Erstes Kapitel.
Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre.
Bevor man an die Aufgabe herangeht, Streitfragen des Sozialismus zu
erörtern, wird man sich darüber zu äußern haben, was man überhaupt unter
Sozialismus versteht, wie weit man den Rahmen des Begriffs gezogen
wissen will. Das Wort Sozialismus ist sehr verschiedentlich gedeutet
worden. Vielfach wird es als der Ausdruck für einen vorgestellten
Zustand gebraucht, dem eine bestimmte Eigentums- und Wirtschaftsordnung
zugrunde liegt, und der sich in einem ganzen Idealstaat verkörpern soll.
Andere setzen es als gleichbedeutend mit einer Bewegung oder einem Kampf
von Gesellschaftsklassen zur Verwirklichung solcher Wirtschaftsordnung,
und wieder anderen ist es der Sammelbegriff für eine Summe von
Forderungen oder Einrichtungen, denen bestimmte Rechtsgedanken und
ethische Begriffe zugrunde liegen. Alle diese Deutungen haben insofern
ihre Berechtigung, als sie auf bestimmte Formen des Sozialismus sich
beziehen oder bestimmte Seiten der sozialistischen Bewegung
kennzeichnen. Aber keine davon erschöpft den Gegenstand.
Auch in den Lehrbüchern oder Kompendien der Sozialwissenschaftler stoßen
wir auf sehr unterschiedliche Definitionen des Begriffs. Um nicht weiter
in der Geschichte zurückzugehen und uns auf Deutsche zu beschränken, so
finden wir bei Schmoller eine andere Deutung als bei Roscher, bei
Sombart eine andere als bei Schmoller, bei Oppenheimer eine andere als
bei Sombart, und so noch weiter. Es wäre nicht uninteressant, sie
vergleichend gegeneinander zu halten und festzustellen, was ihnen
gemeinsam ist und zu sehen, ob sie sich nicht sozusagen auf einen
Generalnenner bringen lassen. Mir scheint jedoch ein anderer Weg
ratsamer, nämlich der Weg der Betrachtung der geschichtlichen
Erscheinungsformen. Vermöge ihrer werden wir uns, glaube ich, am besten
darüber unterrichten können, was wir heute unter Sozialismus zu
verstehen haben.
Der allgemeinste und darum allerdings auch der oberflächlichste Begriff
von Sozialismus ist die Vorstellung von einem Gesellschaftszustand, wo
es weder Reiche noch Arme gibt, wo vieles allen gemeinsam ist und eine
starke Brüderlichkeit herrscht. Wo diese Merkmale fehlen, wo weitgehende
sachliche Gemeinschaft, weitgehende ethische Gemeinschaftlichkeit und
Abwesenheit großer Vermögensunterschiede fehlen, fehlen die wesentlichen
Attribute des Sozialismus. So begriffen nun ist er sehr viel älter als
sein Name. Während dieser erst im 19. Jahrhundert aufkommt, findet man
die Sache als Idee oder Bewegung schon in dem Zeitalter, das wir
Altertum nennen. Überall dort, wo die Menschen nicht mehr in einfachen,
ihren Wohnsitz wechselnden Stammesverbänden leben, sondern sich seßhaft
gemacht haben und staatliche, beziehungsweise territorial gegliederte
Gemeinwesen geschaffen haben, die der Bildung großer Vermögensunterschiede
und Rechtsungleichheiten Vorschub leisten, stellt sich früher oder
später bei Individuen oder Schichten der Wunsch nach Beseitigung dieser
Ungleichheiten ein und findet in der Ausmalung von besseren
Gesellschaftszuständen seinen ideologischen, in Kämpfen für solche
seinen politischen Niederschlag. Die Geschichte der asiatischen und
vorderasiatischen Kulturvölker, die Geschichte der Griechen und Römer
gibt uns zwar nur lückenhaft, aber doch unmißverständlich Kunde von
solchen Bewegungen. Als Quelle dafür sei auf Robert Pöhlmanns Geschichte
des antiken Kommunismus und Sozialismus verwiesen, ein Werk, gegen
dessen kritische Aufstellungen ich mancherlei starke Einwände zu erheben
habe, aus dem man aber ersehen kann, wie sehr nicht nur die sozialen
Kämpfe, von denen uns die Geschichte der Alten erzählt, sondern auch die
mehr oder weniger phantastischen Konstruktionen oder Ausmalungen von
Idealstaaten, die uns -- leider oft nur sehr skizzenhaft -- überliefert
sind, einer geschichtswissenschaftlichen Würdigung fähig sind und einer
solchen daher auch bedürfen. Ob man das Urchristentum, das in Rom seine
eigentliche Ausbildung erfahren hat, als eine sozialistische Bewegung
auffassen darf, mag dahingestellt bleiben. Bekannt ist, daß ihm diese
Eigenschaft vielfach bestritten wird und man es lediglich als eine
ethische Bewegung aufgefaßt wissen will. Aber wenn es als
Gesamterscheinung nicht auf die Bezeichnung sozialistisch Anspruch haben
soll, so ist es doch unbestreitbar die Nährquelle vieler sozialistischer
Theorien und Bewegungen gewesen. Zeugnis legen ab allerhand Kapitel aus
der großen Literatur der Kirchenväter und der Scholastik, und Beispiele
sind eine Reihe noch dem Altertum angehöriger kommunistischer und
halbkommunistischer christlicher Sekten, denen solche des Zeitalters der
Renaissance und der Reformation gefolgt sind.
Dem letzteren Zeitalter gehört auch die Entstehung des Buches an,
dessen Titel zum Sammelbegriff für die ganze Gruppe der Beschreibungen
spekulativ konstruierter Gemeinwesen oder Idealstaaten wird, nämlich die
Abhandlung _Utopia_ des Thomas More. Man kann von dieser Schrift des
charaktervollen Staatskanzlers Heinrichs VIII. von England sagen, daß
sie einer ganzen Literatur Leben gegeben hat. Denn sie machte für ihre
Zeit Sensation und wurde in die verschiedensten Sprachen übersetzt. Das
16., 17. und 18. Jahrhundert sind voll von Beschreibungen vorgestellter
Idealgemeinwesen, von Staatsromanen, wie man sie auch im Hinblick auf
die Form der Beschreibung nennt. Nicht alle davon haben auf die
Bezeichnung als sozialistisch Anspruch, es fehlt durchaus nicht an
Utopien, die nach unseren heutigen Begriffen bürgerlicher Natur sind.
Das gilt z. B. von der unvollendeten Utopie »Die neue Atlantis«, die
einen der Amtsnachfolger des Thomas More, den berühmten Philosophen der
empirischen Methode, Francis Bacon, zum Verfasser hat.
Nach zwei Seiten hin läßt sich in den sozialistischen Utopien des mit
der Reformation einsetzenden Zeitalters eine abgestufte Entwicklung
feststellen: erstens eine Tendenz der Überbietung in phantastischen
Ausmalereien, und zweitens eine Tendenz zum größtmöglichen Rationalismus
in der Spekulation. Diese letzte Tendenz ist für unsere Betrachtung die
wichtigere, denn sie war ein Hebel zur Förderung der sozialen Erkenntnis
und führte schrittweise zur wissenschaftlichen Behandlung der
sozialistischen Bestrebungen. Die Verfasser rationalistischer Utopien
des Sozialismus suchen ihre Vorgänger zu korrigieren, und wenn das lange
Zeit ohne die Form der Polemik vor sich geht, so läßt sich doch bei
verschiedenen Autoren eine unausgesprochene Bekämpfung von Ideen des
oder der Vorgänger feststellen.
Es handelt sich schon um ernst aufgefaßte Streitfragen, der Nachfolger
widerlegt den Vorgänger, ohne ihn zu nennen.
Was aber den Utopien gemeinsam war, was das eigentliche Merkmal der
Utopie ist, ist die entscheidende Rolle, die bei ihnen der _Zufall_ und
der noch _vom Zufall abhängige Wille_ spielen. Lange Zeit ist in diesen
Beschreibungen der geschilderte Idealzustand hergestellt worden durch
das Eingreifen einer ungewöhnlich weisen Persönlichkeit, eines
Gesetzgebers oder anordnenden Fürsten, so daß, wenn dieser Fürst oder
Gesetzgeber zufällig nicht geboren oder vor der Zeit gestorben wären,
das betreffende Volk oder Land den Idealzustand nicht zu kosten bekommen
hätten. Später, im Zeitalter der französischen Revolution, tritt an die
Stelle des individuellen Willens oder Schaffensdranges von Wohltätern in
der Konstruktion der Utopie als schöpferische Kraft der _Kollektivwille_
von Anhängern einer bestimmten Idee. Dieser Kollektivwille ist aber,
selbst wo er als der Wille eines ganzen Volkes gedacht wird, immer noch
Zufallssache. Ob die Gruppe oder die Volksmasse für die Idee kämpfen,
hängt lediglich davon ab, wie weit und wie stark sie von der
Propagierung dieser Idee erfaßt sind, das Aufkommen der Idee aber selbst
ist noch wesentlich vom Zufall abhängig.
An der Wende zum 19. Jahrhundert und in dessen erstem Drittel tritt
hier ein wesentlicher Fortschritt ein. Es ist in der Geschichte des
Sozialismus die Epoche der großen, kritisch gerichteten Utopisten, der
Robert Owen, Charles Fourier und Henri Saint-Simon und ihrer Schulen.
Das Merkmal dieser Sozialisten, das sie von den Utopisten des
18. Jahrhunderts unterscheidet, ist die Rolle, die bei ihnen der
Entwicklungsgedanke spielt, und das Bestreben, an das Gegebene
anzuknüpfen, die Welt, die sie vor sich haben, weiterzubilden. Robert
Owen verweist in seinen sozialistischen Abhandlungen auf die in England
aufgekommene kapitalistische Fabrik und die Zustände, die sie geschaffen
hat, und nimmt sie zum Ausgangspunkt sozialistischer Reformpolitik.
Charles Fourier im noch stark kleinbürgerlichen Frankreich sucht den
Sozialismus als Ideal psychologisch zu fundieren, in der Praxis auf dem
Wege der Genossenschaften zu verwirklichen, wobei sein Plan kommunaler
Genossenschaftspolitik auf besonderes Interesse Anspruch hat.
Saint-Simon ist so sehr Entwicklungstheoretiker, daß es fraglich wird,
ob man ihn überhaupt noch einen Utopisten nennen kann, wie er zugleich
so sehr Wirklichkeitsmensch ist, daß man befugt ist, seinen Anspruch auf
Einreihung in die Geschichte des Sozialismus zu bestreiten. Wenn Fourier
stark von Morelly, dem geistreichen Verfasser der Utopie »Die
Basiliade«, beeinflußt ist, so Saint-Simon von Condorcet, dem
Enzyklopädisten und Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung über den
Fortschritt des menschlichen Geistes und die Vervollkommnungsfähigkeit
der Menschheit. Bei den Saint-Simonisten finden wir unter anderem schon
die Einteilung der Geschichte der sich fortschrittlich entwickelnden
Nationen in organische und kritische Perioden, d. h. Perioden relativ
ruhiger Entwicklung und Perioden revolutionärer Umwälzungen.
Aber bei allen dreien, bei Owen, bei Fourier und bei Saint-Simon und
ihren Schülern spielt trotz ihres Strebens nach Wissenschaftlichkeit und
Anknüpfung an das Gegebene die _Erfindung_ der Mittel zur Verwirklichung
des Sozialismus die entscheidende Rolle; wo sie praktisch sein wollen,
arbeiten sie _Rezepte_ aus, und immer wieder sind sie in Gefahr, auf die
Utopie zurückzugreifen. An die Stelle des Utopismus des Ziels tritt ein
_Utopismus des Mittels_. Die Literatur des Sozialismus im zweiten Drittel
des 19. Jahrhunderts ist voller Schriften, die utopistisch im Mittel
sind, wobei man wieder einen utopistischen Reformismus und einen
utopistischen Revolutionarismus unterscheiden kann. Der eine versteift
sich auf ökonomische Experimente, die wegen ihrer unzulänglichen
Voraussetzungen notwendig fehlschlagen müssen, der andere huldigt einem
Wunderglauben an die schöpferische Allmacht der Revolutionsgewalt.
Hier nun bewirken einen grundlegenden Wandel in den Anschauungen die
beiden großen Männer, die heute als Begründer des wissenschaftlichen
Sozialismus weithin anerkannt sind: Karl Marx und Friedrich Engels.
Warum trägt ihre Lehre diesen Namen, hat sie den besonderen Anspruch auf
Wissenschaftlichkeit? Weil sie tiefer und systematischer als alle vor
ihr aufgestellten sozialistischen Theorien eindringt in das Wesen der
Kräfte und Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Fortschritts, den
Kampf für den Sozialismus auf eine durchgearbeitete Entwicklungstheorie
stützt, in der der Gedanke von der _organischen_ Natur der sozialen
Entwicklung zum Unterschied von der Auffassung dieser Entwicklung als
eines mehr mechanischen oder chemisch bestimmten Vorgangs zu seinem
Rechte kommt.
Wille und Idee, die von den Utopisten in der einen oder anderen Weise
überschätzt werden, werden in der Marx-Engelsschen Lehre zwar nicht, wie
vielfach angenommen worden ist, als Triebkräfte der sozialen Entwicklung
gering eingeschätzt oder gar ignoriert -- ohne Idee kein Wille und ohne
Wille keine Aktion --, aber sie werden in ihrer _sozialen Bedingtheit_
gekennzeichnet. Es wird gezeigt, wie sie abhängig sind von den
materiellen Bedingungen und Formen des gesellschaftlichen Daseins der
Menschen, für die der maßgebende Faktor ist die Art und Weise der
Produktion der Lebensgüter der Menschen.
Denn diese Produktion wird entscheidend bestimmt vom _Werkzeug_, über das
der Mensch verfügt; vom Werkzeug aber, das die Arbeitsweise vorschreibt,
hängt zugleich ab das Eindringen des Menschen in die Gesetze der Natur
und damit zuletzt auch der Höhegrad seiner Welterkenntnis.
Sozial betrachtet ist es das Werkzeug, das bestimmt, ob
individualistisch oder kollektivistisch produziert wird.
Im Altertum und auch noch bis zum Ausgang des Mittelalters ist die
Produktion überwiegend individualistisch; erst die Steigerung des
Weltverkehrs und Welthandels in der Periode der großen Entdeckungen
führt zu kollektivistischer Arbeit in der Produktion. Es breitet sich
die Wirtschaftsform aus, die den Namen Manufaktur erhält, Produktion
unter Leitung von Großkaufleuten, welche Arbeit an Handwerker ausgeben,
dann aber Arbeiter in großen Werkstätten, Fabriken genannt,
beschäftigen. Aus dem Kaufmann wird so ein Fabrikant, und in der Fabrik
werden vervollkommnete Werkzeuge verwendet, für die als technischer
Antrieb die Naturkraft verwendet wird. Das Werkzeug wird zur Maschine
und aus dem Handwerker ein Fabrikarbeiter. Die Produktion in der Fabrik
wird in steigendem Grade Kollektivarbeit, und da zur Einrichtung und zum
Unterhalt der Fabrik Kapital gehört, beherrscht zunehmend das Kapital
die Produktion.
Beim Aufkommen der kapitalistischen Produktion und im Wettbewerb der
Kapitalisten untereinander wirkt als _objektive_ Triebkraft der _Kampf um
die Mehrarbeit_, das heißt um den Teil des Bruttowerts der Produktion
über die Kosten von Anlage, Rohstoff, Hilfsstoffe und Werkzeuge, bzw.
Maschinen hinaus, der nicht den Arbeitern als Lohn gezahlt werden muß.
Dieser Kampf um den Mehrwert, wie Marx ihn nennt, hat im weiteren
Verlauf zur Folge eine steigende Vergrößerung der Fabriken, weil diese
eine größere Ökonomie der Kräfte erlaubt, damit die Unterbietung der
Konkurrenz ermöglicht und zur Steigerung des Absatzes führt. Die weitere
soziale Folge der Vergrößerung bzw. Konzentration der Unternehmungen ist
die Verdichtung der Bevölkerung in Städten und Ländern. Die
Industriezentren, die Städte wachsen; es tritt allmählich das ein, was
man die _Verstadtlichung_ des Landes nennen kann; mehr als in irgendeinem
früheren Zeitalter ergreift die städtische Kultur auch die Bevölkerung
des platten Landes und drückt der ganzen Gesellschaft ihren Stempel auf.
Alles das schafft die materiellen Vorbedingungen für eine neue
Gesellschaftsordnung; denn es ist verbunden mit einer neuen Gliederung
der Gesellschaftsklassen, als deren wichtigstes Moment zu nennen ist das
Aufkommen und Wachstum der Klasse ständiger Lohnarbeiter, des
industriellen Proletariats. Die ökonomische Umwälzung macht eine neue
_Rechtsordnung, neue soziale Einrichtungen_ und Gesetze notwendig. Es
handelt sich nun für den sozialen Reformer nicht mehr um die Erfindung
von Idealgesellschaften und die Ausklügelung von Rezepten, sondern um
die _Entdeckung_ von sozialen _Notwendigkeiten_. Die stärkste subjektive
Triebkraft bei der Verwirklichung dieser aber ist die Arbeiterklasse,
das Proletariat. Seine materiellen und geistigen Bedürfnisse treten
immer mehr in den Vordergrund, seine Rechtsauffassungen erobern die
öffentliche Meinung. _Und die Summe der Forderungen der Arbeiterklasse
unseres Zeitalters_ stellt sich der genaueren soziologischen Betrachtung
dar als die _Zusammenfassung des rationellen Inhalts der sozialistischen
Ideologie früherer Epochen_.
Und so gelangen wir an der Hand der Marx-Engelsschen Theorie zu einer
neuen Definition des Sozialismus, die etwa so formuliert werden kann: