Er erwachte erst nach einer Stunde. --

Vierzehntes Kapitel.

Die Morgenszene nach dem vorigen Tage.

„Ach, mein lieber Alexander, wie köstlich haben wir uns gestern

unterhalten. Es herrschte die allgemeinste Fröhlichkeit. -- Alles war

vergnügt: man wird sich gewiß dieses Tages noch lange erinnern, und das

gereicht uns zu großer Ehre. -- Man hat nun den Maßstab in Händen, nach

welchem man für die Zukunft unser Haus beurtheilen wird.... Wie bin ich

erfreut, daß dieser Maßstab kein gewöhnlicher ist.“

So, mit diesen Worten begrüßte Cölestine den folgenden Morgen ihren

Gatten, als dieser, wie es seine Gewohnheit war, in ihr Boudoir trat,

um ihr hier galanterweise einen Guten Morgen zu wünschen. -- Alexander

schien sehr heiter -- fast so wie seine Frau; er küßte mit dem

Ausdruck inniger Zärtlichkeit ihre Hand und nahm neben ihr auf einem

Tabouret, welches etwas tiefer als ihr Sessel stand, Platz.

„Allein,“ fuhr sie fort, indem sie sich mit jenen tausend

Quincaillerien, die eine vornehme Dame in einem Boudoir vor sich liegen

hat, zu schaffen machte: „allein,“ sagte sie: „wie kommt es, daß wir

seit dem gestrigen Tage bis zu dieser Stunde für einander fast gar

nicht existirt haben, mein Freund? Ich erfuhr weder, zu welcher Stunde

Du schlafen gingst, noch wann Du aufstandest....“

„-- Noch,“ setzte lachend der Graf hinzu: „was mit mir gestern während

des Festes geschah, nicht wahr, mein liebes Kind?“

„Ja, ja -- ganz recht. Jetzt erinnere ich mich, daß ich Dich in der

That gestern während der Dauer der Unterhaltung auch nicht mit einem

Auge sah --“

„Jetzt erst erinnert sie sich!“ sagte er zu sich, und, ohne sie zu

unterbrechen, ließ er sie fortfahren: --

„Wie hängt das zusammen, mein Freund? Erkläre mir es!“

„Ach, was liegt daran?“ versetzte er unbefangen und fast im lustigen

Tone: „es ist eine Kleinigkeit -- eine Kinderei, wer wird von ihr

reden. Dir sowohl, der Frau, wie mir, dem Herrn vom Hause, war der

Platz getrennt angewiesen, und wir durften ihn nicht verlassen, um uns

einander zu nähern... Bei solcher Gelegenheit besteht eine Pflicht,

wie die unsrige war, darin, daß man sich dem Vergnügen seiner Gäste

opfert ... und dies, meine liebe Cölestine,“ sagte er, ohne dem

Drange widerstehen zu können, eine Schärfe in den Ton zu legen: „hast

mindestens Du in vollem Maße erfüllt...“

„Ach ja,“ entgegnete sie, nicht ahnend, worauf er zielte: „ich sah

mich gestern ununterbrochen von einem Kreise interessanter und

liebenswürdiger Bekannter umgeben, und muß gestehen, daß ihnen

gegenüber meine Obliegenheit als Frau vom Hause mir nicht schwer

erschien. Gewiß bin ich jenen Personen zu eben so großem Danke

verpflichtet wie sie mir. -- Es war ein reizender Abend!“

„Er war reizend und die Nacht darauf ebenfalls!“

„Ich erinnere mich z. B. nicht, daß die Baronin von +Halderstein+,

diese Blume der guten Gesellschaft, ihren glänzenden Geist sowohl wie

ihre schöne Seele jemals freudiger entfaltet hätte, als sie es gestern

in meiner Nähe that. So war auch Herr von Labers dadurch, daß er

sich meiner Gesellschaft gütig erwies, dies gegen mich; -- er allein

streute so viel edle Heiterkeit im Kreise aus, daß man noch manchen Tag

daran wird zu zehren haben.... Sodann die liebe gute E--z, diese alte

Freundin meiner Mutter, und die Letztere selbst: o, wie sind uns an der

Seite dieser ehrwürdigen Frauen die Stunden verflossen!... Endlich mein

guter Vater, sogar Edmund, Alle schienen sich wonnevoll nur um mich zu

vereinigen....“

„Sie verschweigt absichtlich den Namen Marsan’s!“ sagte er im Stillen:

„O -- diese Manier ist ungeheuer veraltet -- -- wiewohl man sie in

neuerer Zeit wieder in Mode zu bringen versucht.“

In seinem Herzen wühlten die Leiden eines Trostlosen, eines in der

innersten Seele Verzweifelnden -- -- aber auf dem Angesichte zeigten

sich hiervon keine Spuren; dieses glänzte nicht minder zufrieden, wie

jenes Cölestinens.

„Was sagst Du,“ warf er leicht hin -- „zu Herrn von Marsan, der, wie

ich mich erinnere, gestern längere Zeit mit Dir gesprochen? --“

In diesem Augenblicke überzog eine schreckliche Blässe das Gesicht der

jungen Frau -- und indem sie starr nach seiner Stirne blickte, schrie

sie auf: „Um Gotteswillen! was ist das? Was ist mit Dir geschehen,

Alexander? -- Deine Stirne ist verwundet -- mit Blut unterlaufen....“

„Oh!“ höhnte es in seinem Innern: „die Elende! Welche Ausflucht! --

Jetzt da meine Frage sie in die Enge getrieben, weiß sie keinen Ausweg,

als daß sie von einer unbedeutenden Verletzung redet, die sie schon

längst bemerkt haben muß....“

Ob er Recht hatte, so zu urtheilen, bleibt dahin gestellt. Da jedoch

seine Wunde sehr hoch oben auf der Stirne war, so konnte sie zuvor

leicht durch sein dunkles Haupthaar bedeckt -- und erst jetzt, da er

mehrmals mit den Fingern durch dasselbe strich -- blosgelegt und von

Cölestinen bemerkt worden sein... Sie hatte sich ihm rasch genähert,

sein Haupt mit beiden Händen ergriffen und bebend in ihn gedrungen:

„Sprich, um Alles in der Welt! Was soll ich denken, Alexander? --

Erkläre mir’s! Lasse mich nicht in Ungewißheit? -- Dir ist irgend ein

Unglück widerfahren! -- O rede, rede! hörst Du denn nicht?..“

„Wie man’s nehmen will,“ entgegnete er in dem gleichgiltigsten Tone:

„ein Unglück oder auch keins. Jedenfalls aber ist das Ganze nicht

dieses Aufhebens werth -- und deßhalb laß uns endlich schweigen.“ Er

entwand sich sanft ihren Händen, die aber sogleich wieder nach ihm

griffen, sich um seinen Hals legten, ihn heran zogen....

„Die nichtswürdigste aller Heuchlerinnen!“ dachte er und ließ sie

gewähren. -- Indessen jammerte sie fort: „O mein Alexander, o mein

Gemahl! Es ist nicht recht von Dir, mir Dein Vertrauen bei einer

Gelegenheit wie diese zu entziehen. Womit hätte ich das auch verdient?

-- Alexander -- etwas Besonderes muß seit der ewiglangen Zeit, daß wir

uns nicht sahen, vorgefallen sein -- -- etwas sehr Schlimmes.... mir

sagt es mein Herz.... Bei unserer Liebe, bei unserer Treue beschwöre

ich Dich, meine Bitte zu erhören!“

Während der letzteren Worte lachte er gellend auf, so daß sie entsetzt

von ihm losließ und die Hände zusammenschlagend vom Sitze aufsprang,

indem sie rief: „Mein Gott -- erbarme Dich seiner und meiner! Träume

ich blos oder geschieht das wirklich hier, was ich nicht fassen kann?!“

Er richtete sich nun selbst auf und antwortete ganz in der Art, wie

er sie heute seit seinem Eintritt in das Boudoir angenommen: „Aber --

meine Freundin, Du bist in der That ganz außer Dir, und ich, ich selbst

hätte Grund, jene Fragen an Dich zu stellen. -- Was soll denn geschehen

sein? Weßhalb erschrickst Du? weßhalb fährst Du von Deinem Sitze so auf

-- als sei der Tod vor Dich hingetreten? -- Es ist ja nichts geschehen

-- sonst hätte ich Dich davon natürlich schon in Kenntniß gesetzt. --

Du starrst noch immer nach meiner Stirne! Nun wohl, diese Wunde von der

ich bisher selber nichts wußte -- und die ich erst jetzt im Spiegel

bemerke -- ich muß sie mir im Schlafe geschlagen haben....“

„Nachts im Schlafe?“ schüttelte Cölestine das Haupt.

„Nun ja. Es ist wohl schon vorgekommen, daß man so fest schlief, daß

man selbst von einem Stoß an die Wand -- an die Säulen der Bettvorhänge

-- nicht erwachte.... Uebrigens, wie gesagt, ich spüre die Wunde kaum.

Ich fühle keinen Schmerz!“

Wirklich konnte diese Rede auch ein furchtsameres Herz beschwichtigen,

und nach einigen Augenblicken sprach man bereits nicht mehr von diesem

Gegenstande...

„Es war ihr nur darum zu thun,“ meinte er „recht lange hierbei zu

verweilen und mich die Frage wegen des Chevaliers vergessen zu

machen;..“ und laut setzte er hinzu:

„Hast Du dem engern Kreise unserer Freunde gestern nicht eröffnet, an

welchem Tage außer dem Sonnabend Du Dich ihrer Gesellschaft erfreuen

möchtest?“

„Ich sprach davon, mein lieber Mann,“ sagte sie: „und wir wählten den

Dienstag, den Donnerstag und den Freitag....“

„Auf diese Weise,“ bemerkte er laut: „wird ja in unserem Hause ewige

Lust und Freude herrschen....“

„Ich dachte bei mir, es sei dies zu Deinem Besten, Dein ernster Sinn

werde dadurch zerstreut werden.“

„Gewiß, gewiß -- Sie hat bei jedem Schritt, den sie thut, mich im Auge

-- -- wie ein kluger Fechter seinen Gegner. Und,“ fragte er sie: „wird

auch die Baronin von Halderstein uns recht oft besuchen --“

„Ja, mein Freund, sie hat mir’s bestimmt zugesagt.“

„Auch der Chevalier von Marsan.“

„Du weißt -- daß er sich in letzterer Zeit innig an meinen Bruder

Edmund anschloß, und demnach dürften wir ihn wohl häufig bei uns

sehen.... Uebrigens,“ lächelte sie fein: „habe ich mit Herrn von Marsan

noch einen eigenen Plan...“

„Wirklich?“

„Wenn mich nicht Alles trügt, so hat er während des gestrigen Abends

-- sich mit unserer theuren Baronin von Halderstein angelegentlicher

als mit einer andern Person beschäftigt. -- Es verging keine

Viertelstunde, so kehrte er immer wieder zu ihr zurück....“

„Nämlich -- von Dir!“ dachte Alexander: „denn für diesen Herrn scheint

es nicht zu viel, bei zwei Damen auf einmal den Ritter zu spielen...“

„Und was die Baronin betrifft --“

„Nun?“

„Es schien nicht eben -- daß sie seine Bewerbungen zurückgewiesen

hätte.“

„Das Alles ist möglich!“ murmelte der Mann.

„Kurz, wenn es glückt, so soll die reizende Frau, welche gegen einen

Gatten, der sie verließ, keine Pflichten mehr hat, -- die schöne

Freundin Halderstein soll es übernehmen, den unbezwinglichen Roland,

den nie überwundenen Tankred in Fesseln zu legen...... Wir haben uns

dieses gelobt...“

„Wir? -- Wer ist darunter zu verstehen?“

„Das Nähere kann ich Dir leider nicht vertrauen, mein Freund. Genug

an dem -- ich bin es nicht allein, die sich über diesen Fall freuen

wird...“

„Und,“ fragte nach einigem Sinnen Alexander: „wird das Spiel, von dem

Du sprichst, bald beginnen?..“

„Es nimmt mit dem morgigen Tage seinen Anfang. Du weißt, wir sind

morgen bei der Generalin E--z. Es ist ihr Tag.“

„So wird also auch der Chevalier dort sein?“

„Ohne Zweifel -- und auch die Halderstein wird nicht fehlen....“

„-- Ich weiß genug!“ sagte er zu sich. -- -- Er verließ seinen Platz,

umarmte Cölestine und empfahl sich ihr.

„Wohin so eilig?“ fragte sie.

„Eine wichtige Angelegenheit ruft mich nach der Stadt.“

„Wirst Du heute nicht mit mir frühstücken?“

„Ich habe dies bereits allein auf meinem Arbeitszimmer gethan.“

„So geh mit Gott und komme bald zurück!“

„Sehr bald, liebe Cölestine.“ Er war bereits an der Thür, als sie ihn

noch einmal zurückrief -- ihn umfing, leidenschaftlich mit Küssen

bedeckte und dann mit den Worten zärtlich fortstieß: „Jetzt gehe!“

-- Sie wandte sich von ihm ab -- gleichsam um sein Scheiden nicht zu

sehen. Er aber draußen vor der Thür schüttelte das Haupt, sein Gesicht

verfinsterte sich und wild rief er aus: „O schändlich! schändlich! --

-- und dies Alles ist Lüge..... Falschheit...... Betrug!...“

Fünfzehntes Kapitel.

Abend und Nacht.

Viel beschäftigte den Grafen A--x der Gedanke, wer jener geheimnißvolle

Unbekannte sein könne, der wie ein Schatten ihm auf allen Wegen zu

folgen schien, um sich von Zeit zu Zeit zu verkörpern und Warnungen

zuzurufen, für welche er ihm bis jetzt noch stets dankbar sein

zu müssen glaubte -- und welche Warnungen diesen mysteriösen,

geisterhaften Freund zu seinem Schutzgeiste erhoben. -- Bisweilen

redete er sich vor, eine Stimme seines eigenen Innern ertheile ihm

diese Nachrichten -- oder, was dasselbe ist, es seien Ahnungen, die auf

solche Weise zu ihm sprächen. -- Genug an dem, wegläugnen ließ sich

diese Erscheinung, so geheimnißvoll sie auch war, keineswegs.... eben

so wenig, wie die Wahrhaftigkeit in ihren Worten. -- Auch gehörte der

Graf nicht zu jenen hausbackenen Flachköpfen, die dasjenige, was sie

nicht begreifen können, kurzweg läugnen... und nach deren Meinung es in

der Welt nichts geben kann, was nicht mit ihrer armen Alltagsweisheit

übereinstimmt; Menschen, die da glauben, Alles müsse sich mit den

Händen greifen und mit den Augen, über welche eine zwei Linien breite

Hornhaut einen ewigen Schleier legen kann, sehen lassen.... arme

bedauernswürdige Tröpfe, die, gleich den Kindern, welche die Meinung

hegen, außer ihrem Dorfe gebe es weiter keins mehr in der Welt, ihre

fünf Sinne für das einzige Medium halten, wodurch sie mit dem Universum

in Verbindung treten... weil sie von dem sechsten und siebenten

göttlicheren Sinn, der im Hirne und in der Brust wohnt, keine Ahnung

haben....

Zu diesen spaßhaften Leuten gehörte Graf A--x keineswegs. Nicht daß wir

ihm hieraus ein Verdienst machen wollten; in unseren Tagen ist man,

Dank den ewigen, Alles wieder zu sich selbst zurückführenden, Gesetzen

der Natur -- nachdem man sich am schöngedrechselten Springbrunnen

der Philosophie hinlänglich vollgetrunken hatte und nun sah, daß es

doch nur Wasser war -- wieder zu dem einfachen Felsenquell der Natur

zurückgekehrt, dessen geheimes Herkommen, dessen sanftes Rauschen uns

so Manches erzählt, wovon jene künstlichen Wasserbogen nichts sagen

können. Wir sind, sage ich, auf unserer zirkelförmigen Wanderung, von

traurigem Halbwissen endlich zu einem glaubensvollen höhern Anschauen

gelangt...

Wer war aber jener Warner, falls es ein Mensch wie der Graf selbst war?

Er wußte Keinen zu nennen -- er kannte Niemand, den er fähig hielt,

ein so seltsames und edles Amt bei ihm zu übernehmen. -- Nach einigem

Nachdenken mußte Alexander seine Forschung völlig einstellen; auch

gestehen wir in seinem Namen, diese Sache schien ihm nicht wichtig

genug, um sein Augenmerk von einer weit größern lange abzulenken.

Welche dieses war, begreifen wir: es war der Gedanke, es war der

Schmerz seiner liebenden Seele.

So ungeduldig kann der Räuber hinter einem Felsenvorsprung auf einen

die Straße herabkommenden Reisenden nicht warten, um ihm Geld, Glück,

Leben und vielleicht den Himmel zu rauben, wie Alexander des morgigen

Abends harrte, an welchem er doch -- wie er mit Gewißheit annahm --

Alles dieses selbst verlieren sollte. -- Er glaubte vor Sehnsucht, vor

Erwartung rasend zu werden.... die Stunden rollten so unerbittlich

gemessen dahin... ihm schien es, als sei jede der doppelte Inbegriff

aller früheren. --

Endlich brach die entscheidende an. -- Es war um neun Uhr Abends,

als der Bediente eintrat, meldend, daß die Equipage bereit stehe.

Alexander war im Zimmer wild auf und niedergerannt, er stieß gegen

jeden Gegenstand an, ohne es zu wissen, und beinahe hätte er auch seine

Frau, die eben in diesem Augenblick von ihrer Toilette zurückkehrte,

niedergeworfen.

„Mein Gott, Alexander, was ist Dir denn?“ redete ihn Cölestine an,

nachdem der Lakai das Zimmer verlassen hatte: „Ueberhaupt kommst Du mir

seit einiger Zeit so sonderbar vor -- -- Du bist nicht traurig, bist

aber auch nicht heiter, und wenn Du lachst, scheint es beinahe, als ob

Du Dich dazu zwingen wolltest....“

„Meine gewöhnlichen Anfälle -- -- krankhafte Reizungen -- Du kennst

diesen Zustand bei mir; also bringen wir denselben nicht neuerdings

zur Sprache...“ versetzte er, indem er ein Paar Handschuhe anzog; den

Hut ergreifend fragte er dann: „Bist Du bereit, Cölestine? Können wir

gehen?“

„Wenn es Dir gefällt!“ sie legte ihren Arm in den seinen und ging mit

ihm die Treppe hinab....

Sie saßen neben einander in einem weiten Batard, und da es überdies

auf den Straßen bereits ganz dunkel war, konnte Cölestine sich ihrem

Manne ungesehen nähern; sie ergriff seine Hand mit ihren beiden:

„Alexander,“ sagte sie mit sanft einschmeichelnder Stimme: „Was hast

Du? Es ist nicht Alles so, wie Du mir sagtest. Deine düstere Stimmung

hat einen andern Grund.... Alexander!“ wiederholte sie mit rührender

Stimme: „soll ich denn Deine Liebe verloren haben -- daß Du gar nicht

sprichst?“

Dies indeß bewog ihn keineswegs zur Aenderung seines Entschlusses.

Wirklich ließ er seine Gemahlin heute und in diesem Augenblick mehr als

je eine Kälte, eine Theilnahmlosigkeit fühlen, an welche sie noch nicht

gewöhnt war. -- Er redete auch nur wenig zu ihr -- er beschränkte sich

auf die kürzeste Beantwortung ihrer Fragen, durch +Ja+ oder +Nein+.

„Es ist gleichwohl möglich,“ sagte sie zu sich, -- „daß dieser Trübsinn

aus der alten Quelle entspringt. -- Und so wird er durch Geduld allein

zu bannen sein....“

In diesem Augenblick blieb der Wagen stehen, er war vor dem Hause der

Generalin E--z angekommen. --

Einsilbig, wie man eingestiegen, verließ man den Wagen und begab sich

durch ein hellerleuchtetes Portal zum Saale hinauf. Die Gesellschaft,

welche sich hier versammelte, war nicht außerordentlich zahlreich,

aber man konnte sie eine gewählte nennen. Die Generalin E--z, alt und

ohne Kinder, ohne Erben, verwendete ihr ziemlich ansehnliches Vermögen

darauf, ihren Freunden und dadurch sich selbst Vergnügen zu bereiten.

-- Bei ihr fand man Alles, wornach einer zerstreuungssüchtigen

Seele verlangt: die trefflichsten Concerte, Theater, Bälle,

literarisch-artistische Matinées u. s. w. u. s. w. Im Sommer wurden

kurze Ausflüge nach ihren Landsitzen -- im Winter auf diesen echt

russische Divertissements: Schlittagen, Rutschpartien und was weiß ich

sonst noch, veranstaltet... Hierbei machte dann, da die Frau vom Hause

zu einer Glanzrolle dieser Art nicht mehr taugte, stets eine ihrer

jüngern Freundinnen die Honneurs, und so kam es, daß ihr Haus in der

That unter die besuchtesten gehörte...

Als Cölestine mit ihrem Gemahl eintrat, wurde sie von der Matrone und

der Gräfin Wollheim mit jener Auszeichnung empfangen, die man einer

jungen Frau, welche in dieser Eigenschaft zum ersten Male unser Haus

besucht, immer zu Theil werden läßt. Wie Alexander bemerkte, so war der

Chevalier von Marsan schon hier -- er stand nach seiner Gewohnheit an

der Seite Edmunds und zwischen mehreren Herren, die irgend eine Debatte

führten. -- Der Chevalier hatte ihn fast in demselben Augenblicke

wahrgenommen, und es wäre für einen Psychologen interessant gewesen,

diesen heftigen und völlig naturgesetzlichen Moment: das Zusammenfahren

zweier feindlicher Elemente, die sich gleich darauf wieder abstoßen, zu

beobachten.

Diese zwei Menschen verstanden sich schon vollkommen, sie lasen

einer in des andern Seele. Auf ihren beiden Gesichtern spielte ein

geringschätzendes Lächeln -- und in ihren Augen blitzte das Feuer des

Zornes.... Aber als jetzt Alexander nothgedrungen seine Schritte neben

dem Chevalier vorbei lenken mußte, grüßte dieser artig und als ein Mann

von Welt -- während jener es nicht überwinden konnte, diese Eigenschaft

völlig zu verläugnen -- tyrannisirt von der tödtlichen Eifersucht und

dem tödtlichen Rachedurst eines betrogenen Ehemanns. --

Ach, es ist leichter zu hoffen, zu besitzen -- als zu verlieren!

Cölestine war bei ihren Freundinnen zurückgeblieben und eilte nun, sich

ihrer Mutter, die auch zugegen war, in die Arme zu werfen... Aber ihr

Blick folgte von Zeit zu Zeit dem Grafen; wie erschrak sie, als sie ihn

jetzt nicht weit von dem Chevalier stehen und diesen mit Blicken und

Mienen durchbohren sah...... In einem Augenblicke wurde ihr so Vieles

klar. Sie glaubte nun den wahren Ursprung von ihres Mannes Gram zu

kennen.... Aber welches Entsetzen faßte sie, als sie in dem nämlichen

Augenblicke den Chevalier seinen Platz verlassen und ihn mit Edmund

auf sich zukommen sah. -- Wenig fehlte und sie wäre umgesunken; sie

zitterte an allen Gliedern -- diese schienen gelähmt. Sie mußte sich

niederlassen und empfing so, mit farblosem Angesichte, die Huldigung

der zwei Herren. --

Als jetzt ihr Auge wieder Alexander aufsuchte, sah sie, wie dessen

Miene sich zu einem gräßlichen, grinsenden Lachen verzog, während sein

Haupt fast unmerklich nickte, -- gleichsam als wollte er sagen: „Also

so? Es ist gut! --“

Kaum hatte sie dies erblickt, als sie Marsan, der sie in ein längeres

Gespräch verflechten zu wollen schien, ohne ihn ausreden zu lassen

-- rasch und gegen die bisher in allen Gesellschaften herrschende

Gewohnheit, verließ -- und sich, so schwach sie war, einige Schritte

weiter zur Generalin E--z begab, an deren Seite sie Platz nahm...

Marsan schien bei diesem Impromptu einen Augenblick überrascht,

sogleich aber faßte er sich wieder und lachte vor sich hin: „Ach, meine

reizende Kleine -- das war ein Meisterstreich, den Sie da Ihrem Herrn

Gemahle spielten!... Freilich etwas ungewöhnlich, aber eben darum um so

eher geeignet, ihm Sand in die Augen zu streuen...“

Dieser Alexander hingegen zuckte dabei mit den Achseln und sagte:

„Der Kunstgriff ist so plump, daß Du mich fast dauerst, armes Weib!

Elendes Weib!“ setzte er zähneknirschend hinzu. Sodann mischte er sich

unter eine Gesellschaft, nahm an Allem Theil, was um ihn vorging --

ließ sich jedoch vermöge seiner Kunst des Beobachtens, worin er sich

ununterbrochen übte, keine Bewegung Cölestinens entgehen. --

Der Chevalier hatte sich ebenfalls auf einen andern Punkt begeben und

schien schnell den ganzen früheren Vorfall vergessen zu haben, denn mit

aller Unbefangenheit und mit dem feinsten Takte eines Mannes, der zwar

Geist und Liebenswürdigkeit, aber kein Herz besitzt -- begann dieser

glänzende Salonsmann sich mit einem Kreis von Damen zu beschäftigen,

die ihn gewiß nicht mehr interessirten, als alle jene Schönheiten der

Welt, die er noch mit keinem Auge geschaut. Aber Alexander meinte:

„Alles das gehört zu seiner Rolle... Alles das ist schon abgekartet

gewesen, bevor wir noch in diesen Salon traten. -- Wo aber ist jene

Baronesse von Halderstein, um derentwillen Marsan eigentlich erschienen

sein soll? Ich sehe sie nirgends. -- Und Cölestine wußte es doch so

gewiß, daß dieselbe hier zugegen sein werde.... Es handelt sich um

nichts anderes, als die beiden sich vis à vis zu bringen.... Hahaha, --

Um nichts anderes -- nein, um gar nichts sonst! -- --“

Eine sonderbare Unruhe war heute an Edmund von Randow sichtbar. -- Er

hatte Marsan seit jenem letzten Impromptu verlassen und schien deutlich

eine Gelegenheit zu suchen, mit seiner Schwester insgeheim zu reden.

Er hatte ihr bereits mehrere Winke gegeben -- er hatte sich ihr schon

einigemal genähert -- sie jedoch schien das Alles nicht zu beachten,

oder vielmehr, sie vermied absichtlich das Zusammentreffen mit ihm;

ohne Zweifel weil sie, die bereits hinlänglich gelesen hatte auf dem

Gesichte ihres Mannes, fürchtete, hierdurch dessen Verdacht noch zu

nähren. -- Die Angst Cölestinens läßt sich nicht beschreiben...

Sie hatte Recht. Selbst dieses Letztere entging den Argusblicken

Alexanders nicht: „Dort,“ sprach er, indem er auf Edmund sah, „geht der

Busenfreund, der Abgesandte ihres Geliebten, um ihr das zu sagen, wozu

für ihn die Gelegenheit nicht günstig ist. O, nicht umsonst hat mein

ahnendes Herz diesen Menschen, der sich ihren Bruder nennt, vom ersten

Augenblick an gehaßt.“

Die Qual des armen Grafen ward jetzt auch noch durch seine Umgebung

erhöht. Da man nämlich am andern Ende des Salons begann, Musik zu

machen (+Parish-Alvar+’s hatte unschuldigerweise eine neue Terzett-

und Quartett-Epoche heraufbeschworen) -- beschloß unser guter Freund,

der Herr von +Porgenau+, welcher sich an diesem Ende befand, die

Gesellschaft hier zu entschädigen, indem er anfing, haarsträubende

Witze zu machen, nachdem er natürlich zuvor auf haarsträubende Weise

pränumerando gelacht hatte:

„Wissen Sie, meine Freunde,“ sagte er: „wie viele Dinge -- hahahaha!

-- die Franzosen bei ihrem Kriege -- hahahaha! in Algier brauchen...

hahahaha! hahahaha!“

Alles schwieg. Einige, die Herrn von Porgenau noch nicht kannten,

erwarteten hier etwas ganz Besonderes zu hören.

„Sie wissen also nicht -- wie viele Dinge -- hahaha! die Franzosen dort

brauchen -- -- um hahaha! -- sicher zu reussiren?...“

„Nein, nein!“ versetzten jene Neulinge.

„Nun,“ antwortete Porgenau -- -- „aber -- hahahaha! hahahaha! er ist

wirklich zu gut dieser Einfall... hahaha! ich kann ihn vor Lachen kaum

von mir geben...“

„Die Franzosen brauchen,“ sagte er einigermaßen gefaßt: „drei Dinge:

Erstens:“

Aber in diesem Augenblick platzte die Gemahlin des Bonmotisten, die

natürlicherweise in seiner Nähe saß, um ihr Amt zu verwalten, in ein so

markerschütterndes Wiehern (Lachen konnte man’s nicht nennen) aus, daß

selbst ihr Mann erstaunte.

Endlich hörte ihr Wiehern auf. Aber ein neues Hinderniß trat ein, nun

begann wieder er zu lachen -- und dieses abwechselnde ehelich-zärtliche

Anticipations-Gelächter dauerte so lange, daß sich schon einige

Personen erhoben -- -- da schrie Porgenau laut auf: „Sie können nicht

fortgehen, bevor Sie nicht meine drei Kriegsbedingungen gehört haben.

Also zum Kriege brauchen die Franzosen: 1tens Geld, 2tens Geld und

3tens -- -- was glauben Sie wohl, was wird das sein? -- Ebenfalls Geld!

-- hahahahahahahahahahahahaha!! --“

(Aus Mangel an Raum geben wir nur -- wie Handlungsreisende -- eine

Probe dieses Lachens, welches nach genauer Berechnung zwei und eine

halbe Meile lang wäre, falls man es ganz niederschreiben wollte.)

Das war zu schauderhaft. Auch die Geduldigsten und die Trägsten von

den Umstehenden hielten es in der Nähe Porgenau’s nicht länger aus --

Alles verließ seine Plätze. Da rief er in edlem Unwillen ihnen nach:

„So! Sie gehen, meine Herren? --“ Und sich umwendend, bemerkte er

gegen seine Frau, der noch immer alle Muskeln des Gesichts krampfhaft

manoeuvrirten: „Die Undankbaren! Nachdem man ihnen seine Ideen

mitgetheilt hat -- suchen sie das Weite, um damit zu wuchern!“

Unter den Zweien oder Dreien, welche zurück blieben, befand sich auch

Alexander. An ihn hielt sich nun Porgenau vorzüglich und fragte den

düster vor sich Hinstarrenden --: „Nun, liebster Graf -- es freut mich,

Sie bei mir behalten zu haben. -- Was sagen Sie zu der Aufführung der

übrigen Herrn? -- Abscheulich, nicht wahr? -- Allein ich will mir’s

auch merken. Künftig sollen meine Bonmots nur Ihnen, lieber Freund, und

diesen zwei, drei Herrn hier mitgetheilt werden. Und zum Beweis wollen

wir gleich jetzt den Anfang machen....“ Er gab seiner Frau einen Wink;

sie fing wieder an zu wiehern...

„Was meinen Sie,“ sagte er -- „-- ich werde Ihren Scharfsinn, lieber

A--x, ein wenig auf die Probe stellen... Sie werden ohne Zweifel

glänzend bestehen. Also sagen Sie mir gefälligst, welcher +Nuß+

haben die Alten göttliche Ehren erwiesen? -- hahahaha! hahaha! -- --“

Er hielt ein wenig inne und gab seiner Frau ein Zeichen, worauf auch

sie schwieg.

Es erfolgte jedoch keine Antwort.

„Nicht wahr?“ begann Porgenau nach einer Pause -- „nicht wahr? --

hahahaha...“

Jetzt platzte auch seine Dame wieder aus...

„Nicht wahr -- das ist ein göttliches Wortspiel! -- hahaha! -- O -- ich

habe hundert ähnliche alle Tage erfunden -- hahaha! hahaha! -- Bei mir

kommen die Wortspiele, Bonmots und geistreichen Einfälle wie im Sommer

die Frösche -- hahaha, auch wieder ein guter Vergleich! -- -- Also noch

einmal, bester Graf: Welches war die Nuß, der die Alten -- --“

In diesem Augenblicke sprang Alexander plötzlich auf und eilte davon

-- im Nu war er vor den Augen des großen Witzboldes verschwunden,

welcher, nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte,

ausrief: „Ach -- Sie entwischen, lieber Graf? Das ist ein alter Kniff.

Sie schämen sich, das Räthsel nicht auflösen zu können -- -- hahaha!

hahaha! -- --“ Und zu den drei Letzten des Platzes, die seit einiger

Zeit sich unter dem Einflusse seiner Unterhaltung einem köstlichen

Schlummer ergeben hatten, rief er: „Nun -- ich will Sie nicht länger

warten lassen, meine Herrn -- -- Jene Nuß, der die Alten göttliche Ehre

erwiesen, war -- -- hahahahahahahahahaha u. s. w. es war: _Venus!_

Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2) · 第 10 / 12 题