_Erstes Kapitel._
+Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre+ 5
Begriffsbestimmung. -- Das Alter des spekulativen Sozialismus. -- Der
Widerstreit zwischen Radikalismus und Rationalismus in der
Spekulation. -- Der theoretisierende Utopismus. -- Vom Utopismus des
Ziels zum Utopismus der Mittel. -- Die Grundgedanken des marxistischen
wissenschaftlichen Sozialismus. -- Sozialismus und Klassenkampf.
_Zweites Kapitel._
+Die naturrechtliche Begründung des Sozialismus+ 11
Naiver Begriff und wissenschaftliche Theorie des Naturrechts. --
Naturrecht. -- Vernunftrecht. -- Rechtsphilosophie. --
Naturrechtsspekulation in der Geschichte. -- Das Naturrecht in den
großen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts. -- Das Naturrecht und
die kommunistische Lehre Babeufs. -- Das Naturrecht am Grunde aller
Utopien. -- Die Unzulänglichkeiten und das Recht des Naturrechts.
_Drittes Kapitel._
+Die Bedeutung der Werttheorien für den wissenschaftlichen
Sozialismus+ 24
Die Werttheorie Ricardos. -- Die Marxsche Werttheorie und ihre Rolle in
der Marxschen Gesellschaftslehre. -- Marx über die utopistische
Auslegung von Ricardos Formel. -- Die utopistische Auslegung und das
Naturrecht. -- Das sogenannte Recht auf den vollen Arbeitsertrag. --
Marx und das Recht des Mehrwerts. -- Mehrwert und Ausbeutung. -- Der
Mehrwert und der Klassenkampf.
_Viertes Kapitel._
+Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus+ 38
Der Sinn des Begriffs Kapitalismus. -- Sein vielfältiger Inhalt und
seine einfältige Ausdeutung. -- Der Kapitalismus als Träger des
Fortschritts in der Produktion. -- Die Konzentration der Unternehmungen
und der Betriebe. -- Die Raumverteilung der Betriebsklassen. -- Die
Konzentration verhindert nicht die Vielheit der Unternehmungen. -- Die
Zähigkeit der bäuerlichen Unternehmung. -- Die Klassenbildung und
Klassengliederung. -- Die rasche Zunahme der Abhängigen und die
langsame Verminderung der Selbständigen. -- Die Verstadtlichung des
sozialen Lebens. -- Die gelernten und die ungelernten Arbeiter. -- Die
Einkommens- und Vermögensklassen. -- Der nichtverengerte
Flaschenhals. -- Die Beweglichkeit des Kapitals als Konservierer der
Mittelklassen. -- Die Theorie der Wirtschaftskrisen und die Umkehr der
Spirale. -- Die Rückwirkungen des Krieges auf die
Wirtschaftsentwicklung und ihre Probleme.
_Fünftes Kapitel._
+Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf+ 59
Das Kommunistische Manifest als Kundgebung des Klassenkampfes. --
Adolphe Blanqui und Karl Marx. -- Der Begriff der Klasse: Stand und
Klasse. -- Marx über die Zersplitterung der Klassen. -- Der
Klassenkampf der Nichtproletarier. -- Der Klassenkampf der Arbeiter und
seine Formen. -- Der Klassenkampf und die materielle und geistige
Hebung der Arbeiterklasse. -- Die Entwicklung der Gewerkschaften und
die Ausbildung der Tarifverträge. -- Der Klassenkampf und die
rechtliche Hebung der Arbeiter.
_Sechstes Kapitel._
+Die Staatstheorie und der Sozialismus+ 75
Der Einfluß der Theorie auf die Praxis. -- Der Streit um den Begriff
des Staates. -- Staatsfeindschaft und Staatskultus in der
Geschichte. -- Der romantisch-reaktionäre und der demokratische
Staatskultus. -- »Das Vestafeuer aller Zivilisation.« -- Die kritische
Staatsidee bei Marx und Engels. -- Die Lehre vom Absterben des
Staates. -- Der Staat als Auswuchs oder Schmarotzer am
Gesellschaftskörper. -- Marx und Proudhon über die staatsfreie
Gesellschaft. -- James Ramsay Macdonald und die Erhaltung des Staates.
_Siebentes Kapitel._
+Der Sozialismus als Demokratie und der Parlamentarismus+ 91
Die sozialistische Bewegung mit Notwendigkeit demokratische
Bewegung. -- Begriff des Parlamentarismus. -- Der Parlamentarismus in
der Geschichte. -- Das Budgetrecht, das Fundamentalrecht der
Parlamente. -- Die Krone und das Parlament. -- Die Auswüchse des
Parlamentarismus. -- Wilhelm Liebknechts Gegnerschaft gegen die
Teilnahme am Parlament. -- Friedrich Engels' Würdigung der
parlamentarischen Aktion. -- Die qualitative Steigerung der
parlamentarischen Arbeit. -- Der Streit um die Budgetbewilligungen. --
Der Streit um die Teilnahme an der Regierung: Jean Jaurès und August
Bebel. -- Der Beschluß von Amsterdam. -- Der Streit um die Bewilligung
der Kriegskredite. -- Die Selbstverwaltung als Korrektiv des
Parlamentarismus.
_Achtes Kapitel._
+Die bolschewistische Abart des Sozialismus+ 113
Das Kommunistische Manifest und die Formel von der Diktatur des
Proletariats. -- Das Aufkommen des Bolschewismus. -- Seine Vorgänger,
die Utopisten der sozialistischen Revolution. -- Das reformistische
Element im Marxismus. -- Marx bindet den Sieg des Sozialismus an eine
ökonomische Reife. -- Der Bolschewismus will die Reife mit der Gewalt
erzwingen. -- Sein Aberglauben an die Schöpferkraft der Gewalt. --
Trotzkis Reitenlernen auf dem Rücken der Nation. -- Der Marxismus zeigt
die Grenzen des Willens auf, der Bolschewismus ignoriert sie. --
Stümpernde Experimentiererei. -- Die Nachahmung des zarischen
Despotismus. -- Die Blutschuld des Bolschewismus.
_Neuntes Kapitel._
+Die nächsten möglichen Verwirklichungen des Sozialismus+ 126
Die Welt, die Marx kannte, und die heutige Welt. -- Das Proletariat zur
Zeit von Marx und die Arbeiterklasse am Vorabend des Weltkriegs. --
Durch Gesetz und Organisation erlangte Verbesserungen. -- Die
Organisationen der Unternehmer. -- Die Volkswirtschaft im Kriege. --
Der sogenannte Kriegssozialismus. -- Die deutsche Revolution und die
Zwangslage der deutschen Volkswirtschaft. -- Die neue Republik im
Daseinskampf. -- Die Anstürme der Verführten des Bolschewismus lähmen
die Schöpferkraft der Republik. -- Die Wahlergebnisse nötigen die
Sozialisten zur Koalition mit bürgerlichen Parteien. -- Trotzdem sind
sozialistische Verwirklichungen möglich. -- Die verschiedenen Wege der
Sozialisierung durch die Finanznot erzwungen. -- Die Sozialisierung
durch die Sozialpolitik. -- Kein großer Sprung, aber viele bedeutsame
Übergänge. -- Ökonomie des Wollens verbürgt Erreichung des Gewollten.
Vorwort.
Die vorliegende Schrift gibt, von ihrem Schlußkapitel abgesehen, den
Inhalt von Vorlesungen wieder, die ich im Sommerhalbjahr 1921 in der
Universität Berlin gehalten habe. In Antwort auf ein ohne mein Wissen
aus akademischen Kreisen ergangenes Gesuch, mir das Vorlesen in der
Universität zu ermöglichen, hatte das Ministerium mir das Halten von
Gastvorlesungen freigestellt, und die Erlaubnis hieß für mich unter den
gegebenen Verhältnissen das Pflichtgebot, von der Möglichkeit, zu
Studierenden in den Räumen der =alma mater= zu sprechen, nun auch Gebrauch
zu machen. Und zwar erschien es mir angezeigt, in einem Zeitpunkt, wo
die große Partei des Sozialismus, der ich seit nun bald fünfzig Jahren
angehöre, zu maßgebendem Einfluß im Republik gewordenen Reich gelangt
ist, über die Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und
Gegenwart zu reden, das heißt die Meinungsverschiedenheiten zu
kennzeichnen, die unter den Vertretern des Sozialismus über dessen
Grundideen und deren Anwendung obwaltet haben und in einigen Fällen
obwalten.
Leider ist es mir jedoch nicht möglich gewesen, mehr als einen Teil der
einschlägigen Fragen abzuhandeln. Meine außerordentlich knapp bemessene
Zeit erlaubte mir nur eine Stunde in der Woche für diese Vorlesungen,
und noch weniger als die akademische Stunde sich mit der astronomischen
Stunde deckt, deckt sich das akademische Halbjahr mit dem
Kalenderhalbjahr. So war ich genötigt, eine Auswahl zu treffen und
manche Frage von Bedeutung, die mir am Herzen liegt, beiseite zu lassen.
Indes glaube ich trotzdem in den Vorträgen genug des Wissenswerten über
die Grundfragen des Sozialismus gesagt zu haben, um ihre Herausgabe als
Schrift zu rechtfertigen.
In bezug auf die Form der Vorlesungen ist zu bemerken, daß ich meine
Aufgabe nicht dahin aufgefaßt habe, Lehrvorträge im schulmäßigen Begriff
des Wortes zu halten, sondern je nach der Natur des Gegenstandes die
Behandlungsart gewechselt, den einen mehr deduktiv, andere mehr
induktiv-genetisch zur Anschauung zu bringen gesucht habe. Daher auch
die Ungleichheiten im Umfang der hier der Anredeform entkleideten und
als Kapitel vorgeführten Vorträge. Der Umstand, daß diese zum Teil
Fragen behandeln, mit denen ich mich in früher von mir veröffentlichten
Arbeiten schon beschäftigt habe, machte es ferner unvermeidlich, daß
hier und dort einzelnes von dem dort Gesagten nun wiederholt wird. Es
wegzulassen hätte mir unnötige, wenn nicht unzulässige Pedanterie
geschienen.
Das Schlußkapitel, das die nächsten möglichen Anwendungen des
Sozialismus behandelt, ist, wie oben angedeutet, in den Vorlesungen
nicht mehr zur Behandlung gekommen. Wenn ich es hier angefügt habe, so
geschah dies nicht nur in dem Wunsche, einer Schrift, die zu einem
großen Teil kritisch gehalten ist, einen möglichst positiven Abschluß zu
geben. Es lag und liegt mir auch daran, zu zeigen, daß die
Anschauungsweise, die ihr zugrunde liegt und die ich nun seit ziemlich
einem Vierteljahrhundert verfechte, durchaus nicht, wie manche
befürchtet haben, zu pessimistischer Betrachtung der Dinge und aus ihr
erwachsendem indifferenten Verhalten führt. Dem Pessimismus fällt nur
der anheim, der von den Menschen mehr erwartet, als sie leisten können,
und an die Dinge den Maßstab seiner Wünsche legt. Mit dieser Bemerkung
ist jedoch durchaus nicht gesagt, daß man sich nicht große Ziele setzen
soll -- was wäre die Sozialdemokratie ohne solche? -- Man wird aber
nichts Großes erreichen, wenn man die Dinge nicht so betrachtet, wie sie
sind, und, wo Millionen von Menschen in Betracht kommen, ihnen zumutet,
wozu außergewöhnliche Charaktere gehören.