»die Zusammenfassung des geistigen Inhalts der politischen,
wirtschaftlichen und allgemein kulturellen Bestrebungen der zur
Erkenntnis ihrer Klassenlage gelangten Arbeiter sowie der ihnen
gleichgestellten Gesellschaftsschichten in den Ländern
kapitalistischer Entwicklung, und der Kampf zur Verwirklichung dieser
Bestrebungen.«
An die Herausarbeitung dieser Theorie in der sozialistischen Welt und
an ihre Ausdeutung und praktische Anwendung im einzelnen knüpfen sich an
die bemerkenswertesten Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und
Gegenwart.
Zweites Kapitel.
Die naturrechtliche Begründung des Sozialismus.
Es lag in der Natur der Dinge, daß der Sozialismus in den vergangenen
Jahrhunderten bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein fast
ausschließlich naturrechtlich begründet wurde. Die Tatsache des
Zusammenhanges der sozialistischen Theorien mit dem Naturrecht ist
außerordentlich interessant. Sie ist auch verschiedentlich von Gelehrten
oder Schriftstellern, die sich mit der Theorie des Sozialismus befaßt
haben, hervorgehoben worden; aber es fehlt meines Wissens doch noch an
einer systematischen, ihn geschichtlich wie begrifflich behandelnden
Darstellung dieses Zusammenhanges. Es würde das eine außerordentlich
fruchtbare Untersuchung sein, durchaus der Vornahme wert, und ich glaube
sogar auch ein gutes Thema etwa für eine Dissertation. Dieser
Zusammenhang nämlich zieht sich durch die ganze Geschichte des
Sozialismus, von den Zeiten an, wo es überhaupt etwas gab, was auf
diesen Namen Anspruch hat, bis in die neueste Zeit hinein. Noch im Jahre
1875 hat eine Kommission der damals sich vereinigenden sozialistischen
Parteien Deutschlands bei Ausarbeitung eines Entwurfs zum Parteiprogramm
dem Sozialismus eine vollkommen naturrechtliche Begründung gegeben und
sich dadurch eine außerordentlich scharfe Kritik von Karl Marx
zugezogen. Die Begründung lautete nämlich:
»Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da
nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die
Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt und
nach gleichem Recht allen Gesellschaftsgliedern.«
Das ist, wie jeder leicht sehen kann, naturrechtlich und nicht
wissenschaftlich gesprochen.
Was versteht man unter Naturrecht? Nach meiner Ansicht werden da bei den
meisten Definitionen zwei ganz verschiedene Dinge durcheinandergeworfen.
Zwei Auffassungen streiten darüber in der Geschichte des Gedankens: eine
naive, urwüchsige Auffassung, die statt mit dem Wort »Naturrecht« besser
ausgedrückt würde mit »natürliches Recht«. Die Franzosen sagen auch
»=droit naturel=« und die Engländer »=natural law=«, also immer
natürliches Recht. Der Begriff ist da abgeleitet von einem
vermeintlichen Naturzustand oder wird auf die Natur des Menschen bezogen
und ist nur in diesem Sinne naturphilosophisch. Dann gibt es aber eine
wissenschaftlich rechtstheoretische Auffassung des Begriffs Naturrecht,
nach der es verstanden wird als die Zusammenfassung von allgemeinen
Rechtsgrundsätzen, die unabhängig von den Grundsätzen und Bestimmungen
der örtlich und zeitlich wechselnden positiven Gesetzgebung gewonnen
werden mittels der von äußeren Einwirkungen, von Machtverhältnissen und
Interessen unbeeinflußten Erforschung der Natur und Zwecke der
Gesetzgebung überhaupt sowie der Grundbedingungen der Entwicklung der
menschlichen Persönlichkeit und des möglichst harmonischen
Zusammenlebens der Menschen, -- Erkenntnisse, die Anspruch darauf
erheben, der positiven Gesetzgebung die Wege zu weisen, und die man
wissenschaftlich begründen kann. Das Naturrecht in diesem Sinne will
also über dem positiven Recht stehen. Die Forschung kann
selbstverständlich die Aufgabe nur lösen mittels der prüfenden Vernunft,
und zwar wenn sie ausschließlich und vorbehaltlos den Gesetzen der
Vernunft folgt. Daher hat man für das so wissenschaftlich aufgefaßte
Naturrecht in neuerer Zeit den Namen »Vernunftrecht« gewählt. Er zeigt
an, was aus den ursprünglichen Naturrechtsideen im Laufe der Entwicklung
geworden ist. Er läßt aber die Rolle nicht erkennen, die der Begriff des
Naturrechts in der Geschichte gespielt hat. Vernunftrecht kann etwas
ganz anderes sein als das, was die Menschen jahrhundertelang unter
Naturrecht verstanden haben. Einwandfrei ist dagegen der andere
umfassende Begriff »Rechtsphilosophie«, denn das Vernunftrecht will eben
das höchste Recht, das Wesen dessen feststellen, was Recht sein soll,
das Recht, das aus dem Begriff der Gerechtigkeit sich ergibt.
Die Frage nach einem solchen Recht taucht auf, wo das positive Recht als
ungerecht erkannt oder empfunden wird. Dort greifen alsdann die Menschen
naturgemäß auf andere Wegweiser zurück für das Recht, das sie haben
wollen. Es sind die verschiedensten Faktoren, auf die sie sich dabei
berufen, meist zunächst metaphysische, übersinnliche Mächte, die auch in
Naturbegriffen aufgefaßt werden; immer aber greifen sie zurück auf eine
jenseits der positiven Gesetzgebung stehende höhere Macht, sei es die
Vernunft überhaupt, die Gerechtigkeit, die Gottheit oder die Natur.
Infolgedessen hat das Naturrecht von jeher eine humanitäre Tendenz, ist
es Recht für die Sache der Unterdrückten oder jeweilig Enterbten. Im
weiteren Sinne ist es damit zugleich revolutionär und ist demgemäß
gewöhnlich offiziell verpönt worden. In der Geschichte ist es häufig von
Religionsstiftern verkündet worden.
Wenn wir die orientalischen Völker übergehen und nach dem Volke fragen,
das wohl in der alten Welt am meisten geleistet hat in Feststellung
natur- oder vernunftrechtlicher Grundsätze, so sind das unzweifelhaft
die Griechen gewesen. In der Philosophie der Griechen spielen
naturrechtliche Spekulationen eine sehr bedeutende Rolle. Sie sind die
Begleiterscheinung der politischen Kämpfe, die sich in den
vorgeschritteneren Stadtstaaten Griechenlands abspielen, vor allem in
Athen. Auch das ist bemerkenswert, daß, wenn eine bisher anerkannte
Philosophie erschüttert, übersehen oder vernachlässigt wird -- ein
Vorgang, der uns meist nur in lückenhaften Berichten überliefert wird
und daher abstrakt erscheint --, dies oft tatsächlich einen ganz realen
Hintergrund hat in politischen Kämpfen, die sich etwa gleichzeitig oder
kurz vorher abgespielt haben. Wie die religiösen Überlieferungen werden
die Staatseinrichtungen schon in der alten Welt vor den Richterstuhl der
Vernunft gezogen und darauf geprüft, wie sie den natürlichen
Bedürfnissen der Bürger eines vollkommenen Gemeinwesens entsprechen. Wir
finden das bei Plato und seinen Vorgängern, bei Aristoteles, vor allem
aber in der Geschichte der Stoa, bei Zeno und seinen Schülern. Die Stoa
hat darin am meisten geleistet, die naturrechtliche Seite der
Gesetzgebung zu betonen und das Ansehen des positiven Rechts zu
erschüttern. Das ist auch geschehen seitens der Schüler der Stoa im
späteren Rom. Hier brauche ich nur an Seneka zu erinnern. Bei den
christlichen Sekten ist es der Begriff der Gotteskindschaft
beziehungsweise der Gleichheit vor Gott, der zu naturrechtlichen
Folgerungen Anlaß gibt oder für sie ausgedeutet wird. Augustinus, wohl
der bedeutendste der Kirchenväter, ergeht sich in naturrechtlichen
Betrachtungen, und der große Scholastiker Thomas von Aquino hat ein
ganzes System eines Naturrechtes entworfen, das er in Einklang zu
bringen sucht mit den Grundsätzen des kanonischen Rechtes. Aber die zur
Zeit des Thomas auf der Höhe ihrer weltlichen Macht angelangte römische
Kirche witterte in diesen naturrechtlichen Theorien und Ausführungen die
umstürzlerische Tendenz und hat sie demgemäß verworfen. Um so stärkere
Pflege finden sie aber in der Geschichte bei den ketzerischen Sektierern
des Vorreformations- und Reformationszeitalters. Im Begriff des Wortes
»Ketzer«, das abgeleitet ist von Katharer, Reiniger, liegt schon die
naturrechtliche Tendenz angedeutet, das Zurückgreifen auf die
kritisierende Vernunft, allerdings beschränkt auf die Auslegung der
Bibel. Diese wichtige Epoche im einzelnen zu beleuchten, muß ich mir
versagen, so interessant es wäre, die ganze Entwicklung der christlichen
Sekten unter unserem Gesichtspunkt bis zur Reformation zu verfolgen.
Nachdem der Protestantismus in einer Reihe von Staaten gesiegt hatte,
ist es in Holland der berühmte Rechtslehrer und Staatsmann Hugo de
Groot, nach damaliger Sitte latinisiert in Grotius, der in seinem Werk
»=De jure belli ac pacis=« die erste erschöpfende systematische
Darstellung des Völkerrechts gibt und sie in der Einleitung stützt auf
eine naturrechtliche Begründung, die für die Wissenschaft des
Naturrechts grundlegende Bedeutung erhalten hat. Heute schätzt man
Grotius als den eigentlichen wissenschaftlichen Begründer des
Naturrechts. Noch eindringlicher aber berufen sich auf das Naturrecht --
und dieses eben als natürliches Recht aufgefaßt -- die kommunistischen
und halbkommunistischen Sektierer der späteren Reformationszeit und der
folgenden Jahrhunderte. Ich brauche nur allgemein auf diese großen
Kampfperioden zu verweisen, auf die Bauernkriege, die Kämpfe der
Wiedertäufer usw. Da findet man immer wieder die Berufung auf das
Naturrechtliche als Begründung von Forderungen.
Hier ist es am Ort, eine Bemerkung einzuflechten. Man kann die ganze
Bewegung des Sozialismus zurückführen auf zwei große Stämme oder
Wurzeln, aus denen sie ihre Kraft zieht. Die eine Wurzel und der sich
daraus entwickelnde Stamm sind die realen Kämpfe jeweilig unterdrückter,
zurückgesetzter Klassen oder Schichten der Gesellschaft. Der andere
Stamm aber ist die Ideologie, die vorwiegend von Gelehrten, Denkern,
Priestern usw. vertreten ist und anscheinend keinen direkten
Zusammenhang mit den Kämpfen hat. Es ist sogar Tatsache, daß vielfach
solche Ideologen, die weit umfassende kommunistische Theorien
ausgearbeitet haben, den praktischen Kämpfen kühl, gleichgültig, beinahe
ablehnend gegenüberstanden. Denn die Kämpfe werden meist nicht um große
weitumfassende Ziele, sondern um bestimmte begrenzte Forderungen
geführt, die nicht immer gut formuliert sind und einer größeren Sache
schädlich zu sein scheinen. So kommt es, daß, wenn auch die Ideologen
gar manchesmal beeinflußt sind von den Kämpfen, ohne es zu wissen, und
wenn umgekehrt die Kämpfer, ohne es zu wissen, von ihnen manches
empfangen haben, wenn also auch die Fäden hinüber und herüber laufen,
doch die beiden Stämme lange Zeit getrennt ihren Weg gehen. Erst in
neueren Jahrhunderten finden sie sich zusammen oder wachsen sie
zusammen. Karl Kautsky und meine Wenigkeit haben einmal einen solchen
Stammbaum des Sozialismus entworfen -- er ist auch reproduziert
worden --, wo wir zeigten, wie die beiden Stämme sich verzweigten und
schließlich im 19. Jahrhundert zusammenwuchsen und daß, wie wir glauben,
das Zusammenwachsen auf seine Höhe gebracht worden ist durch die
marxistische Begründung des Sozialismus.
Die Berufung auf das Naturrecht findet auf die verschiedenste Weise
statt. Kennzeichnend ist der Spruch, der, wenn nicht schon in den
deutschen Bauernkriegen, so jedenfalls in der Englischen Revolution
ausgespielt worden ist:
Als Adam grub und Eva spann,
Wer war denn da der Edelmann?
Das Volk suchte sein Naturrecht aus der Bibel zu beweisen, die ja
zuerst keine Klassenunterschiede kennt. Sie spielt eine große Rolle in
der Englischen Revolution des 17. Jahrhunderts. England war, nachdem es
die »Rosenkriege« überwunden hatte, als Inselland von den Kriegen
verschont, die den Kontinent verheerten. Die politische Entwicklung
konnte sich hier ungestörter vollziehen, und so hatte es schon Mitte des
17. Jahrhunderts seine große politische Revolution. Früher nannten die
Engländer diese große Revolution die »Rebellion«, und erst die Erhebung,
die ein Menschenalter später, 1688, stattfand und den Sturz der
Stuart-Dynastie besiegelte, die glorreiche »Revolution«. Heute ist
allgemein anerkannt, daß die erste Bewegung den Namen »Revolution«
verdient. Schon die großen Führer der bürgerlich-adligen Klasse nun, die
gegen die absolute Monarchie Karls I. kämpften, stützten sich in ihrer
Argumentation unter anderem auch auf das Naturrecht. Noch mehr aber
nahmen die hinter ihnen stehenden Klassen, die Independenten, es für
sich in Anspruch, und am stärksten kommt es zum Ausdruck in der Lehre
derjenigen Sekte, die sich die »wahren Leveller« nannte. Eine Sekte der
Independenten wurde von den Gegnern »die Gleichmacher« -- Leveller --
genannt und nahm alsdann diesen Namen an. Es waren im wesentlichen
politische Radikale. Dann aber kam eine Gruppe, die noch weiter ging,
kommunistische Ideen aufstellte und sich »die wahren Leveller« nannte.
Bei ihr findet man die naturrechtlichen Gedanken am klarsten
ausgedrückt. Ihr bedeutendster Verfechter war Gerard Winstanley, von dem
wir auch eine interessante Utopie, das Idealbild eines kommunistischen
Staates, haben, die lange unbeachtet geblieben war, bis sie mir bei
meinen Arbeiten in der Bibliothek des Britischen Museums auffiel. Von
diesem Winstanley existiert eine Schrift, die den Titel trägt: »Die
Erhebung der Fahne der wahren Leveller«. Sie erschien 1649 und beginnt
mit folgendem Satz, der sehr charakteristisch ist:
»Im Anfang der Zeit erschuf der große Schöpfer Vernunft die Erde als
Gemeingut aller.«
Man beachte, wie rationalistisch hier nicht »die Gottheit«, sondern »die
Vernunft« als Schöpfer hingestellt wird. Winstanley führt dann weiter
aus, erst durch die Gewalt sei die Knechtschaft in die Welt gelangt, und
_das_ sei der Adam, der Vater der Erbsünde. Er treibt politische
Etymologie und erklärt: »Adam, das ist also ein Damm -- =a dam= -- gegen
die Freiheit.« Die Vernunft aber rechtfertige die Forderungen der wahren
Leveller.
Überhaupt ist die Englische Revolution außerordentlich reich an
politischer Literatur. Man wird eigentümlich berührt durch eine darauf
bezügliche Bemerkung der berühmtesten der Flugschriften, die zur
Ermordung Cromwells aufforderten. Das fast ergreifend geschriebene
Pamphlet stammt von einem früheren Anhänger Cromwells und hat den Titel:
»Töten heißt nicht morden!« Es kam heraus im Jahre 1856, wo man nur erst
die kleinen Handpressen hatte, und beginnt mit den Worten:
»Es ist nicht der Wunsch, mich gedruckt zu sehen in einer Zeit, wo so
wenige die Presse verschonen.«
Unter den Broschüren der wahren Leveller, deren Kommunismus wesentlich
ein Bodenkommunismus war, findet sich auch eine Broschüre mit dem Titel:
»Das Licht, das in Buckinghamshire scheint«, in der sehr energisch jede
übersinnliche Religion verworfen wird. Das gleiche geschieht in der
Schrift Winstanleys, in der er seine Utopie entwickelt: »Die Freiheit
als ein Programm dargelegt«. Auch dort bekämpft er auf das
entschiedenste die übersinnliche Religion. Wie der größte Teil der
damaligen radikalen Literatur ist die ganze Schrift rationalistisch
gehalten, und der kommunistische Gedanke wird auf das Naturrecht als
Vernunftrecht begründet. Diese Bewegung der wahren Leveller ist der
Vorläufer der großen Bewegung der Quäker, die 1653 von George Fox
eingeleitet wird. Die Quäker sind Rationalisten, wenn auch mit einem
Stück Mystik. Das innere Licht, das die Vernunft ist, die aus dem
Menschen spricht, soll alles entscheiden.
Bürgerliche Schriftsteller von Bedeutung der damaligen Zeit, die
gleichfalls naturrechtlich argumentiert haben, sind vor allem der
Dichter Milton und der sehr interessante Staatsmann James Harrington,
der Verfasser der »Oceana«, und ebenso der Theoretiker des
Obrigkeitsstaates, Thomas Hobbes. Von England aus, das nun der Vorläufer
war für die Revolution auf dem Kontinent, geht diese Auffassung und
Denkweise nach Frankreich über. Frankreich hat schon im Anfang des
18. Jahrhunderts seinen radikalen Kommunisten in dem bekannten
atheistischen Pfarrer Jean Meslier, der zwar nicht als Pfarrer seine
Lehre verkündete, aber sie sehr scharf in der Schrift niederlegte, die
nach seinem Tode als sein Testament zuerst auszugsweise von Voltaire
veröffentlicht wurde. Die Schrift ist ganz und gar atheistisch und
begründet absolut naturrechtlich einen radikalen Kommunismus, das
»gleiche Recht aller auf die Benutzung der Erde«.
Als Gesellschaftslehre ist Mesliers Kommunismus noch ziemlich roh. Sehr
viel bedeutender ist als Kommunist der Abbé Nicola Morelly, von dem man
persönlich wenig weiß. Er hatte um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein
Heldengedicht, die Basiliade, veröffentlicht und schrieb dann zur
Verteidigung der darin ausgesprochenen Gedanken die Schrift mit dem
bezeichnenden Titel »=Code de la nature=« -- Gesetzbuch der Natur. Sie
erschien 1750 und wurde lange Zeit dem großen Enzyklopädisten Diderot
zugeschrieben. Morelly entwickelt darin eine vollkommene
Naturphilosophie: Die Natur hat die Bedürfnisse des Menschen so
eingerichtet, daß sie die Grenzen seiner Kräfte immer um ein Geringes
übersteigen. Andernfalls würde der Mensch nicht geselliger sein als das
Tier. Bei den Menschen sollen, so will es die Natur, Wünsche und
Besorgnisse die moralische Anziehung zueinander steigern, und aus der
Spannung dieser Triebfedern soll eine wohlwollende Gesinnung für alle
hervorgehen. Es ist außerordentlich charakteristisch, wie da der Natur
Absichten, Zwecke und Ziele unterstellt werden. Dabei spielt die
Naturphilosophie allerdings in die spekulative Phantasie über. Aber
diese Art zu argumentieren beherrscht lange die allgemeine Sprach- und
Denkweise. Auf die Natur bezieht sich nun alles, alle möglichen Zwecke
werden der Natur als gewollt unterstellt. Die Natur hat dies und das so
eingerichtet, damit die Menschen jenes machen. Sie hat absichtlich
Bedürfnisse und Kräfte der Menschen in ein solches Verhältnis gesetzt,
daß der einzelne Mensch seine Bedürfnisse gar nicht erfüllen kann und
gezwungen ist, gesellig zu leben. Alles wird, wie bei Winstanley, auf
die Natur zurückgeführt. Morelly sagt weiter: »Deshalb hat die Natur
unter den Menschen die Kräfte so verteilt. Allen aber hat sie das
fruchtbringende Feld, den Boden also, in gleicher Weise als
unbestrittenes Eigentum zugeteilt. Die Welt ist ein Tisch für alle, der
für alle gedeckt ist«, und Morelly stellt das Problem, eine solche Lage,
eine solche Verfassung zu finden, in der der Mensch so glücklich und
wohltätig sein wird, wie es überhaupt nur möglich sei. Das ist der
leitende Gedanke für die Utopie, die er entwickelt. Nicht etwa nur, daß
für ihn das Maßgebende ist, den möglichst vollkommenen Staat zu bilden,
sondern vollkommen sei nur ein solcher Staat, wo die Menschen
naturgemäß, d. h. durch die Natur der Dinge so glücklich und wohlwollend
oder, wie man später sagte, brüderlich seien, wie überhaupt nur möglich.
Das ist die Grundlage seines Kommunismus, der lange Zeit einen großen
Eindruck machte und, wie gesagt, Diderot zugeschrieben wurde. Von
Morelly ist sicher der berühmte Abbé Gabriel de Mably beeinflußt worden,
dessen Schriften zum Teil gleichfalls kommunistisch sind, z. B. die
Schrift von den Rechten und Pflichten des Bürgers, und die Schrift:
Zweifel der Ökonomie gegenüber. In bezug auf die Kritik der Wirtschaft
ist Mably sogar viel radikaler noch als Morelly.
Aber auch die rein bürgerliche Schule der Physiokraten weist, wie schon
der Name anzeigt, auf die Natur als den berufenen Regulator der
menschlichen Gesellschaft hin. Es ist die Zeit, wo die Idee des
wirtschaftlichen Liberalismus aufkommt, die in England vertreten wird
durch Adam Smith und dessen Anhänger. Es galt der Grundsatz: =Laisser
faire, laisser passer!= Lasset gehen, lasset geschehen, die Welt regelt
sich von selber! Macht so wenig wie möglich Vorschriften! Das war die
Doktrin der physiokratischen Schule, und eine Mittelstellung zwischen
ihr und den Kommunisten nimmt Jean Jacques Rousseau ein, der Verfasser
des »=Contrat social=«, den als Volksvertrag, d. h. demokratisch
aufgefaßten Gesellschaftsvertrag, auch er naturrechtlich begründet.
Man weiß, welche ungeheure radikale Literatur in Frankreich der
Revolution vorausging, wie viele Schriftsteller vor ihr an allen
Überlieferungen rüttelten, die es gab, nicht nur Kommunisten und
Sozialisten, sondern auch Liberale wie Voltaire und die ganze Schule der
Enzyklopädisten usw. Dann tritt die Revolution ein, und eine ihrer
ersten gesetzgeberischen Handlungen ist die Verkündung der
Menschenrechte, eine durchaus naturrechtliche Aufstellung, die Geltung
haben soll über alle Gesetzgebung hinaus, das heißt, die der
Gesetzgebung, welche die Französische Revolution nun schaffen soll, die
Wege weist. Sie hatte ihre Vorgängerin 1774 in Amerika bei der Gründung
der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Kolonien, die damals sich gegen
die englische Herrschaft auflehnten, stellten eine Formulierung ihrer
Rechte auf, die als allgemeine Rechte des Menschen und Bürgers
beansprucht wurden. Auch als die Holländer sich von Spanien befreiten,
sprachen sie so. Und selbst die »=Bill of rights=«, die das englische
Parlament 1688 aufstellte, enthielt Elemente allgemeiner Rechtsgedanken.
Menschenrechte als Naturrechte finden aber den schärfsten Ausdruck in
der Verfassung von 1793, die der radikale französische Konvent nach dem
Sturz der Girondisten schuf, und der er die Erklärung der Menschenrechte
voranstellte. In der Einleitung dieser Erklärung liest man:
»Das französische Volk, in der Überzeugung, daß das Unglück der Welt
nur durch das Vergessen und Mißachten _der natürlichen Menschenrechte_
verursacht wird, hat beschlossen, in einer feierlichen Erklärung seine
heiligen und unveräußerlichen Rechte zu erläutern.«
Im dritten Artikel heißt es:
»Alle Menschen sind _gleich durch die Natur_ und vor dem Gesetz«,
und im sechsten Artikel:
»Das Recht hat als Grundsatz die _Natur_ und als Regel das Gesetz.«
Dies die beiden wichtigsten Artikel, die die naturrechtliche Auffassung
betonen. Daß sie als theoretische Begründung vor der Kritik nicht
standhält, braucht nicht mehr nachgewiesen zu werden. Aber von dieser
Auffassung werden die demokratischen Rechte abgeleitet und empfängt drei
Jahre später, nachdem die Verfassung beschworen, die Verschwörung
Babeufs ihre geistige Anregung. Die Verschwörung Babeufs und der
Gleichen ist das klassische Beispiel der Ableitung des Sozialismus aus
dem Naturrecht.
François Noël Babeuf, der sich nach der damaligen Sitte den Vornamen
Gracchus beilegte und auch dem von ihm geschaffenen Organ den Namen »Der
Volkstribun« gab, kann als der konsequenteste Vertreter der Ableitung
des Kommunismus aus der Idee eines von der Natur bestimmten Rechts
betrachtet werden. Die Verschwörung der Gleichen genauer zu schildern,
gehört in eine Abhandlung, die sich mit der Geschichte des Sozialismus
im einzelnen befaßt, ist daher hier nicht am Platze. Die Gleichen waren
die äußersten Ausläufer der Revolution, und es ist bezeichnend, daß ihre
führenden Mitglieder sämtlich der Schicht der Intellektuellen
angehörten. Es ist vollkommen irrig, ihre Bewegung als eine
Klassenbewegung des Proletariats aufzufassen. Die Gleichen agitierten
zwar im Volke, sie schickten ihre Sendboten in die damals existierenden
Fabriken, die größeren Werkplätze und Werkstätten von Paris, suchten
dadurch auf die Arbeiter Einfluß zu gewinnen und fanden ihn auch
anscheinend. Es ward sogar erzählt, daß die Verschwörung der Gleichen,
die schließlich einige tausend Mitglieder angeworben hatte, alle
Aussichten des Erfolges für sich hatte. So hat sich der französische
radikale Schriftsteller Georges Avenel im Pariser »Siècle« ausgedrückt,
und von da ist dieser Satz durch eine ganze Reihe sozialistischer
Abhandlungen über sie übergegangen. Auch findet man eine solche Äußerung
schon bei Philipp Buonarotti, dem Mitglied und klassischen
Geschichtschreiber der Verschwörung. Es ist das aber der Ausfluß einer
ganz naiven Auffassung. Sie hatte gar keine Aussichten des Erfolges für
sich. Die Form der Organisation war eine solche, daß sie über die
Möglichkeiten täuschen konnte; aber beim ersten Versuch, den
ausgeklügelten Plan in die Praxis umzusetzen, schlug er ganz jämmerlich
fehl. Das hat indes natürlich noch nichts zu tun mit der Würdigung der
dem Kommunismus Babeufs zugrunde liegenden Idee. Babeuf hat sie in
verschiedenen Artikeln seiner Zeitschrift entwickelt, und in einem
seiner berühmten Artikel, der im »Volkstribun« vom 30. November 1795
erschien, wird die absolute Gleichheit kategorisch als Naturrecht
aufgestellt. Es heißt da:
»Wir haben den Satz aufgestellt, daß _die volle Gleichheit_ ein
_natürliches_ Recht ist, und daß der gesellschaftliche Vertrag (die Idee
des »=Contrat social=«, die von Rousseau aufgestellt war und eine so
große Rolle in der Französischen Revolution gespielt hat), weit
entfernt, _dieses Naturrecht_ zu beeinträchtigen, lediglich jedem
einzelnen die Garantie gewähren wird,« usw. usw.
Später finden wir im April 1796 im Manifest der Gleichen, das von
Sylvain Maréchal verfaßt war und den wunderlichen Satz enthält: »Möge
alle Kultur zugrunde gehen, wenn nur die Gleichheit hergestellt ist«,
als Einleitung den Satz:
»_Die Gleichheit, der erste Wunsch der Natur ..._«
Die Natur hat also nicht nur einen Willen, sondern auch Wünsche. In
einem andern Manifest, das die Erklärung der Lehren Gracchus Babeufs
gibt, lautet der erste Satz:
»Die _Natur_ hat allen Menschen ein gleiches Recht auf den Genuß aller
Güter gegeben.«
Aber die Natur ist nicht imstande, dieses Recht selbst zu verwirklichen.
Daher lautet der zweite Satz:
»Der Zweck der Gesellschaft ist es, diese Gleichheit, die im rohen
Naturzustande oft durch die Starken und Schwachen gefährdet wird, zu
verteidigen und durch tätige Mitwirkung aller die gemeinsamen
Lebensgenüsse zu vermehren.«
Und der dritte Satz sagt:
»Die Natur hat jedem die Pflicht zur Arbeit auferlegt. Keiner hat sich
ohne Verbrechen je dieser Pflicht entziehen können.«
Von neuem wird die Natur angerufen, die Natur mit ihrem Willen. Zu
erwähnen ist noch der Satz Nr. 10:
»Zweck der Revolution ist die Beseitigung der Ungleichheit und die
Wiederherstellung des allgemeinen Wohlstandes.«
Alles wird zurückgeführt auf den Willen und die Absichten der Natur und
einen vorgestellten Naturzustand, auf dem allgemeiner Wohlstand
geherrscht habe. In bezug auf letzteren verrät aber Babeuf doch schon
Zweifel, wenn er sagt, im rohen Naturzustande haben Schwache und Starke
die natürliche Gleichheit gefährdet.
Die Verschwörung der Gleichen war die letzte große Regung in der
Französischen Revolution, die ausging vom Naturrecht. Es finden nach ihr
noch kleinere Aufstände und Attentate demokratisch gesinnter Elemente
statt, aber die Bewegung selbst geht rückläufig. Auf die Epoche des
Direktoriums folgt die des Konsulats, und dann führen die
imperialistischen Kriege Bonapartes -- die ersten Jakobinerkriege waren
ja Verteidigungskriege -- dazu, daß Verteidigungskrieg und
Eroberungskrieg sich vermischten, daß Kriege, die in der Vorstellung der
Nation der Befreiung galten, zu neuer Beherrschung führten. Erst gegen
Ende der Restauration, zwei Jahre bevor im Juli 1830 auch die
Legitimisten gestürzt waren, veröffentlichte Buonarotti in Brüssel die
Geschichte der Verschwörung der Gleichen, die einen sehr tiefen Eindruck
machte und bald neue Verschwörungen von Sozialisten zur Folge hatte.
Buonarotti war ohnehin Carbonari, und unter seinem Einfluß entstand eine
Verschwörersekte, die den Namen »die Babouvisten« bekam und deren
Anhänger sich später »Partei der Blanquisten« nannten, nach ihrem
hervorragenden Führer Auguste Blanqui. Neben dieser Bewegung zeitigte
der sozialistische Gedanke eine Reihe Abarten in Frankreich, und man
kann sagen, daß der ganze französische Sozialismus in der Mitte des
19. Jahrhunderts, wenn man ihn schärfer untersucht, zuletzt
naturrechtlich begründet ist. Das ist z. B. auch der Fall bei Charles
Fourier, dessen Lehre im Grundgedanken zurückgeht auf Morelly, der, wie
wir gesehen haben, Naturanlagen maßgebend sein läßt für die Struktur des
sozialistischen Systems. Bei Morelly schon findet man den Gedanken, daß
die natürlichen Anlagen und Neigungen die Möglichkeit geben, einen
Gesellschaftszustand zu errichten, der auf voller Freiheit und
Gleichheit beruht. Alle natürlichen Neigungen und Leidenschaften seien
von Hause aus berechtigt und keine Laster, sofern man ihnen nur die
Möglichkeit gebe, sich richtig zu betätigen. Fourier läßt auch Neigungen
als gleichberechtigt gelten, die gemeinhin für unschön erachtet werden,
so die Abwechslungssucht, den Ehrgeiz, die Streitsucht usw., und hat ein
ganzes System aufgestellt, wie diese Neigungen zum Besten der
Gesellschaft geleitet werden können. Er hat nach Newton ein zweites
Gesetz der Attraktion zu formulieren geglaubt.
Auch in anderen Ländern, auch in Deutschland, finden wir die
Gleichheitsidee in den verschiedensten Formen von Sozialisten verfochten
und naturrechtlich begründet, in England bei Robert Owen und seiner
Schule, in Deutschland beim »Bund der Gerechten« und dessen zeitweise
hauptsächlichsten Vertreter Wilhelm Weitling, dessen Buch »Garantien der
Harmonie und Freiheit« in hohem Grade beruht auf babouvistischen Ideen,
die er in Paris kennengelernt hatte. Dadurch aber, daß diese Systeme,
soviel richtige Gedanken sie sonst enthalten, sich bewußt oder unbewußt
auf die naturrechtliche Betrachtungsweise stützen, sind sie doch ihrem
Wesen nach utopistisch. Denn es wird bei ihnen vergessen, daß der Mensch
nicht nur ein Produkt der Natur, sondern im Laufe der Zeit auch ein
Produkt der Geschichte und der gesellschaftlichen Zustände geworden ist,
die in ihm vielfach erst Neigungen und Bedürfnisse entwickelt haben, die
er von Natur aus nicht hat. Als Produkte der Natur haben alle Menschen
allerdings gewisse gleiche Bedürfnisse mit auf den Weg bekommen. Alle
Menschen haben von Natur aus gleichermaßen, wenn auch nicht in gleicher
Beschaffenheit Nahrungsbedürfnisse, das Bedürfnis nach Obdach usw.; eine
Reihe grober Bedürfnisse sind allen gemeinsam. Aber wenn man eine
Gesellschaft konstruieren will von Menschen, die man vorfindet, dann muß
man auch prüfen: was sind ihre sozialen, ihre geschichtlich gewordenen
Bedürfnisse, welche Zustände hat die geschichtliche Entwicklung
geschaffen, und was ist unter diesen Verhältnissen zu ändern notwendig
und möglich?
Mit diesem Einwand soll nun durchaus nicht etwa die Bedeutung
naturrechtlicher oder vernunftrechtlicher Erwägungen irgendwie
unterschätzt und herabgesetzt werden. Wollte man das tun, so liefe es
darauf hinaus, das sogenannte positive Recht, die geschichtlichen
Zustände, die in einer Epoche eingetreten sind und sich fortgepflanzt
haben, schon bloß weil sie geschichtlich sind, für gut erklären und
ihnen eine Ewigkeitsdauer, eine Art Heiligkeit zusprechen. Das würde
natürlich vollständig falsch sein. Die Idee eines Naturrechts hat in der
Geschichte und Wissenschaft zu den verschiedenen Zeiten eine ungeheuer
große Bedeutung gehabt.
Die Idee eines Rechtes, das über dem geschriebenen Recht steht, das
unabhängig ist von gegebener geschichtlicher Entwicklung und positiven
Machtverhältnissen, war unter Umständen der Protest des
vorwärtsstrebenden Geistes gegen die Fortdauer überlebter, Unrecht
gewordener Einrichtungen, Zustände und Anschauungen, sie war die
Auflehnung sozusagen des jeweiligen Zeitgeistes gegen die Herrschaft der
Tradition, gegen die Herrschaft des Unrecht gewordenen Rechtes, der
Gedanke an sie die Zuflucht der jeweilig Unterdrückten und in der
Gesellschaft Zurückgesetzten. Es fällt mir also gar nicht ein, etwa zu
bestreiten, daß das Nachdenken über eine Rechtstheorie, die höher steht
als das geschichtlich gewordene positive Recht, seine Berechtigung habe.
Die rechtstheoretische Betrachtung, die Forschung nach einem richtigen
Recht, wie man es nun nennt, ist ein sehr bedeutsames Streben, das durch
die ganze Geschichte namentlich der liberalen Rechtsschule geht, wobei
ich das Wort »liberal« hier nicht im Parteisinne, sondern im weiten
geschichtlichen Sinne anwende, als den großen Freiheitsgedanken, der in
der Französischen Revolution seine rechtliche Formulierung gefunden hat
und in sich die Grundidee aller Fortschrittsbewegungen einschließt, die
sich weiterhin im Laufe der Geschichte vollziehen, nämlich das Recht des
werdenden Neuen gegen das überlebte Alte. Der Gedanke dieses Rechts ist
der liberale Rechtsgedanke -- nicht im Parteisinne, sondern im großen
geschichtlichen Sinne. Man kann ihn auch den revolutionären
Rechtsgedanken nennen.
Es gibt eine ganze Literatur des Vernunftrechts. Fast alle
Rechtstheoretiker haben sich mit ihm auseinanderzusetzen versucht, fast
alle Dichter und Denker sich mit ihm beschäftigt. Die Worte, die Goethe
im »Faust« in der Schülerszene dem Mephisto in den Mund legt, diese oft
zitierten Verse:
»Es erben sich Gesetz und Rechte
Wie eine ew'ge Krankheit fort;
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh' dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist -- leider! -- nie die Frage.«
sie sind der Aufschrei der naturrechtlichen Betrachtung, der Protest des
unter der Überlieferung Leidenden gegenüber dem positiven Recht, das
Zurückgreifen auf ein Recht, das höher steht als das jeweilig
anerkannte. Das hat ja auch Schiller im »Tell« in der berühmten, nach
meiner Ansicht schönsten Szene dieser Dichtung, der Verschwörungsszene
auf dem Rütli, dem Stauffacher in den Mund gelegt. Nachdem er alle die
Unbill aufgezählt hat, die die Schweizer erlitten haben, ruft
Stauffacher aus:
»Ist keine Hilfe gegen solchen Drang?
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last, -- greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst.«
Die unveräußerlichen Menschenrechte werden angerufen, und Stauffacher
sagt weiter: »_Der alte Urstand der Natur kehrt wieder._« Ebenfalls um die
Anrufung des Naturrechts gegenüber dem geschichtlichen oder dem alten
Unrecht. Indes handelt es sich, wie gesagt, wenn wir das Naturrecht
kritisieren, nicht darum, daß jedes Rückgreifen auf ein über dem
positiven Recht stehendes Recht verworfen werden soll, sondern nur
darum, daß man sich klar darüber werden soll, wo die Grenzen solchen
Rechts liegen. Was kann das Naturrecht schaffen, was kann es beweisen?
Beweisen kann es wohl die Richtigkeit bestimmter Rechtsbegriffe, je
nachdem diese zeitgemäß geworden sind, aber was das Naturrecht nicht
allein beweisen kann, ist, daß eine ganze Gesellschaftsorganisation
hinfällig geworden ist, reif geworden ist, durch eine andere ersetzt zu
werden, während den Sozialisten jener Epoche die Vorstellung
vorschwebte, sie könnten durch das Naturrecht allein die Notwendigkeit
der Beseitigung der gegebenen Gesellschaftsordnung nachweisen.
Die naturrechtliche Ableitung des Sozialismus wurde aber mit
Notwendigkeit Ursache von allerhand Streit unter Sozialisten und dann
selbst zu einer Streitfrage des Sozialismus. Polemik über ihre Anwendung
zieht sich in verschiedenen Formen durch die ganze sozialistische
Literatur. Die naturrechtliche Auffassung selbst aber ist mit der
größten Schärfe kritisiert worden von den beiden großen Denkern Marx und
Engels in ihrer Auseinandersetzung mit der nachhegelschen Philosophie
und den von ihr wie von den französischen Utopisten beeinflußten
deutschen Sozialisten. Ganz besonders gilt dies von einem Manuskript,
das leider nur erst zur Hälfte veröffentlicht ist, nämlich die Kritik
von Marx und Engels an der Schrift Max Stirners: »Der Einzige und sein
Eigentum.« Stirner galt als der radikalste Sozialphilosoph seiner Tage.
Die ersten Abschnitte der Auseinandersetzung von Marx und Engels mit ihm
sind in den »Dokumenten des Sozialismus« veröffentlicht worden, die von
mir herausgegeben wurden und 1905 ihr Erscheinen einstellten. Das
Manuskript mit dem unveröffentlichten Teil ist noch in meinen Händen.
Stirner nun, der alles Heilige geleugnet hatte, wird, weil er doch
wieder auf Naturrechtsideen in seinen Beweisführungen zurückgreift,
überführt, daß er mit seiner Übertreibung des Ich selbst Ideologe ist
und von Marx und Engels ironisch »der heilige Max« genannt, das
Schlimmste, was ihm passieren konnte.
Aber auch von den Sozialisten, die wissenschaftlich vorzugehen
glaubten, indem sie sich auf die Ökonomie beriefen, sind ein großer Teil
im naturrechtlichen Denken hängen geblieben.
Drittes Kapitel.
Die Bedeutung der Werttheorien für den wissenschaftlichen Sozialismus.
Die Ableitung des Sozialismus von naturrechtlichen Betrachtungen steht
in engem Zusammenhang mit der Ableitung des Sozialismus von der Lehre
vom Arbeitswert, das heißt von der Werttheorie, wie sie von Ricardo
aufgestellt und von Marx weiter entwickelt worden ist. David Ricardo
geht in seiner Werttheorie aus von dem Wert der Waren, die auf dem Markt
gehandelt werden und nicht ein Seltenheitsmonopol haben, sondern
verhältnismäßig -- auch da gibt es ja Grenzen -- beliebig vermehrt
werden können. Der Markt- oder Tauschwert dieser Waren, weist er nach,
besteht in der zu ihrer Herstellung erforderten menschlichen Arbeit,
gemessen nach der Zeit, die auf die Arbeit verwandt wird. Die
Feststellung ist das Bedeutende an der Werttheorie Ricardos. Auch sie
ist nicht völlig neu aus seinem Haupt entsprungen. Man kann Sätze, die
den Gedanken annähernd aussprechen, schon bei Vorgängern Ricardos im
17. Jahrhundert finden. Aber mit der wahrhaft klassischen Klarheit hat
erst Ricardo ihn formuliert. Es gibt zwei Arten Wert, stellt er fest:
Gebrauchswert oder Nützlichkeitswert und Tauschwert oder Marktwert der
Ware. Die Nützlichkeit ist die Voraussetzung des Tauschwertes, aber sie
bestimmt ihn nicht. Soweit Waren beliebig produziert werden können, ist
die Aufwendung von Arbeit das für ihren Tauschwert Maßgebende, wobei die
Konkurrenz auf dem Markt den Ausgleich bewirkt. Selbstverständlich ist
nicht alle Arbeit gleich. Qualifizierte Arbeit löst sich auf in
verschiedene Bestandteile einfacher Arbeit. Nicht jede Arbeit ist ferner
gleich wertbildend. Die Arbeit muß auf der Höhe der Technik der
allgemeinen Produktionsentwicklung stehen.
Bei Ricardo nun, dessen Grundsätze der Volkswirtschaftslehre 1817
erschienen, kehrt diese Werttheorie ihre Spitze gegen das _Grundeigentum_,
beziehungsweise gegen die Ansprüche der Grundeigentümer auf besondere
_Bodenrente_. Das Werk erschien zu einer Zeit, wo England sehr hohe
Kornzölle erhob, und wo der Kampf darum ging, ob sie fortdauern oder gar
erhöht werden sollten. An die vollständige Abschaffung des Kornzolles
wurde damals kaum gedacht. In diesem Kampfe bestritt Ricardo den
Anspruch auf Grundrente, indem er ausführte, daß diese kein
konstituierendes Element des Wertes sei, sondern ein Abzug vom Wert, der
dem Besitzer des Grundeigentums gegeben wird, während ein
naturrechtlicher Anspruch auf Grundrente überhaupt nicht bestehe. Der
Kampf zwischen Grundeigentümer und kapitalistischem Unternehmer, der im
ersten Teile des 19. Jahrhunderts eine große Bedeutung hatte, war bewußt
oder unbewußt das Motiv, das Ricardo veranlaßte, seine Theorie
aufzustellen.
Aber dabei blieb es nicht. Die Theorie Ricardos wurde bald gegen die
Unternehmer überhaupt, auch gegen die industriellen Kapitalisten
gekehrt. Es begann ein Streit um die Definition des Begriffs »Arbeit«.
Ricardo begreift in ihn ein die Tätigkeit des Unternehmers, der
Lohnarbeiter und der Angestellten, so daß der Wert bestimmt wird bei ihm
eigentlich nicht durch die Arbeit des Lohnarbeiters, des physischen und
geistigen Arbeiters, sondern das Produkt ist von dieser Arbeit und dem
Unternehmerprofit zusammen. Sehr bald kehrten aber Sozialisten die
Spitze gegen Ricardo als einen Verteidiger der Kapitalisten. Sie
erklärten: nein, für den Wert ist die Arbeit allein maßgebend, die
Arbeit der wirklich Arbeitenden, nicht der Anspruch des Kapitalisten.
Der Unternehmerprofit ist auch nur ein Abzug vom Arbeitswert.
In dieser Argumentierung -- und das ist sehr interessant -- erblicken
viele das große Werk von Karl Marx. Wenn man herumfragt, um welche
bedeutsame Erkenntnis Karl Marx die Wissenschaft der Ökonomie bereichert
habe, so wird man von den meisten hören, es sei das eben diese Theorie
des Wertes, daß die aufgewendete Arbeit allein den Wert der Waren
bestimme. Es geht Marx da so, wie fast jedem großen bahnbrechenden
Denker. Es wird etwas als sein Werk erklärt, was er schon fertig
vorfand, als er anfing zu arbeiten. Fragt man z. B. eine Anzahl Leute
nach dem Werke Kants, so werden neun von zehn antworten, er habe die
Theorie vom Ding an sich aufgestellt, das heißt eine Theorie, die
tatsächlich schon über 2000 Jahre vorher in der Philosophie lebte, ehe
Kant geboren war. Er hat vielmehr die Folgerungen, die man aus dem Ding
an sich gezogen hatte, _begrenzt_, das ist sein großes Werk; aber nicht,
daß er die Idee selbst zuerst aufgestellt habe. Und Marx' Werk besteht
darin, die Ableitungen aus der Idee vom Arbeitswert sehr vertieft, sie
zu weiteren Zwecken der Untersuchung fruchtbar verwendet zu haben. Was
Marx bei seinem großen Werk »Das Kapital« sich zur Aufgabe stellte, war
nicht der Nachweis, daß den Arbeitern das Produkt der Arbeit gehöre,
weil Arbeit den Wert der Ware bestimmt, sondern das Streben, die großen
Bewegungsgesetze der modernen kapitalistischen Wirtschaft zu erkennen,
zu formulieren und festzustellen. Dazu brauchte er allerdings die
Theorie vom Arbeitswert, weil sie ihm die Grundlage der Theorie vom
Mehrwert über den Preis hinaus ist, des Mehrwerts, um den in der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der Kampf der Klassen
vollzieht. Der Kampf um den Mehrwert zwischen Unternehmer und
Grundbesitzer, der Kampf um den Mehrwert zwischen Arbeiter und
Unternehmer -- der Lohnkampf --, der Kampf um den Mehrwert der
Unternehmer untereinander in der freien Konkurrenz, das sind die großen
Triebkräfte, die auf die Entwicklung der Wirtschaften nach den
verschiedensten Seiten hin den allergrößten Einfluß haben.
Der Streit um den Mehrwert, der in der Grundrente steckt, ist nicht ein
rein theoretisches Spiel, sondern der Niederschlag des Kampfes um die
Bestimmung fast der ganzen Agrargesetzgebung einschließlich der
Zollgesetzgebung in bezug auf Agrarprodukte. Der Kampf in der freien
wirtschaftlichen Konkurrenz um den Mehrwert ist es wiederum, der dahin
führt, daß, wenn der Druck auf die Löhne nicht möglich ist, um die
Produktion zu verbilligen, die technische Herstellungsweise immer mehr
vervollkommnet wird. Er führt ferner dazu, daß der Unternehmer, um
andere Unternehmer aus dem Felde zu schlagen, sich genötigt sieht, die
Unternehmung immer mehr zu vergrößern, damit ein relativ kleinerer
Anteil an den Kosten auf den Lohn entfällt und ein relativ größerer
Mehrwert verbleibt. Hierum aber spielt auch der Kampf der Unternehmer
und Arbeiter selber, und als solcher spitzt er sich nach verschiedenen
Seiten hin zu. So ist der Kampf um den Mehrwert in der kapitalistischen
Gesellschaft gewissermaßen die zuletzt bestimmende Triebkraft aller
großen wirtschaftlichen Bewegungen, hinter denen, durch sie
hervorgerufen, die großen politischen Kämpfe, die Klassenkämpfe, stehen.
Die Umkehrung der Lehre vom Arbeitswert gegen Ricardo und die ganze
bürgerliche Ökonomie setzt in England schon um das Jahr 1821 ein. Marx
zitiert selbst eine in jenem Jahre erschienene kleine anonyme Schrift,
deren Titel, ins Deutsche übersetzt, ungefähr lautet: »Die Quelle und
das Abhilfsmittel unserer nationalen Schwierigkeit. Ein Brief an Lord
John Russell«. Sie ward also 26 Jahre früher verfaßt, bevor Marx seine
erste ökonomische Abhandlung schrieb, die gegen Proudhon gerichtete
Streitschrift »Das Elend der Philosophie«, und 45 Jahre vor seinem
»Kapital«. In dieser Schrift, was ganz interessant ist, heißt es:
»Was auch dem Kapitalisten zukommen möge, er kann immer nur die
Mehrarbeit (hier haben wir schon diesen Begriff) des Arbeiters sich
aneignen, denn der Arbeiter muß leben. Wenn das Kapital nicht an Wert
abnimmt im Verhältnis, wie es an Masse zunimmt, so wird der Kapitalist
dem Arbeiter das Produkt jeder Arbeitsstunde abpressen über das
Mindestmaß dessen, wovon der Arbeiter leben kann.«
Da haben wir auch den Gedanken der Theorie des ehernen Lohngesetzes,
wie Lassalle es seiner Agitation zugrunde legte, und wie es lange Jahre
von der deutschen Arbeiterbewegung gleich einem Heiligtum hochgehalten
wurde. Die zwanziger und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts sind ja
die Blütezeit, auch die geistige Blütezeit des Sozialismus in England.
Sie zeitigte eine außerordentlich interessante sozialistische Literatur,
sozialistische Schriften Robert Owens selbst, der William Thompson, John
Gray, T. R. Edmonds, J. F. Bray und noch einer ganzen Reihe
Schriftsteller aus der Schule Robert Owens. Sie alle fußen darauf: Der
Arbeiter bekommt nicht den vollen Ertrag seiner Arbeit, die Arbeit und
nicht der Arbeitslohn bestimmt den Wert der Ware, infolgedessen hat der
Arbeiter auf den vollen Wert des Produkts Anspruch.
Karl Marx hatte sein großes Werk über politische Ökonomie schon um 1849
in Angriff genommen, ging aber erst 1859 daran, es zu veröffentlichen.
Es sollte in Lieferungen bzw. Heften erscheinen. Aber nur das erste Heft
ist damals erschienen, nämlich die Schrift »Zur Kritik der politischen
Ökonomie«, und in ihr wird vom Verhältnis des Arbeitslohns zum
Arbeitswert noch gar nicht näher gehandelt.
Es ist beiläufig ein bemerkenswertes Zusammentreffen, daß dieses Buch
von Marx, in dessen Vorwort er die Grundgedanken seiner
Geschichtstheorie entwickelt, die wir als soziologische oder
sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre kennen, in demselben Jahre
herauskam, wo das erste bahnbrechende Buch von Charles Darwin erschienen
ist: »Der Ursprung der Arten«, das grundlegend war für die biologische
Entwicklungslehre, die Wissenschaft von der Metamorphose der Lebewesen.
Wenn die Darwinschen Aufstellungen heute auch in vielen Punkten
umgeworfen sind, so ist der Grundgedanke seiner Theorie doch
beibehalten; er bleibt der Vater der biologischen Entwicklungslehre. Und
ebenso mit Marx. Was bei Darwin für die Entstehung und Entwicklung der
Arten der Kampf ums Dasein in der Natur ist, ist bei Marx für die
Entwicklung der menschlichen Gesellschaften der Kampf der Klassen in der
Gesellschaft. Beider Theorien sind grundsätzlich auf den Kampf gestützte
Entwicklungslehren.
In dem Buche »Zur Kritik der politischen Ökonomie« nun findet man von
Marx an einer Stelle, wo er die damaligen Angriffe auf die Ricardosche
Werttheorie auseinandersetzt und die aus ihr sich ergebenden Probleme
formuliert, folgenden Satz:
»Wenn der Tauschwert eines Produktes gleich ist der in ihm enthaltenen
Arbeitszeit, dann ist der Tauschwert eines Arbeitstages gleich seinem
Produkt, oder der Arbeitslohn muß dem Produkt der Arbeit gleich sein.
Nun ist das Gegenteil der Fall.«
Und dazu setzt Marx die Fußnote:
»Dieser von ökonomischer Seite gegen Ricardo beigebrachte Einwand ward
später von sozialistischer Seite aufgegriffen. Die theoretische
Richtigkeit der Formel vorausgesetzt, wurde die Praxis des
Widerspruches gegen die Theorie bezichtigt und die bürgerliche
Gesellschaft angegangen, praktisch die vermißte Konsequenz ihres
theoretischen Prinzips zu ziehen. In dieser Weise kehrten wenigstens
englische Sozialisten die Ricardosche Formel des Tauschwertes gegen
die politische [bürgerliche. Ed. B.] Ökonomie.«
Marx nennt dann weiterhin an dieser Stelle diese Ableitung des
Sozialismus von Ricardo _die utopistische Auslegung der Ricardoschen
Formel_, und man hat geglaubt, sie sei das große Werk von Marx! Eine
Auslegung, die er gerade als utopistisch bezeichnet hat! Sie aber zieht
sich durch die ganze sozialistische Literatur des 19. Jahrhunderts. Sie
gipfelt, wie hier schon angedeutet wird, in der Forderung des Rechtes
auf den vollen Arbeitsertrag. Die Frage dieses Rechtes hat gleichfalls
eine ganze Literatur erzeugt. Unter anderem hat sie eingehend behandelt
Anton Menger, der verstorbene, sehr gelehrte österreichische Sozialist.
Aber noch ein anderer hat die Idee aufgegriffen, und das war Ferdinand
Lassalle, der sie anscheinend zum Angelpunkt seiner sozialistischen
Agitation machte. Auch bei Proudhon finden wir sie in seinen ersten
großen sozialistischen Schriften behandelt, die am meisten Sensation
erregten. Seine erste sozialistische Schrift hieß: »Was ist das
Eigentum?«, in ihr hat er das bekannte Paradoxon aufgestellt: »Das
Eigentum ist Diebstahl«. Und wie beweist er den Satz? Er stützt ihn
darauf, daß das Eigentum es ermöglicht, den Ertrag der Arbeit des
Arbeiters diesem zu verkürzen, ihm im Lohn einen großen Anteil
vorzuenthalten. Und so gründet er seine sozialistische Theorie auf das
Recht auf den vollen Arbeitsertrag, auf das Ricardosche Wertgesetz.
Dasselbe ist der Fall bei Karl Rodbertus, dem berühmten deutschen, mehr
konservativ gerichteten Nationalökonomen. Auch dieser beruft sich für
seine sozialistische Theorie auf das Wertgesetz Ricardos, und ebenso tut
es Ferdinand Lassalle in seinen Agitationsschriften. Ferdinand Lassalle
geht hierbei zuletzt zurück auf das Naturrecht, begründet den
Sozialismus naturrechtlich. Er befindet sich damit, ohne es zu wissen,
auf demselben Boden wie Proudhon. Ja, das bedeutende, hochinteressante
wissenschaftliche Hauptwerk Lassalles: »Das System der erworbenen
Rechte«, ist im letzten Grunde auch nur ein Eintreten für das Naturrecht
gegen das erworbene Recht, denn sein leitender Grundgedanke ist die
Anwendung eines aus dem Naturrecht abgeleiteten Satzes der Erklärung der
Menschenrechte der großen französischen Revolution, nämlich daß keine
Generation spätere Generationen an ihre Gesetze binden kann, auf das
öffentliche wie auf das Privatrecht.
Ganz anders Marx. Er hat die Werttheorie, die er bei Ricardo vorfand,
konsequent weitergebildet, aber nicht, um aus der Lehre vom Mehrwert
Rechtsansprüche herzuleiten, sondern um die Bewegungsgesetze der
kapitalistischen Wirtschaft schärfer zu erfassen und darzustellen. Das
unterscheidet ihn von fast allen anderen Sozialisten, die an Ricardo
angeknüpft haben, und nicht zum wenigsten von Rodbertus und Lassalle.
Rodbertus hat schon in seiner 1842 erschienenen Schrift »Zur Erkenntnis
unserer staatswirtschaftlichen Zustände« und später in seinen »Sozialen
Briefen« an die Werttheorie von Ricardo angeknüpft und sie ganz in der
naturrechtlichen Auffassung der französischen und englischen Sozialisten
so ausgelegt, daß dem Arbeiter schon dadurch, daß er Lohn statt den
vollen Ertrag erhält, etwas weggenommen wird, was ihm von Rechts wegen
zukommt. Lassalle legt die Idee seinem im Jahre 1863 erschienenen
»Offenen Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines
allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses« zugrunde und entwickelt sie
ein Jahr später sehr eingehend in seiner Streitschrift: »Herr
Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian«. Er steht da
vollständig auf den Schultern von Ricardo und vermeintlich auch auf den
Schultern von Marx. Schon im Briefe vom 12. Mai 1851 an Marx nennt er
diesen den »Sozialist gewordenen Ricardo«, und in demselben Briefe sagt
er: »Ricardo ist unser unmittelbarer Vater!« und rühmt die Definition
der Grundrente, die Ricardo gegeben hat, als die »gewaltigste
kommunistische Tat«. Ihm, der vor allem Rechtstheoretiker war, lag es
eben ganz besonders nahe, den Sozialismus aus der Mehrwertstheorie
juristisch abzuleiten. In der Agitation diente ihm diese Ableitung zur
Unterstützung des von ihm als ehern bezeichneten Lohngesetzes Ricardos,
wonach der Lohn des Arbeiters nie viel höher über dessen notwendige
Lebensbedürfnisse steige und nie lange Zeit wesentlich darunter bleiben
könne, beiläufig eine Deduktion, die mehr malthusianisch als ökonomisch
ist. Auf sie beriefen sich aber, ihm folgend, dann jahrzehntelang die
Agitatoren beider Richtungen der deutschen Sozialdemokratie, die
spezifischen Lassalleaner wie auch die Sozialisten der Eisenacher
Richtung von Bebel und Liebknecht, die im übrigen sich gegen Lassalles
Mittel wandten, das darauf hinauslief, die Mehrarbeit zu beseitigen
durch die Schaffung von Produktivgenossenschaften der Arbeiter mit
Staatskredit. Diese Idee der Produktivgenossenschaften stammte
gleichfalls von den englischen Sozialisten. In den fünfziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts sind in England große Versuche mit einem
verhältnismäßig ziemlich bedeutenden Aufwand von Kapital mit ihr gemacht
worden. Wohlmeinende christliche Sozialisten Englands haben über eine
Million Mark hergegeben für Produktivgenossenschaften. Aber diese
Schöpfungen sind entweder zugrunde gegangen oder sie haben ihren
Charakter geändert und sind kapitalistische Unternehmungen geworden. In
Deutschland war man darüber nicht genauer unterrichtet, und als 1875 die
beiden sozialistischen Parteien sich vereinigten, fand sich in dem
Entwurf des Programms für die neue Partei im Anschluß an die Forderung
der »Zerbrechung des ehernen Lohngesetzes« der Satz:
»Die Befreiung der Arbeit erfordert die Erhebung der Arbeitsmittel zum
Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der
Gesamtarbeit mit gerechter Verteilung des Arbeitsertrages.«
Wie Marx den ganzen Entwurf in einem Briefe an August Bebel und Genossen
äußerst abfällig kritisierte, so auch speziell diesen Satz von der
gerechten Verteilung des Arbeitsertrages, der nach seiner Meinung gar
nichts besagte. Die Ableitung vom ehernen Lohngesetz bezeichnet er als
utopistisch. Über die Forderung der gerechten Verteilung sagt er:
»Was ist »gerechte« Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, daß die
heutige Verteilung »gerecht« ist? Und _ist sie in der Tat nicht die
einzig »gerechte« Verteilung auf Grundlage der heutigen
Produktionsweise_? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch
Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die
Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen?«
Über das letztere, den Grundgedanken der ökonomischen
Geschichtsauffassung, eingehender zu sprechen, ist hier nicht der Ort.
Aber es geschieht in ihrem Sinne, wenn Marx scharf gegen den Gedanken
polemisiert, agitatorisch in das Programm das Schlagwort gerechte
Verteilung des Arbeitsvertrages hineinzuwerfen. Er führt aus, die Form,
wie der Arbeitsertrag verteilt wird, werde bestimmt durch die jeweilige
Produktionsweise, und auf dem Boden der jeweiligen Produktionsweise sei
sie dann, ökonomisch betrachtet, gerecht. Ob auch die Lohn_höhe_ gerecht
ist, ist etwas anderes; aber daß der Arbeiter Lohn bekommt und nicht den
Ertrag der Arbeit, das entspreche der gegebenen Produktionsweise, und
auf dem Boden dieser Produktionsweise könne daran nichts Wesentliches
geändert werden. Des weiteren legt Marx dar, welche Widersprüche in der
Forderung des vollen Arbeitsertrages liegen. Er erklärt, daß das gleiche
Recht bei der Verteilung des Arbeitsertrags auf die Leistung bezogen
seinem Inhalte nach gleiches Unrecht sei, denn die Arbeitsleistungen
seien ja verschieden. Wenn der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit
bekomme, so bekomme er gegenüber anderen Arbeitern Ungleiches, weil er
ungleich arbeitet, und so werde das gleiche Recht hier ein Recht der
Ungleichheit. Er sagt:
»Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und die
dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft«,
und er tadelt es auf das schärfste, daß man im Programm Vorstellungen
Ausdruck gebe, die einmal obwaltet und deshalb einen gewissen Sinn
hatten, aber im Angesicht der neugewonnenen Erkenntnis zum veralteten
Phrasenkram gehören. Der Brief ist ungemein interessant, aber er ist zu
jener Zeit bei der endgültigen Fassung des sozialdemokratischen
Programms wenig berücksichtigt worden. Ohne den Namen zu nennen,
richtete er sich wesentlich gegen Wilhelm Liebknecht, den hochverdienten
Vorkämpfer der Sozialdemokratie, der lange Jahre hindurch in Deutschland
als der berufene Interpret von Karl Marx galt. Das war er aber auf
theoretischem Gebiet ganz und gar nicht. Er war vielmehr wesentlich
naturrechtlicher Sozialist im Geiste der Franzosen, und daher wenig in
den Sinn der Marxschen Lehre eingedrungen. Der Brief, der, wie gesagt,
nur wenig auf die Gestaltung des damals vereinbarten Programms der
Sozialdemokratie eingewirkt hat, geriet in Vergessenheit, bis im Jahre
1890, als die Sozialdemokratie von neuem vor der Aufgabe stand, ein
Programm zu schaffen, Friedrich Engels ihn mit allen seinen Schärfen in
der »Neuen Zeit« veröffentlichte.
Die Frage aber, um die es sich hier dreht, blieb eine Streitfrage des
Sozialismus. Und zwar nicht so sehr eine Streitfrage über den Mehrwert
und dergleichen, denn der war ja eine nachweisbare Tatsache. Daß der
Arbeiter im allgemeinen einen höheren Wert erarbeiten muß, als er im
Lohn bekommt, das ließ sich sehr leicht nachweisen. Will man es sich
heute greifbar veranschaulichen, so lese man die Statistik der Aktionäre.
Die Aktionäre sind eigentlich der herumwandelnde Mehrwert, ob sie nun
sozialrechtlich Anspruch auf ihn haben oder nicht. Wie man die
Aktionäre, d. h. die Leute, die ihr Geld in den Aktien von gewerblichen
Unternehmungen anlegen, sozialrechtlich beurteilt, ob man auf sie als
Schmarotzer verächtlich zu blicken hat, oder ob man sagen kann, sie sind
zeitweise eine große Notwendigkeit gewesen und auch heute noch nicht
entbehrlich, das ist eine Frage für sich. Zu ihrer Beleuchtung sei hier
eine kleine Episode erwähnt. Der deutsche Reichstag verhandelte im Jahre
1906 über die vom damaligen Reichsschatzsekretär ausgearbeitete
Finanzaufbesserung. Sie schlug zum ersten Male eine Reichserbschaftssteuer
vor, und die Sozialdemokratische Partei, deren Mitglied ich bin, hatte,
weil sie Gegnerin aller indirekten Steuern und Zölle war, höhere Sätze
als der Minister für die Erbschaftssteuer beantragt. Mir fiel die
Aufgabe zu, diese Forderung zu vertreten, und ich wies dabei darauf hin,
daß damals schon eine Verteilung des Eigentums eingetreten sei, welche
die Möglichkeit biete, die für die notwendige Entwicklung der
Großproduktion erforderten Betriebskapitale auf genossenschaftlichem
Wege aufzubringen, und verwies hierfür auf die starke Verbreitung des
Aktienwesens. Der große Kapitalist habe eine notwendige Funktion erfüllt
in der Beschaffung der Mittel für die Erweiterung der Produktion zu der
Zeit, wo eine andere Form der Kapitalbildung nicht da war. Das sei aber
zum Teil schon überwunden, und man könne infolgedessen schon dreister
zugreifen bei der Besteuerung der großen Vermögen und Erbschaften. Da
antwortete mir ein nationalliberaler westfälischer Abgeordneter, das
klinge sehr schön, aber es sei doch falsch, denn wenn kleine Leute die
Mittel zusammenschießen, würden sie nie den Unternehmergeist und den
Wagemut aufbringen, der erforderlich sei, sich auf so weitschichtige
Unternehmungen einzulassen, wie die Großkapitalisten es täten. Wer
bemüht ist, objektiv zu urteilen und sich nicht durch seine eigenen
Parteianschauungen den wissenschaftlichen Blick blenden läßt, der muß
zugeben, daß ein Stück an dieser Antwort richtig war. Namentlich wenn
man anerkennt, daß zur fortschreitenden Entwicklung der
Volkswirtschaft -- solange nicht der Staat und die Allgemeinheit dafür
sorgen, daß ihre Organe nicht im Bureaukratismus versumpfen --, daß zum
Fortschritt der Gesellschaft in entscheidender Linie die Fortentwicklung
der Produktion durch beständige Verbesserung der Maschinerie und
großzügige, weitblickende Versuche gehören, muß man sich sagen, daß ein
Stück von jener Antwort wahr ist, und der Streit könnte nur darum gehen:
Wieviel davon ist noch wahr, und wieviel überlebt?
Wir haben kürzlich einen Kongreß der deutschen Chemiker gehabt, auf dem
ein Vertreter lebhaft gegen die Sozialisierung der chemischen Industrie
polemisierte. Er wies hin auf die wichtigen, wertvollen Leistungen
dieser Industrie, von denen er fürchtete, daß sie nicht in gleicher
Weise gemacht würden bei der Sozialisierung. Ich halte das in dieser
Allgemeinheit für sehr übertrieben, aber gerade weil ich Sozialist bin
und der Erkenntnis der Wahrheit nachstrebe, verschließe ich nicht vor
Tatsachen die Augen, sondern suche zu prüfen, wieviel an solchen
Behauptungen wahr ist. Man kann nun nicht bestreiten, daß auch noch in
neuerer Zeit die kapitalistische Unternehmung auf verschiedenen Gebieten
in bezug auf wertvolle Neuerungen Bedeutendes geleistet hat. Gerade
Sozialisten dürfen sich nicht das verhehlen, weil sie der sozialisierten
Produktion zur Aufgabe stellen müssen, in der Produktion das zu leisten,
was der Kapitalismus geleistet hat. Ein Beispiel sind unter anderem die
großartigen Neuerungen auf dem wichtigen Gebiete nicht nur der
Gewinnung, sondern der Weiterverarbeitung der Kohle, der chemischen
Verarbeitung ihrer Nebenprodukte, der Extrahierung von Ölen aus der
Kohle, was für Deutschland, das seine Einfuhren einschränken muß, eine
sehr wesentliche wirtschaftliche Frage ist. Aus alledem geht hervor, wie
recht Marx hatte, wenn er es für irreführend erklärte, die Form der
Verteilung des Arbeitsertrages bei der Begründung des Sozialismus als
maßgebend hinzustellen. Der Sozialismus ist in erster Linie gebunden an
die Fortentwicklung der Produktion.
Marx, der dies bald erkannte, trat daher, so seltsam dies klingen mag,
dem Kapital viel objektiver gegenüber, ließ seiner geschichtlichen
Bedeutung viel mehr Gerechtigkeit angedeihen, als die meisten
Sozialisten vor ihm und viele, die gleichzeitig mit ihm schrieben.
Ähnlich Friedrich Engels in seiner Streitschrift wider den
Wirklichkeitsphilosophen Eugen Dühring, der seinerzeit an der Berliner
Universität gelesen hat und 1877 removiert wurde wegen Angriffen auf
Kollegen, die allerdings erheblich über das Zulässige hinausgingen, sich
aber dadurch erklären, daß der Mann erblindet war. Dühring war
gleichfalls naturrechtlicher Sozialist und im Grunde Nichtökonom. Die
Kritik, die Friedrich Engels in seiner Schrift »Herrn Eugen Dührings
Umwälzung der Wissenschaft« an ihm übt, tut ihm nun zwar hier und da
Unrecht -- Engels hieb stark zurück auf die ungerechten Ausfälle, die
Dühring gegen Marx und andere Sozialisten gerichtet hatte --, aber bei
alledem ist dieses Buch unbestritten das bedeutendste Werk des modernen
Sozialismus nach Marx' »Kapital«. In ihm nun finden wir eine Reihe von
Kapiteln, die auch für unseren Gegenstand wichtig sind, weil Engels da
gründlich mit der naturrechtlichen Lehre abrechnet. Ferner knüpfte sich
an es eine Polemik, die für die Bedeutung der Mehrwertslehre für den
Sozialismus Aufklärung gibt.
Engels bemerkt in der Schrift, daß erst durch Marx' Enthüllung des
Mehrwerts der Sozialismus eine Wissenschaft geworden sei. Das hat den
österreichischen Gelehrten Anton Menger, seinerzeit Professor an der
Wiener Universität, auf die Bühne gerufen. In seinem Buche: »Das Recht
auf den vollen Arbeitsertrag«, das 1886 erschienen ist, nimmt er gegen
Marx und Engels Stellung und sucht nachzuweisen, daß Engels für Marx und
andere für Rodbertus eine Entdeckung reklamierten, die schon lange vor
jenen von englischen und französischen Sozialisten gemacht war. Menger
gibt dafür die ganze Literatur an, und man findet bei ihm auch sehr
interessante Darlegungen über die naturrechtliche Auffassung des
Sozialismus. Aber, weil er selbst wesentlich juristischer Sozialist ist,
wie er in einer Polemik genannt wurde, hat Menger vollständig das
Problem verkannt, um das es sich bei der Mehrwertslehre handelt. Er
bezieht sie auf die Frage des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, eine
Sache, um die sich Marx im »Kapital« gar nicht gekümmert hat. Warum
nicht, entwickelt nun Engels im Vorwort zur deutschen Ausgabe von »Das
Elend der Philosophie«, eine Streitschrift von Karl Marx gegen Proudhon.
Er erwähnt dort den von Rodbertus gegen Marx erhobenen Vorwurf, daß er
den Nachweis des Mehrwerts erst nach ihm geliefert habe, zeigt, wie
schon in jener zuerst 1847 erschienenen Schrift gegen Proudhon Marx
diese Ableitung des Mehrwerts aus Ricardo behandelt und 1859 die
Nutzanwendung der englischen Sozialisten aus ihr, daß den Arbeitern als
den alleinigen Produzenten die ganze gesellschaftliche Produktion
gehöre, als falsch hingestellt habe, und sagt dann:
»Die obige Nutzanwendung führt direkt in den Kommunismus. Sie ist
aber, wie Marx an der obigen Stelle auch andeutet, ökonomisch formal
falsch, denn sie ist einfach eine Anwendung der Moral auf die
Ökonomie. Nach dem Gesetze der bürgerlichen Ökonomie gehört der größte
Teil des Produktes nicht den Arbeitern, die es erzeugt haben. Sagen
wir nun: das ist unrecht, das soll nicht sein, so geht das an sich die
Ökonomie zunächst nichts an. Wir sagen nur, daß diese Tatsache unserem
sittlichen Gefühl widerspricht. Marx hat daher nie seine
kommunistischen Forderungen hierauf begründet, sondern auf den
notwendig sich vor unseren Augen täglich mehr und mehr vollziehenden
Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise. Er sagt nur, daß
der Mehrwert aus unbezahlter Arbeit besteht, was eine einfache
Tatsache ist.«
Dann fährt Engels fort:
»Was aber ökonomisch formell falsch ist, kann darum doch
weltgeschichtlich richtig sein. Erklärt das sittliche Bewußtsein der
Masse eine ökonomische Tatsache, wie seinerzeit die Sklaverei oder
Fronarbeit, für unsittlich, so ist das ein Beweis, daß die Tatsache
selbst sich schon überlebt hat, daß andere ökonomische Tatsachen
eingetreten sind, kraft deren jene unerträglich und unhaltbar geworden
ist. Hinter der formellen ökonomischen Unrichtigkeit kann daher ein
sehr wahrer ökonomischer Inhalt verborgen sein.«
Engels sagt also ausdrücklich, die Anwendung der Moral -- und das
Naturrecht ist Moral -- auf die Ökonomie in dieser Frage ist ökonomisch
falsch, die Ökonomie gehe das nichts an, was das sittliche Bewußtsein
sagt. Er erkennt nur an, daß, wenn das sittliche Bewußtsein der Massen
eine ökonomische Tatsache für unrecht erkläre, dies eine Anzeige sei,
daß inzwischen Verhältnisse eingetreten seien, wonach diese Tatsache
nicht mehr erträglich und haltbar sei. Das aber muß doch immer erst
ermittelt werden, und wie führt man den Beweis? Engels zeigt es an, wenn
er fortfährt:
»Marx hat seine kommunistischen Forderungen nie darauf begründet,
sondern auf den sich vor unseren Augen täglich mehr und mehr
vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise.«
Das schrieb Engels 1877, und wenigstens bis zum Ausbruch des
Weltkrieges war die kapitalistische Produktionsweise nicht
zusammengebrochen, sondern hatte im Gegenteil einen gewaltigen weiteren
Aufschwung genommen. Es lassen sich verschiedene Tatsachen anführen, aus
denen hervorgeht, daß eine Reihe von Folgerungen, die man aus der alten
Theorie geschöpft hatte, sich nicht bewahrheitet haben. So z. B. der
Satz »Die Maschine schlägt den Arbeiter tot«. Der Ansicht, daß die
Maschine in größerem Maße Arbeiter überflüssig mache, als durch sie zur
Produktion herangezogen werden, steht die Tatsache entgegen, daß bis zum
Kriege die Zahl der industriellen Arbeiter, des industriellen
Proletariats, in allen Ländern moderner Entwicklung erheblich zugenommen
hat, nicht nur in den neuen, sondern auch in den alten Ländern. Diese
Frage bedarf also gleichfalls einer Nachprüfung und genauen
Untersuchung. Ganz besonders aber nötigt der Satz von Engels, Marx habe
seine kommunistischen Forderungen auf dem mit Notwendigkeit sich
vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise
gegründet, genauer zu untersuchen, wie es sich mit diesem Zusammenbruch
verhält.
Inzwischen liegt die Frage der Verteilung des Arbeitsertrages auf einem
anderen Gebiete. Die Geschichte der Entlohnung der Arbeiter kennt ganz
verschiedene Lohnraten, nicht bloß der absoluten Höhe, sondern auch dem
Anteil am Produkt nach. Sie verzeichnete zu gewissen Zeiten bei einem
wesentlichen Tiefstand der Entwicklung eine furchtbare Ausbeutung von
Arbeitern. Wir wissen von dem Elend, das lange Zeit in England und
Deutschland existiert hat und vielfach noch und wieder existiert, daß
oft der Lohn ganz bedeutend zurückbleibt hinter dem Mehrwert. Es fehlt
aber auch nicht an Beispielen eines anderen Verhältnisses von Lohn und
Mehrwert. Im allgemeinen wird in der marxistischen Literatur die
Mehrwertrate auch Ausbeutungsrate genannt. Aber an einer bestimmten
Stelle polemisiert Engels dagegen, daß man den Begriff »Ausbeutung« in
diesem Zusammenhang moralisch auffaßt, er soll nur ökonomisch genommen
werden als eine reine Tatsache, wie man etwa von der Ausbeutung eines
Bergwerks oder eines Patents spricht. Ich muß indes sagen, daß dann doch
das Wort ein wenig zu Unrecht angewandt wird. Ausbeutung kann natürlich
eine rein ökonomische Tatsache sein ohne jeden Zusammenhang mit
moralischen Beziehungen. Aber wenn wir in bezug auf Menschen von
Ausbeutung sprechen, so können wir kaum jemals den moralischen Sinn des
Wortes davon trennen, und daß im Lohnverhältnis oft eine wirkliche
Ausbeutung im moralischen Sinne des Wortes stattfindet, läßt sich gar
nicht bestreiten. Die Anschauung, daß das ganze Lohnsystem ein
Ausbeutungssystem im moralischen Sinne des Wortes sei, hat unzweifelhaft
der Arbeiterschaft in ihrem Emanzipationskampf einen großen moralischen
und ethischen Antrieb gegeben. Bei den politischen Kämpfen der
Arbeiterbewegung hat überall die Forderung: Abschaffung des Lohnsystems,
und zwar von der Arbeiterseite aus gesehen: Abschaffung des Lohnsystems
zur Sicherung des vollen Arbeitsertrages eine große Rolle gespielt. Aber
freilich nur als Idee. Denn wie sollte es für die Gesamtheit der
Arbeiter verwirklicht werden? Es könnte nur dadurch geschehen, daß man
zum Kommunismus übergeht und gar keine Bezahlung der Arbeit, sondern
eine einfache Verteilung des Reichtums vornimmt oder, wie Krapotkin es
will, die Benutzung des ganzen gesellschaftlichen Reichtums allen zur
freien Verfügung stellt. Solange man noch mit Leistungswert der Arbeit
rechnet, und im Übergangsstadium wird man das sicher nicht umgehen
können, wird allerdings auch noch immer eine Art Lohnsystem
aufrechterhalten werden müssen, und die Forderung: Abschaffung des
Lohnsystems, hat denn auch in der Praxis eine ganz andere Anwendung
gefunden. Nicht die Form Arbeitslohn ist es, die in Wirklichkeit
bekämpft wird. Die Arbeiterklasse hat in der Praxis sich ganz anders zu
ihr gestellt. Gegen nichts haben sich die Arbeiter aus guten Gründen
schärfer gewandt als gegen eine andere Art Bezahlung als durch den Lohn,
gegen eine Ausgleichung der Arbeit, die etwa bestand in der Zuwendung
von Lebensmitteln, Wohnung usw. Sie betrachten ein auf ihr beruhendes
Verhältnis als eine Sklaverei oder Hörigkeit, den Lohn aber betrachten
sie dieser altmodischen patriarchalischen Arbeitsabgeltung gegenüber,
wie sie bei Fleischern, kleinen Kaufleuten und manchen anderen
Handwerkern noch bestand, als einen Fortschritt. Es handelte sich bei
ihren praktischen Kämpfen niemals darum, die Lohnform überhaupt
grundsätzlich abzuschaffen, sondern erstens jedesmal um die Lohnhöhe
überhaupt und zweitens um die Art, wie die Lohnhöhe bestimmt wird. Das
ist vorläufig der eigentliche Kampf der Arbeiterklasse in der modernen
Gesellschaft, auch dem Staate gegenüber, in Hinsicht auf den Entgelt der
Arbeit, daß der Lohn nicht bestimmt wird durch die freie Konkurrenz,
nicht willkürlich festgesetzt wird vom Unternehmer, sondern daß die
Arbeiterklasse selbst in ihren Organisationen einen gesetzlichen Status
erhält und mitwirkenden Einfluß ausübt auf die Lohnbestimmung. Dahin
geht zunächst die Entwicklung. Von einem Naturrecht auf den ganzen
Mehrwert ist da kaum noch die Rede.
Was aber die Deutung des Sinns der Marxschen Werttheorie selbst
anbetrifft, so hat der Umstand, daß man in Deutschland Wilhelm
Liebknecht, den sehr hervorragenden und verdienten Führer der
Sozialdemokratie, für den Schüler und Interpreten von Marx hielt,
während seine Auslegungen tatsächlich von Marx äußerst scharf kritisiert
wurden, sein Gegenstück in anderen Ländern. Hinsichtlich der
französischen Sozialisten wissen wir, daß Marx unter Bezugnahme auf
seinen eigenen Schwiegersohn, den übrigens sehr geistreichen Paul
Lafargue, der in Frankreich als der orthodoxeste Marxist angesehen
wurde, einmal sagte: »Was mich betrifft, so weiß ich nur das eine, daß
ich kein Marxist bin« -- will sagen, kein Marxist in solchem Sinne.
Dasselbe spielte sich in England ab, wo der geistige Führer des
marxistischen Flügels der dortigen Sozialisten, H. M. Hyndman, schon von
Marx ähnlich beurteilt wurde. Da Hyndman sehr doktrinär auftrat und, wie
Engels ihm vorwarf, aus dem Marxismus ein Sektendogma machte, so wurde
das zum Anlaß, daß andersdenkende Sozialisten, wie die Fabianer, durch
diese falsche Deutung der Marxschen Wertlehre veranlaßt, sich auf den
Boden einer anderen Werttheorie stellten, die Grenznutzentheorie, die
auf dem Kontinent hauptsächlich ausgearbeitet ist von hervorragenden
österreichischen Ökonomen wie Böhm-Bawerk, Wieser, Karl Menger, und auch
in Deutschland ihre Vertreter gefunden hat. In England hatte sie zum
wissenschaftlichen Ausarbeiter den als mathematischen Logiker berühmten
Henry Stanley Jevons. Die Fabianer nahmen diese Theorie auf unter
Verkennung oder nicht genügender Berücksichtigung der Tatsache, daß in
der Ökonomie der Begriff »Wert« gar nicht eine einfache Eigenschaft
ausdrückt, sondern verschiedene Elemente zusammenfaßt. Marx bezeichnete
seinerzeit Tauschwert und Gebrauchswert als die Grundelemente. Später
hat man allgemein Nutzwert für Gebrauchswert gesetzt. Im Begriff
Nutzwert liegen aber wieder zwei Elemente: der unmittelbar individuelle
Nutzwert und der soziale Nutzwert, der das Quantitätsverhältnis der
Kauflust für die Ware umfaßt. Diesen Nutzwert hat die Grenznutzentheorie
im Auge. Auf den Streit zwischen ihren sozialistischen Anhängern und den
Verfechtern der Marxschen Wertlehre will ich hier nicht näher eingehen,
ich will nur eins dabei erwähnen. Marx berücksichtigt zwar den Nutz-
oder Gebrauchswert, nennt ihn die Grundbedingung des Wertes, läßt ihn
aber bei seinen weiteren Untersuchungen über die Wertbestimmung zunächst
außer Betracht. Das führt ihn zu bemerkenswerten Schlüssen, die jedoch
einseitiger Natur sind. Seine Wertlehre wurde genauer so formuliert, daß
der Wert bestimmt sei durch die in der Ware steckende Arbeit, gemessen
an der zu ihrer Herstellung _gesellschaftlich notwendigen_ Arbeitszeit. In
dem Begriff gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit liegen wieder zwei
Elemente eingeschlossen: erstens die Arbeitszeit, die gesellschaftlich
notwendig ist, um jedes einzelne Exemplar der in Frage kommenden Ware
herzustellen, das heißt, gesellschaftlich notwendig nach der Höhe der
erreichten _Technik_. Aber es kommt auch darauf an, welche Arbeitszeit
gesellschaftlich notwendig ist, um die Ware in derjenigen Masse
herzustellen, die erfordert ist, um die für sie vorhandenen Käufer zu
befriedigen. Die Höhe des Verbrauches bestimmt sich in der modernen
Gesellschaft nicht danach, wie viele Menschen eine Ware brauchen,
sondern wie viele sie kaufen können und zu kaufen Lust haben. Wirft man
beide Momente durcheinander, so hebt eine Definition die andere auf, und
wir kommen dann doch zur Grenznutztheorie. Soviel hierüber.
Was in der Marxschen Theorie Ausbeutung genannt wird, ist der Mehrwert,
der von dem in den Preis umgesetzten Wert der Ware abzüglich der
Sachkosten der Produktion nicht dem Arbeiter zufließt. Ich kann nicht
sagen, dem Kapitalisten zufließt, denn er spaltet sich in Rente für den
Grundbesitzer, den Profit für den Unternehmer und den Zins für den
Geldkapitalisten. Liegt nun aber in der Tatsache, daß der Arbeiter nicht
den vollen Ertrag der Arbeit bekommt, ein Ausbeutungsverhältnis? Wir
haben gesehen, daß im objektiven Sinne man das Wort Ausbeutung anwenden
kann, daß aber, wenn man es moralisch deutet, wie das bei vielen
Sozialisten der Fall ist, man zu vollkommen falschen Schlüssen gelangt.
Es würde nämlich danach in hochentwickelten Industrien, wo die Arbeiter
am besten entlohnt werden und überhaupt sozial am höchsten stehen, die
Ausbeutung, weil da am meisten sogenanntes konstantes Kapital im
Unternehmen angelegt ist, als die höchste, und in solchen Industrien, wo
die Arbeiter sehr schlecht bezahlt werden, weil wenig Maschinen
angewandt werden, die Ausbeutung weniger hoch erscheinen. So erweckt die
Gleichsetzung der Begriffe Mehrwertsrate und Ausbeutungsrate einen
durchaus falschen Eindruck.
Wie wenig Marx den Sozialismus davon ableitet, daß der Arbeiter nicht
den vollen Ertrag seiner Arbeit bekommt, geht auch daraus hervor, daß er
gerade feststellt, es sei schon vor der kapitalistischen Periode so
gewesen. Im achten Kapitel des ersten Bandes »Kapital« schreibt er
ausdrücklich: »Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden«. Und in
der Tat ist sie sogar unter dem Kapital vielfach geringer als in Zweigen
der vorkapitalistischen Wirtschaft. Marx leitet vielmehr die Forderung
des Sozialismus ab aus dem sich mit Notwendigkeit vollziehenden
Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise. Dieser
Zusammenbruch nun kann verschieden aufgefaßt werden. Er kann begriffen
werden als rein ökonomisches Phänomen dergestalt, daß die mit dieser
Produktionsweise untrennbar verbundenen Wirtschaftskrisen immer größer
werden, bis schließlich eine so große Krisis eintritt, daß in ihrer
Folge der völlige Zusammenbruch erfolgt. Ich bemerke ausdrücklich, es
handelt sich hierbei nicht um Krisen, die durch äußere Ereignisse,
Kriege usw. herbeigeführt werden -- denn das sind keine rein
ökonomischen Erscheinungen --, sondern um solche, die hervorgebracht
werden durch die Konkurrenzkämpfe der kapitalistischen Welt, die
immanent sind der Wirtschaftsweise der kapitalistischen Produktion. Aber
der Zusammenbruch kann auch aufgefaßt werden als Resultat der
Klassenkämpfe, die sich auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft
als unvermeidliche Rückwirkung der ihr innewohnenden und von ihr
zunehmend gesteigerten Klassengegensätze vollziehen. Nach der Theorie
von Marx treten diese Klassenkämpfe in immer stärkerem Maße auf, und das
nötigt uns dazu, nun einmal das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft
überhaupt zu betrachten und darüber hinaus das Wesen ihrer Klassenkämpfe
zu ermitteln.
Viertes Kapitel.
Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus.
Um ein Bild vom Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen
Kapitalismus zu geben, was natürlich nur in großen Umrissen geschehen
kann, muß ich die Materialien unserer deutschen Statistik entnehmen. Ich
könnte sie freilich auch aus verschiedenen anderen Ländern haben, Marx
nahm sie aus England, das ja seinerzeit das vorgeschrittenste Land der
kapitalistischen Produktion und Wirtschaft war. Inzwischen ist aber
Deutschland England sehr nahegekommen und hat vor dem Kriege eine sehr
entwickelte Berufs- und Gewerbestatistik gehabt. Auch bietet es der
Untersuchung gewissermaßen ein reineres Bild dar, weil die englische
Volkswirtschaft durch das ungeheure Kolonialreich stark beeinflußt war,
während Deutschlands Kolonialbesitz in den Jahren, um die es sich hier
handelt, erst in seinen Anfängen war und auf die Gestaltung seiner
Volkswirtschaft einen sehr geringen Einfluß geübt hat. Aber wenn wir von
kapitalistischer Wirtschaft sprechen, dann müssen wir uns -- was leider
heute nicht so geschieht, wie es sein sollte -- darüber klar werden, daß
in dem Begriff »Kapitalismus«, sehr verschiedenartige Inhalte
eingeschlossen sind, daß das Wort »Kapitalismus«, das heute so leicht
hingeworfen wird, als ob es eine ganz einfache Sache ausdrücke, die
eines Tages beseitigt werden könne, sehr viele Dinge zusammenfaßt. Um
die Hauptsache zu erwähnen, so bezeichnet der Begriff kapitalistisch
zunächst die Tatsache einer bestimmten Höhe der Produktion, die
Zusammenfassung der Arbeit in großen Betrieben, die Anwendung von
Maschinerien usw., die nur durch große Kapitalaufwendung möglich ist. So
ist einmal der Begriff kapitalistisch Ausdruck für eine bestimmte
_Produktionsform_. Der Kapitalismus ist aber noch etwas anderes; er ist
auch ein _Verteilungssystem_, ein Verteilungssystem eben der Ergebnisse
der Produktion unter der Herrschaft des Kapitals, das ein ganz anderes
Verteilungssystem ist, als wir es auf früheren Stufen der Produktion, im
Feudalismus, im Handwerk usw. vorfinden. Der Begriff umfaßt aber nicht
nur ein Verteilungssystem und eine bestimmte Produktionsform, sondern
drittens auch ein bestimmtes Wirtschafts_recht_. Das Rechtsverhältnis von
Unternehmer und Arbeiter ist unter dem Kapital ein ganz anderes, als
früher im Feudalismus und im Handwerk.
Man vergißt selbst in sozialistischen Kreisen häufig diese
zusammengesetzte Natur des Kapitalismus. Wohin das führt, dafür möchte
ich aus neuester Zeit ein Beispiel anführen. In diesen Tagen hat
irgendwo in einem angesehenen Blatte ein Artikel gestanden, worin der
Verfasser sagte: »Es ist die Tragik der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands, daß sie, die grundsätzlich den Kapitalismus bekämpft und
ihn beseitigen wollte, durch ihre Stellung in der Regierung genötigt
ist, die kapitalistische Produktion erst wieder herzustellen.« Ich bin
nun in einer großen Versammlung gefragt worden, was ich zu dieser Tragik
zu sagen habe. Ich bin nicht dazu gekommen, dort diese Frage zu
beantworten, weil die Versammlung infolge von lärmenden Störungen
abgebrochen werden mußte. Hätte ich die Zeit zur Antwort gehabt, so
hätte ich gesagt, und privatim habe ich das auch nachher dem
Fragesteller geantwortet: Ich sehe in der angegebenen Tatsache gar keine
Tragik, sondern höchstens in der geistigen Vorbildung des
Artikelschreibers. Gewiß ist es unleugbar die Aufgabe der Regierung,
welche es auch sei, in modernen Ländern, vor allem in Deutschland in
seiner eigenartigen Weltlage, wo es gezwungen ist zu bestimmten
gewaltigen Leistungen, sofern man nicht gleich mit einem Schlage, wie es
in Rußland versucht wurde, aber nicht geglückt ist, die Gesellschaft
vollständig zu ändern und alle Lasten abzuwerfen -- gewiß ist es Aufgabe
der jetzigen Regierung in Deutschland, ob sie konservativ, liberal,
demokratisch oder sozialdemokratisch sei, zunächst einmal die Wirtschaft
wieder in Gang und Ordnung zu bringen und dadurch allerdings auch die
kapitalistische Produktion zu erhalten oder ihre Lebensbedingungen und
Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern. Aber damit ist nicht gesagt, daß
diese nun in allen Punkten bleiben muß, was sie vorher war. Man kann die
Form der Produktion erhalten, aber das Rechtsverhältnis ändern. Ebenso
kann man auch den Modus der Verteilung ändern. Zum Teil ist das erstere
in Deutschland auch geschehen. Eine große Änderung ist eingetreten durch
das Gesetz über die Betriebsräte, das zwar erst in seinen Anfängen
steht, aber außerordentlich bedeutungsvoll und von großer Tragweite ist
und mindestens grundsätzlich eine große Wandlung im Rechtsverhältnis von
Unternehmer und Arbeiter einleitet. Es kann also die Betriebs- oder
Wirtschaftsform erhalten bleiben und doch kann in ihrer Verfassung und
Leitung eine große, sogar eine revolutionäre Änderung vor sich gehen. Im
Kapitalismus haben wir aber als bleibende Tendenz die Vergrößerung der
Betriebe. Nach der Marxschen Theorie führt die Entwicklung mit
Notwendigkeit, unter dem Druck der freien Konkurrenz, zu immer größerer
Konzentration der Unternehmungen, zur Akkumulation der Vermögen in
Privathänden, bei Proletarisierung der großen Mehrheit der Bevölkerung,
und damit zu einer ganz anderen Klassenschichtung und Verschärfung der
Klassenkämpfe. Das haben wir zunächst zu betrachten.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches, nachdem mit der Sonderhoheit
der Einzelstaaten alle Hemmnisse des inneren Marktes gefallen waren und
Deutschland zu einer Handelspolitik überging, die nach kurzer
Zwischenzeit das System der Meistbegünstigungsverträge festlegte, mit
Hilfe dessen Deutschlands äußerer Markt sich immer mehr erweiterte, hat
Deutschlands Industrie in verhältnismäßig kurzer Zeit einen ganz
gewaltigen Aufschwung genommen, so daß wir in einzelnen Teilen
Deutschlands Entwicklungen gehabt haben, die an amerikanische
Verhältnisse erinnern. Ich brauche nur das große rheinisch-westfälische
Industriegebiet zu nennen, das in der Tat einen Vergleich mit den großen
amerikanischen Industriezentren aufnehmen kann. Das Deutsche Reich hat
bis zum Kriege dreimal allgemeine Berufs- und Gewerbezählungen gehabt.
Zwischen der ersten und der letzten davon liegen 25 Jahre. Die erste
Zählung fand statt im Jahre 1882, die zweite 1895 und die dritte 1907.
Die Zählung von 1907 gibt uns also die letzten Vergleichszahlen. Was nun
die Entwicklung der Betriebe in Industrie und Bergbau anbetrifft, so hat
die deutsche Gewerbezählung die Betriebe eingeteilt in Klein-, Mittel-
und Großbetriebe. Bis kurz vor dem Kriege wurden als Kleinbetriebe
gerechnet solche von 1 bis 5 Personen, als Mittelbetriebe solche von 6
bis 50 Personen und alles darüber galt in der Statistik und Wissenschaft
als Großbetrieb. In der Arbeiterschaft herrschte allerdings eine ganz
andere Auffassung. Die Berliner Metallarbeiter haben im Jahre 1902 eine
Zählung ihrer Berufsangehörigen vorgenommen, und da rechneten sie zu den
Kleinbetrieben noch alles, was unter 500 Arbeiter hatte, zu den
Mittelbetrieben rechneten sie solche von 500 bis 2000 Arbeitern und erst
darüber hinaus fing nach ihrer Auffassung der Großbetrieb an. Das ist
für ihre soziale Einschätzungsweise überaus charakteristisch. Ich habe
einmal in einer Versammlung der Dreher, nachdem ich dort einen Vortrag
gehalten hatte, noch eine gute Weile zugehört, wie sie ihre eigenen
Angelegenheiten behandelten, was immer sehr lehrreich ist. Da gab der
Vorsitzende Bericht über die Untersuchung der Zustände in einem
Unternehmen und bemerkte dabei im Ton ziemlicher Geringschätzung: »Ihr
könnt Euch denken, was das für eine Krämerbude war, es waren da nur etwa
1000 Arbeiter beschäftigt!« Ein Unternehmer, der gegen tausend Arbeiter
beschäftigt, ist meist schon ein Millionär; aber in der Auffassung der
Metallarbeiter Berlins war sein Unternehmen im Grunde nur ein
Kleinbetrieb.
Halten wir uns indes hier an die Angaben der Reichsstatistik. Sie zeigt
in der ersten Periode von 1882 bis 1895, die 13 Jahre umfaßte, einen
geringeren Aufstieg als in der nur 12 Jahre umfassenden Periode von 1895
bis 1907. Das ist begreiflich und beleuchtet die ganze Tendenz der
Entwicklung. Um aber nicht durch zu viele Zahlen zu ermüden, lasse ich
hier nur die runden Anfangs- und Endzahlen der ganzen Periode folgen.
Danach entwickelten sich in diesen fünfundzwanzig Jahren in Industrie
und Bergbau die Kleinbetriebe (1-5 Personen) der Zahl nach von 2175000
im Jahre 1882 auf 1870000 im Jahre 1907, die Mittelbetriebe der Zahl
nach von 85000 im Jahre 1882 auf 157000 im Jahre 1907 und die
Großbetriebe von 9000 im Jahre 1882 auf 29000 im Jahre 1907. Nehmen wir
nicht die Zahlen der Betriebe, sondern die der in den Betrieben
beschäftigten Personen, dann waren in den Kleinbetrieben beschäftigt
1882 rund 3270000 und 1907 3202000, in den Mittelbetrieben 1882 1109000,
1907 2715000, in den Großbetrieben 1882 1554000 und 1907
4940000 Personen. Hier sieht man, wie der größere Betrieb in der
Industrie gegenüber den kleineren einen immer größeren Raum einnimmt.
Die Kleinbetriebe nehmen ab, aber verhältnismäßig wenig. Die
Mittelbetriebe nehmen aber noch ganz bedeutend zu. Sie sind gestiegen
von 85000 auf 187000 und nach der Zahl der beschäftigten Personen von
1109000 auf 2715000.
Wenn unzweifelhaft eine bedeutungsvolle Konzentration der Betriebe
stattgefunden hat, so ist das doch nicht in dem Maße geschehen, wie man
es annahm und wie es im Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie
stand, daß nämlich die Mittelbetriebe verschwinden. Sie verschwinden
eben auch in der Industrie nicht. Allerdings darf man nicht vergessen,
daß Betrieb nicht dasselbe ist wie die Unternehmung. Eine Unternehmung
umfaßt oft verschiedene Betriebe, die großen Unternehmen ganze Reihen
von Betrieben, während die Statistik die Betriebe einzeln aufzählt.
Hätten wir eine Statistik der Unternehmungen, dann würden wir eine
wesentlich stärkere Konzentration festzustellen haben, als sie in den
obigen Zahlen erscheint. In bezug auf die Industrie war ganz unleugbar
die Theorie insofern richtig, daß eine zunehmende Konzentration der
Unternehmungen stattfindet. Aber sie fand nicht in der Weise statt, daß
die mittleren Betriebe und Unternehmungen verschwanden. Nur die ganz
kleinen, die Zwergbetriebe, haben etwas abgenommen, im übrigen aber hat
durchgängig ein Aufstieg stattgefunden von den kleineren in die
mittleren und von den mittleren in die größeren Betriebe. Wir würden das
noch deutlicher sehen, wenn wir die Unterabteilungen der drei hier
verglichenen großen Gruppen heranzögen. Keine einzige dieser Abteilungen
war aus der Reihe verschwunden. Es hatte lediglich eine Verschiebung
nach oben sich vollzogen. Bestimmte Neubildungen haben sich jedoch
gewissermaßen _neben_ der allgemeinen Entwicklung ausgestaltet, indem
nämlich ganz neue Industrien entstanden sind, die von vornherein als
Riesenunternehmungen ins Leben traten. Man denke da an die großen
modernen Lokomotivfabriken und Werften für Dampferbauten, an die
Entwicklung der großen Elektrizitätswerke usw., wo ganze Industriezweige
gleich als Riesenbetriebe ins Leben traten und nicht erst die
Entwicklung vom Kleinbetrieb über den Mittelbetrieb zum Großbetrieb
durchzumachen hatten.
Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Handel und Verkehr. Da haben wir
sogar eine noch stärkere Vermehrung. Die Kleinbetriebe nahmen im Handel
bedeutend zu. Der Handel ist ja oft die Zuflucht für viele aus der
Industrie Verdrängte, die Etablierung des Kleinkrämers ist viel leichter
als die des kleinen Fabrikanten. Im Handel und Verkehr war die
Entwicklung von 1882 bis 1907 eine solche, daß sich vermehrten: die
Kleinbetriebe von 676000 auf 1204000, die Mittelbetriebe von 26000 auf
76000, die Großbetriebe von 463 auf 2800. Im Handel waren die
Großbetriebe, d. h. die Betriebe mit über 50 Personen, nicht so
zahlreich wie in der Industrie. Wir haben zwar eine sehr bedeutende
Zunahme der modernen Kaufhäuser, doch ist deren Zahl im ganzen nicht so
übermäßig groß. Auch steckt im Handel hinter einer verhältnismäßig
geringen Zahl von Angestellten oft schon ein sehr erheblicher
Kapitalaufwand. Nach der Zahl der Beschäftigten berechnet, war hier die
Entwicklung von 1882 bis 1907 bei den Kleinbetrieben von rund einer
Million auf zwei Millionen, bei den Mittelbetrieben von 270000 auf
878000, bei den Großbetrieben von 54000 auf 395000. Hier tritt die
Bedeutung der Zunahme der Großbetriebe stärker hervor. Aber während in
Industrie und Bergbau die 5 Millionen Beschäftigten der großen Betriebe
ebensoviel ausmachen wie die Beschäftigten der Mittel- und Kleinbetriebe
zusammen genommen, ist das Verhältnis im Handel doch ein anderes, hier
bilden sie erst den sechsten Teil.
Eine Erklärung für die große Vermehrung der Betriebe darf man allerdings
nicht vergessen: das ist die ungeheure Steigerung der Produktion selber,
die gewaltige Zunahme der Masse der Produkte. Sie erklärt es auch, warum
sich neben den großen Unternehmungen im Handel so viele der kleinen
halten können. Die moderne kapitalistische Produktionsweise erhöht
ungemein die Produktivität der Arbeit. Der Warenmarkt wächst, und
deshalb finden die kleinen Unternehmungen neben den großen immer noch
einen Rahmen, dem sie sich anpassen können.
Ein ganz anderes Bild, als lange Zeit angenommen, zeigt die Entwicklung
der Betriebe in der Landwirtschaft. Sie hat der ursprünglichen
Auffassung eine große Enttäuschung bereitet, sie geradezu widerlegt.
Weil in England in der Landwirtschaft der Großbesitz überwog, hatte man
lange Zeit gefolgert, daß dies im Wesen der modernen Wirtschaft liege,
und daß, wie in der Industrie, so auch in der Landwirtschaft die kleinen
Unternehmungen immer mehr verdrängt würden von den Großunternehmungen.
Das ist aber nicht eingetreten, sondern das Gegenteil ist geschehen. In
der Landwirtschaft haben in den 25 Jahren die Großbetriebe an Zahl
abgenommen, vermehrt haben sich nur die eigentlich bäuerlichen Betriebe
und die ganz kleinen Zwergbetriebe. Die kleinen Landparzellen, die
wahrscheinlich mit den Laubengärten zusammengerechnet werden, sind von
2 Millionen auf über 3 Millionen gestiegen. Bei Betrieben von 2 bis
5 Hektar beläuft sich die Steigerung in runden Zahlen von 980000 auf
1006000. In diese Betriebe sind auch die Qualitätslandwirtschaftsbetriebe,
die mehr gartenmäßig bewirtschafteten Betriebe eingeschlossen. Die
mittleren Betriebe von 6 bis 20 Hektar sind gestiegen von 926000 auf
1065000, und dann beginnt gerade bei den Großbetrieben von 20 bis
100 Hektar ein Abstieg. Ihre Zahl fällt von 282000 auf 262000 und die
der Betriebe von über 100 Hektar von 25000 auf 23000. Hier zeigt sich
also ein ganz anderes Bild der Entwicklung als angenommen. Die
bäuerlichen Betriebe halten sich. Es ist das teilweise eine Folge von
Eingriffen der Gesetzgebung. Sie hat allerhand Gesetze geschaffen, die
dahin gewirkt haben, den bäuerlichen Betrieb konkurrenzfähig zu
erhalten. Eine weitere Erklärung liefert die starke Entwicklung des
Genossenschaftswesens in der Landwirtschaft sowie der Umstand, daß die
landwirtschaftliche Produktion zum Unterschied von der Industrieproduktion
wesentlich organische, von Naturvorgängen abhängige Produktion ist. Sie
ist daher für die Hebung der Produktivität nicht so auf die
Konzentration angewiesen wie die industrielle Produktion. Bemerkenswert
ist nun, daß bei alledem, bei dieser Zunahme der Betriebe in der
Landwirtschaft selber, die Zahl der in ihr Beschäftigten in den
25 Jahren erheblich zurückgegangen ist. In Deutschland hat die
Bevölkerung in dieser Zeit zugenommen um rund 36 Proz. Dagegen ist die
Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft samt Angehörigen
zurückgegangen von über 19 Millionen auf nicht ganz 17700000, so daß man
beinahe sagen könnte, der ganze Zuwachs der Bevölkerung in dieser Zeit,
der ungefähr 25 Millionen Menschen umfaßte, ist über die Landwirtschaft
hinweggerauscht zur Industrie und hat, statt der Landwirtschaft etwas
abzugeben, sogar noch 8 Proz. von ihr hinweggenommen. Statistisch
betrachtet gilt das. In einzelnen Fällen mag es natürlich anders gewesen
sein, im Gesamtbild hat aber die landwirtschaftliche Bevölkerung
abgenommen und trotzdem hat die landwirtschaftliche Produktion
zugenommen. Vor dem Krieg ging also Deutschlands Entwicklung immer
stärker zum Industriestaat.
Nicht weniger wichtig als die Betriebsentwicklung sind die
Veränderungen in der Stellung der Personen im Gewerbe. In der Industrie
sind die Selbständigen weniger geworden, dagegen hat sich die Zahl der
technischen und kaufmännischen Angestellten ganz bedeutend gehoben. Auch
die Zahl der Arbeiter ist gewaltig gestiegen; ihre Vermehrung läßt in
absoluter Zahl die aller anderen Berufsschichten hinter sich, im
Verhältnis aber war doch die Zunahme der kaufmännischen und technischen
Angestellten die größere. Ihre Zahl ist gestiegen in der Industrie von
99000 im Jahre 1882 auf 686000 im Jahre 1907, die Zahl der Arbeiter in
der gleichen Zeit von 4 Millionen auf 8600000, während die Zahl der
Selbständigen zurückgegangen ist von 1861000 auf 1729000. Die
Angestellten sind also um 592 Proz., die Arbeiter um 110 Proz. mehr
geworden. Im Handel und Gewerbe sehen wir ein ähnliches Bild. Dort haben
jedoch auch die Selbständigen zugenommen, weil es ja leichter ist, sich
im Kleinhandel zu etablieren als in der Industrie; ihre Zahl wuchs von
505000 auf 843000. Die im Handel Angestellten vermehrten sich aber von
141000 auf 505000 und die Arbeiter in Handel und Verkehr von 727000 auf
1959000. Die Selbständigen haben danach zugenommen um 60 Proz., die
Arbeiter um 169 Proz., die Angestellten aber um 257 Proz. In der
Landwirtschaft finden wir auch in dieser Hinsicht wieder ein
abweichendes Bild. Die Zahlen sind aber zum Vergleich weniger geeignet,
weil 1907 eine andere Zählungsart beobachtet wurde als bei den beiden
vorhergegangenen Zählungen. Es sind da nämlich die Personen, die dem
Haushalt angehören und mitarbeiten, während sie in der früheren
Statistik der Familie des Unternehmers, d. h. des Bauern, zugezählt
wurden, in der neueren Statistik als Arbeiter gezählt worden.
Die ungeheure Zunahme der technischen und kaufmännischen Angestellten in
Industrie und Handel ist die lebendige Illustration einer in der
Marxschen Theorie zuerst mit der größten Schärfe hervorgehobenen
Tatsache. Vor Marx unterschied die Nationalökonomie nur zwischen dem
fixen Kapital, wie man das in Gebäuden, Maschinen usw. angelegte Kapital
nannte, und dem beweglichen, dem zirkulierenden Kapital. Marx führte
eine andere Unterscheidung ein: er unterscheidet zwischen konstantem und
variablem Kapital. Konstant nennt er alles Kapital, das, wie der
Verschleiß von Anlagen und Maschinen, der Aufwand von Rohstoffen und
Hilfsstoffen usw., mit eingerechnet wird in die sachlichen Kosten der
Produktion und deshalb im Preise des Produkts unverändert wieder
erscheint, während die Ausgabe für die menschliche Arbeit -- von
Arbeitern und Angestellten -- in erhöhter Form in dem Wert der ganzen
Produktion zurückkommt. Sie nennt er variables Kapital. Der einzelne
kann durch falsche Spekulation verlieren; im allgemeinen aber gilt als
Grundsatz, daß der Unternehmer bei seiner Kalkulation zunächst das
wiederhaben will, was er ausgelegt hat an Maschinen, Miete, Rohstoffen
u. dgl. Daß dieses konstante Kapital in der Industrie im Verhältnis viel
stärker zugenommen hat als das variable (Lohn usw.) Kapital, wird nun
illustriert durch die im Verhältnis stärkere Zunahme des kaufmännischen
und technischen Personals.