An diesem Strohhalm hielt er zuerst sich fest. --

Er sprach noch über Dies und Jenes, dann leitete er die Unterhaltung

so, daß er unvermerkt die Frage stellen konnte: weßhalb Cölestine

gesellschaftsmäßig gekleidet sei. --

„Weßhalb?“ -- wiederholte sie: „Ach, in der That -- wenn ich Dir einen

Grund angeben soll, ich weiß keinen. Es ist dies eins von den neuen

Kleidern, welche ich neulich bestellt habe.... Da ich den ganzen Tag

über nichts Anderes zu thun hatte und um mich von den bösen Gedanken

wegen Deiner Abwesenheit zu befreien, machte ich mir mit meiner

Garderobe zu schaffen: ich zog ein Kleid um’s andere an -- -- und

dachte bei mir: in welchem würde ich ihm wohl, wenn er nach Hause

kommt, am besten gefallen? Da fiel meine Wahl auf dieses da -- und

darum stecke ich noch in demselben -- wiewohl es mir sehr unbequem ist

und mich hindert, Dich tausendmal zu umarmen.“

Alexander blieb nach dieser Erklärung stumm und senkte den Blick.

Höllischere Argwohnsflammen hatten aus demselben heute noch nicht

gezüngelt.... Er glaubte seine Frau auf einer Lüge ertappt zu haben

-- ihre ganze Rede schien nichts als Widersprüche zu enthalten. Denn

weßhalb hatte sie früher gesagt, daß sie den Tag in Angst und Sorge

zubrachte -- da sie doch jetzt erklärte, sich mit ihren Kleidern

unterhalten und ihrer Eitelkeit gedient zu haben. -- Ferner welche

erbärmliche Unwahrheit lag darin versteckt, daß sie einmal vor

Schwermuth und Verlangen nach seiner Wiederkehr fast vergangen sei --

und gleich darauf sich die Frage gestellt habe: in welchem Kleide sie

ihm bei seiner Ankunft wohl am besten gefallen möchte?

Dieser Mann, der hier so vortrefflich philosophirt, glaubte seiner

Geistesgröße nun dadurch die Krone aufzusetzen, daß er sich äußerlich

von dem, was in ihm vorging, nicht das Geringste merken ließ. Von dem

Augenblick, wo er gegen seine Gemahlin einen so wichtigen Beweis, wie

den obigen, in Händen zu haben meinte, war er der Ueberzeugung, die

Rolle, welche er zu spielen angefangen habe, sei vortrefflich gewählt,

-- und er werde unter ihrem Beistande dem Dinge nach und nach völlig

auf den Grund kommen.

Cölestine lud ihn ein, den Abend mit ihr im Garten zuzubringen, und er

willigte sogleich mit der liebevollsten Freundlichkeit ein. Er bot ihr

den Arm -- führte sie zuerst nach ihren Zimmern, wo sie das Salonkleid

mit einem bequemeren vertauschte, dann warf sie einen Shawl um -- und

nun schritten sie Beide hinab in den Garten. -- Sie zog ihn zuerst

zu allen den Plätzen, die durch irgend eine Erinnerung an die erste

Zeit ihrer Liebe geheiligt waren. Da traten sie hinein in die Lauben

-- in die Grotten -- da setzten sie sich hin auf die Rasensitze und

Blumenplätze -- -- überall verweilten sie einige Augenblicke -- und als

sie überall gewesen waren, fingen sie den süßen Erinnerungsgang wieder

von Neuem an.

Ach, wie erfinderisch ist wahre Liebe! Sie weiß in einen gewöhnlichen

Schritt, in einen kurzen Spaziergang Welten voll Seligkeit zu legen....

Sie weiß auf einer Scholle Erde ein Paradies erblühen zu lassen.

Das Silberlicht des Mondes ergoß sich über den ganzen Garten und

tauchte jedes Blatt und jedes Steinchen in ein Meer voll stillen

Zauberscheins. Einem entzückten Auge, wie dem ihren, schien die ganze

Welt jetzt eine höhere, eine mehr als irdische zu sein.

+Ihrem+ Auge? -- Ja dem +ihren+, dem Auge Cölestinens...

nicht dem seinen. Dieses sah nichts. Dieses sah nur eine gewöhnliche,

schlechte, schändliche Welt. --

Nach und nach fand er, unter dem Beistand der früheren, neue Gründe,

die ihn in seinem Verdachte bestärkten -- er nahm sie als Beweise gegen

sein Weib hin, wie er die früheren als solche genommen. -- Woher, sagte

er zu sich -- diese Fröhlichkeit, diese lustige, diese muthwillige

Fröhlichkeit? -- Jedenfalls ist es das erste Mal, daß ich Cölestinen

+so+ sehe. Sie war heiter, zufrieden, wonnevoll; aber sie war noch

niemals lustig und ausgelassen..... Und doch und doch! Damals gleich

nach unserer Vermählung, auf dem Balle! -- -- Ah! ah! -- habe ich das

so schnell vergessen? -- Aber jetzt fällt es mir dennoch wieder bei.

Jetzt, jetzt, da ich es am besten brauchen kann. -- -- Und ich Thor

ließ mich zu jener Zeit so schnell beruhigen, ließ mich von ihrer

glatten Zunge beschwatzen. -- Ich Thor! -- Das war damals der Anfang --

dieses jetzt ist die Fortsetzung.

„War Niemand zum Besuche da?“ warf er später die Frage hin und erfuhr

nun, daß +Edmund+ mit seinem Freunde dem +Chevalier von

Marsan+ sich hatten anmelden lassen.... sie, Cölestine, jedoch habe

ihren Besuch nicht angenommen und ein Unwohlsein vorgeschützt. --

„Und diese zwei Herren gingen fort?“

„Allerdings -- -- jedoch soll Edmund sehr ungehalten gewesen sein,

nicht vorgelassen zu werden; nun Du kennst die Weise des Tollkopfes!“

entgegnete sie.

„Er wird es nicht allein gewesen sein, der ungehalten war;“ meinte der

Ehemann bei sich: „vielleicht war Edmund nichts weiter, als das Echo

seines Freundes -- -- das Organ, welches der innern Stimme Marsans

Worte lieh.“ Und laut setzte er hinzu: „Diese beiden Herren besuchen

uns in der That sehr fleißig.“

„Findest Du das? -- Ich habe daran noch gar nicht gedacht. Ja in der

That, Du hast Recht: sie waren in der letzten Woche mehrmals bei uns.“

„Sie waren“ verbesserte er: „+alle Tage+ bei uns.“

„Nun ja, gewiß, gewiß. -- Aber was liegt daran? Reden wir von andern

Dingen, mein Freund...“

„Und warum nicht von diesen -- meine Freundin?“

„Wie? scheinen diese Dir von so großer Wichtigkeit?“ fragte sie und sah

ihn dabei an.

„Eine solche Frage“ meinte er bei sich: „hätte ich eher an sie stellen

sollen -- -- indeß nicht als Frage -- sondern als -- Anklage. -- O bei

Gott, diese Heuchlerin ist in ihrer Kunst erfahrener als ich glaubte.

-- Ach, ach, ein so junges Wesen und doch schon so verderbt! -- Aber

liegt so Etwas nicht im Blute? -- Und ist es von ihr nicht bekannt, ja

von ihrem ganzen Stamme -- daß sie insgesammt leichtsinnige, thörichte,

eitle und gefallsüchtige Menschen sind? -- +Schlecht+ jedoch...

ist nur diese da! Von ihren Verwandten habe ich noch niemals gehört,

daß sie ein böses Herz besäßen.“

„Du bist heute ungewöhnlich nachdenklich, Alexander!“ bemerkte

Cölestine und fuhr nach einer Pause, in welcher sie vor sich

hinblickte, fort: „Was fehlt Dir? Rede! Was hast Du, lieber Mann?“

„Dies soll“ sagte er wieder zu sich: „das letzte Mal sein, daß ich

ihr von meiner Gemüthsbewegung etwas merken ließ.... Hinfort mag ihr

Blick nicht mehr durch diese äußere Hülle dringen, welche ich glatt,

geschmeidig, lustig und so weltnärrisch als nur möglich machen will.

--“ Und von dem gegenwärtigen Momente an seiner Gestalt, seinen Reden,

seinem Benehmen einen Schein der natürlichen Heiterkeit gebend -- fing

er an mit ihr nur mehr von Liebe und Lust, von Welt und Thorheit zu

sprechen, Tändeleien zu treiben -- -- u. s. w. -- Sie spielten wieder

wie die Kinder, hüpften und tanzten im Garten umher, so daß der alte

Mond gar satirisch d’rein sah.

Es war, als hätten sie Raum und besonders -- Zeit vergessen... denn

Mitternacht war bereits vorüber; doch

„die Uhr schlägt keinem Glücklichen!“

Endlich ließ Alexander matt und müde sich auf einen Ruhesitz nieder und

zog sie, die Lachende, neben sich: „Was meinst Du,“ sagte er -- „werden

wir hier bis zum Morgen bleiben?“

„Ich hätte“ versetzte sie ausgelassen: „große Lust dazu.“

„Ich --“ meinte er sehr aufrichtig -- „nicht!“

„Und weßhalb nicht?“

„Weil -- -- -- wie Du weißt, ich mich leicht erkälte.“

„Aufrichtig, mein Freund, davon hast Du mir bisher noch nichts gesagt.“

„Wozu sollte ich Dich mit dergleichen belästigen. Kommen diese Dinge

heran, so ist es noch immer Zeit genug, sie beim Namen zu nennen.“

„Nun ja; dann aber will ich Dich auch keinen Augenblick länger der

Nachtluft ausgesetzt sehen -- Alexander. -- Komm, komm -- laß uns

hinauf gehen. Da, nimm meinen Shawl.“

„Warum nicht gar! Ich würde darin schön aussehen.“

„Wer sieht es denn? -- Es ist ja pechfinster. Nun denn, sei nicht eitel

-- und folge meinem Rathe.... siehst Du, so will ich Dich einhüllen --

so --“ Sie war im Begriffe, ihm den Shawl um den Hals zu wickeln; er

ließ es jedoch nicht geschehen...

„Behalte, was Du mitgebracht hast, für Dich; Du bist dessen eben so

bedürftig wie ich.... und lass’ uns lieber die Schritte beschleunigen,

so werde ich nichts zu fürchten haben.“ Er hüllte nun sie in den Shawl

ein, gab ihr den Arm, zog sie dicht an sich, und eilte mit ihr raschen

Schrittes aus dem Garten in ihre Wohnung.

Sie langten im Schlafzimmer an, wo eine große Kugellampe ihren

milchweißen Schein auf alle Gegenstände warf. Als der Graf diese

Zeugen ihrer ersten beiderseitigen Zärtlichkeit, ihres ersten

Liebesschwures, den er ihr, den sie ihm feierlicher leistete, als dies

am Altare geschehen war, gewahrte -- als sein Blick auf die Stätte

fiel, wo sich ihre Arme so heiß, so brünstig, so selig in einander

verschlungen hatten... da konnte er einen leisen Schauer, der seine

Glieder schmerzlich und wild durchzog, -- nicht unterdrücken. -- Aber

seine Selbstbeherrschung kehrte rasch zurück und er erwiederte auf die

Frage, welche sie mit süßgeschämiger Stimme und begleitet vom feuchten

Liebesblick, ihm zulispelte: „Du wirst mich nicht verlassen, mein

Geliebter?“

„Nein, ich bleibe bei Dir, meine holde Seele.“ Er sprach es mit dem

Tone glückseliger Uebereinstimmung aus.

Ach, wie viel hatten sie sich jetzt noch zu sagen, zu erzählen....

Die Liebe, die Leidenschaft ist nicht stumm, wie man glaubt -- sie

ist beredsam und phantasievoll wie ein Dichter. Jene einsilbige Liebe

gehört den Kindern und den schüchternen Jungfrauen an.

Eine glühende Stunde war vergangen.

„Wirst Du mich immer so lieben?“ fragte das beglückte Weib.

„Immer, ewig; und Du?“ flüsterte er.

Hierauf konnte sie nur mit einem Kusse, der ihre Seele in seine Brust

hinüberzuhauchen schien, antworten....

„Und -- --“ sagte sie mit vor Angst zitternder Stimme: „hast Du nie

einer Andern so angehört wie mir? Rede mir Wahrheit, Alexander!“

„Nie! niemals!“ Er konnte dieses mit gutem Gewissen sagen.

„Niemals --?-- auch vor Jahren, vor vielen Jahren nicht?“

„Nein, nein. Aber wozu diese Fragen?“

„Weil -- -- ich zu glücklich in Deinem Besitze bin, und ihn keiner

Andern, wäre es selbst jene Todte -- Du weißt, welche ich meine --

vergönne. O -- ich bin eifersüchtiger als Du wähnst!... Ich könnte es

nicht ertragen, Dich mit einer Zweiten getheilt zu haben, zu theilen --

oder -- --“

„Oder?“ nahm sie wieder das Wort: -- „Es gibt hier kein Oder. -- Denn

der Zukunft wirst Du mich doch hoffentlich nicht berauben, wenn Du

mich auch willenlos um die Vergangenheit oder selbst um die Gegenwart

betrogen hättest. Nicht wahr -- -- Du wirst mich nicht unglücklich,

nicht elend, nicht verzweifeln machen, mein Mann?“

„O nein, nein!“ rief er mit leidenschaftlichem Feuer aus, das sich in

seinem ganzen Wesen verbreitet zu haben schien.

„Herz meines Herzens! Seele meiner Seele! --“ lispelte sie, sich

innigst an ihn schmiegend --: „O!“ seufzte sie: „möchte ich doch mein

ganzes Leben in diese holdselige Stunde bergen -- oder möchte ich

dieselbe zur Dauer meines ganzen Lebens ausdehnen können. -- Niemals,

niemals noch war ich so glücklich!“

Zwölftes Kapitel.

Die Beweise der Untreue.

Die Nacht mit ihren dunkelsten Fittigen umfing die Schläfer und ließ

sie ein kurzes Vergessen ihres Daseins finden. Bald aber erschienen die

Genien der Träume und flatterten mit kleinen Spiegelchen, in denen sich

irgend ein Stück aus dem Leben der Schläfer abconterfeite, (oft sehr

verworren und verkehrt) um deren Häupter herum.

Cölestine träumte von ihrer Liebe -- ihr Mann von seinem Schmerze. Da

fand er Alles wieder, wie er es gestern liegen gelassen: da war wieder

der fremde Kopf -- da dröhnte dessen unheimliche Ermahnung -- da der

Wald mit Schlangen und Salamandern -- dort Cölestine an ihrer Toilette

-- -- und hinter ihr, hinter ihr lauschte ein junger, schlanker,

feiner Mann, dessen Antlitz man jedoch nicht sehen konnte...

Mit schwerem Kopfe und noch schwererem Herzen erhob Alexander sich vom

Lager, während seine Gattin noch schlief:

„Diesen ruhigen, festen, tiefen Schlummer“ sprach er, sie anblickend,

„hat nur ein reines Gewissen -- -- oder ein gänzlich verderbtes...“

Dann trat er leise vom Lager weg und blickte überall umher im Gemache,

welches er jetzt sich vornahm zu durchsuchen...: „Ich werde“ sprach er

vor sich hin -- „ohne Zweifel auf Etwas stoßen, was mir Aufschluß geben

oder mindestens als Faden in dem Labyrinthe dienen wird, worein ich

gerathen bin.“

Ein Dieb hätte es ihm nicht so geschickt nachthun können. Es schien,

als wären seine Füße, als wäre sein Körper nicht von Fleisch und Blut:

so leise, so luftig, so schattenhaft strich er in diesem Gemache

umher. Er öffnete zuerst einige Kästchen und einen Schrank;.. hier

fand er nichts als Dinge, die dahin gehören und mit denen man jedes

Schlafgemach ausstattet.

Er schritt sodann zu einem Tische und zog dessen Schubladen heraus.

Er fand nichts. -- Er hob den Deckel ab -- auch hier nichts; -- er

untersuchte die Winkel, Ritzen, ja selbst die Unterlage der Füße, wie

er es früher bei dem Schranke gethan: nichts, nichts! --

Jetzt trat er zu einem Repositorium, auf welchem einige Bücher standen.

Zuerst prüfte er das Gestell, sodann bespionirte er die Bücher, Blatt

für Blatt....

Halt! hier fand er Etwas: einen Zettel mit den Zahlen: 58 -- 21 --

333 -- und 578 -- --. Was war das? Sicherlich eine Chiffersprache. --

Konnte es aber nichts Anderes sein? -- Und was hätte es sein sollen? --

Mit der Lotterie machte seine Gemahlin sich niemals etwas zu thun...

Also steckte hinter diesen Zahlen gewiß irgend ein verborgener Sinn,

von dem man nicht haben wollte, daß er einem Andern bekannt werde. --

Mit zitternden Fingern ergriff der Mann das Papier, faltete es und

steckte es zu sich.... dann fuhr er mit seiner Nachsuchung fort.

Unter dem Repositorium lag eine halbverwelkte Hortensie. Woher kam

diese? Sie mußte erst gestern gepflückt worden sein -- -- aber gestern

war ja Cölestine nicht im Garten gewesen, sie hatte sich mit ihrer

Garderobe unterhalten. Freilich konnte sie sich eine Hortensie durch

den Bedienten haben +holen+ lassen, denn in ihrem Garten gab es

deren.... Aber das schien nicht wahrscheinlich, denn Cölestine pflegte

sonst diese Blume nicht zu lieben.... Wie, wenn es ein Geschenk jenes

eitel-glänzenden jungen Mannes wäre -- dessen sprechendes Bild diese

reizende aber duftlose Blume war? Unwillkührlich mochte das Schicksal

sie ihm in die Hand gespielt haben -- denn das Schicksal liebt solche

Ironien. -- Indeß... so weit konnte die Vertraulichkeit der Beiden

doch noch nicht reichen?! -- -- Ach, wer wird dies entscheiden wollen!

Alles war möglich und das Schlimmste um so eher! -- -- Wie schön

reimte sich Folgendes zu einander: Cölestine hatte gestern die Blume

empfangen, (vielleicht ließ der Chevalier sie zufällig fallen) -- sie

legte dieselbe an ihr Herz -- ganz dicht an’s Herz -- und dort blieb

die Hortensie bis zum Augenblicke des Schlafengehens, wo sie unter die

Bücher fiel. --

Er steckte auch sie zu sich.

Jetzt gab es in diesem Gemache nichts mehr zu untersuchen und

unser Mann ging hinaus, um sein Geschäft in den andern Gemächern

fortzusetzen... Da stand zuerst das Boudoir. -- Ach hier in den tausend

Fächern, Büchsen, Dosen -- Schatullen und Kästchen -- hinter diesen

tausend Decken, Vorhängen, Falten und Draperien -- -- unter diesen

Kissen, Pölstern, Teppichen -- was konnte da nicht Alles versteckt

werden? Alexander verzweifelte fast an dem Erfolge einer Untersuchung,

die er hier anstellen sollte.... Er wußte nicht, wo er anzufangen

habe.... Doch die Eifersucht weiß sich immer Rath zu schaffen; auch

ermüdet sie niemals.

Er hatte über eine halbe Stunde gearbeitet. Die Ausbeute davon bestand

in einigen Ringen ohne großen Werth, von denen er jedoch bisher nichts

gewußt -- -- dann in einer Locke von hellbraunem Haar, besonders

sorgfältig in ein kleines Medaillon gelegt, welches man auf dem Herzen

tragen kann... die Locke konnte wohl von Edmund sein -- aber sie

konnte auch einem Andern gehören. -- Ferner: zwei Briefe folgenden

Inhalts:

„Ich habe sehr angelegentlich mit Dir zu sprechen und muß es noch

heute. Bestimme der Ueberbringerin eine Stunde.“

Kein Datum, keine Unterschrift.

Das war sehr verdächtig; denn welcher ehrliche Mensch unterschreibt

heutzutage ein Billet nicht? -- Es war freilich möglich, daß die Eile

und der Umstand, daß Cölestine die Schriftzüge kannte, dies unnöthig

gemacht habe, und unter diesen Verhältnissen konnte das Schreiben

ebenfalls von Edmund sein.... Allein wer verbürgt diese Alternative? --

Der andere Brief war länger und wo möglich noch verrätherischer. Er

lautete:

„Seit Deiner Verheirathung -- lebst Du für mich nicht mehr, meine

geliebte Cölestine.... und doch ist es nicht denkbar, daß dieser Mann

allein Dein Herz ausfüllen könnte. Hast Du meiner denn ganz und gar

vergessen? -- So wisse, daß meine Seele fester als je an Dir hängt!

Ach würde uns nicht das mächtigste Band unzertrennlich mit einander

verknüpfen, wo Du auch sein magst, wo ich auch weilen möge: wahrlich,

ich würde glauben, gänzlich aus Deinem Gedächtnisse ausgelöscht zu

sein. Doch so ist dies nicht möglich! -- Magst Du es wollen oder nicht

-- wir gehören uns für immerdar an. Darin liegt mein süßer Trost. Leb’

wohl -- ich werde Dich morgen küssen! --“

Auch keine Unterschrift; doch schien sie hier wie +zufällig

weggerissen+ zu sein.

Von wem war dieser verliebte, eifersüchtige Brief? -- Es war nicht

schwer zu errathen. -- Von einem älteren Liebhaber, der seine Ansprüche

noch nicht aufgab. -- -- Diese Züge hatten so viele Aehnlichkeit mit

einer Hand, welche Alexander schon irgendwo ein Mal gesehen! Aber wo?

-- Auch sie schienen sehr eilig hingeworfen.... Eben darum aber konnte

man nichts mit Bestimmtheit annehmen....

Der unglückliche Gatte glaubte nun einen +Beweis+ in Händen zu

haben, einen Beweis, der weder zu deuten noch umzustürzen war.... Er

suchte sich mit einer Art wollüstigen Wahnsinnes darin zu bestärken,

daß hier nicht mehr gezweifelt werden könne -- ja mit demselben

wollustvollen Wahnsinn sträubte er sich sogar gegen jede fremde

Auslegung, gegen jede genauere Untersuchung... Er fürchtete sein

Unglück zu schmälern! --

Denn so ist der Mensch im Leiden. Ein riesiges, ein außerordentliches

Weh erscheint ihm willkommener, als jene tausend kleinen Schmerzen und

Unannehmlichkeiten des gewöhnlichen Lebens.... Es ist als ob im Kampfe

mit dem Ersteren ein göttlicher Theil unserer Natur, der sonst schläft,

erwachte, als ob ein höheres Bewußtsein in uns erstände, das uns unser

schweres Unglück tragen hilft -- während wir hier allein unter der Last

des Tages keuchen und niedersinken.

Aus dem Boudoir begab er sich in das Arbeitszimmer seiner Frau. Welche

Ausbeute hoffte er wieder hier nicht zu finden! -- Mit lautem Lachen,

welches ein Fremder für den Ausbruch heiteren Frohsinns genommen hätte,

-- vergrub er sich hinter allen Möbeln, in allen Cartons, Körbchen

-- er stürzte Tische, Stühle um -- zerlegte ganze Schränke.... Ach

was fand er da nicht Alles! Ihm erschien jetzt, so weit war es mit

ihm schon gekommen -- eine Stickerei, die für einen Mann paßte, ein

buntes Tuch -- ja ein Faden Seide zureichend.... um daran die möglichst

bösartigen Auslegungen zu knüpfen. O wie jubelte er über seinen neuen

Fund -- wie packte er ihn sorgfältig zu seinem übrigen Krame! --

Jetzt betrat er einige Nebengemächer -- -- in einem fand er ein leeres

Stück Papier, welches wie ein Briefumschlag gefaltet war, jedoch ohne

auch nur einen Buchstaben, ohne ein Stückchen von einem Siegel zu

enthalten. Was schadet das? -- sagte er zu sich. Man hat schon Briefe

unter solchen Couverts abgesendet -- -- und überdies scheint dieses an

der Stelle, wo sonst das Siegel aufgedrückt wird, durchstochen; ein

Beweis, daß der Brief mit einer Stecknadel zusammengeheftet war. --

Haha! Eine sehr beliebte Art bei Frauen...

Ferner noch zwei wichtige Indicien! -- Im Gesellschaftssalon war auf

einem Teppich -- die Spur eines männlichen Fußes abgedrückt -- und

wiewohl sie eben so gut einem Bedienten, der herbeigerufen wurde, wie

jedem andern Manne gehören konnte -- schloß unser Gatte dennoch:

„Sie gehört einem Liebhaber!“

Nahe am Fenster auf einem Stuhl lag ein Lorgnon seiner Frau. Was sollte

hieraus sonst gefolgert werden, als: „sie sah durch das Fenster auf die

Straße -- nach ihm -- nach dem Liebhaber....?“

Mein Gott, dieser Graf hätte heute einem Tollhäusler zum Muster dienen

können. Der albernste Einfall erschien ihm als die reinste Vernunft. Er

mochte wohl recht stolz sein auf seine geistvollen Einfälle!

Um die Zeit, da Cölestine das Schlafgemach zu verlassen pflegte, war

er mit seiner Entdeckungsreise zu Ende. -- Er hörte jetzt ihre Tritte,

die sich dem Zimmer, in welchem er, um auszuruhen, sich niedergelassen

hatte, sich näherten -- und bald darauf trat sie ein. Alexander

empfing sie mit einer Liebenswürdigkeit, welche meisterhaft gespielt

sein sollte. Sie war es vielleicht auch -- Cölestine jedoch nahm sie

für Wahrheit -- denn was sollte sie sonst -- nach einer Nacht, wie

die vergangene? -- Das süße Weib fiel diesem Menschen, welcher einer

kalten schönbemalten Bildsäule glich, mit ihren noch von Liebe heißen

Armen um den Hals -- stumm, wortlos, stillbeglückt... Er seinerseits

brach dies Schweigen auch nicht -- und so war es zuletzt an ihr, ihm

die ersten Tagesgrüße zuzurufen: „Theurer Mann!“ sagte sie und sah ihn

mit Blicken an, aus welchen Himmel strahlten: „Theurer, einziger Mann

-- wie lieb’ ich Dich! -- So bist Du heute wieder mein, wie Du gestern

es gewesen! -- ja Du bist mein, ich fasse Dich, ich halte Dich in den

Armen -- -- ewig, ewig werden sie Dich als ihr süßestes Eigenthum

umklammern. -- Allein, sprich -- was hast Du schon Alles verrichtet?..

warum mich so früh verlassen? -- Ach, ich Schläferin.... und ich fühlte

Dich im Traume immer an meiner Seite! -- Da schlug ich die Augen auf:

-- da griff ich mit der Hand nach Dir -- da fühlte ich eine leere,

kalte Stelle... und der holde Traum war entflohen... Ach warum hast

Du mir das gethan? Welcher Seligkeit hast Du mich beraubt! Welches

Verlangen brannte beim Erwachen in mir, an Deine Brust zu sinken!....

Vergebens! vergebens! -- -- Da sprang ich auf, entfloh der treulosen

Stätte, die mich um mein schönstes Glück gebracht -- -- ich lief Dir

nach -- und so kam ich hierher... wo ich Glückliche Dich endlich wieder

finde. --“

Er gab sich ihren Liebkosungen bereitwillig hin -- ja er erwiederte

dieselben zärtlich und warm; das arme Weib schien sich in Lust zu

berauschen -- sie vergoß eine Fluth entzückter Thränen -- ihr weißer

Busen wogte heftig, voll süßen Schmerzes -- voll wehmuthsvoller

Zärtlichkeit.

„Und nicht wahr,“ begann sie sich zu sammeln und trocknete mit ihrem

Battisttuche, woran breite Spitzen hingen, die feuchten Augen, --

„nicht wahr, mein Alexander, Du bleibst heute bei mir? Diesen Tag

verlässest Du mich nicht? Du schenkst ihn ganz Deinem Weibe -- Deiner

Liebe. -- Hast Du ihn mir doch gestern vom frühen Morgen zum späten

Abend entzogen!... Nun, rede doch, mein geliebter Mann. Rede! Sprich:

Ja! Hörst Du, Alexander!“

„Theure Cölestine --“ antwortete er mit bebender Stimme und einem

sonderbaren Blick, mit welchem er sie seit langer Zeit verstohlen

anblickte, dieser Blick aber schien jetzt von Trauer umflort: --

„Cölestine,“ wiederholte er: „ich weiß nicht, ob es bei mir steht,

Deinen Wunsch zu erfüllen.... Du kennst die Verantwortung nicht, welche

ich dadurch vor meinen Obern auf mich nehme....“

Er schwieg, er vermochte nicht weiter zu reden. Die Wahrheit ist, daß

zum ersten Male seit vier und zwanzig Stunden ein guter Engel ihm

durch den Mund Cölestinens etwas zugeflüstert hatte, was sein Herz

erschütterte. Er hatte, als er heute in ihr reines, spiegelklares Auge

sah -- als er es so treu lächeln und weinen sah, wie nur Engel lächeln

und weinen -- als er ihre Worte so voll süßen Klanges, voll Liebe und

Wahrheit vernahm -- endlich als er diese so seligen Umarmungen --

diesen so beflügelten Schlag ihres Herzens -- diese trunkenen Küsse

fühlte: er hatte sich da gefragt: ist es möglich, daß dies Alles

Verstellung sei? -- Und er hatte sich hierauf keine Antwort geben

können. --

Aber die Beweise, die Zeugnisse vom Gegentheil, die er in Händen hielt?

--

Er befand sich in einer entsetzlichen Lage. Sein Herz fing an unter

dem Andringen entgegengesetzter Gewalten zu seufzen. Es war jetzt ein

Moment, wo er wünschte, daß dies Herz verbluten möchte....

Da fiel ihm der Gedanke ein, die Hortensie aus seiner Tasche zu ziehen

und sie Cölestinen zu zeigen: „Kennst Du diese Blume?“ rief er mit

einem Tone, als fragte ein Verurtheilter: „Werde ich hingerichtet?“

O Himmel! Eine Purpurröthe überzog plötzlich ihr Gesicht, das sich

zitternd senkte.

„Sie ist schuldig!“ sprach eine Donnerstimme in seiner Brust -- diese

drohte zu zerreißen -- er fiel fast ohnmächtig um.

Doch sein Stolz ließ ihn sich schon in den nächsten Augenblicken wieder

emporreißen und von jetzt an ward er fest und hart wie Granit. Sie, die

noch immer gesenkten Blickes vor ihm stand -- wußte nicht, was mit ihm

vorging, und erst nachdem er, der jetzt wieder ruhig lächelte wie zuvor

-- mit seinen eigenen Händen ihr Haupt aufgerichtet hatte -- wagte sie

es, ihm in’s Gesicht zu sehen -- und sie erblickte einen vollkommen

gefaßten Mann, der mit liebreicher Stimme zu ihr sprach:

„Nun, meine süße Taube, was ist mit Dir geschehen? Warum diese

Ueberraschung? Was lag in meiner Frage wegen jener Blume, die jetzt

hier auf dem Boden zu unseren Füßen liegt -- so Sonderbares? Du

schienst erschreckt -- hätte ich dies voraussehen können, ich würde die

Frage nicht gestellt haben.“

Eine Pause entstand.

„Du antwortest nicht?“ fuhr er fort: „Du hast mir nichts zu sagen. Ei,

es ist so auch gut! Was liegt an der ganzen thörichten Blume? Reden wir

nicht mehr von ihr.“

„Ja, reden wir nicht mehr davon!“ wiederholte sie, abermals leicht

erröthend: „Es ist eine Thorheit, eine Schwäche -- was Du sonst

willst... Reden wir also nicht davon, geliebter Mann.“

„Gehen wir“ begann er mit einem lustigen Tone: „zu wichtigeren Dingen

über: _A propos_, was unsere Soirées, unsere _jours fix_

betrifft, hast Du deshalb schon einen bestimmten Entschluß gefaßt? Wir

müssen uns darüber endlich doch mit der Gesellschaft verständigen; sie

ist über unsere Zögerung sehr ungehalten, wie ich vernommen habe. --

Also an welchem Tage öffnest Du Deinen Salon den Leuten von gutem Ton?“

„Ach, mein Freund“ sagte sie bittend: „reden wir jetzt nicht von diesen

Dingen. Scheinen sie Dir denn wirklich so wichtig? -- Wie kommt das

so plötzlich? -- Du warst sonst eher ein Feind Alles dessen, was sich

hindernd zwischen unsere Liebe stellte. --“

„Ich habe jedoch einsehen gelernt, daß ich in einer solchen Gesinnung

nicht verbleiben kann. Man hat nicht allein gegen sich, man hat auch

gegen die Welt Pflichten zu erfüllen... Und was die letztere betrifft,

so gibt sie ihre Ansprüche an uns ebenfalls nicht auf. --“

„Allerdings, und wir wollen ihr auch ihr Recht nicht vorenthalten

--.... aber nur heute, nur an diesem Tage, wo ich allein und ganz in

Deinem Besitze leben und alles Andere vergessen möchte -- nur heute

kein Wort mehr.“

„Ach Du, mein Närrchen,“ lachte er -- „wie bist Du mit einemmale so

kindisch und schwärmerisch geworden -- schwärmerischer als in den

ersten Tagen unserer Liebe --! --“

Das rauhe Wort hatte Cölestine verletzt. Ueber ihr freundliches

Angesicht zog eine trübe Wolke -- und eine von den Thränen, die kaum

erst versiegt waren -- perlte wieder an ihrer Wimper: „Du hast Recht!“

sprach sie nach einer Weile eintönig, aber sanft: „Was Du verlangst,

soll geschehen. Ich achte Deine Wünsche, so wie Du sie bisher bei mir

geachtet hast. -- Noch heute will ich in Betreff unserer Gesellschaften

einen bestimmten Plan entwerfen und ihn Dir vorlegen.“

„Warum aber kann das nicht sofort geschehen? Es ist besser, man thut

ein solches Geschäft rasch ab -- und da ich über diesen Gegenstand

schon selber nachgedacht habe, so will ich Dir ohne Aufschub meine

Ansichten mittheilen. --“

„Ich höre Dich!“

„Zuerst also ist meine Meinung, daß wir -- wie schon einmal berührt

worden -- den +Sonnabend+ zu unserem _jour fix_ wählen;

an diesem Tage wären dann Deine Salons für die ganze Gesellschaft

offen...“

„Wohl, mein Freund.“

„Du empfängst alle Welt: Freunde, Bekannte und durch sie eingeführte

Fremde. -- --“

Der Bediente trat mit der Meldung ein, daß das Frühstück servirt sei.

„Wir wollen es hier einnehmen -- in diesem Gemache, wenn Du damit

zufrieden bist...“ bedeutete Alexander gegen seine Gemahlin.

„Wie es Dir gefällt, mein Freund,“ entgegnete sie, und während man

fortging, um das Nöthige herbeizuschaffen, fuhr er in seinem Gespräche

fort:

„Es ist einer meiner Lieblingsgedanken, unsern größern Cirkel so

glänzend und zahlreich als möglich zu machen und deßhalb möchte

ich Dir vorschlagen -- besonders die ausgezeichneteren Fremden

herbeizuziehen... Personen, wie z. B. die so eben in der Residenz

anwesenden Grafen Orlowosky aus Petersburg -- die Vicomtesse Defour,

die aus den Bädern von Ems hierher zurückkehrte -- die Laval’s, die Du

Quintin’s, die jungen Lord Walpole -- und Aehnliche.... Ach, beinahe

hätte ich den Wichtigsten vergessen: den +Chevalier de Marsan+!“

Bei Nennung dieses Namens heftete er seinen Blick mit zersetzender

Schärfe auf Cölestine .... sie, welche diesem Blicke begegnete,

entsetzte sich vor demselben dermaßen, daß sie zurückfuhr wie von einem

Schlage getroffen und ein heftiges Zittern sich über ihren ganzen

Körper verbreitete:

„Die Schändliche! Sie sieht sich entdeckt!“ rief es in seinem Innern

und laut fragte er im Tone der Ueberraschung: „Aber was ist Dir

geschehen?.. Was hast Du, Cölestine?“

„Dein Blick --“ erwiederte sie -- „hat mich erschreckt.“

„Mein Blick --?“

„Noch nie sah ich Dich so --“

„Eine Einbildung von Deiner Seite -- ein Zufall -- eine Kleinigkeit von

der meinen; die Nachwirkung vom gestrigen Unwohlsein...“

Inzwischen ward das Frühstück hereingebracht; der Graf verabschiedete

mit einem Winke die Dienerschaft und führte seine Gemahlin zum Tische

-- welcher vor einem Divan stand, worauf jetzt Beide Platz nahmen....

Er langte wacker zu -- er hatte freilich auch gestern den ganzen Tag

nicht gegessen; indeß auch ohne diesen Zufall hätte er sich zum Essen

+gezwungen+; es gehörte zu seiner Rolle. Sie jedoch berührte

nichts und dies -- dies schien er gar nicht zu bemerken. --

„Kannst Du, meine Freundin, mir nicht sagen,“ fing er wieder an -- „ob

wir den Chevalier noch lange in unserer Stadt behalten werden?“

„Welchen Chevalier?“

„-- Den Chevalier de Marsan. -- Allein was macht Dich fortwährend so

nachdenklich -- -- mein Kind?“

„Du sprichst von Herrn von Marsan?“ sagte sie zerstreut -- „ich kann

Dir über diesen Herrn keine Auskunft geben.“

„In der That -- er ist einer der glänzendsten Kavaliere...“

„Gewiß!“ versetzte sie, wahrscheinlich an etwas ganz Anderes denkend.

„Und -- einer der interessantesten Charaktere.“

„Ohne Zweifel.“

„Der schönste Mann, den ich je gesehen.“

„Ein reizender Mann!“ bestätigte sie arglos.

Der Graf sprang nun plötzlich von diesem Gegenstande ab und erkundigte

sich nach den Eltern Cölestinens.

„Ach!“ sagte sie wehmüthig bewegt: „Du erinnerst mich an meine guten

Eltern. Ich bin eine schlechte Tochter. -- Seit mehreren Tagen habe ich

an die lieben Ehrwürdigen nicht gedacht. -- Ich dachte nur an -- Dich!“

„Wirklich?“ lachte eine Hölle in seiner Seele.

„Du theures, theures, geliebtes Weib!“ sprach er gegen sie gewendet mit

zärtlichem Tone und umfing mit seinen Armen ihren Leib -- zog sie an

sich heran -- und berührte mit seinen fieberischen Lippen die ihrigen.

„Dein Mund brennt wie Feuer!“ rief sie.

„Aus Liebe!“

„Dein Hauch ist so glühend -- so heftig. --“

„Die Leidenschaft in meinem Herzen ist es auch!“ rief er und schloß das

Weib mit einer Gewalt in seine Arme, die derjenigen glich, da er sie

noch so heiß liebte. -- -- Ach, die Arme ließ sich bethören... ihr Herz

schlug und glaubte... es glaubte ihm auch jetzt.... Sie hatte in diesem

Augenblick ein so großes Bedürfniß, von ihm geliebt zu werden -- und

er wußte sich so meisterhaft zu verstellen.. --

So ward denn dieses Frühstück, welches traurig genug anfing, für sie

noch zum Freudenmahle. Sie aß wieder, sie trank wieder -- -- -- denn

seine Küsse, seine Betheurungen, seine Zärtlichkeit hatten sie besiegt,

genesen gemacht.

In Wahrheit, es war ihr leicht beweglicher Sinn, ihr, lebhafter

Eindrücke fähiges, und eher zur Lust als zur Trauer geneigtes Gemüth,

das ihm hier so trefflich zu statten kam und seine Eroberung in kurzer

Zeit vollenden half... Wäre ihre Natur der seinigen ähnlich gewesen,

hätte das Resultat leicht ein entgegengesetztes werden dürfen.

Ueberzeugt und sicher gemacht -- entfaltete ihre Natur sich nun wieder

rasch in allen jenen eigenthümlichen Formen, die wir von und an ihr

kennen und vielleicht auch lieben gelernt haben. Sie war wieder das

jugendliche, holde, heitere, fröhliche, tändelnde, eitle und doch so

liebenswürdige Wesen, welches die Männer bezauberte und die Frauen

erfreute... sie war wieder jene Cölestine, die wir als so glücklich und

froh kennen gelernt haben. --

Was ihren Gatten betrifft, so erfüllte er ihren Wunsch und blieb heute

den ganzen Tag über bei ihr. Er schien durch sein Betragen Alles wieder

gut zu machen -- und sie sagte zu sich im Stillen:

„Ach -- der Arme! Es war eine kurze Rückkehr seiner alten bösen

Krankheit.... Diese Schwermuth, diese Hypochondrie machte ihn nicht

minder unglücklich als mich.... Man muß Nachsicht mit ihm haben. --

-- Jetzt aber ist Alles vorbei; er ist wieder mein guter, treuer,

geliebter Alexander, und ich -- ich bin die seligste der Frauen. --“

Dreizehntes Kapitel.

Neue Proben -- neue Beweise.

Es war heute Sonnabend. -- Mehrere Reihen Equipagen standen bereits

draußen vor dem Palaste des Grafen A--x aufgefahren. Die Lakaien in

ihren bunten, abstechenden, oft verschwenderisch mit Gold und Silber

beladenen Livréen tummelten sich dazwischen und im Thorwege, während

das gravitätische Volk der Kutscher auf ihren Wagensitzen voll

ernster Unbeweglichkeit thronte und sich gegenseitig die Vorzüge und

Eigenschaften ihrer Pferde erörterte, was diese klugen Geschöpfe auch

recht gut zu verstehen schienen und wobei sie durch Wiehern, durch

Prusten, Stampfen und allerhand Bewegungen (in deren geheimnißvolle

Bedeutungen wir noch nicht völlig eingedrungen sind) ihre Freude,

ihren Stolz, ihren Unwillen zu erkennen gaben -- denn bekanntlich

herrscht zwischen Pferd und Kutscher oder Reiter ein Verständniß, eine

Sympathie...

Drinnen im Hause, in den Salons der Gräfin tummelte sich heute eine

reiche prunkende und zahlreiche Welt. Nur Gott weiß es, wie sein

Himmel alle diese Menschen so auf ein Mal herabgeschneit hatte; denn

mehr als die Hälfte unter ihnen waren für unsere holde Hausfrau, wie

man sich ausdrückt, „+wildfremd+.“ -- Indeß mangelte es ihnen

nicht an jenen Eigenschaften und Bedingnissen, vermöge deren selbst

ein „wildfremder“ Mensch in guter Gesellschaft das Recht erhält, sich

sofort wie einer ihrer ältesten Bekannten zu geriren. Das heißt: alle

diese Leute waren eingeführt und jetzt theils der Gräfin, theils ihrem

Manne vorgestellt worden. -- Die beiden Ehegatten schienen heute

unvergleichlich liebenswürdig; das sagte die ganze Versammlung -- und

wir können hinzusetzen: über Cölestine täuschte sie sich nicht. Was

ihren Gatten betrifft, so ist dies freilich eine andere Sache. --

Zum ersten Male nach so langer Zeit hatte die junge Frau wieder die

Freude, ihre Eltern bei sich zu sehen; sie umarmte die gute Mutter mit

Thränen in den Augen. General von Randow scherzte, wie gewöhnlich, ihr

gleich den Willkomm weg und küßte ihr die Worte von den Lippen, so daß

sie ihm weiter nichts sagen konnte als: „Mein liebes gutes Väterchen

--!“ worauf er in seiner Weise „Schon gut! schon gut!“ entgegnete. --

Mit dem General war auch die Gräfin Wollheim und die Wittwe

des Generals E--x angekommen.... Graf Wollheim hatte sich von

diesen Personen noch in der Wohnung des Generals Randow getrennt,

unaufschiebbare Geschäfte vorschützend, welche von der Art waren, die

wir schon kennen. -- In der That war der Graf auch nur deßwegen in das

Randow’sche Haus gekommen, weil er gehofft hatte -- seines Sehnens Ziel

endlich zu erreichen, nämlich den Freund Edmund, welchen er bereits

seit 6 ewiglangen Wochen nicht zu Gesicht, d. h. nicht vor das Glas

bekommen; ein Umstand, wegen dessen der alte Bär zu verschiedenen

Malen die bittersten Zähren vergossen. --

General Randow unterhielt sich später mit seiner Tochter; hierüber

schienen einige von den Anwesenden äußerst ungehalten, indem, ihrer

Meinung nach, dies sehr wenig Artigkeit gegen die übrigen Gäste bewies,

von denen fünf oder sechs, die so eben eingetreten waren, vorgestellt

zu werden wünschten.

„Finden Sie nicht,“ lispelte eine alte Dame einer jungen zu: „daß in

diesem neuen Hause auch ein ganz neuer Ton herrscht?..“

„Gewiß, meine Freundin -- ein sehr neuer; er ist äußerst interessant,

und ich muß mir in meinem Tagebuche eine eigene Notiz machen.

-- Erlauben Sie es wohl?“ Hiermit nahm die Jüngere ein dünnes

Maroquinbändchen heraus und fing an zu schreiben...

„Ach, Sie tragen Ihr Tagebuch bei sich, meine Beste?“

„Immer. Sie wissen doch, mein Gedächtniß zwingt mich zu dieser

Vorsichtsmaßregel! O ich habe ein schrecklich schwaches Gedächtniß...“

„Ich weiß, ich weiß...“

„Apropos -- Sie erinnern sich wohl noch jenes hübschen jungen Mannes,

der vor beiläufig einem halben Jahre hier anwesend war... ich meine den

Herrn von Ingelstein, **schen Gesandtschafts-Sekretär?“

„Ganz recht, ganz recht!... O wie sollt’ ich nicht? -- Nun, was ist mit

ihm geschehen?“

„Dieser Herr, wie Sie wissen werden, hatte damals die Absicht, dem

Fräulein von Randow den Hof zu machen....“

„Richtig, richtig --“

„Wurde jedoch -- wie Sie ebenfalls wissen müssen -- von ihr sehr

gleichgültig behandelt --“

„Sehr wahr, sehr wahr. Und -- nun --“

„Er reis’te demzufolge plötzlich ab.... es war, wenn ich nicht irre, am

11ten Februar -- einem sehr häßlichen, frostigen Tage....“

„Dieses Umstandes erinnere ich mich nicht mehr --“

„Ja, ja, ich weiß es noch wie heute: es schneite, hagelte -- es

glatteis’te --“

„So -- so --“

„Ach und der arme schöne junge Mann -- er fuhr ab, verzweifelnd --

halbsterbend...“

Diese Dame schien demnach kein gar so schlechtes Gedächtniß zu haben,

wie sie klagte. Sie führte ihre Erzählung von dem schönen jungen Manne

noch bis zum Schlusse, wobei sie nicht undeutlich merken ließ, daß

dieser schöne, junge Mann in ihrer Brust kein Felsenherz gefunden

hätte, falls es auf einen Versuch angekommen wäre.

In diesem Augenblicke trat Graf Wollheim ein, näherte sich dem alten

General und zog ihn mit sich fort. Dadurch wurde den Verzweifelnden und

Harrenden Platz gemacht.

„Wirklich,“ setzten jene zwei Damen ihr Gespräch fort: „es war endlich

Zeit! Dieser alte General hielt seine Tochter occupirt, als wäre es ein

erobertes Land. -- Dies ist eine Undelikatesse, wie sie mir noch nie

vorgekommen....“

„Was wollen Sie, meine Beste? -- -- diese Randow’s, so vornehm und

stolz sie sein mögen, haben keinen Ton, keinen Takt; bei ihnen ist noch

Alles polnisch...“

„Ja, ja, -- ganz wojwodenmäßig -- bojarisch -- baschkirisch -- hahaha!“

Wollheim hatte unterdessen den General in einen Winkel gezogen: „Ich

bitte Sie um Himmelswillen,“ fing er mit der Miene eines Menschen an,

der andeuten will, daß er keinen Spaß versteht: „wo ist denn dieser

Edmund hingekommen? Ihr Sohn, Ihr einziger Sohn Edmund? -- --“

Es mußte in Wahrheit weit gediehen sein, da der Jäger sich so

geradewegs an den Vater seines Intimsten wandte, von dem er doch wußte,

daß ihm diese Intimität sehr fatal sei. Aber unser Nimrod dachte, wie

jener Araber, der sich seinem Kalifen näherte, um den Aufenthalt von

dessen Tochter zu erforschen: „Sagt er mir’s, so weiß ich es genauer,

als wenn mir’s ein Anderer sagen würde; sagt er mir’s nicht -- so steh

ich auf dem alten Fleck -- und wegen meines Kopfes ist dann noch immer

Zeit Sorge zu tragen; jedenfalls ist der Kopf hier blos Nebensache.“

„Hinsichtlich meines Sohnes Edmund,“ antwortete der General -- „weiß

ich Ihnen nichts zu sagen, als daß er in letzterer Zeit sich an den

Chevalier von Marsan, mehr als mir lieb ist, angeschlossen hat. --“

„Und mehr als mir ebenfalls lieb ist!“ setzte der Jäger im Stillen

hinzu: „Aber,“ bemerkte er laut -- „sollte es nicht Mittel geben, den

jungen Mann von dieser Gesellschaft zu trennen?.. Der Chevalier ist

glänzend, verschwenderisch -- seine Nähe demnach äußerst gefährlich,

wie Sie selbst einsehen werden, mein bester Freund. -- Ach! hier

sollten Sie fürwahr Ihr Ansehen als Vater geltend machen. Es gilt,

einen arglosen Jüngling vor den Fallstricken der Welt zu schützen....

ihn vor einem finstern Abgrunde... zu bewahren. Es ist Christenpflicht!

Es ist Vaterpflicht, hier einzuschreiten -- glauben Sie mir’s, mein

alter Freund Randow...“

Der General, als er Wollheim so pathetisch deklamiren hörte, konnte ein

Lächeln nicht unterdrücken; er mochte insgeheim an die Fabel denken:

Wie der Fuchs das Lamm vor dem Wolfe warnt -- es bleibt indeß doch das

Opfer. --

„Lieber Wollheim,“ versetzte er: „es scheint, daß Sie dem Chevalier

nicht minder gram sind, als Sie es gut mit meinem Sohne meinen; ich

bin Ihnen jedoch, aufrichtig gesagt, weder für das Erste noch für das

Zweite sehr verbunden; denn wiewohl ich im Ganzen dieses schrankenlose

Anschließen Edmunds an den Chevalier nicht gerne sehe, so muß ich doch

gestehen, daß dies keineswegs aus Mißbilligung des, wie Sie sagen,

glänzenden und verschwenderischen Charakters Marsans entspringt,

welchen Charakter ich im Gegentheil bei einem großen Herrn von diesem

Schlage mit Vergnügen erblicke; es ist also hier nicht von den Fehlern

Marsans -- sondern von dem Uebermaß der Liebe Edmunds zu ihm die Rede.

-- Sie wissen, wozu eine solche Hingebung führt: man wird ein Sklave,

verliert alle selbstständige Würde -- u. s. w. -- Anderseits, um von

dem zweiten Punkte zu reden: so habe ich das Verhältniß, welches bisher

zwischen Ihnen, lieber Graf, und meinem Sohne bestand -- ebenfalls

nicht gebilligt. Abgesehen vom Unterschied der Jahre --“

„Ach -- warum nicht gar!“ fuhr der Jäger auf: „Unterschied der Jahre!

-- Zwischen Freunden gibt es keinen solchen!“

„-- So ist auch die Grundlage und das Motiv dieser Freundschaft nicht

geeignet -- mich zu beruhigen, wie Sie selbst einsehen müssen.“

„Alle Guckuck -- mein Freund! Wie ich selbst einsehen muß, sagen Sie?

-- Aber ich sehe hier gar nichts ein, mein bester Randow! -- ich sehe

hier nicht das Geringste ein...“

„Sie sehen hier nicht das Geringste ein, lieber Graf? -- So finden

Sie, daß Trinken, Spielen -- Gelage -- Müßiggehen -- in Wäldern

umherstreifen, welche überdies zum kaiserlichen Revier gehören, -- --

finden Sie, daß dies Alles nichts sei. -- --“

„Ei -- allerdings ist es Etwas, mein bester Randow... Allein,

hoffentlich werden Sie mir glauben, daß es dies nicht ist, worauf

unsere Freundschaft beruht. -- Unsere Freundschaft -- der Bund

unserer Herzen gründet sich auf ganz andere Dinge -- auf Tugenden und

ritterliche Gesinnungen, bei St. Hubertus! -- auf Gesinnungen, sag’

ich, die einem Bayard zur Ehre gereicht haben würden...“

„Unter uns,“ bemerkte der General leise: „rechnen Sie hierher auch jene

That, die Sie neulich -- im Hühnerhofe dieses Hauses vollbracht haben?

-- --“

Zum Glück für den Jäger, welcher bei dieser Frage seine sonst derbe

Fassung ein wenig verlor -- zum doppelten Glück für ihn öffnete sich

jetzt die Thür, und Edmund, wie gewöhnlich am Arme des Chevaliers, trat

ein. -- Sogleich wollte der Jäger auf ihn zustürzen, der General jedoch

hielt ihn zurück und sagte mit ernster Stimme: „Mäßigen Sie sich, Graf

Wollheim! Sie bemerken, daß Alles aufmerksam ist und nach den Beiden

sieht.“

„Nun -- und was weiter?“

„Sie würden sich in eine lächerliche Lage versetzen. Sehen Sie das

nicht ein, bester Wollheim?“

Nach kurzer Ueberlegung entgegnete dieser: „Sie haben Recht, Freund

Randow. Ich bin Ihnen dankbar für diesen Wink, und wollen Sie sich mir

noch mehr verpflichten -- --“

„Nun?“

„-- So reden Sie mit Edmund und fragen ihn, wie er es bei sich

verantworten kann, seinen alten Freund Wollheim, seinen Lehrer und

Führer in den edlen Künsten des Ritterthums -- seit vier Wochen mit

keinem Auge angesehen zu haben...“

Wir wenden uns jetzt von diesem Vorspiel des Drama’s ab.

Seit etwa einer Viertelstunde war Cölestine wieder von einem Kreise

jener intimeren Freunde des Hauses umgeben, die sich zu dieser Würde

größtentheils aus eigener Machtvollkommenheit zu erheben pflegen.

Nicht nur Gräfin Wollheim -- Fräulein Eugenie von Bomben -- Frau von

Rabenstein und Andere, deren Namen weder die Blätter der Weltgeschichte

noch die gegenwärtigen je nennen werden -- -- sondern sogar Frau von

Porzenheim, die edle und obligate Mitlacherin ihres Mannes, gehörten

hierher, saßen neben Cölestine und deren Mutter. -- Der Graf, ihr

Gemahl, hatte in der Nähe, doch so, daß sie ihn nicht im Auge behielt,

einen Sitz eingenommen und unterhielt sich hier mit einigen Herrn über

Staatsgeschäfte und die neuesten Zeitungsnachrichten. Er schien ganz

Aug und Ohr für seine Gesellschaft -- während er doch so achtsam,

als hätte er neben seinen zwei Menschenaugen die tausend kleinen der

Insekten gehabt, den ganzen Salon überwachte, so daß ihm hier nichts

entgehen konnte. --

Dieser Mann war in der Kunst des Lauschens, wozu er vermöge seiner

mißtrauischen Natur die besten Anlagen zur Welt mitgebracht hatte,

bereits zu jenem hohen Grade gekommen, welcher seinem Besitzer eine Art

dämonischer Gewalt verleiht, vermöge deren er eine Sache nicht einmal

zu sehen braucht, um sich von ihrem Zustande zu überzeugen.... er

fühlt, er ahnt, er schaut, wie der Clairvoyant, mit geschlossenen Augen

Alles.

In dem Augenblicke, als Herr von Marsan eintrat, hatte Alexander eben

über einen Gegenstand gesprochen, der seine volle Aufmerksamkeit

erforderte -- und dennoch verrieth es ihm ein magnetisches Gefühl, daß

der Chevalier hier sei. --

Indeß blieb er dabei ruhig, kalt, theilnahmlos im Aeußern -- und nur

ein Blick, den er später so rasch, daß Niemand ihn gewahrte, nach

seinem Nebenbuhler warf, sollte ihn überzeugen, ob er richtig gefühlt

habe. -- Wider Erwarten näherte sich ihm jetzt Dieser mit Edmund und

Beide nahmen in seiner Nähe Platz. „Dies ist,“ dachte er bei sich:

„eine Schicksalsfügung welche ganz in meine Intention paßt, so daß ich

die Götter heute zum ersten Male in meinem Leben preisen muß, mir einen

+wirklichen Dienst+ erwiesen zu haben.“ -- Alexander hatte sehr

gut bemerkt, daß, so oft sich zwischen Marsan und Cölestine noch ein

Dritter oder, wie hier, eine ganze Gesellschaft befand, Jener seinen

glühenden Blicken einen ehrfurchtsvollen Ausdruck gab. Dies, rief

Alexander bei sich -- soll blos das heilige Pilgerkleid sein, unter

welchem sich ein Mörder mit Dolch und Gift verbirgt --; -- so will ich

ihm denn den Weg abkürzen und die Arbeit erleichtern.... den Moment

der Ausführung rascher herbeiführen. -- Dann soll er entweder entlarvt

werden -- oder aber das Opfer, welches für mich keinen Werth mehr hat,

mag verbluten -- zum Aase werden, auf welches Tags darauf sich die

Raben setzen.

„Herr von Marsan,“ sagte er nach mancherlei Hin- und Herreden zu dem

Chevalier -- „ich weiß nicht, ob Sie mir erlauben, eine Bitte an Sie

zu stellen, welche Ihnen vielleicht an sich sonderbar vorkommen wird,

es jedoch durch die nähern Umstände, die mich dazu veranlassen, nicht

ist. Sie erzählten so eben eine hübsche Anekdote aus der Zeit Ihrer

Anwesenheit im südlichen Frankreich -- diese Begebenheit nun ist mir

selbst einmal in der Schweiz arrivirt, und so wahrscheinlich ich

dieselbe auch stets der Gräfin, meiner Frau, zu machen suchte -- sie

wollte mir niemals glauben. In diesem Falle fertigte sie mich stets mit

dem gewiß sehr vernünftigen Satze ab: es giebt keine Geister, keine

Gespenster, selbst die Kinder glauben nicht mehr daran. -- Da Ihr

Zeugniß, mein Herr, nun von großem Gewicht ist, würden Sie sich hier

ein Verdienst erwerben, wenn Sie mit einigen Worten die Glaubwürdigkeit

eines Mannes bei dessen Gemahlin feststellen wollten.“

„Und auf welche Weise würde ich Ihnen diesen Dienst, den ich mit so

großer Bereitwilligkeit übernehme, leisten können?“ fragte aufmerksam

der Chevalier.

„Einfach dadurch, daß Sie die artige Historiette, die Sie uns so

eben vortrugen, meiner Gemahlin wieder erzählen. -- Sie wird diese

Gelegenheit ergreifen, einen unserer interessantesten Kavaliere näher

kennen zu lernen...“

Ein mephistophelisches Zucken bewegte sich, während er diese

Worte sprach, um den Mund des Grafen. Marsan seinerseits ließ ein

augenblickliches Freudeleuchten über sein Gesicht ziehen, welches

jedoch bald einer merkbaren Blässe wich.

„Nur so fort!“ dachte der Graf im Stillen, erhob sich jetzt kalt

und führte den Chevalier zu Cölestinen: „Meine Gemahlin -- Sie

sollen diesen liebenswürdigen Herrn einige Augenblicke +in meinem

Interesse+ anhören -- dies ist meine inständige Bitte. Herr

von Marsan wird Ihnen Etwas, worüber unter uns so oft Streit war,

bestätigen und sich dadurch nicht nur um mich, sondern auch um Sie,

meine Theure, ein Verdienst erwerben.“

Cölestine starrte bei dieser Rede ihren Mann an, als verstände sie den

Sinn seiner Worte nicht; zugleich aber ihrer Pflicht als Frau vom Hause

eingedenk, wies sie dem Franzosen und Alexander Plätze in ihrer Nähe

an, indem sie zu Jenem gewendet sprach: „In der That, mein Herr, Sie

erweisen mir kein geringes Vergnügen, indem Sie mir eine Mittheilung

machen, die von solchem Interesse ist, daß dieselbe meinen Gemahl sogar

zu Gedächtnißfehlern verleiten konnte; denn meines Wissens haben wir

nie über einen Punkt gestritten, der nicht sofort aufgeklärt worden

wäre. --“

„Du erinnerst Dich jedoch jenes Vorfalls, den ich in Lausanne erlebte.

--“

„Ach -- jene Geistergeschichte, worüber ich so lachte! -- Und diese

scheint Ihnen so wichtig, mein Gemahl? -- --“

„Gnädige Frau,“ nahm Marsan das Wort, der nicht mehr wußte, ob man hier

Ernst oder Scherz treibe, und der seinerseits zu dem Letzteren sehr

wenig Lust haben mochte. „Gnädige Frau,“ sagte er in einem ruhigen,

gemessenen Tone: „nicht mich klagen Sie an, falls es sich hier um Etwas

handelt, was ich noch nicht begreife... ich bin blos das Werkzeug

des Herrn Grafen und habe mich aus Hochachtung für Sie gerne diesem

sonderbaren Berufe unterzogen. --“ Er warf hier zugleich einen jener

leichten, blitzenden unaussprechlichen Blicke auf Alexander, womit ein

Mann von gutem Tone eben sowohl seine unerschütterliche Fassung wie

die Geringschätzung einer Gefahr oder auch eines Menschen zu erkennen

giebt. Alexander kämpfte, seit Marsan die erste Silbe an Cölestine

gerichtet hatte, mit einem convulsivischen Zittern, welches er zwar

bezwang, -- doch nicht so ganz, daß es dem scharfen Blicke seines

Gegners entgangen wäre.

Das Letztere ward für ihn Marsan von diesem Augenblicke an in der That.

Er ward sein Gegner, sein Feind, sein entschiedener Widersacher. Der

größte Beweis hierfür war wohl der, daß er beschloß, es ihn sofort

merken zu lassen.

So groß war die Zuversicht des Chevaliers auf Eigenschaften, die ihn

bereits unzählige Mal als Sieger aus den gefährlichsten Kämpfen hatten

hervorgehen lassen: „Dieser Mensch da,“ murmelte er lächelnd: „hat

es gewagt, Dich mit Waffen zu bedrohen, welche Du mit der Fußsohle

zertreten und ihm die Bruchstücke davon an den Kopf werfen solltest...“

Und ohne Weiteres forderte er Cölestine in Gegenwart ihres Mannes zu

einem Gespräch auf, welches himmelweit von demjenigen verschieden war,

zu dessen Behuf der Graf ihn mit seiner Frau zusammengeführt hatte;

dieses Gespräch, in welches er sie mit großer Gewandtheit und rasch

zu verschlingen wußte, betrieb er überdies mit einem so auffallenden

Eifer, daß derjenige, welcher hieher gekommen war, um zu beobachten

und zu beschämen, dies durch die Umstehenden selbst ward, und zwar in

einem Maße, daß er, so heftig er sich auch dagegen sträubte, endlich

gleichwohl sich zu erheben gezwungen war, um nur nicht als schmählich

Ueberwundener dem allgemeinen Bedauern zu verfallen.

Wozu hatte er nöthig gehabt, die Fehde so offen zu provociren?

Vermöge des heitern, lustberauschten Sinnes, von welchem Cölestine

heute den ganzen Tag, beiläufig in derselben Weise, wie an jenem

Vermählungstage, beherrscht wurde, war sie nicht fähig, ihrem Gatten in

die Region der Melancholie, des Unmuths und des Schmerzes zu folgen,

um so weniger, als er diese Stimmungen durch sein äußeres Betragen

auf alle Weise zu verdecken sich bemühte; so geschah es denn auch,

daß, während alle Welt auf ihn aufmerksam ward und ihn mit penetranten

Blicken verfolgte, sie die Einzige war, welche hievon eine Ausnahme

machte. --

„Aber sehen Sie doch dorthin! Was bedeutet das?“

„Ach, die Gräfin A--x scheint der berühmten Unwiderstehlichkeit des

Chevaliers endlich auch ihren Tribut zu entrichten. In der That, diese

Unterredung ist eklatant.“

„Von ihrer und von seiner Seite. Wer hätte dies erwartet.“

„Mindestens von der Gräfin war es nicht vorherzusehen. Allein da hat

man nun den besten Commentar zu jenen Berichten, durch welche diese

jugendliche Ehe als eine solche geschildert ward, wie sie Adam und Eva

im Paradies geführt haben. --“

„Nämlich -- den Baum und den Apfel mitinbegriffen...“

„Ah, ah -- meine Besten, was wollen Sie? Gräfin A--x hat, Alles

erwogen, den gegründetsten Anspruch auf unsere Bewunderung. Sie hat

sich so schnell als es kaum zu erwarten war -- aus einer Gefühlsnärrin

zur Weltdame aufgeschwungen. Das verdient Anerkennung.“

„Ja, ja -- es verdient dieselbe.“

„Aber mein Himmel! was ist das?“ rief mit einem Male Jene aus, indem

sie mit den Augen nach Cölestinen deutete: -- „Haben Sie nichts

bemerkt, meine Damen? -- So eben hat der Chevalier die Gräfin verlassen

-- und sie, diese junge hoffnungsvolle Calypso -- -- ist ihm mit

einer sonderbaren Bewegung in Blick und Miene gefolgt, mit einer

Bewegung, sag’ ich, die den Grafen, ihren Mann, welcher dort hinter

der Blumenpyramide -- wie eine Klapperschlange hinterm Gesträuche --

verborgen lauert, dem Wahnsinn nahe gebracht zu haben scheint.... denn

sehen Sie -- seine Hand, die krampfhaft einen Oleander hielt -- hat

denselben wahrscheinlich ohne daß er es weiß mitten entzwei gebrochen.“

„Richtig! richtig! -- Ah, es ist zu reizend! zu interessant! -- -- Ein

Herkules also -- der Bäume entwurzelt....“

„Ah! Ah! Ah! -- Ungeheuer großartig! -- Dieser Marsan ist ein Phänomen!

-- -- Er hat sich der Gräfin wieder genähert -- -- -- und bei

Anadyomene! -- ihr Auge scheint ihm dafür einen eben so stillen als

ausdrucksvollen Dank zu spenden....“

„Der Mann aber -- der Gemahl -- was thut er?“

„Mein Gott -- er ist halbtoll...... Um Himmelswillen! bemerken Sie

doch, holde Freundin. -- Seine Phrenesie geht so weit -- -- daß er

im Angesicht des ganzen Salons sich hinter den Blumen auf alle Vier

niederläßt, um bequemer zu beobachten, der Bedauernswerthe. Gleicht er

nicht dem Nabuchedonosor -- und scheint es nicht, als wolle auch er

Gras fressen?.. hahaha!“

„Es ist entsetzlich! Es ist entsetzlich! -- Das ist noch nie da

gewesen!“

„Inzwischen scheinen die beiden jungen Leutchen dort -- Marsan und die

niedliche Frau vom Hause -- sich gar köstlich die Zeit zu vertreiben.

Sie lacht so viel und er erzählt so unermüdlich, daß man seine Freude

an diesem Gedeihen haben kann....“

„Der Nabuchedonosor aber huckt noch immer in froschähnlicher Positur

hinter den Blumen.... Meiner Treu, dieser Mensch muß complett den

Verstand verloren haben...“

„O wie Schade! -- Jetzt entzieht uns eine allgemeine Bewegung der

Gesellschaft seinen Anblick. Allein, was soll das bedeuten? -- Auch

Cölestine hat sich erhoben.“

„Man hat das Zeichen zum Tanzen gegeben -- man wird in den nächsten

Salon gehen...“

„Also man tanzt heute auch hier?..“

„Man tanzt, man spielt -- man wird sich noch ganz allerliebst

unterhalten.“

„Meinetwegen. Dann aber lassen Sie uns den Paaren nicht folgen, sondern

lieber nach dem Spielzimmer gehen -- so werden wir an jener Blumenhecke

vorbeikommen und unsern Vierfüßler ganz nahe beaugenscheinigen

können...“

„O was ist das? -- Er ist fort! Verschwunden! -- Keine Spur von ihm

mehr vorhanden! -- -- Wahrscheinlich durch eine Versenkung wie im

Theater. --“

„Hahaha! -- -- Vorwärts, meine Freundinnen!“

Und fast Alles verließ diesen Salon, in welchem nur noch wenige

Gruppen, bestehend aus ältern Herren, zurückblieben, die ein

angesponnenes Gespräch augenblicklich zu unterbrechen nicht für gut

fanden.

Was den Chevalier betrifft, so hatte er Cölestine den Arm gegeben -- --

und Edmund, dadurch allein gelassen, entging seinem Schicksale nicht:

er, der seine Mutter führen wollte, sah plötzlich -- -- den Grafen

+Wollheim+ ihren Platz einnehmen.

„O! O! O!“ schrie dieser mit einer Freude, die sich glänzend auf

seinem Gesichte malte: „da hätten wir ihn endlich den Bösewicht -- den

Undankbaren -- den treulosesten aller Freunde und Schüler! -- Also so

weit ist es mit uns gekommen, daß wir auf Bällen als +Paar+ zu

einander treffen müssen. Wir, wir -- die den Tanz und die Springerei

verachten -- außer er würde in Wäldern hinter den Rehen aufgeführt!

-- Allein schon gut. Ich werde mir das merken. -- So voll Wonne mein

Herz in diesem Augenblick auch ist -- eine Wunde, eine Blessur hat es

dennoch erwischt, die nie vernarben wird -- und das sind: die letzten

40 Tage, die ich in der Wüste zugebracht habe -- -- in der Wüste,

sage ich, und verstehe unter diesem Bilde die Welt, in so fern es in

derselben weder zu trinken, noch zu spielen, noch zu pirschen giebt --

was Alles ich, wie bekannt, allein nicht thun kann, sintemalen ich dazu

auch meine Schüler und Freunde brauche. -- So verhalten sich die Dinge!

Ja so! -- Und nun sprich, Unglückseliger: was konnte Dich zu solchen

Verbrechen gegen Deinen Meister verleiten?...“

Edmund sah sich vergebens nach einem Ausweg um; der Jäger hatte ihn

dermaßen gepackt, wie man es etwa mit einem Fuchs, welcher der Schlinge

entwischen will, thut; wollte er also kein Aufsehen machen, mußte er

dem Alten folgen -- und Dieser zog ihn geradewegs in ein Gemach, das

nach der Kellnerei führte. --

Nun wissen wir zwar, daß des jungen Mannes Hingebung in letzterer

Zeit dem Chevalier von Marsan gegolten, und zwar in jenem Uebermaße,

welches wir an dem gutmüthigen Roué bereits kennen. -- Indeß, und dies

muß zu seiner Ehre gesagt werden, glich er darum doch nicht jenen

unbeständigen und undankbaren Leuten, die aus Liebe zur Abwechslung,

indem sie das Neue erwählen, des Alten vergessen .... Er hatte seines

Freundes Nimrod nicht vergessen -- er hatte denselben nur auf einige

Zeit in den Hintergrund gestellt: aufrichtig gesagt, weniger aus

eigenem selbstständigen Antriebe -- als weil er, durch Marsan occupirt,

von diesem ununterbrochen absorbirt worden war, was ihm im Ganzen

schmeichelte, da er so gut wie jeder Andere sein Stück Eitelkeit besaß

-- und Marsan war ja ein Glanzpunkt in der Gesellschaft...

Das Entscheidende bestand darin: daß Marsan ihm mehr zu imponiren

wußte, als der Jäger. Denn wir haben schon erwähnt: Edmund mußte sich

stets an Jemand anlehnen. -- Dies war eine jener Naturen, die allein

nicht leben können.

-- Es wird nach Allem diesen Niemand Wunder nehmen, wenn er erfährt,

daß Edmund binnen weniger als einer Viertelstunde mit Leib und Seele

wieder seinem alten Mentor gehörte, d. h. mit demselben in einem

dunkeln Kellerwinkel (denn diesmal gingen die Edlen direkt in den

Keller: sie hatten ja so Vieles nachzuholen) zechte und Trinklieder

sang. -- Wer oben in den Gemächern gute Ohren hatte, konnte folgende

Strophen herauftönen hören:

„Zwei Flaschen wollten einander frei’n,

Die eine, die war leer --

Die and’re war zwar etwas klein --

Doch war sie gefüllt und schwer.“

Hier ward die Hymne durch eine Art unverständlichen Lärmens

unterbrochen -- -- und erst nach einiger Zeit ließ sich das Ende vom

Lied nachstehender Weise vernehmen:

„Ich nehme, ich nehme Dich nicht zum Mann --

Du bist zwar dick und reich --

Doch dabei ein grober Bauersmann,

Ein Stadtkind ich, fein und bleich.“

„So geht es auch im Leben her --

Der Dicke der thut dick --

Da kommt darauf ein mag’rer Herr

Und ruft: Vor mir -- zurück!“

Besonders schön nahm sich zuletzt die Moral, die Nutzanwendung aus.

Sie war ganz aus den Zeiten des Meister +Rothnas+ in Nürnberg (†

_Anno Domini_ 1352,) genommen und hätte auch ganz wohl in die

Liedersammlung eines sichern +nasenlosen+ Poeten -- dieser Poete

lebt heutigen Tag’s in Wien -- gepaßt.

Das Lied hatte man wohl bis hinauf gehört; aber die sublimen

Discourse, welche hier unten geführt wurden -- vernahm, außer den zwei

Glückseligen, welche dieselben führten, Niemand.

„Und so säßen wir denn wieder beisammen....“ begann der Jäger, der

mit aufgestreiftem Hemdärmel (die Edlen saßen im Hemde bei diesem

anstrengenden Geschäft,) seine Kanne emporhob: „Und so könnt’ ich denn

wieder aus vollem Herzen rufen: Auf Dein Wohlsein, mein Jüngelchen,

Hurrah!“

„Hurrah!“ rief auch Edmund mit erhobener Kanne -- -- seine Stimme war

bereits sehr klar und metallisch geworden.

„Möge der Himmel,“ schrie +Wollheim+, „Dich zu einem eben solchen

Manne machen, wie ich bin, mein Junge! Besseres kann ich Dir nicht

wünschen, Hurrah!“

„Hurrah! -- Hussah!“

„Ich habe nur gerufen +Hurrah!+ und nicht Hussah! -- Achtung auf

den Ruf des Meisters! -- Hurrah!“

„Hurrah! Zehntausend Mal Hurrah!“

„Blos ein Mal: Hurrah! mein Jüngelchen; blos ein Mal!“

„Nein, nein -- zehntausend Mal!“

„Alle Sechzehnender! -- Was für zehntausend Teufel sind Dir denn heute

in den Magen gefahren -- verdammter Bursche, Du!“

Es war ihm indessen blos der Wein in den Magen gefahren und der Dunst

davon in den Kopf.

„Ich sage Dir,“ fing der Alte wieder an: „etwas Besseres als ich kannst

Du doch nicht werden. Befleißige Dich also, in meine Fußstapfen zu

treten. Nimm z. B. diesen Krug so, -- siehst Du! -- und leer’ ihn mit

einem Guß -- -- so, siehst Du!“

Und der größte Humpen entledigte sich seines Inhalts im Nu -- vermöge

der freundlichen Bereitwilligkeit von Nimrods breiter Kehle. --

Edmund wollte es auch versuchen, um der Aufforderung seines Lehrers zu

genügen....

„Ah! Ah!“ schrie dieser so dröhnend, daß das Gewölbe des Kellers in

Schrecken gerieth: „das will nichts sagen, das will nichts sagen --

Freund Edmund! -- Du hast zwar den Humpen geleert, aber dabei Dein

ganzes Gesicht begossen... Dies darf nicht stattfinden! Dies ist nicht

in der Ordnung!... Du mußt den Humpen mit dem Munde allein aussaufen:

So, siehst Du?!“ Und abermals rollte eine ganze Sündfluth hinab in des

Jägers verderblichen Schlund...

Sein Leib schien ein wahrer Abgrund zu sein.

Edmund versuchte es sogleich nochmals -- und in Wahrheit er that es

diesmal mit solcher Virtuosität, daß sein Meister auf eine Bank sprang

und ausrief: „Ein dreimaliges Hussah auf das Wohl meines Jüngelchens

und Jagdkumpans!“

Und „Hussah! Hussah! Hussah!“ schrien Beide, als ob sie toll wären....

die Kellerratten und Maulwürfe liefen einstweilen in’s dritte

Nachbarhaus hinüber...

.... Aber als sollte das Alles noch nicht ausreichen, seines Zöglings

Ruhm zu verkünden, sprang Wollheim auf ein in der Nähe stehendes großes

Weinfaß, welches, gegen den Gebrauch, mit dem Boden aufgestellt war

-- -- auf dieses Faß also sprang er und zwar mit einem solchen Aplomb

seines dicken Leibes, daß der obere Boden unter seinen Füßen durchbrach

und er im Nu unter entsetzlichem Geschrei bis an die Ohren im rothen

Ofner schwamm: „Au! Au! Weh! Hurrah! -- Zur Hilfe -- Kumpane! Jäger!

Piqeurs!“ brüllte er in der Verzweiflung.... wobei er, vermöge des

Wellenschlags, welchen der Ofner beständig um sein Kinn machte, von

demselben _nolens volens_ ein gutes Theil abtrank....

Nur mit Mühe entkam er dem Verderben und stieg endlich heraus. Er stieg

allein heraus -- denn Edmund war nicht fähig, ihm dabei zu helfen.....

er hatte mit sich selbst genug zu schaffen.

„Alle Doppelbüchsen!“ rief Nimrod und schüttelte sich wie ein Bär, der

untertauchte -- „das war ein unvorhergesehenes Bad... Aber der Ofner

war gut!... Schade um das Faß, welches von schweizerischer Arbeit

schien. -- Hol’ der Teufel indeß ein schweizerisches Faß, welches

durchbricht, kaum daß man es betastet. -- -- Wo aber jetzt sich

abtrocknen.... Brr! brr! -- denn es ist hier verteufelt kalt.... Ha! da

kommt mir ein göttlicher Einfall! Diesen lieben Ort hier zu verlassen

wäre unmenschlich. -- Wie wär’ es, wenn ich meine Kleider hier

trocknete?.. Wir machen dort im Hintergrunde ein Feuer.... Holz ist

genug vorhanden... der Rauch kann auch zu den Kellerluken abziehen.

Beim St. Hubertus! das geht! -- Hat man es doch von Faßbindern hundert

Mal gesehen, daß sie bei Reparaturen mitten im Keller ihren Herd

aufschlugen.... Also -- vorwärts mein Jüngelchen! und sogleich soll

hier eine Flamme brennen, so lustig und hoch, daß man dabei zwei und

zwanzig Ferkel braten kann.... Dann will ich meine Kleider ausziehen --

wir wollen uns an’s Feuer setzen -- unsere Krüge in die Hand nehmen....

Hurrah! das soll ein Teufelsleben werden!“

„Hurrah!“ lallte Edmund mit schwerer Zunge nach.

Gesagt, gethan. In kurzer Zeit loderte ein Feuer mächtig auf und seine

Flamme leckte das schwarze Gewölbe des Kellers... Aber was man nicht

berechnet und erwartet hatte, geschah. Die Luken waren zu klein und

konnten den Rauch nicht hinreichend ableiten, so daß sich dieser nun

hier im Innern zu einer schauderhaften Menge anhäufte... und jeden

andern Menschen als diese zwei Ehrenmänner vertrieben hätte. -- Aber

sie waren nicht so leicht von diesem Orte wegzubringen und zwar: ob

der ruhmwürdigen Wein-Eigenschaften, die er neben diesem Uebelstande

noch besaß....

Was den Jäger betrifft, so stürzte er eine Kanne um die andere hinunter

-- und hustete beständig dazwischen. Er schien einen ordentlichen Kampf

mit dem Rausche eingegangen zu sein -- und eben deßwegen war ihm der

letztere nicht ganz unangenehm...

Edmund jedoch, nicht so taktfest in vorliegender Kunst, sprang sinnlos

wie er bereits war, umher und stotterte:

„Donnerwetter! -- wir -- stecken -- ja da -- in einem -- Schornsteine!

-- Donnerwetter! -- -- Wie -- kommen -- wir da heraus? -- Puh! Brr! --

--“

„Ei warum nicht gar!“ brüllte Wollheim: „Was sind das für dumme Faxen

--? Schornstein? -- Im Keller sind wir! Im Keller! -- --“

„Nein -- im -- Schorn -- steine -- -- Ah -- Ah -- ich -- ersticke

-- --.“ Und der arme Jüngling fuhr wie ein Gehetzter umher, stieß

überall an -- und wäre beinahe in’s Feuer gerannt -- wenn der Jäger

ihn nicht schnell bei der Hand ergriffen hätte. -- Aber das Tanzen

hörte bei Jenem deßhalb nicht auf und wider Willen sah sich der Alte

jetzt selbst davon fortgerissen. Er, in seinem halbnackten Zustande

(er hatte Alles, nur die Strümpfe nicht, ausgezogen, aus angeborner

Schamhaftigkeit hatte er sich noch überdies sein Taschentuch, statt

eines Feigenblattes, vor den Bauch gebunden) -- tanzte nun wie ein

wilder Neuseeländer mit seinem Schüler um die Flamme herum.... Es war

ein Bild zum Malen! --

In diesem Augenblicke öffnete sich die vorhin geschlossene Thür des

Kellers und ein halbes Dutzend Bediente traten mit den Worten ein:

„Aber was giebt es denn da? Ein Rauch verbreitet sich aus den Luken im

ganzen Hause!... Ist denn hier ein neues Gomorrha untergegangen?..“

Man denke sich die Ueberraschung dieser guten Leute, als sie unser

Freundespaar in einem eben so interessanten Costüme als Geschäfte

erblickten....

* *

*

Aber während hier Momus, Comus und noch andere närrische Halbgötter

ihre Schellenkappen schüttelten, ward einige Fuß über diesem Orte

-- ein Gemüth von höllischen Qualen durchwühlt und hätte zerreißen

müssen, läge für manche Naturen nicht eben im Schmerze selbst eine

nährende, eine belebende Kraft. Es sind dies jene Naturen, die zum

Unglück geboren scheinen -- die schon in der Wiege von demselben mit

Milch getränkt, später mit Speisen genährt und mit Kleidern versehen

werden -- denen also das Unglück: Amme, Erzieherin, Lehrerin und

Lebensgefährtin ist.

Man hört, wenn von solchen armen Verfluchten die Rede ist, oft sagen:

„Mein Gott, wie konnte er das nur Alles ertragen? Ich wäre unter

solchen Umständen schon hundert Mal untergegangen.“

Gewiß, denn Dich hat das Schicksal bei Deiner Geburt gesegnet und es

hatte nicht nöthig, Dir Nerven von Stahl für’s Leben mitzugeben. --

Allein von wem haben wir zuvor gesprochen? -- Wer war der Unglückliche,

der Elende, der vom Schicksal Verfluchte -- welcher sechs Fuß über dem

Keller der zwei lustigen Ritter -- von Qualen gepeitscht wurde, wie

eine Feder sie nicht beschreiben kann? --

Der Leser wird es wissen. Es war Alexander, der Gemahl Cölestinens,

Alexander, der sein Weib mehr wie sich selbst liebte -- -- und der sich

von ihr betrogen, verrathen, um seine ganze irdische Seligkeit gebracht

sah. --

Ach, diesmal war ihm der milde Trost, der ihn noch vor einigen Stunden,

wenn auch blos vorübergehend, erquickte, gänzlich geraubt. Diesmal

konnte er nicht, wie zuvor, sich zurufen:

„Vielleicht -- ist sie doch unschuldig! --“

Er hatte sie jetzt an der Seite jenes Menschen, der ihm ihr Herz

geraubt hatte, beobachtet -- hatte gesehen, wie Jener für sie glühte

und wie sie von dieser Gluth erwärmt schien. Welche Blicke hatte sie

ihm gegeben -- und welche von ihm empfangen! Und Alles das so offenbar,

so vor aller Welt. --

Sollte es denn schon so weit gekommen sein, daß sie sich nicht einmal

mehr verstellen konnten oder daß sie es nicht wollten? -- So war er,

Alexander, also nicht mehr blos das Opfer, er war auch das Spielzeug,

die Puppe, der Narr, durch welche Dinge sie ihrem Vergnügen neue Reize

verliehen. --

Ach -- was kümmerte ihn Dieses. Er hatte an Jenem schon genug. Er war

geopfert, verkauft, sein Herz zertreten -- seine Seele zerrissen, sein

Leben vergiftet.... So konnte es mit ihm nicht mehr lange bestehen....

Er rannte hinaus aus den Sälen, wo Alles Lust, Freude und herzloser

Verrath war -- er stürzte hinaus auf eine Terrasse.... Es war wieder

eine Terrasse, wie dort in der ersten Nacht ein Balkon -- es war

wieder eine Sternennacht -- und durch diese Nacht strich wieder jener

allwaltende Geist, der sich eines Elenden erbarmt, oder aber ihn

verstößt, ihn nicht kennen will....

Diesmal aber war das Letztere der Fall. Diesmal erschien keine

Cölestine auf dem Balkon und schlang liebewarm ihre Arme um seinen

Hals. -- Diesmal, diesmal, als Alexander verzweiflungsvoll, wahnsinnig

die Hände rang gegen das dunkle Firmament, rufend:

„O -- hat sie wirklich an mir gefrevelt? -- Nur noch ein Zeichen! Einen

letzten Beweis!“

Diesmal antwortete eine Stimme hinter ihm: „Warten Sie einige Tage ab

-- und Alles wird Ihnen offenbar werden.“

Rasch drehte Alexander sich um. Er bemerkte nur noch die Umrisse einer

dunkeln männlichen Gestalt, die gleich einem Schatten forteilte -- in

der Nähe um eine Ecke verschwand -- und weiter keine Spur hinter sich

ließ, als den Wiederhall ihrer schrecklichen Worte...:

„Warten Sie einige Tage ab -- und Alles wird Ihnen offenbar werden.“

Alexander fiel ohnmächtig gegen die marmorne Balustrade des Balkons und

schlug sich daran die Stirne blutig.

Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2) · 第 9 / 12 题