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Für die Vereinigten Staaten von Amerika:

Copyright, 1916, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger.

Stuttgart und Berlin

Der geliebten Mutter

meines Mannes

1

»Hai --! Hai --! Haiiiii --!!«

Der Kuli vor Beates Jinrikisha schrie wie eine Dampfpfeife, als er in

vollem Trabe um die Ecke bog und im Menschengewühl der Hauptstraße

untertauchte.

Für europäische Begriffe schien es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein,

mit einem Jinrikisha in diesen Strom von gelben, hageren, behenden

Leibern, blauen verwaschenen Kimonos und runden Strohdeckeln auf

glattgeschorenen Schädeln hineinzujagen, ohne daß ein Unglück geschah;

und Beate öffnete schon den Mund, um ihrem zweibeinigen Pferd ein

»Mate! Mate! -- Halt! Halt!« zuzurufen.

Aber das gellende »Hai -- haiii --!« des Kulis und die gleichmütige

Unbeirrbarkeit seines Trabens machten die Menschen vor ihm

auseinanderspritzen wie Wassertropfen vor einem Hunde, der in den Fluß

geht.

Nein, sie nahmen ihm seine Rücksichtslosigkeit auch nicht übel. Er war

im Dienst, der Wackere -- wie hätte er anders handeln können?

Er hatte die Ehre -- eine unverdiente, ganz gewiß, aber eine

unbestrittene --, die verehrungswürdige Gemahlin des fremden weißen

Mannes zu fahren, der seit einigen Monaten auf der kleinen Insel wohnte

-- auf der kleinen Insel, die, einer schönen, alten Sage nach, »Garten

des Freundes« hieß.

Von dem Augenblick an, da der fremde weiße Mann mit seiner ehrwürdigen

Gemahlin den Fuß an dieses Ufer gesetzt hatte, war Akira ihnen auf

den Fersen geblieben -- er und noch ein anderer, den Akira unendlich

verachtete.

Dieser andere war dem fremden weißen Manne fast gegen die Kniekehlen

gefahren, der Zudringliche. Er hatte ihn mit Lächeln und Verbeugungen

genötigt, seinen -- nur seinen Jinrikisha zu benutzen! Der Ehrwürdige

möge geruhen, einzusteigen -- er bot ihm den besten Jinrikisha von

ganz Nippon und seine elenden Dienste an, und die Götter sollten ihm

die Stunde seines Todes vergiften, wenn er nicht bereit war, für den

Ehrwürdigen so oft sein Leben einzusetzen, als es ihm belieben würde,

das zu verlangen.

Er, Akira, stand daneben und hörte Mosakus Geschwätz mit dem innigen

Wunsche, ihm dafür seinen traurigen Jinrikisha in Stücke schlagen

zu dürfen. Aber der weiße Mann ließ sich von Mosakus Redesturz

überwältigen; er lachte und stieg ein, während die erlauchte Gemahlin

in Akiras Wagen Platz nahm.

Als ehrgeizige Nebenbuhler, die sie waren, begannen Mosaku und Akira

ein Wettrennen, daß die flachen Strohdeckel auf ihren kahlen Köpfen

hüpften und tanzten, daß ihnen der Schweiß in Strömen von Armen und

Beinen floß. O, sie wollten schon zeigen, was sie konnten -- hai --!

Seit jenem Tage waren Monate verflossen; aber Akira und Mosaku haßten

sich noch immer mit der gleichen Inbrunst, bewachten die Schritte der

erlauchten Fremden mit den Augen der Gabelweihe und kannten keinen

größeren Triumph, als wenn es einem gelang, dem anderen zuvorzukommen

und ihm den Stammgast wegzuschnappen, wenn der weiße Mann oder seine

ehrwürdige Gemahlin einmal allein gefahren zu werden wünschte.

Beate hatte in den ersten Wochen niemals gewußt, wer von den beiden

Gegnern dem anderen durch größere Geschwindigkeit zuvorgekommen war

und in schnellstem Trabe mit ihr davonsauste, sobald sie den Fuß aus

dem kleinen Boot mit dem Drachensegel ans Land gesetzt hatte. Die

japanischen Gesichter erschienen ihr anfangs alle gleich in ihrer

gelbbraunen Blässe, den dunklen, ein wenig schrägen Augen über den

starken Backenknochen und mit dem höflichen -- unverwirrbar höflichen

-- Lächeln.

Erst allmählich lernte sie die Menschen aus dem Volke herauszuschälen

und sich der fremden Seele näherzutasten; und obgleich sie auf den

erdumfassenden Reisen mit ihrem Manne die Menschenseele schon in Häuten

jeder Färbung verkleidet gesehen, hatte sie doch niemals so sehr das

Gefühl des Fremden, gänzlich Unverwandtschaftlichen gehabt wie vor den

Vertretern der gelben Rasse.

Sie hatte das englisch-japanische Wörterbuch im Schoße liegen und

plagte sich mit den geschmeidigen Zahlen: »+Ichi-mai, yo-mai+ --

nein! +Ichi-mai, ni-mai, sam-mai, yo-mai, go-mai+ ... na? ... --

+roku-mai, shichi-mai+ ...«

Sie hatte stets ihren Ehrgeiz darein gesetzt, sich mit der Sprache des

Landes, in dem sie sich längere Zeit aufzuhalten gedachten, vertraut zu

machen.

Als ihr Mann sich um den Residentenposten in Deutsch-Ostafrika bewarb,

lernte sie auf Tod und Leben Kisuaheli und liebte diese ritterliche und

liedhafte Sprache samt allen Rauheiten ihres arabischen Einschlags.

Und als sie so weit war, daß sie dem würdevoll auf der Boma -- der

Festung -- erscheinenden Häuptling des nächsten Dorfes selbst für

seinen Ehrenhammel verbindlichst zu danken vermochte und ihn, der die

Türe nicht wiederfand, höchstselbst hinauszuwerfen sich unterfing --

als sie die kleinen, zwitschernden Liebeslieder ihrer schwarzen Zofe

selber singen konnte und die nachdenklichen und neckischen Sprichworte

dieser Menschen durchdacht hatte, da war für sie ein Weg gefunden zu

der fremden Rasse, den sie gehen konnte, so oft sie die Laune trieb --

und sie war ihn oft gegangen.

Denn es lag die angeerbte Würde tausendjährigen Blutes in der Art, wie

ihr Ardili, der arabische Diener, die Obstschale mit den grünen Orangen

und den roten Bananen darbot, als übe er einen uralten und feierlichen

Opferbrauch.

Und es lag die ganze unendliche Sehnsucht derer, die immer wandern, in

dem schwermütigen Spruch, mit dem der traumkundige Ibrahim ben Massud

sie warnte, vom Wasser des Nils zu trinken.

»Denn wer von diesem Wasser trinkt, Herrin, und geht aus dem Lande, in

dem es fließt, der muß wiederkommen, oder die Sehnsucht tötet ihn ...«

Sie liebte diese Ururenkel eines Herrenvolkes, das mit dem Gestampf

seiner Herden und dem Gebrüll seiner Kriegshörner die Erde beben

gemacht hatte und Paläste baute, um die noch nach tausend Jahren die

Kasuarinen ihre wundervoll geschwungenen Zweige anbetend senkten.

Sie liebte sie, wie sie edle Bronzen liebte, Heldensagen und

fremdartige Tiere -- mit jener beschaulich entzückten, unwachsamen

und eben darum etwas hochmütigen Liebe des Genießenden gegenüber dem

Geschöpf, das nichts von ihm zu fordern hat.

Aber sie sollte nicht Wurzeln schlagen in der afrikanischen Erde.

Eines Tages kam ihr Mann von einem kurzen Marsch ins Innere des Landes

zurück und hatte das Fieber in jedem Blutstropfen. Das beizte ihm das

Weiße in den Augen gelb.

Sie schlug sich mit dem Fieber wie eine verwundete Löwin.

Als der Arzt der Station kam, um nach dem Kranken zu sehen, fand er an

dessen Bett eine Frau, die sehr entschlossen schien, den Tod, der nach

dem flatternden Herzen ihres Mannes greifen wollte, einfach in die Hand

zu beißen.

Ja, das wollte sie. Aber der Tod brauchte seine Hände anderweitig und

ging davon.

Und als sie das begriffen hatte und ihres Sieges gewiß war, fiel sie um

-- schlug mit ganzem Leibe zu Boden und hatte ein freundliches und sehr

zufriedenes Gesicht dabei.

Als sie wieder aufwachte, saß ihr Mann an ihrem Bette und hatte einen

Brief in der Hand; den gab er ihr, als sie wieder vernünftig denken

konnte.

Der Brief war vom Gouverneur und lautete:

»Lieber Hoyermann! Jetzt sind Sie so freundlich und kommen um einen

sehr langen Erholungsurlaub ein, oder der Teufel holt Sie. Kerle

wie Sie kann ich nicht entbehren, wenn es einmal darauf ankommt!

Augenblicklich kann ich's. Also, machen Sie, daß Sie fortkommen und

verfügen Sie sich in eine Gegend, die fieberfrei ist. Möglichst weit

weg von dieser gesegneten Landschaft. Ich habe große Pläne mit Ihnen,

lieber Hoyermann. Das wissen Sie. Und ich habe nicht die Absicht, mir

diese durch eine so abgeschmackte Lächerlichkeit, wie ein Sumpffieber

es ist, zerstören zu lassen. Stellen Sie einstweilen einen tüchtigen

Maat auf Ihren Posten und packen Sie schleunigst Ihre Koffer. Grüßen

Sie mir Ihre tapfere Frau; ich hoffe, Sie beide bald in Daressalam zu

begrüßen ...«

Und sie hatten die Koffer gepackt.

Nicht gern -- o nein! nicht gern ... Aber es war ja kein Abschied auf

immer. Sie würden wiederkommen, ganz gewiß ...

Und auf der Heimfahrt hatten sie Pläne geschmiedet, hatten mit halbem

Leibe über sämtlichen Länder- und Meerkarten der Erde gelegen und den

Globus vor sich um seine Pole tanzen lassen.

Sie wollten die Zeit, die ihnen pflichtenlos gehörte, ausnutzen -- die

Erde kennenlernen und ihre Menschen zwischen Norden und Süden.

Nach kurzem Aufenthalt in der Heimat hatten sie sich in Hamburg

eingeschifft und waren zu den Jagdgründen der Rothäute gefahren.

Sie waren durchaus nicht gesonnen, sich als gesittete Mitteleuropäer zu

benehmen, die sich verfrachten lassen wie jedes beliebige und genügend

frankierte Eilgut. Sie ließen sich durchaus keine Ratschläge erteilen

und beleidigten alle wohlmeinenden Mitreisenden tödlich durch gänzliche

Verachtung ihrer ausgekochten und auf Flaschen gezogenen Erfahrungen.

Einige Jahre unter afrikanischer Sonne stärken das Selbstbewußtsein;

und wenn man es über sich gewann, innerhalb der ersten zehn Wochen

über dieses und jenes nicht tobsüchtig zu werden, dann verläßt man den

schwarzen Erdteil als ein Mensch, der für das Wort »unüberwindliche

Schwierigkeiten« nur ein mildes Erstaunen übrighat.

Gerhard Hoyermann kannte Neuyork und verwahrte sich entschieden gegen

die Zumutung, länger dort zu bleiben, als man unbedingt braucht, um

sich für eine Reise, wie er und seine Frau sie vorhatten, auszurüsten.

Er war bereit, sich mit jedem Yankee, der sich durch seine Meinung

auf die U.S.A.-Hühneraugen getreten fühlte, ihretwegen zu boxen, bis

der Yankee blau war -- aber er fand Neuyork von einer märchenhaften

Scheußlichkeit und wollte seinem Schöpfer danken, wenn er es hinter

sich hatte.

Gewiß, dreißig- bis fünfzigstöckige Häuser mochten ihre Vorzüge haben;

aber leider nicht für ihn. Er fand, daß sie das Gleichgewicht der Erde

störten.

Auch war es gewiß für Leute, die es eilig hatten, in die Stampfmühle

des Lebens zu kommen, von großem Vorteil, daß die +L+-Züge

alle zwei Minuten vorbeirasten und daß die Untergrundbahnen wie

von sechzigtausend Teufeln der Djehennah besessen aus der Tiefe

auftauchten, um mit einem Geheul, als seien sie selbst deswegen

verzweifelt, nach anderthalb Sekunden wieder in ihr zu verschwinden.

Aber er, Gott sei Dank, hatte es nicht eilig. Und seine Frau auch

nicht, nein!

Sie fraßen ihr Leben nicht -- sie verspeisten es, zierlich und

gründlich, mit großem Appetit -- und tranken seine höchsten Genüsse als

edlen Wein aus sehr schön geschliffenen Gläsern.

Was sollten sie in einer Stadt, die beständig im Galopp hinter sich

selbst herrast und bei dem Tanz ums goldene Kalb alle zehn Gebote und

auch das elfte zerbricht, das da lautet: »Du sollst glücklich sein!«

Gerhard Hoyermann wollte nach dem Wilden Westen, erklärte er. Er wollte

die »+bloody grounds+« aufsuchen, in denen Winnetou, der rote

Gentleman, mit seiner Silberbüchse und seinem famosen Rapphengst ...

»Beate, wie hieß der Gaul?«

»Iltschi -- der Wind!« jauchzte Frau Beate.

Schön ... Also wo er mit dem Iltschi spazierengeritten war und den

verfluchten Komantschen das Leben sauer gemacht hatte.

Er, Gerhard Hoyermann, bestand darauf, einen Grislybären zu jagen und

sich dessen Tatzen am Lagerfeuer selbst zu braten. Er wollte nach

Nuggets graben und mit irgendeinem schweigsamen Bronzekopf unter den

Federn des Kriegsadlers eine Pfeife der Freundschaft rauchen -- das

wollte er!

Und wenn er Lust bekam, von den Rocky Mountains im Norden bis zu den

Kordilleren im Süden einen Spaziergang zu machen, dann machte er ihn --

+howgh+!

»Und Ihre Frau --?!«

»Meine Frau --?!«

In Gerhard Hoyermanns Augen lachten die Lichter und tanzten.

»Meine Frau -- die geht mit! Was, Beate --?!«

Und er hatte ihr seine Tatze hingestreckt und nach der ihren gepackt,

die eilig und freudig zu ihm gelaufen kam, und sie hatten sich

angelacht -- hoho! Dröhnend konnte Gerhard Hoyermann lachen! Und sie

jauchzte dazwischen ... Natürlich ging sie mit! Was war da weiter dabei

--?

In allen ihren Adern sprang das rote, brausende Blut ihres Glücks,

das ein seliges Gemisch war von Rausch und Erkenntnis, von aller

Heiligkeit des Kinderglaubens an morgen, von wissendem Besitzergreifen

zweier Seelen, die Ehrfurcht voreinander haben, von dem staunenden

Sichweitertasten, Hand in Hand, in ein Meer von Licht hinein.

Sie hatten zwischen Spiel und Ernst manchen hartatmenden Kampf

gekämpft und sich ganz nahe, Eisenschädel gegen Eisenschädel, in die

blaublitzenden Augen gehaßt. Bis sie erkannt hatten, daß sie Schulter

an Schulter viel weiter kamen als Stirn an Stirn.

Nun liebten sie sich um dieser Erkenntnis willen und gingen in die Welt

hinein, um sich die Welt zu erobern.

Mit dem »Wilden Westen« fingen sie an.

Die »+bloody grounds+« waren leider geschlossen. Wegen mangelnder

Betriebsbeteiligung. Einen Grisly zu schießen, war nicht ratsam, da

diese lieben Tiere in gleicher Heiligkeit und Unverletzlichkeit im

Yellowstonepark lebten wie die Katzen im alten Ägypten. Gerhard sah die

Zweckmäßigkeit dieser Heiligsprechung ein und bedauerte nur, daß er

sich nicht an den Mormonen schadlos halten konnte.

Sie fanden auch Indianer; aber die meisten waren dem Tomahawk

entfremdet und fuhren Automobil. Gerhard meinte, richtige Indianer

könnte man augenscheinlich nur noch von Hagenbeck geliefert bekommen.

Aber er hatte es sich in den Kopf gesetzt, dessen Quelle aufzuspüren.

Und das gelang ihm auch.

Eines Tages begegnete ihnen ein Trupp jener armseligen Überreste,

deren Ahnen Tempel und Städte aus Gold gebaut hatten. Und sie

betrachteten die fremden bleichen Menschen, während sie stumm an ihnen

vorübergingen, mit jenem tragischen Blick schwermütigen Stumpfsinns,

den sterbende Tiere haben.

»Ein Glück,« sagte Gerhard, während er ihnen nachsah, »daß nicht die

Deutschen schuld am Untergang der roten Rasse sind. Wir gingen kurz

nach ihnen drauf am schlechten Gewissen ... Pfui Deibel!«

Beate verstand ihn recht gut. Diese roten Menschen, die nicht klug

genug gewesen waren, sich mit ihren Bezwingern rechtzeitig auf den

Händlerstandpunkt zu stellen, waren ganz umwoben von der Romantik, die

aus ihrem Untergang eine Dichtung machte. Ihre Zeit war vorbei, und

sie starben. Und die deutschen Jungens spielten Indianer, was keinem

anderen Jungen irgendeines anderen Volkes eingefallen wäre. Sie

stellten in ihren Spielen, in denen die Indianer selbstverständlich

Sieger blieben, das Gleichgewicht verletzter Rechte wieder her. Und von

diesen Jungensspielen ein kindischer und herber Hauch war dem Manne

geblieben.

Sie hatten beide, als sie das Land der Untergehenden verließen, das

Gefühl, daß zwischen den Weißen und den Rothäutigen die gleiche

Kluft sich breitete wie zwischen Menschen am Ufer und denen auf

davonfahrendem Schiff. Sie waren zurückgeblieben, die Roten, seit

reichlichen Jahrhunderten. Sie zählten nicht mehr mit -- waren Steine

in einer Sammlung; Schaustücke. Altertümer.

Und nun die Gelben ...

So oft Beate über die gelben Menschen nachdachte, kam sie nach längerer

oder kürzerer Zeit ganz gewiß an eine Mauer, die sich rechts und links

unabsehbar dehnte und anscheinend kein Tor besaß.

Zur Zeit der Pflaumenblüte waren sie herübergekommen und hatten über

der Bucht von Kioto den Berg gesehen, der jener Göttin heilig ist, die

die Bäume blühen macht. In einem fremden und kühlen Blau hatte er sich

aufgereckt, wolkenlos, ohne Nebel, mit dem Strahlenkranze aus Schnee

-- ein günstiges Zeichen für die Ankommenden. Denn es gilt als eine

üble Vorbedeutung, wenn der Reisende, der Japan betritt, den Fujiyama

verschleiert sieht.

Und sie hatten das Märchen der Kirschblüte miterlebt und staunend vor

dem inbrünstigen Entzücken eines ganzen Volkes gestanden, dem sich

in einem rosenrot blühenden Zweige alle Mysterien der Schönheit zu

offenbaren scheinen.

Die Päonien hatten geblüht und die Schwertlilien und die Lotos ...

Und sie standen noch immer an einer Mauer ohne Tor.

Woran lag das?

Beate hatte das Buch in ihrem Schoße schon längst zugeklappt und

blickte mit ihren trinkenden Augen auf alle Bilder am Wege.

Zu beiden Seiten der Straße graue, niedrige Häuser, unwahrscheinlich

dünn und zerbrechlich, wie zur Schau für eine Stunde aufgebaut. Die

Papierwände nach der Straße zu waren zurückgeschoben, denn der Tag war

still und heiß. Alle Pulse des Lebens schienen bloßzuliegen, daß man

den Schlag des Blutes beobachten konnte.

Altertumshändler hockten in ihren Läden, die Tonpfeife im Munde, das

Kohlenbecken neben sich, rund umgeben von verwirrenden Köstlichkeiten

und atemraubendem Schund, mit dem eine fruchtbare Industrie das junge

Japan gesegnet hat.

Beate überlegte, ob sie aussteigen sollte, um eine Stunde in solch

einem Laden zu vertrödeln. Sie konnte es ohne Gefahr tun. Akira lief

ihr nicht davon. Wenn es ihr beliebt hätte, bis zum Sonnenuntergang

vor einem holdseligen Kakemono oder einem schwarzen Lackkästchen mit

goldenen Fischen, die durch einen Wasserfall springen, in Andacht zu

stehen, sich an der kühlen Schwere eines seidenen Kimonos zu entzücken,

in dessen prunkendes Rot silberne Sperlinge gestickt waren, oder

eines von jenen winzigen Spielzeugen zu versuchen, die so einfach und

spitzfindig zugleich waren wie eine Scherzfrage -- sie hätte gewiß sein

dürfen, daß Akira nach Stunden geduldigen Wartens sie mit der gleichen

begeisterten Verbeugung und dem gleichen sanften Lächeln aufgefordert

hätte, in seinem Jinrikisha wieder Platz zu nehmen, als wenn sie nur

zehn Minuten auf sich hätte warten lassen.

Und wenn sie nach Stunden des eifrigsten Herumkramens in allen Winkeln

eines Ladens dennoch nichts gefunden hätte, das sie zu erwerben

wünschte, so würde sie der Besitzer all der verschmähten Herrlichkeiten

ebenso höflich und wortlos lächelnd haben hinausgehen lassen, wie er

sie eintreten ließ, ohne den geringsten Versuch zu machen, ihr etwas

aufzuschwatzen, oder sie zum Wiederkommen aufzufordern.

Aber sie ließ den Plan fallen, weil es ihr Mühe gemacht hätte, sich von

ihren grübelnden Gedanken loszureißen, die sich mit forschendem Eifer

und ein wenig beschämter Traurigkeit der rätselhaften Fremdheit dieses

Volkes nähertasten wollten.

Da draußen jagte die Eisenbahn durch die Reisfelder, in deren unbedingt

bejahendem Grün Männer und Weiber arbeiteten, in den weiten, von

Kanälen durchzogenen Feldern der Ebene wie in den schachbrettgroßen

Fleckchen, die sich die kargeren Hügel erobert hatten.

Über den flachen Dächern der grauen, demütigen Häuser reckten sich die

Telegraphenstangen und waren von einer sinnverwirrenden Fülle, ohne daß

sie eigentlich gestört hätten.

Das war Amerika und Europa, die sich in Japan kühl-höflich eine

Verbeugung machten, ganz ohne jenes verbindliche Lächeln, das ein Teil

von der Seele dieses merkwürdigen Landes zu sein schien.

Aber Amerika und Europa sollten sich nicht einbilden, daß sie jemals

dieses Land für sich erobern könnten -- o nein!

Es schien, daß man Eisenbahnen und Telegraphenstangen brauchte, um

Schritt zu halten. Also baute man Eisenbahnen und pflanzte über den

wimmelnden Gassen der Städte Telegraphenstangen auf. Im übrigen blieb

man Japan ... Die Missionare sämtlicher christlichen Kirchen bekamen

die Gelbsucht und wurden schwermütig angesichts der sanftlächelnden

Unbeirrbarkeit eines Glaubens, dem nicht beizukommen war.

Die Löwen des Shinto hielten gute Wacht vor tausendjährigen Tempeln.

Diese Tempel liebte Beate vor allen Dingen in Japan am meisten. Und zu

ihrem Lieblingstempel war sie jetzt auf dem Weg.

Er war nicht eben einfach. Akira mußte seine ganze Geschicklichkeit

aufwenden, um nicht in einem Gewühl fliegender Händler mit den

wippenden Bambusstangen auf der Schulter steckenzubleiben, nicht mit

einem Rudel seiner Kastengenossen Skandal zu bekommen -- einen höflich

lächelnden Skandal, selbstverständlich, aber nichtsdestoweniger einen

ausdrücklichen --, weil er ihr kleines Zelt an der Straßenecke um ein

Haar überrannt hätte.

Dieses kleine, braungelbe Volk schien ewig in Eile zu sein. Es sauste

auf seinen Stelzenschuhen in heiterster Geschäftigkeit durch die

Straßen, lächelte, verbeugte sich, bahnte sich mit einer wunderlichen

schiffenden Bewegung der vorgehaltenen Hand Wege durch die Menge, mit

denen eine Katze nicht zufrieden gewesen wäre. Jeder schien den anderen

um Entschuldigung zu bitten, daß sein Geschäft ihn nötigte, etwas

Platz für sich zu beanspruchen.

Beate dachte, wie wohl »Himmelkreuzdonnerwetter!« auf japanisch

heißen würde. Aber sie vermutete, daß es dafür keine Bezeichnung gab.

Überhaupt keine in dieser Richtung. Eigentlich war das ein Mangel ...

Hai --! Nun hatten sie die kribbelnden Straßen hinter sich. Die

fremdartige, aber nicht unschöne Melodie der tausend klappernden

Holzsandalen wurde leiser und leiser, verstummte endlich ganz. Akira

keuchte; es ging hügelan. Aber Beate hatte es schon lange aufgegeben,

dem Kuli zuzureden, daß er Schritt fahren möge. Auch ein Jinrikishakuli

hat seine Gesetze. Deren oberstes ist, daß er Trab läuft, bis er

am Ziele ist oder bis ihn der Schlag trifft und ihn von jeder

Verantwortlichkeit entbindet.

Vor einem uralten wunderschönen Torii machte er halt und forderte die

Verehrungswürdige mit einem milden Lächeln auf dem schweißtriefenden

Gesicht auf, sich zu erheben. Beate verließ den Jinrikisha; Akira

verfügte sich in den Schatten und hockte sich auf die Steine neben dem

Torii. Er würde hier einige Dutzend Pfeifen rauchen und warten ...

Beate durchwanderte den kleinen Vorhof, in dem nur ein paar steinerne

Votivlaternen standen und eine ganz verwitterte steinerne Göttin,

nicht größer als ein Kind. Sie drückte die eine Hand mit einer

ekstatischen Gebärde an ihre linke Brust und hielt die andere schmal

und offen aufgerichtet den Betenden entgegen. Ihr Gesicht war von

unendlicher Ruhe erfüllt und lächelte aus halbgeschlossenen Lidern.

Beate nickte ihr zu; sie kannten sich schon und hatten Zuneigung

füreinander.

Als sie den kleinen Vorhof verließ und im Begriff stand, die schmale

Steintreppe hinaufzusteigen, die zum Gipfel des Hügels führte,

begegnete ihr ein Mann; ein Japaner. Er war kein Priester und schien

auch nicht der dienenden Klasse anzugehören. Er grüßte die weiße Frau

ehrerbietig; um den farblosen Mund und in den glänzenden Jetaugen stand

das sanfteste Lächeln Nippons, als er ihr Platz machte und mit seiner

Verbeugung um Verzeihung zu bitten schien, daß seine Gegenwart die

Schritte der Fremden belästigte.

Unwillkürlich sah Beate sich um, als sie ein paar Stufen erstiegen

hatte. Sie begegnete dem aufmerksamen Blick des Japaners, der ihr

nachschaute. Vielleicht hatte sie sich auch getäuscht. Er rief etwas

in seiner gutturalen Sprache, das ihr nicht galt, denn eine Stimme

antwortete von oben. Dann ging er und verschwand im Hofe.

Was ging es sie an --?

Ein kleiner Hain von düsteren, wunderlich zerfetzt aussehenden

Fichtenbäumen nahm sie auf. Er schloß sich wie ein schwerer Mantel um

die Spitze des Hügels und um den Tempel, den er hütete.

In diesem Tempel wohnte sie -- Kwan-on, die milde Göttin, die große

Barmherzigkeit, die auf den ewig seligen Frieden ihrer Göttlichkeit

verzichtete, um den Menschen zu helfen.

Hier wohnte sie, zu der die Betenden flehen und gewiß sind, Erhörung

zu finden. Der volle Mond ist die Aureole ihres unendlich gütigen

Hauptes. In der erhabenen Ruhe ihres Lächelns thront sie über den

Weihrauchwolken -- sie, deren Lobpreisung sich nicht genugtun kann in

köstlichen Worten: »O du Strahlengleiche, die du das Licht über die

Erde ausgießest! O du fleckenlos Reine! O du mit deinen schönen Augen!

...«

Aber es war nicht um der Göttin willen, daß Beate zu diesem Tempel

kam. Sie wollte das Meer sehen. Das Meer von Japan, in dem die kleinen

Inseln liegen, wie Schmuckstücke, von Kindern verstreut.

Sie setzte sich unter einen Fichtenbaum, der, von den Genossen

abgesondert, einsam und spröde zuhöchst auf dem Hügel stand und so

wirkte, als könne er nirgends sonst in der Welt stehen -- faltete die

Hände über dem Knie und träumte.

Gerade unter ihr, von der Flut umspült, lag ihre Insel, der schöne

»Garten des Freundes«. Zur Zeit der Ebbe konnte sie zu Fuß über den

schmeichlerischen Sand gelangen. Jetzt schossen die flinken winzigen

Ruderboote über die glatte See; die wunderlichen Segler, die wie

schwimmende Drachen aussahen, warfen sich in die Brust.

Sehr weit draußen, dem bloßen Auge gerade noch erkenntlich, lag ein

Dampfer scheinbar ruhend auf dem Meer.

Er schien es nicht eilig zu haben.

Von irgendwo her erklang das leise rufende Händeklatschen betender

Priester. Die Gottheiten hatten viele Wohnungen in Nippon. Und wenn

Gebete und Anrufungen sich in goldene Fäden verwandeln würden, müßte

über den Inseln des Ostens ein Netz aus Gold schweben, das den

erhabenen Buddha preist: »Namu Amida Butsu ...«

Beate rieb sich die Stirn; sie mühte sich, ein kleines japanisches

Kinderlied, das sie gestern gelernt, in ihr Gedächtnis zurückzurufen.

Aber es entschlüpfte ihr immer wieder. Und als sie ihr Buch zu Rate

ziehen wollte, hörte sie Schritte hinter sich und wußte sofort, wem sie

gehörten.

Sie war auf einen stürmischen Überfall gefaßt und bereitete sich vor,

ihm würdig zu begegnen; er blieb aber aus.

Sie drehte sich um und sah ihrem Manne ins Gesicht. Das zeigte eine

wunderliche Mischung von Grimm und Belustigtsein.

Vor den Augen seiner Frau schwand der Grimm, und sie begrüßten sich,

wie es ihre Gewohnheit war, solange der Himmel blau schien.

»Tag, Löwin!«

»Tag, Bär!«

Dann rieben sie ernsthaft die Nasen aneinander -- nach Gerhards

Behauptung eine durchaus asiatische Sitte, die nicht ohne Reiz war --,

gaben sich einen europäischen Kuß und nickten sich befriedigt zu.

Beate sagte nichts. Sie wußte ganz genau, daß jetzt eine Explosion

irgendwelcher Art erfolgen würde.

Gerhard warf sich neben ihr auf den Rücken, kreuzte die Arme unter dem

Nacken und fragte: »Weißt du, was das Neueste ist?«

»Nein.«

»Wir stehen unter polizeilicher Bewachung!«

»Ach nee!« sagte Beate sehr begeistert. »Wie kommst du darauf?«

»Soll ein Nilpferd nicht darauf kommen, wenn ihm vom ersten bis zum

letzten Schritt in diesem gesegneten Lande ein Kerl auf den Fersen

klebt, der gar nichts da verloren hat! In den ersten Tagen habe ich

überhaupt nichts gemerkt. Dann glaubte ich, ich hätte mich getäuscht.

Schließlich wurde ich aufmerksam und knöpfte Augen und Ohren gehörig in

Sperrweite ... Bei Gott, Beate, man lauert uns auf!«

»Aber weshalb um alles in der Welt?«

»Weiß der Teufel! Tatsache ist, daß ich keinen Fuß rühren kann, ohne

daß ich an irgendeiner Ecke einen finde, der auf mich aufpaßt, als wäre

ich der japanische Staatsschatz auf Urlaub. Und ich sollte mich sehr

wundern, wenn nicht auch deine Schritte sehr genau bewacht würden.«

»Na wenn schon!« meinte Beate in vollkommener Heiterkeit. »Laß ihnen

doch das Vergnügen ... Wir sehen beide etwas zu wenig japanisch aus, um

in Gefahr zu geraten, für eingeborene Verbrecher gehalten zu werden,

die man möglicherweise inbrünstig sucht, um sie dem Gott der Unterwelt

in den Rachen zu werfen.«

»Im Gegenteil,« sagte Gerhard. »Wir sehen drei Meilen gegen den Wind so

aus, daß die höfliche Bande da unten uns zu Ehren die ›Wacht am Rhein‹

singen würde, wenn sie dazu imstande wäre. Und vielleicht sind wir

ihnen gerade deshalb noch viel interessanter, als wenn wir eingeborene

mehrfache Raubmörder wären.«

»Bär,« sagte die Frau und fuhr ihm in die Haare, »du hast

Halluzinationen!«

»Wenn du Mut hast, dann behauptest du jetzt noch, daß ich für

gewöhnlich darunter leide!«

»Nein, den Mut hab' ich nicht ...«

»Das ist auch dein Glück, Löwin.«

»Aber sonst«, fuhr Beate fort, »wird es mir daran nicht fehlen, und

darauf möchte ich dich noch einmal ausdrücklich aufmerksam gemacht

haben, Bär -- falls du glaubst, mir etwas Wichtiges grammweise

beibringen zu müssen. Kannst es mir alles auf einmal versetzen. Ich

vertrag' schon einen Puff ...«

»Das weiß ich. Ich hab' auch gar nicht die Absicht, homöopathisch

vorzugehen ... Die ganze Geschichte beruht darauf, daß die Bande

irgendwie erfahren haben muß, daß ich deutscher Offizier gewesen bin --

zuerst im Heer, dann in der Schutztruppe. Und daß sie jetzt etwas sehr

Geheimnisvolles hinter der Tatsache vermuten, daß ich mir erlaube, ganz

einfach als Gerhard Hoyermann mit Frau aus Berlin an der Spree hier in

Japan spazierenzugehen.«

»Herrje!« sagte Beate. »Vermuten sie vielleicht in Tokio, daß du ein

Spion in kaiserlich deutschen Diensten seist?«

»Du hast die Tokioter Vermutungen jedenfalls auf die einfachste Formel

gebracht, Löwin,« sagte Gerhard Hoyermann.

Beate sah ihn ungläubig an. Aber er scherzte nicht. Wirklich nicht.

»Das ist ja phänomenal albern!« sagte sie.

»Nicht so sehr, wie du denkst,« meinte Gerhard Hoyermann nachdenklich

und sah in den Himmel hinauf. »Bekanntlich sind diejenigen, die selbst

hinterm Ofen zu sitzen pflegen, sehr rasch zu der Annahme bereit, auch

andere könnten eine Vorliebe für diesen Platz entwickeln.«

»Nun --?«

»Nun -- es war einmal eine Festung, die hieß, wenn ich mich nicht irre,

Port Arthur ... in der gab es keine Scheuerfrau, keinen Briefträger und

kein Waschweib, die nicht im Hauptberuf japanische Offiziere gewesen

wären ...«

»Im Kriege --!«

»Im Frieden.«

Beate dachte nach. Sie hatte das Kinn in die Hände und die Ellbogen auf

die Knie gestemmt und sah mit verschnürten Brauen aufs Meer hinaus.

»Und wenn du Recht hast -- was dann?« fragte sie nach einer Weile.

»Dann -- dürfte es immerhin von Vorteil sein, sich nicht allzu fest auf

das verbindliche Lächeln der gelben Bande zu verlassen,« meinte Gerhard

Hoyermann. »Schließlich sind wir nicht in dieses allerliebste Ländchen

gekommen, um den Rest unseres Urlaubs in getrennten Zellen irgendeines

Untersuchungsgefängnisses zu beschließen.«

»Ohne jeden Grund --?!«

»O, wenn man ~uns~ erst mal hat, wird man den Grund schon

~dazu~ finden,« sagte Gerhard Hoyermann phlegmatisch. »Auch bin

ich fest davon überzeugt, daß die Sicherheitsorgane, die uns unter ihre

Obhut nehmen würden, es mit dem zuvorkommendsten Lächeln von der Welt

täten und daß man sich, wenn unsere gänzliche Harmlosigkeit erwiesen

wäre, in Entschuldigungen und Sympathiekundgebungen ergehen würde,

die ein Pferd nur mühsam aushalten könnte, die einen Menschen aber

vollkommen blödsinnig machen würden. Dann, bitte, beschwere dich! --

Der Kerl, der dich verhaftet hat, wird außer sich sein, daß er dich

belästigen mußte -- er wird den Tag seiner Geburt verfluchen, weil er

gezwungen war, dir Ungelegenheiten zu bereiten. Er wird lächeln und

sich verneigen, wenn du ihm so klar als möglich zu machen suchst, daß

diese Wirtschaft in seinem gottverlassenen Nippon eine riesengroße

Schweinerei sei und daß deinetwegen das ganze Inselreich in den Mond

gesprengt werden könnte ... Aber deine Wochen Haft hast du weg. Und

wenn du aus dem Hafen von Kobe abfährst, wirst du die Entdeckung

machen, daß sich mit dem letzten Boot, das dein Schiff verläßt, ein

Schatten von deinen Füßen gelöst hat, der eine verdammte Ähnlichkeit

mit einem Geheimpolizisten besitzt. Und höchstwahrscheinlich wird er

dich noch vom Boote aus verbindlich lächelnd grüßen ...«

»Ich hoffe, daß du eines schönen Tages Ursache haben wirst, unseren

augenblicklichen Gastgebern deine düsteren Vermutungen abzubitten,«

sagte Beate nicht sehr zuversichtlich.

»Das hoffe ich auch,« antwortete Gerhard Hoyermann. »Zur Sicherheit

möchte ich dich aber trotzdem bitten, geliebte Frau, nicht mehr

allein in dieser reizvollen Landschaft herumzufahren. Denn wenn

dir irgend etwas geschähe, so würde ich, beim Barte des Propheten!

nicht schüchtern sein in der Wahl meiner Mittel, um mir Genugtuung

zu verschaffen, und wenn ich den Minister des Äußeren eigenhändig

verprügeln müßte. Immerhin ist es besser, wenn das nicht notwendig

wird.«

»Vielleicht schonst du dein Organ ein bißchen,« meinte Beate. »Es

könnte ja möglicherweise geschehen, daß irgendwo und irgendwann eine

Prügelei zwischen Gott weiß wem ausbricht; nachher bist du's gewesen.

Außerdem fahre ich nicht mehr allein. Ich bin gar nicht versessen

darauf, eine politisch verdächtige Persönlichkeit zu werden. Der Ruhm,

deine Frau zu sein, genügt meinem Ehrgeiz durchaus.«

»Gott segne diesen Standpunkt!« sagte Gerhard Hoyermann. »Er gibt

mir meine gute Laune wieder. Und wenn du nichts dagegen hast,

lassen wir Akira und Mosaku ein Wettrennen veranstalten, wer uns am

schnellsten nach dem nächsten Theater fährt! Ich habe Sehnsucht danach,

drachenmäulige Teufel, verhexte Katzen und waffenklirrende Samurais zu

sehen. Vorwärts, Frau Beate!«

Als sie am Tempel der Göttin »mit den schönen Augen« vorübergingen,

sahen sie einen Betenden vor dem goldschimmernden Standbild der milden

Göttin Kwan-on.

Er lag auf den Knien und hatte das Gesicht zwischen die flachen Hände

auf den Sockel der Statue gelegt.

Das Antlitz der Göttin hing über ihm, von der Gloriole des runden

Mondes umgeben. Der feierliche Frieden derer, die nichts wünschen,

leuchtete auf ihrer Stirn.

»War der Mensch schon hier, als du kamst?« fragte Gerhard unterdrückten

Tones, während sie durch den Fichtenhain nach der Steintreppe gingen.

»Nein. Wenigstens habe ich ihn nicht bemerkt.«

»Eine verwünscht günstige Stellung, um sein Gesicht nicht sehen zu

lassen,« murmelte Gerhard Hoyermann, indem er rückwärts schaute.

»Hältst du den Mann für den Minister des Äußeren?« fragte Beate und zog

ihn hinter sich drein.

»Man kann nie wissen, was ein Japaner im Nebenberuf ist,« antwortete

ihr Mann. »Und du wirst mir schon erlauben müssen, meine hochgemute

Löwin, daß ich meine Augen schön fleißig spazierenführe.«

Beate blieb stehen, am Fuß der Treppe, die auf den Vorhof mündete.

»Bis jetzt haben wir gescherzt --« meinte sie.

»Ich nicht, Beate ...«

»Du glaubst, daß man uns aus ernsthaften Beweggründen -- beobachtet --?«

»Ich bin überzeugt davon.«

Beate zog die Lippen zwischen die Zähne.

»Und was gedenkst du zu tun?« fragte sie dann und sah zu ihrem Manne

auf.

Gerhard Hoyermann lächelte und zog den Arm seiner Frau an sich.

»Zunächst fahren wir ins Theater, liebste Frau, und freuen uns an dem

Japan, das nicht mehr ist. Und dann -- vielleicht -- werden wir im

›Garten des Freundes‹ Kriegsrat halten ... mit Tystendal, wenn ich ihn

auftreiben kann. Das ist, außer uns beiden, der vernünftigste Mensch,

den ich kenne, und seine hellen Schwedenaugen können uns von großem

Nutzen sein.«

Beate fragte nicht weiter. Sie nahmen in ihren Jinrikishas Platz und

hatten es nicht nötig, die Kulis zur Eile anzutreiben. Akira und Mosaku

liefen wie die Irrsinnigen, versuchten beständig sich zu überholen und

knirschten einander mit freundlich grinsenden Zähnen an, wenn sie Seite

an Seite trabten.

Trotz ihrer Eile erreichten sie die Stadt nicht vor der Dämmerung.

Beate sah zum Himmel empor, dessen merkwürdige Beleuchtung ihr auffiel.

Er war nicht blau, sondern gelb. Sie hatte Färbungen der Luft wie diese

nur noch in der ägyptischen Wüste gesehen, ehe der Khamsin ausbrach.

Die Sonne, die hinter den Inseln ins Meer sank, schien durch den

rötlichgelben Dunst einem grausigen Schicksal entgegenzuwirbeln. Als

sie verschwunden war, wurde der Himmel braun.

Vielleicht, daß ein Gewitter kommt, dachte Beate. Und sie erinnerte

sich der afrikanischen Gewitter, die keinen Donner und keine Blitze

kannten, sondern ein vom Himmel niederstürzendes Wassermeer waren, das

in Flammen stand und brüllte.

Sie kannte die Tage und Nächte Japans nur, wenn sie lächelten, und

freute sich auf ihren Groll.

In den Straßen brannten die Laternen und hingen in der dunstigen Luft,

als schwebten sie frei darin -- ein lose gereihtes, tausendfaches

Geschmeide der Dunkelheit. Über das weiße Papier krochen die

tausendjährigen chinesischen Schriftzeichen, samtschwarz und

verwirrend.

Vor den Theatern, die eine ganze Straße für sich in Anspruch nahmen,

glühten die Laternen rot.

Beate und Gerhard verzichteten darauf, sich Shakespeares

»Sommernachtstraum« oder Goethes »Faust« in japanischer Ausgabe

anzusehen. Sie suchten das alte Japan mit seinen starrenden

Ritterrüstungen, seinen Fratzen und seinen Wundern.

Im Vorraum des Theaters, vor dem Akira und Mosaku einmütig innehielten,

standen Hunderte von kleinen und großen Holzsandalen. Die Fremden zogen

ihre Schuhe aus und fühlten die weichen Matten glatt und reinlich

unter ihren Sohlen. Ein uralter Japaner führte sie die Treppe hinauf

und schob die Rückwand eines kleinen Käfigs beiseite, mit einer tiefen

Verbeugung die verehrten Besucher einladend, darin Platz zu nehmen.

Gerhard und Beate kamen der Aufforderung nach mit dem Gefühl, in eine

Welt zu treten, die weiter von ihren Seelen entfernt lag, als Ostasien

von Westeuropa liegt. Aber sie kamen ohne Maßstab und wollten genießen.

Es schadete nichts, daß ihnen die rauhen und dumpfen Kehllaute der

japanischen Schauspieler unverständlich blieben. Was sie sahen, war

fremd; aber es wurde auch von dem schwarzen und goldenen Gürtel

umspannt, der alles, was Menschenblut in den Adern hat, umrundet.

Rechts und links der Bühne, in kleinen, versteckenden Bambushainen,

saßen die Musikanten, die einen Lärm vollführten, als wollten sie das

Jüngste Gericht herbeirufen. Ein Verbrechen war geschehen. Auf der

Bühne lag eine Frau in ihrem Blut, das träge aus ihrer durchschnittenen

Kehle sickerte. Und ihr Mörder entkam mit dem Schmuck der schönen

Tänzerin. Über den »Blumenweg« schlich er davon, der von der Bühne aus

über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Unbekannte führte.

Die Zuschauer murrten; sie waren unzufrieden damit, daß der Schuldige

entkam. Die Samisenen zirpten und schrillten wie hunderttausend

Zikaden. Die kleinen Trommeln bebten vor Entrüstung.

Beate, von der Unmittelbarkeit und Kraft dieser Darstellung und ihres

Eindrucks gleichermaßen gefangengenommen, suchte mit ihrer Linken

die Hand ihres Mannes. Sie spürte seinen Gegendruck und wollte sich

mit einer Frage an ihn wenden, als die Rückwand ihres kleinen Käfigs

abermals beiseitegeschoben wurde und ein Mann eintrat. Ein Europäer.

Es war der Schwede Tystendal.

»Guten Abend!« grüßte er gedämpft, beugte sich über Beates Hand und

drückte Gerhards Rechte.

Hoyermann betrachtete das Gesicht seines Freundes aufmerksam.

»Freut mich, daß wir uns hier treffen,« meinte er. »Ich möchte etwas

mit Ihnen besprechen und hatte die Absicht, Sie heute noch aufzusuchen.«

»Es ist kein Zufall, daß ich Sie hier finde,« antwortete Tystendal,

ohne Platz zu nehmen. »Ich war bei Ihnen auf der Insel und hörte,

daß Sie in die Stadt gefahren seien, entdeckte Ihre beiden famosen

Kampfhähne vor dieser Türe und kam herauf.«

»Wollten Sie uns nur einen freundnachbarlichen Besuch machen -- oder

kamen Sie aus besonderem Anlaß?« fragte Hoyermann.

»Aus einem erschütternden und schwerwiegenden Anlaß,« sagte der

Schwede. »Sie wissen noch nichts davon, sonst wären Sie wohl nicht hier

... Der österreichische Thronfolger und seine Gemahlin sind in Bosnien

von serbischen Anarchisten ermordet worden ...«

»Herrgott --!« sagte Gerhard Hoyermann fast laut. Beate brachte keinen

Ton über die Lippen. Sie war so weiß im Gesicht, daß es aussah, als

müsse sie ohnmächtig werden. Eine Minute lang machte keiner der drei

Menschen eine Bewegung.

Dann stand Gerhard Hoyermann auf und packte Beate bei der Hand.

»Komm!« sagte er und ging hinter Tystendal aus der Loge.

Auf dem Wege nach der Insel konnten sie nicht miteinander sprechen.

Aber ihre Gedanken gingen die gleichen Wege.

Beate fühlte, ohne sich Rechenschaft über die Ursache geben zu können,

daß hinter dieser Botschaft und der Art, wie Tystendal sie ihnen

überbracht, mehr verborgen lag als die einfach menschliche Teilnahme an

einem Unglück, das zwei Menschen und deren Angehörige getroffen, mehr

als der natürliche Abscheu gegen ein Verbrechen, dessen Beweggrund in

Fanatismus wurzelte.

Zum ersten Male, seit sie Europa verlassen, spürte sie die ungeheure

räumliche Entfernung von der Heimat als etwas Beklemmendes.

»Wir wollen nach Hause,« dachte sie. Und sie sprach es auch aus, als

sie neben ihrem Manne im Boot saß und zur Insel hinüberfuhr.

»Es ist sehr möglich, daß Sie die Heimreise beschleunigen müssen,«

sagte Tystendal.

Beate sah den beiden Männern ins Gesicht. Sie waren sehr ernst, und

um Gerhard Hoyermanns Mund lag jener Zug der Entschlossenheit, um

dessentwillen der Gouverneur von Ostafrika große Pläne mit ihm hatte.

»Glauben Sie,« fragte Beate, während sie nach dem Hause schritten, »daß

dieser gräßliche Mord -- weittragende Folgen haben kann --?«

»Wenn er aus dem Fanatismus anarchistischer Mordbuben entsprang --

nein,« antwortete der Schwede. »Wenn er erkauft wurde -- dann ja ...«

»Ich bin überzeugt davon, daß er gekauft und sehr gut bezahlt worden

ist,« meinte Gerhard Hoyermann.

»Ich auch,« sagte Tystendal.

»Gekauft -- von wem?« fragte Beate mit einem plötzlichen Kältegefühl im

Rücken.

Gerhard Hoyermann zuckte die Achseln.

»Suche, wem das Verbrechen nützt -- ist ein alter juristischer

Weisheitsspruch,« sagte er.

Beate fragte nicht weiter.

Sie betrat ihr Haus, an dessen japanischer Einfachheit und schöner

Echtheit sie sonst so herzliche Freude gehabt, plötzlich nur mit

dem Eindruck, in einem fremden Lande zu sein -- in einem Lande, das

seine Häuser aus Papier baute, das fremde Götter hatte und eine ihr

unverständliche Sprache mit noch unverständlicheren Schriftzeichen. Sie

fühlte, daß sie ungerecht war, aber sie konnte es nicht ändern, daß sie

das zarte Lächeln der Dienerin Umè, die sich zum Gruß vor ihr auf den

Boden warf und ihn dreimal mit ihrer Stirn berührte, mit einem Gefühl

des Widerwillens empfand.

Sie entsann sich, daß dieses Mädchen vor kurzer Zeit seine Mutter

verloren hatte und die Meldung vom Tode dieser Mutter mit demselben

zarten Lächeln zu der Herrin brachte, mit der sie ihr den Tee zu

bringen pflegte.

Das war vielleicht heroisch. Es entsprang vielleicht sogar einer

Erziehung zur inneren Größe, erlittenen Verlust, noch schmerzenden

Kummer unter einem Lächeln zu verbergen, um niemand damit zur Last zu

fallen. Aber Beate dachte, daß der Aufschrei der ins Mark getroffenen

Seele menschlicher und darum wertvoller sei.

Als sie zu den beiden Herren zurückkehrte, fand sie ihren Mann in

seinem Zimmer auf und ab gehend, während Tystendal auf der Lehne des

Schaukelstuhles saß und rauchte. Sie waren in lebhaftestem Gespräch.

Beate winkte ihnen zu, sich nicht stören zu lassen, und setzte sich in

ihre Lieblingsecke, die ein wundervoller alter Kakemono schmückte.

»Was ich sagte, sind alles nur Vermutungen,« meinte Tystendal. »Sie

sind so lange von Europa fortgewesen, daß Sie fast die Fühlung mit

diesem nervösen Erdteil verloren haben. Es mag auch sein, daß man in

den Steppen und im Urwald den Sinn für Kleinarbeit verliert. Uns wird

er anerzogen, selbst gegen unseren Willen. Und ich bin zu sehr Schwede,

um nicht bei jedem Unrecht, das politisch geschieht, russische Hände im

Spiel zu vermuten.«

»Russische Hände vielleicht, aber kein russisches Geld,« sagte

Hoyermann.

»Es ist gleichgültig, wer das Geld gibt. Daß es gebraucht wurde -- und

wozu, scheint mir wichtiger zu sein.«

»Das ist es auch,« gab Hoyermann ohne weiteres zu. »Es liegt aber

auf der Hand, daß keine Bank der Welt etwas um Rußlands schöner

Augen willen tut. Und wenn wir glauben, daß Rußland den Mord am

österreichischen Thronfolger mit geborgtem Gelde bezahlte, dann dürfte

es eben sehr interessant sein, zu erfahren, welche Gegenleistung es als

Zinseszinsen versprach.«

»Truppen,« sagte Tystendal lakonisch.

»Wahrscheinlich ...«

Beate machte eine Bewegung. Christian Tystendal sah zu ihr hinüber und

schüttelte den Kopf mit seinem herzlichen blonden Lächeln.

»Seien Sie unbesorgt, gnädige Frau -- wenigstens vorläufig!« sagte er.

»Wenn Männer auf die Politik zu sprechen kommen, geraten sie meistens

in die Superlative. Auch Truppen sind ein Superlativ ...«

»Denken Sie an die Möglichkeit eines Krieges -- als Folge der Mordtat

in Bosnien?« fragte die Frau mit trockenen Lippen.

»Ich hoffe, daß ich zu schwarz sehe,« antwortete der Schwede. »Die

nächsten Tage werden es zeigen. Österreich wird selbstverständlich

Genugtuung fordern. Wird ihm die gewährt, so sind wir im Irrtum. Wird

sie verweigert, so wissen wir, woran wir sind.«

»Dann, meinen Sie, kommt es zum Kriege zwischen Österreich und Serbien.«

»Unweigerlich.«

»Das ist ja sinnlos,« sagte Beate. »Die serbische Regierung kann sich

und ihr Land doch nicht zum Selbstmord verurteilen, indem sie den Krieg

gegen ein Heer wie das österreichische wagt.«

»Seien Sie versichert, gnädige Frau, daß Serbien -- wenn es diesen

Krieg wagt -- weitgehende Garantien fremder Unterstützung besitzen

wird.«

»Und dann --?«

»Dann haben wir den europäischen Krieg.«

»Sie sind ein Pessimist, lieber Freund ...«

»Im allgemeinen ist das nicht mein Fehler.«

»Um so unheimlicher wirkt es jetzt ... Ich habe, offen gestanden, von

solchen Gesprächen genug für heute, wenn Sie nichts dagegen haben ...

Am Nachmittag erklärt mir mein Mann, daß er und ich unter polizeilicher

Bewachung stünden und durchaus nicht sicher davor wären, aus heiterem

Himmel in ein japanisches Untersuchungsgefängnis zu geraten ... Ein

paar Stunden später kommen Sie und verheißen uns den europäischen

Krieg. Das ist etwas viel auf einmal.«

»Vielleicht hängen diese beiden Umstände enger zusammen, als wir

ahnen,« bemerkte Gerhard Hoyermann, ohne seinen Weg zu unterbrechen.

Beate öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber sie kam nicht dazu,

auszusprechen, was sie auf der Zunge hatte.

»Was war das --?« fragte Tystendal und sprang auf.

Es war ein Ton über das Haus hingerollt, der einem Donner sehr ähnlich,

aber selbst keiner war. Das leichte Gebäude zitterte wie ein Kartenhaus

unter seinem Murren.

»Es klang fast -- wie ein Schuß,« stammelte Beate. Sie griff mit beiden

Händen nach der mildbrennenden Laterne, die neben ihr auf der Matte

stand, ein schimmerndes Viereck, mit Ideogrammen betuscht; sie tanzte

wie behext auf ihren zierlichen schwarzen Lackbeinen.

Gerhard Hoyermann sagte nichts. Er sprang nach der Wand, die das Haus

vom Garten abschloß, und schob sie zur Seite.

Drunten, an dem kleinen Teich, den ein künstlicher Wasserfall nährte,

liefen die beiden Mädchen Beates und die männliche Dienerschaft kopflos

durcheinander. Sie rannten nach dem Meere, wiesen zur Stadt hinüber ...

Über dem milden Hügel der Göttin mit den schönen Augen war der

Himmel kein Himmel mehr. Er hing über ihm und der Stadt gleich dem

aufgehobenen und weitgereckten, widerlich braunen Mantel der Hölle, die

aufgebrochen war und die Erde heimsuchte.

Dieser Mantel war ehern und ein kunstreiches Versteck grausiger Waffen.

Wenn seine Falten sich bewegten, klirrten sie, und die Erde zuckte vor

Entsetzen.

Eine Hand hatte sich aus der Tiefe gereckt und rüttelte an den

Grundfesten der Hügel, daß ihre Fichten durcheinandertaumelten wie

Kinderspielzeuge. Aus dem Innern der Erde klang das rasende Gebrüll

entfesselter Dämonen, die mit der Wucht ihrer anstürmenden Schultern

und Fäuste aus ihrem Kerker brechen wollten und die Klammern der Erde

lockerten. Und das entsetzte Meer wich von dem gerüttelten Eiland

zurück und wurde ihm wieder zugejagt, schäumte und wehrte sich, bäumte

sich auf und schrie ...

Herrgott -- wie konnte das geängstigte Meer schreien ... aufgellend und

röchelnd, im eigenen Geifer erstickt ...

Stoß auf Stoß erschütterte das Land und rieselte verebbend über die

Insel. Und die Menschen im »Garten des Freundes« sahen wie auf eine

Bühne hinüber und sahen das irre Umhertaumeln der wild geschleuderten

Laternen, die von der saugenden Dunkelheit verschlungen wurden und

wie fallende Sterne erloschen, sahen den zuckenden Todestanz einer

verdammten Stadt, deren Dächer, Hauswände und dünnes Gebälk um sich

schlugen wie Ertrinkende in der Flut.

Jetzt warf sich die braune Dunkelheit der Nacht mit ganzem Leibe über

die Verwüstung, um sie zu bedecken. Aber die Stunde wollte sehen, was

sie vollbracht hatte, und sie zündete sich eine Fackel an.

Aus der braunen Finsternis schlug eine Flamme auf -- stach spitz und

nadelscharf hervor wie ein hochgeschnellter Pfeil.

Und nun war es, als sickere aus der geborstenen und zerrütteten Erde

ein Bach aus Feuer, der sich ohne Eile, kurze Wellen als Kundschafter

ausschickend, seinen Weg über das Eiland suchte. Und er wuchs und

überschwemmte, was ihm im Lauf entgegenstand, mit einem ruhigen,

breiten Lohen. Er leistete ganze Arbeit; er ließ nichts übrig. Die

kleinen Kundschafterwellen kletterten vorsichtig über Bambus und

Papier, hielten sich nicht auf, wußten, daß die breite Lohe, die

hinter ihnen kam, wacker am Werke sein würde.

Es sah zierlich und unbegreiflich fürchterlich aus, wie das Feuer über

die Stadt hinspülte, ohne Widerstand zu finden.

Im Geishaviertel war der Brand ausgebrochen. Er machte die Straßen

nackt, hetzte die Menschen in durchsichtige Glut hinein, denn er hatte

fast keinen Rauch, war so heiter wie eine festliche Beleuchtung.

Und der grausige Eindruck des Heiteren in der Verwüstung wurde noch

erhöht durch das leisere Stoßen und Beben der Erde, das wirkte,

als würde die Brust eines riesigen Meerteufels, der aus den Wellen

aufgestiegen war und Narrheiten trieb, vom Lachen erschüttert.

Beate schrie laut auf und rannte ...

»Yuki --! Yuki --!!«

Lief schreiend über den schmalen Strand und ins Meer hinein, in das

ihre Dienerin bis zur Brust hineingewatet war -- packte das Mädchen an

den Schultern und schleppte sie zurück, schüttelte sie in schluchzendem

Zorn ...

»Hast du den Verstand verloren, Mädchen --?!«

Die kleine Yuki, die Schneeflocke vom Gipfel des Fujiyama, warf sich

vor ihrer Herrin auf die Knie, berührte die zitternde Erde mit der

Stirn, streckte die Hände aus, lächelte ... ja, bei allen Göttern! sie

lächelte mit ihrem verstörten Blumengesicht ...

O, die vielverehrte Gebieterin möge ihr verzeihen ... Ihr Vater, ihre

Mutter, ihre kleinen Schwestern und Brüder wohnten in der brennenden

Stadt ... Sie glaubte, sie schreien zu hören ... Sie hatte zu ihnen

laufen wollen, obgleich die Flut gekommen war und die Straße zu einem

kochenden See machte -- sie hatte ihnen helfen wollen ... Es war

sinnlos, natürlich ... Die Herrin möge ihr verzeihen und sich nicht um

den belanglosen Kummer einer kleinen Dienerin das Herz trüben lassen ...

Beate verstand nicht, was das Mädchen stammelte. Sie sah nur das zarte,

vom Grausen geschüttelte Weibgeschöpf, hörte die flatternden Worte

Vater und Mutter, erriet, was sie heißen sollten in dieser Stunde, und

sah das Mädchen lächeln. Sie ertrug das Lächeln nicht. Sie warf sich

auf dem weißen, vom Feuer rot übergossenen Sand in die Knie, wo das

Mädchen lag, und nahm den Wahnwitz seines Lächelns in ihre Arme, um ihn

zu ersticken.

Sie drückte Yukis Kopf an ihre Brust und hielt sie da fest -- fühlte

den Krampf der Angst, der den schmalen Kinderkörper stieß und lähmte,

hob ihn hoch auf ihren Schoß und bedeckte die Augen, die der Brand

gebeizt hatte, mit ihren Händen und ihrem Schluchzen ...

»Lächle nicht, Kind ... um Gottes -- um alles in der Welt -- um der

Barmherzigkeit willen ... lächle nicht --! Schreie --! Schlag um dich

--! Heule wie ein Tier -- aber lächle nicht, Yuki --! Nicht lächeln --!«

Yuki wollte gehorchen; sie mühte sich, die Sprache und die Wünsche der

fremden Frau zu begreifen und ihnen untertan zu sein. O, ihre Verehrung

für die Herrin war sehr groß ...

Aber sie war von Kindheit an gelehrt worden, daß es eine schlechte

Sitte und grobe Unhöflichkeit sei, Fremden ein anderes als ein heiteres

Gesicht zu zeigen und sie mit dem zu belästigen, was jedes Menschen

eigenstes Eigentum ist -- mit Kummer und letzter Not ...

Die Herrin war sehr gütig ... Yuki wollte ihr danken ... Sie hob den

Kopf -- lächelte ...

Die verzweifelten Tränen der fremden Frau fielen auf ihr Gesicht.

Gerhard Hoyermann und der Schwede mühten sich, die Boote ins Wasser

zu bringen. Das Meer tanzte wie verrückt zwischen den beiden Ufern.

Gerhard brüllte nach dem Diener.

Der Mensch kam, starrte seinem Herrn mit offenem Munde ins Gesicht.

Fahren -- hinüberfahren --? Wozu?

»Frag nicht, Mensch --! Greif zu --!« Gerhard zerbiß den kräftigsten

deutschen Fluch zwischen den Zähnen. Tystendal warf seine breiten

Schultern gegen das Boot. An seinen Schläfen sprangen die Adern wie

junge Nattern auf.

Der Diener gehorchte nicht. Er wies mit ausgereckter Hand vor sich hin.

Nun, was er zeigen wollte, war an sich schon beredt genug.

Von drüben, von dem Ufer der Verdammten, stießen Boote ab -- drei,

fünf, acht, ein Dutzend und mehr. Ihre flammenspitzen Segelzacken

wölbten sich, durchglüht von einem brausenden Rot, über den plumpen und

mürrischen Bootsleibern.

Das Meer machte sich einen Spaß mit ihnen.

Warum sollte das Meer feiern, wenn die Erde vom Lachen der

Unterirdischen bebte und Flammen spuckte vor Vergnügen ...

Der Wind, glutheiß vom Spiel des großen Brandes, tollte blind in die

Segel hinein.

Er pfiff, zum Teufel, daß es die Ohren zerschnitt ...

O -- warum verloren die Menschen den Kopf, wenn sie ihn am nötigsten

brauchten? Krachend schleuderten die ersten beiden Boote sich

gegeneinander, wirbelten wie betrunken um sich selbst -- da, das eine

hatte zu tiefen Schluck genommen ... Das breite Segel klatschte aufs

Wasser, versetzte dem Meer eine fürchterliche Ohrfeige ... O, ich will

dich wohl unterkriegen -- eine Welle, die sich rasend reckte -- hach --!

So, nun war es verschwunden ... Menschenköpfe trieben auf der

langanrollenden Flut. Hände griffen ins Leere ...

Und die Flut, so weit das Auge sehen konnte, war bedeckt mit wahnsinnig

tanzenden, hüpfenden, sich fortschnellenden Rotlichtern -- bis auf den

Grund erleuchtet und durchzuckt.

»Herrgott, wir müssen doch helfen --!« schrie Gerhard Hoyermann in Wut

und Ratlosigkeit.

Tystendal zuckte die Achseln. Er schüttelte den Kopf und schlug mit der

Faust gegen das Boot, das träge im Sande lag.

»Es nützt nichts,« sagte er. »Wir können nicht helfen ... Es ist das

Land und sein Schicksal. Erdbeben und Feuer und der Sturm ... Jedes

Jahr fressen sie ganze Städte hinunter -- Städte aus Brettchen und

Papier ... Aber sie bauen sie immer wieder -- aus Brettchen und Papier

... Man muß sie lassen ...«

Hoyermann entgegnete nichts. Er stand, ohne sich zu rühren, und starrte

nach dem Brande hinüber. Beate hatte die Hände um Yukis Kopf gefaltet

und flüsterte törichte, kleine Wortfetzen auf das Mädchen hinunter,

während sie das grausige Schauspiel vor sich mehr fühlte als sah.

Durch den dünnen Vorhang des Feuers konnte sie die Menschen erkennen,

die sich aus der Brandhöhle hinaufretteten zum Hügel über der Stadt.

Da oben stand das wundervolle Bild der Göttin Kwan-on -- der ewigen

Barmherzigkeit. Es stand feierlich und tief gelassen in Stein und Gold,

mit dem ruhigen Monde um das freundliche Haupt ...

Warum hilfst du ihnen nicht? dachte Beate stumpf.

Die Fichten des Hügels waren durcheinandergetaumelt beim ersten Stoß.

Und immer noch bebte die Erde. Vielleicht war das Bild der Göttin

niedergestürzt und lag ohnmächtig zerschellt in seinem zerrütteten

Tempel ...

Nach hundert Tagen würden die Menschen ihr ein neues Standbild

aufgerichtet haben. Denn sie liebten sie, die Göttin mit den schönen

Augen.

Was konnte sie dafür, daß die Dämonen der Unterwelt Herren der Stunde

gewesen waren ... Sie hatte gewiß getan, was sie konnte, Kwan-on, die

Liebliche ...

Auch wenn zu ihren Füßen, unter die sich die Drachen schmiegten, eine

Stadt in Flammen aufging ...

Das Feuer war satt geworden. Es hatte seinen Fraß gierig

hinuntergeschluckt und leckte nur noch mit langer Zunge da und dort

um eine halbverzehrte Beute. Die Glut wurde dunkler und dunkler, zu

bläulichem Rot. Funken stoben, wo ein Pfahl zerbarst. Der Himmel, der

nichts mehr zum Gaffen hatte, zog sich hoch über die Hügel zurück,

wurde kühl und gleichgültig blau -- kümmerte sich um sich selbst und

prunkte in Sternen. Der Himmel und die Sterne schienen unendlich weit

weg zu sein.

Mit ganz erstarrten Gliedern raffte Beate sich auf und taumelte. Yuki

lag ihr zu Füßen, die Stirn am Boden. Sie wollte sich bücken, um

sie aufzuheben; aber in einer plötzlichen Trägheit des Entschlusses

wie ihrer Glieder blieb sie mit hängenden Armen stehen. Der Nacken

schmerzte sie. Sie war müde zum Umfallen. Mit einem dumpfen Blick sah

sie zu ihrem Manne auf. Ihr Kinn zitterte.

»Komm, Kind,« sagte er.

Sie gingen ins Haus. Tystendal folgte ihnen. Wie ein Schatten glitt die

kleine Dienerin an ihnen vorbei. Auf ihrem hilflosen, matten Gesicht

lag die Beschämung darüber, daß sie vergessen hatte, nach dem Essen zu

sehen. Sie war sehr nachlässig gewesen -- die Herrin möge verzeihen ...

Beate schüttelte geistesabwesend den Kopf ... ja, ja -- natürlich ...

Sie ging selbst nach der Küche; sie hatte einen Gast.

Ihre japanische Jungfer -- das Mädchen, dessen Lächeln sie heute so

peinigend empfunden hatte -- stand plötzlich neben ihr und glitt auf

den Boden ...

Die Herrin hatte vergessen, die Schuhe auszuziehen.

»Wie du willst, Umè ...«

Umè lag noch auf den Knien, als Gerhard Hoyermann in die kleine Küche

trat.

»Was ist --?« fragte Beate, aufgeschreckt durch den Ausdruck seines

Gesichts.

»Nichts weiter,« antwortete ihr Mann. »Es hat jemand meinen Koffer

erbrochen und meine sämtlichen Papiere durchstöbert. Gestohlen wurde

nichts ... immerhin -- das Leben in Japan und auf unserer Insel fängt

an, interessant zu werden ...«

2

Es regnete.

Aus tiefhängenden und zerfetzten Wolken, die so ermattet aussahen,

als kämen sie von sehr weit her, fiel der Regen -- unzählig dünnen,

schrägen Strichen gleichend -- über das Land und die zerbrannte Stadt

und über das Meer, von dessen Glätte die Tropfen abprallten wie von

einem gläsernen Spiegel, aufhüpften und zergingen.

Der »Garten des Freundes« duckte sich gleichsam im Regen zusammen und

verschwand zwischen Wasser und Wasser, die dritte und dunkelste Tönung

von Grau zwischen Meer und Himmel bildend.

Seit der Nacht des Erdbebens und des Brandes waren drei Wochen

vergangen; seit acht Tagen wartete Gerhard Hoyermann auf das Schiff,

das ihn und seine Frau zum Hafen mitnehmen sollte, in dem der

Europadampfer einlief.

Der Dampfer kam nicht.

Gerhard Hoyermann hatte sich zur Bucht hinüberrudern lassen, in der

das Schiff anzulegen pflegte. Er hatte jeden Menschen, dessen er

habhaft werden konnte, beim Kragen genommen und eine Auskunft von ihm

gefordert, wann, zum Kreuzmillionendonnerwetter! der Dampfer kommen

würde.

Sein Fluchen wurde nicht begriffen; und der Dampfer würde morgen kommen

-- o ganz bestimmt, morgen!

Dieses Morgen war unsterblich und unerreichbar -- wurde nie zum Heute.

Und sie wollten fort -- so rasch als irgend möglich. Sie hatten genug

von Ostasien, bei Gott! Drüben im alten Europa umgraute sich der

Himmel, wie es schien. Es knurrte in den Wolken, noch nicht eben laut,

aber doch vernehmbar. Wenn das Donnerwetter hereinbrach, mußten sie

dabei sein, das war ausgemacht.

Und nun waren sie festgelegt, weil sie auf einen Dampfer angewiesen

waren, der immer erst morgen kommen würde ...

Gerhard Hoyermann fluchte gottslästerlich. Und es war mehr als Ungeduld

in seinem Fluchen. Es stak ein ganz seiner selbst bewußter Ernst

dahinter. Wenn er auch Beate nichts davon merken ließ.

Tystendal war kein Schwätzer. Auch kein Schwarzseher -- nein. Es war

immer ratsam, seine Worte, wenn sie ernsthaft klangen, auch so zu

nehmen. Hoyermann war sehr geneigt, das zu tun und sich danach zu

richten. Auch Tystendal wollte nach Schweden zurückkehren.

»Ich glaube,« hatte er gemeint, »daß unser kleines Europa in der

nächsten Zeit bedeutend interessanter sein wird als alle buddhistischen

Tempel, Teehäuser und Schwerttänzer -- interessanter als ganz Asien

zusammengenommen.«

Hoyermann hatte ihm nicht widersprochen.

Aber es war, wie es schien, nicht ganz einfach, von Asien loszukommen.

Mißmutig ließ Gerhard Hoyermann die Bucht, in der er sich nach der

Ankunft des Dampfers erkundigt hatte, im Rücken. Das »Morgen, Herr!«

des Narren, der ihn täglich mit einem strahlenderen Gesicht empfing, um

von morgen zu schwatzen, war ihm ein Klotz im Wege. Er mußte über ihn

weg, es half nichts.

Als er nach der Straße einbog, die durch das abgebrannte Häusergewirr

sich gleichsam krummgezogen von der Hitze mit neuen und sinnlosen Ecken

wand, schritt ein Mann neben ihm her, doch immer so, daß drei Schritte

Wegs zwischen ihnen blieben. Der Mann trug einen Strohmantel, wie ihn

die Japaner zum Schutz gegen den Regen tragen, hatte den flachen Hut

sehr tief gezogen und stelzte auf unsagbar schmutzigen Beinen und

klappernden Holzsandalen halb trabend durch den Schlamm der Straße.

Gerhard Hoyermann achtete nicht auf den Menschen, bis dieser, die

Straße kreuzend, an ihm vorüberglitt und in gutem, sehr verständlichem

Deutsch vor sich hinsprach: »Bitte, beachten Sie mich scheinbar nicht.

Geben Sie mir keine Antwort und machen Sie keine Bewegung, die verraten

könnte, daß ich zu Ihnen rede ...«

Die Jagd auf Leoparden und Elefanten hatte Gerhard Hoyermann gegen

Überraschungen abgehärtet; er rührte keine Muskel im Gesicht, ging

gleichgültig weiter.

Der Fremde, der mit tiefgeneigtem Kopf gegen den schrägen Regen

anlief, blieb immer in der gleichen Entfernung von ihm, sprang auf

seinen fausthohen Stelzen unter den schmutzverkrusteten Beinen über

Lachen, verkohltes Bambusgestänge und gestürzte Telegraphenstangen.

Das asiatische Feuer hatte vor Europa und Amerika nicht haltgemacht.

Verwirrt und geängstigt krochen die zerglühten Drähte übereinander.

»Ich bitte Sie,« fuhr der Fremde fort, »mich in zwei Stunden bei Ihnen

zu erwarten. Ich werde pünktlich sein. Es handelt sich um Dinge von

höchster Wichtigkeit ... Guten Abend ...«

Gerhard Hoyermann sah aus verschleierten Augenwinkeln, wie der

Strohmantel neben ihm abermals die Straße kreuzte und dann mit einem

wunderlich hüpfenden Gang, wie Stelzvögel mit gestutzten Flügeln ihn

haben, in der nächsten Gasse verschwand. Er hütete sich, den Kopf zu

wenden, um ihm nachzusehen. Er hatte bereits genug in diesem Lande

erlebt, um neugierig auf das Weitere zu sein; das wollte er sich nicht

durch vorzeitige Forschungen verscherzen.

»Dieser Strohigel«, dachte er, während er sich zur Insel hinüberrudern

ließ, »sprach ein wunderbar farbechtes Brandenburger Deutsch. Er hat in

mir den Landsmann erkannt und spielt ein wenig den Geheimnisvollen, um

mich mit desto mehr Aussicht auf Erfolg anzupumpen. Wenn der Bursche

gut spielt, werde ich ihm alles japanische Kleingeld, das ich noch

besitze, mit Genugtuung überlassen. Ich will froh sein, wenn ich's

nicht mehr nötig habe. Sela!«

»Löwin,« sagte er zu seiner Frau, nachdem er, wie gewöhnlich, im

Bestreben, das Zimmer auf europäische Art zu öffnen, das ganze Haus an

den Rand des Verderbens gebracht hatte, »was hältst du von Japanern,

die Deutsch sprechen -- das Deutsch der Gegend, in der der liebe Gott

den Streusand aufbewahrt, -- dich beschwören, so zu tun, als wüßtest du

von nichts etwas, und sich im übrigen für zwei Stunden später bei dir

anmelden?«

Beate, die ihren Mann vom Garten aus hatte heimfahren sehen und schon

aus seinem grimmigen Gesicht erriet, daß der Dampfer wieder einmal für

morgen verkündigt worden war, packte zum achten Male seit einer Woche

ihren Handkoffer aus und sah, auf den Knien liegend, zu Gerhard auf.

Ein Blick des Hausherrn fegte Yuki und Umè aus dem Zimmer. Auf weißen

Socken trippelnd glitten sie hinaus; doch versäumten sie nicht, sich

auf der Schwelle zu Boden zu werfen und mit der Stirn die Matte zu

berühren. Wenn der Gebieter unhöflich und barbarisch war, so konnte sie

das noch längst nicht veranlassen, es auch zu sein.

»Soll deine Frage ein Preisrätsel darstellen?« fragte Beate dagegen.

»Das kommt darauf an. Vielleicht ist es wirklich ganz lohnend, ihrer

Lösung nachzuspüren. Jedenfalls möchte ich dich bitten, deine hübschen

Lauscher etwas hochzustellen, wenn der Kerl tatsächlich kommen sollte.

Und ich wüßte wahrhaftig nicht, warum er sonst so geheimnisvoll getan

hat.«

Beate sah vor sich hin.

»Willst du nicht Tystendal benachrichtigen?« fragte sie.

»Warum?«

»Falls der Mensch unheimlich wird ...«

»I Gott bewahre! Ein Mensch ohne übertriebenes Reinlichkeitsbedürfnis;

das dürfte aber auch das einzige sein, worin er unangenehm werden

könnte. Möglich, daß er die Gewohnheit hat, ins Zimmer zu spucken. Im

übrigen hat er's wahrscheinlich nur auf meinen Geldbeutel abgesehen.

Sollte aber mehr hinter der Geschichte stecken, dann sind wir beide

Manns genug, mit ihr fertig zu werden -- was, Beate?«

»Gott sei Dank!« sagte Frau Beate.

»Übrigens kannst du deine Koffer gleich wieder packen, Löwin. Wir

reisen morgen auf jeden Fall. Wenn der verfluchte Dampfer wieder

ausbleibt -- worauf ich völlig vorbereitet bin --, dann pfeifen wir auf

ihn und rudern oder segeln mit unserem Drachen los. Das Wetter klärt

sich auf. Ich habe die Warterei satt. Teils zu Wasser, teils zu Lande

werden wir schon dahin kommen, wohin wir wollen; jedenfalls brauchen

wir kaum mehr Zeit dazu, als wenn wir hier noch vierzehn Tage auf den

Dampfer warten, der nie kommt. Einverstanden?«

»Vollkommen.«

»Schön. Dann überlasse ich dich jetzt deinem Schicksal und deinen

beiden pechäugigen Schneegänsen. Du hörst es ja, wenn jemand kommt,

und kannst dich danach richten. Bin neugierig, ob der Strohigel

pünktlich ist!« --

Der Strohigel war pünktlich. Ein paar Minuten vor der angegebenen Zeit

trat Takejiro, Hoyermanns persönlicher Diener, in das Zimmer seines

Herrn und meldete mit einer Stimme, die von Feierlichkeit überströmte,

daß ein fremder Mann den Hochgeehrten zu sprechen wünsche.

»Hat er seinen Namen genannt?«

Nein, das hatte der Fremde nicht getan. Er hatte gesagt, der

Hochgeehrte wisse Bescheid ...

»Führe den Mann herein, Takejiro!«

Der Diener nahm diesen Auftrag entgegen, als wäre ihm befohlen worden,

den Einzug einer Gottheit auf passende Art zu regeln. Er zog sich

zurück, und eine Minute später glitten die Wände des Zimmers vor dem

Fremden auseinander.

Die beiden Männer standen sich gegenüber.

Gerhard Hoyermann betrachtete seinen Gast etwas unsicher. Der Strohigel

hatte sich verwandelt. Der japanische Mummenschanz war von ihm

abgefallen; nach seinem sonstigen Äußeren zu schließen, hatte er ein

Vollbad genommen und stellte sich in einer fast etwas zu tadellosen

europäischen Ausgabe als ein kleiner, schlanker und sehniger Mensch

vor, mit sehr schwarzem, unnötig langem Haar, sorgfältig rasiert und

mit einem ausgezeichneten Gebiß. Seine Hände waren Bastlerhände,

unschön, aber willenskräftig. Sie hatten die Angewohnheit, auf

Gegenständen, die sie berührten, sehr lange liegenzubleiben. Sie sogen

sie gleichsam in sich auf, als hätten sie die Absicht, das Gefühlte

nötigenfalls auch im Dunkeln wiederzuerkennen.

Der Fremde verneigte sich; er lächelte nicht. Seine dunklen,

zufassenden Augen glitten durch das Zimmer.

»Mit wem habe ich das Vergnügen?« fragte Gerhard Hoyermann mit einer

gewissen Unbeirrtheit.

Der Fremde sah ihn an.

»Ich habe mich auf eine sehr ungewöhnliche Weise bei Ihnen eingeführt,«

meinte er, ernst wie zuvor. »Sie würden mir einen besonderen Gefallen

erweisen, wenn Sie mir erlaubten, bei der Methode zu beharren. Ich

bin leider -- gewissermaßen -- gezwungen dazu. Wenn ich Ihnen sagte,

daß ich Schmidt oder Lehmann hieße, so würden Sie mir wahrscheinlich

nicht glauben und darum geneigt sein, auch meine übrigen Behauptungen

in Zweifel zu ziehen. Es liegt mir aber sehr viel daran, bei Ihnen

Glauben zu finden. Also lassen wir den Namen beiseite. Das hat für Sie

wie für mich den Vorteil, daß Sie gegebenenfalls, wenn Sie nach mir

gefragt werden, seelenruhig einen Eid darauf ablegen können, mit einem

Menschen meines Namens niemals gesprochen zu haben.«

»Könnte ein Gespräch mit Ihnen unter Umständen belastend werden?«

fragte Gerhard Hoyermann und stand noch immer.

»Allerdings,« antwortete der Fremde.

Gerhard Hoyermann schmunzelte.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz!« sagte er und wies auf einen der

amerikanischen Schaukelstühle, die zwar die Echtheit der japanischen

Zimmer mordeten, aber für die europäische Art des Sitzens unerläßlich

waren.

Der Fremde setzte sich.

»Ihre Frau Gemahlin befindet sich im Nebenzimmer,« stellte er in

verbindlichem Tone fest.

»Stört Sie das?« fragte Gerhard Hoyermann gelassen.

»Durchaus nicht -- im Gegenteil. Da Sie Ihrer Frau Gemahlin den Inhalt

unseres Gesprächs doch mitteilen würden ...«

»Unbedingt.«

»... so ist es sicherlich einfacher für Sie, wenn sie ihn unmittelbar

aus erster Hand erfährt.«

»Falls sich das Zuhören lohnt?«

»Jetzt sage ~ich~: Unbedingt!«

»Sie haben uns also interessante Mitteilungen zu machen?«

»Sehr interessante ...«

»Bitte,« sagte Gerhard Hoyermann mit einer Handbewegung. Er hatte die

Backenmuskeln ein wenig gesenkt und die Oberlippe zwischen die Zähne

gezogen. Seine vollkommen ruhigen blauen Augen schlossen den Fremden

ein, der sich ihnen nicht entzog.

»Ich nehme an, daß Sie mich für eine Art von Hochstapler halten,«

begann der Fremde.

»Nein,« entgegnete Hoyermann. »Vor zwei Stunden glaubte ich allerdings,

daß es sich -- um eine Geldangelegenheit handeln würde. Das scheint

aber nicht der Fall zu sein ...«

»Keineswegs. Ich werde von meinen Auftraggebern zu meiner vollen

Zufriedenheit bezahlt und bin außerdem nicht davon abhängig -- mehr

Liebhaber in meinem Beruf. Die Bitte, mit der ich zu Ihnen komme --

denn es handelt sich in der Tat um eine Bitte --, bezieht sich auf

Ihren Aufenthalt in Japan ...«

»Der sich nur noch auf Tage erstrecken wird; wir stehen im Begriff,

abzureisen.«

»Ich weiß, daß Sie die Absicht haben,« meinte der Fremde mit einem

leisen Zucken seiner Augendeckel. »Sie erkundigen sich seit acht Tagen

regelmäßig nach der Ankunft des Dampfers, mit dem Sie reisen wollen.

Seien Sie versichert, daß dieser Dampfer innerhalb der nächsten

vierzehn Tage nicht kommen wird -- nicht bis zur völligen Klärung der

europäischen Lage.«

»Das wird mich sehr kühl lassen,« sagte Gerhard Hoyermann. »Meine Frau

hat bereits die Koffer gepackt, die wir morgen im Segelboot verstauen

werden. Wir fahren nicht um die Inseln herum, sondern wir überqueren

sie. Die Eisenbahnen und Jinrikishas werden wohl noch in Tätigkeit

sein, wo wir zu fahren wünschen. Einsperren wird man uns ja wohl nicht

so ohne weiteres, solange es ein deutsches Konsulat in Tokio gibt --

wie?«

»Nein, einsperren würde man Sie nicht,« sagte der Fremde etwas zögernd.

»Im Gegenteil -- man würde Sie ein wenig spazierenfahren. Japan

ist nicht allzu groß, aber immerhin geräumig genug, daß man einen

Landfremden durch sämtliche Provinzen reisen lassen könnte -- jeden Tag

in einer anderen --, bis der Dampfer, mit dem er nach Europa fahren

wollte, hundert Meilen vom Hafen ist.«

»Man wünscht also, deutsch gesagt, meine Rückkehr nach Europa zu

hintertreiben?«

»Ja.«

»Wer ist dieses ›Man‹?«

»Als höchste Instanz -- die japanische Regierung.«

Gerhard Hoyermann stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen.

Der Fremde saß still, in seinen Stuhl zurückgelehnt; er betrachtete

seine Fingerspitzen.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« begann Hoyermann nach einer Weile und

blieb stehen. »Vor vierzehn Tagen hätte ich wahrscheinlich geglaubt,

Sie seien ganz einfach ein Gespensterseher oder ein Betrüger, der den

Versuch machte, für eine Warnung vor nicht bestehenden Gefahren eine

Belohnung zu erpressen ... Aber ich habe in der Zwischenzeit allerhand

erlebt, was mir Ihre Reden sehr glaubhaft erscheinen läßt ...«

»Ich weiß,« warf der Fremde ein. »Man hat in der Brandnacht Ihre Koffer

erbrochen und Ihre Papiere untersucht ...«

»Woher wissen Sie das -- Herr?«

»Sie sprechen manchmal etwas zu laut -- für japanische Verhältnisse,«

sagte der Fremde freundlich. »Und Sie haben aus Ihrer Entrüstung über

den Vorfall durchaus kein Hehl gemacht, als Sie sich mit Ihrem Freunde

Tystendal in dessen Wohnung darüber unterhielten. Übrigens hatte

ich etwas Ähnliches erwartet, denn ich wußte, daß Sie keinen Brief

erhalten, der nicht zuvor von der japanischen Geheimpolizei unbemerkt

geöffnet wurde ... Das war auch der Grund, warum ich Ihnen nicht

schreiben durfte, sondern gezwungen war, mich Ihnen auf der Straße zu

nähern ...«

Gerhard Hoyermann stand vor dem kleinen Fremden und blickte auf

ihn hinunter. Sein Gesicht verlor allmählich das, was Beate den

Ferienfahrplan nannte: die unbekümmerten und fröhlichen Züge, die ins

Grünblaue der Welt gehen. Es sammelte sich und verschloß sich mit

plötzlich harten Lippen, und seine Pupillen zogen sich zusammen, als

fiele ein jähes Licht in sie hinein.

»Ich weiß, was Sie denken,« meinte der Fremde. »Sie sind ebenso

verwundert wie empört ... Wenn Sie länger in Japan lebten -- jahrelang,

wie nun ich --, dann würden Sie weder das eine noch das andere mehr

sein. Die japanische Polizei ist in der Hand eines geschickten Mannes

das wunderbarste Instrument, das man sich denken kann. Es hat immer

den rechten Ton, versagt niemals und hat das vollkommene Taktgefühl

einer gutgeschmierten Maschine. Ich bin fest davon überzeugt, daß

Sie vom ersten Tage Ihres japanischen Aufenthalts an keinen einzigen

unbewachten Schritt getan haben.«

»Zu diesem Zweck --« begann Hoyermann, unterbrach sich aber sofort mit

der Frage: »Glauben Sie, daß meine Dienerschaft bei der Durchsuchung

meiner Koffer beteiligt war?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Ich werde die Kerle heute noch hinauswerfen ...« murmelte Hoyermann.

Der Fremde schüttelte den Kopf.

»Tun Sie das nicht. Sie wechseln nur die Namen -- weiter nichts.

Wenn Sie sich zwanzig Diener vorstellen ließen und alle wieder

wegschickten, um den einundzwanzigsten zu nehmen, so würde eben dieser

Einundzwanzigste derjenige sein, der im voraus für Sie bestimmt war. Es

ist eine bewunderungswürdige Organisation.«

»Sie werden entschuldigen,« sagte Hoyermann, »wenn ich augenblicklich

zu sehr Partei bin, um für diese bewunderungswürdige Organisation

die nötige Objektivität zu besitzen. Ich bin der harmloseste

Mitteleuropäer, den sich die japanische Regierung wünschen kann, und

will meinerseits in Ruhe gelassen werden.«

»Ihre Harmlosigkeit ist es eben, die man bezweifelt.«

»Und warum, zum Teufel hinein --?!«

»Sie waren deutscher Offizier ...«

»Ich war in der Schutztruppe.«

»Zuletzt -- ja. Vor sechs Jahren waren Sie noch Oberleutnant im

preußischen Heer, traten dann zur Schutztruppe über und sind

schließlich auch aus dieser ausgetreten ...«

»Allerdings. Ist das in japanischen Augen ein Verbrechen?«

»An sich -- nein. Aber wenn ein ehemaliger Oberleutnant Seiner Majestät

des Deutschen Kaisers plötzlich als Privatmann in Japan auftaucht,

dann erinnert man sich hier an die Gepflogenheit, daß Offiziere, die

in irgendeinem fremden Lande besondere Studien treiben wollen, aus dem

Heere ausscheiden, um -- wenn ihre Studien allzu eingehend befunden und

unter richterliche Beleuchtung gezogen werden -- ihre Regierung nicht

zu kompromittieren ...«

»Ah --!« machte Gerhard Hoyermann. »Man glaubt, ich sei ein Spion ...«

»Ja.«

»Zu solchen -- Ausflügen pflegt man im allgemeinen seine Frau nicht

mitzunehmen ...«

»Warum nicht? Um so harmloser wirken sie.«

»Pfui Deibel!« sagte Gerhard Hoyermann.

Der Fremde hob die Schultern.

»Sie kennen dieses Volk nicht,« meinte er. »Man wollte neulich Ihre

Papiere durchsuchen und machte sich den großen Brand zunutze. Wäre

der Brand nicht infolge des Erdbebens ausgebrochen, so würde man ihn

vielleicht angelegt haben, unbekümmert darum, daß eine Stadt dabei

zugrunde ging. Eine Stadt ist etwas sehr Geringfügiges, wenn es um die

Sicherheit Nippons geht, nicht wahr? Und es gäbe unter denen, die im

Feuer Hab und Gut verloren, kaum einen Menschen -- nein, ich glaube

wirklich, keinen einzigen --, der es nicht selbstverständlich fände,

alles zu verlieren für das große Nippon. Begreifen Sie das?«

»O ja,« sagte Gerhard Hoyermann mit großem Nachdruck. »Das begreife ich

sehr gut ...«

»Es ist eine Art von Religion -- das Hohelied des Vaterlandsdienstes

in die Lehre des Shinto hineingegossen. Diese Menschen haben nichts,

was sie nicht opfern würden, wenn es um die Größe und Ehre Nippons

geht. Sie besitzen tatsächlich alles nur gewissermaßen auf Widerruf:

Leben, Vermögen, Freiheit, Glück ... Sie haben in Wahrheit nichts zu

verlieren, weil sie nichts in Wahrheit ihr eigen nennen, -- und es ist

ein sehr weises Wort Goethes, der sagt: ›Fürchterlich ist einer, der

nichts zu verlieren hat‹ ... In der Tat -- fürchterlich gefährlich ...«

Gerhard Hoyermann erwiderte nichts. Er ging im Zimmer auf und ab und

hatte den Kopf gesenkt.

»Im übrigen«, fuhr der Fremde fort, »bin ich nicht zu Ihnen gekommen,

um über die Psyche des Japaners mit Ihnen zu philosophieren ...«

»Es ist ein sehr reizvolles Thema,« murmelte Hoyermann.

»Aber ein unerschöpfliches. Während der fünf Jahre, die ich in Japan

bin, war es mein Steckenpferd, die japanische Seele zu analysieren.

Es ist mir nicht gelungen. Das einzige Ergebnis meiner Schürfungen

liegt in der Erkenntnis dessen, was den Ostasiaten vom Westeuropäer

trennt -- und es kann sein, daß auch das ein Trugschluß ist --: die

Verschiedenheit der Ehrbegriffe ...«

»Ist die so schwerwiegend?« fragte Gerhard Hoyermann mit einem

flüchtigen Lächeln.

»Urteilen Sie selbst. Ich will Ihnen zwei winzige Geschichten erzählen,

die den Japaner vollkommen widerspiegeln ... Ein Europäer hilft

einem Japaner aus großer Verlegenheit, indem er ihm eine ziemlich

beträchtliche Summe leiht. Der Japaner gibt die geliehene Summe nach

geraumer Zeit zurück mit der Versicherung, daß er seinem Helfer aus

der Not bis an sein Lebensende die unverbrüchlichste Dankbarkeit

bewahren werde. Bei irgend einer späteren Gelegenheit geraten die

beiden Männer in einen heftigen Zwist, und der Europäer läßt sich im

Laufe der Auseinandersetzung dazu hinreißen, den Japaner zu ohrfeigen.

Der Japaner will sich auf ihn stürzen, bezwingt sich aber, verneigt

sich lächelnd und geht. Zu Hause angelangt, schreibt er dem Europäer

einen Brief, in dem er ihm mitteilt, daß er von ihm aufs tödlichste

beleidigt worden sei, daß ihm die Dankbarkeit gegen seinen einstigen

Wohltäter jedoch verbiete, sich an ihm zu rächen. Er wähle darum den

einzigen Weg, der ihm übrigbleibe, um die Schmach von sich abzuwaschen.

Nachdem er den Brief sorgfältig gesiegelt und fortgeschickt, begeht er

Harakiri, indem er sich den Bauch aufschlitzt ...«

»Und die andere Geschichte?« fragte Gerhard Hoyermann, seinem Gaste den

Rücken zugewendet.

Der Fremde lächelte.

»Die zweite Geschichte ist noch bedeutend kürzer, aber nicht

minder lehrreich,« sagte er. »Ein Japaner bittet die Götter um

Erfüllung seiner heißesten Wünsche -- er hat sie ihnen, glaube ich,

aufgeschrieben -- und legt ein Gelübde ab, ihnen dafür einen Torii aus

edelstem Metall zu erbauen. Seine Wünsche werden erfüllt, und er baut

den Göttern einen Torii aus drei winzigen Stahlnadeln ...«

»Und die Summe von beidem: -- eine erhabene Schweinebande,« sagte

Gerhard Hoyermann, ohne sich umzuwenden.

»Mag sein. Auf jeden Fall ein Menschenschlag, der eine andere Ehre hat

als wir. Sie haben ein anderes Gut und Böse als wir -- als die ganze

übrige Welt, mit der wir rechnen müssen. Es wird gut sein, wenn wir das

beizeiten erfassen und uns danach richten.«

»Wer -- wir?«

»Wir -- von der anderen Seite der Erde ...«

»Falls es der Zweck Ihres Herkommens war,« sagte Gerhard Hoyermann,

»mir diese Warnung zu übermitteln und mich -- trotz aller

Schwierigkeiten, die ihr entgegenstehen -- zur beschleunigten Abreise

aus Japan zu veranlassen, so begegnen sich unsere Wünsche. Ich reise

so bald als möglich, und wenn ich persönlich die japanische Regierung

von der Grundlosigkeit ihres Verdachts gegen mich überzeugen müßte, um

loszukommen.«

Der Fremde stand auf.

»Im Gegenteil,« sagte er langsam. »Der Zweck meines Herkommens

war, Sie zu bitten, nicht nur Ihre Reise nach Europa bis zu einem

bestimmten Zeitpunkt aufzuschieben, sondern auch keinerlei Schritte

zu unternehmen, den Verdacht der japanischen Regierung gegen Sie zu

entkräften ... Es ist von alleräußerster Wichtigkeit, daß dieser

Verdacht gegen Sie bestehen bleibt, bis --«

»Bis --?«

»Bis die Person, gegen die er sich eigentlich richten müßte, Zeit

gefunden hat, ihre Aufgabe zu erfüllen ...«

»Diese Person sind Sie?« fragte Gerhard Hoyermann mit einem ruhigen

Blick.

»Ja.«

»Sie sind also --«

»Was ich bin,« fiel ihm der Fremde sehr rasch in die Rede, »darauf

kommt es jetzt nicht an. Man pflegt im allgemeinen unserem Beruf einen

etwas anrüchigen Namen zu geben; auch darauf kommt es nicht an. Nichts

ist jetzt wichtig als die Tatsache, daß ich in diesem Beruf eine

Aufgabe zu erfüllen habe, die ich keinem sonst anvertrauen kann. Denn

niemand -- außer mir -- der Nichtjapaner ist, geht unbeargwöhnt durch

dieses Land. Mich haben die Jahre sanktioniert, in denen ich, mich

von Reis und Tee nährend, auf mein einstiges Vaterland, meine frühere

Religion und alle Gewohnheiten von ehemals spuckte. Ich gelte als

Überläufer, werde als solcher verachtet und nicht bewacht. Glauben Sie

mir, Herr Hoyermann, man muß sein Vaterland sehr lieben, um so leben

zu können ... Nun, verzeihen Sie, ich wollte nicht von mir persönlich

reden ... es ist eine fast dienstliche Angelegenheit, in der ich zu

Ihnen gekommen bin ...«

»Ich habe Sie sehr gut verstanden,« sagte Gerhard Hoyermann. Nach einer

Pause fuhr er fort: »Sie sprachen von einem bestimmten Zeitpunkt, bis

zu welchem ich meine Heimreise verschieben sollte. Welcher ist das?«

»Die russische Kriegserklärung an Österreich.«

»Sie rechnen mit aller Bestimmtheit auf sie?«

»Ich habe Nachrichten aus zuverlässigster Quelle, daß Rußland bereits

in aller Stille mobilisiert.«

»Gegen Österreich --?«

»Und gegen Deutschland -- natürlich ...«

»Das wissen Sie?« fragte Gerhard Hoyermann und schlug mit der Faust

auf die Lehne des Stuhles -- »und dabei verlangen Sie von mir,

Mensch, daß ich noch einen Tag länger in diesem gottverfluchten Nest

sitzenbleiben soll, während es zu Hause um Kopf und Kragen geht --?!«

Er stieß beide Hände vor sich hin, als schöbe er etwas weit von seiner

Brust ab. »Nee, mein Bester! Zu dem Handel suchen Sie sich gefälligst

einen anderen! Mich kriegen Sie nicht dazu!«

»Ein anderer steht mir leider nicht zur Verfügung,« sagte der Fremde

mit völlig unbewegtem Gesicht. »Ich würde Sie sonst ganz gewiß nicht

belästigt haben. Es bleibt mir aber keine Wahl. Obgleich ich fest davon

überzeugt bin, daß das Deutschtum in Ostasien augenblicklich auf einem

verlorenen Posten kämpft und sehr bald gänzlich außer Gefecht gesetzt

sein wird, halte ich es doch für meine Pflicht, bis zum letzten Moment

auf meinem Posten auszuhalten. Zu diesem Zweck ist es sehr notwendig,

daß ich eine Nachricht, die mir persönlich überbracht werden soll, hier

in Ruhe erwarten und dann meinerseits persönlich weiterbringen kann, da

sowohl Briefe als Depeschen -- Chiffredepeschen nicht ausgeschlossen,

denn sie würden einfach nicht befördert werden -- für mich nicht

in Betracht kommen. Man war mir auf der Spur ... Seit Beginn der

europäischen Krise ist man in Ostasien sehr nervös geworden ... Es

blieb mir nichts anderes übrig -- ich brachte die Spürhunde Haganés,

der selbst der schlauste seiner Hunde ist, auf Ihre Fährte ...«

»Sie waren allerdings nicht heikel in der Wahl Ihrer Mittel,« meinte

Hoyermann mit einem kurzen Lachen.

»Was wollen Sie ... es werden weit schmutzigere Mittel für weit

wertlosere Ziele tagtäglich in der Politik angewandt, und die meisten

werden durch den Erfolg gerechtfertigt und durch den Mißerfolg

gerichtet.«

»Ihre Philosophie, Herr, ist mir jetzt völlig egal, -- mich kümmert

nur das eine, daß Sie mich veranlassen wollen, hier hockenzubleiben,

während bei uns in Deutschland womöglich schon die scharfen Patronen im

Lauf sind!« sagte Hoyermann und schlug mit der Faust in die Luft. »Wäre

ich doch bloß meinem ersten Trieb gefolgt und wäre abgereist, als ich

vom Mord in Serajewo hörte!«

»Sie würden vermutlich auch nicht weiter als bis zum Suezkanal gekommen

sein,« meinte der Fremde. »Wofür glauben Sie, daß England seine Flotte

gebaut hat?«

»England --?«

»Wir sprachen vom europäischen Konflikt ... Rechnen Sie England nicht

mit zu Europa?«

»Unsere eigenen Vettern ...?«

»Hm ...« machte der Fremde. Er räusperte sich. »Was das betrifft,

so kommen in den besten Familien Streitigkeiten vor, sobald es sich

um Geldangelegenheiten handelt. Die Gründe, um derentwillen es zum

europäischen Kriege kommt, mögen sein, was sie wollen, -- in jedem

Falle wird es ein Wirtschaftskrieg; und was ist der anderes als eine

Geldangelegenheit ... wenigstens für den, der ihn anzettelt ...«

»Sie sehen die Dinge von einem übelkeiterregenden Standpunkt, Herr ...«

»Ich sehe sie vom Standpunkt des Kaufmanns aus London City und der

Bank von England. Wenn Sie mir heute nicht glauben, werden Sie es in

vier Wochen tun. Vielleicht auch schon eher. Es kommt auf die Geduld

des Deutschen Reiches an, wie viele Armeekorps Rußland gegen seine

Westgrenzen marschieren lassen kann, ehe ihm von deutscher Seite aus

der Krieg erklärt wird. Von diesem Augenblick an, dürfen Sie überzeugt

sein, ist die Hauptsprache des Krieges die englische. Ganz besonders in

Amerika und Japan ...«

»Ich glaube Ihnen heute schon,« sagte Gerhard Hoyermann und bog den

Kopf in den Nacken. »Pfui Deibel!«

»Wir werden in der nächsten Zeit noch öfters Gelegenheit haben, ›Pfui

Deibel!‹ zu sagen,« meinte der Fremde. »Das schadet nichts; es stärkt

das Rückgrat und das Bewußtsein der Berechtigung, gegen allerhand

Gesindel loszugehen, ohne Samthandschuhe.«

»Und ausgerechnet dabei soll ich nicht mit zupacken!« Gerhard Hoyermann

lachte grimmig. »Nee, mein Bester! Sie können sagen, was Sie wollen!

Ich habe auch eine Pflicht zu erfüllen -- da drüben, wo Deutschland

liegt! Hier mit meinen zwei gesunden Fäusten! Ich will zu meinem

Regiment. Da können sie jetzt bestimmt jeden brauchen, der ein Gewehr

anzupacken weiß. Und wenn ich weiter nichts tun könnte, als Rekruten

drillen für den Felddienst -- das wäre mir wurscht. Aber dabei sein

will ich ... Ich reise ...«

»Ich weiß nicht,« begann der Fremde und räusperte sich, »ob ich mich

so außerordentlich unklar ausdrücke ... Wenn ich mich nicht irre, Herr

Hoyermann, erlaubte ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihre

Abreise -- selbst wenn sie Ihnen gelänge ...«

»Darauf können Sie sich verlassen ...«

»Gut. Nehmen wir das vorläufig an ... -- doch zu keinem anderen

Ziele führen würde, als daß Sie bestenfalls irgendwo in ein

Konzentrationslager kämen. Glauben Sie wirklich, daß die Gegner

Deutschlands die Rückkehr seiner wehrfähigen Männer aus dem Ausland

zulassen würden?«

»Wir würden es tun ...«

»Ja ... Wir sind bei allen solchen Dingen von einer bedauerlichen

Anständigkeit, die kein anderes Ergebnis hat, als daß sie mißverstanden

und als Schwäche gedeutet wird. Ich glaube aber, daß es weder sehr

angenehm ist, interniert zu werden, noch daß es für das Land, dem Sie

doch helfen wollen, den geringsten Zweck hat. Die einzige Art, auf die

Sie Ihrem Vaterlande einen Dienst erweisen können, ist, daß Sie mir

helfen, meine Botschaft unbehelligt an ihren Bestimmungsort zu bringen.

Bitte, geben Sie mir jetzt eine klare Antwort -- ja oder nein. Meine

Zeit ist leider nicht unbemessen, und ich stehe beständig in Gefahr,

den rechten Augenblick zu versäumen.«

Gerhard Hoyermann sagte weder ja noch nein. Er ging im Zimmer auf und

ab und rannte mit dem Kopf gegen unsichtbare Hindernisse.

Der Fremde war aufgestanden und wartete, den Hut in der Hand. Sein

Gesicht war weder ungeduldig noch besorgt. Er schien seiner Sache gewiß

zu sein.

»Sie sagten,« fing Hoyermann endlich an, »daß ich bis zum Ausbruch des

drohenden europäischen Krieges hierbleiben sollte ... Dann bin ich

meiner Verpflichtung ledig?«

»Ja.«

»Das ist eine Verspätung von mindestens acht Wochen ...« murmelte

Hoyermann.

»Ich fürchte, Sie kommen auch dann noch reichlich zur Zeit, wenn es

Ihnen gelingen sollte, durchzubrechen,« meinte der Fremde. »Dieser

Krieg wird, wenn er in der Tat ausbrechen sollte, nicht in acht Wochen

beendet sein. Denn es geht um die Erbfolge in der Welt, das können Sie

mir glauben. Und jeder wird sich um sein Letztes wehren müssen ...«

Gerhard Hoyermann blieb stehen und dachte nach. Und dann schob er mit

einem Ruck, der das Kartenhaus ins Wanken brachte, die Zimmerwand

beiseite, die ihn von seiner Frau trennte.

»Komm herein, Kamerad,« sagte er. »Du sollst mir helfen ...«

Der Fremde grüßte die junge Frau mit einer Höflichkeit, die seinen

fünfjährigen Aufenthalt in Japan bestätigte. Beate sah ihn ernst und

schweigsam an. Sie war sehr blaß.

»Nun, Beate --? Du weißt, worum es sich handelt?«

»Ja.«

»Und was sagst du?«

»Ich glaube,« antwortete Beate mit trockenen Lippen, »daß du tun mußt,

was er von dir verlangt.«

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau,« sagte der Fremde.

Beate erwiderte nichts. Sie sah ihren Mann an. Ihre Augenlider

zitterten.

Gerhard Hoyermann wandte sich um.

»Es ist gut,« sagte er. »Ich bleibe. Acht Wochen früher oder später --

es macht so viel nicht aus. Aber ich stelle eine Bedingung.«

»Bitte ...«

»Ich kenne Sie nicht. Ich habe keinerlei Bürgschaft dafür, daß Sie

nicht im Auftrage unserer Gegner handeln, wie Sie handeln. Diese

Bürgschaft will ich haben. Am liebsten eine schriftliche. Welcher Art

-- das überlasse ich Ihnen ...«

»Ihr Verlangen ist sehr gerechtfertigt,« meinte der Fremde. »Ich hätte

daran denken sollen. Aber ich hole es nach. Hierher will ich nicht zum

zweiten Male kommen. Ich kann nicht vorsichtig genug sein ... Bestimmen

Sie, wo Sie mich in einer Stunde -- oder wann es Ihnen beliebt --

treffen wollen ...«

Gerhard Hoyermann überlegte.

»Wenn ich nicht komme, so wagen Sie nichts dabei,« meinte der Fremde,

der sein Zögern mißverstand. »Es steht dann Ihrer Abreise nichts im

Wege.«

»In einer Stunde am Tempel der Kwan-on,« sagte Gerhard Hoyermann.

»Ich werde pünktlich dort sein.«

Der Fremde verneigte sich und ging.

Gerhard und Beate sahen sich an. Minuten vergingen. Dann sagte der

Mann, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr: »Nun mußt du

deine Koffer wieder auspacken, arme Beate ...«

»Ich habe es schon getan,« antwortete die Frau mit ihrem stillen

Gesicht. Dann, als hätte sie einen Stoß von innen her erhalten, warf

sie ihrem Manne die Arme um den Hals und fragte, Herz an Herz gedrängt:

»Wir werden uns nie trennen, Gerd, nicht wahr --? Was auch geschehen

mag -- was du auch tun willst, Gerd -- wir werden uns nie trennen,

nicht wahr --?«

»Ich weiß es nicht, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann. Und als

der halb unbewußte Blick seiner Augen den Jammer der ihren ergriffen,

fuhr er fort: »Wir werden tun, was wir müssen, geliebte Frau ... und

was gut ist -- ja, das werden wir tun ...«

»Woher willst du wissen, was das Gute ist?« murmelte sie, die Hände auf

seinen Schultern.

»Man weiß es immer,« sagte Gerhard Hoyermann nachdenklich. »Man tut es

nur nicht immer ...« Er nahm das Gesicht seiner Frau in beide Hände und

sah sie an, ein wenig mitleidig und ein wenig froh. »Wir beide, Beate

-- wir werden es wissen und tun ... Das ist gewiß.«

Die Flucht der Beate Hoyermann · 第 4 / 16 题