Er drückte ihre Hand.
»Wenn du es kannst, denke fröhlich an mich. Ich habe es immer gefühlt,
wenn du mit deiner großen Zuversicht bei mir warst ...«
»Ja,« antwortete sie. »Ich werde es wissen, wenn du tot bist.«
Sie sprach diese Worte, als hätte sie mit ihnen eine tiefe Kraft aus
sich geschöpft. Sie holte ruhiger Atem, nachdem sie sie gesprochen.
Gerhard sagte: »Du kannst dich auf Tystendal verlassen wie auf mich
selbst. Wir haben alles Notwendige verabredet. Laß die Zeit sich
klären. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, wird er dich zu seiner
Mutter bringen. Von Schweden aus gelangst du ohne Schwierigkeiten nach
Deutschland.«
»Du mußt nicht an mich denken,« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln.
Als sie an das Ende des Gartens gekommen waren, blieb Beate stehen. Sie
blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk.
»Tystendal wird gleich kommen,« sagte sie und schluckte. Sie hob den
Kopf.
»Laß dich noch einmal recht ansehen,« murmelte sie. Sie legte ihre
Hände auf seine Schultern, und während sie mit ganz geweiteten Augen
in sein Gesicht sah, ließ sie ihre Finger niedergleiten über seine
Arme und Hände, legte sie auf seine Brust und tastete nach seinem
Herzen, als fürchtete sie, blind zu werden und ihn nie wiederzusehen.
Sie lächelte dabei und sah ihn immer an. Ihre Lippen standen ein wenig
offen, als suchten sie irgendein Wort, das sie nicht finden konnten.
»Mein geliebter Mann,« sagte sie. Es klang fast einfältig.
Und ehe der Mann ihr antworten konnte, kam der Diener und meldete, das
Boot des erwarteten Freundes seines verehrten Herrn sei soeben an Land
gestoßen.
»Es ist gut,« sagte Gerhard Hoyermann.
Beate senkte den Kopf. Sie wandten sich und gingen nach dem Hause.
Der Schwede kam ihnen nicht entgegen. Er erwartete sie im
Empfangszimmer, wo Yuki bereits auf den Knien lag, um für den
verehrten Gast den Tee zu bereiten.
Beate streckte dem Freunde ihres Mannes die Hand entgegen. Er sah sie
an und wollte reden, aber er tat es nicht. Er küßte ihr die Hand. Dann
schüttelte er Hoyermann die Rechte. Die Diener warteten. Drunten am
Strande schwatzten die Bootsleute.
»Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, gnädige Frau,« begann der
Schwede, »daß ich Ihnen Ihren Herrn Gemahl für ein paar Tage entführe.
Aber wenn man Sie ansieht, glaubt man's Ihnen, daß Sie zu angegriffen
sind, um mit von der Partie zu sein ...«
»Es tut mir selbst sehr leid,« antwortete Beate. »Enoshima soll sehr
schön liegen und viel Interessantes bieten ... Stammen die reizenden
japanischen Perlmutterarbeiten nicht aus Enoshima?«
»Ich werde dafür sorgen,« sagte Tystendal, »daß Ihr Gatte Ihnen das
Hübscheste mitbringt, was wir gemeinsam bei sämtlichen Künstlern
auftreiben können.«
»Danke!« sagte Beate mit erlöschendem Laut.
Die beiden Männer sahen sich an.
»Fertig?«
»Ja.«
»Dann können wir also aufbrechen ...«
»Ich bin bereit ...«
»Auf Wiedersehen, gnädige Frau!« sagte der Schwede und beugte sich zum
zweiten Male über Beates Hand.
Unwillkürlich deckte er diese Hand auch mit seiner anderen, als wollte
er sie wärmen. Dann ließ er sie los, verbeugte sich und ging aus dem
Zimmer.
»Auf Wiedersehen, Beate!« sagte auch Gerhard Hoyermann.
»Auf Wie--«
Sie fuhr sich mit der Linken nach dem Halse -- nach der Stirn, lächelte
und hob ihr weißes Gesicht den Lippen ihres Mannes entgegen. Sie schloß
die Augen, und für die Dauer eines Kusses, den drei sanfte, staunende
und unbewußt etwas verächtliche Pechaugenpaare beobachteten, krampften
sich ihre Finger in den Stoff seines Rockes. Dann lösten sie sich.
»Auf Wiedersehen, Gerd!« sagte die Frau.
»Beate ... Beate, wir sehen uns wieder ...«
»Ja, ganz gewiß ...«
»Leb wohl ... sag mir noch irgendein Wort ...«
»Ich weiß nichts, Gerd ... Ich liebe dich -- ist es das?«
»Ja, Beate.«
»Ich liebe dich,« wiederholte sie. Sie hatte das Lächeln jener Frauen,
die für ihren Glauben starben. Und sie schien dem Tode nicht fern zu
sein.
»Nun mußt du gehen,« sagte sie. »Leb wohl ...«
Er ließ ihre Hände los. Sie fielen an ihr nieder, als wären sie leblos,
aus Holz.
Er ging.
Beate trat auf die Veranda, um ihm nachzusehen. Sie beugte sich über
das Geländer. Vor weniger als zwölf Stunden hatte sie auch hier
gestanden und ihn zu sich gerufen. Wenn sie ihn jetzt noch rief --
vielleicht kehrte er um ... Aber sie rief ihn nicht ...
Sie sah ihn unter den Bäumen, die am Ufer standen, verschwinden,
ging die Stufe zum Garten hinunter und nach dem Strande. Als sie ihn
erreichte, war das Boot schon abgefahren, und die weichen Morgenwellen
glitten unter ihm geschmeidig fort. Der Wind lag im Segel, das sich in
die Brust warf wie ein Schwan.
Beate ließ ihr Taschentuch wehen. Sie sah nichts. Von den Männern einer
sprang auf und winkte mit dem Arm -- schrie ihr etwas zu -- aber sie
hörte nichts. Vielleicht sollte sie heimgehen. Vielleicht war es nicht
gut, daß sie hier stand und ihnen nachsah. Sie neigte den Kopf und ging
zum Hause zurück, ohne sich noch einmal umzusehen.
Sie ging in ihr Schlafzimmer, das Umè schon längst in Ordnung gebracht
hatte; denn sie war eine gewissenhafte kleine Dienerin und ängstlich
bemüht, ihre Herrin immer zufriedenzustellen.
Fest davon überzeugt, daß die Herrin wieder vergessen hatte, beim
Eintritt ins Haus die Sandalen abzustreifen, ging sie ihr nach, um den
Fehler gebührend wieder gutzumachen. Aber als sie einen Blick in das
Gemach der Herrin getan, kehrte sie um und schlüpfte in die Küche, wo
Yuki Kuchenteig bereitete und sang.
Sie sang ein kleines Lied, wie es einsame Wanderer singen, die in der
Fremde sein müssen und an die Heimat denken:
»Wenn ich auch verarmt und glückberaubt
Fern von dir ein totes Leben führe --
Lasse du im Frühling, neubelaubt,
Tausend Blüten duften um dein Haupt,
Süßer Pflaumenbaum vor meiner Türe ...«
»Sei still, Yuki,« sagte Umè. »Die Herrin schläft.«
Sie irrte sich; ihre Herrin schlief nicht. Und sie wäre von dem Dröhnen
der mächtigsten Tempelglocken Buddhas, des Erhabenen, ebenso wenig
aufgeweckt worden wie von dem Singen Yukis.
Aber die kleine Dienerin hatte noch nie einen ohnmächtigen Menschen am
Boden liegen sehen, und darum war ihr Irrtum verzeihlich. Denn für eine
japanische Frau wäre es keinesfalls schicklich gewesen, die Besinnung
zu verlieren.
4
Wie auch die übrige Welt sich zum Ausbruch des europäischen Krieges
stellen mochte, -- die japanischen Zeitungsjungen jedenfalls riefen
den Segen der Gottheit auf ihn herab, denn er hob ihre Kaste zu den
Höhen eines Triumphes, wie sie ihn seit den Tagen von Port Arthur nicht
wieder erlebt.
Das Klappern ihrer dienstfertigen Holzsandalen wuchs zum Getöse an, und
ihre Stimmen gellten übereinander weg:
»Die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland --!«
»Die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich --!«
»Die Deutschen haben Luxemburg besetzt --!«
»Einmarsch der Deutschen in Belgien --!«
»Die Kriegserklärung Englands an Deutschland --!«
»Der Beginn der Feindseligkeiten --!«
O, es war herzerhebend, wie der Nachrichtendienst arbeitete. Es war ein
Vermögen zu verdienen durch Zeitungsüberschriften. Man berauschte sich
an Druckerschwärze. Der hypnotische Wahnsinn des allgemeinen Schreiens
benebelte die Gehirne; der Veitstanz der großen Worte brach aus und
griff um sich wie Flugfeuer.
»Schwere Niederlage der Deutschen bei Metz --!«
»Die Russen auf dem Vormarsch gegen Wien und Berlin --!«
»Selbstmord des deutschen Kronprinzen --!«
Die englischen Redaktionen zermarterten sich die Hirnkästen, um ihre
Kunden zufriedenzustellen. Man zog den europäischen Krieg auf Flaschen
und schenkte ihn möglichst vorteilhaft aus. Wo die Tatsachen mangelten,
behalf man sich mit Erfindungen -- alles nur den Kunden zuliebe ... Man
war es ihnen schuldig; sie mußten auf ihre Kosten kommen.
Nichts Neues? -- O doch, bitte: Die deutsche Flotte bei Wilhelmshaven
vernichtet --! Falls sie genaue Zahlen wünschten, -- es sollte auf ein
paar Kreuzer oder Linienschiffe nicht ankommen, nein ...
Beate kaufte keine Zeitungen mehr. Mochten die Jungen neben ihrem
Jinrikisha herlaufen, ihr das letzte gellende Ereignis in die Ohren
trompetend, -- sie wandte nicht mehr den Kopf danach. Sie warfen ihr
die druckfeuchten Blätter in den Schoß; sie strich mit der Hand darüber
und ließ sie in den Schmutz der Straße fallen.
Da gehörten sie hin ...
Sie hatte ein anderes Gesicht bekommen, die junge Beate Hoyermann. In
wenigen Tagen waren ihre Lippen schmal und hart geworden, und ihre
Mundwinkel hatten sich gesenkt. Der Kummer hatte das Werk angefangen,
und der Ekel hatte es vollendet. Sie war mager geworden, denn sie aß
seit Tagen fast nichts, weil alles in ihrem Munde zu Galle wurde.
Die Zeit war vorbei, da sie auf ihren Fahrten mit Akira oder Mosaku
japanische Vokabeln und Sprichworte lernte. Sie fragte der fremden
Seele nicht mehr nach. Die ganze Erdkarte schien für sie ausgelöscht zu
sein bis auf den kleinen Fleck, der Deutschland hieß. Den aber liebte
sie.
Und sie liebte ihn mit der zornigen Sehnsucht, aller Welt ins Gesicht
zu schreien, wie sehr sie ihn liebte. Obgleich sie sehr wohl fühlte,
daß dies weder der Ort noch die Stunde dafür sei.
Tystendal hatte ihr einen Boten geschickt. Seinen schwedischen Diener,
der nichts als seine Muttersprache verstand. Tystendal hielt einen
schweigsamen Diener für vorteilhafter als einen sprachgewandten. Er
behielt ihn so lange, bis er ihn beim Versuch einer fremdsprachigen
Unterhaltung ertappte; dann entließ er ihn. Da er seine Untergebenen
ausgezeichnet bezahlte, zogen sie es vor, sich aufs Schwedische zu
beschränken.
Lars Larssen hatte der Herrin im »Garten des Freundes« einen Brief
überbracht, ohne ein Wort zu verlieren. Der Brief enthielt drei Zeilen
und eine Nachschrift.
»Da ich es in Ihrem Interesse nicht für ratsam halte, wenn ich ohne
Gerhard von Enoshima zurückgekehrt bei Ihnen erscheine, bitte ich Sie,
sich meinem Diener rückhaltlos anzuvertrauen.
Tystendal.