Ende November 1921. _Ed. Bernstein._

Erstes Kapitel.

Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre.

Bevor man an die Aufgabe herangeht, Streitfragen des Sozialismus zu

erörtern, wird man sich darüber zu äußern haben, was man überhaupt unter

Sozialismus versteht, wie weit man den Rahmen des Begriffs gezogen

wissen will. Das Wort Sozialismus ist sehr verschiedentlich gedeutet

worden. Vielfach wird es als der Ausdruck für einen vorgestellten

Zustand gebraucht, dem eine bestimmte Eigentums- und Wirtschaftsordnung

zugrunde liegt, und der sich in einem ganzen Idealstaat verkörpern soll.

Andere setzen es als gleichbedeutend mit einer Bewegung oder einem Kampf

von Gesellschaftsklassen zur Verwirklichung solcher Wirtschaftsordnung,

und wieder anderen ist es der Sammelbegriff für eine Summe von

Forderungen oder Einrichtungen, denen bestimmte Rechtsgedanken und

ethische Begriffe zugrunde liegen. Alle diese Deutungen haben insofern

ihre Berechtigung, als sie auf bestimmte Formen des Sozialismus sich

beziehen oder bestimmte Seiten der sozialistischen Bewegung

kennzeichnen. Aber keine davon erschöpft den Gegenstand.

Auch in den Lehrbüchern oder Kompendien der Sozialwissenschaftler stoßen

wir auf sehr unterschiedliche Definitionen des Begriffs. Um nicht weiter

in der Geschichte zurückzugehen und uns auf Deutsche zu beschränken, so

finden wir bei Schmoller eine andere Deutung als bei Roscher, bei

Sombart eine andere als bei Schmoller, bei Oppenheimer eine andere als

bei Sombart, und so noch weiter. Es wäre nicht uninteressant, sie

vergleichend gegeneinander zu halten und festzustellen, was ihnen

gemeinsam ist und zu sehen, ob sie sich nicht sozusagen auf einen

Generalnenner bringen lassen. Mir scheint jedoch ein anderer Weg

ratsamer, nämlich der Weg der Betrachtung der geschichtlichen

Erscheinungsformen. Vermöge ihrer werden wir uns, glaube ich, am besten

darüber unterrichten können, was wir heute unter Sozialismus zu

verstehen haben.

Der allgemeinste und darum allerdings auch der oberflächlichste Begriff

von Sozialismus ist die Vorstellung von einem Gesellschaftszustand, wo

es weder Reiche noch Arme gibt, wo vieles allen gemeinsam ist und eine

starke Brüderlichkeit herrscht. Wo diese Merkmale fehlen, wo weitgehende

sachliche Gemeinschaft, weitgehende ethische Gemeinschaftlichkeit und

Abwesenheit großer Vermögensunterschiede fehlen, fehlen die wesentlichen

Attribute des Sozialismus. So begriffen nun ist er sehr viel älter als

sein Name. Während dieser erst im 19. Jahrhundert aufkommt, findet man

die Sache als Idee oder Bewegung schon in dem Zeitalter, das wir

Altertum nennen. Überall dort, wo die Menschen nicht mehr in einfachen,

ihren Wohnsitz wechselnden Stammesverbänden leben, sondern sich seßhaft

gemacht haben und staatliche, beziehungsweise territorial gegliederte

Gemeinwesen geschaffen haben, die der Bildung großer Vermögensunterschiede

und Rechtsungleichheiten Vorschub leisten, stellt sich früher oder

später bei Individuen oder Schichten der Wunsch nach Beseitigung dieser

Ungleichheiten ein und findet in der Ausmalung von besseren

Gesellschaftszuständen seinen ideologischen, in Kämpfen für solche

seinen politischen Niederschlag. Die Geschichte der asiatischen und

vorderasiatischen Kulturvölker, die Geschichte der Griechen und Römer

gibt uns zwar nur lückenhaft, aber doch unmißverständlich Kunde von

solchen Bewegungen. Als Quelle dafür sei auf Robert Pöhlmanns Geschichte

des antiken Kommunismus und Sozialismus verwiesen, ein Werk, gegen

dessen kritische Aufstellungen ich mancherlei starke Einwände zu erheben

habe, aus dem man aber ersehen kann, wie sehr nicht nur die sozialen

Kämpfe, von denen uns die Geschichte der Alten erzählt, sondern auch die

mehr oder weniger phantastischen Konstruktionen oder Ausmalungen von

Idealstaaten, die uns -- leider oft nur sehr skizzenhaft -- überliefert

sind, einer geschichtswissenschaftlichen Würdigung fähig sind und einer

solchen daher auch bedürfen. Ob man das Urchristentum, das in Rom seine

eigentliche Ausbildung erfahren hat, als eine sozialistische Bewegung

auffassen darf, mag dahingestellt bleiben. Bekannt ist, daß ihm diese

Eigenschaft vielfach bestritten wird und man es lediglich als eine

ethische Bewegung aufgefaßt wissen will. Aber wenn es als

Gesamterscheinung nicht auf die Bezeichnung sozialistisch Anspruch haben

soll, so ist es doch unbestreitbar die Nährquelle vieler sozialistischer

Theorien und Bewegungen gewesen. Zeugnis legen ab allerhand Kapitel aus

der großen Literatur der Kirchenväter und der Scholastik, und Beispiele

sind eine Reihe noch dem Altertum angehöriger kommunistischer und

halbkommunistischer christlicher Sekten, denen solche des Zeitalters der

Renaissance und der Reformation gefolgt sind.

Dem letzteren Zeitalter gehört auch die Entstehung des Buches an,

dessen Titel zum Sammelbegriff für die ganze Gruppe der Beschreibungen

spekulativ konstruierter Gemeinwesen oder Idealstaaten wird, nämlich die

Abhandlung _Utopia_ des Thomas More. Man kann von dieser Schrift des

charaktervollen Staatskanzlers Heinrichs VIII. von England sagen, daß

sie einer ganzen Literatur Leben gegeben hat. Denn sie machte für ihre

Zeit Sensation und wurde in die verschiedensten Sprachen übersetzt. Das

16., 17. und 18. Jahrhundert sind voll von Beschreibungen vorgestellter

Idealgemeinwesen, von Staatsromanen, wie man sie auch im Hinblick auf

die Form der Beschreibung nennt. Nicht alle davon haben auf die

Bezeichnung als sozialistisch Anspruch, es fehlt durchaus nicht an

Utopien, die nach unseren heutigen Begriffen bürgerlicher Natur sind.

Das gilt z. B. von der unvollendeten Utopie »Die neue Atlantis«, die

einen der Amtsnachfolger des Thomas More, den berühmten Philosophen der

empirischen Methode, Francis Bacon, zum Verfasser hat.

Nach zwei Seiten hin läßt sich in den sozialistischen Utopien des mit

der Reformation einsetzenden Zeitalters eine abgestufte Entwicklung

feststellen: erstens eine Tendenz der Überbietung in phantastischen

Ausmalereien, und zweitens eine Tendenz zum größtmöglichen Rationalismus

in der Spekulation. Diese letzte Tendenz ist für unsere Betrachtung die

wichtigere, denn sie war ein Hebel zur Förderung der sozialen Erkenntnis

und führte schrittweise zur wissenschaftlichen Behandlung der

sozialistischen Bestrebungen. Die Verfasser rationalistischer Utopien

des Sozialismus suchen ihre Vorgänger zu korrigieren, und wenn das lange

Zeit ohne die Form der Polemik vor sich geht, so läßt sich doch bei

verschiedenen Autoren eine unausgesprochene Bekämpfung von Ideen des

oder der Vorgänger feststellen.

Es handelt sich schon um ernst aufgefaßte Streitfragen, der Nachfolger

widerlegt den Vorgänger, ohne ihn zu nennen.

Was aber den Utopien gemeinsam war, was das eigentliche Merkmal der

Utopie ist, ist die entscheidende Rolle, die bei ihnen der _Zufall_ und

der noch _vom Zufall abhängige Wille_ spielen. Lange Zeit ist in diesen

Beschreibungen der geschilderte Idealzustand hergestellt worden durch

das Eingreifen einer ungewöhnlich weisen Persönlichkeit, eines

Gesetzgebers oder anordnenden Fürsten, so daß, wenn dieser Fürst oder

Gesetzgeber zufällig nicht geboren oder vor der Zeit gestorben wären,

das betreffende Volk oder Land den Idealzustand nicht zu kosten bekommen

hätten. Später, im Zeitalter der französischen Revolution, tritt an die

Stelle des individuellen Willens oder Schaffensdranges von Wohltätern in

der Konstruktion der Utopie als schöpferische Kraft der _Kollektivwille_

von Anhängern einer bestimmten Idee. Dieser Kollektivwille ist aber,

selbst wo er als der Wille eines ganzen Volkes gedacht wird, immer noch

Zufallssache. Ob die Gruppe oder die Volksmasse für die Idee kämpfen,

hängt lediglich davon ab, wie weit und wie stark sie von der

Propagierung dieser Idee erfaßt sind, das Aufkommen der Idee aber selbst

ist noch wesentlich vom Zufall abhängig.

An der Wende zum 19. Jahrhundert und in dessen erstem Drittel tritt

hier ein wesentlicher Fortschritt ein. Es ist in der Geschichte des

Sozialismus die Epoche der großen, kritisch gerichteten Utopisten, der

Robert Owen, Charles Fourier und Henri Saint-Simon und ihrer Schulen.

Das Merkmal dieser Sozialisten, das sie von den Utopisten des

18. Jahrhunderts unterscheidet, ist die Rolle, die bei ihnen der

Entwicklungsgedanke spielt, und das Bestreben, an das Gegebene

anzuknüpfen, die Welt, die sie vor sich haben, weiterzubilden. Robert

Owen verweist in seinen sozialistischen Abhandlungen auf die in England

aufgekommene kapitalistische Fabrik und die Zustände, die sie geschaffen

hat, und nimmt sie zum Ausgangspunkt sozialistischer Reformpolitik.

Charles Fourier im noch stark kleinbürgerlichen Frankreich sucht den

Sozialismus als Ideal psychologisch zu fundieren, in der Praxis auf dem

Wege der Genossenschaften zu verwirklichen, wobei sein Plan kommunaler

Genossenschaftspolitik auf besonderes Interesse Anspruch hat.

Saint-Simon ist so sehr Entwicklungstheoretiker, daß es fraglich wird,

ob man ihn überhaupt noch einen Utopisten nennen kann, wie er zugleich

so sehr Wirklichkeitsmensch ist, daß man befugt ist, seinen Anspruch auf

Einreihung in die Geschichte des Sozialismus zu bestreiten. Wenn Fourier

stark von Morelly, dem geistreichen Verfasser der Utopie »Die

Basiliade«, beeinflußt ist, so Saint-Simon von Condorcet, dem

Enzyklopädisten und Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung über den

Fortschritt des menschlichen Geistes und die Vervollkommnungsfähigkeit

der Menschheit. Bei den Saint-Simonisten finden wir unter anderem schon

die Einteilung der Geschichte der sich fortschrittlich entwickelnden

Nationen in organische und kritische Perioden, d. h. Perioden relativ

ruhiger Entwicklung und Perioden revolutionärer Umwälzungen.

Aber bei allen dreien, bei Owen, bei Fourier und bei Saint-Simon und

ihren Schülern spielt trotz ihres Strebens nach Wissenschaftlichkeit und

Anknüpfung an das Gegebene die _Erfindung_ der Mittel zur Verwirklichung

des Sozialismus die entscheidende Rolle; wo sie praktisch sein wollen,

arbeiten sie _Rezepte_ aus, und immer wieder sind sie in Gefahr, auf die

Utopie zurückzugreifen. An die Stelle des Utopismus des Ziels tritt ein

_Utopismus des Mittels_. Die Literatur des Sozialismus im zweiten Drittel

des 19. Jahrhunderts ist voller Schriften, die utopistisch im Mittel

sind, wobei man wieder einen utopistischen Reformismus und einen

utopistischen Revolutionarismus unterscheiden kann. Der eine versteift

sich auf ökonomische Experimente, die wegen ihrer unzulänglichen

Voraussetzungen notwendig fehlschlagen müssen, der andere huldigt einem

Wunderglauben an die schöpferische Allmacht der Revolutionsgewalt.

Hier nun bewirken einen grundlegenden Wandel in den Anschauungen die

beiden großen Männer, die heute als Begründer des wissenschaftlichen

Sozialismus weithin anerkannt sind: Karl Marx und Friedrich Engels.

Warum trägt ihre Lehre diesen Namen, hat sie den besonderen Anspruch auf

Wissenschaftlichkeit? Weil sie tiefer und systematischer als alle vor

ihr aufgestellten sozialistischen Theorien eindringt in das Wesen der

Kräfte und Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Fortschritts, den

Kampf für den Sozialismus auf eine durchgearbeitete Entwicklungstheorie

stützt, in der der Gedanke von der _organischen_ Natur der sozialen

Entwicklung zum Unterschied von der Auffassung dieser Entwicklung als

eines mehr mechanischen oder chemisch bestimmten Vorgangs zu seinem

Rechte kommt.

Wille und Idee, die von den Utopisten in der einen oder anderen Weise

überschätzt werden, werden in der Marx-Engelsschen Lehre zwar nicht, wie

vielfach angenommen worden ist, als Triebkräfte der sozialen Entwicklung

gering eingeschätzt oder gar ignoriert -- ohne Idee kein Wille und ohne

Wille keine Aktion --, aber sie werden in ihrer _sozialen Bedingtheit_

gekennzeichnet. Es wird gezeigt, wie sie abhängig sind von den

materiellen Bedingungen und Formen des gesellschaftlichen Daseins der

Menschen, für die der maßgebende Faktor ist die Art und Weise der

Produktion der Lebensgüter der Menschen.

Denn diese Produktion wird entscheidend bestimmt vom _Werkzeug_, über das

der Mensch verfügt; vom Werkzeug aber, das die Arbeitsweise vorschreibt,

hängt zugleich ab das Eindringen des Menschen in die Gesetze der Natur

und damit zuletzt auch der Höhegrad seiner Welterkenntnis.

Sozial betrachtet ist es das Werkzeug, das bestimmt, ob

individualistisch oder kollektivistisch produziert wird.

Im Altertum und auch noch bis zum Ausgang des Mittelalters ist die

Produktion überwiegend individualistisch; erst die Steigerung des

Weltverkehrs und Welthandels in der Periode der großen Entdeckungen

führt zu kollektivistischer Arbeit in der Produktion. Es breitet sich

die Wirtschaftsform aus, die den Namen Manufaktur erhält, Produktion

unter Leitung von Großkaufleuten, welche Arbeit an Handwerker ausgeben,

dann aber Arbeiter in großen Werkstätten, Fabriken genannt,

beschäftigen. Aus dem Kaufmann wird so ein Fabrikant, und in der Fabrik

werden vervollkommnete Werkzeuge verwendet, für die als technischer

Antrieb die Naturkraft verwendet wird. Das Werkzeug wird zur Maschine

und aus dem Handwerker ein Fabrikarbeiter. Die Produktion in der Fabrik

wird in steigendem Grade Kollektivarbeit, und da zur Einrichtung und zum

Unterhalt der Fabrik Kapital gehört, beherrscht zunehmend das Kapital

die Produktion.

Beim Aufkommen der kapitalistischen Produktion und im Wettbewerb der

Kapitalisten untereinander wirkt als _objektive_ Triebkraft der _Kampf um

die Mehrarbeit_, das heißt um den Teil des Bruttowerts der Produktion

über die Kosten von Anlage, Rohstoff, Hilfsstoffe und Werkzeuge, bzw.

Maschinen hinaus, der nicht den Arbeitern als Lohn gezahlt werden muß.

Dieser Kampf um den Mehrwert, wie Marx ihn nennt, hat im weiteren

Verlauf zur Folge eine steigende Vergrößerung der Fabriken, weil diese

eine größere Ökonomie der Kräfte erlaubt, damit die Unterbietung der

Konkurrenz ermöglicht und zur Steigerung des Absatzes führt. Die weitere

soziale Folge der Vergrößerung bzw. Konzentration der Unternehmungen ist

die Verdichtung der Bevölkerung in Städten und Ländern. Die

Industriezentren, die Städte wachsen; es tritt allmählich das ein, was

man die _Verstadtlichung_ des Landes nennen kann; mehr als in irgendeinem

früheren Zeitalter ergreift die städtische Kultur auch die Bevölkerung

des platten Landes und drückt der ganzen Gesellschaft ihren Stempel auf.

Alles das schafft die materiellen Vorbedingungen für eine neue

Gesellschaftsordnung; denn es ist verbunden mit einer neuen Gliederung

der Gesellschaftsklassen, als deren wichtigstes Moment zu nennen ist das

Aufkommen und Wachstum der Klasse ständiger Lohnarbeiter, des

industriellen Proletariats. Die ökonomische Umwälzung macht eine neue

_Rechtsordnung, neue soziale Einrichtungen_ und Gesetze notwendig. Es

handelt sich nun für den sozialen Reformer nicht mehr um die Erfindung

von Idealgesellschaften und die Ausklügelung von Rezepten, sondern um

die _Entdeckung_ von sozialen _Notwendigkeiten_. Die stärkste subjektive

Triebkraft bei der Verwirklichung dieser aber ist die Arbeiterklasse,

das Proletariat. Seine materiellen und geistigen Bedürfnisse treten

immer mehr in den Vordergrund, seine Rechtsauffassungen erobern die

öffentliche Meinung. _Und die Summe der Forderungen der Arbeiterklasse

unseres Zeitalters_ stellt sich der genaueren soziologischen Betrachtung

dar als die _Zusammenfassung des rationellen Inhalts der sozialistischen

Ideologie früherer Epochen_.

Und so gelangen wir an der Hand der Marx-Engelsschen Theorie zu einer

neuen Definition des Sozialismus, die etwa so formuliert werden kann:

Der Sozialismus einst und jetzt Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart · 第 6 / 10 题