Beate sagte nichts. Erst nach einer Weile fragte sie: »Und Rußland?«

»Rußland mobilisiert ...«

»Aber ... der Zar -- hast du die Depeschen nicht gelesen, die zwischen

dem Zaren und dem Kaiser gewechselt worden sind? Der Zar hat sein

Ehrenwort gegeben.«

»›Ehrenwort‹ klingt anders in russischer Sprache als in deutscher,«

sagte Gerhard Hoyermann mit einiger Bitterkeit.

»Du glaubst also -- daß der europäische Krieg unvermeidlich sein wird?«

»Ich hoff's, Beate -- ich hoff's --!« rief der Mann und hob die Arme

über den Kopf. »Herrgott, wenn wir nur jetzt nicht wieder zurückzucken!

Wenn wir nur jetzt fest bleiben! Wenn es nur um Gottes willen nicht

wieder wie damals wird bei der Marokkogeschichte! Wir gehen vor die

Hunde, wenn der Krieg nicht kommt! Rußland, England, Frankreich treten

uns mit den Stiefelabsätzen im Gesicht herum -- und wenn wir jetzt

unsere Stellung in der Welt nicht wahren, fressen sie uns auf wie

die Geier ein Aas --! Ach wir -- wir mit unserer blonden, satten,

himmelstürmenden Gutgläubigkeit --! Wir Narren, wir Hanswurste der

Weltgeschichte! -- Wir haben die Kraft und die Begabung, um dem ganzen

Erdball unseren Stempel aufzuprägen -- und wir bücken uns und heben den

Abfall auf, den die Herren an der Tafel uns übriglassen ...! Sag mir

nichts, Beate -- es muß einmal herunter! Es würgt mich lange genug ...«

»Ich sage nichts, Gerd ...«

»Sieh dir unsere Kolonien an -- was sind sie? Ein Flicken auf der

Landkarte! Wir plagen uns nach dem Worte der Bibel mit Dornen und

Disteln um den Acker herum ... und bei den anderen trägt er, kaum daß

sie säen, zweimal Frucht. Warum? -- weil wir zu spät kamen! Sieh dir

unsere Flotte an! Ja! -- ja! Sie entwickelt sich und wächst, und es

stehen Kerle an ihrer Spitze, bei denen einem das Herz im Leibe lacht

... Und laß den Krieg kommen -- was dann? Dann fegen die englischen

Kreuzer das Weltmeer rein, und wir müssen hinunter, und sie bleiben

obenauf! Warum? -- weil wir zu spät kamen! Glaube mir, Beate: es wird

Zeit, daß wir hochgerüttelt werden! Uns muß man schon hart packen,

wenn wir's glauben sollen, daß es ernst gemeint ist! Uns muß man schon

mit Kolbenstößen auf den Platz befördern, auf den wir von Rechts wegen

gehören -- und auch dann bitten wir noch vielmals um Entschuldigung,

daß wir uns erlauben, das tüchtigste Volk zwischen beiden Polen zu sein

...«

»Du mußt nicht hart sprechen von Deutschland,« sagte Beate; »nicht hier

...«

»Warum tu' ich's denn?« fragte der Mann und richtete sich auf. »Weil

ich das Land liebe -- liebe mit einem solchen Zorn und einer solchen

Inbrunst, daß ich daran innerlich zugrunde gehen könnte ... Und darum

wünsche ich ihm den Krieg -- ja, das tue ich!«

Es war eine Weile still zwischen den zwei Menschen. Beate sah vor sich

hin.

»All das«, meinte sie dann, »war es nicht, was du mir sagen mußtest,

Gerd. Ich warte noch darauf ... Du sagtest, du müßtest mir weh tun ...

Tu's! ... Ich kann's schon ertragen, wenn es von dir kommt ...«

Gerhard Hoyermann lag ganz still. Beate konnte sein Gesicht nicht

erkennen, aber sie fühlte, daß er sie nicht ansah.

»Beate,« fing er an und hob die Hand zu ihrem Arm, »wenn wir in

Deutschland wären und es gäbe Krieg ...«

Er hielt inne. Beate sagte nichts. Sie saß aufrecht in den seidenen

Decken und hatte die Finger ineinandergeschlungen. Sie wußte, was

nun kommen würde. Sie wußte auch, daß er hoffte, sie würde ihm das

bittere Wort aus dem Munde nehmen. Aber sie tat es nicht. Sie spürte

das aufdämmernde Wissen von dem, was er sagen wollte, wie einen

galligen Geschmack im Munde und dachte, ungerecht vor Jammer: Mag er es

auskosten, das Bittere, das er mir zu trinken gibt ...

»Ich glaube, du würdest wohl weinen, Beate, wenn ich in den Krieg

ginge,« fuhr Gerhard Hoyermann fort, und seine Stimme klang merkwürdig

still. »Aber du würdest mich nicht zurückzuhalten suchen, wenn ich mich

freiwillig stellte bei meinem alten Regiment -- nicht wahr?«

Beate schwieg. Alle ihre Muskeln spannten sich unbewußt, wie bei einem

Menschen, der einen schweren Stoß erwartet; sie hielt den Atem zurück.

»Warum antwortest du mir nicht, Beate?«

»Sprich weiter,« murmelte sie zwischen den Zähnen.

»Es ist nicht viel zu sagen, liebste Frau ... Du bist immer tapfer

gewesen, warst ein guter Kamerad und hast den Kopf nicht verloren,

wenn du auch wußtest -- damals in Afrika --, daß ich nicht von jedem

Ausmarsch wiederzukommen brauchte. Du ließest mich immer ohne Klage

gehen, denn ich hatte meine Pflicht zu tun. Und wenn du sie auch

nicht immer liebtest, so hast du sie doch geachtet ... Mehr will ich

schließlich auch heute nicht von dir ... Du sollst mich gehen lassen

und tapfer sein ...«

»Gehen ... wohin?«

»Nach Hause, Beate ...«

»Das können wir ja nicht -- wir kommen ja nicht mehr durch ... sagte

der fremde Mensch neulich -- und Tystendal meinte es auch ...«

»Es handelt sich nicht um uns, Beate -- es handelt sich nur um mich,«

sagte Gerhard Hoyermann.

»-- Was sagst du --?«

»Ich würde versuchen, allein durchzukommen ... Ein Mann kann hundert

Wege gehen, die einer Frau versperrt sind; wir müßten uns trennen,

Beate -- ja!«

Beate holte tief Atem. Und dann hob sie die Hand und strich damit durch

die Luft, als schnitte sie etwas mitten entzwei.

»Niemals!« sagte sie. Sie sagte es ohne jede Leidenschaft, mit einem

tief schwingenden Ton. Aber das Wort stand wie ein Baum.

»Doch, Beate -- doch!«

»Niemals! Und wenn du hunderttausendmal dein ›Doch!‹ sagst, -- ich

antworte dir hunderttausendmal ›Niemals!‹ Du hast mich eine tapfere

Frau genannt. Gut. Das will ich sein. Es war noch kein Weg in unserem

Leben, den wir nicht zusammen gegangen sind, und wenn ihn nie zuvor

eine Frau gegangen war. Ich trenne mich nicht von dir, Gerd -- mag

kommen, was will! Es kann dein Ernst nicht sein, das von mir zu

verlangen ...«

Er wollte reden, aber sie verschloß ihm den Mund mit der Hand, und

ihre fiebernden Worte überstürzten sich und bebten jetzt vor Angst

wie frierende Vögel, weil sie fürchteten, doch -- doch vielleicht

vergeblich zu sein.

»Du mußt mich nicht mißverstehen, Gerd ... es ist nicht, daß du in

den Krieg willst ... Gott im Himmel, das weiß ich, daß ich dich da

nicht festhalten dürfte -- und wenn ich weinte ... ich bin eine Frau,

Gerd ... und Bäume, in die man mit der Axt hineinschlägt, die weinen

auch ... Nein, nein, ich ließe dich gehen! Ich würde vielleicht auch

fröhlich tun und sagen, daß ich ganz voller Zuversicht sei und wüßte,

du kämst mir wieder ... Das ist es nicht, Gerd -- das nicht! Aber

daß du fortgehen willst von hier -- und mich zurücklassen -- und ich

weiß nicht, ob dir deine Flucht gelingt, ob du -- Gott weiß, auf

welchen Wegen -- nach Deutschland gelangst ... Soll ich hier sitzen,

Tage um Tage und Wochen um Wochen, und nicht wissen, wo du bist -- ob

daheim oder in Gefangenschaft oder irgendwo im Kriege -- soll hier

in den Nächten liegen und die Stunden über mich hingehen fühlen und

Narrenspiele treiben mit sinnlosen Orakeln: Lebst du? Bist du tot --?

Soll keinen Brief von dir erwarten dürfen -- nichts dir selber geben

... soll meine Angst und meine Hoffnung, die beide keinen Bürgen haben,

auf die weißen Blätter schreiben und denken: Vielleicht wirst du sie

niemals lesen ...! Das kannst du nicht von mir verlangen, Gerd --? Das

kannst du nicht von mir verlangen --!«

Sie schluchzte auf und erstickte den jämmerlichen Laut mit beiden

hochgerissenen Händen, die sie an den Mund preßte. Sie wollte nicht

weinen, nein; das war nicht die Stunde zum Weinen; sie mußte die

Gedanken klar behalten, um den großen Kampf gut führen zu können.

Weinen ist ein Entspannen aller Kraft -- und sie brauchte ihre straffen

Kräfte.

Sie war nicht erfahren in Weibesmitteln, hatte niemals solche Waffen

geübt noch gebraucht; doch mit dem Tastsinn ihrer verzweifelten Angst

griff sie unbewußt nach der stärksten. Sie gab sich ganz auf und hin,

warf sich gleichsam muskellos, den Jammer ihrer Seele ganz entblößend

und aussagend, in die Hände des Mannes und rief seine Großmut an ...

»Du sagst, ich sei tapfer, Gerd ... ich bin's auch -- aber nicht ohne

dich! Ich bin feige und elend ohne dich ... Wenn du mir heute sagst:

Ich will im Ruderboot mit dir über den Atlantischen Ozean -- da besinn'

ich mich nicht einen Augenblick, ich fahre mit dir ... Und wenn du quer

durch Sibirien laufen willst oder durch Tibet -- sag mir nur, wann du

aufbrechen willst; ich gehe mit ... Ich will mich verkleiden -- als

Mann, als was du willst. Du wirst mich nie müde finden, nie ängstlich

oder verdrossen ... Ich will wie dein junger Bruder sein, Gerd -- ganz

unerschrocken, ganz unermüdlich ... Aber laß mich nicht allein --! Laß

mich um Gottes, um Himmels willen nicht allein, Gerd --!«

Sie spürte sein tiefes Atemholen und schob sich näher zu ihm hin,

kauerte sich ganz zusammengeduckt neben seine Brust und schob ihre

flatternden Hände, die wie geblendete Vögel umherirrten, nach seinem

Munde.

»Sprich nicht,« bettelte sie; »sprich noch nicht ... Ich habe dir ja

noch nichts gesagt -- noch nichts von allem, was wichtig ist ... Ich

weiß auch nicht, wie ich es sagen soll ... Der Kopf tut mir weh ... Ich

bin auch nicht beredt -- hab' dich noch nie um etwas so bitten müssen

... Hab Mitleid mit mir, Gerd ... ich geh' daran zugrunde ... Was soll

ich zu dir reden, Gerd ...? Welche Worte muß ich finden, damit du mich

hörst --? Du hörst mich nicht ... du siehst mich nicht an ... Ich liege

hier und bettle um mein Leben, und du siehst mich nicht an ... Hast du

alles vergessen, Gerd, was wir uns gewesen sind? Soll das alles vorbei

sein? -- Ich liebe dich ... ich liebe dich ... Ich kann dir nichts

anderes sagen als dies: Laß mich nicht so bettelarm fortgehen, Gerd ...«

Ihr blutendes Stammeln erlosch; sie beugte den Kopf auf ihre Hände und

weinte.

Gerhard Hoyermann streichelte ihr Haar. Er zog sie zu sich nieder und

hielt sie an seinem Herzen fest. Und als ihr Weinen leiser geworden

war und der Krampf ihres Körpers nachließ, begann er zu sprechen. Er

sprach sehr leise, und sie spürte die Schläge seines Herzens hart und

stark.

»Meine arme kleine Beate ... nun hast du mir dein ganzes Herz gezeigt;

das war schön, Beate -- wunderschön ... Und ich will dir auch das

meine zeigen, damit du nicht dastehen und glauben könntest, du habest

dich vor einem enthüllt, der nicht wüßte, was du damit getan ... Es

ist nicht wahr, daß du unberedt seist, geliebte Frau ... Du hast mir

alles gesagt, was ein Mensch dem anderen sagen kann, um ihn zu sich

hinüberzurufen -- auf die andere Seite ... Ich will nichts anderes tun.

Ich will dir alles sagen. Und ich lege die Entscheidung in deine Hände

... Ja, das tue ich ...«

Beate hielt den Atem an. Sie lag wie eine Tote. Noch ehe er zu sprechen

anfing, wußte sie, was das Ende sein würde. Er kannte sie und wußte,

was er tat, wenn er die Entscheidung in ihre Hände legte.

»Daß wir gemeinsam versuchen könnten, nach Deutschland zu gelangen,

Beate -- daran ist nicht zu denken ... Am allerwenigsten von hier aus

... Bis zum Suezkanal kämen wir -- vielleicht. Dann würden sie uns

wohl aufgreifen ... Wir müßten also hierbleiben. Oder nach Amerika

gehen. Das bliebe sich gleich. Wo wir auch wären, wir wären nirgends

auf deutschem Boden ... Vielleicht würde das Leben, das wir führten,

sehr schön sein, sehr bequem und sorgenlos. Vielleicht wäre die Natur

um uns her so ergreifend schön, daß wir sie schmerzlich lieben müßten.

Vielleicht fänden wir auch Menschen, die uns wert würden -- wer weiß

es? Vielleicht kämen Stunden, in denen wir sehr glücklich wären und uns

aneinanderklammerten und dächten: Gott sei Dank -- Gott sei Dank, daß

wir uns haben und fühlen mit unseren Händen und Lippen ...

»Aber dann, Beate, die anderen Stunden, die ganz gewiß kämen -- und

reichlicher mit jedem Tage ... in denen einer von uns das Wort Krieg

ausspricht ... Im Anfang hätten wir wohl noch den Mut dazu. Dann

hätten wir ihn nicht mehr. Denn wir lieben unsere Heimat, Beate, nicht

wahr? ... Und wir würden denken: Da drüben auf der anderen Seite der

Erdkugel, da ist Krieg. Da ereignet sich das Größte, was Menschen

erleben können. Und wir sind nicht dabei. Deutschland schlägt seinen

wildesten Krieg; aber wir wissen nicht -- bis zum Ende nicht --, ob

es siegt oder unterliegt ... Denn der arme Teufel, den sie neulich

erdrosselt haben, weil er zu gute Ohren hatte, der sprach ganz gewiß

eine bittere Wahrheit, als er sagte, daß die Hauptsprache dieses

Krieges die englische sein wird -- Zeitungsenglisch, Beate. Wenn wir

siegen, werden sie stumm sein; wenn wir unterliegen, werden sie's

verdreifachen -- aber immer werden wir im ungewissen sein. Vielleicht

lügen sie auch -- es ist ihnen schon zuzutrauen -- und dann quälen wir

uns im Dunkeln und schlagen uns Kopf und Hände an türenlosen Mauern

wund ...

»Und wenn wir erst einmal so weit sind -- Beate, ich denke mir dann

meine Tage und Nächte aus ... ja, ja, Geliebte, ganz eigensüchtig denke

ich nur an mich dabei -- den Mann.... Ich sitze hier, die Hände im

Schoß, und genieße mein Dasein, nicht wahr? Ich freue mich am guten

Wetter, gehe auf die Jagd, treibe Sport und lebe meiner Gesundheit,

nicht wahr? Ich kaufe schöne, bunte Stoffe und fremden, verwirrenden

Schmuck und putze meine Frau damit. Ich habe ein gutes Gewissen, denn

ich bin ja verhindert worden, nach Hause zu fahren, um mich zu stellen.

Ich hätte es gern getan, gewiß -- aber man hat mir abgeraten ... Kannst

du dir das ausdenken, Beate?«

Die Frau gab keine Antwort.

»Du sagtest,« fuhr Gerhard Hoyermann fort und zog sie fester an sich,

»du habest mich lieb ... Ich liebe dich, weiß Gott, so sehr, mein Herz,

daß ich keinen Maßstab dafür habe. Du weißt es auch. Wir haben am

Alltag keine Worte dafür; aber tief in uns, wo die Feiertage unserer

Seelen liegen, da sind wir uns dessen ganz bewußt, daß unsere Liebe

etwas unbegreiflich Wundervolles ist. Das will ich uns erhalten. Ich

will nicht, daß wir uns eines Tages mit heimlich feindseligen Blicken

betrachten, wie die Menschen tun, die unglücklich und einsam sind und

ohne Vertrauen zueinander, weil sie sich nicht mehr achten. Das ist

es, Beate ... Wir würden anfangen, uns selbst zu hassen, weil wir um

unserer Liebe willen feige waren. Und dann würden wir unsere Liebe

hassen ... Vielleicht würde ein Tag kommen, wo mich der Ekel vor mir

und meiner Tatenlosigkeit so würgen würde, daß ich nicht gut zu dir

sein könnte, nur weil der Mann und Soldat in mir sich schämten. Und

weil wir ungerecht werden, wenn wir unglücklich sind, darum ließe ich

es dich vielleicht entgelten, und unsere Ehe würde in Scherben gehen.

Kannst du dir die Zeit ausdenken, Beate, da wir es vermeiden würden,

uns in die Augen zu sehen ...? Und die Zeit müßte kommen, weil wir

sind, wie wir sind. Aber ich will sie nicht erleben ...«

»Ich auch nicht,« flüsterte Beate mit einem Schauder, der ihr die Hände

krampfte.

»Nicht wahr, mein Liebling ... Und das kannst du nicht wollen, du,

die mich liebhat, daß ich hier liegen soll wie ein Tier im Käfig,

wie ein -- wie ein leckes Schiff ... es gibt ja keinen Vergleich für

einen Menschen wie mich, mit gesunden Knochen und als tüchtiger Soldat

erprobt, der irgendwo in der Welt dem Herrgott die Tage stiehlt,

während in der Heimat die Erde brennt -- das kannst du nicht wollen,

Beate -- nicht wahr, nein?«

Beate gab auch jetzt keine Antwort. Sie wußte, daß ihr Schicksal

besiegelt war, aber sie begriff es noch nicht. Sie betrog sich noch

selbst.

Natürlich ist das alles Unsinn ... dachte sie. Entweder ich träume --

dann wird es süß sein, aufzuwachen und Gerhard neben sich zu fühlen --

und dann am Morgen ihm den Traum zu erzählen und sich von ihm auslachen

zu lassen ... Oder er spricht wirklich zu mir -- dann scherzt er nur;

er will sehen, was ich ihm antworte ... ich muß ein wenig auf der Hut

sein mit meiner Antwort ... sonst neckt er mich bis ans Ende meiner

Tage damit, daß ich mich -- damals -- ins Bockshorn jagen ließ ...

Und über diesen Gedanken, die sich duckten und krümmten, lag die

Erkenntnis dessen, was wirklich war, richtete sich auf und reckte sich

und griff mit hartem Griff nach allen anderen, verlogenen Gedanken.

»Mein Gott, mein Gott --!« murmelte sie und hob ihre beiden Hände mit

einer ganz verstörten Gebärde zu den Schläfen. Sie preßte die Zähne

in die Lippen, daß sie stöhnen mußte. Ich will mich zusammennehmen,

dachte sie. Sonst verliere ich den Verstand ... und den darf ich nicht

verlieren ...

»Es gibt keinen anderen Weg,« sagte sie vor sich hin; es war aber keine

Frage.

»Wenn's einen gäbe, Beate -- ich hätt' ihn gefunden ... Aber es gibt

keinen. Ich allein schlage mich vielleicht durch. Wenn es mißlingt,

dann hab' ich wenigstens das Bewußtsein, das Menschenmögliche versucht

zu haben. Doch ich hoffe, es gelingt mir. Tystendal wird mir helfen.

Aber ich habe die Entscheidung in deine Hände gelegt, geliebte Frau.

Ich hab' nichts mehr zu sagen ...«

»Es ist auch nichts mehr zu sagen,« antwortete Beate halb gedankenlos.

»Du wirst fortgehen, und ich werde hierbleiben. Es ist eigentlich ganz

einfach. Es ist gar nicht so schwer zu verstehen ... Ich kann mir nur

vorläufig noch nichts darunter denken ... sei nicht böse ...«

»Sei still --!« sagte der Mann, fast rufend.

Und so wie sie lagen, Brust an Brust, spürte eins das Beben des

anderen, den würgenden Jammer vor dem, was kommen würde; und sie küßten

sich, um nicht zu stöhnen.

»Wann willst du fort?« fragte Beate und reckte sich unwillkürlich auf,

als wollte sie den Schlag des Wortes gewappneter empfangen.

»Heute noch, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann.

»Heu--te ...?!!« Sie riß sich auf die Knie hoch und beugte sich zurück,

daß sie die Hände gegen die Wand stemmen mußte, um nicht zu fallen.

»Heute -- hast du gesagt --?!«

»Beate, Beate --!« Er sprang auf und griff nach ihren Händen, um sie

aufzuheben, aber sie wehrte sich, schüttelte den Kopf, umschlang seine

Knie und preßte ihre Stirn dagegen.

Sie war nicht mehr tapfer, nein -- sie konnte nicht mehr. Sie wollte

auch nicht mehr. Was lag daran, ob sie kraftlos wurde im Weinen, ob

sie vollkommen ihrem Jammer unterlag. Sie schrie die bittere Not ihres

Herzens aus, und das hilflose Schluchzen rüttelte sie: »Heute, Gerd --

heute --?!«

»Ja ... Es ist gleich, Beate, ob heute oder morgen ... es wäre nur

ein längeres Abschiednehmen ... Liebes Kind -- Beate, als ich vorhin

durch den Garten lief und mich nicht zu dir hineingetraute, da war

ich so feige, daß ich den Gedanken erwog, heimlich, in aller Stille

fortzugehen und dir nur zu schreiben ... Aber ich sehnte mich danach,

den Abschied mit dir zu teilen und deinen Kummer und deine Tränen wie

ein Geschenk zu empfangen und mit mir zu nehmen ... So eigensüchtig war

ich, Beate. Gönn es mir. Es wird für lange Zeit das Letzte sein, was

ich von dir empfange.«

Beate verstand nichts von dem, was er sagte. Der grauende Tag, der die

Dunkelheit auch von ihrem Gesicht wischte, ließ ihre Züge erkennen. Und

Gerhard Hoyermann bückte sich, um diese Züge, die er nicht ertragen

konnte, mit seinen Händen zuzudecken.

Unter seinen Fingern wiederholte sie, wie eine Blöde, ausdruckslos:

»Heute?« Und immer wieder: »Heute --?«

Gerhard Hoyermann sagte nichts. Es war eine Weile völlig still in dem

dämmerigen Zimmer. Dann stand Beate auf; er half ihr, aber sie sah ihn

nicht an.

»Ich muß dann wohl packen -- für dich,« murmelte sie.

»Nein, Beate ... Ich darf nichts mitnehmen. Ich muß fortgehen wie

zu einem Ausflug. Tystendal wird mich abholen, als wollten wir nach

Enoshima -- für ein, zwei Tage ... Du weißt, wie wir beobachtet werden

... Alles hängt davon ab, daß ich unbemerkt von hier fortkomme. Das

Spätere muß sich aus den Umständen ergeben. Ich kann keinerlei Pläne

machen, kann dir auch nichts mitteilen -- entsinne dich, was der Mann,

den sie ermordet haben, von unseren Briefen sagte ... Vielleicht ist es

mir möglich, dir durch Tystendal Nachricht zu schicken ...«

»Er wird dich abholen,« wiederholte sie stumpf.

»Ja.«

Sie nickte vor sich hin. »Das wird wohl das beste sein,« meinte sie und

rieb sich die Stirn, wie ein Mensch, der sich auf sich selbst besinnen

möchte. »Wann wird er kommen?«

»Gegen acht Uhr ...«

»So bald,« sagte sie vor sich hin. Und als er sprechen wollte,

schüttelte sie den Kopf. »Laß nur,« sagte sie. »Es tut nichts. Jede

Stunde ist die gleiche, wenn sie die letzte sein soll. Dann besser

bald. Dann besser gleich. Wir wollen uns nicht aneinander quälen. Du

bist sehr gefaßt. Ich will es auch sein. Du sollst dich nicht in mir

getäuscht haben ...«

Gerhard Hoyermann sah seine Frau an und schüttelte den Kopf.

»Jetzt bist du ein wenig ungerecht gegen mich, Beate,« sagte er still.

Sie stand mit hängenden Armen.

»Es mag sein,« antwortete sie und sah vor sich hin. »Aber du mußt mich

jetzt schon lassen, wie ich bin. Sonst ... stehe ich nicht sehr fest

auf den Füßen. Und das muß ich doch ... Vielleicht ist es notwendig,

daß eine Frau ganz ausgelöscht wird, wenn der Mann für einen ganz nur

männlichen Gedanken brennt. Ich glaub' es fast und sehe es auch ein.

Aber es wird dadurch nicht leichter ... Morgen schon ... und später

jeden Tag und jede Nacht, Gerd, will ich dir alles abbitten, was jetzt

in mir an Bitterkeit ist; heute laß mich nur ... Es tut zuweilen

ganz gut, ungerecht zu sein, und es hilft einem weiter als alle gute

Erkenntnis ...«

Sie tat ein paar Schritte und blieb verwirrt stehen, als er ihr in den

Weg trat.

»Wo willst du hin, Beate?«

»Ich weiß es nicht,« sagte sie. Und sie sagte die Wahrheit.

Da nahm er sie in seine Arme ...

Es war der kleinen pechäugigen Umè durchaus nicht abzugewöhnen gewesen,

daß sie einfach in das Schlafzimmer ihrer Gebieterin und deren

verehrungswürdigen Gemahls trat, wenn sie es für angemessen hielt.

Der Verehrungswürdige hatte sich das schon zu verschiedensten Malen

verbeten, ohne die Kraft seiner Stimme im geringsten zu schonen, und

hatte sich etliche Gelegenheiten, seine Wurfsicherheit zu erproben,

nicht entgehen lassen. Aber Umè wußte, was sich für eine japanische

Dienerin schickte. Sie sammelte die Gegenstände, die ihr an den Kopf

geflogen waren, sorgfältig auf und stellte sie dem Gebieter mit einer

untertänigen Verbeugung für späteren Gebrauch wieder zur Verfügung.

Und blieb ... Lag an der Türe auf den Knien und blieb. Daß ein Mensch

sich wusch, war ja nichts, dessen er sich zu schämen gehabt hätte.

Höchstens, wenn er sich nicht wusch.

An diesem Morgen erwachte Umè eher als sonst. Sie erwachte von einem

Ruf oder einem Schrei, von dem die Luft noch zu beben schien, und sie

wußte doch nicht, ob er wirklich war oder ob sie ihn nur geträumt.

Aber vielleicht hatte die Herrin nach ihr gerufen. Umè stand auf und

schlüpfte, ohne sich anzumelden, wie es ihre bescheidene Erziehung

forderte, durch die auseinandergeschobenen Wände ins Zimmer ihrer

Herrin.

Nein, die Herrin schlief nicht mehr. Sie stand aufrecht mitten in dem

zarten, weiten Gemach, dessen Gartenwand von der aufgehenden Sonne in

einen einzigen roten Schimmer verwandelt schien, und sie löste sich aus

den Armen ihres lieben Herrn, als sie Umè eintreten hörte, wandte sich

um und sah das Mädchen an.

Und obgleich sie lächelte und ganz gewiß nicht zürnte, fiel Umè beim

Anblick dieses Lächelns lautlos auf die Knie, neigte die Stirn zu Boden

und stand auf und ging hinaus.

Beate rief sie zurück.

»Willst du dem Herrn das Bad zurechtmachen, Umè?«

Gewiß, wenn die Herrin befahl ... Umè war in großer Verwirrung. Sie

mußte doch wohl geträumt haben, als sie den Schrei hörte. Und dann

hatte die Sonne sie geblendet, als sie vor dem Antlitz ihrer Herrin

erschrak. Sie schämte sich sehr.

Das ganze Haus wurde lebendig. Es nahm ein Bad in der sprühenden Sonne,

die über das Meer und den feuchten Sand tanzte. Die Schwertlilien, die

um den kleinen Teich her standen, taten sich weit auf und schienen vor

Entzücken zu beben. Turmhoch über der Insel, in einer Luft, die vor

Licht und Frische glitzerte, stand eine Gabelweihe und fiel und schwang

sich wieder auf, die Morgenbeute in den Fängen.

Umè haßte die Gabelweihen und die Krähen gleichermaßen und wußte viele

Spottlieder auf sie ...

Aber jetzt war keine Zeit zum Singen. Der verehrungswürdige Gebieter

wünschte zu frühstücken. »Sofort!« hatte er gesagt.

Wenn der Verehrte mit der Stimme Emm-As, des Gottes der Unterwelt,

seine Wünsche durch das Haus donnerte, glaubte Yuki keine Veranlassung

zu haben, sich besonders zu beeilen. Sie lächelte dann ermutigend und

versprach, daß der Verehrte in kürzester Zeit zufriedengestellt sein

würde -- ein Versprechen, das sie niemals hielt.

Aber wenn er sehr ruhig sprach, Yuki ansah und »Sofort!« sagte, dann

bebte die kleine Kochfrau. Und dann verdarb sie regelmäßig den Tee.

Heute half ihr die Herrin bei dem wichtigen Amte der Teebereitung.

Und obgleich Yuki in der Tiefe ihres japanischen Herzens feststellte,

was sie längst wußte -- daß die hochverehrten Menschen mit der weißen

Haut nicht die geringste Ahnung von der Feierlichkeit besaßen, mit

der echter Tee bereitet sein wollte, noch von den dabei zu wahrenden

Regeln der Höflichkeit und der Schönheit --, so lag doch etwas in den

Bewegungen, mit denen die fremde, weiße Frau ihrem lieben Herrn das

Frühstück bereitete, das die kleine Yuki nachdenklich stimmte.

Drüben am Strand, den die Ebbe freilegte, hockten Akira und Mosaku

bei ihrem Kohlenfeuer, klopften die Pfeifen aus und stopften sie und

grinsten sich feindselig an. Sie erhofften viel vom heutigen Tage, denn

das Wetter war schön wie eine junge Frau am Morgen der Hochzeit.

Die Wildtauben schwatzten im Gehölz ...

Gerhard und Beate gingen zusammen durch den Garten. Sie gingen Arm

in Arm geschlungen und hielten sich an den Händen. Eine Stunde

hatten sie noch Zeit. Und der Mann sah sich nicht um in dem Lande,

das er verlassen wollte. Aber die Frau ließ ihre Augen über den

Garten hingehen, über die Bäume, den Teich und die Blumen, über

die mildfarbigen Steine und künstlichen Grotten, über den kleinen

Wasserfall, die Goldfische und den klaren Sand der Wege -- über all die

in sich selbst entzückte Schönheit eines Gartens, den die Pflege von

Jahrzehnten zum Meisterwerk geschaffen hatte -- als ob sie es sei, die

Abschied nehmen mußte -- nicht der Mann.

Und ganz gewiß würde sie seine Schönheit von nun an nicht mehr sehen ...

Die Flucht der Beate Hoyermann · 第 7 / 16 题