Sie verloren alles Bewußtsein. --

-- -- Auf ihrem einsamen Wohnsitze erhielten sie zuerst den Besuch

von Cölestinens Mutter, darauf erschien Edmund, der den Moment nicht

erwarten konnte, seine Schwester in die Arme zu schließen. Diese

Besuche störten nicht mehr das idyllische Glück des jungen Ehepaars --

-- es kam dann auch der alte Vater und auch er war willkommen; aber

jetzt befürchtete man, daß sie nur allzubald herbeiströmen würden,

die Schaaren der „Freunde,“ der Neugierigen, der Argwöhnischen und

Neidischen. -- Alexander jedoch beschloß, so lange als möglich die

feste Mauer, welche sein Haus umzog, zu vertheidigen. -- Ach, er

kannte den unerschütterlichen Sinn und die sich immer erneuernde

Tapferkeit der Belagerer nur zu gut, und so war denn höchstens nur noch

für ein paar Wochen Sicherheit zu hoffen.

Es war eines Vormittags, als sie von der Generalin besucht wurden.

„O, meine Kinder,“ sprach Cölestinens Mutter, diese würdigste und

tugendhafteste aller Matronen des Geschlechtes der Randow -- „wie danke

ich meinem Schöpfer, der Alles so gefüget hat, wie es zu Eurem Glück

erforderlich ist. So sind wir, so seid Ihr am Ziele aller Wünsche

und unser Gebet kann sich nur auf den Fortbestand dieses gesegneten

Zustandes beschränken. -- Ja, er wird fortbestehen und währen, bis

Euer Auge bricht, bis Eure Herzen ausschlagen.... Ihr werdet Euch

lieben und glücklich sein bis an’s Ende Eurer Tage. Mir sagt es mein

ahnendes, mein vertrauendes Mutterherz -- und ich lese hierzu die

Bestätigung in Euren Augen. -- O Cölestine, mein Kind, liebe Deinen

edlen Gatten, sänftige und erquicke seinen ernsten, schwermuthvollen

Sinn!... Aber, was sage ich? Du hast es ja schon gethan! -- Und

so bleibt mir nur noch eine Bitte an Dich übrig: daß Du es auch in

Zukunft nicht unterlassen sollst. -- -- Und nun zu Ihnen, mein theurer

Freund und Sohn Alexander! -- Bewahren Sie für alle Zeiten Ihrem

Weibe jene Zärtlichkeit, die Sie ihr jetzt widmen, eine Zärtlichkeit,

an welcher Ihr großes Herz so reich ist!... Sie sind nicht mehr

unverstanden, Sie sind nicht mehr ungeliebt.... es hat sich Ihnen ein

Herz ergeben, das Ihrer würdig ist und das streben wird, dies immer

mehr zu sein. -- Merkt Euch noch Eines, meine Kinder: Lasset Eure Liebe

von der +Tugend+ geheiligt werden; seid fromm, sittig, rein und

bescheiden: eine Liebe, welche dies nicht ist, sie wird, glaubt es mir,

nimmerdar bestehen. -- Die echte Liebe ist nicht von dieser Welt; sie

sucht an ihrem Gegenstande die höheren Eigenschaften und liebt ihn um

so inniger, je mehr sie diese in ihm entdeckt -- -- ebenso bemüht sie

sich, diese in der eigenen Brust zu erwecken, um sie ihm anzubieten

-- um dieselben gegen die seinigen auszutauschen. Das ist wahre Liebe

-- und so haben sich immer jene edlen Menschen geliebt, von deren

Herzensgeschichte uns die alten Bücher so Rührendes erzählen....“

Die jungen Gatten, ergriffen von der Ermahnung Derjenigen, die jetzt

ihnen Beiden Mutter war, sanken zu ihren Füßen nieder und gelobten

feierlich, nach dieser Lehre zu leben. Da segnete sie die fromme Alte

und weihte sie mit ihren Zähren, welche langsam auf deren Häupter

herabrieselten.

[Illustration: S. 128]

Edmund, der in diesem feierlichen Momente eintrat, wurde von dem

Anblick, der sich ihm hier bot, erschüttert, so daß auch er, ohne ein

Wort zu sprechen, hinstürzte neben die Knieenden, die Hand der Mutter

sowohl wie die der Schwester ergriff und sie abwechselnd an Herz und

Mund drückte.... Dann schloß Cölestine den Jüngling in ihre Arme und

nun konnte auch er seine Thränen nicht mehr zurückhalten: er vermischte

sie mit denen der beiden Frauen.

Niemals noch hatte er so selig geweint.

In diesem Kreise waren nur zwei Augen trocken, die Alexanders, aber sie

deuteten, auch trocken, auf eine, wenn auch stille, doch eben so

tiefe Wehmuth -- als von welcher die übrigen Herzen erfüllt waren.

„So bist Du nun ganz glücklich, meine Schwester!“ begann Edmund in

jenem innigen, wunderbar gerührten Tone, welchen er für Niemand sonst

in der Welt, als für sie hatte: „Du bist glücklich! -- Und so weißt Du:

daß auch ich es bin. -- Ja, in der That, ich habe niemals Deine lieben

Augen von so sanfter Zufriedenheit, niemals Deine holden Wangen von so

heiterem Roth strahlen sehen, wie in diesem Augenblick; und nie, nie,

Cölestine, warst Du so schön! -- O, wie glücklich wird Dein Mann sein

in Deinem Besitze! -- Tausende werden ihn beneiden -- wie Fürsten einen

König beneiden, der in seiner Krone eine Perle besitzt, die an Glanz

und Werth die Summe aller der ihrigen übertrifft.... -- Doch Alexander

hat Dich auch verdient! Ja, ja, er war der Edelste unter seinen

Mitwerbern -- und so gönne ich Dich ihm.“

Diese Worte waren für den Grafen nicht ohne Bitterkeit; allein was

ein romaneskes, schwärmerisches Bruderherz in seinem schrankenlosen

Enthusiasmus verbrochen, das suchte die Schwester bei dem geliebten

Manne ihrer Wahl wieder gut zu machen. Sie wandte sich mit einer

Zärtlichkeit, deren Wahrheit jeder Athemzug ihrer Brust bestätigte --

zu Alexander und überhäufte ihn mit Beweisen von Liebe, dergleichen sie

ihm sonst nur, wenn sie allein waren, widmete. Sie schien es gänzlich

zu vergessen, daß sie nicht ohne Zeugen seien.

Alexander verstand diese zarte und großmüthige Rücksicht: er fand in

ihr einen hinreichenden Ersatz für die Unbill, welche er zuvor erfahren

-- und ein zärtlicher Blick dankte seiner Gattin dafür.

Da trat rasch und überraschend auch noch der alte General ein; er fand

alle so heiter und gemüthlich, wie er sie brauchte:

„Allons Kinder!“ rief er „fliegt mir an den Hals! -- Das geht mir

noch Alles zu langsam. -- Ach, richtig, ich vergesse, daß ich hier

nicht in meinem Hause bin, sondern unter jungen Eheleuten -- kleinen

Turteltäubchen, die mit einander genug zu thun haben, als daß sie

noch an einen so alten Steinadler, wie Unsereins, ihre Zärtlichkeit

verschwenden sollten.... Nun denn, guten Tag, mein lieber Alexander

-- guten Tag, theure Tochter Cölestine -- und auch Du, Mama, sei

herzlich gegrüßt. -- -- Doch, alle Donner! da hätte ich fast eine sehr

wichtige Person vergessen --“ bemerkte der lustige Alte, sich gegen

Edmund wendend, der ehrfurchtsvoll, wie er es gewohnt war, vor seinem

Vater stand: „Verzeihen Sie mir, mein Herr!“ fuhr der General gegen ihn

fort: „und entschuldigen Sie ein schlechtes Gedächtniß, das bekanntlich

gerade die nächsten Dinge am leichtesten vergißt...“

Cölestine hing am Halse ihres Vaters und küßte ihn so lange, daß er

selbst endlich ausrief: „Ich denke, meine Tochter, es wird nunmehr

genug sein!“ Dann reichte er dem Grafen die Hand und ließ sich im

Kreise der Gesellschaft nieder.

Nun mußte Cölestine ihm genau Bericht abstatten über ihren ganzen

Haushalt -- und Alles, Alles bis auf die letzte Kleinigkeit sagen; denn

der greise Kavalier zeigte eine Neugierde, als sei er an die Stelle

irgend einer alten Haushälterin getreten.

„Also dort auf jener Seite sind nun Deine Zimmer und hier die Deines

Gemahls?“ fing er an.

„Ja, bester Vater. Das habe ich so eingerichtet, denn Alexander

überließ Alles meiner Bestimmung.“

„Dies ehrt sowohl Dich, wie Deinen Mann, und ich statte ihm für diese

Liebenswürdigkeit meinen väterlichen Dank ab.“

„Ah -- aber glauben Sie mir, mein Vater, dies ist noch die kleinste der

schönen Eigenschaften Alexanders.... Er ist an größern so reich....“

„Gewiß, gewiß, liebe Cölestine. Aber die innere Einrichtung Eures

Hauses betreffend, so sage mir: ist Alles Uebrige in einem eben so

feinen und großartigen Geschmack ausgeführt, wie dasjenige, was ich zu

bemerken Gelegenheit hatte....“

„Alles, mein Vater. --“

„Aber -- dies wird Deinem lieben Manne große Auslagen verursacht haben,

welche ich, da Du die Urheberin von Allem bist, mißbillige...“

„O, bester Vater, seien Sie überzeugt --, daß in dieser Hinsicht

Alexander meine Wünsche stets übertroffen hat.... Dieser kleine

Feenpalast war bereits in Allem fertig, als ich von ihm Besitz nahm --

-- und ich veränderte nur hie und da Etwas in der Anordnung. Darin

besteht meine ganze Schuld.“

„Wie mich dünkt,“ fuhr der alte General in seinem Beichtamte fort:

„so ist die Dienerschaft Ihres Hauses, mein theurer Schwiegersohn,

mindestens um das Dreifache, gegen deren frühern Etat, vermehrt....

Habe ich nicht Recht?“

„Allerdings -- Herr General; ich fand es nothwendig, das Haus meiner

Gemahlin in jeder Beziehung auf eine Stufe zu stellen, welche sowohl

ihren Verdiensten als ihrem Range angemessen ist.... Ich fürchtete,

noch zu wenig gethan zu haben. --“

„Und was Ihren Marstall anlangt -- lieber Graf -- so fand ich

Gelegenheit, einen Blick hineinzuwerfen, wiewohl ich mir das Vergnügen,

ihn genauer zu besichtigen, noch vorbehalte. -- -- Ihr Marstall nun,

mein theurer Alexander, ist wirklich unvergleichlich, und ich weiß

nicht, ob er es nicht mit jedem andern in der Residenz aufnehmen

könnte. Dies nimmt mich um so mehr Wunder, da ich weiß, daß Sie im

Ganzen keiner von unsern leidenschaftlichen Pferdeliebhabern sind ...

ich glaube, Sie gehören auch nicht zu unserem Jokey-Clubb....“

Der Graf erwiederte lächelnd: „Bisher noch nicht; doch bin ich Willens,

mich in denselben aufnehmen zu lassen.“

„Aber -- Sie besteigen ja höchst selten ein Pferd.“

„Ich werde es jetzt öfter thun.“

„Und der Grund davon?“

„Meine Frau wünscht es.“

Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2) · 第 7 / 12 题