Verbrennen Sie diese Zeilen, noch ehe Sie fortgehen.«

Beate hatte nicht einen Augenblick gezögert, die Aufforderung

Tystendals zu befolgen. Sie tat es vielmehr mit dem Nachdruck und der

Entschiedenheit eines Menschen, der gewillt ist, alle Dinge auf ihre

Brauchbarkeit für einen einzigen und sehr bestimmten Zweck zu prüfen

und sie, falls sie tauglich befunden wurden, sich unbedingt dienstbar

zu machen.

Lars Larssen war ihr vorangegangen, denn der Strand war trocken von

Küste zu Küste, hatte sich in seinen Jinrikisha gesetzt und dem

herbeistürzenden Akira einen Wink gegeben, ihm mit der weißen Frau zu

folgen. Akira erkundigte sich bei seinem Kastengenossen nach dem Ziele

der Fahrt und erhielt eine Auskunft, die ihn bleich machte. Er beschloß

jedoch, ans Ziel zu kommen oder vor seinem Jinrikisha den Geist

aufzugeben, und trabte herzhaft hinter seinem um vieles jüngeren und

sehnigeren Führer drein.

Nach einer Fahrt von mehr als einer Stunde hielten sie an einem

Tempelhof, den Beate nicht kannte. Aber das wollte wenig sagen in

diesem Lande der Tempel. Sie stieg aus und folgte dem Schweden, der

sie über Treppen und Höfe zu einem anderen Tor führte, vor dem er

stehenblieb und zwei der herbeistürzenden Jinrikishabesitzer mit

Beschlag belegte. Diesen sagte er ein einziges Wort und erntete dafür

ziemliche Betroffenheit. Dann fuhren sie davon, und Beate erkannte

bereits nach einigen Minuten, daß sie nach einem kleinen Umweg auf

derselben Straße zurückfuhren, auf der sie gekommen waren.

Diese Vorsichtsmaßregel, die im natürlichen Zusammenhang mit ihrer

Notwendigkeit wenig geeignet war, das Gefühl persönlicher Sicherheit zu

verstärken, weckte in Beate das instinkthafte Aufhorchen, das die Tiere

der Wildnis haben. Durch ihr Leben in dem ostafrikanischen Vulkangebiet

war sie daran gewöhnt worden, jeden Aufenthalt in einem fremden Lande

als Freundschaft mit einem zahmen Löwen zu betrachten. Wenn die

prankenbewehrte Majestät im Vollbesitz ihres Gebisses und schlechter

Laune ist, läßt sich schwer für sie einstehen. Ohne einen sehr

dringenden Grund hetzte Christian Tystendal die Frau, die er gebeten,

zu ihm zu kommen und den Brief, in dem er sie dazu aufforderte, zu

verbrennen, nicht durch die halbe Provinz hin und her. Im Gegenteil.

Und Beate Hoyermann war entschlossen, den Grund in seiner ganzen

Tragweite kennenzulernen.

Ihre erste Frage, als sie Tystendal gegenüberstand, galt ihm.

Der Schwede war ihr bis an die Grenze seines japanischen Besitztums

entgegengegangen, und das bedeutete von seinem Hause aus einen Weg von

fünf Minuten, wenn man sich nicht sehr beeilte. Der Garten war gewiß

der schönste, den liebevolle Künstlerhände nach einem japanischen Traum

von Anmut und Zierlichkeit geschaffen; aber die beiden Menschen des

Abendlandes, die ihn durchschritten, verstanden weder den Tiefsinn von

kleinen bunten Steinen am Saum von schneeweißen Wegen, die nur zum

Beschauen, nicht zum Betreten auf ihrer Inselwelt waren, noch hörten

sie den Schwung und erstarrten Rhythmus jener hochgewölbten Brücken,

die über einen Teich führen, als läge am anderen Ufer das Land der

ewigen Glückseligkeit.

»Warum der Umweg?« hatte Beate gefragt.

»Trauen Sie Akira so unbedingt?« fragte der Schwede dagegen.

»Er sieht sehr harmlos aus,« meinte Beate nach einem kleinen Zögern.

»Um so besser eignet er sich für gewisse Zwecke seiner Obrigkeit,«

sagte Tystendal ernst. »Ich bin jedenfalls zu dem Entschluß gekommen,

keinem Menschen zu trauen, bevor ich ihn geprüft habe. Auf diese Weise

kann ich nur noch angenehm enttäuscht werden.«

»Sie sind Skeptiker, Herr Tystendal ...«

»Allerdings ... da ich die Menschen kenne.«

»Ist das die notwendige Folge davon?«

»Für mich war sie es, gnädige Frau ...«

Beate schwieg.

»Wir sind vollkommen ungestört,« fuhr Tystendal mit einem zugleich

brüderlichen und ehrfürchtigen Lächeln fort und blickte auf die

schmalen Hände der Frau, die sich gedankenlos öffneten und schlossen.

»Fragen Sie mich alles, was Sie fragen wollen, gnädige Frau. Soweit es

in meiner Macht liegt, will ich Ihnen Antwort geben.«

»Wo ist mein Mann?« fragte Beate.

»Soviel ich weiß, noch in Japan,« antwortete der Schwede. »Die Schiffe

laufen nicht aus. Die Kriegserklärung zwischen England und Deutschland

hat die Schiffe von der See in die Häfen gescheucht. Sie werden eine

Weile brauchen, bis sie sich wieder hinaustrauen ...«

»Hat er mir ... noch etwas Besonderes sagen lassen?« fragte Beate

weiter. Sie sah vor sich hin, in den Himmel hinauf.

»Er hat mir einen Brief gegeben,« sagte der Mann. Und er dachte,

während er neben ihr stehenblieb und auf sie niedersah: »Wunderlich

sind sie, die Frauen ... Sie stehen da und lächeln, wenn sie Abschied

nehmen. Und ein Glück wirft sie um.«

Es war ihm nicht wohl zumute.

Er gab ihr wortlos den Brief, den sie empfing, als sei er eine

zerbrechliche Schale; und so auch hob sie ihn an die Lippen ... Wenn

sie allein wäre, dachte der Mann, dann würde sie auf den Knien liegen

und mit geschlossenen Augen weinen.

»Gnädige Frau!« sagte er bittend.

Erst nach einer Weile antwortete sie mit einem so sanften Ernst, daß

er den Kopf senkte, als hätte sie ihm die Hand aufs Haar gelegt: »Wenn

Sie einmal eine Frau haben werden, Herr Tystendal, dann wünsche ich ihr

und Ihnen, daß Sie es nie nötig haben mögen, sich solch einen Brief zu

schreiben ... Aber wenn Sie es tun müssen, dann wünsche ich Ihnen, daß

Ihr Brief für die Frau, die Sie lieben, so viel vom Kostbarsten des

Lebens bedeuten möge wie dieser Brief für mich. Denn dann müssen Sie

sehr glücklich miteinander werden ...«

»Ich danke Ihnen für diesen guten Wunsch, gnädige Frau,« sagte der

Schwede etwas schwermütig.

Sie hatten das Haus erreicht und betreten. Der Diener schob die Wände

des Empfangszimmers vor ihnen auseinander.

»Es ist eine nordische Sitte,« meinte Tystendal, »daß man seine Gäste

an der Schwelle willkommen heißt. Ich habe sie fast vergessen; aber

ich möchte Ihnen beim Kommen und Gehen sagen: Gott segne Sie, Beate

Hoyermann, um Ihrer großen Liebe willen ...«

Er neigte sich vor ihr und ließ sie allein, um ihr Zeit zu lassen, den

Brief ihres Mannes zu lesen. Aber sie las ihn nicht. Sie fühlte ihn nur

mit gleitenden Fingern und sah sich verloren um. Sie würde noch viele,

viele Tage Zeit haben, diesen Brief zu lesen. Und sie bedurfte jetzt

aller ihrer Kräfte, die sie durch den Brief vielleicht verlor. Sie war

nicht hierhergekommen, um sich auf den Boden fallen zu lassen und die

Hände zu ringen. Sie war gekommen, um Auskunft und Rat und, wenn es

möglich war, auch Hilfe zu holen, und darum sah sie sich das Zimmer, in

dem sie stand, mit Augen an, die seinen Besitzer durch die Umgebung, in

der er lebte, ganz ergründen wollten.

Die Wohnung Christian Tystendals war ein wunderliches Gemisch von

Sybariten- und Spartanertum. Er schien die Liebhaberei zu haben, seine

Mahlzeiten im Liegen einzunehmen, und hatte sich aus allen Zeiten

und Weltteilen zusammengeschleppt, was die verschiedensten Begriffe

menschlicher Bequemlichkeit hervorgebracht hatten. Seine Mahlzeiten

selbst aber waren auf die Notwendigkeit, das Leben zu erhalten,

beschränkt und dienten außerdem lediglich als Überleitung zu dem Genuß,

unter vollkommenem Stillschweigen, höchstens in Gesellschaft eines

naturwissenschaftlichen oder geschichtlichen Buches, eine Zigarre,

einen Tschibuk oder eine Wasserpfeife zu rauchen.

Er betrachtete die Kunst in allen ihren Erscheinungen als persönliche

Angelegenheit des Empfängers und hatte den Mut, Berühmtheiten des

Tages schon am Morgen abzulehnen, ehe ihnen vom Abend das Todesurteil

gesprochen wurde. Er war in allen Dingen, auf die es ankam, ganz gewiß

ein Mensch, über den sich seine Nachbarn -- sofern er welche besaß --

in mehr als üblichem Maße ärgerten, weil er unabhängig und gleichgültig

war. All dies zusammengenommen, glaubte Beate, daß er der Mann sei, an

den sie sich wenden mußte, um ihr Ziel zu erreichen.

Dieser Gedanke machte sie sehr ruhig, und als Christian Tystendal

wieder eintrat, ganz darauf vorbereitet, sie über dem Briefe ihres

Mannes, im Jammer ihrer Tränen zu finden, saß sie mit einem stillen

und willensstarken Gesicht, ein wenig gerader aufgerichtet als

sonst, im Sessel neben seinem Schreibtisch, hatte die Hände im Schoß

zusammengelegt und sah ihm mit Augen entgegen, die schon auf ihn

gewartet hatten. Woraus Christian Tystendal die Schlußfolgerung zog,

daß Frauen im allgemeinen immer das Gegenteil von dem tun, worauf der

Mann vorbereitet war.

Während der Diener den Tee brachte und einschenkte, schwiegen sie

beide; doch als sich die Türe hinter ihm zugeschoben hatte, begann die

Frau, und ihre Worte sprangen wie ein Pfeil auf das Ziel: »Was haben

Sie mir zu sagen?«

»Zunächst das eine, das mir das Wichtigste ist,« antwortete der Schwede

sehr nachdrücklich. »Ihr Mann ist mein Freund; wir haben in letzter

Zeit Stunden gemeinsam verlebt, die uns zusammengeschweißt haben. Daran

bitte ich Sie zu denken und als Gerhard Hoyermanns Frau immer und

bedingungslos über mich zu verfügen.«

»Danke,« sagte Beate einfach und sah ihn mit ruhigen Augen an. »Ich

werde es tun.«

»Gut. Und nun zu Ihnen, gnädige Frau ... Ihre Lage ist nicht ganz

einfach. Es kann den japanischen Behörden nicht verborgen bleiben,

daß Ihr Mann verschwunden ist. Sie dürfen sogar fest davon überzeugt

sein, daß sie recht bald darauf aufmerksam werden. Für diesen Fall

halte ich es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß der Verdacht,

der durch den Tod jenes armen Narren eingeschläfert wurde, von neuem

auflebt und sich auch gegen Sie richtet. Sie haben es nie versäumt,

Ihr Deutschtum und Ihre Vaterlandsliebe in einer Weise zu betonen, die

jedes Mißverständnis in dieser Richtung ausschließt. Und bei einiger

Beobachtungsgabe, die ich der japanischen Geheimpolizei in hohem Maße

zutraue, wird man zu dem Schluß kommen, daß Sie sehr wohl die Frau

sind, von Gefühlen zur Tat überzugehen.«

»Und die Folgen davon?«

»Welche das auch sein mögen -- auf keinen Fall dürfte es im Sinne Ihres

Mannes sein, wenn Sie sich ihnen aussetzten,« sagte Tystendal.

»Weiter ...« sagte Beate und sah ihn aufmerksam an.

»Ich möchte Sie darum bitten, sich in den Schutz irgendeiner

Persönlichkeit zu begeben, die nicht nur dadurch, daß sie Ihnen

Gastfreundschaft gewährt, jeden Verdacht gegen Sie von vornherein

entkräftet, sondern durch ihre Stellung auch in der Lage ist, Sie gegen

jeden Übereifer zu schützen, von welcher Seite der auch kommen möge.«

»Und welche Persönlichkeit meinen Sie?«

»Den amerikanischen Konsul.«

»Danke,« sagte Beate. »Der Mann spricht Englisch. Wahrscheinlich denkt

er auch in dieser Sprache. Wir würden uns schwerlich verstehen.«

»Er ist der Vertreter einer neutralen Macht, gnädige Frau.«

»Es gibt keine Neutralität der Gesinnung,« sagte Beate. »Jeder ergreift

Partei, wenn auch nicht jeder die Konsequenzen zieht. Ich will es

lieber nicht darauf ankommen lassen, die Probe auf die Gesinnung des

Amerikaners zu machen. Ich wüßte nicht, was mich veranlassen könnte,

die Farben des neutralen Sternenbanners für waschecht zu halten. Der

Grundstock der amerikanischen Presse ist das englische Geld; das wollen

wir nicht vergessen. Haben Sie die Zeitungen gelesen?«

»Ja.«

»Und glauben Sie, was Sie da gelesen haben?«

»Ich denke gar nicht daran,« antwortete der Schwede kopfschüttelnd.

»Ich danke Ihnen.«

»Es scheint eine Art von Delirium über die amerikanische Presse

gekommen zu sein,« fuhr Tystendal fort. »Jede Zeitungsüberschrift

eine Kinoreklame ... Dabei kann man ihnen allein nicht einmal die

Verantwortung zuschieben. Sie drucken, was ihnen die englischen Kabel

übermitteln. Denn es gibt keine deutschen Kabel mehr. Und wir können

uns ziemlich fest darauf verlassen, daß den Herren der Vereinigten

Königreiche, die Amerika mit Kriegsberichten versorgen, bei der

Übersetzung Ihrer Generalstabsmeldungen -- soweit sie sich auf deutsche

Siege beziehen -- plötzlich die Vokabeln ausgehen werden.«

Beates Lippen verzogen sich in schmerzlichem Hohn.

»Nun!« sagte sie und beugte sich im Sitzen vor. »Glauben Sie

wirklich, lieber Freund, ich würde es gelassen mit ansehen, wenn der

amerikanische Konsul mit seiner ehrenwerten Familie beim Frühstück die

deutsche Flotte verspeist, beim Dinner den Kronprinzen mit englischer

Soße und beim Abendessen drei bis vier deutsche Armeekorps +à

la+ Eiffelturm zubereitet --? Ich würde ihm, wenn er es wagte,

zu behaupten, daß er den Wahnsinn seiner Zeitungen für wahr hielte,

diese seine sämtlichen Zeitungen an den Kopf werfen, so wahr ich Beate

Hoyermann heiße. Und hätte im gleichen Augenblick sein Haus verlassen.

Und dann stünde ich auf demselben Fleck wie vorher.«

»Gut, gut,« sagte Tystendal mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich ziehe

meinen Antrag zurück. Und ich bitte Sie, mir Ihre Vorschläge zu machen.

Denn ich müßte mich sehr in Ihnen täuschen, wenn Sie nicht bereits Ihre

festen Pläne hätten, Frau Beate Hoyermann ...«

»Sie haben Recht,« antwortete Beate. »Und mein Plan ist sehr einfach

... Ich will nach Deutschland zurück.«

Christian Tystendal sah die Frau, die vor ihm saß, an und zog die

Augenbrauen hoch.

»Wenn Sie das einen einfachen Plan nennen, so möchte ich wissen, was

Sie unter einem verwickelten verstehen, gnädige Frau,« sagte er, ohne

zu lächeln.

»Ich glaube, Sie mißverstehen mich,« antwortete Beate. »Ich bin mir der

Schwierigkeiten durchaus bewußt. Aber ich habe mich entschlossen, es

mit ihnen aufzunehmen ... Und ich wende mich nun an Sie, weil Sie der

Freund meines Mannes sind. Sie haben mir gesagt, daß ich mich auf Sie

verlassen kann; nun nehme ich Sie beim Wort.«

Christian Tystendal stand auf und begann im Zimmer hin und her zu

gehen. Die Augen Beates folgten ihm mit großer Aufmerksamkeit. Sie

unterbrach sein Nachdenken mit keiner Bewegung.

»Würde es Sie sehr stören, gnädige Frau,« begann der Schwede nach einer

Pause, »wenn ich mir eine Zigarre ansteckte?«

»Höchstens als Symptom,« meinte Beate. »Denn mein Mann pflegte zur

Zigarre zu greifen, wenn die Sachlage kritisch wurde ...«

»Abermals eine Ähnlichkeit zwischen Ihrem Manne und mir,« sagte der

Schwede trocken.

Beate legte die Hände zusammen. »Sie müssen ganz offen sein,« meinte

sie mit jener aufmerksamen und sanften Gelassenheit, um derentwillen

Gerhard Hoyermann seine Frau »Kamerad« zu nennen liebte.

»Das muß ich wirklich, gnädige Frau,« antwortete Tystendal. Er setzte

sich ihr gegenüber und betrachtete den Brand seiner Zigarre. »Wie haben

Sie sich Ihren Weg nach Deutschland gedacht?«

»Über Kiautschou,« sagte Beate. »Das ist deutscher Boden. Und da finde

ich deutsche Menschen. Von dort aus will ich mir schon weiterhelfen.«

Christian Tystendal zog die Oberlippe zwischen die Zähne. »Ich fürchte,

gnädige Frau, wenn Sie nach Kiautschou gingen ... Sie würden dort nicht

lange auf deutschem Boden stehen ...«

»Was heißt das ...?«

»Der Hafen von Tsingtau ist zu günstig für die englische Schiffahrt,

als daß sie nicht wünschen sollte, ihn, wenn nicht selbst zu besetzen,

so doch wenigstens den Deutschen zu entreißen. Und das wird sie sehr

bestimmt und sehr bald tun ...«

»Nein --!«

»Ja, gnädige Frau.«

»Sie glauben ernsthaft, daß England seine Truppen herüberschicken

wird, um Kiautschou zu erobern --?!«

»Das wird England nicht nötig haben,« meinte der Schwede. »Es wird an

sein Ziel kommen und die eigenen Truppen sparen.«

»Glauben Sie,« fragte Beate mit einem bitteren Lächeln, »daß der

Gouverneur von Kiautschou das Pachtgebiet gutwillig übergibt?«

»Ganz gewiß nicht. Aber wie stark die Truppen, über die er verfügt,

auch sein mögen, -- die Feinde werden, wenn sie es für nötig halten,

in der zehnfachen Übermacht sein und vollkommen ausreichend, um das

deutsche Gebiet von der Seeseite her wie vom Lande abzuschnüren.«

»Über chinesischen Boden hinweg?«

Tystendal zuckte die Achseln.

»China«, antwortete er, »ist weder ein militärischer noch ein

politischer, sondern höchstens ein geographischer Begriff. Er wird die

japanischen Truppen ganz gewiß nicht aufhalten.«

»Was für Truppen?« fragte Beate.

Der Mann blickte zu ihr hin und nickte. »Ja, ja, meine gnädige

Frau -- der arme, tote Narr, der, wie mir Ihr Mann erzählte, den

Wesensunterschied zwischen der asiatischen und der europäischen Rasse

in der Verschiedenheit der Ehrbegriffe suchte, war vielleicht ein

größerer Weiser, als wir dachten ... Ich bin fest davon überzeugt,

daß Japan sich die Ehre, seinen ehemaligen Lehrer und Meister abwürgen

zu helfen, außerordentlich hoch bezahlen läßt. Aber es wird das Geld

einstecken und sich feierlich auf den Bündnisvertrag mit England

berufen, um vor der Welt im Recht zu sein ... Wenn der Deutsche die

Leidenschaft des Lehrens hat, so hat der Japaner die des Lernens.

Und wie der eine ein unübertrefflicher Lehrer ist, so ist der andere

ein unübertrefflicher Schüler, aber im Grunde genommen ist es für

jeden Schüler ein befriedigendes Gefühl, seinen Lehrer zu besiegen;

er glaubt damit sein Meisterstück zu machen und sich die innerliche

Unabhängigkeit von dem Besiegten zurückzukaufen. Es mag abscheulich

sein, aber es ist menschlich. Und um so menschlicher, je abscheulicher

es ist. Damit müssen wir rechnen, Frau Beate!«

»Sie müssen aber doch einen Grund für ihr Vorgehen angeben ...« meinte

Beate.

»Mein Gott, der Grund ... Kain erschlug seinen Bruder Abel wegen eines

Opferfeuers. Vielleicht wird dieser ›Grund‹ später einmal das Gelächter

der Weltgeschichte; augenblicklich handelt es sich um ein Geschäft.«

Beate richtete sich auf und bog den Kopf in den Nacken.

»Sie rechnen also damit,« zog sie den Schluß, »daß Japan über kurz oder

lang auf die Seite von Deutschlands Feinden treten wird?«

»Ja,« nickte der Schwede.

»Und trotzdem machten Sie mir vorhin das Anerbieten, in Japan zu

bleiben?«

»Trotz aller Ihrer Einwände, gnädige Frau, halte ich meinen Vorschlag

nach wie vor für den besten, den Ihnen ein Freund machen kann,« sagte

Tystendal ernst.

»Das gibt mir leider den Beweis, daß Sie eine sehr falsche Meinung von

mir haben,« antwortete Beate und stand auf.

Auch der Mann erhob sich. Sie standen sich gegenüber.

»Liebe gnädige Frau,« sagte der Schwede, ohne sich zu bewegen, »ich

bitte Sie herzlich -- im Namen Ihres Mannes, den Sie lieben --, keine

Unbesonnenheit zu begehen!«

Beate fuhr sich mit beiden Händen nach den Schläfen. »Unbesonnenheit!«

wiederholte sie, und ihre Augen wurden dunkel. »Ich will Ihnen etwas

sagen, Herr Tystendal! Wenn ich hier bliebe in diesem Lande, das

demnächst mit uns im Kriege sein wird -- unter diesem Volke, das die

Ausbildung seines Heeres deutschen Offizieren verdankt, das an unseren

Universitäten gelernt hat und bei unseren Ingenieuren in die Schule

gegangen ist --, dann würde ich nicht nur vielleicht, sondern ganz

gewiß eine Unbesonnenheit begehen! Denn ich könnte nicht schweigen!

Ich müßte mir's von der Seele herunterreden -- allen Groll und allen

Schmerz und alle Verachtung -- und alle meine himmelhohe Zuversicht

für die deutsche Sache! Und wenn die Herren Japaner bis dahin keinen

Grund gehabt hätten, mich mit mißtrauischen oder feindseligen Augen zu

betrachten, -- dann würden sie ihn bekommen!«

»Niemand würde Sie mit feindseligen Augen betrachten,« sagte der

Schwede. »Im Gegenteil! Ich bin fest davon überzeugt, daß Japan alles

tun wird, den drohenden wie den verwirklichten Kiautschoukonflikt als

eine Episode hinzustellen, die auf seine sonstigen guten Beziehungen

zum Deutschen Reich nicht den geringsten Einfluß hat, und wird diese

Bemühung durch besondere Zuvorkommenheit gegen die Angehörigen der

deutschen Nation unterstreichen ...«

»O, ganz gewiß!« sagte Beate. »Sie würden uns das Herz aus der

Brust nehmen und lächelnd versichern, daß es nur +ad majorem

gloriam+ Nippons und ohne jede böse Absicht gegen uns geschehen

sei. Aber ein höflicher Henker ist auch ein Henker, und ich für meine

Person ziehe den Haß, der mir ins Gesicht springt, bei weitem der

lächelnden Klugheit vor, die aus dem Kriege eine Geschäftsepisode

macht und durch eine Verbeugung ihre Gemeinheit zu entschuldigen

sucht. Und wenn mein Entschluß, dieses Land zu verlassen und nach

Deutschland zurückzukehren, schon vorher sehr fest war, -- jetzt ist er

unerschütterlich geworden.«

»Und wie wollen Sie das anfangen?«

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß Sie mir helfen werden.«

»Nein, gnädige Frau,« sagte der Schwede.

»Sie verweigern mir Ihre Hilfe?«

»Ich weigere mich, bei einem Unternehmen mitzuwirken, das, wie ich

bestimmt weiß, die Billigung Ihres Mannes nicht haben würde.«

Beate lächelte. Und dies Lächeln war so wenig die Antwort, die der Mann

erwartet hatte, daß er glaubte, die Frau habe ihn mißverstanden.

»Sie sagen, Sie kennten meinen Mann gut,« meinte Beate. »Ich kenne

ihn besser, und er kennt mich. Ich sage Ihnen heute -- und hoffe, es

wird ein Tag kommen, an dem Sie die Bestätigung meiner Worte erhalten:

In dem Augenblick, wo mein Mann erfährt, daß zwischen Japan und

Deutschland der Krieg ausgebrochen ist, weiß er, daß ich nicht mehr in

Japan bin. Und wenn wir uns wiederfinden sollten -- vielleicht erst

sehr spät, vielleicht schon bald, wer kann das sagen? --, dann werde

ich ihm nichts zu sagen und zu erklären brauchen; er wird alles im

voraus begreifen und billigen. Denn er kennt mich und liebt mich, wie

ich bin ... Ich weiß den Weg noch nicht, den ich gehen muß, aber ich

werde ihn ganz gewiß finden. Und es wird kein anderer Unterschied sein

als der: ob ich ihn mit Ihrer Hilfe finden werde oder ohne sie. Ich

habe Ihnen meinen Entschluß mitgeteilt und werde Sie ganz gewiß nicht

zu beeinflussen suchen. Aber je rascher Sie sich entscheiden, um so

dankbarer werde ich Ihnen sein.«

Christian Tystendal antwortete nicht. Er sah vor sich nieder, und in

seinem Gesicht spielten die Muskeln. Beate ließ ihm Zeit. Aber als die

Minuten vertropften, ohne daß er sprach, nahm sie die Rede wieder auf,

und ihre Stimme war die eines Menschen, der seiner selbst ganz gewiß

ist und darum sanft und heiter sein kann.

»Als ich von Gerhard Abschied nahm, da haben Sie mich vielleicht für

eine sehr tapfere Frau gehalten, Herr Tystendal. Aber Sie haben sich

getäuscht. Ich war damals schon entschlossen, ihm nachzugehen --

wenigstens so weit, daß ich -- die deutschen Verlustlisten in die Hand

bekam. Ich wollte seine Spur finden und wissen: er ist da oder dort.

Dann wollte ich auf mich nehmen, was das Schicksal mit mir vorhat. Und

arbeiten wollte ich. Es wird genug zu tun geben für eine Frau, die

zugreifen kann und will. Und ich wollte an Gerhard schreiben: Ich bin

hier; sorge dich nicht um mich -- ich bin nun ganz ruhig; ich warte ...

Dann hätte mein Leben doch einen Sinn ... Aber wenn ich hier bliebe

oder irgendwo sonst, wo nicht Deutschland ist, dann würde ich nicht

leben ...«

Tystendal räusperte sich, aber er sagte nichts. Beate senkte den Kopf.

»Sie kennen uns erst so kurze Zeit,« sagte sie, fast ohne die Lippen

zu bewegen. »Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen werden, was wir in

unserer Ehe einander geworden sind ... Ich glaube, Sie denken nicht

sehr hoch von den Frauen ... Vielleicht gehören Sie zu jenen Menschen,

deren Sehnsucht nach der Frau so grenzenlos ist, daß sie notwendig

enttäuscht werden müssen ... Mein Mann und ich, wir sind zwei Bäume,

die zusammenwuchsen ... Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen

und haben zwei Bäume klagen hören, an deren ganz verschlungenen

Stämmen der Sturm riß? -- Es klingt, als läge im Gebüsch ein Tier,

das verendet ... Und wenn man sie trennt, dann bluten sie ... Niemand

weiß um unsere Liebe ... Wenn wir vor den Menschen stehen, dann lachen

wir uns an und sind Geschwister. Aber wenn wir allein sind und unser

selbst bewußt werden, dann beben wir im Innersten vor großem Glück

und Staunen und stehen manchmal, wie Menschen in einem allzu starken

Licht, mit geblendeten, geschlossenen Augen und sind alle beide mit

lachenden Lippen und tanzenden Herzen sehr zum Knien und Weinen

geneigt ... Ich will, daß Sie mich verstehen, lieber Freund, und darum

spreche ich Ihnen von unserer Liebe ... Wenn ich dahin gehen will,

wo ich wenigstens Nachricht von meinem Manne erhalten kann, und wäre

es die schlimmste -- die Nachricht von seinem Tode --, dann ist das

nicht, weil ich unbesonnen bin. Es ist auch nicht das Abenteuer einer

unternehmungslustigen Frau. Es ist einfach eine Notwendigkeit für mich

-- ein Mut, der einer Feigheit sehr ähnlich sieht; denn ich weiß: ich

würde das Leben nicht ertragen ... Da haben Sie die ganze Wahrheit. Und

ich schwöre Ihnen, sie ist bitterlich wahr ...«

»Ich glaube Ihnen, Frau Beate,« sagte der Schwede mit einem trinkenden

Atemzug. Er sah etwas verträumt aus. Dann gab er sich einen Ruck und

fuhr fort: »Und ich werde Ihnen helfen ...«

»Danke,« antwortete Beate Hoyermann. Sie schien ihrer Sache ganz sicher

gewesen zu sein. Sie sah den Mann mit ruhigen und freundlichen Augen

wartend an, daß er lächeln mußte, als er ihrem Blick begegnete.

»Sie müssen mir etwas Zeit lassen,« meinte er. »Ich war, weiß Gott,

so wenig auf Ihren Plan vorbereitet wie auf meinen Tod. Und wir

müssen mit höchster Überlegung zu Werke gehen. Von der Verantwortung

abgesehen, die ich auf mich nehme und der ich nichts als die Wahrung

alleräußerster Vorsicht entgegenzusetzen habe, würden Sie, gnädige

Frau, bei einem möglichen Scheitern Ihres Vorhabens in eine sehr

viel unangenehmere Lage geraten, als Sie je erlebt haben. Deutsche

oder österreichische Schiffe kommen für Sie nicht mehr in Betracht;

es handelt sich nur um ein feindliches oder ein neutrales, was auf

dasselbe herauskäme; denn Sie würden auch auf einem holländischen

Dampfer der Durchsuchung des Schiffes durch englische Kreuzer nicht

entgehen. Und es ist durchaus nicht sicher, ob man nicht vorziehen

würde, Sie als deutsche Frau höflichst aufzufordern, mit nach England

zu reisen. Möglich, daß man Ihnen nach einiger Zeit die Heimreise

nach Deutschland gestattete. Aber es ist nicht sicher. Und Sie würden

in England nicht weiter noch näher von Deutschland und der Wahrheit

entfernt sein als in Japan oder Amerika. Das sehen Sie ein, nicht wahr?«

»Ohne weiteres.« Beate hatte sich wieder gesetzt und die Hände im Schoß

zusammengelegt, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie sich vollkommen

sammeln wollte.

»Also --«

»Also werde ich nicht als Deutsche reisen,« sagte Beate.

»Mit falschem Paß ...«

»Mit einem englischen Paß.«

»Warum gerade mit einem englischen?«

»Ich spreche Englisch wie Deutsch, mit dem Londoner Akzent ...«

»Gut, sehr gut ...« Tystendal ging im Zimmer hin und her; er hatte eine

gerötete Stirn. Beate rührte sich nicht. Der Diener trat ein und räumte

die unberührten Tassen fort; er ging wieder hinaus und schob die Türe

zu. Obgleich Tystendal ihn nicht bemerkt zu haben schien, hatte der

Eintritt des fremden Menschen doch seine Gedanken unterbrochen und in

eine neue Bahn gejagt. Er sah dem Diener nach und brummte. »Hm ...«

Endlich wandte er sich mit einer entschlossenen Bewegung zu der

wartenden Frau und schlug die flache Hand auf den Schreibtisch.

»Lassen Sie mir ein paar Tage Zeit, gnädige Frau -- ich muß eine Reise

machen ... Seien Sie versichert, daß ich keine Stunde verlieren werde;

aber zwei bis drei Tage brauche ich notwendig, um die Sache ins Geleise

zu bringen ... Ich hoffe, ich werde zu Ihrer Zufriedenheit arbeiten.

Vertrauen Sie sich mir an?«

»Ja.«

»Und lassen Sie mir in allen Entschließungen freie Hand?«

»Vollkommen.«

»Danke, gnädige Frau! Mehr brauche ich nicht zu wissen.«

Beate erhob sich. Sie reichten sich die Hände.

»Auf Wiedersehen, mein Freund!«

»Auf Wiedersehen, Frau Beate ... Gott segne Sie ...«

»Ich werde Tag und Nacht auf Sie warten.«

»Ich komme, sobald ich Ihnen etwas Greifbares zu bringen habe. Aber

seien Sie mit jeder Stunde auf Ihre Abreise vorbereitet ...«

»Gut,« sagte Beate ernst.

Sie fuhr auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen war. Bevor sie

die Insel erreichte, war es Nacht geworden. --

Als Umè vier Tage später ins Schlafgemach ihrer Herrin trat, um sie zu

wecken, fand sie das Zimmer leer.

Sie dachte: Die verehrungswürdige weiße Frau wird zum Baden ans Meer

gegangen sein, und hockte sich auf die Fußmatte, um geduldig zu warten.

Aber sie wartete umsonst. Ihre Herrin kam nicht wieder ...

5

Die »Princeß of India« war eine schöne, starke und schnelle Riesin. Sie

bebte vor verhaltener Kraft. Drei Tage länger, als sie zuerst gewollt,

hatte sie im Hafen vor Anker liegen müssen. Der Gipfel des Fujiyama

hatte sich ihr nicht entschleiert; der Regen, der schräge Regen eines

wohlwollenden Gottes, hatte ihr die Flanken gewaschen. Nun war sie

ihn leid. Sie wollte in die Sonne hinein und glänzend, rauschend und

brausend, von Musik umspült wie von den langen Wogen des Ozeans und der

Luft ihre neuen Ziele suchen.

Die »Princeß of India« war das erste Schiff, das nach Ausbruch des

europäischen Krieges einen japanischen Hafen verließ. Um so mehr

Fahrgäste hatten sich an Bord gedrängt. Es waren fast durchweg

Angehörige der britischen Nation, die nach Southampton zurück wollten.

Und die meisten hatten es sehr eilig. Sie wollten noch rechtzeitig

in Europa ankommen, um den Einzug der siegreichen französischen

und russischen Truppen in Berlin mitzuerleben und die Heimkehr

der Lorbeergekrönten nach Paris. Die hübschen Töchter von Sir Hugh

Trelawney fürchteten ernsthaft, daß der Krieg schon längst durch die

Zerschmetterung Deutschlands beendet sein würde, wenn die »Princeß of

India« in den Heimatshafen einlief.

Im übrigen war die Stimmung an Bord so heiter wie möglich. Niemand

ließ es sich in den Sinn kommen, dem Kriege einen ernsthaften oder gar

besorgten Gedanken zu widmen. Man befand sich auf dem Meere -- das

hieß, man befand sich auf englischem Grund und Boden. Und man fuhr mit

einem englischen Schiffe -- das hieß, man war so sicher wie beim lieben

Gott.

Die Musik spielte »+Rule, Britannia!+« und »+God save our

gracious king!+« und verzichtete auf Richard Wagner. Das war

vielleicht das einzige Auffallende an dieser ganzen Fahrt.

Außer den englischen Reisenden -- die »Princeß of India« hatte nahezu

achthundert Gäste an Bord -- fuhren nur wenige Ausländer mit. Ein

lungenkranker Chilene, der nach Heluan wollte, aber alle Aussicht

besaß, sich schon lange vor seiner Ankunft in Ägypten an Whisky und

Sodaeiswasser zu Tode getrunken zu haben. Ein Schweizer Missionar

mit seiner Frau und zwei Töchtern, den die Aussichtslosigkeit seiner

Bestrebungen auf japanischem Boden an den Rand des Tiefsinns gebracht

hatte; er hoffte, in der Umgebung von Benares davon geheilt zu werden,

ohne für diese Annahme den leisesten Grund zu haben ... Und eine

Russin, die bereits von Afrika aus mit der »Princeß of India« nach

Japan gefahren war und nun wieder umkehrte, ohne japanischen Boden

betreten zu haben.

Der Grund ihrer Reise war, daß sie das Grab ihres ältesten Sohnes

hatte aufsuchen wollen. Dieses Grab war das Meer des Ostens. Jewgenij

Iwanowitsch Petulikow war bei der großen Vernichtung der Zarenflotte im

russisch-japanischen Kriege mit der »Ossljabja« untergegangen.

Als die »Princeß of India« bei der Hinfahrt, von Süden her, in die

japanischen Gewässer kam, hatte sich Jelisaweta Petulikowa, die Witwe

des Iwan Petulikow, zum ersten Male während der ganzen Reise aus ihrer

Kabine aufgemacht, um den Kapitän zu suchen. Und dann fragte sie ihn,

während auf ihrem erschöpften Gesicht, das sie seit dem Tode ihres

Sohnes nicht mehr schminkte und dem der Puder den Ton von welkendem

Flieder gab, ein unaussprechlicher Schrecken ausgeprägt war, wann die

»Princeß of India« in die Seestraße von Korea komme.

»Überhaupt nicht,« hatte der Kapitän geantwortet.

Er mußte es wissen. Lisa Petulikowa glaubte ihm und ergab sich.

Sie war von ihrem Gute aus, das in der Nähe von Moskau lag -- kaum

hundertzwanzig Kilometer westlich davon --, in Begleitung ihres

jüngeren Sohnes nach Afrika gefahren, hatte sich dort nach dem ersten

Dampfer erkundigt, der nach Japan wollte, und hatte auf der »Princeß of

India« die Reise angetreten.

Jewgenij Iwanowitsch war ihr Gott gewesen. Die Liebe einer Mutter lag

nicht in ihrem Wesen; Jewgenij Iwanowitsch war nicht ihr Sohn, er

war ihr Ritter. Er kam nur selten nach dem Gute seines Vaters, aber

wenn er kam, brachte er alles Brausen seiner Jugend, allen Leichtsinn

seiner Zärtlichkeit, allen Rausch der Siegesgewißheit mit und

überschüttete die immer noch sehr schöne Frau, die seine Mutter war,

mit Liebkosungen, mit Geschenken, mit Verheißungen für die Zukunft,

wenn er eine Braut gefunden haben würde und einen Palast in Petersburg

am Wassilij Ostrow besaß und die Mutter bei ihnen wohnen sollte ...

Aber er fand die Frau nicht, die er suchte. Sie mußte wie seine Mutter

sein -- das war die Schwierigkeit ...

Jewgenij Iwanowitsch lachte sein heiterstes Lachen, während er so

sprach. Und seine Mutter sah ihm mit Entzücken nach, wenn er pfeifend

durch die alten Zimmer des Gutshauses schritt und sich in den Hüften

wiegte.

Solange Jewgenij Iwanowitsch lebte, war Lisa Petulikowa eine junge Frau.

Aber dann starb er. Und Kyrill, sein Bruder, war nicht der Mensch,

sein Erbe anzutreten. Als er den Bruder verlor, war er zwölf Jahre

alt, und es diente seinem schüchternen und vom eigenen Unwert gänzlich

überzeugten Wesen nicht zum Vorteil, daß er gleichsam im Schatten der

Trauer um einen Toten aufwuchs.

Die beiden Brüder hatten sich nur selten gesehen. Lisa Petulikowa war

der Meinung gewesen, daß es für Kyrill das beste war, in einem sehr

vorzüglichen Institut des Auslandes erzogen zu werden. Sie schickte den

Knaben nach Paris, von wo aus er nur zu den großen Festen nach Hause

kam.

Erst als Jewgenij Iwanowitsch gestorben war, rief die Mutter nach ihrem

jüngeren Sohne und behielt ihn bei sich; sie brauchte einen Menschen,

der geduldig zuhörte, wenn sie von dem Toten sprach und sein Leben im

Erzählen zu einer Legende schuf, bis sie sie auswendig hersagen konnte.

Geduld war die eigentümlichste Eigenschaft von Kyrill Petulikow. Er

kannte seinen Bruder kaum und hatte ihn nicht geliebt -- wenigstens

nicht mehr als alle Menschen, denen er stets mit Sanftmut und dem

besten Willen zum Frieden entgegentrat. Er hatte den Bruder im

Gedächtnis als etwas sehr Lautes -- etwas, das die Wände beben machte,

wenn es die Türen ins Schloß jagte und mit den Absätzen in die Dielen

hackte -- das, wenn es betrunken war -- und das war nicht selten --,

die Knechte prügelte und die Hunde mit Stühlen warf, um ihnen beiden,

Menschen wie Tieren, am anderen Morgen strahlend abzubitten -- etwas,

das viel und eigentlich ohne rechten Grund zu lachen pflegte, im Gras

lag und schwermütige Lieder sang -- etwas, dem die Weiber nachliefen

wie die Ziegen einem, der Salz trägt -- etwas, das im Lichte stand und

sich nicht kümmerte, auf wen es seinen Schatten legte.

Er hatte keine Ursache, seinen Bruder anzubeten, wie die Mutter es tat.

Aber da er fühlte, daß es für Lisa Petulikowa zum Zweck des Lebens

geworden war, von Jewgenij Iwanowitsch zu reden, so saß er Abend für

Abend neben ihr und hörte ihr zu. Das war alles, was er für seine

Mutter tun konnte. Ihr den Toten zu ersetzen, vermochte er nicht --

hätte er auch nie versucht. Und da wurde Lisa Petulikowa sehr rasch

eine alte Frau, die nicht mehr acht auf sich gab, ein wenig liederlich

herumging und ihr Haar nachlässig ordnete. Aber sie trug noch immer

ihren schönen Schmuck und hatte ihn auch für die Reise nicht abgelegt,

obgleich sie an Ceylon und den beiden Indien vorüberfuhr, indem sie in

der Kabine saß und Patiencen legte, die nie aufgingen.

Sie haßte die Menschen, die fröhlich waren, obgleich Jewgenij

Iwanowitsch starb -- und die Erde, den Himmel und das Meer, die schön

waren, ohne daß er sich ihrer freuen konnte.

Außerdem war sie leidend. Und als sie die Nachricht bekommen hatte, daß

sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen würde, fiel sie gleichsam in

sich zusammen. Gewiß, man konnte in Japan aussteigen und ein anderes

Schiff nehmen, das durch die Straße von Korea fuhr. Aber zu diesem

Vorschlag, den Kyrill ihr machte, schüttelte Lisa Petulikowa hartnäckig

den Kopf. Nein, sie wollte auf diesem Schiffe bleiben und umkehren und

nach Hause fahren.

Diese ungeheuerliche Reise, die sie unternommen hatte, um das Grab

ihres Abgotts zu besuchen, bedeutete den höchsten Einsatz von

Willenskraft und Unternehmungsgeist, den sie in ihrem ganzen Leben

aufgewendet hatte. Nun war alles sinnlos gewesen -- und wurde durch

seine Sinnlosigkeit grotesk, eine Narrheit, die dem Mitleid nicht näher

stand als dem Spott.

Alles, was sie an innerlichen Kräften besaß, hatte sie für diese

närrische Reise aufgewendet. Ein Mehr davon war in ihr nicht übrig.

Sie ließ sich zu Boden fallen, und da wollte sie liegenbleiben.

Wer sie aufhob, wußte sie nicht und dankte es ihm nicht. Da sie an

Herzkrämpfen litt, brauchte sie eine ständige Wache für die Nacht. Eine

Stewardeß übernahm die Pflege. Es war ein stilles, etwas schweigsames

Mädchen, aus Sheffield gebürtig, früher in Diensten auf der

»North-Carolina«, die in San Franzisko beheimatet war. Aber nun wollte

sie nach Hause. Sie hieß Kate Mathew und hatte blondes Haar.

Kyrill Petulikow pflegte bis gegen Mitternacht bei seiner Mutter

zu wachen. Dann kam das Mädchen und nahm seine Stelle ein. Aber

nicht immer ging er dann. Er setzte sich meistens in eine Ecke des

behaglichen und nicht engen Raumes und blieb dort, ohne sich zu rühren,

stundenlang, die Hände auf den Knien zusammengelegt, mit gesenktem

Kopfe, von dem die dunklen Haare weich und locker in die Stirn fielen.

Wenn das Mädchen sich umgewandt hätte, dann wäre sie seinem Blick

begegnet, der still und gleichsam ausruhend auf ihr lag. Aber sie

wandte sich nicht um.

Sie sprachen fast gar nicht miteinander. Er war des Englischen so wenig

mächtig wie sie des Russischen. Einmal redete er sie französisch an,

und sie antwortete in der gleichen Sprache, aber so einsilbig, daß er

wieder verstummte. Personen dienenden Standes gegenüber war Kyrill

Petulikow immer etwas befangen. Es war ihm stets peinlich, die Dienste

eines Menschen in Anspruch zu nehmen, so hoch er sie auch bezahlte.

Er war ein Narr im Trinkgeldgeben und schämte sich für die Leute, die

es annahmen. Aber während er Kate Mathew beobachtete, kam er zu dem

Ergebnis, daß es unmöglich sein würde, ihr eine Fünfpfundnote in die

Hand zu drücken.

In einer Nacht, da die Kranke besonders heftig an Herzkrämpfen gelitten

hatte und Kate Mathew sie in den Armen hielt und stützte und leise,

unverständliche Worte zu ihr sprach, auf die die Kranke mit wirren

Augen horchte, fing Kyrill Petulikow zu reden an.

Er beugte sich in seinem Sessel vor und schüttelte den Kopf.

»Sie sind nicht immer Stewardeß gewesen,« meinte er halblaut, und es

war kaum eine Frage.

Kate Mathew stand einen Augenblick, ohne sich zu bewegen, und dann

wandte sie sich mit einer Art betonter Festigkeit nach dem Manne um.

»Warum glauben Sie das?« fragte sie und schob mit dem Ton ihrer Stimme

das Gespräch weit von sich ab. Aber das hörte Kyrill Petulikow nicht,

oder er wollte es nicht hören. Er lächelte ein wenig.

»Ich habe ohne Unterlaß auf Ihre Hände gesehen,« sagte er mit einer

gewissen schwermütigen Heiterkeit, für die er keinen Grund hätte

angeben können. »Sie haben helfende Hände, aber keine dienenden. Ihre

Hände tun, was getan werden muß, von selbst, wie von innen heraus. Man

muß ihnen nichts befehlen. Sie wissen mit ihren eigenen Nerven, was das

Notwendige und das Gute ist. Dienende Hände sind gehorsam -- das ist

alles. Wenn man sie nicht schickt und leitet, irren sie sich leicht und

greifen fehl. Aber Ihre Hände irren sich niemals. Und ich möchte auf

Ihre Hände schwören, daß sie nur dienen, weil etwas außerhalb ihres

Wesens sie dazu zwingt.«

Kate Mathew antwortete nicht gleich. Die halblauten und ruhigen Worte

des Mannes, der mit seinen stillen Augen zu ihr hinsah, waren so völlig

sanft und voller Erkenntnis, daß es sinnlos gewesen wäre, sie verwirren

zu wollen.

»Sie haben Recht,« sagte Kate Mathew nach einer Pause. »Aber ich wäre

Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht mehr über mich nachdenken wollten,

denn es würde zu keinem Ergebnis führen.«

»Sie können mir verbieten, es Ihnen zu sagen,« meinte Kyrill Petulikow,

»aber Sie können mir nicht verbieten, es zu tun. Ich bitte Sie sehr um

Verzeihung, Miß Mathew, wenn ich Sie mit meiner Teilnahme belästige

... Sie waren sehr gut zu meiner Mutter. Meine Mutter hat Sie gern um

sich herum, was mit sehr wenig Menschen der Fall ist. Darum sprach ich

zu Ihnen ... Wenn Sie Ihren jetzigen Beruf nur aus Zwang erwählt haben

-- unter dem Drucke irgendeiner Not ...«

»Ja ...« antwortete Kate Mathew, da er etwas innehielt und sie ansah.

»Ja, es war eine Not ... Aber nicht, die Sie meinen ... Bitte, wir

wollen nicht mehr davon reden, +m'sieur+ ...«

»Verzeihen Sie mir, Miß Kate,« wiederholte der Russe demütig. »Ich

hoffte, Ihnen helfen zu können.«

Kate Mathew nahm die Schüssel, in der das Eis zerronnen war, und ging

lautlos aus der Kabine. Kyrill Petulikow ging ihr nicht nach. Wenn er

es getan hätte, so würde es ihn vielleicht sehr nachdenklich gestimmt

haben, die Pflegerin seiner Mutter, Stewardeß auf der »Princeß of

India«, zehn Schritte weiter auf einer Treppe sitzend zu finden, wie

sie den Kopf in beiden Händen hielt und sehr leise und sehr inbrünstig

mit ihrem Herrgott deutsch sprach.

Viel Wunderliches hatte geschehen müssen, bis Kate Mathew von der

»North-Carolina« mit dem Engländer nach Europa zurückfuhr ...

Die »North-Carolina« war von Frisko gekommen, und das weibliche

Dienstpersonal hatte Urlaub erhalten, sich in der fremden Stadt ein

wenig umzuschauen. An der Landungsbrücke, wo die Boote anlegten,

hatte ein Mann gestanden und die Mädchen an sich vorübergehen lassen;

und als Kate Mathew kam, war er ihr nachgegangen und hatte, an ihr

vorüberstreifend, ihr eine Fünfpfundnote in die Hand gedrückt und

gesagt, sie möge sich einen Jinrikisha nehmen und ihm folgen.

Das hatte Kate Mathew ohne weiteres getan.

In einem behaglichen Zimmer des Yeddo-Hotels hatte der Mann ihr

auseinandergesetzt, was er von ihr wollte. Es war eine einfache und

klare Sache. Er wünschte ihren Paß, ihre sämtlichen Papiere und ihr

gesamtes Hab und Gut zu kaufen, soweit es sich auf ihren Beruf als

Stewardeß bezog. Darauf würde sie sich in ein sehr hübsches japanisches

Landhaus zurückziehen, das ihr mit allen Bequemlichkeiten der

Verpflegung und einer zahlreichen Dienerschaft zur Verfügung stand --

bis zu dem Tage, wo man sie bitten würde, sich möglichst unauffällig

zu trollen. Dann sollte sie sich beim Konsulat beschweren, daß man

ihr die Papiere gestohlen habe. Sie konnte es ohne jede Gefahr tun.

Ihr Sheffielder Dialekt hätte vor jedem englischen Gerichtshof ihre

britische Waschechtheit bezeugt.

Für das Eingehen auf diesen Plan bot ihr der Fremde die runde Summe von

zweihundert Pfund, zahlbar in zwei Raten: bei der Auslieferung ihrer

Papiere und Ausrüstung und am Ende ihrer Wartezeit.

Kate Mathew von der »North-Carolina« war ein verständnisvolles und

selbstsicheres Mädchen; sie verlangte dreihundert. Und dann tat es ihr

leid, daß sie nicht fünfhundert gefordert hatte. Sie war überzeugt, daß

man ihr auch diese Summe anstandslos bewilligt hätte, und vielleicht

irrte sie sich nicht.

Am Abend des Tages, da Kate Mathew ihr hübsches Landhaus bezog, machte

Christian Tystendal eine nächtliche Bootsfahrt aufs Meer hinaus.

Das Meer dehnte sich über der vollkommenen Dunkelheit der Tiefe

wie eine leichtgewölbte Kuppel über einer Halle aus Saphir. Breit

ausgegossen lag der Schein des Mondes über der ruhigen Bläue. Und

Christian Tystendal lag in seinem Boote auf dem Rücken, spürte

das anschmiegende Gleiten der Wellen unter sich und wartete auf

Monduntergang.

Einmal -- und auch darauf hatte er gewartet -- glitt der Schatten eines

Drachensegels über sein Boot. Und dicht an ihm vorbei, wie eine Möwe,

strich ein kleines, schnelles Schiff. Ein Mann beugte sich über den

Rand und spähte dem Liegenden ins Gesicht.

Aber Christian Tystendal sang mit der Stimme eines Trunkenen, halblaut

und glückselig, das Lied des großen und zeit seines Lebens nicht

nüchternen Dichters Li-tai-po in den Mond hinauf:

»Trinket der Becher drei, und ihr ergründet die Tiefe der

Weisheitslehre!

Leeret die Flasche, und ihr erschöpfet die Weisheit der Welt!

Nur im Becher wohnt das Glück und die Wonne der Erde!

Laßt mich, des Weines voll, eingehn zur Unsterblichkeit!«

Der Mann im Drachenboot schien keine Ursache zu haben, diese poetische

Weinseligkeit zu stören; das Boot verschwand. Es steht in Japan jedem

Betrunkenen frei, auf die von ihm bevorzugte Weise aus dem Leben zu

verschwinden. Die Behörden kümmern sich lediglich um die übrigen.

Als der Mond hinter dem Hügel der Göttin Kwan-on versunken war und die

Flut einsetzte, trieb das Boot des Jüngers von Li-tai-po an die Insel

mit dem schönen Namen »Garten des Freundes« und lief knirschend am Ufer

auf, unsichtbar vom jenseitigen Lande. Und ein erschrockener Nachtvogel

huschte aus den Zweigen des Pflaumenbaumes, der die Tür des Hauses

bewachte.

Eine Frau war aus dem Hause getreten und im Garten verschwunden.

Sie hatte seit Tagen und Nächten auf das Kommen des Mannes gewartet

und war in jeder Stunde bereit gewesen, mit ihm zu gehen.

Sie wechselten nur wenige Worte.

»Wollen Sie als Stewardeß mit dem nächsten Europadampfer abreisen?«

»Ja.«

Sie hatte sich nicht einen Augenblick besonnen, ehe sie das Wort

aussprach.

»Dann kommen Sie,« sagte Tystendal einfach.

»Was soll ich mitnehmen?«

»Nichts als das Geld, das Sie flüssig haben. Alles andere müssen

Sie von der Eigentümerin Ihrer Papiere übernehmen. Sie sieht Ihnen

soweit ähnlich, daß man eine geschmeichelte Photographie von ihr für

eine miserable von Ihnen halten kann. Mehr brauchten wir nicht für

den Augenblick. Diese flüchtige Ähnlichkeit veranlaßte mich, mit dem

Mädchen in Unterhandlung zu treten, und sie erklärte sich bereit. Wenn

Sie es auch tun, sind wir sehr bald am Ziele.«

Nach fünf Minuten hatte Beate Hoyermann den »Garten des Freundes«

verlassen. Nach zwei Tagen trat die neue Stewardeß auf der »Princeß

of India« ihren Dienst an; sie wurde die Pflegerin von Jelisaweta

Petulikowa. Sie wachte in den Nächten und schlief nicht am Tage; und

manchmal, wenn sie sich allein glaubte, saß sie auf den Treppenstufen

und legte den Kopf in die Hände, horchte auf das unentwegte,

gleichmäßig gesunde Pulsschlagen der Schiffsmaschinen und dachte an

das höllische Feuer, das sie ernährte -- und sehnte sich, einen Weg

zu gehen, den sie nur einmal gegangen war, am zweiten Tage ihres

Hierseins, als sie gegen Morgen für Jelisaweta Petulikowa Eis holen

wollte und sich im Gewirr der Gänge und Treppen verirrte.

Und schließlich war sie dahin gekommen, wo das dumpfe Brausen der

Maschinen zum Tosen wurde und das Zittern des Schiffes zum schwirrenden

Beben -- und hatte umkehren wollen und war stehengeblieben, weil

irgendwo in der Finsternis unter ihr eine Tür sich geöffnet hatte und

ein Bach von düsterem Glutschein sich in die Dunkelheit ergoß.

Eine schmale, steile Leiter führte aus der Tiefe halb empor und brach

ab, als wagte sie sich nicht ins Lichte hinauf, das seine reinere Luft,

seine Kühle und Frische gleich einem Almosen in das Glühen, den Dunst

und die Finsternis hier unten warf.

Diese Leiter kam ein Mann empor. Er tauchte nur halb herauf, und

der Widerschein des Feuers hinter und unter ihm röstete seinen

nackten Rücken, seine Arme und Schultern, während das bleiche Licht

der schwindenden Nacht auf sein Gesicht fiel und seine keuchende,

entblößte Brust badete.

Er stand, die rußigen, vom Schweiß triefenden Fäuste ins Eisengestänge

der Leiter klammernd, und hob das Gesicht, mit offenen Lippen atmend,

wie einer atmet, der hart am Ersticken war; und das von der irrwitzigen

Glut der Tiefe gejagte Herz toste gegen die Rippen, daß es den ganzen

Menschen zu erschüttern schien.

Aber das Grausigste an diesem Menschen waren seine Augen -- die

weitaufgerissenen, blutigen und verdorrten Augen derer, die aus der

Hölle kommen, den Himmel anstarren und wieder hinunter müssen ...

Du Gott -- du großer Gott im Himmel --!!

Der Mann auf der Leiter ahnte nicht, daß zehn Schritte von ihm entfernt

eine Frau stand, die sich bei seinem Anblick rücklings gegen die

schütternde Wand des Schiffsganges warf und beide Hände gegen ihren

Mund preßte, um nicht zu schreien -- und die Zähne tief hineinpreßte in

ihre Lippen, die sich öffnen wollten, und mit flatternden Fingern nach

rechts und links tastete ... nicht nach einem Halt -- nein, nach irgend

etwas, daran sie sich mit ihrem letzten, versagenden Willen festnageln

konnte, um nicht vorwärts zu stürzen, auf den Mann zu, dem die Augen im

Kopfe verkohlt waren von der Arbeit freiwilliger Verdammnis.

Aber sie rührte sich nicht; sie krallte sich die Nägel ins Fleisch

und ging nicht. Sie starrte den Mann mit Blicken an, die ein einziges

stummes Schreien waren; aber sie blieb, wo sie war.

Und erst, als er, mit einem letzten trinkenden Atemzug, die Fäuste vom

Gestänge der Leiter löste und mit tastenden Füßen niedertauchte in das

lohende Schwarzrot des unterirdischen Feuers und verschwand -- da ließ

sie sich, wo sie stand, auf die Knie fallen und schlug mit der Stirn

auf den Boden und streckte die verkrampften Hände vor sich hin -- und

schleppte sich, auf den Knien liegend, zu der Stelle, wo er gestanden

hatte, und drückte den Kopf in ihre Arme und biß in ihr schwarzes Kleid

und stöhnte, lautlos, nach innen hinein: »Gerd --! Gerd --! Gerd!«

Ja, die »Princeß of India« war das erste Schiff gewesen, das Japan

nach Ausbruch des europäischen Krieges verließ; daran hätte sie

denken müssen. Sie hatte nicht daran gedacht. Ihre Gedanken waren im

Grenzenlosen umhergeirrt und hatten den Mann, den sie liebte, gesucht

-- auf dem Wege nach Amerika, nach China, nach Indien ... aber sie

hatte keinen Herzschlag lang daran gedacht, daß sie auf gleichen

Schiffsplanken stehen würden und die Heimat suchen -- in feindlichem

Dienste, mit fremden Namen -- unbekannt sich selbst wie den anderen.

Denn das hatte sie begriffen im Augenblick, wo sie ihn sah: Er durfte

nicht wissen, daß sie auf diesem Schiffe war ... Er mußte den unerhört

schweren Weg, den er gehen wollte, zu Ende gehen ohne einen Gedanken

der Sorge um sie. Wenn ihnen die Entdeckung drohte -- jetzt ... während

der Weiterfahrt ... am Ende ihrer Reise ... mit keinem Blick, mit

keiner Bewegung durften sie voneinander wissen.

Und Kate Mathew schwieg ....

Sie suchte auch den Weg nicht wieder, den sie in jener Nacht, sich

verirrend, gefunden. Sie versagte sich das jämmerliche Glück, da, an

den bebenden Rippen des Schiffs in der Dunkelheit zu kauern und darauf

zu warten, daß vielleicht noch einmal in fünfzig Nächten der Heizer,

dessen Namen sie nicht kannte, heraufkommen würde, um Atem zu holen

nach dem Brodem der Tiefe. Und das einzige, was sie sich gönnte, war,

daß sie, wenn ihre Kranke eingeschlafen war, in irgendeinem Winkel saß

und den Kopf in die Hände legte und in scheuen deutschen Lauten vor

sich hinsprach -- Worte der Zärtlichkeit, die ihr Ziel nicht erreichten

...

Und sie legte die Hand an die Wände des Schiffs, durch die der

Pulsschlag seiner Maschinen zuckte, als suchte sie den Strom, der aus

der Feuerbrandung kam und Leben wurde und Bewegung ...

Und während ihre Hand den Pulsschlag des Schiffes prüfte, spürte sie,

daß er sich veränderte ...

Nein, es war keine Täuschung ...

Der Takt des stählernen Pulses beschleunigte sich, als ob ihm das

Fieber ins Blut gefallen wäre.

Warum hatte es die »Princeß of India« mit einem Male so eilig?

Beate stand auf und wollte die Treppe hinaufsteigen, um an Deck zu

gelangen. Aber im gleichen Augenblick stolperte von droben ein Mensch

die schmalen Stufen hinab, stieß an die Frau, die da im Halbdunkel

stand, und brüllte: »Verdammnis über die Hunde --! Lichter aus!«

Im nächsten Moment erloschen sämtliche Lampen, und Beate stand in

vollkommener Finsternis.

Was hieß das, großer Gott --?!

Beate hörte, daß eine Türe sich öffnete; Schritte kamen den Gang

herauf. Der dünne und scharfe Strahl einer elektrischen Taschenlampe

spießte sich in die Dunkelheit, glitt über ihr Kleid und ihr Gesicht.

»Miß Kate?«

»Ja ...«

»Was geht auf dem Schiffe vor?«

»Ich weiß es nicht. Warum sind die Lampen gelöscht worden?«

Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Gehen wir hinauf!« sagte er und

beleuchtete die Stufen. Aber die Stewardeß schüttelte den Kopf.

»Ich muß zu der Kranken,« sagte sie.

»Meine Mutter schläft,« antwortete der Russe.

»Sie könnte doch erwachen und würde sich vielleicht ängstigen in der

Dunkelheit.«

»Gut, gut ... Ich danke Ihnen, Miß Kate ... Ich werde Nachricht

bringen, wenn es sich um etwas Besonderes handeln sollte ...«

Er leuchtete ihr nach der Türe seiner Mutter und stieg, als sie

dahinter verschwunden war, die Treppe hinauf. Beate blieb an der

Schwelle der Kabine stehen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

Das war sehr merkwürdig, alles ...

Sie spürte das verdoppelte Jagen der Schiffsmaschinen wie ihren eigenen

Pulsschlag durch den ganzen Körper, von den Füßen bis zum Halse. Sie

sah sich um, völlig verständnislos.

Die Kranke lag und schlief. Durch die beiden runden Fenster glotzte

eine bleiche Dunkelheit. Es regnete nicht mehr. Es war windig geworden.

Zuweilen flogen, Möwen gleich, schneeweiße Fetzen von Gischt an den

dicken Scheiben vorbei.

Die »Princeß of India« hatte ihre schöne, schnelle Gelassenheit

verloren; sie raste mit berstenden Lungen vorwärts, vorwärts ...

Plötzlich wurden die Fenster weiß.

Ein tagheller, fressender Schein glitt an ihnen vorbei -- war gleich

wieder erloschen -- und kam wieder ...

Im selben Augenblick trat Kyrill Petulikow in die Kabine.

Er atmete sehr hörbar.

»Was ist?« fragte Beate. Sie stand noch an der Türe. Das spitze Licht

in seiner Hand erhellte ein wenig ihr vorgeneigtes Gesicht.

»Wir werden verfolgt,« antwortete Kyrill Petulikow.

Die Flucht der Beate Hoyermann · 第 9 / 16 题