„Sie sagt,“ fuhr dieser fort: „ein Mann erscheine niemals schöner, als
wenn er zu Pferde sitzt, und ich will mir das merken.“
„O!“ sagte Cölestine gerührt: „Du hast es nicht nöthig, Alexander, Dich
werde ich ewig lieben -- und mehr Dich lieben, wie ich, ist kein Herz
fähig.“
Jetzt schloß +sie+ ihn in ihre Arme und eine Pause entstand,
reicher an stiller tiefer Wonne, als deren manches ganze Leben enthält.
Die Eltern segneten die Stunde, welche den Grafen zum ersten Male
in ihr Haus geführt. Nach einiger Zeit erhob man sich und nahm die
Wohnung der Kinder in Augenschein. Man besichtigte sie von oben bis
unten, man ließ nicht die kleinsten Winkel unbeachtet -- und es
bestätigte sich Alles, was man früher von ihr erfahren hatte. Sodann
ging man in den Garten hinab, dann in den Hof, in die Seitengebäude,
Alles entsprach einem großartigen Plane, und Alles stand unter einander
in der schönsten Harmonie.
Endlich nahmen die Alten mit ihrem Sohne Abschied von dem Ehepaar --
und begaben sich auf den Rückweg nach Hause; denn es war heute bei
ihnen, aus Anlaß des Nachfestes zu der Vermählungsfeier Cölestinens --
Tafel, bei welcher einige nähere Freunde des Hauses erscheinen sollten.
--
Siebentes Kapitel.
Ein _Tête à tête_ -- jedoch kein zärtliches.
Es schlug sechs Uhr. Dies was die Zeit des Diners. Im kleineren Salon
der Generalin waren bereits alle Gäste versammelt, unter denen uns
mehrere Personen nicht ganz unbekannt sind. Denn es fanden sich hier
der Graf und die Gräfin von Wollheim -- Herr und Frau von Porgenau --
die Wittwe jenes Feldmarschall-Lieutenants E--z, so wie die Stiftsdame,
Fräulein Eugenie von +Bomben+ (62 Jahr alt). Auch Herr von Labers,
der Mann, welchen Alles hochachtete, war zugegen.
Man schritt paarweise in den Speisesaal, wo eine auserlesene Tafel
bereit stand, die Gäste aufzunehmen. Dies Diner wäre ein ganz
gewöhnliches gewesen und hätte sich durch nichts von einer materiellen
Mahlzeit oder Esserei unterschieden, hätten nicht unsere drei oder vier
Paar Originale, dergleichen nicht überall in der Welt zu finden sind,
daran Theil genommen. So aber war für den Geist mehr als hinreichend
gesorgt; d. h. für den Geist, welcher Kontraste und satirische
Verwickelungen liebt.
Nach den ersten Gängen -- man servirte in diesem Hause auf französische
Weise -- wurde endlich jene einförmige Stille, die den Anfang eines
Mahles bezeichnet, durch einige schlechte Witzworte des trefflichen
Herrn von Porgenau unterbrochen und der Genius der Unterhaltung senkte
sich auf die Gesellschaft herab.
Es ist im Grunde zwar nicht nöthig, so gewissenhafte
Geschichtsschreiber wir übrigens auch sind -- jedes alberne Wort
Herrn von Porgenau’s durch unsern Griffel der Unsterblichkeit zu
überliefern... Indeß dürfen wir auch diesem Manne, da er einmal ein
Charakter ist, (obgleich nicht in dem Sinne, worin Börne von Gutzkow
ein Charakter genannt wird) nicht Unrecht thun, und so geben wir denn
so viel Züge und Striche von ihm, als zur vollständigen Zeichnung
seines Bildes nothwendig sind.
So möge man also wissen, daß der erste brillante Einfall Porgenau’s
heute an dieser Tafel darin bestand, daß er einen Kalbskopf in einer
_sauce piquante_ mit den Liebesgedichten des berühmten Lokalhumoristen
Herrn Saphir verglich und hinzusetzte: so sehr dieser Kopf auch mit
Saucen, Citronenscheiben, Gewürzen, Lorbeerblättern, Blumen und Blüthen
begossen und bedeckt sei -- erkenne man doch augenblicklich, daß er
vom +Kalbe+ komme.... Der Bonmotist setzte noch hinzu, daß man im
Orient auf diese Weise auch +Affenköpfe+ bereite -- -- und meinte,
dieser Vergleich sei noch viel passender.
Ferner behauptete derselbe: eine schlechte Tafel sei die beste
Universität, man werde da voll +Geleersamkeit+.
„Wissen Sie,“ wandte er sich zur Gräfin von Wollheim, wobei er wieder
im Voraus so sehr lachte, daß es eine wahre Freude war: „wissen Sie,
gnädige Frau -- haha! -- welches mein schönster Calembour ist.... In
der That, hahaha! ich bin stolz darauf, denselben geschaffen zu haben
-- hahaha!“
„Lassen Sie ihn hören, lassen Sie ihn hören, trefflicher Herr von
Porgenau!“ hieß es an der ganzen Tafel; denn die Albernheit ist oft
belustigender als Verstand und Witz.
„Mein erster Calembour --“ sagte Porgenau stolz -- „aber,“ fuhr er
nach einer Pause fort und verzog das Gesicht so breit, als es ihm nur
möglich war -- „in der That, ich kann mich vor Lachen kaum halten,
sobald ich diesen göttlichen Calembour preiszugeben im Begriffe stehe
-- hahaha! hahaha! -- So hören Sie denn: +Was ist der Mensch+?
Antworten Sie mir, meine Herrschaften, auf die Frage: Was ist der
Mensch? -- hahaha!“
Alles lachte; aber Niemand sprach.
„Ah -- hahahaha!“ platzte Porgenau aus: „Nicht wahr, Sie wissen es
nicht. Hahaha! Das ist lustig! das ist sehr lustig -- hahaha!“
„Aber so sagen Sie es uns doch selbst!“ bemerkte die Gräfin
achselzuckend.... „Sie sehen ja, daß es hier Niemand erräth.“
„Nun -- wenn Sie es wissen wollen.... hahahaha! -- hahahaha! -- Der
Mensch -- ist ein unbefiedertes Thier mit zwei Beinen. -- Hahahaha!
hahahaha!“ Und der große Mann wälzte sich in seinem Stuhle.
„Zu diesem Porträt,“ bemerkte Edmund gegen einen jungen Mann: „hat ohne
Zweifel Er +selbst+ gesessen....“
„Gewiß. Die Aehnlichkeit ist sehr auffallend.“
Aber Porgenau hörte es nicht, wiewohl es ziemlich laut gesprochen
wurde; er lachte noch immer und hielt sich den Bauch -- es entzückte
ihn, daß die ganze Gesellschaft mit lachte, was er als Resultat seines
unwiderstehlichen Witzes nahm.
„Dieser Porgenau,“ meinte Herr von Labers gegen seinen Nachbar, welches
der General von Randow war: „ist ein halber Fallstaf; denn wenn er auch
nicht selber witzig ist, so macht er doch Andere dazu. --“
„Sehr richtig,“ bemerkte General Randow -- „und wiewohl ich eigentlich
nicht weiß, wer dieser Fallstaf sei, so kann ich mir denselben doch
recht gut vorstellen. -- -- Ah, jetzt entsinne ich mich! Es ist,
glaube ich, eine dicke, lustige Person in irgend einem Schauspiele. --“
„Ganz recht! in einem Shakspeare’schen.“
„Ah -- dies ist ja derselbe Dichter, welcher so viele kriegerische
Stücke verfaßt hat, deren Namen mir leider zum größten Theil entfallen
sind....“ antwortete der General, der wie so manche tüchtige Offiziere
und -- Kavaliere des Kaiserstaates eben kein großer Literat war
und welcher, gleich dem edlen Herzog von Reichsstadt, Schillers
+Wallenstein+ nur wegen der großen Kriegsseite dieses Stückes so
sehr liebte. --
„Sie sagen, meine Beste,“ sprach Gräfin Wollheim zu dem Stiftsfräulein
-- „Ihr Vorschlag an das Comité, betreffend die Befestigung von
Strümpfen, Jacken und andern Kleidungsstücken auf dem Leibe der Armen,
sei zurückgewiesen worden? -- Ich halte dies nicht für möglich. Es wäre
abscheulich!“
„Auch ich war darüber empört, glauben Sie mir, theuerste Gräfin
--“ versetzte Fräulein von Bomben --; „es heißt dies die
menschenfreundlichsten Absichten vernichten, mit Füßen treten.... aber
so ist einmal unsere lasterhafte, sündige Welt. Ich bin überzeugt,
mein Vorschlag wurde blos deßhalb nicht angenommen -- weil mehrere
Damen des Comités, wie ich aus sicherer Quelle weiß -- mit einigen
hübschen Armen im vertrauten -- -- u. s. w. -- Sie verstehen, beste
Freundin!“
„Aber -- dies scheint mir unmöglich! --“
„Es ist wahr; ich kann es nöthigenfalls beschwören... Und,“ fuhr
sie schwärmerisch fort, wie ein verliebter Jüngling, der von seinen
Entwürfen spricht, mit welchen er die Geliebte seines Herzens
glücklich machen will: „und ich hatte mich bereits mit allen
Materialien versehen! Ich kaufte _en gros_ ein. Zwei Zentner Pech -- 80
Pfund Teufelsd-- 300 große und kleine Ketten, Schlösser, Fangeisen,
Daumenschrauben...“
„Daumenschrauben? Wozu denn diese?“
„Um unseren lieben Armen die Handschuhe, welche wir ihnen im Winter
geben, an die Finger zu schrauben....“
„Ah, mein Gott -- wie erfinderisch Sie sind, mein theures Fräulein!“
„O, wo es sich um das Wohl der Menschheit handelt!“
„Ach die Menschen verdienen es kaum.“
„Gewiß, gewiß; sie verdienen es nicht. Sie sind Wölfe und Hyänen -- und
ich wollte nur, daß ich sie in Wolfsgruben oder mit Fußeisen fangen und
ihnen das Fell abziehen könnte. Das wäre so meine Passion!“
„Indeß -- -- da wir Mitglieder des +Hilfsvereins+ sind.... meine
Beste: scheint mir diese Ihre Passion doch ein wenig barbarisch.“
„Ei was!“ schrie das fromme Stiftsfräulein und warf Blicke umher
wie eine Hyäne, von welcher sie eben gesprochen: „barbarisch hin --
barbarisch her; ich halte es mit Kaiser Nero und wünsche der ganzen
Menschheit einen Kopf, um ihn mit +einem+ Schlage abzuhauen.“
Das war ein schönes Mitglied frommer Stiftungen und edler
Wohlthätigkeitsvereine.
Es war jetzt am obern Ende der Tafel die Rede von den Fremden, welche
in letzterer Zeit die Residenz besucht hatten und Herr von Labers
führte darunter auch den Namen eines +Chevalier de Marsan+ an. --
Sogleich erhob sich Edmund und lebhafte Freude malte sich in seinem
Gesichte: „Wie?“ rief er, „der Chevalier de Marsan -- jener Marsan,
der, vor zwei Jahren bei der N**schen Gesandtschaft attachirt, mit
seinem Chef Wien besuchte.... jener elegante, hübsche, glänzende
Kavalier: ist dieser gemeint?“
„Derselbe!“ entgegnete Herr von Labers: „Man sagt, er werde dies Mal
für längere Zeit in unserer Stadt verweilen. Seine Gegenwart hängt
übrigens mit keiner politischen Mission zusammen....“
„So wird man wohl diesen Herrn,“ sagte Frau von Porgenau, die Gemahlin
des berühmten Calembouristen -- „zu sehen bekommen! Ist derselbe schon
in vielen Häusern eingeführt?“
„So viel ich weiß, in mehreren -- -- doch scheint dieser stolze
Chevalier nur die schwindelnden Höhen der Gesellschaft zu goutiren.
Man erzählt sich, er habe neulich, als man ihn der Gräfin Holborlow
vorstellen wollte, gefragt, ob diese Dame nicht zu jenen Holborlows
gehörte, die erst vor beiläufig 150 Jahren in den Adelstand erhoben
wurden -- und erst, nachdem man ihn überzeugte, daß jene neugeschaffene
Familie eigentlich +Holbarolow+ heiße -- während die ersten
+Holborlow’s+ bereits aus den ältesten Zeiten Moskowitischer
Herrschaft abstammten, willigte er ein, mit der Gräfin bekannt zu
werden.“
Von zahlreichen Stimmen erscholl jetzt das Lob des ausgezeichneten
Kavaliers, dessen Grundsätze man als vom ersten Wasser erkannte.... und
diese Personen, welche applaudirten, wünschten insgeheim alle mit dem
Chevalier bekannt zu werden.
Einer Dame, die ihre diesfällige Sehnsucht dem Sohne des Hauses
vortrug, antwortete Edmund: „Nichts in der Welt ist leichter....
wenigstens für mich ist nichts leichter, als den Ritter von Marsan
dahin zu führen, wohin es mir gefällt. -- In der That wir sind seit
einer Reihe von Jahren die wärmsten Freunde. -- Unsere Verbindung
schreibt sich noch von meiner Reise nach Paris her, wo ich damals den
Chevalier in der Umgebung des Hofes fand. Dort wie an jedem Horizonte
war er ein Stern erster Größe -- und ich gestehe es offen, auf keine
Freundschaft stolzer zu sein, als auf die seinige.“
„In Wahrheit,“ rief Frau von Porgenau: „Sie machen uns neugierig und
im höchsten Grade gespannt. -- Herr von Marsan muß eine Art kleinen
Wunders sein!“
„Sagen Sie lieber +großen+ Wunders, beste Freundin!“ fiel die
Stiftsdame ein: „Sieht er nicht etwa dem Antinous ähnlich -- und ist
er an Geist nicht ein Cicero -- an Muth nicht ein Leonidas -- und an
Reichthum nicht ein Rothschild....? hehehe! Wirklich, er muß sehr
außerordentlich sein....“ schloß das Fräulein mit einem Lächeln,
welches halb bitter und halb unverschämt war. --
Edmund ergriff den besten Ausweg und gab ihr keine Antwort -- er zuckte
die Achsel und wandte ihr, so weit dies möglich war den Rücken. ....
Darüber schien die liebenswürdige Menschenfreundin sehr ungehalten zu
werden -- und begann nun ihrer Zunge vollen Lauf zu lassen: „Ei, ei --
wie Schade! daß unsere Residenz nicht auch solche illustre Exceptionen
des Menschengeschlechtes aufzuweisen hat. -- Wahrlich, wir sind in
dieser Hinsicht noch sehr weit zurück; -- und müssen, Dank Frankreich,
von dort aus sowohl mit den Alleweltbezwingern, wie mit Seiltänzern und
Harlekins versorgt werden....“
„Welche +Versorgung+ uns indeß oft sehr große +Sorgen+
verursacht... hahahaha! hahahaha! hahahaha!“ rief Herr von Porgenau,
und dies war sein neuester Witz.
„Ach, was dieser Porgenau -- witzig ist!“ schrie seine Gemahlin, von
der wir noch nicht erwähnt haben, daß sie die staunende Bewunderin des
Genies ihres Mannes war -- und stets in dessen unmäßiges Gelächter
einstimmte, sobald derselbe ein _soi-disant_ Bonmot machte. „O, wie
glänzend seine Einfälle heute wieder sind!“ und hielt sich die Seiten,
was ihr sehr schwer wurde, denn sie hatte verschiedene sehr große
Seiten. Sie war so ein verkleinerter Abguß des Heidelberger Fasses.
„Meiner Treu!“ meinte der Graf von Wollheim: „diese Aeußerungen über
den Chevalier stimmen keineswegs überein -- -- und wollte man sich nach
ihnen halten, würde man von Herrn von Marsan nur ein sehr schwankendes
Bild erhalten. Indessen scheint mir die Meinung meines Freundes Edmund
da -- nicht ohne Gewicht, da derselbe den Ritter bereits seit so
langer Zeit kennt, und überdies ein Jüngling ist, auf dessen Urtheil
und Wort ich ungeheuer viel gebe....“
„Dies scheint mir,“ fuhr die Stiftsdame mit ihrem schneidenden Tone
dazwischen -- „eben kein großes Kompliment für uns -- --“
„Erlauben Sie, mein Fräulein,“ schrie der Jäger, roth werdend vor Zorn
-- „erlauben Sie --“ wiederholte er mit einer Stimme, als befände er
sich im Walde und hätte sein Horn verloren.... „erlauben Sie!...“ Er
konnte vor lauter „Erlauben Sie“ nicht weiter; -- seine Entrüstung war
zu groß....
Diese wuchs noch, wo möglich, als Fräulein von Bomben sich ruckweise
mit ihrem Stuhle zurückzog und stets rief: „O mein Gehör! Mein armes
Gehör! -- Mein unglückliches Gehör! -- Gnade! Gnade! --“
„Das heißt wohl so viel, als, daß ich in Ihrer Nähe verstummen soll --
ich, ein alter Jäger, der schon vor manchem größern Ungeheuer nicht
verstummt ist.... Alle Donner und Wehrwölfe!“ Der Nimrod hatte sich mit
diesen Worten Luft gemacht -- aber die Stiftsdame war bei ihrem Klange
auch leblos auf die Lehne ihres Stuhles zurückgesunken, indem sie leise
das Wort „+Ungeheuer+!“ flüsterte. Sie verdrehte ganz entsetzlich
die Augen und bald schien sie nicht mehr zu athmen.... Man konnte sie
für todt halten.
Dies war für den argen Nimrod ein ungeheures Gaudium und er unterließ
es nicht, dasselbe auf folgende Weise auszuschreien: „Ah -- sie ist
in Ohnmacht gesunken, die vortreffliche Frau!... Fräulein, wollt’
ich sagen.... Wie schade um eine so liebenswürdige, gutmüthige Dame!
Ach, sie hat ein zu weiches Herz! Dies war immer ihr größter Fehler.
Sie, die keiner Mücke weh thun kann -- empfindet natürlich selbst
jede Verletzung in dreifachem Maße... Ach! daß ich das so wenig
berücksichtigt habe! -- Und was vollends ihre Tugend -- ihre Reinheit
betrifft....“
Hier vermochte das Fräulein nicht länger ohnmächtig zu bleiben. Sie,
die früher einer Verstorbenen ähnlich gesehen, sprang jetzt plötzlich
mit solcher Lebhaftigkeit auf, als sollte es zum Hochzeitstanze gehen:
„Was?“ rief sie aus: „Welche Worte! Welche abscheuliche Rohheit!
-- Und dieser sieht man sich in einer auserlesenen Gesellschaft
ausgesetzt! Ist dies das Haus der Generalin von Randow, jener vornehmen
Dame, die zu den ersten unserer _haute crême_ zählt -- -- oder was ist
dies Haus für eines? -- -- --“ Sie überließ sich, wie man sieht, wieder
so ganz recht ihrer milden Suade. Mittlerweile war die Hausfrau bereits
längst an ihren Stuhl getreten und hatte die Erzürnte zu besänftigen
gesucht -- wobei sie von noch zwei oder drei Damen unterstützt wurde.
Den alten Waldmenschen aber hatte auf einen Wink des Generals Edmund
bei Seite genommen und, da die Gelegenheit dazu eben günstig war, (das
Mahl neigte sich nämlich seinem Ende zu) ihn aus dem Saale weggeführt.
„Kommen Sie, kommen Sie, bester Graf --“ raunte er ihm in’s Ohr: „ich
kann es nicht länger mit ansehen, daß Sie sich mit dieser alten Hexe da
befassen.... Es ist empörend -- --!“
„Ja!“ fiel der Jäger ein: „Du sprichst ein wahres Wort aus,
mein Jüngelchen! Empörend ist es, daß eine dürre und von Zorn
ausgetrocknete Kreatur dieser Art es wagt, mit einem alten Jäger, der
bereits so manchem Zauberhirsch und Waldteufel in’s feurige Gesicht
geschaut.... haha! Aber ich hab ihr’s auch recht gegeben! Nicht wahr,
Edmund! Ich habe sie ordentlich zugerichtet.... hahaha!“
„Ja -- Sie haben sie ordentlich -- --“
„Donnerwetter! Nenne mich nicht immer „Sie!“ Was hast Du heute?... Sind
wir nicht mehr die alten Freunde?“
„Ei, das wäre!“ rief der Jüngling aus, als er sich mit dem Alten
endlich in einem Seitenzimmer befand: „Du weißt,“ fing er an: „daß
meine Familie von unserer Intimität nicht allzu viel merken darf. Unter
uns -- meine Mutter sieht es nicht gerne, sie meint, ich nehme von Dir
wilde Sitten an. -- --“
„Alle Hirsche und Rehe! -- Das wird sie doch nicht meinen! -- Geht dies
wirklich auf mich? -- Wild, wild! -- Ja, freilich ein wilder Bursche
bin ich.... aber dazu -- bei St. Hubertus! -- eine so ehrliche Haut,
wie je eine in germanischen Wäldern von Regen und Wind durchgegerbt
wurde. -- Allein, was fällt mir da ein? Mich dünkt, wir hätten jetzt
die schönste Gelegenheit, in die Kellnerei hinüber zu spatzieren, die,
(ich wittere die Spur!) hier irgendwo in der Nähe sein muß.“
„Der Einfall ist nicht übel! -- -- Ja, ja, der Einfall ist nicht
schlecht!“ schrie Edmund: „Er ist sogar köstlich, beim Teufel!“
Diesen Einfall indeß hatte der Alte jeden Augenblick.
Und alsbald saßen diese edlen Brüder wieder in einem still bescheidenen
Winkel und vor ihnen erhoben sich mannigfache Humpen -- -- und
alsbald hatte Edmund wieder seine eigenthümliche Laune (es war seine
eigenste eigenthümlichste) angenommen; er trank, sang und betrank
sich mit seinem Freunde, so, als wären sie in irgend einer Dorfkneipe
eingekehrt. Nach Verlauf von einer Stunde befanden sich diese
musterhaften Edelleute im Zustande vollkommener Bewußtlosigkeit -- und
lagen mit erstarrten, bleischweren Gliedern -- Edmund +auf+, der
Jäger +unter+ dem Tische.
Die Dienerschaft, welche dergleichen schon gewohnt war und für diesen
Fall ihre Verhaltungsregeln von Edmund empfangen hatte, schloß sie im
Zimmer ein, damit die Biedern nicht etwa erwachen -- im halbnüchternen
Zustande das Zimmer verlassen und im Hause Skandal machen könnten, wie
sie es bereits einmal gethan.
Das Schnarchen, welches sie entwickelten, war bis in den
Gesellschaftssaal vernehmbar, wo die Gäste beim Kaffee saßen und wo
eine Dame von sehr furchtsamer Natur beständig sagte: „Ich glaube, es
zieht ein Gewitter heran. -- Ich glaube, es donnert in der Ferne....“
Die Verfassung, worin die Gesellschaft sich nach dem Abgang der beiden
Herren befand, war übrigens von bewundernswürdiger Ruhe. Nachdem der
Jäger, dessen derbe, waldmännische Natur sattsam bekannt war, sich
entfernt hatte -- machte man dem Stiftsfräulein bemerklich, daß er ihr
mit diesem Letzteren eine glänzende Genugthuung gegeben habe; -- Gräfin
Wollheim selbst sprach dieses aus und wandte sich noch überdies mit
der Versicherung, daß sie selbst das Betragen ihres Mannes mißbillige,
an die ungeheuer empfindsame Dame.... so gelang es endlich, dieselbe
zu versöhnen, und Alles kam wieder ins rechte Geleis. -- Herr von
Porgenau machte wieder seine geistvollen Calembours -- lachte sich
dabei sammt seiner Gemahlin halbtodt -- Gräfin Wollheim sprach von der
nächsten Zusammenkunft des Frauenstiftsvereins, zu welcher sie bereits
drei Unterröcke und sechs Beinkleider fertig liegen habe; zuletzt wurde
auch noch die Stiftsdame cordial -- sprach von der Immoralität unter
den Armen und bemerkte dazu sehr scharfsinnig:
„Wer weiß, was in so manchen dieser Jacken und Beinkleider getrieben
werden wird...“
Ja, endlich kam sie sogar auf ihr beliebtes Thema von Nero, wo sie
der ganzen Menschheit nur ein Haupt wünschte, um es mit einem Schlage
herabzusäbeln... --
Dieses Stiftsfräulein hätte in den Türkenkriegen leben und unter die
Janitscharen gehen sollen. Sie würde dort große Dinge vollbracht haben.
--
Achtes Kapitel.
Der Chevalier von Marsan.
Der Chevalier von Marsan machte wirklich in der großen Welt gewaltige
Sensation. Er hatte sich bereits in den Cirkeln der Fürstin O-- M--
G--, der Herzogin B--, der Marquise A--, und Re--, der Lady P-- und
noch in mehreren von den +allersublimsten+ sehen lassen, und
Alles war von dem Manne entzückt, der gekommen schien, die Zeiten
eines Alcibiades nach modernen Principien zurückzurufen. In Wahrheit,
dieser Kavalier vereinigte in sich eine Summe von Liebenswürdigkeit
und Vorzügen, die ihn zu einem wahren Prototyp der fasshionablen
Männerwelt machten. Es hatte Natur und Kunst für ihn mit einem Worte
-- Alles gethan, und noch +ein Stückchen dazu+. Er war schön,
reizend, blendend, er war geistreich, witzig, gelehrt, er war vornehm,
fürstlich, ja uns dünkt sogar -- von königlicher Verwandtschaft; er war
reich, mächtig, großmüthig, verschwenderisch, stark wie ein Cyklope und
sanft wie eine Hamadryade....
Und doch hatte bei diesem Monstrum von Schönheiten -- der Schöpfer
Eines vergessen; Dasjenige nämlich, was er ihm schon deßhalb nicht
geben kann, weil er ihm alles Uebrige gab, denn Dieses und Jenes sind
Gegensätze, die einander aufheben. Dieses Eine, was dem Chevalier
fehlte, und welches kein Gott ihm zu ersetzen im Stande war -- es war
Dasjenige, was gerade einem Charakter die höchste poetische Weihe
gibt: es war jene schöne menschliche Mangelhaftigkeit, jener große,
oder jene tausend kleinen Fehler, wodurch ein kleines Individuum
+interessant+, ein großes zum +tragischen Helden+ wird.
Dieses Ingredienz, dieser Mangel im Menschen, oder eigentlich dieser
+negative Vorzug+ ist es ja, welcher uns, in seiner höchsten
Potenz, beim Anblick eines +Cäsar+, eines +Byron+, eines
+Napoleon+, hinreißt -- während uns die makellose, glatte Reinheit
eines edlen Menschen blos kalt erhebt. --
Nicht daß es dem Chevalier an Fehlern und Untugenden gemangelt hätte;
ich weiß nicht, ob er auch nur im entferntesten Sinne einen Vergleich
mit jenen edlen Menschen ausgehalten hätte, welche wir zuletzt
nannten, vorausgesetzt, wir hätten ihn mit dem Maßstabe der reinen
Moral zu messen; nach den Begriffen der Gesellschaft und Zeit jedoch
war Herr von Marsan das Muster eines vornehmen Mannes, d. h. eines
Salonsubjektes.
Ach, Ihr guten Seelen, die Ihr in kleinen Häuschen mit Strohdächern,
unter denen Schwalben und Bienen nisten, wohnt, Ihr habt freilich
keinen Begriff von +dieser+ Tugendhaftigkeit und +dieser+
Mustergiltigkeit. Nach Eurer unverständigen Meinung wäre dieser
Chevalier vielleicht weiter nichts, als ein hübscher, reicher,
leichter, träger, thörichter, vielleicht auch gutherziger, jedenfalls
aber ausgelassener und gewissenloser junger Springinsfeld gewesen. Gut,
daß Euer Votum in der Wagschaale der +bessern Gesellschaft+ nicht
gilt -- Ihr würdet dort eine schöne Confusion damit anrichten.
Doch wir wissen jetzt ungefähr genug von dem Charakter des Ritters von
Marsan und eilen nun zu den Begebenheiten, worein wir denselben schnell
verflochten sehen.
Eines Tages machte Edmund mit seinem Freunde, dem Grafen von Wollheim,
einen Spazierritt in den Prater, als er, beim ersten Kaffeehause
angelangt, ungefähr hundert Schritte davon ein Gedränge von Menschen,
Pferden und Equipagen bemerkte. Hier muß etwas Außerordentliches
vorgefallen sein, wiewohl dies nicht nothwendig ist und schon eine
unbedeutende Kleinigkeit hinreicht, die guten Wiener sich mitten
auf der Straße zu einer Schaar versammeln und neugierig den Himmel
anstaunen zu sehen....
Als unser Freund näher kam, bemerkte er einen Herrn zu Pferde, der
mit dem Thiere, welches äußerst widerspenstig schien, mit einer Kunst
verfuhr, die ihn zum größten Reiter des Jahrhunderts stempelte. Dieser
Herr hatte den Rücken gegen Edmund gekehrt, und so konnte dieser nicht
wissen, wen er da vor sich habe. Jedoch schien es ein junger und
äußerst glänzender Kavalier -- sein Pferd aber war von arabischem
Vollblut, „halb Hirsch und halb Vogel,“ wie +Balzac+ sagt.
„Er wird das Thier doch nicht zum Stillstehen bringen.“
„Es ist vergebens! Das ist ein wahrer Teufel von einem Afrikaner!“
„Wie heißt das Pferd nur gleich!“
„Jussuf! Jussuf ist sein Name.“
Diese Urtheile und Reden erschollen rings herum. Mitunter ließ eine
von den schönen Damen, die aus den Wagen den schönen Reiter durch
ihre Lorgnetten betrachteten -- einen leisen kokettirenden Angstruf
hören.... oder die Herren zu Pferde suchten durch das gewöhnliche:
„Prrr! -- Ohe! Heh! Heh!“ den wilden Jussuf zu besänftigen helfen
-- was jedoch von dem fremden Reiter stets mit einer stolzen und
unwilligen Bewegung erwiedert ward. -- Dieser schien endlich in die
höchste Wuth zu kommen -- er riß den Zügel so heftig an sich und
versetzte dem muthwilligen Thiere mit Sporn und umgekehrter Gerte einen
so furchtbaren Schlag -- daß Jussuf wie ein Mensch aufstand, sich auf
die Hinterbeine setzte -- und schon zu überschlagen in Gefahr war....
Ein tausendstimmiger Schrei der Zuschauer erfüllte die Luft....
Aber im Augenblick, wo die Gefahr am größten war, wo das Leben von
Mensch und Thier nur mehr auf einer Nadelspitze stand -- machte der
Fremde, welcher kalt und lächelnd in den Steigbügeln stand -- eines
von jenen Maneuvres mit Zügel und Schenkel, die ein Geheimniß der
Araberhäuptlinge und zwei bis drei Europäer sind -- -- und Jussuf, als
sei er plötzlich in ein Hündchen verwandelt worden, ließ die Ohren
fallen -- senkte die Augen, welche zuvor höllische Funken gesprüht
hatten -- zog die dampfenden Nüstern zusammen -- -- jetzt mit einer
Viertelkreiswendung drehte es sich auf den Hinterfüßen herum und ließ
sich ruhig auf die Erde nieder, ohne ferner auch nur mit einer Muskel
zu zucken.
Bei dieser Evolution, welche an die Mythen der Centauren erinnerte --
lös’te sich ein zweiter allgemeiner Ruf aus der Mitte der Zuschauer; es
war einer der Bewunderung und des Erstaunens.
Noch nie hatte man so etwas in Wien gesehen, wo es doch in der That an
bedeutenden Reitern, deren Koryphäe der Graf S-- ist, auch nicht fehlt.
In dem Augenblick, in welchem der außerordentliche Fremde sein Pferd
herumgedreht hatte -- erkannte Edmund in ihm den +Chevalier von
Marsan+. Es bedurfte keinen zweiten Augenblick und der Jüngling
hatte sich durch den dichten Kreis der Umstehenden hindurchgedrängt
und stand neben seinem Freunde. Dieser erkannte ihn sogleich und ein
lauter Willkomm erscholl von beiden Seiten. Zuerst bezeigte Edmund
ihm seine Bewunderung über die glänzende That, deren Zeuge er so eben
gewesen -- der Chevalier jedoch bat lächelnd, nicht weiter von „dieser
Kleinigkeit“ zu sprechen -- wischte sich jedoch mittlerweile den
dichten Schweiß von der Stirne, welchen diese +Kleinigkeit+ darauf
gesäet hatte. -- Nach und nach zerstreuten sich wieder die Zuschauer,
die meisten jedoch nicht eher, als bis sie sich dem Wundermanne noch
einmal ganz dicht genähert hatten, um ihn auf ewige Zeiten ihrem
bereitwilligen Gedächtnisse einzuprägen.... Nur noch einige Herren zu
Pferde blieben neben Marsan, da sie zu seiner Gesellschaft gehörten. Es
waren meist auch Bekannte des jungen Randow und sie störten daher nicht
bei der Freude des Wiedersehens, welche sowohl dieser wie der Chevalier
empfand.
Man setzte nun den Ritt nach dem Jägerhause fort, gefolgt nur noch von
einigen Spießbürgern, die zu spät gekommen waren -- den Wundermann
jedoch noch, und sei es mit Aufopferung einiger Jahre ihres Lebens,
sehen mußten; auch etliche Gassenjungen trabten beständig zur Seite
einher. --
„Ach, mein theurer, theurer Marsan! -- wie finde ich Sie verändert,
seit wir uns das letzte Mal sahen! Es war vor 5 Jahren und Sie zählten
damals 21. Jetzt hat das Mannesalter Alles an Ihnen vervollkommnet.
Es sind zwar dieselben Züge, aber kräftiger und fester -- es ist
derselbe Wuchs, dieselbe Haltung, Alles, Alles -- -- nur in Allem viel
gediegener, wie soll ich sagen? perfekter! --“ Es fehlte wenig und
der gutmüthige Bursche, der in Liebe und Freundschaft eine Andacht
besaß, die ihm im ganzen übrigen Leben so sehr fehlte, ja, deren
+Gegentheil+ ihn hier sogar charakterisirte -- -- es fehlte wenig
und er wäre dem Franzosen sammt dessen Jussuf -- vom Pferde aus um den
Hals gefallen...
„Und Sie, mein bester Edmund, wie ist es Ihnen seither ergangen?“
fragte der Chevalier theilnahmsvoll: „Uebrigens sind Sie mir seit
länger als einem Jahre die Antwort auf mein letztes Schreiben, welches
ich Ihnen von Brüssel durch den Baron d’Orville zugesandt habe,
schuldig.“
„Beim Himmel, Freund, ich habe weder den Baron noch Ihren Brief
gesehen; auch ist es mir nicht erinnerlich, daß ein d’Orville jemals
unsere Stadt berührt hätte. Allein wie verhält es sich um diese Sache
-- Herr von L**?“ wandte der junge Randow sich an einen ältern Herrn,
der ihm zur Seite ritt, und welcher Herr eines von den lebendigen
Neuigkeitsbureaux vorstellte, an denen in der _société_ einer großen
Stadt wahrlich kein Mangel ist.
Herr von L**, das Neuigkeitsbureau, (er wußte Alles) sann ein wenig
nach, murmelte dann zwischen den Lippen „d’Orville, d’Orville“ -- --
und sagte zuletzt mit der größten Bestimmtheit: „Ein solcher Kavalier
ist hier ganz gewiß nicht durchgereis’t.“
„Das kann möglich sein.... denn der Baron, der immer auf Reisen
ist, hat die Gewohnheit, seine Route hundert Mal in einem Tage zu
verändern.... und er ist im Stande, sich z. B. von hier aus auf
die Reise nach dem +Ladoga-See+ zu begeben; in der Nähe der
russischen Grenze -- besinnt er sich dann -- kehrt um und reis’t nach
+Portugal+. --“
In diesem Augenblick fuhr an der Cavalcade eine Equipage vorbei. Marsan
wandte sich zufällig nach der Seite und stieß beim Anblick der Personen
im Wagen einen leisen Ruf aus.
„Was haben Sie? Was haben Sie?“ fragte Edmund.
„Können Sie mir vielleicht sagen,“ gegenfragte der Chevalier rasch --
„wem dieser Wagen gehört?“
Erst jetzt blickte Edmund nach demselben: „Mein Gott!“ rief er
erstaunt -- „sollte dies möglich sein? -- Dies ist die Equipage
meiner Schwester, der Gräfin A--x; da sie uns jedoch bereits zu weit
vorgekommen ist, kann ich nicht sagen, ob Cölestine selbst sich darin
befinde. Indeß wäre dies ihre erste Fahrt im Prater.... die ganz
unvermuthet geschehen sein würde -- denn so viel ich weiß, ist die
Zeit, wo sie sich zum ersten Male mit ihrem Gemahle zeigen sollte --
noch nicht erschienen.“
„Ah!“ versetzte Marsan nachdenklich: „jener Herr neben ihr war also ihr
-- Gemahl....“
„Wenn sie es ist -- ganz zuverläßlich.“
„Brünett, ernst, männlich, fast etwas stark...“
„Ganz recht, ganz recht! -- Es ist Alexander!“
Marsan erstaunte einen Augenblick lang; er sah einige Mal
angelegentlich der Equipage nach, die bereits sehr weit vor ihnen dahin
rollte, abwechselnd von einer Staubwolke eingehüllt.
„Also -- erst seit kurzem vermählt?“ richtete derselbe halbleise die
Frage an Edmund...
„Seit einigen Wochen!“ versetzte dieser: „Allein wie es scheint, so
nehmen Sie ungewöhnlich Antheil an dieser Begebenheit, mein Freund. Ist
Ihnen vielleicht Graf A--x näher bekannt?...“
„O nicht doch,“ erwiederte Marsan lächelnd: „ich habe nie etwas von
diesem Herrn gehört...“
Der Ton in dem letztern Worte war fast schneidend und der Chevalier,
der dies erst jetzt zu merken schien, setzte schnell, gleichsam als
wollte er sich korrigiren, mit einer freundlichen Ungezwungenheit
hinzu: „Ich wollte nämlich sagen, daß mir die +Person+ des Grafen
gänzlich unbekannt sei -- denn sein Name ist es keineswegs; dieser
Name, der einer der glänzendsten des Kaiserstaates ist -- --“
„Nun gut;“ fiel Edmund ein -- „aber dann sagen Sie mir, was diese
Theilnahme sonst zu bedeuten hat...“
„Ei, mein Freund,“ bemerkte Marsan mit jener Liebenswürdigkeit in Ton
und Blick, der man nicht leicht zu widerstehen vermochte: „die Sache
ist, daß eine Dame meiner Bekanntschaft auf dem Gute meiner Mutter
in der Provence jener Dame im Wagen, die Sie Ihre Schwester nennen,
überraschend ähnlich sieht... das ist das Ganze...“
Hiermit ward das Gespräch auf einen andern Gegenstand geleitet und die
Cavalcade trabte einem Seitenwege zu. Marsan war der Leiter, jedoch
hatte er diesen Seitenweg gleichsam nur so zufällig eingeschlagen....
Auf diesem kürzeren Wege nun konnte man nach dem Jägerhause, welches
der Schlußpunkt einer gewöhnlichen Praterpromenade ist, -- schneller
als auf jedem andern gelangen, und kam daher den Wagen und Reitern,
welche die Hauptstraße einschlugen, vor. -- Hieran dachte jedoch
Niemand, auch wußte Marsan die Unterhaltung so zu lenken, daß durch
sie die Gesellschaft hinlänglich beschäftigt ward. So allein war es
möglich, daß man die Equipage Cölestinens, worin in der That sie mit
ihrem Gemahle saß, zum zweiten Male begegnete -- ohne daß Jemand etwas
davon merkte. Nur der Chevalier machte hiervon eine Ausnahme.... er
warf in einem Augenblick, wo alle Andern tausend Schritte weit davon
wegsahen, einen raschen und kurzen Blick in den Wagen; dieser Blick
jedoch war hinreichend, um in Marsans Geiste eine Fülle entzückender
Bilder -- in seinem Herzen eine Fülle heißer Wünsche zu erregen....
Alles dieses schien jedoch äußerlich nur dazu zu dienen, um aus seinem
Munde ein kaltes, gleichgiltiges Gelächter, wie man ein solches hundert
Mal des Tages aufschlägt, zu locken, womit er sich dann an seine
Umgebung wandte, indem er dabei nach zwei Jungen wies, die in einiger
Entfernung davon sich balgten.
Man kehrte noch vor dem Jägerhause um und begab sich auf den Rückweg.
Der Chevalier war nicht heiterer und auch nicht trauriger wie zuvor.
Es schien nichts vorgefallen zu sein. Er sprach über Dieses und Jenes,
kam aus dem Hundertsten ins Tausendste, wie es der Charakter einer
Conversation unter jungen Männern dieses Standes mit sich bringt.
Am Eingange des Praters trennte sich die Gesellschaft und zerstreute
sich nach verschiedenen Gegenden. Der Chevalier und Edmund indeß
blieben beisammen, da der Erstere ihn eingeladen hatte, seine Wohnung
kennen zu lernen und mit ihm zu Mittag zu speisen.
„Wir haben uns ja so lange Zeit nicht gesehen -- und so müssen wir uns
endlich recht fest und ordentlich ansehen. Ach, mein Freund, wie freue
ich mich, so wider Vermuthen mit Ihnen zusammengetroffen zu sein!“
bemerkte Marsan.
„So wußten Sie also nicht, daß ich in Wien sei?“
„Gewiß nicht; ich vermuthete Sie tausend Meilen weit von hier. Sie
stießen mir ja in keiner der ersten Gesellschaften auf...“
„Mein Freund -- der Grund hievon ist die Heirath meiner Schwester. So
lange sie nicht in die Gesellschaft zurückkehrte -- hielt ich es für
passend, ihr darin zu folgen.“
„Sehr richtig; dies beweis’t einen feinen Takt, lieber Edmund. --
Uebrigens -- wird vielleicht die Abgeschiedenheit der Gräfin A--x,
Ihrer Schwester, nicht mehr lange dauern...“
„Ich vermuthe es selbst, nachdem ich weiß, daß sie sich heute im Prater
gezeigt hat. -- Ach, die theure Cölestine! Wie gerne hätte ich sie
gesehen!“
Dieses Gespräch über Cölestine schien den Chevalier sehr anzuziehen
und er suchte den Andern so lange als möglich dabei festzuhalten. Sie
gelangten so in die Wohnung Marsan’s, welcher eine Etage auf dem
+Graben+ gemiethet hatte und sich hier mit fürstlichem Glanze
umgab.
Eine reichgallonirte Dienerschaft empfing sie in der Einfahrt des
Hauses und nachdem die Freunde vom Pferde gestiegen waren, schritten
sie hinauf in eine der prachtvollsten Belletagen, welche Edmund jemals
gesehen.
Neuntes Kapitel.
Die Thorheiten der Welt und die Leidenschaften des Herzens.
Edmund war in der That über die neuesten Verhältnisse im Hause seiner
Schwester nicht unterrichtet. Heute Morgen hatte Cölestine mit
ihrem Manne zum ersten Male sich in mehreren Häusern gezeigt. Dies
Geschäft war nicht länger aufzuschieben. Das arme Ehepaar konnte den
tausendfachen Machinationen, womit man in der vornehmen Welt ein Haus
einzusprengen versteht, nicht ferner widerstehen. Sie seufzten, sie
zürnten -- aber sie mußten endlich nachgeben.
Nirgends ist man ein größerer Sklave als in den Cirkeln, welche sich
die guten nennen. Nicht in dem +äußern+ Zwange, dem man sich
unterwerfen muß, liegt das Wesen der Sklaverei; nein -- sondern daß
man hier unsere Seele, unser Herz, unsere heiligsten Empfindungen zu
knechten versteht, das ist es, welches einen Salon mit dem untern
Schiffsraum afrikanischer Küstenfahrer in eine Parallele stellt. Und
bei Gott, sie fällt zum Vortheil der letzteren aus. Was liegt mir
daran, ob man jenes Theil an mir, welches jeden Augenblick durch einen
herabfallenden Dachstein -- durch einen Trunk kalten Wassers, durch
einen verfehlten Tritt vernichtet werden kann, mißhandelt, mordet.
Hab’ ich es doch nie besessen, da ich es keine Stunde +sicher+
besaß. Aber jenes göttliche Theil in mir, welches unvergänglich und
unvernichtbar ist.... jenes Theil, über das selbst Tod und Natur nichts
vermag, zu knechten, zu quälen, zu peinigen, es an seiner erhabenen
Entwicklung und in seinem geheiligten Streben zu hemmen -- -- diese
Wunde schmerzt gewaltiger, ja, sie allein kann schmerzen -- und nie
werden wir sie ganz verschmerzen.
Von dieser trüben Betrachtung war auch unser junges Ehepaar
durchdrungen.... es war dies der Tropfen Wermuth, der sich stets in
ihren vollen Freudenkelch mischte... Ach, +ein+ Tropfen ist
hinreichend, das ganze Leben zu vergiften!
Doch wer zum Schmerz geboren ist, entgeht demselben nicht; und
unsere vornehmen Stände wissen in der That mehr von diesem Kapitel
zu erzählen, als jene glücklichen, beschränkten armen Leute, deren
Schicksal wir thörichter Weise beklagen. -- Ach, geht doch hin in einen
Salon und hebt diese glänzenden Decken, diesen goldnen Zierrath weg,
welche Euch so sehr die Augen blenden: wie viel Elend und Jammer werdet
ihr unter denselben finden. Ich weiß, daß ich hier eine alte Geschichte
erzähle -- -- ich habe sie jedoch selbst erlebt und besitze das Recht,
sie zu wiederholen.
Und so mußten sich denn Cölestine und Alexander aus ihrer wärmsten,
seligsten Umarmung reißen -- mußten die süße Einsamkeit, diese Zeugin
ihres jugendlichen Liebesglückes, verlassen, um den Ansprüchen einer
erbarmungslosen Welt Genüge zu thun. Dahin waren jetzt die holden
Stunden, welche Morgens beim Erwachen anfingen, um erst tief um
Mitternacht zu enden! So ungetrübt und schrankenlos beglückend sollten
sie nie mehr wiederkehren. Dahin waren die Tage voll Sonnenschein --
und die Nächte voll Sternenpracht! -- dahin die stillen Gemächer,
verhüllt mit dichten Vorhängen und mit eifersüchtigen Schlössern
verriegelt!... dahin der Garten mit den treuen Boskets und der
unzugänglichen Grotte!.. Alles, Alles, +ihre+ ganze Welt dahin,
verschwunden, versunken wie ein fabelhaftes Land!... Von nun an gab es
für sie nur eine laute, lebende, wilde, kalte, unverschämt zudringliche
Welt: Salons mit offenen Thüren -- Boudoirs mit durchsichtigen
Gazevorhängen -- Equipagen -- Praterfahrten -- Theaterabende -- Bälle
-- Zorn -- Aerger -- Verläumdungen -- Mißmuth -- Verzweiflung oder --
Verderbniß. --
Dies Alles sah ihre ahnende Seele voraus und darum schien ihr der
Abschied aus der Einsamkeit ein Abschied vom Leben:
„Wie glücklich waren wir, mein Alexander!“ sagte das liebende Weib
zärtlich, als er ihr mit schwerem Herzen verkündigte, daß Jenes
geschehen müsse, was er selbst am schwersten fürchte.
„O!“ rief er aus, seiner erlogenen Fassung nicht Meister bleiben
könnend: „wir werden nimmer so selig sein! Cölestine, das Glück, was
wir besaßen -- kehrt nicht mehr so hold zurück! Dies ist ein Gedanke,
der ein Menschenherz zerreißen könnte....“
„Lass’ uns nicht verzagen!“ entgegnete sie sanft und legte ihren
weichen Arm um seinen Nacken: „Warum sollen unsere süßen Stunden nicht
ganz so wiederkehren? -- Wir sind nicht für immerdar von einander
geschieden. Trennt uns auch der Tag; der Abend, die Nacht führt uns
ja wieder zusammen.... und dann unsere Seelen wissen nichts von jenem
Zwang, sie werden stets beisammen sein!“
So beruhigte sie ihn mit Worten, welche aus treuem, liebendem Herzen
kamen -- und er, er glaubte ihr so gerne. Wenn man liebt, wenn man
anbetet -- dann +glaubt+ man auch. Und es sind gerade die
skeptischen, die mißtrauischen Naturen -- welche im Augenblick der
Leidenschaft und Liebe sich zur innigsten Ueberzeugung hinreißen
lassen....
Ist aber dieser Augenblick vorbei.... wird Liebe oder Leidenschaft auch
nur durch den leisesten Windhauch verletzt: dann erwacht der Zweifel in
diesen Herzen, und mit riesiger Gewalt reißt er sie zum Wahnsinn hin.
Doch Alexander vertraute der Geliebten; er sah ja, daß sie nur in ihm
und für ihn lebte... Nein, nein, er hatte noch nicht die geringste
Störung empfunden an dem süßen Frieden seiner Seele. -- -- Ach, er
liebte unaussprechlich!
Wie gesagt, sie hatten bereits in mehreren Häusern Besuche gemacht.
Ueberall waren sie mit einer Freude empfangen worden, der es an Worten
nicht fehlte. Man sagte ihnen tausend schmeichelhafte Dinge -- und
Alexander war entzückt über die Komplimente, welche man seiner Gemahlin
zu ihrem heitern, rosigen, reizenden Aussehen machte. Imgleichen vergaß
man bei diesen Lobsprüchen auch seine Person nicht -- nun glühten
wieder die Augen Cölestinens im Feuer der Freude -- ihre Wangen färbte
holde Zufriedenheit, und sie sagte sich im Stillen:
„Das Alles ist mein Verdienst! Denn ich habe ihn so gemacht, wie er
jetzt ist.“
Außerordentliches Aufsehen machte die naive Antwort, welche sie einer
Dame auf die Frage gab: „An welchen Tagen in der Woche werden Sie Ihre
Salons der Gesellschaft öffnen, meine Beste?“
„Meine Beste,“ hatte Cölestine geantwortet: „ich weiß es noch nicht.“
In weniger als vierundzwanzig Stunden war diese Aeußerung der jungen
Frau in allen Häusern herumgekommen und überall rief man aus:
„Ach, welche affektirte Einfalt! Man könnte es sogar einfältig nennen.“
Und dies war es auch. Einfältig war es gesprochen -- aber mit jener
heiligen Einfalt, in der Gott unsere Herzen geschaffen hat. -- Dieses
liebevolle und glückliche Weib hatte wirklich noch nicht an Pflichten
gedacht, die der Welt so +überaus wichtig scheinen+, dem Herzen
aber so wenig, daß es sie vergißt.
In fünf bis sechs Tagen hatte das Ehepaar die Tour beendigt; die
Equipage des Grafen A--x hatte so ziemlich in allen großen Straßen der
Hauptstadt angehalten. -- Aber damit war nur noch die Hälfte der Arbeit
geschehen; denn jetzt sollten die Besuche erwiedert werden, jetzt
fuhren die fremden Equipagen colonnenweise vor dem Palais des Grafen
auf.
Und nun wurden die Augen mit jener unverschämten Neugier, die bis in
den letzten Winkel dringt, in diesen Sälen umhergeworfen -- -- da gab
es denn wieder Stoff zu Abhandlungen in bekannter Weise.
Als man an dem Geschmack Cölestinens und ihres Gemahls nichts
auszusetzen fand, kritisirte man die Pracht, und fragte sich mit
allerliebster Albernheit: „Ist das wirklich Alles persisch, indisch
und antik -- was man uns da als solches gezeigt hat? Nicht, daß wir
den ernsten Grafen A--x für fähig hielten, uns damit einen kleinen
Schelmenstreich zu spielen.... sondern es ist möglich, daß man
+ihm+ einen solchen gespielt hat. O, man versteht es jetzt
vortrefflich, etrurische Vasen, pompejanische Candelabers und indische
Draperien zu erzeugen, d. h. in Europa. O, man hat Beispiele! --“
Glaube man ja nicht, daß das +Verläumden+ aus unseren neueren
Salons ausgewiesen sei und von +schlechtem Geschmack+ zeige --
wie Herr +Eugen Sue+ uns versichern will. Es ist möglich und
ich selbst kann mich dessen erinnern, daß man diesen Satz überall
öffentlich +ausspricht+ -- -- aber man thut es nur, um ihn
insgeheim +um so weniger zu befolgen+. -- Wir sind in dieser
Hinsicht, wie in noch so mancher andern, beim Alten geblieben.
Unsere Freunde: der Graf und die Gräfin von Wollheim, Herr und Frau von
Porgenau, Fräulein von Bomben, die Stiftsdame -- erschienen unter den
ersten Gästen.
Der Graf von Wollheim hatte vorzüglich deßhalb seinen Besuch so beeilt,
weil er seit längerer Zeit seinen Busenfreund Edmund nicht mehr zu
Gesichte bekommen, ihn in dessen Wohnung vergeblich gesucht und ganz
sicher bei Cölestine zu finden gehofft hatte. -- Leider sah er sich
in seinen Erwartungen getäuscht und dies tobte fürchterlich in seinem
Innern. Sein +Durst+ war nicht allein daran schuld, obgleich, nach
seiner eigenen Behauptung, er diesen Durst nur in Compagnie mit seinem
jungen Freunde und Schüler gehörig zu löschen verstand; in der That
zog ihn wirklich das Herz -- zu dem Letzteren hin, den er nun schon
seit so lange nicht fand. Im höchsten Grade wüthend, zog er sich in
ausfallender Weise von der Gesellschaft zurück, ließ seine Frau sitzen
-- und begab sich allein aus dem Hause fort in ein Nebengebäude, wo,
wie er wußte, die Jäger und Forstbedienten des Grafen haus’ten. Er
setzte sich mitten unter sie -- ließ Wein holen und fraternisirte mit
ihnen, so, als befände er sich unter Brüdern. Natürlich, daß er nicht
unterließ, sich zu betrinken, -- in diesem Zustande nun ergriff er eine
Flinte, hing Pulverhorn und Schrotbeutel um seine Schulter -- trat in’s
Wirthschaftsgebäude und schoß hier Sperlinge, Schwalben, Tauben, Hühner
und Fasanen zusammen....
Man mußte dem Jagdingrimm unseres Nimrod mit Gewalt Einhalt thun.
Während dieser Zeit producirten die übrigen Originale ihre Künste
eben im Salon der Gräfin Cölestine. Frau von Porgenau lachte sich die
Kolik in den Leib über den fulminanten Humor ihres Gemahls, des sehr
ehrenwerthen Herrn von Porgenau. Gräfin Wollheim erzählte einige
rührende Strickstrumpfgeschichten und brachte alle Augenblicke den
Frauen-Hülfsverein zur Sprache, über den das Stiftsfräulein toller als
je loszog:
„Nicht nur meine Erfindung: die Composition aus Pech, Theer und
Teufelsd--, nicht nur meine Fußangeln und Daumenschrauben, haben
sie zurückgewiesen --“ sagte sie; „stellen Sie sich vor -- -- mich,
mich selbst, das Stiftsfräulein von Bomben, mich selbst und meine
Person wollten sie für die Zukunft zurückweisen, mich aus der Liste
der Vereinsmitglieder streichen, mir Sitz und Stimme nehmen... Ist
das erhört? -- -- Nein, bei Nero! so wurde noch Niemand für seine
philanthropischen Bestrebungen belohnt!.. So in den Koth getreten wurde
Tugend, Menschenfreundlichkeit und Erfindungsgeist noch nie -- seit
die Welt steht, seit es Fußangeln und warme Unterröcke gibt.... Aber,“
fuhr die Biederfrau, glühend vor edler Entrüstung auf: „aber dies
sollen sie mir auch büßen, jene liebenswürdigen Damen vom Comité! Sie
sollen es büßen! -- So wahr Dionysos sein +Ohr+ gebaut -- so wahr
Heliogabalus seine +Stühle+[C] erfunden hat! Ich, ich sage das;
ich schwöre es und bin +Mann+ genug, meinen Schwur zu halten.“
Man ließ diese verfolgte Tugend ausreden, sodann aber schnitt man ihr
das Gespräch für die ganze übrige Zeit dadurch ab, daß man Musik machte
und Gesänge vortrug.
Mit einem Male öffnete der Bediente die Thür und meldete die Namen
+Edmunds+ und des +Chevalier de Marsan+. --
Bei der Nennung des Letztern entstand plötzlich eine athemlose Stille
und alle Blicke richteten sich nach der Thür, durch welche jetzt die
beiden jungen Männer eintraten. Jenes Gemurmel blieb nicht aus, welches
bei solchen Gelegenheiten sich zu verbreiten pflegt -- und welches für
die angekommene Person, falls sie nicht Routine genug hat, eben so
angenehm ist, wie das Gesumme eines heranziehenden Bienenschwarms für
einen armen Teufel ohne Maske...
Edmund stellte Cölestinen seinen Freund vor und dieser wurde von ihr
mit jener liebenswürdigen Freundlichkeit aufgenommen, an welcher sie
alle Welt theilnehmen ließ. Der Chevalier verweilte nicht lange in
ihrer Nähe -- er ließ sich sofort auch mit dem Grafen bekannt machen.
Hier fand er die Behandlung, wie sie unter Männern von gutem Ton
üblich ist; und es schien, als trachtete er auch nicht nach mehr; denn
auch ihn verließ er alsbald, um sich mit Edmund nach einem Winkel
zurückzuziehen, wo einige Herren sich mit politischen Discussionen
unterhielten. Marsan stellte sich inmitten dieser Gruppen -- er
achtete auf nichts weiter -- ihn schien nichts mehr in diesem Salon zu
interessiren. --
„Nun -- haben Sie ihn gesehen? Was sagen Sie von ihm?“ begannen zwei
Damen auf einer Ottomane mit Lorgnetts in der Hand, welche sie immer
dahin richteten, wohin sie nicht sahen....
Sie kennen doch die Taktik der Lorgnetten, meine Leserinnen? Man
schielt darunter oder daneben weg -- und Niemand weiß, wohin Sie
blicken. --
„Ach, theure Freundin,“ antwortete die Andere: „Was ich von ihm sage?
-- Er ist einer der schönsten Männer, die mir im Leben vorgekommen.“
„Mich dünkt, er hält sich nicht ganz gerade.... Ich glaube, sein Wuchs
würde die strengere Kritik nicht befriedigen...“
„Im Gegentheil! Eben sein Wuchs ist unvergleichlich!“
„Und auch sein Mienenspiel! Es ist zu lebhaft!“
„Es ist südlicher Natur -- meine Freundin!“
„Allerdings.... aber wir hier im Norden!--“
„Uebrigens hat Herr von Marsan, wie man mir sagte, allerorts die
günstigsten Urtheile hervorgerufen...“
„Allerorts? Ist Wien auch gemeint?“
„Gewiß.“
„So bedaure ich, daß ich eine Ausnahme mache; allein ich halte den
Chevalier nicht im Geringsten für verführerisch -- hahaha!“
„Man spricht indeß von seinen Siegen, die er über die stolzesten Herzen
davon getragen --“
Hierauf hatte die Andere nur ein mitleidiges Lächeln....
Da ward dieses Gespräch durch den Herzutritt einer dritten Dame
unterbrochen, welche sich mit der Lobrednerin des Chevaliers in ein
Gespräch einließ. Sogleich fing die zweite, welche früher so viel Tadel
über ihn ausgegossen, an mit ihrer Lorgnette zu manövriren, wie oben
angegeben...
Die Gute richtete das Glas beständig nach dem Klavier, welches in der
Mitte des Salons stand -- ihre Augen indeß schweiften beständig um die
Gruppe, welche seitwärts war und in welcher Gruppe sich Marsan befand.
Edmund verließ seinen Freund nicht. Augenscheinlich jedoch schien
er von diesem zurückgehalten, -- selbst Cölestinen, der geliebten
Schwester, hatte er sich noch nicht zum zweiten Male genähert. Sie war
indeß von anderen Personen so zahlreich occupirt, daß sie den Bruder
kaum entbehrte. Nur nach Alexander warf sie von Zeit zu Zeit Blicke,
deren zärtlicher Ausdruck immer ungestümer zu sagen schien:
„Ach, wäre nur dieser Tag schon zu Ende!“
Er war darüber glücklich wie ein König; und dieses Glück im Herzen, wie
sollte er seiner Umgebung nicht liebenswürdig erschienen sein. In der
That hieß es allenthalben:
„Aber haben Sie den Grafen A--x je so gesehen, wie heute? Er ist ein
ganz Anderer geworden.“
„Die Ehe scheint ihm sehr wohl zu bekommen.“
„Ein düsterer Timon hat sich da zu einem Ausbund von Artigkeit und
Galanterie verwandelt. Haben Sie je früher bemerkt, daß er sich mit
einer fremden Person länger als zwei Minuten unterhalten hätte? und
heute amüsirt er eine Gesellschaft von zehn bis zwölf Personen so
unvergleichlich -- daß sie seine Nähe nicht verlassen, die nichts als
Frohsinn und Heiterkeit zu verbreiten scheint...“
„O -- meine Herren,“ sagte ein dritter; es war dies ein Jüngling, der
für sehr unternehmend galt und ungeheuer viel Erfahrungen gesammelt
haben sollte: „man muß in dieser Zeit +heirathen+... damit ist
+Alles+ gesagt, d. h. +Alles gethan+. Sie glauben, gewisse
Menschen mache die Liebe glücklich, die sie in der Ehe finden -- es
zeigt sich jedoch, daß sie blos das +Geld+ glücklich gemacht
hat... Bei Andern ist es umgekehrt. Was endlich die dritten betrifft,
so wissen sie selbst nicht, weßhalb sie nach ihrer Verheirathung
glücklicher sind -- als vor derselben.... Es gibt Leute, denen man
allerhand in den Kopf setzen kann.... haha!“ Der Jüngling lachte
äußerst selbstgenügsam.
„Es scheint jedoch nicht -- daß Graf A--x unter Ihre dritte Classe
gehört, mein Lieber!“ versetzte einer der Vorigen: „Dieser Graf scheint
recht gut zu wissen, +was er besitzt+.“
„Ich hatte auch nicht die entfernteste Absicht, hier +ihn+ zu
meinen; dies schwöre ich.“
Das waren Worte eines Thoren, die jedoch im Leben sehr oft in Erfüllung
zu gehen pflegen; denn das Leben ist ein großer Freund jener Ironie,
die uns oft Thränen, nicht selten das Leben selbst kostet. --
Trotzdem, daß die Gesellschaft schon wider Vermuthen zahlreich geworden
war, vermehrte sich dieselbe noch mehr durch immer neu hinzukommende
Individuen, worunter mehrere zum ersten Male der Gräfin vorgestellt
wurden. -- Das ist bei Eröffnung eines Hauses nicht ganz in der
Ordnung, indeß, was läßt sich dagegen thun? -- Da stiegen denn
Physiognomien im Salon umher, wie sie Cölestine gewiß nicht freiwillig
um sich versammelt hätte, -- Physiognomien, die für den Griffel eines
Granville oder Phiz von unbezahlbarem Werthe gewesen wären...
Unter diese Physiognomien und Subjekte hatte sich auch Eines
hereingeschlichen, welches, gleich nachdem es eingetreten war, sich
rasch hinter einer Versammlung verlor -- an der Wand hinhuschte, immer
das dichteste Gedränge, ja selbst Möbeln wählend, um sich dahinter zu
verstecken... Dieser Mensch trug einen dichten und dunklen Backenbart,
der ihm das halbe Gesicht bedeckte -- und der, wiewohl das schwer zu
erkennen war, ein falscher schien; ferner hatte er Brillen vor den
Augen und eine dunkle Tour auf dem Kopfe; auch sein Anzug war nicht
sein gewöhnlicher; kurz dieser Mensch schien um eines besondern Zweckes
willen sich maskirt und in diese Gesellschaft eingeschlichen zu haben.
Wie er so hinstrich, lauerte und hastig umher blickte, hätte man ihn
für den bösen Geist nehmen können, der unsichtbar die Gesellschaft
umschwebte.
Allem Anscheine nach war es ein noch junger Mensch.
Jetzt hatte sein Falkenblick die Person Cölestinens erspähet und hing
an ihr fest wie an einer langgesuchten Beute... von diesem Augenblick
verließ er sie nicht; er beobachtete jedes Zucken ihrer Augenbrauen,
jedes Mienenspiel ihres Gesichtes. -- Immer durchdringender ward
sein Blick -- immer finsterer und wilder. -- Endlich schien eine Art
schadenfrohen Lächelns um seinen Mund zu spielen, er murmelte vor sich
hin:
„So ist es schon recht. Sie sitzt allein, umgeben von fremden Menschen,
die sie jedoch alle weit mehr zu interessiren scheinen, als ihr eigner
Gatte. -- Der Thor! Warum ging er in die Schlinge! -- Hätte er nicht
wissen können, -- daß sie seine, wie jede andere Liebe mit -- Verrath
vergelten wird?“ Und seine Augen, die vorhin starr nach ihr allein
geblickt hatten, bewegten sich nun, rasch wie der Blitz, im ganzen
Saale umher... Er lachte bitter -- drückte sich fester hinter einen
Fenstervorhang, der ihn den Blicken völlig entzog und sah von hier aus
mit teuflischem Grinsen dem Treiben der Gesellschaft zu, jedoch nicht
ohne von Zeit zu Zeit Cölestine wieder ins Auge zu fassen, die für ihn
stets der Mittelpunkt, ja, der einzige Punkt in dieser kleinen Welt zu
sein schien....
Doch sie sollte es nicht lange bleiben. Mitten in seinem dumpfen
Hinstarren zuckte er jetzt plötzlich, als wäre ein Pfeil vor ihm
niedergefahren, zusammen: -- -- sein Blick hatte den +Chevalier von
Marsan+ erspähet.
Dies hatte nun an sich freilich nicht viel Bedeutendes; die einfache
Person des Chevaliers konnte unsern Geheimnißvollen nicht mehr wie jede
andere von den tausend Millionen Personen, welche diesen unsern Globus
bevölkern, interessiren. Die Person also war es nicht, und zudem kannte
er den Chevalier nicht einmal....
Es war gleichfalls ein Blick gewesen, der ihn so entsetzlich
niederschmetterte; es war ein Blick voll heißen Feuers, welchen der
Chevalier, der sich unbeobachtet wähnte, nach Cölestine geworfen. --
Sie jedoch hatte nichts davon bemerkt; sie hatte keine Ahnung von dem,
was außer dem engen Kreis, der sie in diesem Augenblick umschloß und
wozu auch ihr Gemahl gehörte -- im Salon vorging... sie war unschuldig
an den Anschlägen, welche von zweifacher Seite gegen sie geschmiedet
wurden.
Der Vermummte schien in diesem Augenblick mit sich heftig zu kämpfen,
welchem von den Zweien er seine Aufmerksamkeit schärfer, beharrlicher,
durchdringender, wuthvoller zuwenden sollte: Cölestinen oder dem
Chevalier. Er glich einer Schlange, die zwei Opfer vor sich sieht
-- beide verschlingen möchte und daher mit keinem den Anfang machen
will, weil sie fürchtet, das andere möchte ihr inzwischen entgehen.
Ein Fieber hatte ihn ergriffen und schüttelte an seinen Gebeinen, daß
diese an die Fensterwand anschlugen, wie hölzerne Klöppel... er konnte
sich kaum mehr halten und drohte vor Zorn und Ohnmacht jeden Augenblick
niederzusinken...
„O wäre es möglich,“ bebte es von seinen bleichen Lippen: „Wäre es kein
bloßes Kindermährchen: ich würde in diesem Augenblick jenem Satan und
seiner höllischen Macht gerne meine halbe Seligkeit verschreiben --
-- könnte ich damit nur den Elenden dort von der Erde wegblasen, oder
tausend Meilen weg von hier versetzen....“
Er hatte Marsan gemeint, Marsan, der jetzt in einer Ecke saß, den
Rücken gegen die Gräfin gekehrt, die er jedoch in einem Spiegel vor
sich erblickte, ganz so wie ein Bild in einem Rahmen, -- und von
welcher er kein Auge verwandte -- in deren Zügen, in deren Geberden, in
deren Bewegungen und Worten (denn auch diese schien er aus der Bewegung
ihrer Lippen zu errathen) er las -- wie in einem Buche, mit dessen
Inhalt er sich gänzlich vertraut machen wollte.
Die Gesellschaft fing endlich an sich zu zerstreuen. Alles ging nach
Hause; auch Herr von Marsan verließ an Edmund’s Arme den Salon. Der
Vermummte war nicht der Letzte; mit wildem Widerstreben, aber gezwungen
von unerbittlicher Nothwendigkeit, hatte er, wie er gekommen war, sich
fortgeschlichen. Während alle Uebrigen nach der Stadt ihren Weg nahmen,
verfolgte er einen Pfad nach dem Augarten. Hier langte er noch vor der
Thorsperre an -- verlief sich in entfernte, waldige Partieen -- warf
sich im Dunkel der Gebüsche auf die Erde nieder und -- verbrachte hier
die Nacht.
Er hatte sie im heftigsten Fieber -- im Wahnsinn von hundert
Leidenschaften: in Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Wuth und Rachsucht
hingebracht. --
* * * * *
„O mein Alexander!“ rief Cölestine, als sie sich in ihrem Hause mit dem
geliebten Manne wieder allein fand: „So ist endlich Alles vorbei --
alles Schale und Traurige vorüber -- und nur die Freude ist geblieben.
Wir haben uns jetzt wieder -- wir können wieder glücklich sein, und
was wir so lange entbehren mußten, ersetzt das gütige Schicksal in
diesen Augenblicken uns in doppelter Fülle.... So komm denn, theurer
Gatte, Mann meiner Wahl, komm an mein Herz -- und lass’ mich wieder die
Schläge des Deinigen hören.... Lass’ uns eilen, lass’ zur geheimsten
und einsamsten Stätte unserer Liebe uns flüchten -- und nicht eher
werde sie verlassen, als bis uns eine tyrannische Gewalt von ihr
wegreißt. --“ Sie bot ihm ihre Lippen dar und er hing sich daran,
saugte an ihnen, wie ein Insekt an dem Kelche einer Blume. --
Fürwahr, diese zwei Menschen genossen eines Liebesglücks, wie es nicht
mehr begehrenswerther kann gefunden werden. -- --
Zehntes Kapitel.
Ernste und heitere Zwischenszenen.
Allein wir haben eine sehr ehrenhafte Person dieser Geschichte gänzlich
aus den Augen verloren und beeilen uns daher, sie wieder aufzusuchen,
um uns auch nach ihrem Schicksale zu erkundigen und dies um so mehr,
als dasselbe in letzterer Zeit sehr traurig sich zu gestalten anfing.
Was kann es auch Lustiges um eine +Erkältung+ oder gar um eine
+polizeiliche Vorladung+ sein; und beide diese Schläge trafen
doch, wie wir wissen, zu gleicher Zeit das Haupt Althings, unseres
Bruders Althing, des großen Herzenstyrannen und Weiberbesiegers
Althing! -- O wie seufzte er unter diesen Schlägen auf, der Arme.
Fürwahr, so hat noch Niemand geseufzt! Man hörte ihn bis in’s dritte
Nachbarhaus hinüber.
Mit der Erkältung war es noch so ziemlich gegangen; einige Gläser
Essenz, (ein Artikel, welchen Althing zu Hause in allen Sorten und zu
allen möglichen Zwecken: Aufregungen und Dämpfungen besaß) hatten auf
seinen dicken Leib die wohlthätigste Wirkung geäußert;... allein die
Polizei, die Polizei! Diese war dem Armen viel gewaltiger in den Leib
gefahren, als die Kälte.
Die Sache war, daß unser Dicker mit ihr zum ersten Male in Berührung
kam; und Jedermann weiß doch, wie ängstliche Menschen ein Uebel,
welches sie noch nicht kennen, für weit furchtbarer halten, als es
wirklich ist. Althing dachte schon, man würde ihm auf dem Polizeibureau
die +eiserne Jungfrau+ zu küssen geben, und ein so großer Freund
der Jungfrauen er im Ganzen auch war -- vor dieser hatte er doch sehr
großen Respekt. --
Wie glücklich war er daher, als nach angestelltem Verhör ihm bedeutet
wurde, er sei verurtheilt, 10 Gulden zu bezahlen und einen Verweis zu
bekommen.
„O tausend Verweise, wenn Sie wollen, meine Herren!“ hatte er in seiner
entzückten Dummheit gerufen; und in der That, es war ihm ein Leichtes
mit dem Verweis: er hörte ihn nicht. Ach, seine Phantasie flog schon
wieder auf den Straßen der schönen Kaiserstadt und in den 2ten, 3ten,
4ten, 5ten und 6ten Etagen umher.
Er war kaum aus dem Polizeihause getreten, als er sich schon auf’s
Casino verfügte, um da eine körperliche Restauration mit sich
vorzunehmen: er aß und trank jedoch so eilfertig, als beabsichtige er
irgend eine Flucht. Wirklich stürzte er auch, noch mit dem letzten
Bissen im Munde, hinaus -- -- um dem ersten Dämchen, das ihm begegnen
würde, die Begleitung seiner holden Persönlichkeit anzubieten.
War es Zufall oder Schicksalsfügung -- (wir haben es schon irgendwo
bemerkt, daß dies zwei Benennungen für +eine+ Sache seien)
er stieß -- und das beinahe mit der Nase -- zuerst auf jenes böse
Wesen, um derentwillen er alle letzteren Schläge erlitten hatte; um
derentwillen er bei Daum compromittirt, im tiefen Graben begossen
und endlich von der Polizei aufgegriffen und verurtheilt worden....
dieses reizend-verhängnißvolle Wesen stand schon wieder vor ihm. Er
besann sich einen Augenblick, denn er fühlte sich wirklich ein wenig
consternirt. Aber unser Mann wurde bei solcher Gelegenheit zuletzt
immer entschlossener, als ein Türke: „Ah! Bah!“ murmelte er unter
seinem gefärbten Schnurbart: „das sind Possen, was mir da einfällt! Es
gibt kein Fatum -- kein Omen! Es gibt in der Welt nur Gewißheiten, und
nichts ist mir reellere Gewißheit, als ein hübsches Schürzchen. Darum
-- ohneweiters dieser da nach, Freund Althing! -- und hat sie dich auch
früher in die Patsche geführt -- vielleicht wird sie dir’s jetzt um so
süßer vergelten. Die Weiber haben ein mitleidiges Herz... namentlich
bei Männern von einem gewissen Aussehen!“ Noch ehe er diesen Satz
beendigte, hatte er sie schon eingeholt: „Mein schönes Kind,“ fing er
an und watschelte an ihre linke Seite: „erkennen Sie mich noch?“ Die
Grisette antwortete nicht und setzte rasch ihren Weg fort.
„Ei,“ begann er wieder: „Sie thun, als ob Sie mich in Ihrem Leben
niemals gesehen hätten! Das ist ein wenig stark! Blicken Sie mich doch
ein Bischen an -- vielleicht wird Ihnen (wenn nicht Ihr Herz, doch) Ihr
Auge Etwas sagen.“
„Ich wüßte nicht,“ lachte das Mädchen, „was mir mein Auge sagen sollte!“
„Wie? Sie wissen es wirklich nicht? Nun, mein Täubchen -- versuchen
Sie’s doch nur ’mal. Vielleicht werden Sie finden, daß ich für Sie
keine fremde Person mehr bin, -- hm, hm!“
Dieses „Hm, hm“ hatte Althing ertönen lassen, weil er so eben wieder
mit seinen Sporren hängen geblieben war und seine Beinkleider tüchtig
ausgerissen hatte. Jedoch es war jetzt nicht die Zeit, an Kleiderrisse
-- es war vielmehr die Zeit, an Herzensrisse zu denken und er fuhr fort:
„Sie dürften am Ende doch noch finden, mein Schätzchen -- daß ich
derselbe Herr bin, welchem Sie da neulich bei Daum’s Kaffeehause ein
Rendezvous gegeben -- -- ein Rendezvous, was mir, bei Gott, theuer
genug zu stehen gekommen; Sie dürften ferner finden, daß ich auch
derselbe Herr bin, der Ihnen auf dem tiefen Graben nachgegangen --
dem Sie die Hausthüre vor der Nase zugeschlagen -- -- und zuletzt
noch als +höchstes+ Liebeszeichen vom 6ten Stockwerk den Inhalt
eines Gefäßes auf den Kopf gegossen haben -- das Alles dürften Sie
finden. Und doch, meine Theuerste, ist das Alles -- bei weiten
nicht das ganze Alles. Da kann ich Ihnen noch mit einigen andern
Aufopferungsgeschichten aufwarten: so zum Beispiel, daß ich mir
aus Liebe zu Ihnen eine Erkältung zuzog, aus welcher ein heftiges
Nervenfieber entstand -- ferner, daß ich von der Polizei in Beschlag
genommen und wie ein blutiger Verbrecher behandelt wurde, -- das
Alles und noch unzähliges Andere habe ich für Sie erduldet, getragen,
gelitten, mein reizendes Kind.... und mit gutem Gewissen kann ich
hinzusetzen, gelitten wie ein Mann, wie ein Held! Und jetzt frage ich
Sie: wollen Sie noch immer so thun, als kennten Sie mich nicht; als
wäre ich für Sie nichts? -- Antworten Sie, Holdeste!“
„Nun wohl,“ versetzte das Mädchen, die seiner ganzen früheren
Schmerzengeschichte unter anhaltendem Kichern und Gelächter zugehört
hatte: „so will ich Ihnen denn sagen, mein Herr -- daß Sie der
unausstehlichste und zudringlichste alte Mensch sind, der mir je
vorgekommen!“
„Was?“ schrie Althing, wie gelähmt stehen bleibend und sie am Arme
ergreifend: „Was unterstehen Sie sich da?“
„Lassen Sie mich los!“ schrie sie: „oder ich rufe um Hilfe! -- Ja, ja,
ich will es Ihnen nochmals wiederholen: noch niemals habe ich einen
überlästigeren Menschen gefunden, als Sie. Was haben Sie nöthig, mich
beständig zu verfolgen?... Alles was Sie bei mir erreicht zu haben oder
zu erreichen glauben, ist pure Einbildung. -- -- Erstens habe ich Ihnen
niemals eine Bestellung gegeben....“
„Wie -- Sie haben mich nicht zu Daum bestellt?...“
„Ich weiß kein Wort davon.“
„Sie sagten ja, Sie würden dort um 2 Uhr Nachmittags vorüber gehn.“
„-- Ich sagte das, um Sie los zu werden, als Sie mir nicht auf andere
Art vom Halse gehen wollten....“
„Ah, so also?“
„Ja, ganz so.“
„-- -- Indeß -- indeß gingen Sie gleichwohl bei Daum vorbei.“
„Aber nicht um 2 Uhr.“
„Was schadet das: um 2 oder 12 Uhr, das ist gleich. Ich war einmal dort
und wollte Ihnen eben folgen --“
„Dies wäre Ihnen schlecht bekommen.“
„Weßhalb, mein Fräulein?“
„Weil der Obermarqueur, der mein Geliebter ist, Sie am Rockschoße hielt
-- und --“
„Ach! Ach!“ fuhr Althing auf: „jetzt begreife ich den ganzen
Zusammenhang. Jener unverschämte Bengel oder Marqueur war also Ihr --
-- Geliebter! Darum wollte der Kerl mich durchaus nicht fortlassen --“
„Bis Sie bezahlt hätten; das ist so Weltgebrauch....“
„Allein -- Mademoiselle, für diesen Weltgebrauch habe ich Ihrem holden
Geliebten einen Fußtritt versetzt -- hahaha!“
„Und er gab Ihnen denselben zurück, hahaha!“
„Er empfing von mir annoch eine Ohrfeige...“
„Und er blieb Ihnen auch diese nicht schuldig, hahaha!“
„-- O -- aber, meine Theure, glauben Sie mir, es beweis’t einen sehr
schlechten Geschmack, einen Marqueur zum Geliebten zu haben...“
„Der Geschmack ist verschieden. Was mich betrifft, so ist mir ein
hübscher Marqueur viel lieber -- als ein häßlicher alter Geck.... Ich
habe in dieser Hinsicht den Geschmack so mancher Fürstin und brauche
mich seiner also nicht zu schämen...“
„Allein...“
„Allein, mein Herr, ich erlaube mir Ihnen zu bemerken, daß dies
Gespräch mich bereits dermaßen langweilt -- daß ich, sofern Sie mich
nicht augenblicklich verlassen, ernstlich auf Mittel denken werde,
mich von Ihnen zu befreien.... Ah, dort sehe ich meinen Freund! Es ist
+Franz+, der Polizeikorporal. -- -- Heda! Herr Franz! Herr Franz,
hören Sie!“
„Um Gotteswillen!“ rief der Dicke erbleichend und einen Satz seitwärts
machend, daß er von der Grisette weg bis mitten auf die Straße gerieth:
„verschonen Sie mich mit Ihrem Freund! -- Von dieser Gattung Freunde
habe ich schon genug erfahren!...“ Und ohne sich weiter lange zu
bedenken, machte unser Liebesheld schnell noch einen Satz, welcher ihn
bis zur andern Seite der Straße brachte -- ließ Liebe, Leidenschaft
und Zärtlichkeit im Stich und schlug eilends einen Weg ein, der
entgegengesetzt von demjenigen war, welcher die Grisette mit ihrem
„Freunde“ zusammenführte.
„Teufel!“ meinte Althing, als er endlich nach langem Rennen sich in der
Gegend der Piaristen in Sicherheit fand --: „Teufel! dieses Mädchen
hat aber auch ganz kuriose Freundschaften: Marqueurs, Polizeikorporale
und ähnliche Staatsmänner.... da bleibe ich, aufrichtig gesagt, recht
gern aus dem Spiele. -- Allein, was man auch sagen mag,“ fuhr er fort,
„sie bleibt doch eine ganz allerliebste Hexe -- und wäre nur wenigstens
der verdammte Polizeikorporal nicht -- ich glaube, sie würde mir noch
immer den Kopf verdrehen können.... Allein, so wie die Sachen stehen,
bin ich freilich vollkommen geheilt und preise mein Schicksal, das
mir zum zweiten Male beistand gegen Anfechtungen der Polizei....
Jedoch in Zukunft will ich mich auch in Acht nehmen und nicht mehr so
hineinstürmen in’s Leben und in die Liebe. -- Alle Donner! mein lieber
Althing -- Du hast freilich auch ein viel zu hitziges Temperament!
Das Jugendblut schäumt noch zu sehr in Deinen Adern! Du mußt Dich
gewöhnen, kälter, hartherziger, stolzer zu werden.... Dann werden Deine
Siege sich verdreifachen -- wiewohl, was ihre Zahl betrifft, Du mit
ihnen auch jetzt nicht eben unzufrieden zu sein brauchst -- haha!“ Er
fing an seine Schritte zu mäßigen; jetzt machte er die Bemerkung, daß
die Menschen, bei denen er vorbeikam, Blicke nach ihm warfen: „Was hat
das zu bedeuten?“ fragte er sich. -- „Nun, nun -- was wird es wohl zu
bedeuten haben? Sie sehen Dich an, mein guter Althing, das ist Alles.
-- Die Liebe hat so eben Deine Wangen geröthet, -- Dein Auge glänzt
noch im höhern Feuer, alle Muskeln Deines Körpers zeigen eine gewisse
Elastizität: es ist kein Zweifel, Du imponirst diesen Leuten -- sie
bewundern Deine Gestalt -- Deinen Reiz.“ -- Er fuhr selbstgefällig
fort: „Das, was man nicht von Natur hat, kann man sich nicht selber
geben. Die Schönheit ist ein Geschenk Gottes.... Man kann sie nicht
erwerben. -- Wie muß ich über so manchen armen Teufel lachen, der
von dem Allerhöchsten in dieser Hinsicht weniger bedacht ward -- wie
muß ich über seine Anstrengung lachen, sich schöner zu machen, als
er ist... Ach, mein Guter, sag’ ich ihm dann: lass’ das! alle Mühe
ist hier vergebens. Du wirst nie ein erträgliches Gesicht zu Stande
bringen, -- alle Deine Salben, Pomaden und Schminken nützen Dir zu
nichts. Bei uns hingegen thut es einfaches Brunnenwasser -- ein bischen
Seifenschaum dazu! Wir sind in dieser Hinsicht wie unsere Göttin: die
holde Venus. Ihre und unsere Reize steigen fertig aus Wasser und Schaum
hervor. --“
„Aber zum Guckuk -- -- was sehen mich denn diese Menschen gar so
sehr an, und einige lachen noch dazu?... Sollte meine Gestalt heute
ungewöhnlich verführerisch sein?... Ach, sie werfen ihre Blicke nach
meinen Beinen... haha! Ja, unsere Beine!... Alle Donner!“ fuhr er
plötzlich auf, nachdem er seine stolzen Blicke hinabgerichtet hatte auf
seine Füße: „Was ist da mit meinen Beinkleidern geschehen? -- Sie sind
lauter Fetzen! -- -- O verfl-- Sporren! O Unglück! -- O entsetzliches
Unglück!“ Und er lief so schnell er vermochte in den offenen Thorweg
eines Hauses hinein -- einige Gassenjungen aber, die ihm beständig
gefolgt waren, stellten sich draußen vor dem Thore auf und erhoben ein
lautes Geschrei:
„Wohnt kein Tandler hier! Wohnt kein Tandler[D] hier! Es will Einer
eine alte Hose verkaufen! Eine Hose! Eine Hose!“
Althing schwitzte drinnen dicke Tropfen. Er fand sich schon wieder
in einer fürchterlichen Klemme. Das Schicksal hörte nicht auf ihn zu
verfolgen.... und womit hatte er es denn verdient?
Da führte dasselbe plötzlich einen leeren Fiaker vorbei. Dies war eine
große Gnade vom Schicksal. Althing rief den Fiaker an und dieser lenkte
seinen Wagen dicht vor den Thorweg. So stieg denn unser Unglücksmann
unter dem Jauchzen von dreißig Jungen ein, die ein Vivat um’s andere
riefen, daß ihm dabei die Sinne vergingen.
„Wohin befehlen Euer Gnaden?“ hatte der Kutscher schon mehrmals
gefragt, ohne daß es von dem Dicken vernommen worden wäre.
„In die nächste Straße,“ sagte er endlich: „vor das Palais des Generals
von Randow -- mein Freund.“
„Wie -- Euer Gnaden wollen in diesem Aufzuge dem Herrn General eine
Visite machen? --“
„Bewahre Gott, bewahre Gott!“ seufzte Althing: „ich will bloß zu
seinem Sohne -- der mein Freund ist und zum Glück hier nahe bei dem
Schauplatze meines Unglücks wohnt -- zu ihm will ich mich begeben. Er
wird mich einstweilen mit andern Beinkleidern versorgen...“
„Ah -- das ist etwas Anderes, und Euer Gnaden thun daran sehr
recht; denn in diesem da -- sehen Sie gerade so aus, wie der Herr
+Knieriem+ im Lumpacivagabundus. - Hott, Brauner! hott! --“
Der Wagen hielt vor dem Palais. Wie aber hineingelangen? Das ganze Haus
mußte den Unglücklichen und seine Beinkleider sehen. Es war eine neue
Schlinge, die ihm das boshafte Schicksal legte.... Da fiel dem Fiaker
plötzlich ein großer Gedanke ein (die Fiaker sind geborne Genies!):
„Wissen’s was, Euer Gnaden?“ sagte der Bursche.
„Nun?“ spitzte unser Adonis seine Ohren.
„Ziehen’s da meinen Mantel an -- und kein Mensch im Hause wird Sie
erkennen. In dieser Maskirung können’s dann bis zu Ihrem Freunde, dem
jungen gnädigen Herrn kommen....“
Dieser Rath war Goldes werth. Althing dankte dem Fiaker mit einer
Thräne im Auge, dieser aber zog seinen Mantel vom Bocke herab und warf
ihm denselben um.... Alles dieses geschah in wenigen Augenblicken....
Althing sah in diesem Costüme einem Banditen nicht unähnlich, denn
der Mantel war von hellgrüner Farbe und der spitzbübische Fiaker
hatte ihm denselben so umgeworfen, daß er sich drappirte und auf
Althing’s Schultern hing, wie ein Theatermantel... Aber da war keine
Zeit zu verlieren.... Der Dicke schritt mit entschlossenem Wesen in
das Palais bei dem Portier vorbei, welcher die Augen aufriß, wie über
eine nächtliche Erscheinung. Der Fiaker aber, mit dem Hut in der Hand,
schritt unserem Alten nach -- und lachte in’s Fäustchen.
So gelangten sie quer durch den Hof nach dem linken Flügel des
Gebäudes, wo Edmund wohnte. Althing ging die Treppe hinauf und fragte
einen Diener, der ihm begegnete, ob dessen Herr zu Hause wäre....
„Was will man denn bei ihm?“ antwortete der Kerl mit mißtrauischem
Blick.
Da öffnete der Seladon seinen Mantel, und der Diener rief nun: „Ah,
Sie sind es, gnädiger Herr? Aber in welchem Aufzuge! Ist denn heute
Maskenball bei uns?“
„Dummkopf!“ fuhr Althing auf: „ob der Herr zu Hause ist, frage ich.“
„Nun ja -- gewiß; aber er wird in diesem Augenblicke nicht zu sprechen
sein.“
„Und weßhalb? Wegen meines Anzuges da?“
„Nein, sondern weil ein fremder Herr bei ihm ist, mit welchem er
eifriger Geschäfte halber sich in ein Zimmer eingeschlossen hat.“
„Ei -- was thut das? -- Er wird doch wohl nicht ewig mit diesem Herrn
eingeschlossen bleiben.... und überdies brauche ich ihn am Ende gar
nicht zu sprechen.“
Althing war während dieser Gespräche immer höher gestiegen; jetzt stand
er vor den Zimmern seines Freundes. Er riß hastig die Thür des nächsten
auf -- -- und durchzog mit stürmenden Schritten eine ganze Reihe. Die
Diener, welche auf seinen Anblick nicht vorbereitet waren, flohen
entsetzt nach allen Seiten, indem sie riefen: „Ein Räuber! Ein Bandit!
Zu Hülfe! -- --“
Dieses Geschrei verbreitete sich im ganzen Quartiere -- es gelangte
auch zu Edmund. Dieser, der nicht wußte, was es bedeutete, öffnete
seine Thüre und wollte eben darnach fragen. -- -- Da stürzte ihm
Althing im romantischen Costüme entgegen -- wenig fehlte, so hätte er
auch den jungen Mann in die Flucht geschlagen:
„Aber -- zum Teufel!“ rief dieser: „bist Du es denn, Althing?“
„Ich bin’s! ich bin’s, lieber Freund.“
„Aber was hat denn das Alles zu bedeuten? Kommst Du aus dem Tollhause
oder vom Theater?“
„Keines von Beiden, bester Edmund...... Es war eine Laune von mir,
weiter nichts....“
„Was -- eine Laune?“
„Oder vielmehr -- eine Nothwendigkeit! -- Und hier dieser Mann,“ -- er
wies auf den Fiaker, welcher nicht von seiner Seite wich -- „hat Alles
zu verantworten. --“
„Das heißt: die zerrissenen Hosen des gnädigen Herrn haben es zu
verantworten....“
„Nun, ja auch das!... Denke Dir nur, lieber Edmund -- wie ich da unten
an den Beinen aussehe -- hehe!“ Er warf den grünen Mantel ab und wies
die hintern Theile seines Körpers und seiner Kleider...
„Tausend Sapperment! -- Aus welchem Welttheile kommst Du denn? Was sind
denn dies Alles für Kleider?“
Jetzt erst erzählte Althing den ganzen Zusammenhang der Geschichte und
nun war Edmund nicht länger im Stande, den Ernst, welchen er aus dem
Zimmer mitgebracht hatte, zu behaupten. Er lachte wie toll -- ließ
seinen Kammerdiener kommen und befahl ihm, den dicken und entblös’ten
Freund in die Garderobe zu führen. „In einer halben Stunde,“ setzte
er gegen diesen gewendet hinzu, „sehen wir uns wieder; Du magst bis
dahin Dich in mein Rauchzimmer verfügen -- dort wirst Du neue Cabannas
finden oder wohlriechenden Persier, den Du aus Wasserpfeifen rauchen
mußt...! Bis dahin Adieu!“
Der Fiaker erhielt seinen grünen Mantel und seinen Lohn und begab sich
inmitten einiger Lakaien hinweg, denen er den ganzen Vorfall erzählen
mußte und welche, wie es die Art dieser Schelme ist, über das Malheur
ihrer Herren oder dessen Freundes ein größeres Vergnügen empfanden, wie
über irgend ein fremdes.
Althing hatte sich bald wieder angekleidet. Nur mit seinem Schnurbart
war er noch brouillirt. Dieser hatte unter dem Mantel, womit der Dicke
sich zeitweise bis zur Nase bedeckt hatte, die ganze Farbe verloren;
und ein solcher Artikel war auf Edmunds Toilette nicht zu finden, weil
der Jüngling von Natur mit einem Haar vom schönsten Kastanienbraun
bedacht war... Allein einem so wichtigen Mangel mußte abgeholfen werden
und unser Adonis besann sich nicht lange; er schickte den Diener,
der ihm beim Ankleiden geholfen, fort, griff nach einem in der Nähe
stehenden Gefäße, welches er für ein Dintenfaß hielt, und bestrich sich
mit dem Inhalt tüchtig den Bart...
Aber o Entsetzen! Kaum daß er damit angefangen, als er ein Prickeln und
ein Surren an seiner Lippe verspürte... bald erfüllte ein höllischer
Gestank seine Nase -- ein brennender Schmerz verbreitete sich an
der Lippe, drang immer tiefer ein -- der schöne Bart krümmte sich,
schrumpfte ein -- -- und fiel stückweise herab... der Schmerz wurde
fürchterlich -- die Lippen schwollen an...
Der Unselige hatte sich mit Vitriolöl eingeschmiert.
Wo aber war während der Operation seine Nase gewesen? Hatte er das
Oel nicht gerochen? -- Ach, er war zu sehr beschäftigt und von seinen
Reizen erfüllt... er hatte keinen Geruch, kein Gehör, keinen Geschmack
-- er hatte nur Augen gehabt, der Bedauernswerthe. Diese Augen sahen
aber auch nur -- ihn. --
Auf sein Geheul liefen abermals die Diener herbei. O weh! wie sah
dieser noch vor wenigen Augenblicken so schöne Mann aus! Es schien, als
gehörte er, seinem Kopfe nach, zu dem Geschlechte der Elephanten -- so
rüsselförmig hatte sein Mund sich gestaltet.
Man brachte ihn aus dieser Rauchatmosphäre heraus, die sehr nachtheilig
auf das metamorphosirte Glied einzuwirken schien, und trug ihn in ein
anderes Zimmer. Hier wurde er auf ein Sopha gelegt und man begann
ihn oder eigentlich seinen Rüssel mit Eisumschlägen zu traktiren.
Die jedoch schienen seine Schmerzen nur zu vergrößern und so sah
man sich denn genöthigt -- da keiner von den Dienern medizinische
Kenntnisse besaß -- nach einem Arzte zu senden. Aber die Zeit, bis
dieser erschien, war für unsern unglücklichen Adonis eine Epoche
schauderhafter Höllenqualen: „Oh! Oh!“ wehklagte er -- „was ist mit mir
geschehen?.. Das brennt und sengt ja, als wenn zehntausend Pechfackeln
darauf geschleudert würden! -- Ein ganzes Rudel von Beelzebubs tanzt
mir auf dem Munde herum! -- Ein Gehenna, ein Gehenna -- wächst mir
unter der Nase hervor! -- --“ Aber so deutlich wie hier angegeben wird
-- konnte der Gequälte nicht sprechen. -- Es war ein stotterndes und
stammelndes Geschrei, was seinem Munde entströmte... Zuletzt wurde es
ganz unverständlich -- er konnte die Lippen nicht mehr auseinander
bringen -- sie schienen zu verwachsen. --
Nach ewiglangem Zögern erschien der Sohn Aeskulaps. Sogar er schlug
die Hände zusammen und konnte ein leises Gelächter nicht unterdrücken
-- als er hier einen berüsselten Menschen vor sich erblickte. Der Fall
war ihm noch nicht vorgekommen. -- Die Gesetzbücher Aeskulaps jedoch
haben auch einem solchen Fall vorgesehen; überhaupt findet man in ihnen
selbst für die unmöglichsten Fälle Rath -- -- nur daß letzterer häufig
nicht viel hilft.
[Illustration: S. 212]
War es Bleiweißsalbe oder ein anderes Spezifikum, was der Doctor
verordnete, genug es wurde eine Salbe auf einen Leinwandlappen
gestrichen und dies dem Patienten auf den Rüssel gelegt.... Da ein
ungeschickter Lakai ihm auch die Nase damit bedeckte, so war der Arme
in Gefahr zu ersticken -- und nur indem er sich des Lappens mittelst
eines kühnen Risses entledigte, befreite er sich vom Tode.... Eine
gewandtere Hand legte das Pflaster jetzt dahin, wohin es gehörte -- und
so ward die Ordination des Doctors vollzogen.
-- -- Mittlerweile fand in dem Zimmer nebenan ein sonderbarer Auftritt
statt. Es war dies dasselbe Zimmer, wo Edmund sich mit jenem +fremden
Herrn+, von welchem der Diener zu Althing, als dieser sich im
Banditenkostüm die Treppe hinauf begab, gesprochen...
Der +fremde Herr+ nun war noch bis zur Stunde mit Edmund in diesem
Zimmer eingeschlossen. Man urtheile also, von welcher Wichtigkeit diese
Conferenz sein mußte -- da nicht einmal der pathologische Vorfall mit
Althing im Stande war, Edmund aus dem Zimmer zu locken.
Der +fremde Herr+, von welchem die Rede ist, war ein merkwürdiger
Kauz. Seine Figur rangirte ihn zur Hälfte unter die Affen, zur andern
Hälfte unter die Menschen. Seine Physiognomie läßt sich am besten mit
der jenes Meisters +Jocko+ vergleichen, der in +Van Akens+
Menagerie so große Sprünge machte. Aber unter dieser Physiognomie saß
der Verstand eines Archimedes. Mit einem Worte, unser Mann war in der
Mathematik ein wahres Phänomen; denn er konnte Euch auf’s Haar beweisen
-- daß Ihr, falls Ihr ihm für 1000 Thlr. 3000 verschreibt, mindestens
500 dabei gewinnen müsset.
Ich glaube für einige meiner geliebten Leser deutlich genug gesprochen
zu haben.
Was den Anzug des Biedermannes betraf, so bestand dieser aus folgenden
Stücken:
Ein graues Beinkleid aus dem Zeitalter der Maria Theresia mit einem
braunen Fleck am Hintertheil, welcher (nämlich der Fleck) aus der Zeit
Josephs stammte -- einem blauen Fleck auf dem rechten Knie, der unter
Leopold geboren war und einem hellgrünen Besatz vorne auf dem Bauche;
dieser Besatz entstand während der ersten französischen Invasion.
Ferner ein Rock -- zweien Dritteln nach einen Frack und einem Drittel
nach einen Spenzer bildend -- von einer unzuenträthselnden Farbe.
Dieser Rock war zu allererst ein Mantel gewesen -- aus welchem man
später ein Wams -- dann einen Ueberrock -- dann eine altfränkische
Schößen-Weste -- und endlich das gegenwärtige Mittelding zwischen
Frack und Bonjour gedrechselt hatte. -- Der älteste Ursprung dieses
Kleidungsstückes verliert sich in die Zeiten Gustav Adolphs.
Ferner die Weste. Ihr Ursprung war nicht anzugeben. Sie schien
indeß schon bei dem heidnischen Götzendienst der alten Germanen als
Priestergewand funktionirt zu haben.... Statt der Knöpfe waren an
dieser Weste natürliche Eicheln angenäht.... Zur Schonung jedoch
knöpfte ihr Eigenthümer seine Weste niemals zu.
Vom Hemde war bei ihm keine zuverläßliche Spur.
Das Halstuch mochte wohl schon einmal bei einer Leiche als Trauerflor
geglänzt haben.
Die Stiefeln des Mannes waren veritable Wunderstiefeln, unzugänglich
dem Wasser sowohl wie dem Feuer. -- Hier saß ein Fleck auf zehn
andern... Man konnte sagen: vor lauter Flecken sah man den Stiefel
nicht.
Den Hut endlich anlangend, so mochte derselbe in guten Zeiten auch als
Pferdesattel gedient haben... Man konnte nicht sagen: „er hatte diese
oder jene Form,“ weil dieser merkwürdige Hut alle Formen annahm...
Von den Stiefeln bleibt noch zu bemerken, daß sie ursprünglich
verschiedenen Gattungen angehört hatten: der eine war lang und mit
Kanonen versehen -- der andere ein Trichterstiefel, wie sie die Ritter
trugen. An dem letzteren war noch ein Stück, von einem Sporren zu sehen.
Es darf jedoch das Beste nicht vergessen werden. Der achtungswürdige
Besitzer dieser Kleidersammlung trug in der Hand ein Instrument,
welches einer Keule nicht ganz unähnlich war: deßhalb man auch eher
sagen konnte, er +schleppte+, als er +trug+ dieses Instrument. An
diesem Instrument oder an dieser Keule war oben ein Handriemen,
welchen der Biedere um seine Finger geschlungen hatte.... so daß er
das holde Instrument daran hin und her schwingen konnte wie einen
Glockenschwengel.
Der Mann nannte die Keule sehr zärtlich seinen „besten Freund“ und
dabei lächelte er so seelenvergnügt, als hätte Achilles von seinem
Freunde Patroklus gesprochen.
Nachdem wir nun die Gestalt des Mannes beschrieben haben, bleibt uns
nur noch übrig, Einiges von dem Gespräche mitzutheilen, welches er mit
Edmund in diesem Zimmer bei festverschlossenen Thüren seit länger als
einer Stunde führte. -- Freilich muß der Leser darauf verzichten, das
+Ganze+ dieser interessanten Unterredung zu erfahren; indeß wird
er sich hoffentlich auch bei dem Wenigen begnügen.
„+Lips+“ hatte Edmund gesagt, indem er mit zorniger Miene ein
Papier zwischen seinen Händen herumzerrte: „Lips, Sie sind mir ein
entsetzlicher Mensch! Ein Teufel, ein Schurke!“
„Alles was Euer Gnaden beliebt,“ hatte Lips geantwortet; „ich bitte nur
um Eins -- -- zerren Sie dieses Papierchen nicht so sehr hin und her:
es wird, auf Ehrenwort! noch entzwei gehen...“
„Was schadet das, da Du Dir von jeder Schuldverschreibung, von jedem
Wechsel +zwei Originale+ geben lässest.“
„Zwei ist besser als Eins -- -- sagte ein großer Philosoph in Spanien,
und dieser große Philosoph hatte, auf Ehrenwort! Recht....“
„Aber -- Lips.... Du mußt mir noch in dieser Stunde 300 Dukaten
schaffen -- und solltest Du sie in der Hölle holen.“
„Das ist nicht nöthig, mein Gnädiger: ich trage die 300 Füchse bei mir
-- --“ antwortete Lips und schwang seine Keule hin und her...
„Nun was zögerst? Du dann? Heraus mit ihnen!“
„Augenblicklich -- sobald es Ihnen früher gefallen wird, mir das
Papierchen, welches ich da Ihren hohen Händen präsentirte und was Sie
so erschrecklich verarbeiten -- zu honoriren. Es macht 1500 Gulden! Auf
Ehrenwort! Eine Kleinigkeit!“
„Aber wenn ich sie besäße -- brauchte ich ja Deine 300 Dukaten nicht.“
„Das ist gewiß; allein wie können Sie einem Geschäftsmanne zumuthen,
Ihnen neuen Kredit zu geben -- da Sie Ihre alte Schuld bei ihm noch
nicht getilgt haben...?“
„Aber -- ich sagte Dir, bei allen Teufeln, zum hundertsten Male: ich
habe kein Geld.“
„-- Aber -- ich sagte Ihnen ebenfalls schon hundert Mal: Was nützt
mir das? -- Sie brauchen Geld, Sie brauchen Geld! -- -- Ich, auf
Ehrenwort! brauche auch Geld, mein gnädigster Herr Graf.“
„-- Du hast dessen genug -- -- bei Dir wachsen die Banknoten in allen
Winkeln.... bei mir fliegen sie zu allen Fenstern hinaus.“
„Dies ist eben der Unterschied zwischen unsern Geschäften, mein
Gnädigster. Auf Ehrenwort!“
„Lips!“ schrie Edmund: „bringe mich nicht zur Verzweiflung. Bei Gott,
ich lasse Dich zur Thür hinauswerfen. --“
„Wie es Euer Gnaden gefällt!“ lächelte dieser und schwang seine Keule.
-- „Aber“ fuhr er fort, „bedenken Sie, daß, wenn Sie mich zur Thür
hinauswerfen lassen -- die 300 Dukaten darum noch nicht zur Thür herein
spaziert kommen... Auf mein Ehrenwort!“
„Hol’ Sie der Satan mit Ihrem Ehrenwort! Mißbrauchen Sie diesen
Ausdruck nicht, der nur Ehrenmännern ziemt... und schaffen Sie lieber
das Geld herbei!“
„Auf Ehrenwort, Gnädigster -- ich kann nicht anders --“
„Als --?“
„Als -- wenn Sie, wie ich gesagt habe, zuvor das alte Papierchen
bezahlt haben...“
„Sind Sie denn taub, Verdammter Lips? Habe ich denn nicht schon so laut
wie ein Löwe gebrüllt: +ich habe kein Geld! ich habe kein Geld!+
--“
„Auf Ehrenwort, das ist schlimm! Auf Ehrenwort!“
„Endlich -- zum letzten Male: Geld! oder packen Sie sich im Augenblick
aus meinen Augen fort -- elender Wucherer! Seelenverkäufer!“
„Auf Ehrenwort, das trifft mich nicht! -- Ich habe noch in meinem Leben
keine Seele gekauft. Was soll ich mit diesem Artikel? -- Er ist nicht
courant! -- Auf Ehrenwort, behalten Sie Ihre gnädige Seele -- und geben
Sie mir lieber mein Geld....“
Edmund ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder... er hatte
tausend Mal Lust, den Spitzbuben zu erwürgen; aber damit half er weder
sich noch seiner fatalen Lage. Er brauchte Geld, er brauchte 300
Dukaten, keinen Pfennig weniger... Er hatte eine Schuld zu bezahlen,
die morgen fällig war und welche nicht zur Wissenschaft seines Vaters
gelangen durfte; denn wiewohl der alte General seinen Sohn liebte
-- so stand gleichwohl der Grundsatz bei ihm fest -- nicht einen
Thaler an Edmunds Gläubiger zu bezahlen. Er wollte diesen dadurch vom
Schuldenmachen abschrecken. Vergebliche Mühe! -- Ein junger Mensch wie
dieser, den Verlockungen seiner Standesgenossen und Freunde -- dem
Anbringen jener Blutigel, welche an dem Mark einer großen Stadt saugen,
preisgegeben -- war von diesen Wegen nicht abzuhalten -- oder man hätte
seiner ganzen Erziehung eine strengere Haltung, eine ernstere Richtung
geben müssen, woran es jedoch im Hause des Generals gänzlich fehlte:
er selbst mochte in seiner Jugend nicht die wenigsten tollen Streiche
gemacht haben.
Während Edmund so auf und ab lief, sah der biedere Herr Lips ihm ruhig
zu. „Was soll das Alles heißen?“ sagte er achselzuckend: „Wozu rennen
Sie so umher, Gnädiger! -- Auf Ehre, damit wird die Sache nicht besser
werden.... Oder können Sie, wie Schillers Wallenstein, „+Dukaten aus
dem Boden stampfen+?““
Meister Lips war auch in der Literatur bewandert. Ja, ja -- dieser Mann
konnte Alles. Er wußte aus seiner Waare immer drei und vierseitigen
Nutzen zu ziehen. So pflegte er die +Bücher+, welche man bei ihm
verkaufte,[E] zuerst selbst zu lesen, sodann verlieh er sie für Geld an
Andere -- dann gab er sie seiner Tochter zum Lesen (sie war ein sehr
gebildetes Fräulein und hieß +Philomela+) und endlich verkaufte er
dieselben.
-- In diesem Augenblick sprang Edmund auf, lief nach einem Schranke,
öffnete ihn und zog eine Pistole heraus. Mit grimmigem Tone schrie er:
„Jetzt, nichtswürdiger Elender, wirst Du mir Geld geben -- oder beim
Allmächtigen!“ Und hiermit legte er die Pistole nach ihm aus...
Doch Lips war bei dem Manoeuver kein bloser Zuschauer geblieben.
Flink wie der Wind hatte er seine Keule erhoben -- und an eine Feder
gedrückt -- sogleich verwandelte sich diese bescheidene Keule zu
einem allerliebsten Doppelgewehre, dessen Mündungen sich noch überdies
trompetenförmig erweiterten (wie die alten Musketons), daß die Ladung
(gewöhnlich bestehend aus einem Dutzend kleiner Kugeln) sich in die
Höhe und Breite zerstreuen konnte und also ihren Gegenstand mehrfältig
traf.
Man muß gestehen, dieser Lips war ein Originalmensch.
Als Edmund solche Demonstrationen sah, konnte er, so wüthend er war,
das Lachen nicht halten. Die Pistole warf er auf den Tisch -- und ließ
sich auf einen Stuhl nieder:
„Aber zum Teufel!“ sagte er -- „Du bist ja eine wahre Festung, mein
Freund Lips!..“
„Das muß man bei dieser Zeit auch sein, in welcher man einen armen
Teufel, wie Unsereins, seines ehrlichen Erwerbes nicht froh werden
läßt.... Glauben Sie mir, gnädiger Herr, ich habe ein weiches Herz --
-- aber es hätte Ihnen nur noch eine Miene gekostet -- und ich hätte
Sie zusammengepfeffert, wie ein Schock Lerchen. Auf Ehre!“
„Aber -- dann wärest Du ja gehängt worden!“
„Wer weiß. Ich hätte mich aus dem Hause so ungesehen hinaus gemacht,
wie ungesehen ich mich hereingeschlichen habe.“
„Jedoch man hätte Deinen Schuß gehört...“
„Sie vergessen, daß mein Gewehr eine +Windbüchse+ ist...“
„Spitzbube -- von einem Lips! Wer könnte Dir böse sein?“
„Auf Ehre, während der Dauer dieser guten Meinung, die Sie jetzt für
mich gefaßt haben -- könnten Sie mir schnell das Papierchen bezahlen...
Gnädigster.“
„Lips! Endlich höre mit Deinen Possen auf. Es ist Zeit, daß wir
ernstlich in der Sache verfahren. Hinweg mit den Phrasen! Schenken wir
uns gegenseitig reinen Wein ein. Ich habe keinen Groschen Geld und
brauche 300 -- besser 400 Dukaten. -- Willst Du sie mir geben? Und was
verlangst Du dafür?“
Lips hatte sein Gewehr wieder maskirt; es war wieder die schlichte,
alte, treue Keule -- -- er erhob den Kopf -- zog Stirne, Mund und
die übrigen Theile des Gesichtes, soweit dies nämlich möglich war,
in den Mittelpunkt des Gesichtes zusammen (man erinnere sich seiner
eigentlichen Physiognomie!) und nachdem er zwei Mal mit den Lippen
geschmatzt und im Ganzen zwei Minuten nachgedacht hatte -- versetzte er:
„Sie wollen reinen Wein haben? Nun gut! -- Zuerst: ob ich Ihnen Geld
gebe? -- Ja -- -- wenn nämlich zweitens: Sie mir das geben, was ich
brauche.“
„Und worin besteht dieses?“
„In einer Verschreibung von lumpichten 4000 Gulden nebst den
+gesetzmäßigen Zinsen+!... Ist Ihnen das recht, sollen Sie: 1tens
augenblicklich die 300 Dukaten -- und 2tens sollen Sie Ihr altes
Papierchen über die 1500 Gulden zurückhaben in beiden Originalen, mein
Gnädigster. -- Dies nennt man einen brüderlichen Handel, auf Ehre!“
Edmund besann sich nicht lange; so Etwas lag, bei einem Falle wie der
gegenwärtige, nicht in seiner Art. Er +unterschrieb+ -- zerriß die
alten Papiere und empfing das neue Geld.
So endete diese Szene, nach welcher Meister Lips sich gehorsamst
empfahl -- und durch eine Hinterthüre aus dem Palais schlich --
begleitet von Edmund, der ihn die verborgensten Wege führte. --
Elftes Kapitel.
Die beiden Gatten und der Verdacht.
Der Graf v. A--x hatte die Gewohnheit, sich nach dem Bureau, in welchem
er arbeitete, zu Fuße zu begeben. Diese Sitte behielt er auch nach
seiner Verheirathung bei, wiewohl jetzt seine Wohnung (wir wissen,
daß sie sich in der Nähe des Augartens befand) von dem betreffenden
Regierungsgebäude ziemlich entfernt lag. -- Aber der Weg dahin war
größtentheils einsam, zum Theil sogar romantisch, denn Alexander wußte,
indem er die Häuser vermied, ihn zwischen Gärten und Pflanzungen zu
wählen -- und so stimmte er ganz zu seinem Gemüthe, das, wenn auch
beglückt und froh, einen ernsten Grundzug niemals verläugnete.
Eines Tages schritt der Graf wie gewöhnlich -- langsamen Schrittes in
dieser Richtung seinem Ziele zu. Es war ein trüber nebeliger Tag und
die Morgensonne -- die Zeit war 9 Uhr -- kämpfte ununterbrochen mit den
Wolken, welche ihr den Weg zur geliebten Erde, auf welche sie täglich
niedersteigt, zu verwehren strebten. -- Die Atmosphäre war schwer und
drückend -- kein Lüftchen regte sich, und zudem befand man sich jetzt
im höchsten Sommer: es läßt sich demnach begreifen, unter welcher Last
die Brust eines düstern Melancholikers wie der Graf erseufzte....
Ohnehin waren die letzteren Tage nicht so ganz voll gewesen des
ungetrübten Glückes. -- Grillen, Launen, Mißtrauen beschleichen eine
Seele wie diese dann eben am heftigsten, wenn sich dieselbe auf
dem höchsten Gipfel der Freude befindet. Indeß hatten alle diese
Anfechtungen eine unbestimmte Natur -- Alexander wußte nicht recht,
gegen wen er eigentlich mißtrauisch sein sollte!... Am liebsten wäre er
es gegen den theuersten Gegenstand seines Herzens gewesen -- wenn er an
diesem nur, selbst bei der schärfsten mikroskopischen Untersuchung,
den geringsten Makel hätte entdecken können...
Aber so ist jene versteckt glühende, rasende, melancholische Liebe. Sie
fürchtet, das Geliebte zu verlieren -- und tödtet es lieber mitten im
Taumel der höchsten Seligkeit, an welcher so eben Beide Theil genommen.
--
Alexander ließ sich auf Gängen, wie der, welchen wir so eben berühren,
von Niemanden begleiten, selbst nicht von einem Diener, und wie sehr
Cölestine ihn auch bat und beschwor, von dieser Sitte abzulassen, da
ihm ja so leicht einmal ein Unfall widerfahren könnte, wo er dann
Niemand an seiner Seite haben würde -- so ließ er doch nicht ab.
Zärtlich sprach er zu ihr: „Ich bin ja nicht allein, mein theures Weib!
-- Begleitest doch Du mich im Geist und in der Seele überall, wo ich
auch gehen oder stehen mag.“ Um dieser Zärtlichkeit willen ließ sie ihn
endlich doch gewähren -- -- aber sie sendete, ohne daß er’s wußte, ihm
zeitweise einen ihrer treuen Diener nach, der ihm in der Ferne folgen
mußte. -- Heute hatte sie es unterlassen. --
Wie Alexander nun hinwandelte, fing er an, immer mehr und mehr seine
Schritte zu verkürzen; zuletzt blieb er stehen. Er war im tiefen
Nachdenken verloren. Ohne daß er’s wußte, stand er schon länger als
eine Viertelstunde auf demselben Fleck, die Arme verschränkt, den Kopf
auf die Brust gesenkt. -- Mit einem Male jedoch fuhr er auf -- über
seine trübe Miene zog, wie Sonnenschein, eine freundliche Helle, der
ganze Körper strebte leicht und jugendfroh zur Höhe, die Lippen aber
murmelten: „Nein! nein! -- Ich will mir die Süße des Lebens nicht
verbittern -- durch unsinnige Betrachtungen! -- Bin ich nicht glücklich
-- so ist es die ganze Menschheit nicht! denn wer unter allen Männern
besitzt ein Weib wie Cölestine? -- -- -- Ach!“ fuhr er fort und seine
Stimme nahm den Ton tiefer Rührung an: „Vergib mir, theure Gattin! Ich
habe an Dir ein Verbrechen begangen. Du bist rein wie ein Engel und
gütig wie eine Heilige -- und doch konnten meine Gedanken, meine tollen
Einfälle Dich beflecken! -- -- Ich verdiene Dich nicht! Ach -- und doch
liebe ich Dich so sehr! --“ Und er beflügelte jetzt seine Schritte
-- die nicht mehr ihm zu gehören schienen, sondern einem Jüngling von
sechzehn Jahren...
Er hatte jetzt einen Hohlweg, dessen obere Flächen mit Wald bewachsen
waren, durchschritten -- rechts neben dem Ausgange stand ein Gesträuch,
an welches dann später wieder Wald gränzte. -- In dem Augenblick, wo
Alexander dieses Gesträuch erreichte, ganz Lust und Freude im Gemüth
-- -- hörte er in der Nähe ein Knistern, welches aus dem Dickicht zu
kommen schien. -- Bald zeigte sich ihm der Kopf eines unbekannten
Menschen; von der übrigen Gestalt aber war nichts zu sehen, sie war
gänzlich hinter der Pflanzung verborgen. Dieses Gesicht nun, welches so
plötzlich und unheimlich auftauchte, war mit einem dichten Bartwuchse
bedeckt und überdies noch von einem großen Hute so stark beschattet,
daß man von seinen Zügen wenig zu entdecken vermochte. Es konnte einem
Bettler, einem Hirten, einem Bauer und auch einem Räuber gehören --
wiewohl es der Letzteren auf dem gegenwärtigen Stück Erde nicht eben
viel geben mag.
Alexander, überrascht, rief den Menschen an. -- Dieser begnügte sich
damit, den Grafen mit einem unbeschreiblichen Blicke zu betrachten.
„Wer bist Du und was willst Du, Bursche?“ rief Alexander zum zweiten
Male, zugleich ging er fest und kalt, wie es seine Art mit sich
brachte, auf ihn zu....
„Halt!“ rief dieser jetzt -- „keinen Schritt weiter!.. oder Sie haben
sich unnöthige Mühe gegeben und erfahren nichts, -- während ich jetzt
im Begriffe stehe, Ihnen eine für Sie wichtige Nachricht zu ertheilen.
--“
Diese Szene paßte so ziemlich in eine komische Räuberaffaire, welche
man auf den Theatern, wohl auch in der Wirklichkeit, zu sehen bekommt.
Dessenungeachtet brachte sie den Grafen nicht zum Lachen; im Gegentheil
seine Neugierde ward durch deren Seltsamkeit auf’s lebhafteste erregt,
so daß er unwillkührlich dem Verlangen des Fremden nachgab und den
Fuß nicht weiter setzte. -- Aber er schärfte seinen Blick und suchte
die Hülle seines Gegners zu durchdringen -- woran er jedoch sogleich
scheiterte, denn der Fremde bedeckte nun auch mit seinem Arme das
Gesicht, gleichsam als hätte er die Absicht des Grafen errathen.
„Nun!“ rief dieser ungeduldig: „was hast Du mir zu sagen, Unbekannter!
-- Oder sollte das Ganze nur ein Scherz sein, den Du Dir mit mir
erlaubst? -- Möglich auch, daß Du nicht völlig bei Sinnen bist...“
„In der Welt, mein verehrter Herr“ antwortete der Mann mit einer
tiefen Stimme: „ist Alles möglich; dieß habe ich erfahren. So ist
es zum Beispiel möglich, daß ein Weib unter ihren Anbetern gerade
denjenigen glücklich macht -- der von diesem Glücke am allerwenigsten
einen Begriff hat. Sodann ist noch folgendes möglich: dasselbe Weib,
welches den Ersten vermöge einer augenblicklichen +Laune+ wählte
-- entledigt sich desselben wieder, sobald jene Laune vorbei ist....
und sucht sich einen Andern, gleichfalls aus Laune.... Das Alles ist
möglich, mein verehrter Herr -- und dieß ist zugleich das Ganze, was
ich Ihnen sagen wollte!“
Kaum verklang das letzte Wort, als der Kopf des Unbekannten
verschwunden war; -- man hörte nur noch folgende Worte: „Nehmen Sie
sich vor einem glänzenden jungen Herrn in Acht!“ Dann knisterte es noch
in den Zweigen, bald hörte auch dieß auf und Alles war still. Der Graf
aber stand da, wie von einer furchtbaren Macht festgebannt -- er konnte
kein Glied bewegen und glich im ersten Augenblicke vollkommen einer
Statue. -- Endlich ermannte er sich und rief dem Verschwundenen nach:
„Halt! halt! Noch ein Wort!“ -- Umsonst! von diesem war längst nichts
mehr zu sehen, nichts mehr zu hören.
Alexanders ganzes Wesen verfinsterte sich und schien zu erstarren.
Seltsame Gedanken wütheten in seiner Seele. Was hatten jene Worte
zu bedeuten? Standen sie in irgend einer Verbindung mit ihm, mit
Alexander? -- Das mußten sie; sonst hätte der Unbekannte sie nicht ihm
zugerufen.... Aber vielleicht war es wirklich nur Scherz, vielleicht
Wahnsinn! -- -- Ach, hatte Jener denn nicht gesagt:
„Ich stehe im Begriffe, +Ihnen+ eine wichtige Nachricht zu
ertheilen!“? --
Es war nicht länger zu zweifeln, diese Nachricht betraf das innerste
Leben Alexanders -- das seines Hauses und seines Glückes: seines
Weibes! mußte er hinzusetzen, um sich selbst zu verstehen.
Wie der Zahn einer Hyäne nagte diese Idee an dem Herzen des
Unglücklichen, der es vom jetzigen Augenblicke an auch wirklich ward.
Er stürzte weg von dem Orte des Schreckens -- als fürchtete er, daß
aus dem Gesträuche noch mehrere solche Gedanken-Bestien auf ihn
hervorbrechen könnten... er rannte in wilder Eile auf dem Wege fort: ob
es der rechte war oder nicht, er wußte nichts davon, es kümmerte ihn
auch wenig. --
So war er über eine Stunde gelaufen -- ohne daß diese ihm länger als
ein Augenblick vorgekommen wäre. Jetzt schlug er die Augen auf und
fand sich in einer ihm ganz unbekannten Gegend. Doch mußte es fern
von der Stadt sein, denn ihn umgab hier Wald und rauhe Wildniß. --
Diese Landschaft war ihm willkommen; diese tiefe Einsamkeit that ihm
noth und er eilte, von ihr Gebrauch zu machen. Er warf sich in eine
Vertiefung des Bodens nieder, rings herum standen Büsche und Sträucher
so dicht, daß sein Blick sie nicht zu durchdringen vermochte.... Sein
Lager war jenes alte vorjährige Laub, welches um diese Zeit bereits in
Fäulniß übergeht und den natürlichen Dünger des Waldes bildet. -- Was
kümmerte ihn das -- er achtete der Feuchtigkeit und des Moderduftes
nicht, welche sich unter ihm verbreiteten.... er sah sich von Insekten
umschwirrt, von Kröten umhüpft -- er achtete nicht darauf;... in der
Nähe seines Hauptes raschelte und zischelte es im Grase -- vielleicht
war es eine Schlange -- auch darauf achtete er nicht; ja selbst als
eines jener häßlichen Thiere, die in feuchten und moderigen Plätzen
wohnen, als eine graue Wasserratte bei ihm vorbeilief -- durchzuckte
weder Ekel noch eine andere Empfindung seinen Körper....
Er schien für die äußere Welt gänzlich erstorben -- und versenkte sich
nur tief und tiefer in den Feuerpfuhl, der in seiner Seele glühte...
„So ist sie also falsch?!“ sagte er, ohne zu wissen, daß dieser Gedanke
sich auf seinen Lippen belebt hatte... „Sie ist treulos,“ fuhr er fort:
„ich habe es ja geahnt! -- Ich kann nicht glücklich sein! das hätte
ich wissen und mich darnach benehmen sollen. Ach! habe ich es denn
nicht gewußt -- daß in dem Garten dieser Welt für mich die Rose der
Liebe nicht blüht? Vielleicht blüht sie auch für keinen Andern... und
vielleicht ist das, was wir Weibesliebe und Weibertreue nennen, die
größte Thorheit, der größte Unsinn, der je ausgesprochen wurde..... O!
ich bin hinlänglich bestraft worden für meinen Vorwitz. -- Habe ich mir
nicht schon einmal den scharfen Dorn in den Fuß getreten?... mußt’ ich
noch ein Mal auf diesem Pfade wandeln? -- Freilich jenes erste Mädchen
habe ich verkannt -- an ihrem Sterbebette enthüllte sich die Reinheit
ihrer Seele mir! -- Aber -- konnte ich mich nicht auch hier getäuscht
haben? -- und ist vielleicht nicht gar diese Sterbende mit einer Lüge
aus der Welt gegangen? -- Wer will mir das bestimmen? Fälle solcher Art
sind schon vorgekommen! -- zu Hunderten; zu Tausenden da gewesen! -- --
--“
Er verstummte. Plötzlich schrie er wieder auf: „Welcher Gedanke
entsteht da in meiner Seele? -- Seit ungefähr vierzehn Tagen besucht
jener Chevalier de Marsan, von welchem man so Fabelhaftes erzählt,
mein Haus fast Tag um Tag. +Seine Ruhe und Stille ist mir
aufgefallen!+ -- Sagte man mir denn nicht, dieser Mensch sei ein
Phänomen im Weltleben; das Leben der Welt aber ist regsam und laut. --
-- O, meine vertrauende Seele, wohin hast Du mich geführt?!.. Jetzt,
jetzt erst fällt mir ein, daß Marsan bis jetzt weder mit mir, noch
mit meiner Frau gesprochen hat. Was fesselt ihn also so sehr an unser
Haus? -- Doch nicht eine fremde Person, die er hier stets antrifft?...
Allein, auch das wäre möglich! -- -- Aber +möglich+! Was nützt mir
dies Wort? -- Möglich ist Alles. O mein Gott, ich muß +Gewißheit+
haben. --“
„Und ist es -- der Chevalier nicht, ist es vielleicht ein Anderer!
denn jene Worte drückten es ja deutlich aus: Nehmen Sie sich vor einem
glänzenden jungen Manne in Acht! -- Aber o Gott! -- könnte der Elende,
der sie mir zuraunte -- könnte er mich nicht betrogen, oder konnte
er sich nicht auch in mir geirrt haben? -- Welche Thorheit, welches
Verbrechen, einem Menschen, den man nicht kennt, und welcher ganz so
aussieht wie ein Schurke, zu vertrauen??........... Ach! Ach! reißt
mir erst den Pfeil des Verdachts aus der Brust.... bis dahin kann ich
nichts Anderes thun, als: fürchten, argwöhnen, beben, zittern und --
glauben!! -- --“
Erst zu später Tageszeit verließ Alexander diesen Wald und fand sich
endlich mit dem Wege zurecht. Er ging nun nach Hause, in der Absicht,
sich in sein Zimmer zu begeben und darin bis zum Morgen eingeschlossen
zu bleiben; denn es war bereits dunkel geworden.
Für den Eifersüchtigen, für den Unglücklichen ist es eine Wollust,
sich in seinen Schmerz zu vergraben -- in den Wunden seiner Seele zu
wühlen, und er hört damit oft nicht eher auf, als bis er unter dieser
wahnsinnigen Selbstqual den Geist aushaucht.
Doch blieb Alexander nicht lange allein; man hatte ihn in das Haus
treten sehen und es Cölestinen gemeldet. Diese, in qualvoller Angst
wegen der Abwesenheit ihres Gatten, eilte auf den Flügeln der Liebe zu
ihm -- -- ach, wie erschrak sie, ihn in diesem Zustande zu finden!
„O mein Gott!“ schrie sie auf und stürzte an seine Brust: „Was ist mit
Dir geschehen, Alexander? -- Wo bist Du gewesen? -- Welcher Unfall
hat Dich getroffen? -- Rede, rede, um Himmelswillen, befreie mich von
meiner Angst!“
Er hatte sich in einem frühern Augenblick vorgenommen, ihr +Alles+
zu sagen; in einem nächsten faßte er den Vorsatz, ihr +Nichts+
wissen zu lassen -- d. h. ihr mit kalter Ruhe, unter welcher tiefer
Abscheu lag, zu begegnen....
Jetzt, in dem gegenwärtigen Augenblicke faßte er einen dritten
Entschluß: +er wollte heucheln, um sie auf die Probe zu stellen!+
Es gelang ihm in sehr kurzer Frist, ein so heiteres Lächeln auf seine
Lippen zu zaubern, daß Cölestine freudig aufathmete und ihn mit dem
Ruf: „So darf ich also ruhig sein!“ umarmte; „doch sprich,“ setzte
sie hinzu -- „was ist das heute gewesen? Beruhige mich vollständig,
denn irgend etwas Ungewöhnliches muß dennoch mit Deinem Ausbleiben
zusammenhängen.“
„Nichts, nichts, meine theure Cölestine!“ versetzte er: „nichts --
oder nur sehr wenig. Mich hatte, als ich das Haus verließ, um nach dem
Bureau zu gehen, auf einem Umwege, welchen ich nahm -- eine leichte
Unpäßlichkeit überfallen, und da ich glaubte, dieselbe würde bald
vergehen, trat ich in ein nicht weit von dem Orte stehendes Gasthaus
-- wo ich mir ein Zimmer öffnen ließ, um daselbst etwas Stärkendes zu
mir zu nehmen; denn, wie Du weißt, ich habe heute nicht gefrühstückt.
-- Doch zum Unglück verlief mein Zustand nicht so schnell, als ich
erwartete -- ich mußte mich auf eine Ruhebank hinstrecken und blieb da
so lange liegen, bis ich wieder hinlängliche Kräfte gesammelt hatte, um
den Rückweg nach Hause anzutreten. --“
„Aber mein Gott,“ versetzte die Gattin und Thränen traten ihr in die
Augen: „warum hast Du mir davon nichts wissen lassen? Ich wäre mit dem
Eifer der Liebe zu Dir geeilt, und hätte Dich gepflegt.... Mindestens
hättest Du Dich ja in einem Miethwagen nach Hause können bringen
lassen. -- --“
„-- -- Es war mir jedoch darum zu thun, Dir jede Unruhe zu ersparen,
theure Geliebte!“
„+Jede?!+ Unruhe wolltest Du mir ersparen? -- O das hat Dein Herz
nicht gesprochen, Alexander. Weißt Du denn nicht, daß ich es für
meine Pflicht halte, Leid und Freude mit Dir zu theilen -- und daß
diese Pflicht mir Lust ist?.. Und dann, könntest Du glauben, Deine
lange Abwesenheit, Dein Wegbleiben zur gewöhnlichen Zeit hätte mich
nicht doppelter Unruhe, der Unruhe und Qual der +Ungewißheit+!
preisgegeben?..... Geh doch -- -- abscheulicher Mann! Böser, böser
Alexander! Welche Angst, welche Sorge habe ich um Dich ausgestanden!“
Er sah sie mit einem Blicke an, der sie bis in dem tiefsten Winkel der
Seele ausholen sollte, und fragte mit halblauter Stimme: „Wirklich hast
Du das?“
„Nun!“ erwiederte Cölestine arglos: „und Du zweifelst noch? Du willst
es mir am Ende nicht einmal glauben? -- Wahrhaftig -- Du schlimmer
Mensch, wäre in diesem Augenblick freudigen Wiedersehens die Zeit dazu
-- ich würde sie Dir recht fühlen lassen, diese Worte, welche Du so
eben gesprochen; doch hat Dein Herz sicherlich keinen Antheil daran. --“
„Sicherlich -- nein!“ erwiederte er mit heiterer Miene und nahm die
Beweise ihrer Zärtlichkeit, mit denen sie ihn überschüttete, wie ein
glücklicher, wie ein froher Mann hin.
Und doch war dieser Mann im Grunde seiner Seele so unglücklich, so
kummervoll.
Aber das ist eben die Natur des Eifersüchtigen, daß seine entsetzliche
Leidenschaft, einmal erregt, durch nichts zu stillen ist -- als durch
die Macht der Zeit. Der größte Beweis von Liebe überzeugt ihn nicht
-- er sieht, wie der Fieberkranke, Alles blutroth und schwarz --
selbst die reinste Lilie erscheint ihm ihres jungfräulichen Schmuckes
entkleidet als dunkle Todesblume. -- Die Eifersucht ist ein niederer
Grad von Wahnsinn, der jedoch bisweilen zum höchsten führen kann.
„Nun aber“ sagte Cölestine, als sie ihren Mann sich aufrichten und an
ihrer Seite Platz nehmen sah: „will ich Deiner Gegenwart mich auch
in doppeltem Maße erfreuen. Du warst einen ganzen Tag nicht bei mir
-- ich will jetzt in einer Stunde so viel Glück zu erwerben suchen,
wie sonst in dreien; und es wird mir auch gelingen, denn ist Dein
Herz nicht reich und ist es das meine etwa weniger? O wir dürfen ja
nur mit beiden Händen zulangen -- das Füllhorn unserer Freude ist
unerschöpflich! Meinst Du dies nicht auch, Alexander?“
„Gewiß, gewiß, mein holdes Weib! -- Und so bist Du denn meiner
Wiederkunft, wie ich sehe, recht inniglich froh! Ja, ja -- ich begreife
es, wie Du während meiner Abwesenheit Dich in Sehnsucht nach mir
verzehrt haben wirst -- ich kann mir Deine Seufzer, Deine Thränen so
lebhaft vorstellen! --“
„Du kannst es -- Alexander? -- Und doch hast Du sie -- ich möchte
sagen -- muthwilliger Weise hervorgerufen; denn eine Zeile, die Du mir
geschrieben -- ein Wort, das Du mir hättest sagen lassen, würden mich
beruhigt, dieses Fürchten, diese Angst von mir gebannt haben. -- Ach,
es ist nicht schön, eine Gattin, welche Dich so zärtlich liebt, zu
quälen.... es ist nicht schön....“
„Es ist nicht schön -- Du hast Recht.“
„Nun, wenn Du es nur selbst zugibst! -- Doch Alles das ist ja vorbei,
und so reden wir nicht mehr davon. Ach gewiß, mein Geliebter -- der
gütige Schöpfer hat auch den Schmerz zu unserem Glück erschaffen. Wir
empfinden nach ihm die Freude um so inniger. -- Und überdies, welches
Herz vermag unausgesetzt Wonne zu ertragen? Es erlahmt, es sinkt dahin
unter ihrer Last.“
„Eine richtige Bemerkung,“ entgegnete der Mann mit bitterem Lächeln:
„und darum wurde von der Natur die -- +Abwechslung+ erschaffen.“
Sie hatte weder in seine Mienen geblickt noch den Ton seiner Stimme
abgewogen. Sie schien so selig, so zufrieden -- -- in ihrer Brust war
für nichts Anderes Raum. --
Sein Blick lief jetzt auf ihre ganze Gestalt umher. Er bemerkte zuerst,
daß Cölestine nicht das gewöhnliche Deshabillé, welches sie sonst
zu Hause trug, und das er so sehr liebte -- sondern ein elegantes
Gesellschaftskleid angezogen habe.