Welcher Abschnitt des Lebens läßt sich wohl mit jener Zeit vergleichen,
da die erste Liebe in ehelicher Sicherheit und Kraft blüht, wie die
Blume des Feldes, die von sorgsamer Hand in das Beet des Gartens
versetzt wurde.... Ach, sie saugt jetzt edlere Säfte aus diesem edleren
Boden -- und voll, farbig, duftreich, wie nie, steigt sie empor in die
blauen Lüfte. --
Was ist die Liebe? Eine Waise, die arm und nackt nach einem Freunde
sucht, der sie aufnimmt in seiner Hütte.... Hier wird sie groß gezogen
-- reift zum Weibe -- und bringt als Hausfrau Segen über das ganze Haus.
Wir fürchten in der That allzusehr hinter der Wirklichkeit
zurückzubleiben, indem wir ein Bild von dem jetzigen häuslichen Leben
Alexanders und Cölestinens zu geben versuchen. So hatten sie sich denn
endlich erreicht. -- Niemand konnte mehr Eines dem Andern entreißen. --
Niemand? -- Mit Gewalt wenigstens nicht!
Wir wissen nicht, wer von beiden das Glück, welches ihm an der Seite
des Gatten geworden war, inniger und tiefer empfand. Es war zwischen
ihnen ein steter Wettstreit von Zärtlichkeit: Jedes wollte hierin den
Preis davon tragen.
Das Haus, welches sie vom Tage ihrer Vermählung an bewohnten, war sehr
geräumig und mit allen Bedürfnissen eines eleganten und wohnlichen
Aufenthaltes auf verschwenderische Weise ausgestattet. Es enthielt zwei
Etagen, wovon die erste zwei Salons und viel große Gemächer, die zweite
kleinere Wohnzimmer, vorne zum untergeordneten Gebrauch der Herrschaft
und nach hinten zu für die Beamten des Hauses dienten. Die eigentlichen
Domestiken bewohnten das Parterre. Hinten schloß sich an’s Haus ein
schöner geräumiger Garten an, ein Gegenstand, der in diesen Theilen
Wiens nicht eben häufig angetroffen wird. Wie wir schon bemerkten, war
dieser Wohnplatz, dieses Palais in Bezug auf seine innere und äußere
Einrichtung im Sinne des Wortes +glänzend+ und +vollkommen+.
Es konnte den ersten Häusern der Stadt den Rang ablaufen. Graf
Alexander hatte von dem Augenblick, als er zu dem Besitze des Herzens
Cölestinens gelangt war und sich Hoffnungen zu machen anfing auf ihre
Hand -- mit wunderbarem, mit wahrhaft rührendem Eifer gestrebt, hier
der Geliebten seines Herzens einen Sitz der Freude, der Bequemlichkeit
und der Pracht zu schaffen. Was der zärtlichste Sinn ihm nur Schönes
und Vortreffliches eingab, Alles suchte er zur Wirklichkeit zu bringen
-- seine Sorgfalt für dieses Stückchen Erde glich derjenigen, welche
fromme Gläubige für einen Platz, der ihrem Gott geweiht ist, hegen, und
welchen Platz sie mit einem Tempel schmücken.
Die Lebensweise des jungen Ehepaars war im Aeußeren ein Bild voll
Jugend, Anmuth, Einfalt und Glückseligkeit. So ist die Zeit der ersten
Gattenliebe immer. -- -- Cölestine war nicht getrennt von ihrem Manne;
ihre beiderseitigen Zimmer wurden durch zahlreiche Thüren und jene
süßen geheimen Gänge verbunden, welche die Liebe erfunden hat. --
Von den Verwandten und Freunden des Ehepaars war es schön, daß sie
während der ersten Wochen seine Einsamkeit nicht störten. In der That,
es hatte noch kein fremder Fuß diese Schwelle entweiht, welche den
geheiligten Mysterien der ersten Gattenliebe geweiht war. -- Wenn Er
und Sie früh erwachten, fanden sie einander in ihren Armen, so wie sie
Abends sich umschlungen hatten -- dann erhoben sie sich Beide, um auf
einige Augenblicke Abschied von einander zu nehmen.... Sie gingen in
ihre Ankleidezimmer -- das einfachste Gewand wurde gewählt -- nur um
keinen der kostbaren Momente zu verlieren, die sie zusammen genießen
konnten. -- Alexander bot jetzt seiner Frau den Arm und führte sie in
den Garten, über welchen eben der heranrückende Sommer das entzückende
Kleid der Blätter, Gräser und Blumen ausbreitete. Schon winkten
trauliche Boskets -- doch nicht belaubt genug, um in sich dieselben
wie in eine undurchdringliche Freistätte zu flüchten. Alexander las
seiner Gemahlin aus einem Buche vor und wovon handelte dieses Buch?
Von -- glücklicher Liebe. -- Diese war für sie übrigens allenthalben
vorhanden, wohin sie auch immer ihre Blicke wandten. Sie fanden diese
glückliche Liebe bei den Blumen, die einander umschlangen, und im
Bache, wo eine Welle in die andere hinüberfloß -- sie fanden sie am
Himmel, wo die Sonnenstrahlen sich mit den kleinen Wölkchen eines
schönen Tages vermählten und diese zärtlich vergoldeten -- -- sie
fanden sie auch in den Vöglein unter den Wolken, welche da die Luft
durchzogen und einander zärtlich verfolgten, sich dann auf einen Zweig
niederließen und zusammen sangen.... ja sie fanden diese heilige und
beseligende Liebe überall im Himmel und auf Erden, ja selbst zwischen
diesen beiden; denn jener mit seiner blauen Decke umschlang diese in
ihrem bräutlichen Festgewande, und sie streckte ihm durch die Bäume und
Aeste ihre blühenden Arme entgegen. --
Aber wo wäre auch Liebe nicht? Hat man sie ja tausend Mal den
Gottesodem genannt, der das Universum durchweht.
Und als nun die Stunde erschien, in der früher die Liebenden, da sie
noch nicht sich selbst sondern der Welt gehörten, sich aufmachen
mußten, um im schalprunkenden Staate dem Götzen der Gesellschaft zu
dienen -- als jene traurige Stunde erschien, in der man Besuche gibt
und empfängt bei und von Leuten, die für unsere Herzen eben so fremd
sind wie alltäglich für unsere Augen -- Leute, welche uns verleiten,
mit ihnen im Verein einen Dienst der Lüge zu begehen, der unsere Seele
verhärtet und unsern Geist verderbt -- -- der uns immer mehr von uns
selbst und unserem geheiligten Innern ablenkt -- -- um diese Stunde nun
saß jetzt das junge Paar noch immer beisammen und lebte noch immer für
sich und pflanzte und bewirthschaftete den Baum des Glückes, dessen
Wurzel ihre beiden Herzen waren -- und unter dessen Laub sie still und
vergnügt wohnen -- von dessen Früchten sie dankbar essen sollten. --
Auch beim Mittagstische fanden sie einander wieder -- und widmeten die
nächsten Stunden dann gewöhnlich einer süßerquickenden Ruhe. Gegen
Abend verließen sie entweder zu Wagen oder zu Fuße das Haus und begaben
sich hinaus in die freie Natur, wo sie gleich Kinder, auf den Wiesen
umherhüpften, einander neckten, verfolgten, bis zum Rande des Flußes
liefen, hier bunte Steinchen, Muscheln und Wasserblumen suchten -- --
auch wohl einen Kahn bestiegen und sich hinüber auf die einsame Insel
rudern ließen, wo sie, nachdem sie die Dienerschaft zurückschickten,
mit dem Bedeuten, erst nach einigen Stunden wieder zu kommen -- diese
Zeit wie Einsiedler durchlebten; wie Robinson. -- Sie gaben sich hier
dem unmittelbaren Naturgenusse hin, dessen erhabene Süßigkeit ein
gewöhnliches Herz nicht zu fassen fähig ist. --
Abends im Sternenschimmer und im Silberscheine des Mondes fuhren sie
sodann auf dem Flusse zurück und verlängerten, wenn es ging, immer
diese Fahrt. -- Rings um sie herrschte das tiefe Schweigen der Nacht
und langsam stiegen im Umkreise die Wassergeister aus der Fluth und
umgaukelten den Kahn -- setzten sich auch wohl mit ihren luftigen,
neblichten Gliedern auf den Rand desselben und glotzten das liebende
Paar neugierig aus kristallenen Aeuglein an; -- dann, wenn die Gatten
sich umarmten oder küßten -- hüpfte das Wasservölkchen schnell wieder
in ihre nasse Heimath zurück, indem es ein leises Gekicher zurückließ,
das sich mit dem Rudergeräusch vermählte. --
Mitternacht war längst vorüber und noch fuhren oft die jungen Gatten
auf dem Wasser, oder wandelten in Auen, Wiesen und Wäldern; und
überall, wo sie sich nur immer befanden, schien ihnen das bunte kleine
Völkchen der Kobolde, Elfen und anderer Naturpüppchen zu folgen. -- --
Man sagt, dies begegne allen glücklichen Menschen. Elfen und Gnomen
strömen gerne dahin, wo Freude herrscht -- so wie Dämonen und schlimme
Geister sich stets an die Ferse des Elends und Unglücks hängen. --
Ja, Cölestine und Alexander fanden sich nicht selten noch unter freiem
Himmel, da auf diesem bereits die ersten Lichtstreifen der Morgensonne
sich ausbreiteten. -- Ach, sie hatten sich aber auch so Vieles zu
sagen, wozu daheim im Hause der Raum zu beengt war. Warum suchen
Liebende und Unglückliche so gerne die Einsamkeit? Weil das Glück
wie das Unglück nur verstanden und mitempfunden wird von der Natur.
Die Welt hat für unsere mittleren Zustände allein Raum -- für die
kleinlichen, bürgerlichen, philisterhaften, katzenjämmerlichen Freuden
und Leiden; was drüber hinaus geht, was über die Höhe der Marktpfähle
und Schlagbäume reicht -- das muß draußen zwischen Himmel und Erde
verhandelt werden.
Das Gemüth Alexanders war weich und sanft geworden wie das eines jungen
Mädchens; er war nicht mehr jener düstere, stolze, verschlossene Mann,
der mit Niemand verkehrte als mit seinem Amte und seinem einsamen
Hochmuthe -- -- dieser Alexander schmiegte sich jetzt an alle Freuden
des Lebens an, sofern sie nur in seiner Liebe zu Cölestine begründet
waren. -- Er wäre um dieses Weibes willen Alles geworden, was sie
wollte. -- Sie hingegen, sie blieb sich gleich, nur daß sie das
rauschende Sonntagskleid der Welt abgelegt und ein einfaches weißes
der Poesie und Häuslichkeit angezogen hatte. Sie war noch immer das
heitere, fröhliche, neckische Wesen mit den schwarzen, brennend
funkelnden Augen und den tiefrothen Lippen, die sich so gerne zur Lust
verzogen.... sie war noch immer jenes leichte, erregbare Wesen, fern
von Melancholie oder Schwärmerei, einfach, natürlich und fröhlich. --
Indessen hatte doch das Gefühl der Gattenliebe durch ihr ganzes Wesen
einen Ton durchklingen gemacht -- sanfter als alle andern, die bisher
in ihrem Herzen wohnten. Es war dies jener Ton, den die Liebe allein
nicht hervorbringen kann -- jener Ton, worin schon ein mütterliches
Gefühl spricht. --
„Weißt Du, mein guter Alexander,“ sagte sie eines Tages zu ihrem
Manne, als sie im Garten beisammen saßen -- „daß ich mit jedem Tage,
ja ich könnte sagen mit jeder Stunde Dich mehr liebe! -- Bist Du gar
so liebenswürdig oder entfaltet die Sehnsucht meines Herzens sich in
immer mehr gesteigertem Maße? -- -- Ich habe Dich nun, ich habe Dich
allein, ich glaube Dich ganz zu besitzen, und doch enthüllt mir jeder
Augenblick, daß im vorhergegangenen Du mir noch nicht so vollständig
angehörtest, wie jetzt. -- O, eine solche Liebe ist ein großes Glück!
Niemand begreift sie, der sie nicht erfahren hat.“
„Und geht es mir nicht ebenso, Geliebte meines Herzens?“ entgegnete er,
sie an seine Brust drückend -- ihre Lippen, ihre Augen, ihre Stirne,
ihren Hals, ihre Schulter, ihre Arme und Fingerspitzen küssend --
--: „Ist meine Liebe zu Dir etwa weniger fortschreitend? Mein Gott,
kommt es mir doch in manchen Augenblicken vor -- als seien wir zwei zu
nichts Anderem in der Welt, als um unser Wesen immer tiefer in einander
zu versenken, eine stets innigere Vereinigung zu bewirken. Was ist
die Liebe doch so Unendliches und Geheimnißvolles! Wer hat sie noch
ergründet in allen ihren Tiefen und Schätzen? -- Darum aber lass’ uns
auch immer uns lieben -- jede Spanne Zeit dazu anwenden, uns in diesem
göttlichen Beruf immer mehr zu vervollkommnen. Vielleicht, daß diese
Stufenleiter des Liebesglücks jener Himmel mit seinen Rangstufen ist,
von welchem unsere Dichter und frommen Weisen so begeistert reden...
vielleicht, daß dies dieselbe Stufenleiter ist, auf deren untersten
Sprossen wir standen, als wir zum ersten Male uns sahen -- auf deren
oberen die seligen Cherubim und Seraphim wohnen, auf der obersten aber
der allmächtige Gott selber thront. --“
„Wie dem auch sei,“ rief das zärtliche Weib aus: „so lass’ mich Dich
lieben -- und es störe keine Betrachtung, keine Berechnung den Genuß
unserer Wonne. Diese erfülle unser Herz, so weit dasselbe Raum hat --
und mag es auch überfluthen, was schadet das? Wir stürzen uns dann in
einen Ozean von Glückseligkeit -- -- sollten wir darin auch untergehen.
-- O, wie lieb’ ich Dich, mein Geliebter, mein theurer Alexander!...
Wie preise ich mich glücklich, Dich jetzt so in meinen Armen halten
-- -- Dir sagen zu können: Alles, Alles, was ich habe, worüber ich
verfügen kann, gehört Dir!... Denn ich bin Dein Sklave, Dein Eigenthum,
mein lieber Mann.... aber Dein Sklave aus entzückender Hingebung -- ein
Eigenthum, das ich selber längst nicht mehr besaß....“
Sie umschlang seinen Nacken mit ihren beiden schönen, blüthenweißen
Armen und zog sein Haupt herab auf ihren vollen, wogenden, duftenden
Busen, der, hart wie Marmor, zu zerspringen drohte unter keuscher
Sinnenlust. Sein Mund küßte die Stelle, wo ihr Herz schlug, und jeder
Schlag durchfuhr sein ganzes Wesen mit einer magischen Gewalt, davon
jede Faser in ihm selig erbebte. Er war keines Wortes mächtig -- er
zitterte wie ein Kind in ihren Armen -- er hätte weinen mögen -- --
noch nie war es ihm so gewesen, wie jetzt: „So hab’ ich Dich noch nie
geliebt, wie in diesem Augenblick!“ rief er ganz aufgelös’t.
„Auch ich, auch ich!“ bebte es von ihren Lippen: „Auch ich habe Dich
noch niemals so geliebt!“
Und diese beiden Wesen schienen von einer unaussprechlichen Trunkenheit
erfaßt zu werden...