kapitalistischen Gesellschaft. In der Land- und Forstwirtschaft haben
wir die Berufszugehörigen in den 25 Jahren von 19 auf 17 1/2 Millionen
zurückgehen sehen. In Industrie und Bergbau wuchs dagegen die Zahl der
Berufszugehörigen von 16 auf 26 Millionen, in Handel und Verkehr von 4
auf 8 Millionen. Dazu kommen aber hinzu die Angehörigen der freien und
öffentlichen Berufe, die auch eine gewaltige Zunahme erfahren haben,
nämlich von 1 1/2 auf 2,6 Millionen. Alles das zeigt eine sehr
bedeutsame Verschiebung an, eine ganze Veränderung des sozialen
Charakters der Bevölkerung. Als das Deutsche Reich gegründet wurde,
lebte noch weit über die Hälfte seiner Bevölkerung auf dem Lande und von
der Landwirtschaft als Erwerbsquelle. Jetzt aber ernährte die
Landwirtschaft als Berufszweig einen immer geringeren Teil der
Bevölkerung; die Masse lebte von Industrie, Handel und Verkehr, von
freien und öffentlichen Berufen. Im ganzen bedeutete das einen
gewaltigen Kulturfortschritt, der allerdings auch seine Kehrseite hat:
die Abkehr von der Natur und verschiedene andere Schäden. Unbestreitbar
ist nur, daß im ganzen die Industrie die höhere Wirtschaftsform
repräsentiert als die Landwirtschaft, trotz der Verbesserungen, die auch
in dieser stattgefunden haben.
Eine weitere bedeutungsvolle Tatsache ist, daß, wie die Stadt auf
Kosten des Landes wächst, das soziale Leben überhaupt sich immer mehr
sozusagen _verstadtlicht_. Es ist das eine der charakteristischsten
Erscheinungen der Epoche, die sich vor dem Kriege übrigens noch viel
mehr als in Deutschland in England vollzog. Die Stadt spielt eine immer
größere Rolle im ganzen sozialen Leben, und ein großer Teil dessen, was
man lange Zeit die Agrarfrage genannt hat, besteht darin, daß, während
in früheren Perioden der Bauer seine eigene Kultur hatte und auf sie
stolz war, geradezu auf den Städter herabsah, er jetzt sein Leben selbst
verstadtlicht, wie der Städter leben will, und wie er, so auch der
Landarbeiter. Darin liegt ein großer Teil der Unzufriedenheit auf dem
Lande; denn wenn der Bauer so leben wollte wie seine Väter, dann hätte
es keine Agrarfrage gegeben. Der Preis der Bodenprodukte war gestiegen,
das Geldeinkommen hatte in keiner Weise gelitten.
In der Arbeiterschaft der Industrie vollzieht sich gleichfalls eine
Entwicklung, die unser Interesse beansprucht. Die Klasse ist, wie wir
gesehen haben, gewaltig an Zahl gestiegen. Nun aber unterscheidet man in
der Industrie zwei Gattungen von Arbeitern, die gelernten, d. h. in
einer Lehrzeit ausgebildeten, und die sogenannten ungelernten Arbeiter.
Früher sagte man qualifizierte und unqualifizierte Arbeiter, d. h.
bezeichnete den gelernten Arbeiter als einen qualifizierten, den
ungelernten als unqualifizierten Arbeiter. Es gibt aber, wie ein
Unternehmer einmal sehr richtig gesagt hat, keine unqualifizierte
Arbeit. Auch die ungelernte Arbeit muß gehörig geübt werden und
erfordert oft in ihrer Weise erstens große Kraft und dann auch große
Geschicklichkeit. Ich möchte keinem es zumuten, einmal mit einem
Karrenschieber in dessen Arbeit es aufnehmen zu wollen. Wer das
versuchte, würde bald bemerken, daß auch zu dieser Arbeit eine bestimmte
Geschicklichkeit gehört und nicht nur Körperkraft. Immerhin steht der
ungelernte Arbeiter sozial und ökonomisch unter dem gelernten Arbeiter,
in Deutschland allerdings nicht ganz so stark wie in England. In England
war die Trennung zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern bis zum
Kriege viel stärker gewesen als in Deutschland. Daher die Erscheinung,
die vielen, die nach England kamen, aufgefallen ist, daß sie dort eine
ungeheure Zahl von tiefstehenden Arbeitern vorfanden, tiefstehend in der
Art ihrer Lebensweise, tiefstehend in ihrer Wohnweise und tiefstehend
auch in der Art der Kleidung. Sie schlossen daraus, daß überhaupt das
Elend in England viel größer sei als auf dem Festlande. Aber es handelt
sich da um eine Teilerscheinung, die sich erklärt aus der ganzen
Geschichte der englischen Arbeiterschaft. Infolge besonderer Umstände
bekam in England der Ungelernte, der Labourer, im Gegensatz zum
Gelernten, zum Worker, einen sehr viel geringeren Lohn, nur etwa 60 oder
gar bloß 50 Proz. vom Lohn des Gelernten, während in Deutschland der
ungelernte Arbeiter bis 70 und 80 Proz. vom Lohn des Gelernten bekommt.
Die Zahl der gelernten Arbeiter hat sich in Deutschland anders
entwickelt als die der ungelernten. Seit 1895 ward bei der Berufszählung
zwischen den beiden Kategorien unterschieden, so daß wir nun für die
12 Jahre von 1895 bis 1907 einen Vergleich der Entwicklung der beiden
haben. Danach ist die Zahl der gelernten Arbeiter in der Industrie
gestiegen von 4 auf 5,4 Millionen, aber die der ungelernten von 2,3 auf
3,9 Millionen, im Verhältnis also haben die letzteren eine sehr viel
stärkere Vermehrung erfahren. Auf 100 gelernte kamen 1895 55 ungelernte
Arbeiter, 1907 aber schon 73. Die vervollkommnete Maschine hat also hier
vielfach statt gelernter ungelernte Arbeiter gebraucht. Trotzdem hat
sich aber, und das ist das Wichtige, in dieser Periode, wo die Zahl der
ungelernten Arbeiter so stark wuchs, die Zahl der gelernten Arbeiter in
der Industrie immer noch stärker vermehrt als die Zahl der
Gesamtbevölkerung. Die Gesamtbevölkerung ist in den 12 Jahren um
19 Proz. gestiegen, dagegen die Zahl der gelernten Arbeiter um gegen
29 Proz. Auch das ist charakteristisch für die ungeheure Entwicklung zum
Industriestaat, die sich in Deutschland vollzogen hat.
Die Frage ist nun: Woher kam der Zuwachs der ungelernten Arbeiter? Sie
führt auf eine sehr charakteristische Erscheinung. Zum Teil zogen
deutsche Arbeiter vom Lande als Tagelöhner in die Stadt und wurden auf
dem Lande durch Ausländer ersetzt, d. h. die landwirtschaftlichen
deutschen Arbeiter gingen in die Industrie, und aus Polen und anderen
Ländern wurde ein großer Teil Arbeiter, teils als Saisonarbeiter, teils
aber auch als ständige Kräfte, für die deutsche Landwirtschaft gewonnen.
Die deutsche Arbeiterschaft konnte sich auf diese Weise über die
polnischen usw. Arbeiter hinweg auf eine höhere Stufe erheben. Indes war
es auch für die Polen ein Aufstieg im Verhältnis zum Lebenszuschnitt in
ihrer Heimat. Sie zogen nach Deutschland, weil sie da immerhin bessere
Löhne erhielten als zu Hause. Bei alledem bleibt es ein bemerkenswerter
Umstand, daß zum Teil nur auf dem Rücken jener ausländischen Arbeiter
sich die deutsche Industrie und Industriearbeiterschaft in der
geschilderten Zeit so entwickeln konnte. Ohne jene ausländischen
Tagelöhner wäre ein Teil des großen Aufschwungs unmöglich gewesen,
dessen Endresultat das war, daß jede Arbeiterschicht schließlich etwas
höher stand als vorher, die Schicht der Gelernten im Verhältnis stärker
zugenommen hatte als die Bevölkerung. In dieser Beziehung ist das Wort
von Marx, das im »Kapital« steht und von vielen buchstäblich genommen
wurde: »Die Maschine schlägt den Arbeiter tot«, nicht eingetroffen. Denn
diese ungeheure Vermehrung der Arbeiter in der Industrie finden wir
nicht nur in Deutschland, sondern gleichzeitig auch in England, in
Frankreich, wie in allen Ländern moderner Entwicklung, und am stärksten
davon in Amerika. Das erklärt sich aus einer Reihe von Gründen, die Marx
nicht genügend berücksichtigen konnte.
Marx hatte seine Beispiele aus der Textilindustrie genommen, die zu
seiner Zeit in England die maßgebende Industrie war. Aber die Faser
setzte der Behandlung durch die Maschine viel geringeren Widerstand
entgegen als Leder, Holz, Metalle usw. Während die Maschine in der
Textilindustrie allerdings Teile der Arbeiterschaft beiseite geschoben
hat, ist das in anderen Industrien nicht geschehen, sondern im
Gegenteil, da hat die Arbeiterschaft sich gewaltig vermehrt, namentlich
in den Industrien der Metalle, die ja allmählich in der Welt die Führung
erhalten haben. Diese gesteigerte Entwicklung ist dadurch möglich
geworden, daß es sich nicht nur handelte um Maschinen für die
Herstellung von Gegenständen des persönlichen Verbrauchs, sondern um die
große Erweiterung der Verkehrsmittel, der Eisenbahnen, Dampfschiffe usw.
Die ungeheure Verdichtung des Eisenbahnnetzes, die in den verschiedenen
Ländern, vor allem in den Vereinigten Staaten, aber nicht zum wenigsten
auch in Deutschland vor sich gegangen ist, ist in der Hauptsache erst
eingetreten, nachdem Marx sein »Kapital« geschrieben hatte. Man braucht
nur eine Eisenbahnkarte aus den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts, den Jahren, wo Marx sein »Kapital« schrieb, mit einer
Karte von 1914 zu vergleichen, dann sieht man, welche kolossale
Entwicklung das Eisenbahnwesen genommen hat. Die Verkehrsmaschinen
selbst, die Lokomotiven, Dampfer usw., haben aber auch ihren Charakter
geändert, sie sind riesenhaft gewachsen, und ihr Wachstum wie ihre
Zunahme hat stark zurückgewirkt auf das Wachstum der Industrie und
wesentlich beigetragen zur gewaltigen Industrialisierung nicht nur
Deutschlands, sondern der ganzen Welt.
Dann haben wir aber auch ein weiteres zu verzeichnen. Die ungeheure
Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums, die eine Folge gewesen ist
der großen Vervollkommnung der Produktionsmittel, der ins Riesenhafte
gesteigerten Gewinnung und Verarbeitung der Erze und Erdschätze, und
fortgesetzten Steigerung der Produktivität der Menschen an den Maschinen
hat als Zweites zur Wirkung gehabt eine große Förderung der
Qualitätsarbeit in der Industrie. Die erste Wirkung der Maschinen war im
Gegenteil die Herabdrückung der Qualität des Fabrikats gewesen, wie das
Marx auch feststellt. Die billigen Fabrikate drängten die bessere,
solide Arbeit zurück. Aber im weiteren Verlauf der Entwicklung steigt
mit dem wachsenden Reichtum der Gesellschaft auch der Markt der
Qualitätsindustrien, die wiederum eine zunehmende Beschäftigung von
gelernten Qualitätsarbeitern herbeiführt. Diese Tatsachen, die große
Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums mit ihren technischen
Nachwirkungen, stellen uns nun vor die Frage: Wie wirkt das alles zurück
auf die Klassengliederung in der Gesellschaft?
Die erste soziale Einwirkung der Maschinenindustrie war, daß sie
mittlere Schichten der Bevölkerung zurückdrängte, das Proletariat
vermehrte, und daß die Schicht der Reichen und ihr Reichtum wuchsen. So
entstand in der sozialistischen Welt die Theorie, die lange Zeit
agitatorisch in Aufklärungsvorträgen propagiert wurde -- ich habe noch
stark daran teilgenommen --, daß im weiteren Verlauf der
kapitalistischen Entwicklung die Mittelschichten von der kleinen Schicht
der Reichen vollständig verdrängt werden, während daneben das
Proletariat und gleichzeitig auch seine Verblendung ungeheuer zunehmen.
Der in seiner Art sehr bedeutende, wenn auch mehr konservativ gerichtete
sozialistische Ökonom Karl Rodbertus stellte das im bildlichen Vergleich
einmal so dar, daß die soziale Pyramide sich in der Weise eines immer
mehr sich verengernden Flaschenhalses gestaltet. Ich habe das
gelegentlich zeichnerisch so zu veranschaulichen versucht:
[Illustration]
Figur I zeigt die gesellschaftliche Pyramide in ihrem vermuteten
Ursprung; unten die ärmeren Klassen, oben, in immer schmälerer
Zuspitzung, die besitzenden Klassen. Mit dem Aufkommen der
kapitalistischen Produktion bildet sich oben eine kleine Schicht von
ganz Reichen, die Mittelschichten nehmen ab, die unteren Schichten aber
zu. Die Pyramide gestaltet sich wie auf Figur II. Allmählich aber
gewinnt sie die Gestalt des Flaschenhalses wie auf Figur III. Es
schwillt an der Kopf der ganz Reichen, es verengert sich vollständig die
mittlere Schicht und immer größer wird unten die Schicht des
Proletariats. Es war Professor Julius Wolff, der die Theorie damit
ironisierte, daß er sagte, nach ihr müßte es dahin kommen, daß eines
Tages der Hals völlig verschwinde, nur noch ganz oben der Kopf sei und,
jeder stützenden Zwischenschicht bar, unten in den breiten Boden der
Flasche stürze. Die wirkliche Entwicklung hat aber diesen Weg nicht
genommen. Wenn wir die Einkommensgliederung in den verschiedenen Ländern
verfolgen, wie sie uns die Statistik zeigt, so erhalten wir ein ganz
anderes Bild. Da für Deutschland als ein Ganzes erst jetzt eine
Einkommensteuer eingeführt ist, müssen wir für Vergleichszahlen Preußen
nehmen, das fünf Achtel des Deutschen Reichs umfaßt. Preußen hat seine
Einkommensteuer im Jahre 1892 bei der bekannten Miquelschen Steuerreform
grundlegend reformiert. Nehmen wir an, daß vor dem Kriege alle Zensiten
mit unter 3000 Goldmark Einkommen zum Proletariat gehörten und mit
3000 Goldmark steuerdeklariertem Einkommen die Mittelschichten beginnen.
Dann kommen oben zunächst die Schichten von 3000-6000 Mk. Einkommen,
alsdann die mit 6000-10000 Mk. und hierauf die mit 10000-30500 Mk. Die
letzteren sind schon gut bürgerliche Existenzen. Die Zensiten mit 30500
bis 100000 Mk. deklariertem Einkommen können wir als teils wohlhabend,
teils reich rechnen und die mit über 100000 Mk. Einkommen als die
Schicht der ganz Reichen. Die letzten Zahlen über die Zensiten nach der
alten Miquelschen Einkommensteuer liegen mir für 1916 vor. Von 1892 bis
1916, also in der Epoche des großen Aufschwungs der kapitalistischen
Produktion, nun ist gestiegen die Schicht der ganz Reichen mit über
100000 Mk. Einkommen von 1780 auf 3561, hat sich also mehr als
verdoppelt; die Zahl der Wohlhabenden und Reichen ist in derselben Zeit
gestiegen von 6700 auf 22000, hat sich also mehr als verdreifacht. Die
Zahl der Wohlhabenden mit einem Einkommen von 6000-30500 Mark hat sich
vermehrt von 104000 auf 210000, also gleichfalls mehr als verdoppelt.
Auch diese Schicht hat weit über die Vermehrung der Bevölkerung hinaus
zugenommen. Und schließlich hat die untere Mittelschicht, die man ganz
ausgestochen wähnte, die Klasse der Zensiten mit Einkommen zwischen 3000
und 6000 Mk., sich gar vermehrt von 205000 auf 578000, also auf nahezu
das Dreifache. Keine Schicht aus diesen Einkommensgruppen verschwindet
also, im Gegenteil alle Zahlen nehmen zu. Wer sich die Entwicklung der
Städte in den letzten Jahrzehnten vergegenwärtigt, wie der Zug zur
Wohlhabenheit im Bau der Wohnungen und dergleichen sich immer stärker
bemerkbar machte, der wird auch begreifen, daß dies gar nicht möglich
gewesen wäre ohne die Zunahme der Mittelschichten im Einkommen.
Nicht ganz das gleiche Bild zeigt sich, wenn wir die Vermehrung der
Vermögen an sich beobachten. Die Vermögenssteuer wurde in Preußen _erst_
seit 1895 erhoben. Meine Zahlen reichen bis 1911. Sie umfassen also nur
eine Periode von 16 Jahren, eine Zeitspanne, in der die Bevölkerung
Preußens sich um etwa 25 Proz. vermehrte. Die Zahlen zeigen nur die
versteuerten Vermögen, nicht die wirklichen, die ja höher sind, weil bei
der Steuer alle möglichen Abzüge gemacht werden. Es haben sich nun in
dieser Periode vermehrt die versteuerten Vermögen der Gruppe von 6000
bis 32000 Mk. von 767000 auf rund 1200000, die Gruppe 32000 bis
100000 Mk. von 284000 auf 419000, die Gruppe 100000 bis 500000 Mk. von
87000 auf 136099 und die Gruppe über 500000 Mk. -- die Mark immer in
Goldwert -- von 15600 auf rund 23000. Überall findet man also eine
Vermehrung. Die Pyramide hat sich nicht in der Richtung des
Flaschenhalses entwickelt, sondern ziemlich gleichmäßig in allen
Schichten. Das Proletariat ist sehr stark gewachsen, die Mittelschichten
aber auch und ebenso die Oberschicht. Der Reichtum der Gesellschaft hat
gewaltig zugenommen, aber an ihm haben nicht nur die ganz Reichen,
sondern alle Schichten der Besitzenden teilgenommen.
Wenn die Entwicklung, wie man sie sich früher vorgestellt hatte, wie
sie nicht nur Marx und Rodbertus, sondern auch Lassalle und alle anderen
Sozialisten angenommen hatten, nicht eingetreten ist, so ist damit die
sozialistische Bewegung noch nicht als überflüssig nachgewiesen. Was
sich vollzogen hat, ist, daß die Spannung zwischen den großen Einkommen
und dem Einkommen der Volksmasse bedeutend zugenommen hat, und darauf
kommt es an. Die Pyramide der Einkommen und Vermögen entwickelt sich
nicht im Sinne des Flaschenhalses, sondern etwa im Sinne einer
umgekehrten Ziehharmonika. Man nehme an, eine Ziehharmonika werde auf
die Seite gestellt und so beschwert, daß sie sich unten nur langsam
heben kann, während eine andere Kraft sie nach oben zieht. Dann wird die
Spannung zwischen der beschwerten Masse unten und den oberen Teilen
immer größer werden, und das sehen wir tatsächlich in dem Verhältnis der
zunehmenden Zahl der Reichen und ihrem wachsenden Luxus zu dem, der
Masse nach am stärksten wachsenden Heer derjenigen, die sozial in ihren
Diensten stehen. Die Vermehrung der Arbeiter und unteren Angestellten
übertrifft der absoluten Zahl nach die aller anderen Klassen zusammen um
ein Vielfaches. Wir sehen daran, daß die Entwicklung keineswegs als eine
so gesunde bezeichnet werden kann, wie sie von Leuten hingestellt worden
ist, die aus der Zunahme aller Schichten der Besitzenden nun eine
vollständige Rechtfertigung der ganzen sozialen Entwicklung unter dem
Kapitalismus herleiten. Nur eins ist unbestreitbar: der Kapitalismus hat
den Reichtum der Gesellschaft ganz ungemein gesteigert; aber die
Verteilung des Reichtums hat nicht in jeder Hinsicht die Entwicklung
genommen, die die Sozialisten früher voraussetzten, sondern sie hat
teilweise andere Bahnen eingeschlagen. Damit haben sich die Probleme,
vor die der Sozialismus gestellt ist, allerdings verändert, und die
Feststellung und Erkennung dieser Tatsache sowie die Frage, welche
Folgerungen aus ihr zu ziehen waren, haben lange Zeit ein gewaltiges
Streitobjekt theoretischer und praktischer Art unter Sozialisten
gebildet.
Man könnte nun die Frage erheben: Wie läßt sich das Verbleiben der
Mittelschichten vereinbaren mit der Konzentration der Betriebe unter dem
Kapitalismus? Der Kapitalismus führt doch immer mehr zur Konzentrierung
der Betriebe, immer mehr zur Großproduktion und Maschinenproduktion in
der Gesellschaft. Wenn die kleinen und mittleren Betriebe zwar der Zahl
nach fast unbeschränkt geblieben sind, so haben doch die Großbetriebe
gewaltig zugenommen, nicht nur an Zahl, sondern namentlich auch in der
Masse der von ihnen beschäftigten Personen. Und wie läßt sich jene
Entwicklung der Reichtumsverteilung damit vereinbaren? Sie erhält zum
Teil ihre Erklärung durch die Beweglichkeit des modernen Kapitals, die
Beweglichkeit, die das Kapital erhalten hat vermittelst der großen
Ausbreitung der verschiedenartigen Formen von Genossenschaften, zu denen
ja grundsätzlich ebenfalls die Aktiengesellschaften gerechnet werden
müssen, wie sehr sie auch rechtlich und in ihrer Struktur von anderen
Genossenschaften abweichen. Die Form der Genossenschaft, des
Kollektivkapitals, ermöglicht es einer ganzen Reihe von Schichten der
Bevölkerung, sich am Bestand zu erhalten, die unrettbar hätten
verschwinden müssen, wenn bei jeder Unternehmung immer nur eine
Einzelperson oder eine ganz kleine Personengruppe Eigentümer hätte sein
können. In Deutschland gab es im Jahre 1909 -- das ist die letzte Zahl,
die das Reichsstatistische Jahrbuch hierüber angibt -- 5222
Aktiengesellschaften mit einem Aktienkapital von rund 14 Milliarden
Goldmark und 626 Millionen Mark Vorzugsaktien. Daneben gab es
Genossenschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung in einer
Zahl von 16500 mit 3 1/2 Milliarden Genossenschaftskapital. Des weiteren
eine große Zahl eingetragener Genossenschaften, wozu dann noch kommt ein
ganz gewaltiges Kapital von Obligationen der Aktiengesellschaften, das
auch viele Milliarden ausmacht, und das ganz gewaltig zugenommen hat,
nicht nur infolge der industriellen Entwicklung, sondern auch der
militärischen Entwicklung, der steigenden Rüstungen usw., und nicht
zuletzt die so stark angewachsenen Staatsanleihen. Durch alles das ist
die Zahl der Inhaber von Anteilen an den Erträgen der Volkswirtschaft
ungeheuer gestiegen. Wenn Lassalle von den Arbeiterbataillonen sprach,
so kann man heute kaum noch bloß von Aktionärbataillonen sprechen,
sondern muß schon von Armeekorps reden, unter die sich die Aktien der
Industrie verteilt haben. Die Unternehmung selbst ist örtlich gebunden,
aber die Aktie, das Kapital, wird immer beweglicher und kann von Hand zu
Hand oder auch von Land zu Land gehen. Das zeigt sich sogar beim Grund
und Boden, wo die Beweglichkeit des Eigentums ermöglicht wird in erster
Reihe durch die Hypotheken, die unschwer ihre Besitzer ändern und
geteilt werden können. Allein die Hypothek hat die volle Beweglichkeit
nicht, diese hat jedoch der Pfandbrief gebracht. Es entstanden die
Hypothekengesellschaften, die Hypotheken aufsammeln und für sie
Pfandbriefe ausgeben, die nun, wie das Anleihepapier, jeden Tag den
Inhaber wechseln können. Auf diese Weise konnte eine ungeheure
Verteilung des Vermögens stattfinden, das in Grund und Boden angelegt
war.
Die große Zunahme der Zahl der Aktionäre ist übrigens vom Standpunkte
des Sozialisten aus eine keineswegs erfreuliche Erscheinung. Als
erfreulich kann sie nur betrachtet werden von Anhängern des
Kapitalismus, weil damit eine viel größere Zahl von Menschen an dessen
Bestand interessiert werden, als es sonst der Fall wäre. Sie erklärt
eine ganze Reihe sozialer und politischer Erscheinungen. In England sind
die Brauereien außerordentlich konzentriert, aber das Brauereikapital
ist Aktienkapital, und die Zahl der beteiligten Aktionäre geht in sehr
viele Tausende. Das Braugewerbe ist nun in England in hohem Grade ein
politisches Gewerbe. Bis in die Mitte etwa der siebziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts waren die Brauer liberal, was in England auch
demokratisch bedeutete. Sie waren freihändlerisch, weil sie interessiert
waren an der freien Einfuhr der Gerste. Es gibt in England eine große
Tageszeitung, die auf den Straßen nicht verkauft wird, die aber doch
eine ansehnliche Verbreitung hat, den »Morning Advertiser«. Das ist das
Blatt des Braugewerbes, das in allen Schankstellen ausliegt. Am Bier
sind natürlich die Trinker auch interessiert. Die ganze politische
Stellung des Braugewerbes hat sich nun dadurch geändert, daß die
liberale Partei anfing, die Temperenz- und Mäßigkeitsbewegung nachhaltig
zu unterstützen. Das brachte die Brauereien in Gegensatz zur liberalen
Partei. Je mehr diese sich radikalisierte und für die Erleichterung von
Verboten und Einschränkungen der Schankstätten eintrat, um so mehr hat
sich der Gegensatz verschärft, und so ward in England das Braugewerbe
mit seinem ganzen Anhang nicht nur von Trinkern, sondern auch Aktionären
konservativ, und das erklärt wiederum die zeitweilig so bedeutende
Stärkung der konservativen Partei in England. Damit in Verbindung steht
das Interesse der Wettrennen, da die meisten Wetten in den Schankstätten
abgeschlossen werden. Auch das hat eine ganz erhebliche soziale und
politische Rückwirkung. Die ungeheure Verbreitung des Brauereikapitals
und die Beteiligung des großen Publikums an sonstigen Interessen der
Brauereien wirken hier politisch.
Die Beweglichkeit des modernen Kapitals ist also außerordentlich
gestiegen. Beweglicheres als den Pfandbrief kann man sich kaum
vorstellen. Man kann ihn um 1 Uhr an einer beliebigen Börse kaufen, und
um 1/2 2 Uhr kann er schon wieder verkauft sein. Ebenso jede Industrie-
usw. Aktie. Diese ungeheure Beweglichkeit des Kapitals hat wieder dazu
beigetragen, den Zug zur Stadt zu verstärken. Der nicht arbeitende
Kapitalist, ob er nun sein Einkommen von der Landwirtschaft, vom Handel
oder der Industrie zieht, kann jetzt in der Stadt wohnen. Wir haben das
vor dem Kriege beobachten können, z. B. an den Steuerquoten. In den
Orten der Berg- und Industriebezirke des Rheinlandes war der lokale
Einkommensteuerzuschlag auf die Staatseinkommensteuer 200 bis über
300 Proz., aber hier in Berlin, wo ein großer Teil der Leute lebt, die
ihr Einkommen aus jenen Produktionszweigen ziehen, ging man lange Zeit
nicht über einen Zuschlag von 100 Proz. Wir haben z. B. in meiner
Gemeinde Schöneberg lange darum kämpfen müssen, um endlich einmal die
Mehrheit der Gemeindevertretung zu einer Erhöhung des Zuschlages um
10 Proz. auf 110 Proz. zu bewegen. In den Industriebezirken aber
betrugen die Zuschläge 200 bis 300 Proz., weil die Aktionäre, an die der
Reinertrag der Produktion ging, eben dort nicht wohnten. Die
Industriebezirke hatten die Last für die große Arbeiterbevölkerung zu
tragen, während das Kapital sich aus ihnen entfernte. Ähnliches konnte
man übrigens auch in der sozialen Gliederung Groß-Berlins beobachten, wo
die Inhaber und Aktionäre großer Industrieunternehmungen in den
Villenvororten wohnten, während die Arbeiter dieser Unternehmungen in
den Industriequartieren und deren Umgebung hausten.
Auf die verschiedenste Weise wuchsen so die Städte in Deutschland. Im
Jahre 1867 wohnten in Deutschland noch 2/3 der Bevölkerung, 66,7 Proz.,
auf dem Lande, d. h. in den kleinen Gemeinden bis 2000 Einwohner. An der
Jahrhundertwende waren es nur noch 5/11, rund 45 Proz.; im Jahre 1910
war der Prozentsatz auf 40 gefallen, und es ist gar kein Zweifel, daß
wir bis zum Vorabend des Krieges noch weiter heruntergegangen waren. Das
Land entvölkerte sich immer mehr und die Städte wuchsen. Von
65 Millionen Einwohnern, die Deutschland 1910 hatte, wohnten nur noch
26 Millionen in den Gemeinden unter 2000 Einwohnern. Dadurch wurde jene
überwiegende Stadtkultur herbeigeführt, die, wie schon erwähnt, ein
wichtiges Moment mit zur Verschärfung der sogenannten Agrarfrage gewesen
ist. Mit dieser Entwicklung fast parallel ging die Steigerung des
deutschen Außenhandels. Deutschland war Industriestaat geworden, und das
Charakteristische des Industriestaates ist, daß er eine große Ausfuhr
von Fertigfabrikaten hat bei einer ziemlich großen Einfuhr von
Rohstoffen und Nahrungsmitteln. In Deutschland ist die Einfuhr von
Nahrungsmitteln nicht so groß gewesen wie in England, wo die Produktion
von Getreide im 19. Jahrhundert außerordentlich zurückgegangen ist, so
daß es kaum den sechsten Teil seines Brotbedarfs selbst herstellte. Dies
namentlich infolge seiner ungeheuren kolonialen Entwicklung, wobei man
zu den englischen Kolonien im wirtschaftlichen Sinne der
Bevölkerungsgliederung im Grunde auch die Vereinigten Staaten von
Amerika rechnen muß, wenngleich diese politisch völlig unabhängig sind.
Haben sie doch jahrzehntelang einen immer größeren Prozentsatz der
englischen Bevölkerung aufgenommen. Von 1848 bis Mitte 1885 sind aus
England über 6 Millionen Menschen ausgewandert, und der weitaus größere
Teil davon zog in die Vereinigten Staaten.
Diese Riesenauswanderung erklärt manche Erscheinungen, die vielen Leuten
lange Zeit unerklärlich dünkten. England hatte in der ersten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts eine gewaltige Arbeiterbewegung, die
Chartistenbewegung, die einen geradezu revolutionären Charakter trug.
Allmählich aber nimmt das ab, und als in Deutschland die sozialistische
Bewegung schon ziemlich stark war, war in England von einer solchen fast
gar nichts mehr vorhanden. Man hat dafür eine ganze Reihe Erklärungen
angegeben. Ein Faktor liegt darin, daß die große Niederlage des
Chartismus entmutigend gewirkt hatte, und ferner dämpfte den
revolutionären Drang ein gewisses Entgegenkommen der bürgerlich-liberalen
Parteien. Aber auch die Gewerkschaftsbewegung der Arbeiter nahm einen
schläfrigen, fast völlig bureaukratischen Charakter an. Meines Erachtens
hat dazu auch jene große Auswanderung beigetragen. Im allgemeinen
wandern die geistig regsten Naturen aus, die darum noch nicht immer die
besten Menschen sind. Wenn nun ein Land einen so großen Prozentsatz
seiner regsten Elemente verliert, so kann das nur die Rückwirkung haben,
daß bei den Zurückbleibenden die schläfrigen, indifferenten oder
wenigstens nachgiebigen Elemente überwiegen, und so verursachte die
große Auswanderung Englands auch jene Änderung im Charakter seiner
Arbeiterbewegung.
Deutschland hatte bei einer viel zahlreicheren Bevölkerung eine
erheblich geringere Auswanderung als England. Um so mehr entwickelte
sich in den letzten Jahrzehnten sein Außenhandel. Es belief sich im
Jahre 1913, das letzte Jahr, für das wir eine vom Kriege unbeeinflußte
Statistik haben, der Wert seiner Einfuhr an Rohstoffen auf
3 1/2 Milliarden, seine Nettoeinfuhr an halbfertigen Fabrikaten auf
86 Millionen, an lebenden Tieren auf 280 Millionen, an Nahrungsmitteln
auf nahezu 1,8 Milliarden, zusammen 5,6 Milliarden Mark Goldwährung.
Dagegen betrug der Goldwert seiner Nettoausfuhr von fertigen Waren
4,8 Milliarden. Das ist das Bild des vorgeschrittenen Industriestaates,
der Fertigfabrikate ausführt, in denen am meisten höhere menschliche
Arbeit steckt, und dafür Rohstoffe, landwirtschaftliche Produkte und
Halbfabrikate einführt, bei denen die menschliche Arbeit eine
verhältnismäßig geringere Rolle spielt.
Was nun die auf dem Boden der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft
erwachsenden großen Geschäftskrisen anbetrifft, so zeigte sich die erste
davon in England, dem Heimatland der modernen Großindustrie, im Jahre
1825, zehn Jahre nach Abschluß der napoleonischen Kriege. Die
Wiederherstellung des allgemeinen Friedens in Europa hatte zunächst eine
ungeheure Steigerung der Produktion und damit verbundene Prosperität zur
Folge, die nahezu zehn Jahre anhielt, dann aber in eine große Krisis
auslief, während der das Geschäft fast vollständig stagnierte. Solche
allgemeinen Krisen wiederholten sich von da ab ziemlich alle zehn Jahre,
und es erstanden verschiedene Theorien über ihre Natur, ihre Ursachen
und ihre Zukunft, Theorien, die bald auch in der sozialistischen Welt zu
lebhaften Diskussionen führten.
Hinsichtlich der Erklärung der Krisen stritten lange Zeit zwei
Auffassungen: die eine leitete sie ab von der Überproduktion, die andere
von der Unterkonsumtion, was durchaus nicht das gleiche ist. Die
Unterkonsumtion wurde damit erklärt, daß man sagte, es ward viel mehr
produziert als die Bevölkerung gemäß ihrer Zusammensetzung in der Lage
war zu kaufen und daher auch nicht konsumierte. Man ging dabei von der
Idee aus, erstens, daß die sozialen Mittelschichten verschwinden -- die
berühmte Flaschenhalstheorie --, und zweitens, daß die Lage der
Unterschicht, der arbeitenden Klasse infolge ihrer wachsenden Zunahme
sich beständig verschlechtere, ihre Vermehrung also zur Verelendung
führe. So könne die Kaufkraft mit der Entwicklung der Produktion nicht
Schritt halten und stellten sich von Zeit zu Zeit Krisen ein, die sich
von Epoche zu Epoche immer mehr verstärkten. Die Theorie der
Überproduktion hat zum Teil dasselbe Bild des Kreislaufs des allgemeinen
Geschäftsganges zur Grundlage wie die Theorie der Unterkonsumtion,
nämlich eine Periode mit gutem Geschäftsgang, die in eine solche mit
fieberhaft erhöhter Produktion ausläuft, die Lager überfüllen sich,
Geldknappheit tritt ein, und Zwangsverkäufe führen zu einem
Geschäftskrach, an den eine Zeit der Stagnation, des allgemeinen
Stillstands sich anschließt. Dann erholt sich das Geschäft allmählich,
und der geschilderte Kreislauf wiederholt sich auf erweiterter
Grundlage. Sie sagt aber auch, daß infolge der Anarchie der freien
Konkurrenz auf dem Wirtschaftsmarkt tatsächlich überproduziert wird,
nicht etwa bloß im Verhältnis zur Kaufkraft, sondern auf den
verschiedensten Gebieten über den wirklichen Bedarf hinaus. Zum Beispiel
mehr Rohstoffe und Halbfabrikate, als die vorhandenen Fabriken
verarbeiten können. Solcher Anarchie gegenüber ist die Geschäftskrise
ein Mittel zeitweiliger Heilung.
Eine andere Krisentheorie ist die des englischen Philosophen und
Sozialökonomen Stanley Jevons. Sie bringt die Krisen in ursächlichen
Zusammenhang mit dem Auftreten der Sonnenflecken, das sich alle zehn bis
elf Jahre wiederholt und das auf die Gestaltung der Ernten ungünstig
einwirkt, was bei der großen Bedeutung der Erträge der Landwirtschaft,
d. h. der Preise ihrer Produkte für das Wirtschaftsleben, die Kaufkraft
für Industrieprodukte verringert. Die Theorie hat das sozialistische
Denken wenig beeinflußt, obwohl man zugeben muß, daß die Entwicklung der
Landwirtschaft bei den Krisen ein großes Wort mitzusprechen hat. Bleiben
wir daher bei den beiden vorerwähnten Theorien, von denen wir gesehen
haben, daß ihr Streit die Tatsache und ihren ursächlichen Zusammenhang
mit der kapitalistischen Produktions- und Wirtschaftsordnung
unbezweifelt läßt. Auf Grund von bestimmten Sätzen in Karl Marx' Kapital
befestigte sich in sozialistischen Kreisen die Anschauung, daß eine
gleichförmige Wiederholung der Krisen nach zehn Jahren der zunehmenden
Produktionshöhe und Wirtschaftsanarchie widerspreche, sondern daß
vielmehr der Zyklus allmählich immer kürzer werden würde. Dem Wesen der
kapitalistischen Jagd um den Markt bei steigender Produktivität
entspreche es, daß die Entwicklung sich vollziehe in Form einer Spirale,
die immer enger wird, daß also die Krisen sich zeitlich häufen und immer
größeren Umfang annehmen.
In der Zeit, wo die sozialistische Bewegung einen besonderen Aufschwung
in Deutschland nahm, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts,
schien diese Anschauung sich vollständig zu bestätigen. Nach dem
Deutsch-Französischen Kriege trat in Deutschland zunächst eine ungeheure
Prosperität ein, die aber ziemlich schnell ein jähes Ende nahm. Schon in
den Jahren 1873/74 stellte sich ein großer Börsenkrach ein, und ihm
folgte ein ungeheurer Stillstand der Geschäfte, der sich bis in die
achtziger Jahre hinzog. In der Arbeiterwelt sah man eine große
Verelendung vor sich und folgerte daraus auf den Bankrott der
kapitalistischen Wirtschaft. Die marxistische Auffassungsweise drängte
alle früheren sozialistischen Theorien zurück, und sehr stark wuchs die
Meinung, daß man vor einem völligen Zusammenbruch der bürgerlichen
Gesellschaft stehe. Dieser Zusammenbruch ist aber nicht eingetreten,
sondern es stellte sich etwas anderes ein. Von Beginn der neunziger
Jahre ab beginnt eine Prosperitätsperiode, die viel länger andauerte als
die früheren Prosperitätsperioden, und der lange Zeit keine größere
Stagnation folgte. Bürgerliche Ökonomen und auch Sozialisten sahen sich
zu der Frage veranlaßt, wie diese Erscheinung zu erklären und was aus
ihr zu folgern sei. Vielfach erkannte man, daß die Ursache in der
ungeahnten Entwicklung des Transportwesens und der Weltwirtschaft liege,
die eine gewaltige Erweiterung der Märkte bei großer Verbesserung des
Nachrichtenwesens und der Handelsstatistik herbeigeführt habe. Die
Geschäfte konnten besser übersehen werden. Ferner vollzog sich eine
starke Organisation des Kapitals bzw. der Unternehmer in Kartellen und
Syndikaten, die es ermöglichte, gewisse Wirkungen der Krisen abzuwehren,
indem man die Produktion selbst teilweise einschränkte, um so dem
ungeheuren Mißverhältnis zwischen Produktion und Absatz gewisse Grenzen
zu ziehen. Ich selbst folgerte damals aus diesen und noch einigen
anderen Erscheinungen, daß wir mit Krisen, wie sie sich vorher gezeigt
hatten, wohl kaum in absehbarer Zeit zu rechnen haben würden, und habe
das in einer Schrift, die ein gewisses Aufsehen machte, ausgesprochen.
Es hat mir allerhand Entgegnungen eingetragen, darunter ganz besonders
vom Ökonomieprofessor Ludwig Pohle. Meine Schrift war 1899 erschienen,
und schon 1900 stellte sich eine neue Geschäftskrisis ein. Das hielt mir
Pohle triumphierend entgegen. Aber Tatsache ist, daß jene Krise
überraschend schnell ein Ende nahm und schon 1902 sich eine Erholung
einstellte, die sehr lange andauerte, nämlich bis 1906/07, wo wieder ein
Geschäftsdruck eintrat, der aber gleichfalls nur kurz war, und dem dann
bis zum Weltkriege keine größere Depression gefolgt ist.
In der Tat ist also durch die Organisationen des Kapitals und eine ganze
Reihe verwandter Ursachen der Umstand eingetreten, daß die Krisen der
früheren Jahre sich nicht wiederholt haben. Krisenmomente und -faktoren
sind ja immer da, aber auch Gegenkräfte, die zur Zeit, als Karl Marx
schrieb, noch nicht zu übersehen waren. Übrigens hat bis zu einem
gewissen Grade zur Milderung der Krisen auch beigetragen die gewaltige
Steigerung der Rüstungen, die in steigendem Maße Arbeiter beschäftigten.
Der Hinweis auf die Tendenz der Abschwächung der Krisen ist aber
durchaus nicht als Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft
aufzufassen. Daß die Organisation des Kapitals bedeutende Nachteile
hatte, habe ich wie andere nicht verfehlt hervorzuheben, und das muß
auch hier geschehen. Die Krisen, wie sie vordem waren, hatten die eine
gute Wirkung, daß das Bedürfnis der Entlastung des Marktes durch
Verbilligung der Güter nicht aufgehoben, sondern gesteigert wurde, und
damit auch die Rücksicht auf den Konsum der Massen zu ihrem Rechte kam.
Die Krisen konnten -- wie etwa das Fieber von den Ärzten -- betrachtet
werden als eine Art Reaktion des Wirtschaftskörpers zur Überwindung
schädlicher Faktoren. Das war übertrieben optimistisch, aber ein Stück
Wahrheit steckte doch darin. Wenn sich nun das Unternehmerkapital
organisiert und die Krisen mindert, geschieht es zu dem Zwecke, durch
Koalitionen die Preise hochzuhalten. Dadurch wird ein Hauptmoment der
Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft, nämlich die ihr
nachgerühmte ständige Verbilligung der Produkte und dadurch die
Erweiterung des Konsums der großen Masse der Bevölkerung, beeinträchtigt
oder aufgehoben. Man kann daher dieses kapitalistische Gegenmittel doch
nur als von sehr bedingtem Nutzen betrachten und nicht als Mittel zu
völliger Heilung von den Schäden, die die kapitalistische Wirtschaft im
Gefolge hat. Es hebt die Steigerung des Wohlstandes der arbeitenden
Klassen in außerordentlichem Maße wieder auf.
Nun haben wir allerdings Gegenaktionen der Arbeiter selbst in den
Arbeiterorganisationen, Lohnkämpfen usw., die auch manches dazu
beigetragen haben, die Rückwirkung des Druckes des Kapitals auf die Lage
der Massen und die Herrschaft des Kapitals über die Produktion
aufzuhalten. Zu erwähnen ist hierbei das Wachstum der Ansprüche der
Arbeiter. Man kann es natürlich je nach den verschiedenen Standpunkten
sehr verschieden auffassen. Der Sozialist wird diese Steigerung der
Ansprüche für sehr wünschenswert halten. Er wird gegebenenfalls nur
daran Anstoß nehmen, daß die erhöhten Einnahmen der Arbeiter falsch
verwendet werden. Vergesse man aber folgendes nicht. Der Arbeiter, der
lange Arbeitszeit hat, kann, wenn die Löhne steigen, nicht so schnell
seine Lebensweise ändern, er wird daher den in guter Konjunktur
erlangten Mehrverdienst in der Tat zum Teil vergeuden. Dazu, daß er ihn
besser verwendet, gehört ein regelmäßiges Steigen, nicht ein Auf- und
Absteigen und Sinken nach der Konjunktur. Abgesehen von der Berechtigung
der Arbeiter, ihre Ansprüche zu erhöhen, darf auch ein Zweites nicht
vergessen werden, nämlich, daß mit dem Steigen des Reichtums der
bürgerlichen Gesellschaft allmählich auch dem Arbeiter die
Lebensansprüche von selbst sich erhöhen. Er lebt doch in der
Gesellschaft, sieht, was dort vorgeht, und muß sich der allgemeinen
Entwicklung der Lebensgewohnheiten anpassen. Gewisse Wohnungen, mit
denen er sich früher begnügte, werden nicht mehr hergestellt, weil die
hygienischen Ansprüche gesteigert sind, und auch die Wohnungspolizei
andere Grundsätze aufstellt. Die sozialen Ansprüche _an_ den Arbeiter
erhöhen sich, und er muß sie auch erhöhen. Das ist einer der Faktoren
des ständigen Kampfes um die Löhne, und das führt uns hinüber zum Thema
von den Klassenkämpfen in der modernen Gesellschaft.
Vorher möchte ich jedoch noch einiges sagen über die Rückwirkungen des
Krieges und der Revolution auf die Wirtschaftsentwicklung. Im ganzen
wäre es voreilig, hier prophezeien zu wollen, weil die Rückwirkung sich
im ganzen noch gar nicht übersehen läßt angesichts der vollständigen
Ungeordnetheit der Verhältnisse, die sich eingestellt haben. Wir
übersehen noch nicht vollständig die wirtschaftlichen Rückwirkungen der
großen Gegensätze zwischen den Nationen und die großen Verschiebungen
innerhalb der Klassen. Wir haben noch keine Statistik darüber, ob die
Entwicklung der Klassen, die oben vorgeführt wurde, in der Weise anhält,
wie wir das im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege gesehen haben. Wir
können noch nicht übersehen, ob wir noch weiterhin etwa jene Zunahme der
mittleren Einkommenschichten haben werden, die vor dem Kriege zu
verzeichnen war. Es fehlt uns eine Statistik über die gegenwärtige
Stärke der Klassen. Wie sie sich in Deutschland gestalten wird, ist ganz
besonders deshalb schwer zu sagen, weil seine Industrie mit
unberechenbaren Schwierigkeiten zu rechnen hat. Deutschlands
Absatzmöglichkeiten in der Welt haben sehr abgenommen, Deutschlands
sachliche Produktionskosten haben sich ungemein gesteigert. Es muß seine
Rohstoffe, Erze usw. jetzt zum großen Teile aus Ländern mit hoher Valuta
kaufen, und daher entsteht die große Frage, ob die Industrie noch weiter
die Stellung in der Weltwirtschaft einnehmen kann, die sie vor dem
Kriege eingenommen hat. Im allgemeinen wird wohl die Tendenz dahin
gehen, daß wir eine Zunahme der Beschäftigung in der Landwirtschaft
haben werden, das heißt eine relative Vermehrung der landwirtschaftlichen
Bevölkerung, weil Deutschland nicht die Mittel hat, die Nahrungs- und
Genußmittel in dem früheren großen Umfange aus dem Auslande zu kaufen.
Ein großer Teil der deutschen Sozialpolitik wird jetzt darauf gerichtet
sein, mehr Bevölkerung aufs Land zu bringen, als vom Lande in die
Industrie und die Städte abfließt, eine Frage, an die sich eine ganze
Reihe von Problemen des Sozialismus knüpfen. Das bloße Herausgehen der
Arbeiter auf das Land würde unter den bisherigen Verhältnissen
tatsächlich eine Herabsetzung ihres ökonomischen, sozialen und
kulturellen Höhenstandes bedeuten. Es müssen daher Maßnahmen getroffen
werden, diese Wirkung zu verhüten. Eine andere Erscheinung von Bedeutung
ist die ungeheure Expropriation von Angehörigen der Mittelklassen durch
den Sturz der Valuta. Hunderttausende von Kleinrentnern sind durch ihn
vollständig proletarisiert worden. In welchem Umfange nun andere Klassen
und Schichten durch ihn hochgekommen sind, das können wir gleichfalls
noch nicht übersehen. Diese Dinge sind aber bedeutungsvoll für die
Verschiebung der politischen Machtverhältnisse in der Gesellschaft, und
auch das führt uns zurück auf die Frage der Klassenkämpfe in der
modernen Gesellschaft. Sie sind der Gegenstand des folgenden Kapitels
und leiten über zu der weiteren Frage der Theorien über den Staat in den
Reihen der Sozialisten.
Fünftes Kapitel.
Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf.
Die Frage des Klassenkampfes in der bürgerlichen Gesellschaft hat in der
Literatur des Sozialismus als Streitgegenstand Boden gefaßt auf Grund
der von Karl Marx und Friedrich Engels in dem Manifest der
Kommunistischen Partei niedergelegten Lehre. Dieses Schriftwerk, das
Marx und Engels Ende 1847 ausgearbeitet haben und das Anfang 1848
erschienen ist, hat in der Sozialdemokratie aller Länder eine große
Bedeutung erlangt. Es ist in unzählige Sprachen übersetzt worden und hat
das Ansehen einer Art von Katechismus für die sozialistische Bewegung,
ist auch jedenfalls außerordentlich lesenswert --, schon wegen seiner
wunderbar lapidaren Sprache, zugleich aber auch wegen des großen
Einflusses, den es auf das sozialistische Denken ausgeübt hat und noch
ausübt. Es sei nur daran erinnert, daß die Bolschewisten, die sich
überall Kommunisten nennen, vornehmlich auf diese Schrift sich berufen.
Im Kommunistischen Manifest nun liest man im ersten Absatz gleich nach
der Einleitung:
»Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von
Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener,
Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in
stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald
versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer
revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit
dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.«
Dieser Satz ist sehr stark angegriffen worden, was großenteils der
ziemlich roh simplizistischen Auslegung geschuldet ist, die er in
sozialistischen Reihen gefunden hatte. Viele faßten ihn so auf, daß die
ganze Geschichte aus einer Kette von erbitterten Klassenkämpfen bestehe.
Solches sagt der Satz aber nicht. Es ist Marx und Engels, diesen guten
Kennern der Geschichte, niemals eingefallen, eine so platte Behauptung
aufzustellen. Was sie tatsächlich wollten, war, die Tatsache zur
Anschauung zu bringen, daß durch die ganze Geschichte der Menschheit --
Engels hat das später eingeschränkt: mit Ausnahme der Urgeschichte --
sich Klassengegensätze ziehen, die sich stets früher oder später zu
heftigen Klassenkämpfen zuspitzen. Marx hat denn auch 1859 im Vorwort zu
seiner Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie« dem Gedanken eine
mehr wissenschaftliche Form gegeben. Er knüpft da an die Theorie
Saint-Simons an, daß die Geschichte der Menschheit sich vollzieht in
abwechselnden Perioden, eine sogenannte organische Periode, wo sich die
Gegensätze einrenken und die Entwicklung sich verhältnismäßig regelrecht
vollzieht ohne große Kämpfe, und dann eine eigentliche kritische
Periode, wo es zu Revolutionen kommt, und legt in knappen Sätzen das
Wesen dieser Periodizität dar. Solange Klassen in der Gesellschaft
bestehen, bestehen auch Klassengegensätze, die wirtschaftliche
Entwicklung erzeugt sie in immer neuen Formen und treibt sie auf die
Spitze. Eine jeweilige Unterschicht drängt nach oben, und ist sie stark
genug, um herrschende Klasse werden zu wollen und zu können, dann tritt
die Periode sozialer Revolution ein, die auch wiederum nicht plump
genommen werden darf als bloßer Straßenkampf. Der ganze
Gesellschaftszustand ist vielmehr erschüttert, die sozialen Kämpfe der
Klassen nehmen größere Intensität an, die herrschenden Schichten fühlen
sich nicht mehr sicher, und schließlich findet so oder so eine soziale
und politische Umwälzung statt. Die Tatsache läßt sich auch gar nicht
bestreiten, dagegen ist gegen den obigen Satz des Kommunistischen
Manifests der Vorwurf des Plagiats erhoben worden. Ein grusinischer
Sozialist W. Tscherkesow zitiert dafür einen Spruch des Ökonomen Adolphe
Blanqui, Bruder des Kommunisten und Revolutionärs Auguste Blanqui.
Dieser Adolphe Blanqui hatte nämlich im Jahre 1825 geschrieben:
»Es hat immer nur zwei sich gegenüberstehende Parteien gegeben, die
der Leute, die von ihrer Arbeit leben wollen und die der Leute, die
von der Arbeit anderer leben wollen. Patrizier und Plebejer. Freie und
Hörige, Sklaven und Freigelassene. Welf und Waibling, Rote und Weiße
Rose. Kavaliere und Rundköpfe, alles sind nur veränderte Formen
derselben Gattung.«
Dieser Satz sieht allerdings dem im Kommunistischen Manifest
niedergelegten ungemein ähnlich, und die Behauptung, daß Marx ein
Plagiat ausgeübt habe, konnte einen Schein von Berechtigung haben. Wenn
man aber die zwei Aussprüche näher betrachtet, wird man doch auf einen
gewaltigen Unterschied stoßen. Bei Blanqui werden ganz verschiedenartige
Gegensätze durcheinander geworfen. Welfen und Waiblinge stehen sich ganz
anders gegenüber als Proletarier und kapitalistische Unternehmer. Es
sind zwei gleichgeartete Parteien, die gegeneinander kämpfen, weil jede
Herrscherin sein will, die aber keinen sozialen Gegensatz vertreten.
Dann Freie und Hörige. Das ist ein Unterschied, aber kein
Klassengegensatz. Bei Marx heißt es: »Freie und Sklaven«. Die Hörigen
sind schon nicht mehr Sklaven. Marx schreibt denn auch: »Baron und
Leibeigener«, worin sich das feudale Verhältnis scharf ausprägt. Er und
Engels beschränken sich auf Anreihung wirklich wesensgleicher
Unterschiede. Im übrigen lagen solche Gegenüberstellungen so sehr im
Geist der damaligen Epoche, daß es nicht schwer halten würde, Vorgänger
auch von Blanqui zu finden. Marx hat niemals behauptet, seine Gedanken
seien nie vorher von anderen ausgesprochen worden. Aber jedenfalls
offenbart sich in der marxistischen Zusammenfassung gegenüber der
Blanquischen ein bedeutender Fortschritt: eine viel stärkere
Präzisierung des Wesens der wirtschaftlichen und sozialen Gegensätze.
Dennoch ist auch bei Marx-Engels an manchem Kritik zu üben, auch ihre
Systematik ist nicht ganz fehlerfrei. Sie stellen schlechthin
Zunftbürger und Gesellen gegenüber. Aber zwischen Zunftbürger und
Gesellen findet tatsächlich jahrhundertelang kein Klassengegensatz
statt. Nichts von dem, was man über angebliche Klassenkämpfe zwischen
Zunftbürger und Gesellen im Mittelalter liest, hält näherer Prüfung
stand. Über die Gesellenbewegungen des Mittelalters hat ein sehr
wertvolles Buch Georg Schanz geschrieben: »Die Geschichte der deutschen
Gesellenverbände«. Er teilt da 53 Urkunden mit, aber wenn man sie genau
ansieht, so zeigt sich, daß nicht eine davon einen wirklichen
Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftmeistern behandelt. Bruno
Schönlank spricht in seinem Buche »Soziale Kämpfe vor drei
Jahrhunderten« beständig von Klassenkämpfen, aber er führt nicht einen
einzigen wirklichen Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftbürgern vor.
Einer der berühmteren Zunftkämpfe der Gesellen des Mittelalters war der
Kampf der Kolmarer Bäckergesellen, der zehn Jahre dauerte, von 1495 bis
1505. Worum drehte sich aber dieser Kampf? Um die Stellung der Bäcker in
der Kirchenprozession. Nun ist das damals keine so leicht zu nehmende
Sache gewesen wie es heute erscheint. Vor der Reformation, in einer
Zeit, wo die Kirche noch das ganze bürgerlich-soziale Leben erfüllte, wo
die Prozessionen eine gesellschaftliche Bedeutung hatten und die soziale
Rangstellung der einzelnen und Gruppen sich darin ausprägte, welche
Stelle sie in der Prozession einnahmen, in dieser Zeit hatte ein solcher
Streit eine ganz andere Bedeutung als heute. Aber ein Klassenkampf war
er nicht, er war mehr ein Kampf von Gewerbe gegen andere Gewerbe. Ich
habe ziemlich genau verfolgt, worum die Gesellen damals kämpften. Als
ich mich mit der Geschichte eines bestimmten Gewerbes beschäftigte, habe
ich eine ganze Reihe von Urkunden dieses und anderer Gewerbe
durchstudiert, und niemals bin ich einem Kampf begegnet, der ein
eigentlicher Klassenkampf war. Es hat sich oft um Streitigkeiten
zwischen Meistern und Gesellen gehandelt. Streitigkeiten sind aber noch
kein Klassenkampf. Oft waren die Streitigkeiten zwischen Gesellen und
Meistern ähnlich den Streitigkeiten, wie wir sie heute etwa zwischen
Studenten und Professoren haben. Die Studenten haben gegen die Senate
manchmal Beschwerden und bringen sie in den Ausschüssen zur Geltung;
aber man wird nicht behaupten wollen, daß solche Konflikte Klassenkämpfe
seien.
Das führt uns zu der Frage: Was bedeutet überhaupt eine Klasse? Eine
Klasse ist nicht zu verwechseln mit einem Stand. Lange hat solche
Verwechslung stattgefunden, hat man das eine Wort für das andere
gebraucht. Selbst ein so klarer Denker und in der Wahl seiner Ausdrücke
gewöhnlich außerordentlich sorgfältiger Schriftsteller wie Ferdinand
Lassalle gab seiner berühmten Schrift, die später den Namen »Das
Arbeiterprogramm« erhielt, den Titel: »Über den Zusammenhang der Idee
der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Bedeutung des
Arbeiterstandes«. Es ist eine wahrhaft klassische Schrift, die ich jedem
zu lesen empfehle, der sich mit der Gedankenwelt des Sozialismus
vertraut machen will, zumal Lassalle ein Meister des Stils war. Einige
seiner populären Schriften sind so vorzüglich geschrieben, daß meiner
Ansicht nach es ratsam sein würde, Stücke aus ihnen in die Schulbücher
als Lehrgegenstand einzuführen, als Muster guter, klarer Darstellung,
sowie auch als Gegenstücke gegen die schändliche Mißhandlung, die die
deutsche Sprache heute in der Tagesjournalistik erfährt. Lassalle
braucht also mit Bezug auf die Lohnarbeiter den Ausdruck Arbeiterstand.
Aber schon damals konnte man nicht mehr von einem solchen Stande
sprechen. Nach Ständen gruppiert war die Gesellschaft im Mittelalter und
Spätmittelalter. Der Stand ist eine abgegrenzte Schicht mit besonderen
Rechten, die gesetzlich geregelt sind. Die Aufnahme in den Stand ist
begrenzt, er hat seine eigenen Rechte und Gesetze. Im allgemeinen
herrscht im Stande lange eine starke Gleichheit der Lebenslage, erst
nach und nach bilden sich in einzelnen von ihnen größere ökonomische
Unterschiede, wie wir sie auch bei den Kasten in Indien finden, die ja
nur eine Verschärfung der Standeseinteilung sind, oder vielmehr eine
schärfere Vorstufe. In Indien kommt es vor, daß eine tieferstehende
Kaste oft sehr reiche Mitglieder hat und höherstehende Kasten ärmere
Mitglieder. Aber selbst die ärmsten Mitglieder der höheren Kaste fühlen
sich entehrt, wenn sie mit einem noch so reichen Mitgliede einer unter
ihnen stehenden Kaste an einem Tische speisen sollen. Das war natürlich
bei uns im Mittelalter nicht im gleichen Maße der Fall, aber die Stände
haben sich doch viel schärfer abgegrenzt als heute die Klassen, und
jeder einzelne Beruf, jede Zunft bildete einen Stand. Er grenzte sich
gegen andere ab und empfand keinerlei Solidarität mit anderen Ständen.
Dieser Zunftgeist hat sich bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts
fortgepflanzt. Selbst in meiner Jugendzeit noch war allgemein zwischen
Schuhmacher- und Schlossergeselle etwa oder Tischlergesellen wenig
Solidaritätsgefühl vorhanden. In der Hasenheide zu Berlin haben sie auf
den Tanzböden Kämpfe miteinander geführt, die Tatsache, daß sie
gemeinsam einer proletarischen Klasse angehörten, haben sie wenig
beachtet. Sie kannten wohl den Unterschied von arm und reich, von
Meister und Geselle, aber sie wären erstaunt gewesen, wenn man ihnen
gesagt hätte, daß der Schuhmachergeselle das gleiche sei wie ein
Schlossergeselle; sie empfanden oft eine stärkere Solidarität mit ihren
Meistern als mit den Gesellen eines anderen Gewerbes. Ja, als die
kapitalistische Produktion anfing sich durchsetzen, sind die Gesellen
oft ihr gegenüber viel konservativer als die Meister. Die Verfolgung der
nicht zünftigen Handwerker -- im Schneiderberufe nannte man sie
Bönhasen -- und die Kämpfe gegen die eindringende Maschine sind von
seiten der Gesellen zum großen Teile viel heftiger geführt worden als
von den Meistern. Die Klasse ist etwas ganz anderes als der Stand. Die
Klasse ist eine soziale Schicht, die allerdings auch gebildet wird durch
Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse, aber sie ist keine durch Gesetz
oder Satzung und Berufszugehörigkeit abgegrenzte Schicht, sondern sie
ist der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen. Die
Klassenbildung geht neben der Standesentwicklung und später auch
innerhalb des Standes selber vor sich. Die Klasse sprengt je nachdem den
Stand. Die Linien der Abgrenzung der Stände gehen vertikal, die der
Unterscheidung der Klassen horizontal, d. h. nach der Höhe von Besitz
und Einkommen. Es sei hierfür auf ein anderes Stück des Kommunistischen
Manifestes verwiesen. Auf Seite 24 der neuesten deutschen Ausgabe heißt
es dort:
»Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene
moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht
aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der
Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten
gesetzt.«
Das ist natürlich richtig, das ist eingetreten. Die feudale Gesellschaft
ging an einer ganzen Reihe von Umständen zugrunde, die teils auf die
Entwicklung des Weltverkehrs, teils der inneren Wirtschaftsverhältnisse
zurückzuführen sind und die zur Folge hatten ein starkes Anwachsen der
Städte, deren größere Bedeutung und Macht und zugleich eine Steigerung
des zunächst gegen die Feudalherren gerichteten fürstlichen
Absolutismus. Es entsteht der absolute Staat, und die feudale
Gesellschaft wird gesprengt, zum Teil unter Mitwirkung der staatlichen
Gesetzgebung.
Das Kommunistische Manifest sagt in dem Absatz »Bourgeoisie und
Proletarier« weiterhin:
»Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch
dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze
Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche
Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen:
Bourgeoisie und Proletariat.«
Das nahmen die Verfasser des Manifestes, das nahmen auch alle
Sozialisten, die Schüler von Marx und Engels waren, das nahm gleichfalls
Ferdinand Lassalle an. Sie alle folgerten, daß die Gesellschaft sich
vereinfache zu dem großen Gegensatz: Bourgeoisie und Proletariat,
während die in der Mitte stehenden sozialen Zwischenschichten
verschwinden. In dieser Annahme steckt auch etwas Richtiges, aber sie
erschöpft die Sache nicht. Es ist eben der große Fehler, den auch die
modernen Kommunisten begehen, daß sie das Kommunistische Manifest als
das höchste Produkt des Marxschen Geistes maßgebend sein lassen wollen.
Aber das Kommunistische Manifest ist ein Produkt der Frühentwicklung von
Marx und Engels, und so bedeutende Geister die beiden auch schon damals
waren, so muß man ihnen doch das Recht der Jugend zuerkennen, die einer
vorschnellen Verallgemeinerung zuneigt. Was sie in England vor sich
gesehen hatten, dem Musterland der kapitalistischen Wirtschaft, dem
sprachen sie eine Entwicklung in gerader Linie zu, verallgemeinerten und
bezogen es auf die ganze moderne Gesellschaft. Zum großen Teile ist ihre
damals gefolgerte Vorhersage aber nicht eingetroffen. Liest man die
Schriften, die Marx auf der Höhe seiner Entwicklung geschrieben hat, so
findet man eine ganz andere Sprache. Im dritten Bande seines Werkes »Das
Kapital«, das freilich die wenigsten gelesen haben -- von den Schülern
Marx' abgesehen werden es kaum etliche Hundert gelesen haben --,
unterscheidet Marx erstens noch einen anderen Faktor sehr streng, auf
den er in dem Kommunistischen Manifest noch gar keinen Bezug nimmt, er
unterscheidet nämlich Grundbesitz von Kapitalbesitz. Demgemäß teilt er
nun die Klassen anders ein. Er spricht von den drei _großen_ Klassen der
modernen Gesellschaft, die sich durch die Natur der Quelle ihres
Einkommens, nämlich Arbeitslohn, Profit und Grundrente, unterscheiden,
und dann von einer Vielheit der Schichten innerhalb dieser großen
Klassen. Er schreibt im letzten »Die Klassen« überschriebenen Kapitel:
»Die Eigentümer von bloßer Arbeitskraft, die Eigentümer von Kapital
und die Grundeigentümer, deren respektive Einkommensquellen
Arbeitslohn, Profit und Grundrente sind, also Lohnarbeiter,
Kapitalisten und Grundeigentümer, bilden die drei großen Klassen in
der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden
Gesellschaft.
In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft in ihrer
ökonomischen Gliederung am weitesten, klassischsten entwickelt.
Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor.
_Mittel- und Übergangsstufen vertuschen auch hier_ (obgleich auf dem
Lande unvergleichlich weniger als in den Städten) _überall die
Grenzbestimmungen._«
Man sieht schon hier, daß man nicht damit fertig wird, einfach zu
sprechen von den beiden großen Klassen »Bourgeoisie und Proletariat«.
Marx wirft alsdann die Frage auf: »Was bildet die Klassen?« und
schreibt, daß hiernach auf den ersten Blick die »Dieselbigkeit der
Revenuen und Revenuenquellen« sich als maßgebend zeige. Indes würden,
fährt er fort, »von diesem Standpunkte aus z. B. Ärzte und Beamte auch
zwei Klassen bilden«, und »dasselbe gälte für die _unendliche
Zersplitterung der Interessen und Stellungen_, worin _die Teilung der
gesellschaftlichen Arbeit_ die Arbeiter wie die Kapitalisten und
Grundeigentümer -- letztere z. B. in Weinbergbesitzer, Äckerbesitzer,
Waldbesitzer, Bergwerksbesitzer, Fischereibesitzer -- spaltet!«
Hier bricht das Manuskript zum dritten Bande ab. Marx ist leider nicht
über die ersten Sätze des für seine Theorie so wichtigen Kapitels
hinausgekommen. Es mag dahingestellt bleiben, warum er gerade an ihm so
wenig gearbeitet hat. Wir können nur so viel sagen, daß selbst wenn er
dazu gekommen wäre, es zu vollenden, es für heute doch unzureichend sein
würde. Denn seit der Zeit, wo Marx das Zitierte geschrieben hat -- seine
letzten Arbeiten am dritten Bande datieren vom Anfang der siebziger
Jahre --, hat die Entwicklung so vieles an der sozialen Schichtung
geändert, so viele neue Erscheinungen gezeitigt, daß das Bild, das er zu
jener Zeit geben konnte, doch heute unvollständig und vielfach sogar
unrichtig sein würde. Was z. B. bei ihm in der Wertung noch vollständig
vernachlässigt wird, ist die Frage des technischen und kaufmännischen
Personals in der Volkswirtschaft. Wir wissen, welche bedeutende Zunahme
diese Klasse seit dem Tode von Marx erfahren hat.
Wenn heute ein großer Teil der Angestellten, und zwar nicht nur der
technischen Angestellten, eine starke Gemeinsamkeit der Interessen mit
den Arbeitern empfinden, sich ähnlich wie die Arbeiter organisieren und
viele sich ihnen ganz zurechnen, so hat man lange Zeit ganz anderes
beobachtet, und es bleibt auch heute noch ein ziemlich starker
Prozentsatz übrig von kaufmännischen und technischen Angestellten, die
auf Grund ihrer Klassenherkunft und Erziehung sich mehr den Unternehmern
nahefühlen, Elemente, die eine Zwischenstellung einnehmen und die die
bürgerlichen Volkswirtschaftler seinerzeit als den »neuen Mittelstand«
begrüßt haben, der an Stelle der teilweise verschwundenen
Mittelstandsunternehmer getreten sei. Jedenfalls bot die kapitalistische
Gesellschaft in der Tat am Vorabend des Weltkrieges ein anderes Bild
dar, als Marx es zu seiner Zeit vorzeichnen konnte.
Marx leitet die Klassenzugehörigkeit, wie wir gesehen haben, von der
Natur der Einkommensquellen ab und gruppiert diese in Grundrente,
Profit, Lohn. Er schweigt vom Gehalt und rechnet das Gehalt offenbar dem
Lohn zu. Aber das läßt die gewaltigen Unterschiede aus, die z. B. bei
den Beamten bestehen, die doch gleichfalls Gehalt beziehen. Auch die
Schicht der Beamten hat in der Neuzeit sehr zugenommen, sie ist durch
die ungeheure Ausdehnung der Verwaltung bedeutend vermehrt worden, und
wenn die Angestellten und Beamten zeitweise eine Gemeinsamkeit der
Interessen mit den Arbeitern empfinden, so kommt es doch auch zwischen
ihnen und jenen zu Gegensätzlichkeiten der Interessen. Welche
bedeutsamen Unterschiede zwischen den Grundbesitzern bestehen, je
nachdem es sich um rein landwirtschaftlichen Grundbesitz, um Waldbesitz,
Weinbergbesitz oder um Grundbesitz in Bergbau und Fischerei handelt,
läßt Marx selbst durchblicken, und so sehen wir schon, daß die moderne
Gesellschaft keineswegs das ganz einfache Bild darstellt, wie es sich
dem oberflächlichen Leser des Kommunistischen Manifestes zeigt: hier
Bourgeoisie, hier Proletariat, und die Mittelschichten verschwinden.
Nein, die Mittelschichten verschwinden nicht, aber sie ändern ihren
Charakter. Früher fühlte sich vielfach der Handwerksmeister den
Arbeitern viel näher als den Großunternehmern, in denen er geradezu
seine Feinde erblickte, die ihn durch kapitalistische Konkurrenz
unterdrückten. Wir haben dann noch, was Marx nicht erwähnt, die
Lebensfähigkeit des bäuerlichen Betriebes erkennen gelernt. Auf die
Gründe dieser Lebensfähigkeit kann hier nicht eingegangen werden, ihre
Tatsache wird überall durch die Statistik erwiesen. Im allgemeinen kann
man sagen, daß der kleinbäuerliche Betrieb beim Getreidebau dem
Großbesitz gegenüber nicht konkurrenzfähig ist, wo es sich um ebenen
Boden handelt, der leicht mit der Maschine bearbeitet werden kann; daß
dagegen das Verhältnis sich ändert bei hügeligem Boden, und ebenso ist
das Verhältnis ein anderes bei der Viehzucht. Entscheidend ist hierbei,
daß die Arbeit nicht ein rein physischer Prozeß ist, sondern daß sie
auch seelische Momente umschließt, so daß die Arbeit des Kleinbauern,
der sein eigenes Gut bewirtet, sein eigenes Vieh züchtet, einen anderen
Charakter hat als die des Knechtes auf dem Gute des Großbauern und
Großgrundbesitzers. Selbst in Industrie und Handel haben sich die
kleinen und Mittelbetriebe nicht nur gehalten, sondern ihre Zahl noch
vermehrt.
Zwischen allen diesen sozialen Schichten nun findet in der Tat ein mehr
oder minder intensiver Klassengegensatz, ein Gegensatz der Interessen
statt, und wo Gegensätze der Interessen sind, da gibt es auch jeweils
mehr oder weniger heftige Kämpfe. Wo der Großgrundbesitz, namentlich der
Latifundienbesitz, vorherrscht, gibt es Kämpfe der Bauern mit diesen
Großgrundbesitzern. Es bilden sich demokratische Bauernparteien, die
sich dadurch verkürzt fühlen, daß große Teile des Bodens in den Händen
der Großgrundbesitzer sind. In fast allen Ländern haben da zeitweilig
wirkliche Klassenkämpfe stattgefunden. In Deutschland liegen diese
Kämpfe längere Zeit zurück, nachdem sich durch die Bewegung für
Agrarzölle eine Interessensolidarität zwischen einem großen Teile der
Bauern und den Großgrundbesitzern eingestellt hatte. Große und kleine
Landwirte haben sich zusammen organisiert zum Kampf gegen die Händler
und darüber hinaus eigentlich auch gegen die Verbraucher. Sie forderten
hohe Zölle, um ihre Produkte nach ihrer Ansicht preiswert verkaufen zu
können, und standen damit im Gegensatz zu der großen Masse der
Verbraucher, die nicht selbst Produzenten sind. In Deutschland haben wir
ferner eine Verbindung gehabt zwischen Industriellen und Landwirten, die
große Koalition für einen beiden zugute kommenden Zolltarif.
Aber die Bevölkerung besteht in ihrer Mehrheit aus Verbrauchern, die
nicht Unternehmer in der Produktion sind -- Produzenten sind die
Arbeiter ja auch, aber nicht Unternehmer --, sondern Verbraucher, ebenso
sind Verbraucher die Lehrer, Beamten usw. Hier stellt sich ein
Klassenkampf ein, der sich zwar nicht auf der Straße abspielt, sondern
in den Parlamenten und in der Presse. Aber Kampf bleibt Kampf. Der Kampf
der Landwirte gegen die Verbraucher, der Verbraucher gegen die
Produzenten, der Handwerker gegen Handel und Großindustrie, alles das
sind Klassenkämpfe. Diejenigen Handwerksmeister, die ihre
Meisterherrlichkeit bewahren wollen durch das Mittel von Zwangsgesetzen,
Zünften, Zwangsinnungen usw., kämpfen je nachdem einerseits gegen die
Arbeiter, andererseits gegen den Handel. Sie suchen sich gegen diesen zu
schützen, weil er sie nach ihrer Ansicht dadurch bedrückt, daß er ihre
Produkte vermeintlich billiger auf den Markt bringt, als sie sie
produzieren können. Ein latenter, d. h. sich nicht in der üblichen Form
äußernder Klassenkampf liegt vor, wo die Großkapitalisten in der
Industrie sich verbunden haben in Kartellen, er richtet sich gegen die
Verbraucher, denn die Kartelle sind immer mit dem Zwecke verbunden, die
Preise hochzuhalten. Daneben gibt es den Kampf der Kartelle gegen
diejenigen Unternehmer ihres Industriezweiges, die ihnen nicht
angeschlossen sind, gegen die sogenannten Außenseiter. Man weiß, zu
welch scharfen Mitteln die Kartelle vielfach greifen, um die Außenseiter
entweder zum Eintritt zu zwingen oder ganz lahmzulegen. Man kennt die
Fälle, wo die Kartelle über die Außenseiter eine Art Boykott verhängt,
wo sie ihnen den Bezug von Rohstoffen und Hilfsmitteln völlig verlegt
haben, Mittel des Kampfes, die mindestens so scharf sind, wie sie die
Arbeiter ihrerseits im Gewerkschaftskampf anwenden. Das sind
Klassenkämpfe oder Teile von solchen in der modernen Gesellschaft, in
den Schichten der Unternehmer und relativ selbständiger
Bevölkerungsklassen selber. Es gibt dann noch Pseudoklassenkämpfe. Als
Beispiel könnte ich erwähnen, daß im Weltkrieg verschiedene Leute bei
uns, darunter ein bekannter -- ich möchte ihn nicht nennen --
Schriftsteller den Kampf Deutschlands gegen England als einen
Klassenkampf hinstellten, wobei Deutschland der arme Proletarier und
England der kapitalistische Ausbeuter sein sollte. Das war für die
Kriegsstimmung ein sehr bestechendes Bild, aber es traf nicht zu. Denn
soweit der Kampf Wirtschaftskampf war, war es nur ein Interessenkampf,
nicht aber ein Klassenkampf. Wenn andererseits heute der Führer der
polnischen Partei in Oberschlesien, Korfanty, in seiner Presse schreiben
läßt, was in vielen Ländern auch Eindruck macht, sein Kampf sei der
Kampf des polnischen Proletariats gegen das deutsche Kapital, so ist das
ebenfalls nicht richtig. Wenn z. B. die große Mehrheit der Bergarbeiter
in Oberschlesien Polen sind, so sind doch die meisten Metallarbeiter
Oberschlesiens Deutsche. Auch sind viel polnisch sprechende Arbeiter
Oberschlesiens für dessen Verbleiben bei Deutschland. Der dortige Kampf
ist, auch wenn er hier und dort Arbeitern als Klassenkampf erscheint, im
Wesen ein nationaler Kampf und nichts anderes.
Aber von allen diesen Klassenkämpfen, die sich heute in der
Gesellschaft unter den verschiedensten Formen abspielen, zeitweise sehr
heftige Gestalt annehmen und dann abflauen und zurückgedrängt werden von
anderen Kämpfen, bleibt doch der größte Klassenkampf immerhin der Kampf
zwischen der Klasse der Arbeiter, den Lohnempfängern, und der Klasse der
Unternehmer. Die große Ausdehnung dieses Kampfes ist die natürliche
Folge der großen Ausdehnung der modernen Industrie. Die Arbeiterklasse
nimmt in der heutigen Gesellschaft einen immer größeren Raum ein, einen
unendlich viel größeren als zu der Zeit, wo Lassalle schrieb. Im Jahre
1907 hatten wir in Industrie, Handel und Verkehr 17 Millionen
Lohnarbeiter. Wo lebten diese Arbeiter? In überwiegender Zahl in den
großen Städten und Industriezentren, dort gerade, wo das geistige und
politische Leben der Nation am intensivsten pulsiert, während die
Landwirtschaft meist von diesem Leben abgetrennt ist. In den Großstädten
und Industriezentren nun spielen die Arbeiter eine wachsend
einflußreiche Rolle; sie nehmen in der Bevölkerung einen immer größeren
Raum ein und wirken dadurch allein schon sehr stark zurück auf das
allgemeine Urteil und, je nachdem sie sich Rechte erkämpfen, später auch
auf die Politik. Der Kampf der Arbeiterklasse vollzieht sich in
verschiedenen Formen als Kampf um Einfluß und Macht in Staat und
Gemeinden, um Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung. Solange die
Arbeiter eine kleine Schicht und noch nicht zu einem Klassenbewußtsein
gelangt sind, ist davon wenig zu merken. Auch heute noch sind an kleinen
Orten, wo die Zahl der Lohnarbeiter gering ist, oft die meisten davon
politisch indifferent. Aber je mehr die Zahl der Arbeiter in den Zentren
anwächst, um so mehr Anteil nehmen sie am öffentlichen Leben und fühlen
das Bedürfnis, in Staat und Gemeinden vertreten zu sein und Einfluß und
Macht zu gewinnen. Dieser Einfluß steigert sich mit der Zunahme
demokratischer Einrichtungen, mit der Erweiterung des Wahlrechtes, das
auf die Dauer den Arbeitern auch gar nicht vorenthalten werden kann.
Selbst vor der Revolution schon haben bei uns in Deutschland die
Arbeiter einen erheblichen politischen Einfluß ausgeübt. Abgesehen
davon, daß man ihnen 1866 bei Gründung des Norddeutschen Bundes das
allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gab, mußte man ihnen auch den
Eintritt in die Gemeinden erleichtern. Schließlich ist auch die einst so
feste Mauer des preußischen Dreiklassenwahlrechts vor ihrem Ansturm
durchbrochen worden. Unter dem erweiterten Wahlrecht drangen sie in
wachsender Zahl in die öffentlichen Körperschaften ein und, was fast
noch wichtiger ist, durch ihre Stärke und Zahl und die Intensität ihres
Kampfes erlangten sie auch einen bedeutenden Einfluß auf die große
öffentliche Meinung. Man sprach in den Hörsälen, in den Parlamenten und
in der Regierung ganz anders von den Bedürfnissen und Forderungen der
Arbeiterklasse als vorher. Die Arbeiter setzten eine ganze Reihe wenn
auch nicht revolutionärer aber doch in bezug auf ihre soziale Tragweite
sehr bedeutungsvoller Reformen durch. Das ist die eine, die politische
Form des Arbeiterkampfes. Wie er seinerzeit Marx erschien, war er
wesentlich auf die Revolution gerichtet, worunter hier nicht eine
soziale Änderung zu verstehen ist, die sich in den Dingen vollzieht,
sondern daß eine Klasse durch Aufstand usw. sich an die Herrschaft setzt
und die an ihr befindlichen Klassen verdrängt. Darauf zielte noch die
Marxsche Bewegung ab, darauf mußte sie abzielen, denn als Marx schrieb,
hatten die Arbeiter noch in keinem Lande das Wahlrecht. Sie mußten es
erst erkämpfen, und nach Lage der Dinge schien es, als ob sie dieses
Recht nur auf dem Wege gewaltsamer Revolution erkämpfen könnten. Nachdem
es aber erkämpft war, was in den meisten Ländern auf andere Weise
geschah, mußte sich ein ganz anderer politischer Kampf der
Arbeiterklasse entwickeln. Zum Teil haben das Marx und Engels noch
erlebt und dafür auch wachsendes Verständnis und Interesse gezeigt. Sie
haben an den Wahlkämpfen der Arbeiterparteien geistig lebhaften Anteil
genommen. Nicht erlebt haben sie aber die unsere Epoche auszeichnende
stärkere Tätigkeit der Arbeiter in den öffentlichen Verwaltungskörpern,
den Zwangsgenossenschaften, Gemeinden, Land, Reich, und in ihren eigenen
freien Verwaltungskörpern. Es ist indes zweifellos, daß ohne die
Erziehung zur Verwaltung der Einfluß des Proletariats in der
Gesellschaft auf die Dauer nur begrenzt sein kann. Sie selbst aber
konnte erst verwirklicht werden und ein Resultat sein einer mehr oder
weniger demokratischen Entwicklung.
Die andere Form des Klassenkampfes der Arbeiter ist die des direkten
Kampfes auf wirtschaftlichem Gebiet, der im wesentlichen geführt wird
durch die Koalitionen der Arbeiter, die wir heute Gewerkschaften nennen,
sowie auch Arbeitergenossenschaften, aber solche anderer Art, als sie in
der Zeit bestanden, wo Marx schrieb. Der Koalitionskampf der Arbeiter
gegen die Unternehmer ist in der Mehrheit der Fälle ein Kampf um
Lohnhöhe und Lohnformen, er wird aber auch geführt um Länge und
Anordnung der Arbeitszeit sowie um ein Arbeiterrecht, nämlich das
Arbeiterrecht in den Betrieben usw. Diese Kämpfe spielen sich in der
Frühzeit des Kapitalismus als rebellische Kämpfe ab. So schildert sie
Marx noch in seiner Schrift »Das Elend der Philosophie«. Es tragen die
Gewerkschaften da einen fast unmittelbar revolutionären Charakter. Das
war in den vierziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts. Schon anders
urteilt Marx über die Gewerkschaften zwanzig Jahre später in einem
Briefe von 1868 an J. B. von Schweitzer, den damaligen Präsidenten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, als dieser versuchte, in
Deutschland Gewerkschaften zu organisieren. Marx kritisierte in dem
Brief den Schweitzerschen Plan, der darauf hinauslief, die ganze
Bewegung nach einem bestimmten fertigen Schema in einen großen
Einheitskörper zusammenzufassen, und legt dar, das würde nicht angehen,
der Plan würde auf viele Widerstände stoßen. Er sieht eben schon eine
andere Gewerkschaftsbewegung mit regelrechten festen Berufsverbänden vor
sich, drückt sich aber über ihren Wert nicht näher aus. Den Ansatz zu
einer Theorie des Gewerkschaftskampfes finden wir überhaupt bei ihm noch
nicht, sondern nur erst eine Würdigung der Tatsache dieses Kampfes als
einer Regung des Proletariats für bestimmte Zwecke. In das eigentliche
Wesen und die innere Natur des Gewerkschaftskampfes tiefer einzudringen
war ihm versagt, weil zu seiner Zeit noch alles auf diesen Bezügliche im
Werden und unentwickelt war.
Um die Frage, ob Gewerkschaften zweckmäßig seien oder nicht, haben
damals und noch später große Kämpfe im sozialistischen Lager sich
abgespielt. Es gab unter den Sozialisten sehr ernsthafte Gegner der
Gewerkschaften überhaupt. In erster Reihe waren es die Utopisten, Leute,
die in der Phantasie oder Spekulation ganze Pläne einer neuen
Gesellschaft ausgearbeitet hatten und nur an deren Verwirklichung
dachten. Für sie war der Klassenkampf der Gewerkschaften ein störendes
Moment, außerdem waren die Objekte der Gewerkschaftskämpfe in ihren
Augen Kleinigkeiten, die gegenüber dem Streben für die Idealgesellschaft
nicht in Betracht kamen. So stellten sie sich den Gewerkschaften
ablehnend gegenüber. Gewerkschaftsgegner waren auch die radikalen
Sozialrevolutionäre, die man am besten als Blanquisten bezeichnet, und
deren Bewegung in Frankreich zu Hause war. Es gab ebenso in England bei
den Chartisten eine Richtung, welche auf den Umsturz durch die
Revolution abzielte und der daher die Bewegung der Gewerkschaften
gleichfalls störend war. Das heißt, Kämpfe der Arbeiter um
Lohnerhöhungen waren ihnen nicht unangenehm, die haben sie gelegentlich
selbst provoziert, um dadurch revolutionäre Erhebungen zu erzielen; um
so weniger wollten sie dagegen von der langsamen systematischen
Gewerkschaftsarbeit wissen und standen mit den fest konsolidierten
Gewerkschaften meist in heftiger Fehde. Noch manche andere Sozialisten
standen den Gewerkschaften fremd oder ablehnend gegenüber. So in
Frankreich P. J. Proudhon, der geistreiche Verfasser der Schrift: Was
ist das Eigentum? Er bekämpfte sie, weil er ein besseres Mittel zu haben
glaubte. Er wollte die Wirtschaft auf dem Wege der demokratischen
Organisation des Kredits und der Mutualität im Sinne des Sozialismus
umwandeln. In Deutschland war von Sozialisten ein Gegner der
Gewerkschaften Ferdinand Lassalle. Sein Vorschlag war, durch staatlich
finanzierte Produktivgenossenschaften die Arbeiter vom Druck des
Kapitals zu befreien. Er wollte, wie er sich ausdrückte, die deutschen
Arbeiter bewahren vor dem Elend der englischen Gewerkschaftsbewegung.
Ein anderes Wort von ihm lautet: »Der Gewerkschaftskampf der Arbeiter
ist der vergebliche Kampf der Ware Arbeit sich als Mensch zu gebärden.«
Daß Lassalle zu dieser Ansicht kam, erklärt sich daraus, daß die
englische Gewerkschaftsbewegung zu seiner Zeit -- in Deutschland gab es
bloß unbedeutende örtliche Versuche -- anscheinend fast nur Verluste zu
verzeichnen hatte. Im Jahre 1852 hatte sich in England ein großer Kampf
der Maschinenbauer abgespielt, der damals stärksten Gewerkschaft, und
viele Arbeiterfreunde hatten sich für ihn erwärmt, die christlichen
Sozialisten von der Richtung Maurice und Kingsley hatten ihm reiche
Geldmittel zugewandt. Trotzdem ging er nach mehrwöchentlicher Dauer
verloren. Lassalle hatte ihn, wie wir aus einem Brief von ihm an Marx
wissen, mit großem Interesse verfolgt, und sein Fehlschlag scheint
großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Er befestigte ihn in der
Auffassung vom wirtschaftlichen Naturgesetz des Arbeitslohnes, wonach
dieser auf die Dauer bestimmt wird durch die unbedingt notwendigen
Lebensbedürfnisse des Arbeiters, daß er nie lange über dieses notwendige
Maß sich erhebt, weil dann die Vermehrung der Arbeiter durch verstärkte
Zunahme der Geburten usw. ihn zurückwerfen würde, und andererseits auf
die Dauer nicht tief unter ihm bleiben kann, weil dann die Arbeiter
auswandern, aussterben usw. würden. So mußte ihm denn natürlich der
Gewerkschaftskampf als vergebliches Bemühen erscheinen, wenn er auch im
letzten Jahre seines Lebens sich noch sehr begeisterte für einen Kampf
von Arbeitern einer Hamburger Wagenbaufabrik. Er spricht davon in seiner
letzten, der sogenannten Ronsdorfer Rede und rühmt es als einen Beweis
für die Rührigkeit seiner Anhänger, daß es solche waren, die bei diesem
Kampf sich hervorragend betätigt hatten. Indes war das doch noch keine
Anerkennung der Gewerkschaften selbst, und wie die Schüler stets
orthodoxer sind als die Meister, so gab es bei den Lassalleanern lange
Zeit erregte Diskussionen darüber, ob Gewerkschaften überhaupt sein
sollen oder nicht. Im Jahre 1868 nahm Lassalles begabtester Nachfolger,
J. B. von Schweitzer, die Frage auf, nachdem vorher schon die
bürgerlich-demokratische Fortschrittspartei durch ihr Mitglied Dr. Max
Hirsch und ebenso die mit der Internationale in Verbindung stehenden
Sozialisten von der Richtung August Bebel und Wilhelm Liebknecht den
Gedanken propagiert hatten. Es ging damals durch Deutschland eine starke
Bewegung zur Gründung von Gewerkvereinen, doch gab es in den Reihen
ihrer Anwälte große Unterschiede hinsichtlich der Zwecke und der Formen.
Dr. Max Hirsch wollte die Gewerkvereine als Mittel zur Herstellung
dieser wahren Harmonie von Kapital und Arbeit, das heißt Milderung des
Klassenkampfes, Schweitzer und ebenso Bebel und Genossen wollten sie im
Gegenteil als Hilfstruppen zur Führung und womöglich Verschärfung des
Klassenkampfes, nur die orthodoxen Anhänger der Lehren Lassalles
stemmten sich gegen ihre Einführung. Die mit den Fortschritten der
industriellen Entwicklung Deutschlands verbundene Vermehrung und
Vergrößerung der Industriezentren sprachen das entscheidende Wort. Die
noch bestehenden Verbote der Koalitionen der Arbeiter mußten fallen, und
Gewerkvereine der verschiedenen Richtungen traten ins Leben.
Allerdings blieben sie längere Zeit auf mäßige Mitgliederzahlen
beschränkt und blieben daher in bezug auf die Erfolge ihrer Kämpfe noch
völlig abhängig von den Konjunkturen des Marktes. Bei steigender
Konjunktur erzielten sie Verbesserungen für die Arbeiter, die aber
sofort wieder verloren gingen, wenn eine Geschäftsstockung eintrat. Die
Lohnkurve bewegt sich einfach im Zickzack, ein Zustand, bei dem die
Arbeiterklasse sich weder materiell verbessert, noch ihren Anteil an der
Kultur hebt. Aber die Bewegung bleibt und sucht nun nach möglichst
zweckmäßigen Formen, wie das seinerzeit auch in England geschah. Es
spielen sich innere Kämpfe darüber ab, wie die Organisationen aufgebaut
werden sollen, ob mehr zentralisiert oder mehr föderalistisch,
beziehungsweise lokalistisch, ob die Gewerkschaft verknüpft werden soll
mit Unterstützungseinrichtungen, oder ob sie eine reine
Klassenkampforganisation sein soll. Der Streit darüber spielt lange Zeit
in der Arbeiterbewegung und löst zeitweilig starke Leidenschaften aus.
Es geht bei ihm manchmal nicht minder heftig zu als heute, und mitunter
fehlt auch nicht Gewalttätigkeit.
Nachdem die Kriegsära und die Jahre des Ausnahmegesetzes vorüber waren,
wurde in Deutschland der Streit, ob lokalisierte oder zentralisierte
Gewerkschaften, zum Austrag gebracht. Die lokalistischen Gewerkschaften
unterlagen. An einzelnen Orten behielten sie einen gewissen Anhang bei
den Arbeitern des Baugewerbes, im übrigen aber siegte bei den auf dem
Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften das zentralistische
Prinzip. Die zentralistischen Gewerkschaften nun sind zumeist verbunden
mit Unterstützungseinrichtungen, die ihnen die organisatorische
Festigkeit geben. Wo sie diese Einrichtungen nicht haben, gewinnen
Gewerkschaften fast nur in Zeiten guten Geschäftsganges und
erfolgreicher Lohnkämpfe Anhänger, und strömt, nachdem diese vorüber,
ein großer Teil der gewonnenen Mitglieder wieder ab und verliert das
Interesse an ihnen. Je mehr Unterstützungseinrichtungen die Gewerkschaft
hat, um so fester ist der Zusammenhalt. Allerdings nimmt sie dadurch
einen etwas konservativen Charakter an, aber sie erzielt dafür größere
Wirkungen und kann durch ihre Festigkeit den Unternehmern Arbeitstarife
abnötigen, die eine mehr oder weniger lange Dauer haben. Die
Tarifbewegung hat denn auch in Deutschland einen sehr großen Aufschwung
genommen. In England längst bekannt, ist sie hier längere Zeit wenig
beachtet worden. Als aber bei uns im Jahre 1903 zum ersten Male eine
Erhebung der in Kraft befindlichen Tarife veranstaltet wurde, die von
1903 bis 1905 sich ausdehnte, stellte sich heraus, daß Deutschland schon
1577 solche Tarife hatte, auf Grund deren 477000 Arbeiter beschäftigt
wurden. Die Lohnkämpfe hatten also schon in weitem Umfange jene Gestalt
angenommen -- den Kampf um den Tarif --, die ihnen statt des mehr
anarchischen einen konsolidierten Charakter verlieh und allmählich auch
den Unternehmern zusagte. Hatten diese einmal einen Tarifvertrag
abgeschlossen, so konnten sie darauf rechnen, für die Zeit seiner Dauer
von jedem ernsteren Lohnkampf verschont zu bleiben und daher mit
größerer Sicherheit ihre geschäftlichen Kalkulationen machen.
Schrittweise haben sich dann die Tarife nicht nur der Zahl der von ihnen
betroffenen Unternehmen und Arbeiter, sondern ihrer ganzen Form nach
vervollkommnet. Sie erstreckten sich auf viel weitere Fragen als nur auf
die Lohnhöhe. Mindestens ebenso wichtig wie der Lohn ist für den
Arbeiter die Arbeitszeit, dann aber auch seine Rechtsstellung im
Unternehmen, die durch den Tarif verschiedentlich gleichfalls geregelt
ward. Der Arbeiter ist nicht nur abhängig vom Unternehmer, sondern auch
von dessen Beamten wie Werkführer, Aufseher usw. Vor Anfang der
kapitalistischen Produktion trat der Arbeiter bei der Arbeitssuche
schlechthin in die Werkstatt ein und fand einen Meister, der kaum einer
anderen Gesellschaftsklasse angehörte als er selbst. Er wurde begrüßt,
bekam sein sogenanntes Geschenk und ward nicht selten aufgefordert, an
der gerade bevorstehenden Mahlzeit teilzunehmen. Ohne sich irgendwie zu
degradieren, konnte er von Werkstatt zu Werkstatt nach Arbeit suchen.
Aber je größer die Produktionsstätten der Industrie wurden, um so
veränderter nahm sich die Arbeitssuche aus. Mit der Mütze in der Hand
stand der Arbeiter vor der Fabrik und wurde schon vom Türhüter schief
angesehen. Die Form der Arbeitssuche und Arbeitsvermittlung erhält durch
die moderne Industrie also eine große Bedeutung nicht nur unter
wirtschaftlichem, sondern auch unter dem sozialen Gesichtspunkt. Auch
Bestimmungen hierüber kamen allmählich in die Tarife hinein. Wenn man
heute sich einen Tarif zwischen Arbeitern und Unternehmern eines
bestimmten Gewerbes geben läßt, so wird man oft über seinen Umfang
erstaunt sein. Der erste größere deutsche Tarif, der Tarif der
Buchdrucker, war bald ein ganzes Gesetzbuch und ein ziemlich dickes
Gesetzbuch obendrein. Es werden darin alle Einzelheiten über Lohnhöhe,
Arbeitszeit, Kündigung, Schlichtung von Streitigkeiten usw. geregelt.
Die Zahl der Tarife der Gewerkschaften stieg bis 1913 auf 10885 für
zusammen über 143000 Betriebe mit rund 1400000 Arbeitern. Während des
Krieges nimmt sie etwas ab. Aber kaum ist dieser vorüber und die
Revolution da, so steigt sie nicht nur sofort wieder, es nimmt auch
unter dem Einfluß der Revolution ihr Geltungsgebiet bedeutend zu. Schon
im Jahre 1919 waren es 11000 Tarife für 272000 Betriebe mit rund
6 Millionen Arbeitern. Heute ist die Zahl noch größer, und größer auch
ihre Wirkungskraft. Zugleich erhoben sich freilich neue Probleme.
Im letzten Jahre des Krieges hatte man unter dem Einfluß der Regierung
Arbeitsgemeinschaften zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und
der Arbeiter gebildet, die eine stärkere Form des Tarifvertrags waren
und eine Art Interessengemeinschaft zwischen den Organisationen der
Unternehmer und denen der Arbeiter schufen. Dadurch erhielten die
organisierten Arbeiter ein Interesse am Steigen der Preise, das nicht
ohne seine volkswirtschaftlichen Bedenken war. Zugleich schienen sie
eine Abschwächung des Klassenkampfes der Arbeiter anzuzeigen und wurden
deshalb von extrem gerichteten Sozialisten heftig bekämpft. Handelte es
sich um vereinzelte Organisationen besonders günstig gestellter
Arbeiter, so wäre die Gegnerschaft nicht unbegründet. Bei dem
umfassenden Charakter, den die Gewerkschaftsbewegung in Deutschland
trägt und ihrer einheitlichen Zusammenfassung im Allgemeinen
Gewerkschaftsbund ist die ihr zugrunde liegende Furcht sehr übertrieben.
Die Abschwächung bezieht sich da nur auf die äußere Form des Kampfes. Im
Wesen der Sache bedeutet es einen nicht geringen Aufstieg der Arbeiter
in ihrem sozialen Recht, als organisierte Klasse von den Unternehmern
anerkannt zu werden, was selbst in den machtvollen Zweigen der großen
Industrien der Fall ist, in die die Gewerkschaft vor dem Kriege nicht
einzudringen vermochte.
Viel Streit ist auch darüber geführt worden, ob die Tarife kurz oder
langfristig sein sollen. Den radikalen Sozialisten waren die
langfristigen, über mehrere Jahre sich erstreckenden Tarife ein Greuel.
Der kurzfristige Tarif bot ja den Vorteil, daß der Arbeiter durch ihn
nicht gebunden ist, wenn eine gute Konjunktur eintritt, sondern daß er
dann höheren Lohn erkämpfen kann. Das ist soweit richtig, vergessen wird
nur, daß der Arbeiter dabei doch wiederum abhängig bleibt von der
Konjunktur. Denn läßt die Konjunktur nach, so verliert er eben das
Erlangte wieder. Er kann den höheren Lohn nur während der guten
Konjunktur aufrechterhalten, während mittels langfristiger Tarife die
Arbeiter sich über die schlechte Konjunktur hinweghelfen können. Das
aber muß gerade ihr Bestreben sein, sich freizumachen vom Druck der
Konjunktur und eine Stetigkeit der Lohnentwicklung zu erlangen, die
einen Aufstieg ihres ganzen kulturellen Daseins verbürgt. Zum Teil ist
das auch durch die Gewerkschaften schon erzielt worden. Sie umfassen in
Deutschland heute rund 9 Millionen Arbeiter, und durch ihre feste
Organisation bilden sie eine Mauer gegenüber der Rückwirkung der
Konjunkturschwankungen auf die Lohnhöhe. Sogar schon vor dem Krieg ist
es dem deutschen Bauarbeiterverband gelungen, mitten in einer Krisis
einen Vertrag mit den Unternehmern abzuschließen, worin festgelegt
wurde, daß in keinem Betriebe eine Herabsetzung der Löhne eintreten
soll. Das ist kaum in England jemals passiert und war ein ganz
bedeutendes Ereignis innerhalb der Arbeiterbewegung. Man kann einen
echten Tarif einer starken Gewerkschaft schon bezeichnen als ein
wirkliches Stück Teilhaberschaft an der Industrie, das viel
bedeutungsvoller ist als die sogenannte Gewinnbeteiligung am
Privatunternehmen, zumal wenn ihm zur Seite geht die Erkämpfung der
politischen Demokratie.
In Betracht kommen für den Klassenkampf auch die Konsumgenossenschaften
der Arbeiter, die als solche in Deutschland verhältnismäßig
jungen Datums sind, sich aber schnell zu großer Bedeutung entwickelt
haben. Schon vor dem Kriege haben sie hier angefangen, das zu werden,
was sie in England schon längere Zeit waren, ein Hilfsmittel der
Arbeiter im Gewerkschaftskampf gegen die Unternehmer. Wo die
Arbeiterkonsumgenossenschaften stark ausgebildet sind, was allerdings
nur dort geschehen kann, wo die Arbeiterklasse zu einer gewissen
zahlenmäßigen Stärke gediehen ist, sind sie der Arbeiterschaft eine
Stütze in ihren wirtschaftlichen Kämpfen und haben die Tendenz, zur
Eigenproduktion überzugehen. Es ersteht eine genossenschaftliche
Produktion, die nicht die Produktivgenossenschaft ist, wie Lassalle sie
geistig vor sich sah und die auf Profit abzielte, sondern von
Konsumgenossenschaften eingerichtete Betriebe, die von diesen als
Vertretern einer Gesamtheit im Interesse der Gesamtheit geleitet werden.
Alle diese Bewegungen sind Formen des Klassenkampfes der Arbeiter in
der kapitalistischen Gesellschaft. Zusammen bilden sie einen
organisierten Kampf, der jeweilig wenig revolutionär erscheint und in
seinen Äußerungen durchaus nicht immer die traditionellen Formen von
wirtschaftlichen oder politischen Kämpfen annimmt, der aber in sich die
Möglichkeit trägt einer wahrhaft sozialen Befreiung der Arbeiterklasse.
Sechstes Kapitel.
Die Staatstheorie und der Sozialismus.
Welches ist der Einfluß der Theorien auf das Handeln der Menschen?
Vielfach stößt man hinsichtlich der Frage der Beziehungen von Theorie
und Praxis aufeinander auf überaus pessimistische Ansichten. Man hört
oft, daß das praktische Verhalten bestimmt wird durch Interessen,
Leidenschaften und Umstände, und daß der Einfluß der Theorie auf die
Praxis in der Politik wie auch sonst im sozialen Leben verschwindend
gering sei. Ich halte diese Auffassung für irrig. Gewiß gibt es viele
Fälle, wo die Theorie das Handeln wenig oder gar nicht beeinflußt, wo in
der Tat Interesse, Vorurteil, Leidenschaft usw. das entscheidende Wort
sprechen, und sehr groß ist die Zahl der Menschen, die von Theorie
überhaupt keine Ahnung haben. Aber vollständig verneinen kann man ihren
Einfluß darum doch nicht. Er ist viel stärker, als die meisten annehmen,
und namentlich stark gerade in den aufstrebenden Klassen der
Gesellschaft. Welche theoretische Auffassung sie vor irgendeiner Frage
haben, wenn sie ihnen auch nicht immer als Theorie, sondern nur als
Doktrin, als Lehrsatz gepredigt worden ist, hat auf ihr Verhalten unter
Umständen einen sehr großen Einfluß. Es sei nur an folgendes erinnert:
Wenn ein Teil unserer Arbeiterjugend, wenn gerade jugendliche Arbeiter
in einem Alter, wo der Idealismus beim Menschen eine große Rolle spielt,
sich mit Leidenschaft zu Gewalttätigkeiten haben hinreißen lassen, von
denen eigentlich die vernünftige Überlegung ihnen hätte sagen müssen,
daß sie unmöglich zum Ziele führen können, und man anzunehmen berechtigt
ist, daß die Mehrheit von ihnen nicht aus reiner, blinder Zerstörungswut
oder Haß gehandelt haben, so wird nähere Prüfung zeigen, daß bis zum
Vorurteil gewordene theoretische Anschauungen ihr Handeln maßgebend
beeinflußt haben. Man denke nur an die Rückwirkungen des Begriffs der
Ausbeutung des Arbeiters durch den Unternehmer, an die aus ihm gezogene
weitere Ausdeutung, daß der Unternehmer nur ein Parasit,
volkswirtschaftlich ganz überflüssig sei und faktisch nur quasi vom
Diebstahl an den Arbeitern und ihrer Kraft lebe, auf das Verhalten
vieler Arbeiter. Diejenigen, bei denen diese Auffassung mit dogmatischer
Kraft verbreitet ist, die sie als Axiom in sich aufgenommen haben,
werden für viele Handlungen zu haben sein, die ihnen andernfalls als
unsinnig, wenn nicht unmoralisch erscheinen würden. Und ebenso hat die
theoretische Auffassung von der Bedeutung des Staates und der Stellung
der Arbeiterklasse im Staate auf das politische Verhalten großer Massen
einen sehr wesentlichen Einfluß ausgeübt.
Die politische Bedeutung der Auffassung, was der Staat sei, welche Rolle
er erfüllt, welche Bedeutung ihm innewohnt, die Bedeutung dieser
zuletzt, wenn auch nicht allen bewußt, in Theorien wurzelnden Auffassung
für das politische Leben ist durchaus nicht gering. Auf Grund einer
bestimmten Auffassung vom Staat wird eine feindselige Haltung zu ihm
eingenommen, die unter Umständen, da der Staat nicht so schnell
abzuschaffen ist, zu sehr verfehlten Maßnahmen oder zum Versäumen von
notwendigen Handlungen führt, wie andererseits eine gegenteilige
Auffassung, ein übermäßiger Kultus des Staates, wieder Leute dazu
verleiten kann, mit Parteien gemeinsame Sache zu machen, die tatsächlich
nicht nur ihren Bestrebungen grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen,
sondern ihnen, zur Macht gelangt, größere Hindernisse in den Weg legen
würden, als irgendwelche andere Partei. In der sozialistischen Bewegung
nun stoßen wir auf einander geradezu diametral entgegengesetzt
gegenüberstehende Auffassungen vom Staat: eine freundliche, die sich bis
zum Kultus des Staats steigert, und eine gegnerische, kritische, die bis
zur direkten Feindschaft zu ihm geht. In vielfachen Abtönungen sehen wir
diese entgegengesetzten Auffassungen sich durch die Ideengeschichte des
Sozialismus ziehen.
Was aber ist überhaupt der Staat? Soviel ist jedenfalls klar, wenn wir
vom Staat sprechen, müssen wir uns zunächst darüber verständigen, was
wir unter ihm verstehen. Das ist nun auch keine ganz einfache Sache. Die
staatswissenschaftlichen Auffassungen vom Staat gehen, wie jeder finden
wird, der sich in der einschlägigen Literatur umsieht, sehr weit
auseinander. Ein mir befreundeter Staatswissenschafter sagte einmal: Ich
habe 18 verschiedene Bücher über Staatstheorie gelesen und in allen
verschiedene Definitionen vom Staate gefunden. Indes gibt es doch
grundsätzliche Merkmale des Staates. Maßgebend für ihn ist zunächst
einmal: er ist ein großes Gemeinwesen, das seine Herrschaft weit über
einen einzelnen Ort hinaus erstreckt. Denn wenn wir die griechischen
Stadtstaaten, wie schon dieser Name anzeigt, als Staaten gelten lassen,
so wissen wir alle, daß z. B. Athen die Landschaft Attika, Sparta
Lakedämon beherrschte. Der Staat ist ein Gemeinwesen auf einem
bestimmten, mehr oder weniger ausgedehnten Gebiet. Das Moment des
Gebietes ist für den Staat maßgebend. Wo kein Gebiet ist, da ist kein
Staat. Das Wort vom Staat im Staate ist daher nur figürlich zu
verstehen. Ein Gemeinwesen auf einem über einen Ort ausgedehnten
Gebiete, das gemeinsame Gesetze hat und durch bestimmte Organe eine
höchste Gewalt ausübt, das ist, darin stimmen alle Definitionen überein,
der Sache nach der Staat. Für höchste Gewalt wird vielfach der Ausdruck
»Souveränität« gebraucht; aber Souveränität als absolute Rechtshoheit
ist kein unbedingt notwendiges Attribut des Staates. Man erinnere sich:
wir hatten im Deutschen Reich vor der Revolution Einzelstaaten, denen
man die Eigenschaft von Staaten nicht streitig machte, und die doch
nicht in allen Dingen souverän waren. Über ihnen stand das Reich, das in
einer ganzen Reihe wichtiger Fragen die höchste Gewalt ausübte. Und das
war nicht in Deutschland allein so, wir können auch andere Länder
nennen, wo das gleiche Verhältnis bestand und noch besteht. Es ist das
Bestreben vorhanden -- und die ersten Schritte dazu sind schon da --,
eine Macht zu schaffen, die über allen heutigen Staaten stehen und ihre
Souveränität in bestimmten Punkten einschränken soll, die also einen
überstaatlichen Staat bilden würde. Was sie soll, ist bis zu einem
gewissen Grade in jenem internationalen Gesetz, das man in Deutschland
mit ganz falscher Begriffsanwendung Völkerrecht nennt, schon vor dem
Kriege vorhanden gewesen. Aber dieses internationale Gesetz war nicht
das Gesetz eines Staates, es war zustande gekommen auf Grund von
Vereinbarungen von Staaten, die sich in voller Freiheit auf seine
Einhaltung verpflichteten. Bei der Abstimmung über neue Satzungen konnte
ein einziger Staat durch sein Nein deren Erhebung zu internationalem
Recht verhindern. So war die Verbindung zu lose, als daß man auf sie die
Bezeichnung als Überstaat hätte anwenden können. Von Maßnahmen, zu einer
Macht zu gelangen, die sie rechtfertigten würde, ist vor allem die
Schaffung des Haager Schiedshofes zu nennen, und es war ja nahe daran,
daß bei einer dritten Zusammenkunft im Haag dieser Schiedshof eine
solche Natur erhielt, kraft deren er eine Macht über den Staaten
gebildet hätte. Der Krieg hat das verhindert, aber was er gebracht hat,
jene Verbindung von Nationen, die man in Deutschland merkwürdigerweise
»Völkerbund« nennt, während sie tatsächlich nur erst ein Bund von
Nationen ist, ein Bund der Regierungen, nicht schon ein Bund der Völker
selber -- =Société des Nations=, sagen daher die Franzosen, =Society of
Nations=, nennen es die Engländer, und in anderen Sprachen heißt es
ähnlich -- ist verschiedentlich geplant gewesen als ein Organismus, der
über den Staaten stehen und in bestimmten Fragen einfach ihre
Souveränität einschränken sollte, ohne daß sie darum aufgehört hätten,
Staaten zu sein. Darum sage ich: die absolute Souveränität ist kein
unbedingtes Merkmal des Staates; aber ein Merkmal des Staates ist es,
daß er über das Gebiet, das er umfaßt, die höchste Gewalt ausübt.
Kommen wir nach diesen Bemerkungen zu den widerstreitenden Theorien
oder Auffassungen bei den Sozialisten über ihre Stellung zum Staat. Um
mit der Gegnerschaft, der bis zur Feindschaft gehenden Gegnerschaft
gegen den Staat zu beginnen, so ist sie eine Folge, und zwar die extreme
Schlußfolgerung des Kampfes gegen den bevormundenden Staat, wie er aus
dem Mittelalter hervorgegangen war, den absoluten, fast überall
monarchistisch-polizistischen Staat. Diese Gegnerschaft gegen den Staat,
die im achtzehnten Jahrhundert -- eigentlich sogar schon früher --
stärkere Vertretung, stärkeren Anhang gewinnt, ist der theoretische
Niederschlag der großen liberalen Bewegung, die sich in England ganz
besonders stark auf wirtschaftlichem Gebiete, aber auch in der Politik
geltend machte, und deren namhafter Wortführer dort der schottische
Philosoph und Nationalökonom Adam Smith war. In Frankreich fand der
Liberalismus, der die staatlichen Funktionen einschränken wollte, in dem
Physiokraten Quesnay seinen Theoretiker und in dem Staatsmann
R. J. Turgot seinen bedeutendsten politischen Verfechter, und in
Deutschland wird er im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts durch Wilhelm
v. Humboldt vertreten. Von Sozialisten, die den Staat abschaffen
wollten, sind vor allem zu nennen die Franzosen Charles Fourier und
seine Schule und Pierre Josephe Proudhon, von dem es fraglich ist, ob
man ihn mit Recht Anarchist nennen kann, der aber jedenfalls theoretisch
Gegner des Staates war. In Deutschland war Gegner des Staates der
geistreiche Verfasser des Buches »Der Einzige und sein Eigentum«, Kaspar
Schmidt, der unter dem Decknamen Max Stirner geschrieben hat, in Rußland
waren es Michael Bakunin und später Peter Krapotkin. Von Engländern wäre
William Godwin, der Verfasser des Buches über politische Gerechtigkeit,
zu nennen. Das sind die bekanntesten sozialistischen Gegner des Staates.
Der Staatskultus seinerseits hat zwei Wurzeln; die erste ist die
Auflehnung gegen die Geldherrschaft, die Gegnerschaft gegen die
Herrschaft der Finanzbourgeoisie. Sie war stark namentlich im
achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert und richtete sich tendenziös
gegen die Gesellschaftsklasse, die man bei uns auch »Großbourgeoisie«
nennt. Politisch fand sie ihre stärkste Vertretung in der jakobinischen
Bewegung der französischen Revolution. Die Jakobiner sind für die
Staatsomnipotenz, für die größte Macht des Staates eingetreten, die man
sich denken kann. Das Verlangen nach dem Schutz des Volkes durch einen
starken Staat hatte übrigens seinen Vorläufer im ausgehenden Mittelalter
beim Kampf des Bürgertums gegen die Feudalherren. Die damals aufkommende
Klasse, eben das Bürgertum, rief die Zentralgewalt gegen den Feudaladel
an, wie später das breite Bürgertum gegen den Finanzadel, die
Finanzaristokratie den Staat anrief. Ein anderer Kultus des Staates
entwickelt sich aus der Gegnerschaft gegen die Herrschaft der Masse. Ich
brauche absichtlich das Wort »Masse«, andere sprechen von
»Pöbelherrschaft«, Ochlokratie, wie der griechische Ausdruck lautet.
Dieser Kultus stellt sich ein namentlich im Anschluß an Revolutionen,
sobald die Masse zeitweilig tonangebend auf die Bühne tritt, eine Art
Herrschaft ausübt und zerstörerisch wirkt. Er ist eine geistige
Gegenbewegung gegen die Revolution, die den Staat gegen die Demokratie
stärken will. Eine Gegenströmung, die in Frankreich zunächst zum
Bonapartismus führte, der eine Mischung -- man kann auch sagen: ein
Bastard -- war von jakobinischen und autokratischen Strebungen;
weiterhin aber, da der Bonapartismus, um das Wort eines bekannten
preußischen Monarchen zu gebrauchen, »mit dem Ludergeruch der Revolution
behaftet war«, in die Wiederaufrichtung der Bourbonen-Monarchie
ausmündete. Von dieser Seite her ist der Staatskultus -- wie z. B. die
erste romantische Literatur zeigt -- ein Ausfluß reaktionären Geistes,
der allerdings nicht immer gerade politisch reaktionär auftritt, aber
den Schutz gegen anarchische Zustände nur in einem starken
monarchistischen Staate sieht. Diese Erscheinung hat man in England in
der Epoche der großen Revolution des siebzehnten Jahrhunderts auch
gehabt. Da war der große Philosoph Thomas Hobbes, der Verfasser des
»Leviathan«, der Vertreter der Theorie von der absoluten Herrschaft des
Staates, bei ihm allerdings nicht im notwendig monarchistischen Sinne.
Er gab zu: die Souveränität des Staates kann auch ausgeübt werden von
einem Parlament oder von einer ähnlichen Instanz; aber diese muß die
absolute Macht haben, und am besten würde diese durch die Monarchie
vertreten. Auch in Italien hatte diese Idee ihre Vertreter.