»Ob ich mit ihm allein war ... ja, natürlich ... Habe ich dir seine
Grüße ausgerichtet?«
Beate gab keine Antwort. Er schien auch keine erwartet zu haben, denn
er fragte nicht zum zweiten Male. Er legte sich nieder, atmete tief und
lag still.
»Gute Nacht, mein Liebling,« sagte er halblaut mit jener schweren und
traurigen Zärtlichkeit, die sie ganz verstörte. »Schlaf gut ...«
Sie gab ihm den Wunsch nicht zurück.
Sie wartete eine Weile und horchte auf seine Atemzüge. Sie fühlte, daß
er nicht einschlafen konnte. Sie richtete sich behutsam auf und beugte
sich über ihn. Seine Augen standen weit offen.
Da legte sie ihre Hände auf seine Brust, so wie sie es hatte tun wollen
und sich gesehnt zu tun, und fragte: »Gerd ...?«
»Ja, Beate?«
»Gerd, warum verschweigst du mir auf einmal so vieles?«
Er sagte nichts. Sie fühlte sein Herz unter ihrer Hand.
»Früher«, fuhr sie fort -- und ihre Stimme war wie die des kleinen
Vogels, der in der Nacht nach seinem Freunde rief -- »sprachen wir
zueinander von jeder Stunde des Tages, von den fröhlichen und den
traurigen. Ich weiß nichts, was ich dir jemals nicht gesagt hätte,
und glaube nicht, daß du mir etwas verschwiegst ... Ich kam immer zu
dir gelaufen und mußte alles erzählen, und so tatest du auch, und wir
teilten uns hinein -- ... War das schön?«
»Ja, Beate ...«
»Und wenn wir Sorgen hatten oder Kummer -- und wenn wir einmal nicht
wußten, wo ein noch aus ... Gerd, wir haben uns so fest bei der Hand
gehalten und sind uns so nahe gewesen in schweren und schwersten
Stunden, daß es war, als läge alle Last auf ~einer~ Schulter, und
doch war's deine und meine ... Aber wir spürten die Last kaum, weil wir
zusammen gingen ... Ich glaubte, ich sei dir ein guter Kamerad gewesen
...«
»Das warst du, Beate -- weiß Gott!«
»Warum schiebst du mich dann jetzt beiseite, Gerd?«
»Das tu' ich nicht -- nein ... Ich wollte nur noch ein wenig warten,
Beate ... Wir werden leicht feige, wenn wir wehtun müssen, nicht wahr?«
»Mußt du mir weh tun, Gerd?«
»Ja, mein Liebling ...«
»Ich will dir schon stillhalten.«
Gerhard Hoyermann hob die Hand und legte sie um den Nacken seiner Frau.
»Ich möchte jetzt wohl dein Lächeln sehen,« sagte er nachdenklich. »Ich
weiß noch, wie du damals lächeltest, als ich nach Hause kam und sagte:
›Ich habe das Fieber‹ ... ›Das wollen wir schon unterkriegen‹ sagtest
du und lächeltest und warst so weiß wie dein Kleid ... Damals warst du
ergreifend schön; ich hab's nie vergessen können ...«
»Sprich nicht von damals,« sagte Beate und netzte ihre spröden Lippen.
»Sprich von heut.«
»Ja. Das muß ich auch ... Nun, der Krieg ist erklärt ...«
»Zwischen Österreich und Serbien?«
»Ja.«