befinde als in der meiner Schwermut, so will ich ganz zufrieden sein

...«

»Ich habe Sie verletzt,« sagte sie leise. Die Tränen traten ihr in die

Augen.

»Gott im Himmel, Mascha -- nein! Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?«

»Ich bin ungeschickt, ich weiß es,« fuhr sie fort und senkte den Kopf

mit der Betrübtheit eines Kindes. »Ich möchte Ihnen helfen und weiß

nicht, wie ich es anfangen soll. Ich möchte Sie fröhlich sehen und

finde den Weg nicht dazu.«

Er beugte sich über den Tisch und nahm ihre Hand, die er mit einer

sanften und schönen Bewegung an seine Stirn hob, wo er sie festhielt.

»Sie wissen den Weg wohl, aber Sie gehen ihn nicht und werden ihn nie

gehen,« sagte er mild. »Und das ist herrlich an Ihnen, Mascha, daß

Sie auch die kleinste Gebärde der Liebe nicht an das Mitleid oder die

Freundschaft -- oder die Dankbarkeit verzetteln ... Ich liebe Sie darum

-- ich liebe Sie um dieses leisen Zuckens willen, mit dem Sie Ihre Hand

aus meiner befreien wollen ... Nun gebe ich sie frei -- und Sie nehmen

sie fast eilig zurück, wie das anvertraute und gefährdete Eigentum

eines Dritten. Warum weinen Sie, Mascha, meine liebe Schwester? ...

Sie sind sehr schön, so wie Sie sind ... und unverletzlich in Ihrer

Schönheit ... Darum liebe ich Sie ...«

Beate hatte den Kopf auf die Hände gesenkt und ihre Augen geschlossen.

»Seien Sie still, Kyrill Petulikow,« sagte sie flüsternd.

Er schwieg.

In dem warmen, weiten Zimmer tickte die Uhr eilfertig. Der Kuckuck

sprang aus dem Häuschen und rief zwölfmal. Kyrill Petulikow schaute und

horchte ihm zu und lächelte.

Die Wirtin kam herein und brachte die Teller und Schüsseln auf einem

Brett, auf dem ein Kalb Platz gehabt hätte. Und während sie ihre

Schätze vor den zweien ausbreitete, strahlten ihre wasserblauen

Augen mit einem Ausdruck unverkennbar mütterlichen Stolzes auf Beate

Hoyermann.

»Gesegnete Mahlzeit!« wünschte sie, strich mit der flachen Hand über

das schimmernde Tischtuch und ging davon.

»Wenn ich nur wüßte,« fing Beate an und füllte die Suppe auf, »warum

mich die gute Frau so verklärt anguckt ...«

»Darüber dürfen Sie sich nicht wundern,« antwortete Kyrill Iwanowitsch.

»Sie sind hierzulande eine Berühmtheit geworden, Mascha ...«

»Nein!« sagte Beate in großer Verblüffung.

»... und Sie haben alle Aussicht, es immer mehr zu werden.«

»Gott soll mich bewahren,« sagte die Frau. »Wie kommen Sie auf die

Vermutung?«

»Lesen Sie!«

Er stand auf und holte aus seinem Mantel eine schon ziemlich

verwitterte Zeitung -- eine Nummer der »B. Z.« vom Anfang November.

»Was soll ich damit?« fragte Beate kopfschüttelnd.

»Lesen Sie nur, Sie werden schon finden, worauf es ankommt ... Außerdem

war der Herr, der mir die Zeitung überließ, so freundlich, den Artikel

anzustreichen ...«

Beate entfaltete das Zeitungsblatt mit aller gebotenen Vorsicht, denn

es war gewiß schon durch mehr als hundert Hände gegangen und hielt

nur noch durch gütige Unterstützung von Briefmarkenschnitzeln. Auf

der dritten Seite stand ein rot angemerkter Aufsatz. Er trug die

Überschrift »Als Heizer und Stewardeß nach Deutschland zurück« und war

unterzeichnet Chr. Ty.

»Tystendal!« rief Beate und ließ die Zeitung fallen vor Überraschung.

»Christian Tystendal, der Schwede!«

»Richtig.«

»Ja aber ...« Beate überlas die ersten Zeilen und unterbrach sich von

neuem. »Wie kommt diese Schilderung unserer Flucht aus Japan in die ›B.

Z.‹? Und wie kommt Tystendal dazu, unsere allerprivateste Angelegenheit

in die Öffentlichkeit zu bringen?«

»Nun, Mascha -- eine Tat, die einer Gesinnung entspringt, auf die

ein ganzes Volk stolz sein kann, die darf man wohl getrost in die

Öffentlichkeit bringen; außerdem sind Ihre Namen nicht ausgeschrieben,

wie Sie bemerken werden ...«

»Gut. Aber Tystendal selbst -- was hat er mit der Berliner Presse zu

tun?«

»Er ist Berichterstatter einer führenden schwedischen Zeitung, meine

liebe Mascha, und als solcher im Hauptquartier des Ostens wohl bekannt

und gelitten.«

»Sie scheinen sich sehr geschwind in deutschen Verhältnissen

zurechtgefragt zu haben,« meinte Beate, mehr erstaunt als erfreut.

»Das war nicht schwierig,« antwortete Kyrill Petulikow. »Man kam mir

mit soviel Liebenswürdigkeit entgegen, als sei ich Ihr Bruder. Wir

haben -- das heißt, meine Begleiter und ich -- eine ebenso interessante

wie schöne Autofahrt gemacht, und ich bin mit dem Bescheid entlassen

worden, daß mein Flugzeug zwar bis zum Friedensschluß in deutschem

Gewahrsam bleiben wird -- daß meiner eigenen Abreise aber durchaus

nichts im Wege steht ... Nur hat man mir in meinem Interesse geraten,

den Weg über ein neutrales Land zu nehmen. Ich glaube, die Herren

haben Recht. Die Eisenbahnen der russischen Westgrenze dürften in der

nächsten Zeit nicht eben zu den sicheren Verkehrsmitteln gehören.«

»Sie reisen also über Schweden?«

»Ja.«

»Und wann, Kyrill Iwanowitsch?«

»Sobald ich weiß, daß Sie meiner nicht weiter bedürfen ...«

Er wartete, ob sie eine Bemerkung machen würde, aber Beate schwieg.

»Ich habe den Herren, die uns hier -- gleichsam -- aufgenommen haben,

Ihre Geschichte erzählt,« fuhr der Russe fort. »Ich glaube, keiner ist

darunter, der es sich nicht zur Ehre rechnen würde, Ihnen zu Diensten

zu sein ...«

»Danke,« sagte Beate. »Ich bedarf keines Dienstes mehr, als daß man

mir zur nächsten Bahnstation verhilft und mich gewissermaßen auf

Reichskosten nach Berlin befördert. Vorläufig bin ich mit Tystendal

noch überquer. Ich mag mich nicht anstarren lassen wie ein Kalb mit

zwei Köpfen ... Er hätte seinen Schnabel halten können! Was eine Tat

der Liebe zu meinem Mann und meinem Vaterlande war, wird dadurch ein

wenig zum Abenteuer. Das hätte er bedenken müssen. Und -- das habe ich

nicht verdient ...«

»Seien Sie nicht kleinlich, Mascha,« sagte der Russe freundlich. »Wenn

ich an Tystendals Stelle wäre, würde ich es ebenso machen. Was schön

ist, das soll man bei Namen nennen -- und laut genug, daß die Menschen

darauf hören. Tapferkeit steckt an. Das wissen Sie, nicht wahr? Daß

Sie die Tapferkeit Ihrer Liebe hatten, wird vielleicht bei vielen, die

davon hören, zur Hilfe werden in einem guten Kampf. Das kann Sie nicht

kränken ...«

»Wenn man's so betrachtet ...«

»So betrachten es alle, mit denen ich von Ihnen sprach.«

Kyrill Petulikow war aufgestanden und blickte auf die Frau hinab. Sie

sah ihn mit zurückgebogenem Nacken an und hatte feuchte Augen.

»Mein guter Freund,« sagte sie.

Es war eine Weile still zwischen ihnen.

»Nun will ich Ihnen Lebewohl sagen, Mascha,« sprach er dann mit einer

ganz verhaltenen Stimme, und sein sanftes Lächeln blieb ihm treu. »Ich

nehme zum zweiten Male Abschied von meiner Schwester. Aber Sie leben

und werden glücklich sein, Gott sei Dank ... Leben Sie wohl ...«

»O Kyrill -- nicht so schnell!« sagte Beate erschrocken und heiser. Sie

hielt ihn zurück. Ganz plötzlich empfand sie die Unerträglichkeit des

Gefühls, mit leeren Händen vor einem Menschen zu stehen, der gibt und

gibt, ohne je zu empfangen.

»Was sollte ich länger bleiben, Mascha? Sie bedürfen meiner nicht mehr.

Und -- man hat mir sehr viel Vertrauen erwiesen. Das will ich nicht

mißbrauchen. Ich reise noch heute in der Begleitung einiger verwundeter

Offiziere, die auf Urlaub ins Innere des Landes fahren. Sehr bald werde

ich Deutschland verlassen haben, und sehr wahrscheinlich auf immer. Wir

werden uns nicht wiedersehen; und das ist gut ...«

»Kyrill, Kyrill, wie soll ich Ihnen jemals danken!« flüsterte Beate.

Jetzt hielt sie seine beiden Hände und sah ihn durch Tränen hindurch

unablässig an. Aber es waren keine bitteren Tränen; das fühlte er.

»Würden Sie mir danken, wenn ich das große Los gewonnen hätte?« fragte

Kyrill Petulikow lächelnd.

»Ach nein, mein Freund ...«

»Nun, warum danken Sie mir dann? Ich habe Sie in Ihre Heimat bringen

dürfen. Mein Leben hat seinen Zweck erfüllt. Er war sehr schön und

seine Erfüllung vollkommen. Ich bedarf nichts mehr. Leben Sie wohl ...«

Beate erwiderte nichts. Ihre Lippen zitterten sehr.

»Eins möchte ich wissen,« fuhr Kyrill Iwanowitsch etwas verträumt fort.

»Ich möchte wissen, wie Sie in Wahrheit heißen ...«

»Beate ...«

»Beate ... -- heißt das nicht: die Glückselige?«

»Ich glaube, mein Freund ...«

»Das ist sehr schön ... Glückselige -- Beate ... leben Sie wohl.«

Er küßte ihre Hände und wandte sich zum Gehen.

»Sie werden mir schreiben, Kyrill Iwanowitsch?« fragte die Frau sehr

bittend.

Er lächelte.

»Vielleicht, Beate ...«

Ihre Hände lösten sich von den seinen. Er ging. Die Türe schloß sich

hinter ihm. Und Beate wußte, während sie seine Schritte sich entfernen

hörte, daß Kyrill Iwanowitsch Petulikow ihr niemals schreiben würde

und daß dieser Mensch, der ein Russe war und ein Geschöpf der

unerfüllbaren Träume, aus seinem Leben gehen würde, wie andere Menschen

aus dem Zimmer gehen. Sie hielt ihn nicht zurück; denn sie fühlte, daß

sie dazu kein Recht besessen hätte ...

Ihre Trauer um ihn war ganz gelind und würde keine Narben hinterlassen.

Sie war wie ein starker junger Vogel und ließ sich auf ihrem Flug

ans Ziel nicht niederholen durch Mitleid mit den Flügellahmen. Sie

schüttelte ihre Schwingen und flog und liebte die Sonne ...

Am Abend des nächsten Tages kam sie nach Berlin.

Und während sie mit dem Kraftwagen durch die Straßen fuhr -- nach der

Wohnung ihres Onkels --, las sie die Zeitungen und sah sich um, und das

Herz lachte ihr im Leibe.

Und sie lachte übers ganze Gesicht, als sie vor dem alten Herrn

stand, der die feldgraue Generalsuniform trug, geradeswegs aus dem

Kriegsministerium kam und den Kopf so voll hatte, daß er den Besuch,

den der Bursche meldete, ohne weiteres hinauswerfen lassen wollte. Aber

Beate hatte bereits größere Schwierigkeiten überwunden. Sie nahm die

Festung im Sturm.

»Guten Abend, Onkel,« sagte sie. »Für eine Nacht mußt du mir schon

Quartier geben -- morgen früh gehe ich von ganz allein --«

Sie wollte noch weiter sprechen, kam aber nicht dazu. Exzellenz von

Köstmer, der beim ersten Wort, das sie in der Türe stehend sprach,

einen Ruck bekommen hatte, machte jetzt drei Schritte auf sie zu, nahm

sie in seine Arme und quetschte sie an seine Brust, daß ihr grün und

blau vor den Augen wurde.

»Die Japanerin!« brüllte er entzückt. »Die Stewardeß von der ›Princeß

of India‹!«

Er hielt sie auf Armeslänge von sich ab, betrachtete sie, der der Hut

vom Kopfe gefallen war, mit herzlicher Begeisterung und fuhr fort:

»Mädel, Mädel, was mich das gefreut hat! -- Was mich das gefreut hat,

wie ihr den Schweinepriestern eine Nase gedreht habt! -- Ihr famose

Bande, ihr --! Komm her! Ich muß dir, hol' mich der und jener -- und

ich muß dir noch 'nen Kuß geben!«

»Da hast du ihn!« sagte Beate ohne Zögern und küßte den begeisterten

alten Herrn etwas eilig und ziellos mitten in sein rosiges Gesicht

hinein. »Und jetzt sage mir, Onkel Gustav, woher du um unsere Flucht

auf der ›Princeß of India‹ weißt --?«

»Wenn du mich noch mal Onkel Gustav nennst, liebes Kind, fliegst du

zweimal in Arrest -- erstens für den Onkel, zweitens für den Gustav.

Man sagt jetzt nicht mehr Onkel, sondern Oheim in Preußisch-Berlin und

Umgebung, das mußt du dir merken! Und Gustav ist scheußlich -- einfach

scheußlich --! Habe nie begriffen, wie meine gute Mutter es überleben

konnte, mich mit diesem Namen behaftet auf Erden herumlaufen zu lassen

... Na, sie ist tot, die gute alte Haut -- ich hab' es ihr vergeben,

auch ohne es begriffen zu haben ...«

»Du wolltest mir erzählen, lieber Oheim -- (uff!) -- wie du zu der

Kenntnis von unserer Flucht aus Japan gekommen bist,« mahnte Beate

zurückrufend.

»Eure Flucht aus Japan --?« Exzellenz von Köstmer betrachtete seine

Nichte über den Kneifer weg mit leichtem Erstaunen. »Aber liebes Kind,

das hat doch in der ›B. Z.‹ gestanden -- warte, ich hole dir die

Nummer! Ich hab' sie mir aufgehoben, die Sache hat mir zu viel Spaß

gemacht ...«

»Brauchst dich nicht zu bemühen -- ich kenne sie schon,« sagte Beate

etwas trocken. »Dieser verflixte Tystendal -- dem wünsche ich den

Kuckuck über den Hals ...«

»Tystendal -- wer ist das?«

»Der Verfasser dieses unglückseligen Artikels!«

»Erlaube mal -- was hast du gegen den Mann?!« Exzellenz von Köstmer

ereiferte sich. »Das scheint mir im Gegenteil ein sehr netter junger

Mensch zu sein! Und ein recht begabter auch noch! Der Artikel ist ganz

famos geschrieben -- wirklich ganz famos!«

»Das bestreite ich nicht!« warf Beate ein. »Aber ich wünschte doch, er

hätte es nicht so weit gebracht, daß ich von sämtlichen Menschen, die

mich kennenlernen oder wiedersehen, als die Stewardeß von der ›Princeß

of India‹ abgestempelt werde! Das ist Reklame! Und Reklame kann ich

nicht leiden!«

»Es heißt nicht Reklame, sondern Anpreisung!« sagte Exzellenz von

Köstmer geschwind. »Und außerdem, meine liebe Beate, bist du nicht

recht gescheit! Ob es sich dabei um dich handelt oder nicht -- darauf

kommt es nicht im geringsten an! In dem Aufsatz heißt es wortwörtlich:

›Auf die Gesinnung dieser beiden Menschen, die alles daran setzten

und alles wagten, um in der Stunde, da ihr Vaterland in Gefahr war,

zu ihm zurückzukehren und ihm ihre Kräfte darzubieten -- auf die kann

das ganze deutsche Volk stolz sein!‹ -- Und so ein Beispiel deutscher

Gesinnung soll im Mustopp bleiben, bloß weil du eine beschränkte junge

Dame bist? Nee, mein Mädel! Das muß in die weite Welt -- so weit

als irgend möglich! Wenn's irgend geht, bis nach Amerika und Asien

hinüber! Damit sie die Augen aufsperren lernen, die Herren Feinde und

Neutralen, soweit es noch welche gibt! Das schafft viel mehr Segen als

aller andere Quatsch, der über Deutschland geschrieben wird und den

doch kein Mensch glaubt! Laß du mir den Herrn Tystendal, oder wie er

heißt, in Ruhe! Das ist ein ganz vortrefflicher Mann, dem meine volle

Hochschätzung gehört! Und nun setze dich! Setze dich und erzähle! Wo

kommst du her?!«

»Von Rußland.«

»Wieso?«

»Mit dem Flugzeug von Rußland ...«

»Schwerebrett noch mal!« Exzellenz von Köstmer rieb sich den blanken

Schädel. »Das mußt du mir etwas näher erklären.«

Beate sah ein, daß sie nicht um einen ausführlichen Bericht herumkommen

würde. Sie ergab sich und handelte ihre Erzählung herunter, so

geschwind und knapp, als es nur irgend ging; aber die Zwischenrufe

ihres Zuhörers verdoppelten die Geschichte. Endlich war sie fertig,

holte tief Atem und sah den alten Herrn mit verwirrten Augen lächelnd

an. Der schüttelte anhaltend den Kopf.

»Junge, Junge,« sagte er, »was habt ihr zwei für einen fabelhaften

Dusel gehabt -- einen ganz fabelhaften Dusel!«

»Wer -- ihr zwei?« fragte Beate.

»Du und dein Mann.«

»Mein Mann?« Beate stand auf, als würde sie hochgezogen. »Onkel Gustav,

was weißt du von meinem Mann?«

»Du sollst mich nicht Onkel Gustav nennen, zum Teufel --!«

»Das ist mir jetzt vollständig egal, hörst du --! Sage mir! Sage mir,

was weißt du von meinem Mann?«

»Aber geliebtes Kind, ich begreife gar nicht, warum du weinst!«

Exzellenz von Köstmer sah unglücklich und geärgert aus. »Es ist ihm

doch bisher ganz ausgezeichnet gegangen, Himmelelement --! Es ist doch

nicht der geringste Grund zum Weinen vorhanden! Da auf demselben Stuhl,

auf dem du gerade gesessen hast, hat er auch gesessen -- vor zwei,

drei Wochen ... und hat mir erzählt -- gerade wie du: wie er nach der

Versenkung der ›Princeß of India‹ von dem deutschen Kreuzer aufgenommen

worden ist -- dann später mit einem Dutzend anderer Fahrgäste von

einem Norweger nach Rotterdam gebracht -- netten Unsinn hat er den

Kerls vorgeschwindelt, die das Schiff durchsucht haben -- einen

herzerfreuenden Unsinn, sage ich dir! -- und dann nach Hause gefahren

... Ein bißchen ausgehöhlt erschien er mir -- freilich, es war nicht

einfach, was er erlebt hat ... aber die Augen haben ihm nur so gelacht

... Mädel, du kannst dir was einbilden auf deinen Mann! Wahrhaftig, das

kannst du!«

»Das tu' ich auch!« sagte Beate und weinte heftig. »Und wo ist er

jetzt? Wo ist er jetzt --?!«

»Wo er hingehört, mein Mädel -- bei seinem alten Regiment!«

»Und wo ist sein Regiment?«

»Da fragst du mich zuviel, mein Kind ... Wir leben in der Zeit der

großen Truppenverschiebungen. Ob er im Westen oder Osten ist und ob er

morgen noch an derselben Front ist wie heute, das kann ich dir nicht

sagen. Aber gewiß ist, daß er bis zum heutigen Tage noch heile Knochen

hat und ein tüchtiger Soldat und ein ganzer Kerl ist, daß seine Leute

sich für ihn vierteilen ließen, wenn es darauf ankäme, und daß man

höheren Orts bereits auf ihn aufmerksam zu werden beginnt. Das muß dir

einstweilen genügen, mein Mädel ... Seine Adresse will ich dir geben;

kannst ihm schreiben und ihm einen schönen Gruß von mir bestellen. Und

im übrigen, Kind -- warten, warten und hoffen ... Es ist die ganze

Weisheit, die ich dir geben kann ...«

»Die taugt nichts, mein alter Freund,« sagte Beate und hob das Gesicht

von den Händen. Sie richtete sich auf und sah sich um. »Wo hab' ich

meinen Hut? Ich will noch heute abend zu Doktor Heßreuter. Der soll mir

ein Zeugnis geben und mir einen Platz anweisen, wo ich die Hände rühren

kann. Es ist mir gleichgültig, ob ich in einer Lazarettküche Kartoffeln

schäle oder im Laboratorium Salben quirle oder Binden aufwickle oder

sonst was. Ich will nur arbeiten; helfen will ich. Er wird mir schon

sagen können, wo's am meisten not tut.«

»Wie ich den Heßreuter kenne,« meinte Exzellenz von Köstmer, »wird

er wissen, daß man Frauen wie dich nicht zum Kartoffelschälen oder

Bindenwickeln verwendet; er wird dich dahin stellen, wo's hart auf hart

geht, Beate. Hast du das bedacht?«

»Ich hoffe, daß er das tut,« antwortete Beate still.

»Dann Gott befohlen, mein Kind! Und laß mich von dir hören.«

Beate versprach es. Aber sie schrieb nicht eher an ihren alten

Freund, als bis sie ihm melden konnte, daß sie als Vollschwester dem

Pflegepersonal im Osten zugeteilt worden sei und die Reise nach ihrem

Posten anzutreten im Begriff stehe.

»Der Dienst wird schwer sein,« schrieb sie, »aber ich freue mich auf

ihn. Er wird mir helfen, mich selbst zu vergessen, und die Zeit des

Wartens und Hoffens zu einer gesegneten machen. Von Gerd habe ich keine

Nachricht. Ich habe ihm geschrieben -- Gott weiß, ob er den Brief

erhält. Sobald du etwas von ihm erfährst -- mittelbar oder unmittelbar:

schreibe es mir gleich. Auch das Schlimme. Auch das Schlimmste.

Ich teile meine Not mit Tausenden und will von Tausenden nicht die

Schwächste sein ...« --

Beate hatte Recht gehabt, als sie sagte, ihr Dienst werde schwer sein.

Sie hatte sich sehr bald eine Stellung errungen, die ein Beweis

höchsten Vertrauens ihrer ärztlichen Vorgesetzten war, aber auch an

ihre seelischen und körperlichen Kräfte die äußersten Anforderungen

stellte. Sie versagte niemals. Sie wurde sehr schmal und hatte sich das

Schlafen abgewöhnt. Aber sie hielt stand.

Sie war dem Osten zugeteilt worden, weil sie Russisch verstand und

genügend sprach, um den Schmerzen und Wünschen ihrer slawischen

Pfleglinge ein Dolmetsch zu sein. Und sie hatte deren viele. Und

es wurden immer mehr. Die große Schlacht der Dezembertage wurde

geschlagen, und der Sichelwagen schnitt ...

Sie lagen in einem Dorfe. Einem polnischen Dorfe, das kein ganzes Haus

mehr hatte. Die Straße, von Schnee, Tauwetter und Frost und wieder

Schnee in einen Sumpf verwandelt, quietschte und schlappte unter den

Rädern der Geschütze, der Lastautos, der Wagen und Karren -- unter den

Hufen der Pferde, unter den Stiefeln der durchziehenden Truppen.

Beate horchte auf den Lärm vor ihren Fenstern wie auf eine Musik ...

Da zogen sie nach Osten -- immer weiter nach Osten. Der Dezemberwind

pfiff ihnen um die Ohren. Aber sie sangen -- sie sangen ... Ein Lied

tauchte in das andere hinein. Und es klang dennoch schön ...

Immer, wenn Beate dieses Singen hörte, mußte sie die Zähne

übereinanderbeißen. Es war kein Schmerz, den sie fühlte. Oder wenn es

ein Schmerz war, dann war er sehr süß ...

Sie stand am Fenster des Spelunkensaales, der zu einem Lazarett

umgewandelt worden war, und starrte auf die Straße hinaus. Sie drückte

den Kopf gegen die Scheibe, die gesprungen war, und ließ ihre Gedanken

wandern.

Aber sie hatte wenig Zeit für sich selbst. Sie rüttelte sich selber

hoch und hielt die Hand an der Stirn. Was hatte sie eben noch tun

wollen?

Wasser holen -- das war's ...

Sie nahm die beiden Eimer auf und ging die Treppe hinunter, nach dem

Tor. Sie trat auf die Straße hinaus und drückte sich an den Mauern hin,

um rascher vorwärts zu kommen. Sie mußte um die Ecke herum, nach dem

Markte, wo der einzige Brunnen stand, der noch Wasser gab. Alle anderen

Röhren versagten den Dienst.

Auf dem Markt war ein heilloses Durcheinander von Menschen, Tieren

und Gegenständen, Soldaten, Soldaten so weit das Auge blickte -- und

dazwischen die ehemaligen Herren des Dorfes, jämmerliche Gestalten, die

der Schrecken der Beschießung um die Hälfte ihres Verstandes gebracht

hatte.

Weiber und Kinder hockten auf den Trümmern ihrer Betten und sonstigen

Möbel, ohne den geringsten Versuch zu machen, noch Rettbares zu

retten. Sie waren ganz stumm geworden, ergeben wie betäubte Tiere. Sie

blickten mit verständnislosen Augen auf die fremden Menschen, die an

ihnen vorüberzogen. Die zurückflutenden Truppen der Russen hatten sie

gelehrt, Soldaten für Räuber zu halten, und das deutsche Heer hatte

noch nicht Zeit gehabt, sie eines Besseren zu belehren.

Beate füllte ihre Eimer am Brunnen und wollte nach dem Lazarett zurück.

Aber sie mußte eine kleine Weile warten. Geschütze wateten und knarrten

vorbei. Die Pferde und die Bedienungsmannschaften sahen aus wie aus

Lehm gebacken. Sie starrten von Dreck. Ihr Zug nahm kein Ende.

Beate wurde unruhig. Sie mußte unbedingt auf ihren Posten zurück. Ihre

Augen glitten über die deutschen Reihen, die fünf Schritte von ihr

entfernt vorüberkamen. Sie hoffte, daß die Tracht, die sie trug, ihr

helfen würde, durchzuschlüpfen.

In dem Augenblick, als sie sich an einen Offizier wenden wollte,

hörte sie hinter sich eine Stimme. Die sprach Deutsch und ein sehr

verständliches Deutsch ...

»Was ist denn das für eine verdammte Schweinerei da vorn --?! Wollt ihr

wohl aufpassen, ihr Himmelhunde -- oder soll der ganze Kram zum Teufel

gehen --?«

Der Gegenstand dieser Standpauke war ein Lastauto, das der Fahrer zu

weit nach der Seite gelenkt hatte und das, bis an die Achsen im Dreck

versinkend, sich langsam, aber unaufhaltsam seitwärts zu neigen begann.

Aber das kümmerte Beate nicht. Sie wandte sich um und starrte -- und

ließ ihre Eimer fallen, daß ihr das Wasser in die Schuhe floß -- und

hob die Arme und rief: »Gerd --!!«

Der Mann, den sie angerufen, bekam einen Ruck durch den ganzen Körper.

Er wandte ihr den Kopf zu und öffnete den Mund zu einem Rufe, der nicht

laut wurde ...

Ja, es war Gerd, der da an der Hauswand, der ganz zerschossenen, stand

und die Frau mit der Roten-Kreuz-Binde am Arm anstarrte, als sei sie

strahlendes Gold.

»Beate --! Beate --!«

Und da war es so recht Beate Hoyermann, daß sie, die das Meer und

die Wüste und den Schnee Rußlands und den Sturm der Luft überwunden

hatte, ratlos und verzagt vor dem beispiellosen Dreck einer

russisch-polnischen Landstraße stand und sich nicht vorwärts wagte.

Gerd Hoyermann aber besann sich nicht einen Augenblick. Er tat einen

Satz mitten in den Schlamm hinein und auf die Frau zu -- erreichte

sie und nahm sie in seine Arme ... mochten die Menschen ringsum zu

Hunderten glotzen und flüstern und lachen -- was ging es ihn an? --

Er fühlte die Frau seiner Liebe in seinen Armen und trug sie über die

Straße fort ins nächste beste Haus hinein und ließ sie auch nicht los,

als sie auf steinernen Fliesen standen und auf hölzernen Stufen.

»Beate! -- Beate! -- Beate ...«

Die Frau hatte die Augen geschlossen. Sie sagte nichts. Sie fühlte

seine Lippen auf ihren Lidern, ihrer Stirn, ihren Wangen und Lippen,

auf ihrem Haar, von dem die Haube glitt, und auf ihrem Halse. Sie

klammerte sich an den Mann, den sie liebte mit der ganzen Kraft und

Ausschließlichkeit ihres Herzens, und dachte mitten im Sturm ihres

Glücks und seiner Liebe ganz ruhig und still: Alles war nichts ...

alles Erlebte, alles Erlittene -- alles war nichts ... Nur dies ist

etwas -- etwas und alles ...

»Weinst du, Beate, liebe, geliebte Frau?«

»Nein, Gerd, nein ...«

Sie hob den Kopf, um ihm ihr Lächeln zu zeigen.

»Wie lange hab' ich dich?«

»Minuten, Beate ... Ich muß weiter -- wir sind auf dem Marsch ...

Sprich zu mir, Beate! Sage mir ... Nein, sage mir nichts ... Sieh mich

an, du Liebe, du Geliebte ... Wie ist es dir ergangen? Wie kommst du

hierher?«

»Jetzt nicht,« sagte sie lächelnd. »Ich schreibe dir ... Lange Briefe

will ich dir schreiben ... Hast meinen ersten nicht bekommen?«

»Nein, Geliebte, nichts ...«

»Es macht nichts,« antwortete sie mit ihrem gleichsam horchenden

Lächeln. »Ich schreib' dir einen schöneren ...«

Menschen stolperten an ihnen vorbei. Sie hielten sich an den Händen und

sahen sich an.

»Es ist kein Abschied,« sagte der Mann und preßte ihre Hände. »Es ist

ein Wiedersehen ...«

»Ja,« sagte die Frau.

»Ich muß fort ... Auf Wiedersehen, Beate!«

»Auf Wiedersehen, mein Geliebter ...«

Er küßte sie. Er ging. Sie trat in die Haustür und sah ihn schon nicht

mehr. Jetzt merkte sie es nicht, daß sie über den Kot der Straße

schritt, um an den Brunnen zu gelangen. Sie reckte sich auf den Steinen

und spähte nach rechts und links.

Ihre Augen fanden ihn gleich. Er saß auf einem braunen Pferde und

suchte nach ihr im langsamen Vorwärtsreiten. Sie winkte mit der Hand,

und er winkte wieder.

Ein Lachen lag ihm um die Lippen.

»Auf Wiedersehen, Löwin!«

»Auf Wiedersehen, Bär!«

Und immer wieder: Auf Wiedersehen! -- Auf Wiedersehen --!

Die Soldaten sangen.

An der Ecke der Straße wandte Gerd Hoyermann sich noch einmal um,

stützte die Hand auf die Kruppe des Pferdes und suchte die Augen seiner

Frau. Auf Wiedersehen! -- Auf Wiedersehen --!

Dann war er verschwunden.

Und Beate Hoyermann hob ihre Eimer auf und bückte sich, um Wasser zu

schöpfen ...

Druck der

Union Deutsche Verlagsgesellschaft

in Stuttgart

Die Flucht der Beate Hoyermann · 第 12 / 16 题