Eine halbe Stunde später machte sich Gerhard Hoyermann auf den Weg zum
Tempel der Kwan-on.
Mosaku, im Strohmantel, triefend vor Nässe, trabte mit offenem
Munde. Sein bellendes »Hai!« fuhr in die Menschen hinein, die mit
Papierschirmen, auf die der Regen trommelte, über die Lachen und Löcher
der Straße stelzten. Gerhard Hoyermann sah heute gleichsam durch die
Menschen hindurch. Er bemerkte keine Gesichter. Seine zusammengelegten
Hände öffneten und schlossen sich gedankenlos. Der Regen schlug auf
ihn nieder. Er war lichter als vor ein paar Stunden; morgen gab es
vielleicht einen schönen Tag.
Und Gerhard Hoyermann dachte, wie wohl zu Hause der Himmel aussehen
mochte.
Nichts auf der Welt schien ihm jetzt wichtiger zu sein, als zu wissen,
ob es daheim regnete oder ob die Sonne schien ...
Am Vorhof des Tempels angelangt, stieg er aus und stieg die glitschigen
Stufen zum Gipfel des Hügels hinauf. Es war kein Mensch weit und breit
zu sehen. Auch nicht der Fußtritt eines Menschen. Die Fichten um den
Tempel der Göttin mit den schönen Augen standen zum Teil entwurzelt,
und der Regen wusch die letzte Erde von den zersprengten lebendigen
Seilen, mit denen sie in der Erde verankert gewesen.
Der Fremde war nicht gekommen.
Gerhard Hoyermann sah auf die Uhr.
Er trat in den Tempel; kein Priester, kein Betender war zu erblicken.
Als Gerhard Hoyermann zum zweiten Male nach der Zeit sah, waren zwanzig
Minuten über die bestimmte Zeit verstrichen.
»Um so besser,« sagte Hoyermann halblaut. »Dann reisen wir also morgen
...«
Nach weiteren zehn Minuten beschloß er, noch einmal rund um den Tempel
zu gehen, um ja sicher zu sein, daß er den Fremden nicht an falscher
Stelle gesucht.
Als er die Rückwand des Tempels erreicht hatte, fand er ihn.
Es war schon sehr dämmerig, und der Regen trübte den Tag noch mehr.
Aber Gerhard Hoyermann erkannte den Mann sofort.
Er lag neben einer umgestürzten Fichte auf dem Rücken; sein langes Haar
fiel ihm in die Augen, die nach oben starrten und einen merkwürdigen
fischigen Glanz hatten. Der Mund stand offen und war so sehr verzerrt,
daß es schien, als grinse er in einem ungeheuren, lautlosen Gelächter.
Die starken weißen Zähne bleckten ganz entblößt.
Der Mann war tot.
Er war erwürgt worden; mit einem guten Griff.
Dschiu Dschitsu, dachte Hoyermann mechanisch. Er schüttelte sich, in
einem plötzlichen Zittern wütendster Wut. Dann packte er den Toten,
dessen Last er nicht fühlte, und schleppte ihn in den Tempel der
Kwan-on.
»Mag sie samt denen, die zu ihr beten, zusehen, wie sie mit ihm
fertigwerden,« dachte er...
Als er heimkam, trat ihm Beate mit der Frage entgegen, ob er Takejiro
entlassen habe.
»Nein.«
»Er ist aber fort, samt seinen Sachen.«
»Laß ihn laufen,« sagte Gerhard Hoyermann schwerfällig. Er setzte sich
und legte den Kopf in die Hände.
»Was hast du?« fragte seine Frau und griff nach seiner Schulter.
Da erzählte er ihr.
Beate wurde grau im Gesicht.
»Glaubst du,« sagte sie und würgte an den Worten, »daß Takejiro ...
euch belauscht hat und dann ...«
»Sehr möglich ...«
»Und du willst ihn laufen lassen --?!«
Gerhard Hoyermann zuckte die Achseln.
»Was willst du? Wenn er den Mord im Auftrag der Polizei beging, was
mich gar nicht wundern würde und sehr wahrscheinlich ist, denn der Tote
war entschlossen und tüchtig in seinem Fach --, dann wird die Polizei
ihn schützen. Und wenn wir oder irgend jemand sonst bei der deutschen
Gesandtschaft vorstellig würden und diese die Bestrafung des Mörders
forderte, dann sei versichert, daß sich irgendeiner finden würde,
der den Mord auf sich nähme und sich hängen ließe für den wirklichen
Mörder, der vielleicht seinem Lande noch nützlich sein kann ...«
Er stand auf und reckte die Schultern.
»Wir leben nicht unter Menschen -- wir leben unter Begriffen, Beate ...
Und die haben in einem Lande, wie dieses ist, das ewige Leben ...«
Er hatte das Wort noch im Munde, als Tystendal hereintrat. Er hatte ein
Zeitungsblatt in der Hand ...
»Das Ultimatum Österreichs an Serbien,« sagte er.
»Gut!« sagte Gerhard Hoyermann nachdrücklich.
3
Beate lag in ihrem Zimmer, dessen papierene Wände in der Nacht wie
Milchglas matt schimmerten, und wartete auf ihren Mann.
Umè hatte der Herrin das Lager aus vielen kostbar seidenen und
wattierten Futons übereinander geschichtet und auch das hölzerne
Bänkchen bereitgestellt, auf das die Japanerinnen ihre kunstvoll
frisierten Köpfe legen und das, nach unerforschtem Brauch, so heilig
ist, daß niemand es versehentlich stößt, ohne es um Verzeihung zu
bitten. Die Herrin hatte zwar erklärt, seiner nicht zu bedürfen, aber
Umè hielt es immerhin für besser, wenn es an seinem Platze stand.
Draußen schritt eine wunderschöne Sommernacht über Land und See.
Die Frösche quakten, aber ganz fern; manchmal rief ein Vogel einen
einzigen, schwermütigen Laut in die milde Tiefe der Dunkelheit. Unten
am Teich schwatzte der kleine Wasserfall.
Beate lag auf dem Rücken und hatte den Kopf ganz in den Nacken gebeugt.
Sie hatte ein Gefühl, als träte jede einzelne Minute auf ihren Leib,
und sie könnte sich nicht wehren. Ihre weit offenen Augen sahen gegen
die Decke des niedrigen Zimmers; aber sie waren wie blind.
Sie lauschte.
Es war schon sehr spät -- weit nach Mitternacht. Gerhard hatte sich in
der Stadt mit Tystendal verabredet. Sie waren jetzt oft zusammen, die
Freunde; öfter noch als sonst. Und wenn er dann nach Hause kam, blieben
doch seine Augen wie weit fort, und seine Liebkosungen waren ein wenig
traurig.
Jedesmal, wenn er sie dann küßte, beugte sich Beate in seinen Armen
zurück und hielt mit ihren Händen seinen Nacken und sah ihn verzweifelt
an. Sie wollte ihn fragen: »Was hast du? -- Was verschweigst du mir?«
Aber sie fragte nicht. Sie hatte Angst vor seiner Antwort.
Aber nun ertrug sie es nicht mehr.
Vom ersten Tage ihrer Ehe an war sie gewöhnt gewesen, daß sie beide
alles, was sie zwischen zwei Dämmerungen erlebt hatten, zusammenpackten
und zueinander brachten, um es auszutauschen. Sie pflegten sich
gegenseitig bei den Ohren zu nehmen und dem anderen vorzuwerfen, daß er
verschwenderisch und aus der Maßen leichtsinnig sei, um sich am Ende
dieser Auseinandersetzungen mit blanken Augen anzulachen -- Gerhard
mit seinem urwalderschütternden Gedröhn und sie mit ihrem leichtfüßigen
Jauchzen darüberkletternd: »Hohoho, meine Löwin --!« ... »Bär! Bär, du
hast eine schwarze Nasenspitze -- hahei!«
Nein, sie waren ganz taumelig -- total verrückt -- und glücklich,
glücklich -- glücklich -- ach! Die ganze Welt tanzte in der Hand ihres
vergnügten Schöpfers ...
Nun, seit Tagen, schwiegen sie voreinander.
Aber sie wollte nicht mehr schweigen. Sie wollte nicht mehr, weil sie
nicht mehr konnte. Sie würde ihn fragen, beide Hände auf seine Brust
gelegt, als wollte sie an seinem Herzen anpochen ... Gerd --?
Dann mußte er Antwort geben.
Und darum wartete sie auf ihn mit offenen Augen, während sie in ihrem
Zimmer mit den milchigen Wänden lag und die Dunkelheit um das Haus
herfloß wie ruhig ziehendes, tiefes Wasser um einen gläsernen Schrein.
Die kleineren Sterne waren schon unsichtbar geworden, als Gerhard
Hoyermann nach Hause kam. Beates Ohren, durch das schweigsame Lauschen
in die Stille hinein geschärft, hörten das Knirschen des feinen Sandes,
in dem das Boot auflief, und dann die Schritte ihres Mannes, die sich
dem Hause näherten.
Aber er kam nicht herein.
Sie hörte, wie er stehenblieb und dann zögernd wieder ging; doch nicht
zu ihr. Er ging durch den Garten. Nun entfernten sich seine Schritte;
nun kamen sie wieder näher; sie wanderten um das stille, wartende
Haus, ruhelos und müde; so wie Verbannte um die Grenzen ihrer Heimat
schleichen, dachte Beate. Sie lag noch immer, als könnte sie sich
nicht rühren, mit offenen Augen und Lippen, die eine uneingestandene
Bitterkeit ein wenig herbe machte.
Doch als die Schritte draußen den Weg zu ihr nicht finden konnten,
obgleich es schien, als sehnten sie sich sehr, hereingerufen zu werden,
stand sie auf und tastete sich, unsicheren Ganges, nach der Tür, die
auf die Veranda führte. Sie schob sie auf und beugte sich, vortretend,
über das schmale Geländer.
Die Nacht war nicht dunkel. Sie konnte den Mann gut sehen, der mit
gesenktem Kopf unter den Pflaumenbäumen hinging. Er trug den Hut in der
Hand.
»Gerd --!« rief sie halblaut.
Er fuhr zusammen und kam auf sie zu -- so eilig, als wollte er einer
Frage zuvorkommen.
»Mein Liebling ...«
»Ich hörte dich durch den Garten gehen ... Warum kommst du nicht
herein?«
»... Ich wollte dich nicht wecken.«
»Ich schlief nicht ...«
Er entgegnete nichts, sondern kam herauf und in das Zimmer, in das
Beate zurückgetreten war. Sie wartete, ob er etwas sagen würde. Er
schwieg aber, strich nur, als er an ihr vorüberging, mit seiner Hand
über ihre Schulter. Ein sinnloses Schluchzen stieg der Frau in die
Kehle. Aber es wurde nicht laut.
Sie legte sich nieder und wartete. Plötzlich, als fühlte er die Stille
des Zimmers körperlich und peinigend, sagte er laut: »Tystendal läßt
sich dir empfehlen ...«
»Danke schön ... Warst du mit ihm allein?«
»... Entschuldige ... was fragtest du?«