Eduard Maria Oettinger

gewidmet.

Cölestine,

oder

der eheliche Verdacht.

Inhaltsverzeichnis.

Erstes Kapitel.

Eine Morgenszene auf dem Wasserglacis. 3

Zweites Kapitel.

Cölestine von Randow und Alexander von A--x. 31

Drittes Kapitel.

Die Trauung. 44

Viertes Kapitel.

Der Hochzeitsball. 55

Fünftes Kapitel.

Einige Lebensszenen. 85

Sechstes Kapitel.

Die ersten Tage eines jungen Ehepaars. 113

Siebentes Kapitel.

Ein _Tête à tête_ -- jedoch kein zärtliches. 136

Achtes Kapitel.

Der Chevalier von Marsan. 155

Neuntes Kapitel.

Die Thorheiten der Welt und die Leidenschaften des Herzens. 171

Zehntes Kapitel.

Ernste und heitere Zwischenszenen. 195

Elftes Kapitel.

Die beiden Gatten und der Verdacht. 231

Zwölftes Kapitel.

Die Beweise der Untreue. 261

Dreizehntes Kapitel.

Neue Proben -- neue Beweise. 285

Vierzehntes Kapitel.

Die Morgenszene nach dem vorigen Tage. 322

Fünfzehntes Kapitel.

Abend und Nacht. 334

Erstes Kapitel.

Eine Morgenszene auf dem Wasserglacis.

Die Morgensonne leuchtete mit goldener Klarheit über der schönen und

großen Stadt Wien.

Es ist das Wasserglacis wohin wir uns zum Eingange dieser Erzählung

versetzt sehen. Sie kennen doch das Wasserglacis, meine liebenswürdigen

Leserinnen, oder mindestens haben Sie davon bereits gehört; Sie wissen

also so viel als nöthig ist, nämlich: daß dieses Wasserglacis am

Morgen und Vormittags einen der lieblichsten, der herrlichsten Plätze

Wiens bildet -- des Nachmittags und zur Abendzeit hingegen unter

die abscheulichen und vermeidenswerthen Punkte der großen deutschen

Metropole gehört -- dies, meine holden Leserinnen, werden Sie wohl

schon gehört haben. -- O schreckliche Wasserglacis-Nachmittage --

da sich dort parfumirte Ladendiener, geniale Vagabonden, gutmüthige

Limonadetrinker und buntbetakelte alte Kokotten versammeln, in deren

Reihen sich einige honette Menschen verirren, wie Fettaugen in eine

Gasthaussuppe! -- Wie oft hat man das Wasserglacis mit dem Volksgarten

in eine Linie zu stellen versucht und diesen letzteren den Bruder von

jenem genannt! Ach, das war ein schmähliches Unrecht, welches man

dem ehrenwerthen Volksgarten anthat. In diesem hat zu jeder Zeit das

bessere -- um nicht geradezu zu sagen: das edlere -- Element überwogen,

was man vom Wasserglacis und dessen Abendunterhaltungen nicht sagen

kann -- außer, wir wiederholen es, am Morgen und dann noch allenfalls

an gewissen Tagen, wenn nämlich von dem Entrepreneur eine Barriere rund

um den Platz herum gezogen wird, welches das einzige Mittel ist, (nicht

gewisse Leute abzuhalten, sondern) bessere Gesellschaft anzuziehen.

Zur Zeit des Frühjahrs werden jeden Tag hübsche Konzerte auf dem

Wasserglacis abgehalten. Hieher strömen dann von der vornehmen und

mittleren Welt alle Diejenigen, welche eine Morgenpromenade machen, das

Frühstück im Freien nehmen, irgend eine Negotiation bei einem Glase

Champagner verrichten oder aber -- jetzt hat dieser Ort sogar seine

ehrwürdige Seite -- Mineralwasser trinken wollen, denn mit letzterem

Artikel ist man hier in allen Sorten versehen.

-- Es war an einem eben solchen Vormittage, als zwei Herren, deren

einer älter, der andere noch ein Jüngling war, in raschen Schritten

und eifrigem Gespräche sich dem Etablissement näherten und ungefähr

in der Mitte desselben an einem kleinen Tische Platz nahmen. Zufällig

oder absichtlich hatten sie sich in den am stärksten bevölkerten Theil

des Ortes begeben, was jedoch -- sollte es mit Vorsatz geschehen sein

-- nur durch den ältern Herrn bewirkt worden war, denn sein junger

Begleiter schien seit einigen Augenblicken in tiefes Nachsinnen zu

versinken.

Um die Gestalt der Beiden zu schildern, werden wenige Striche genügen.

Der Aeltere, ein Mann von 50 bis 60 Jahren, ließ auf den ersten Anblick

merken, daß es ihm vor Allem darum zu thun sei, so jung als möglich zu

scheinen. Es war dies mit einem Worte einer jener greisen Stutzer und

Liebesritter, von welchen die Residenzen wimmeln -- namentlich seit

dort die Schneider, die Friseure, die Zahnärzte und noch manche andere

Künstler so große Fortschritte in ihren resp. Fächern gemacht haben.

Unser alter Adonis war mittlerer Statur und ausnehmend wohlbeleibt, was

weder seinen engen Kleidern noch dem Gurte, welchen er merkbarer Weise

unter seinen Kleidern um die Taille oder vielmehr um den Bauch trug --

noch auch dem Mieder in seiner Weste gelang, zu verbergen. Sein Gesicht

glänzte von Gesundheit, Verliebtheit und jener Schlauheit -- die sich

selbst betrügt; auf dem Kopfe trug er eine kostbare schwarze Perücke,

die von seinem rothen Gesichte abstach wie ein Rabe neben einem Papagei

-- -- welchen Kontrast unser Mann jedoch dadurch zu vermitteln suchte,

daß er seinen weißen Schnurbart (er trug einen Schnurbart!), und sogar

seine Augenbraunen schwarz färbte. Es läßt sich denken, daß er stets

nach der herrschenden Mode gekleidet war, auch Stock und Lorgnette

trug, letztere um jede Dame zu begucken, ersteren um seinem ein wenig

watschelnden Gange mehr Eleganz zu geben.

Was den jungen Mann betrifft, so wird es hinreichen, einstweilen zu

bemerken, daß er ein schöner, schlanker, etwas bleicher Jüngling

war, an welchem man weder eine Tugend noch einen Fehler mehr bemerken

konnte, als an andern schönen, schlanken und bleichen Jünglingen. Nur

melancholisch schien der Arme! Ach, er schien sehr melancholisch.

Einige Zeit hindurch herrschte zwischen beiden tiefe Stille. Der alte

Seladon hatte mit seiner Lorgnette vollauf zu thun; er besah sich alle

Frauen ringsherum, eine nach der andern -- manche zwei, drei Mal, und

dabei schnalzte er zeitweise leise mit der Zunge, lächelte verschmitzt

und strich sich vorsichtig den gefärbten Schnurbart. Endlich blieb sein

kleines Aeuglein mit sichtbarem Vergnügen auf einer von den anwesenden

Damen haften und jetzt ließ er ein leises Husten vernehmen.

Dies brachte den Anderen aus dessen Träumereien. Er wandte sich nach

dem Alten und sprach: „Also wirklich verhält es sich so, wie Sie mir

vorhin erzählten? Wirklich? -- -- Nein, nein, ich kann es noch nicht

glauben. +Cölestine von Randow+ hätte die Absicht, jenem Menschen

ihre Hand zu geben, wie? --“

„Nicht blos: Sie hätte, bester Freund! Sie +hat+, sie +hat+

die Absicht, mein Lieber! Sie +hat+, sag’ ich -- und setze noch

hinzu: ihm höchstwahrscheinlich die Hand schon +gegeben+.“ Hier

schwieg der Alte und fuhr auf seinem Sitze ungeduldig hin und her, weil

sich zwischen ihn und seinen Gegenstand Jemand gestellt hatte, so daß

er zu jenem durch seine Lorgnette nicht hinüber sehen konnte.

„Aber“ fuhr der Jüngling fort: „das ist ja ganz unmöglich! Sie sprechen

da eine Absurdität aus, lieber Althing. -- Es ist unmöglich, sag’ ich!

ich kann es nicht glauben.“

Ohne sich an diese Rede zu kehren, rief der Seladon, der nunmehr wieder

sein _vis à vis_ sah: „Ach! Ach! Welche Formen! Welch herrlicher

Wuchs! Welcher Gliederbau! Welche Taille -- -- und besonders, welches

göttliche Gesicht! -- Wahrhaftig, das ist eine Juno -- oder nein eher

noch eine Venus.... eine.... eine.... Allein, wer ist dort jener

junge Gelbschnabel, der sich beständig an sie drängt? Offenbar mag

sie nichts von ihm wissen -- -- und hat ihre Blicke beständig hierher

nach mir gerichtet. O, glücklicher Althing! Du bist noch immer jener

große Besieger der Weiberherzen........ Allein, bei Gott, +diese+

verdient Dich auch im vollsten Maße.“

„Von wem reden Sie, Althing?“ erhob der Jüngling jetzt Kopf und Stimme:

„Reden Sie von Cölestine von Randow?“

„Ei bewahre!“ entgegnete der Andere lachend: „Ich rede -- -- sehen Sie

denn nicht +dort+, meine Göttin +dort+ -- von ihr +dort+

rede ich -- -- sehen Sie +dort+ -- +dort+ -- bester Baron!

+dort+ sehen Sie sie, bester +Leuben+!... Ha, beim Himmel! so

eben hat sie mir einen Blick zugeworfen; einen Blick sag’ ich Ihnen!

Haben Sie ihn denn nicht bemerkt?“

+Leuben+, denn so hieß der Jüngling, hatte schon wieder das Haupt

auf die Brust fallen lassen und fragte jetzt eintönig:

„Und Sie wissen es also wirklich?“

„Es ist so klar, wie die Sonne. Ueberzeugen Sie sich doch selbst, mein

theurer Freund.“

„Man hat es Ihnen also nicht blos gesagt? Sie haben es nicht blos vom

Hörensagen --?“

„Ei, was fällt Ihnen da ein, köstlichster Leuben! Vom Hörensagen! --

Ich wiederhole Ihnen: diese meine eigenen Augen haben es gesehen, diese

Augen hier, verstehen Sie mich? und Sie wissen doch, ich habe ein Paar

Augen wie ein Adler, wiewohl, ohne daß ich darauf eitel wäre, auch noch

von manchen andern Vorzügen meiner Gestalt die Rede sein könnte. --

Allein...“

Der junge Mann stieß hier, als ganze Antwort darauf, einen schweren

Seufzer aus, und als der einsammelnde Kassirer des Orchesters herbei

trat, um seinen Groschen zu verlangen, warf Leuben ihm in der

Zerstreuung einen Dukaten hin, was sonst für einen Morellischen Walzer

doch wohl ein zu hoher Preis sein dürfte.

Mit einem Male fing Althing wieder an: „Ach! Ach! bei Gott -- das

ist zu stark! das war ein Blick so feurig wie eine Bombe! Du hast

nicht nöthig, holde Zauberin, mein Herz mit so schwerem Geschütze zu

bestürmen: es hat Dir seine Thore längst schon aufgethan. -- Abermals!

Abermals! -- Ach, ich sehe, Du bist rasend in Deiner Zuneigung zu mir!

Nun ja, Du bist ja erhört! -- Ha! auch noch mit dem Fächer winkst Du

mir? --“

„Wie?“ fiel Leuben träumerisch ein, „Sie hat Ihnen mit dem Fächer

gewinkt?“

„Und das so stark -- wie eine türkische Sultanin -- hehehe! Das war

aber Alles nicht nöthig!“

„Und dies Alles sagen Sie mir, mit so kaltem Blute -- -- mir mir?“

„Mein Gott, was soll ich thun? Kann ich’s denn ändern? Ich habe nun

einmal schon das Fatum, liebenswürdig zu sein! Was kann man für seine

Vorzüge, seine Eigenschaften!?“

„Alle Teufel! es wird mir endlich zu toll!“ rief der Jüngling jetzt aus

und erhob sich rasch von seinem Sitze. „Mein Herr“ sagte er in einem

Tone, der auf halbe Sinnesabwesenheit schließen ließ: „es ist Alles

möglich, es kann Alles wahr sein, was Sie da erzählen. Wer kennt die

Weiber und ihre Launen, ihre Leidenschaften! Es ist bereits da gewesen,

daß eine Hebe sich in einen Vulkan verliebt hat -- -- und demnach

kann es auch bei Ihnen wiederkehren. Allein was brauche ich dieses zu

wissen? Wollen Sie mich kränken oder beleidigen? Wenn dies der Fall,

so erfahren Sie, daß ich weder zu dem Einen noch zu dem Andern ruhig

zusehen werde.... Ja, ja, ich weiß, jenes Mädchen, jenes Geschöpf ist

ein weiblicher Dämon, den wenigstens ich nicht verstehe: tugendhaft,

streng, unbefleckt -- -- und zugleich eitel, gefallsüchtig und noch

Gott weiß was. Allein wenn ich von ihr, wenn ich von diesem Mädchen,

die mir Alles war, auch noch so Manches hätte denken müssen, das Eine,

fürwahr -- das Eine wäre mir nie beigefallen: daß ein so junger und

holder Engel fähig sei, einem alten Subjekt +Ihrer+ Art Gehör zu

geben, während sie mich....“

Hier hatte sich jedoch bereits auch Herr von Althing erhoben und in

Positur gestellt. Zuerst schlug er mit seinem Fuße, woran sich ein

klirrender Sporn befand, gewaltig gegen den Boden, dann stemmte er

sich auf seinen Stock und endlich fing er mit einer Stimme an, die

furchtbar sein sollte: „Wie mich dünkt, so haben jetzt Sie, mein bester

Leuben, jene Absicht, welche Sie mir zuvor untergeschoben, nämlich

zu beleidigen.... Mindestens begreife ich nicht, was sonst Worte

wie: „ein altes Subjekt“ u. s. w., wie Sie solche so eben gegen mich

gebrauchten, zu bedeuten hätten.... Wenn nun dies wirklich der Fall

sein sollte....“

„Nun?“ lächelte Leuben spöttisch: „wenn es der Fall sein sollte?“

„Dann, dann“ polterte Althing und gab sich ungeheure Mühe, so wild als

möglich die Augen zu rollen: „dann muß ich ihnen sagen, daß --“

„Weiter, weiter!“

„Daß ich das nicht -- -- -- -- begreifen kann.“

„Wie, Sie können es nicht begreifen, daß mich Ihre verdammte

Liebesgeschichte in Wuth bringt?“

„Aber mein Gott, ist es meine Schuld, wenn man mich liebt, wenn man

wahnsinnig vernarrt in mich ist? Sie wissen doch, wie ich die Weiber zu

behandeln pflege -- und doch ist diese da eine solche Närrin.....“

„Ha!“ schrie der Jüngling nun und das Aussehen, welches in der Umgebung

entstanden war, vergrößerte sich von Augenblick zu Augenblick: „ha! Sie

wagen es, mein Herr?“

„Allein, mein Himmel -- ich begreife nicht, warum Sie sich so ereifern,

Leuben. -- Was gehen Sie meine Liebschaften, meine Eroberungen, meine

Siege an --?“

„Elender -- so wissen Sie nicht, daß ich Cölestine von Randow liebe,

wie ein Wahnsinniger, wie ein Wüthender!?“

„Nun -- und weiter?“

„Weiter? Noch weiter?“

„Nun ja, wozu erzählen Sie das mir? Weiß ich es denn nicht?“

„Nun ja -- eben darum; und doch sprachen Sie eben --“

„Von --? --“

„Cölestine!“

„Ich? -- Nicht eine Silbe.“

„Von wem also denn?“

„Ei -- alle Wetter! von jenem allerliebsten Brünettchen, die dort

_vis à vis_ von mir, in der dritten Reihe, sehen Sie -- mit Mutter

und Vater sitzt. Von ihr, von ihr, die, wenn mich mein Kennerblick

nicht ganz täuscht, eine kleine Bäckerstochter aus der Wipplinger

Straße ist.... von ihr sprach ich, mein Freund, und nicht von

Cölestine!“

„Hahahaha! Hahahaha!“ erhob jetzt der früher so düstere Leuben ein

schallendes Gelächter: „hahahaha! Ist das das Ganze?“

„Das Ganze! Hahahaha!“ lachte der alte Ritter mit.

„Ein Mißverständniß also? Beim Himmel! das müssen Sie mir verzeihen,

theuerster Althing!“

„Nun, nun es ist längst verziehen, verlassen Sie sich d’rauf.

Uebrigens -- da wir uns in dem anstrengenden Diskours beinahe die

Kehlen ausgedörrt haben, so dürfte, wie mich dünkt, eine Flasche

Tokaier oder so etwas dergleichen kein unebenes Anfeuchtungs- und

Restaurationsmittel sein. Daher: Marqueur! Holla! -- Johann! Oder wie

der Bursche sonst heißt.“

„Befehlen Euer Gnaden? Schaffen Euer Gnaden! Womit können wir

aufwarten?“

Mit diesen Worten und tiefen Katzenbuckeln waren zwei bis drei

Aufwärter herbeigesprungen, so flink, so behend, so lustig, daß ein

norddeutscher Kellner sich nicht einmal eine blasse Idee davon zu

machen im Stande ist.

„Wie steht es mit Eurem Keller?“ nahm Althing das Wort: „Habt Ihr guten

Tokaier? Was?“

„Aufzuwarten, Euer Gnaden. Er ist aus dem Keller Sr. Durchlaucht des

Fürsten -- --“

„Ach, wenn das ist, dann behaltet denselben für Euch; der Tokaier,

welcher unter diesem Namen passirt, ist häufig der schlechteste. Es

geht damit, wie mit den schlechten Büchern, die ein Verleger dadurch an

den Mann zu bringen sucht, daß er zu denselben Vorreden von berühmten

Literaten schreiben läßt. Also mit dem Tokaier ist es nichts; dafür

bringst Du uns Champagner und zwar _non mousseux_. -- --“

„Zu dienen, Euer Gnaden! Im Augenblick, Euer Gnaden!“

Und diese Leute sprangen wieder wie die Hirsche davon, so daß es wie

eine Art von Jagdvergnügen war, ihnen zuzusehen.

„Ei, ei! -- Schon wieder! -- Das war noch deutlicher, als alles

Frühere! -- Jetzt winkte sie mir gar mit dem Finger und deutete auf

ihre Mutter neben sich, gleichsam als wollte sie sagen: Diese da genirt

unser Zusammentreffen, du mein holder Mann! -- Nun, fürwahr, die hat

an mir complett einen Narren gegessen.... Mein Gott, das ist jedoch

für Unsereins etwas ganz Alltägliches.... Ha! da fällt mir etwas ein.

Wissen Sie, was ich thun will, Leuben? Ich will jene verliebte Hexe

noch rasender verliebt in mich machen -- und zwar dadurch, daß ich

dieselbe eifersüchtig mache. O, ich bin in diesen Dingen erfahren! --

Also rasch auf irgend eine Zweite deine Blicke geworfen, Freund Althing

-- und sie wird wahnsinnig, sie wird unglücklich! -- O, in dieser

Beziehung bin ich ein ganz herzloser Gesell! -- Allein man muß es bei

dieser Zeit auch sein -- sonst kommt man nicht fort. Nur den Ungeheuern

in der Liebe sind die Weiber treu. Je beständiger man ist, desto

wankender sind sie.... je gleichgültiger, um so mehr entbrennen sie für

uns.... Meiner Treu, ich werde mich darüber weiter auslassen, wenn ich

erst meine Memoiren unter dem Titel: „Casanova II.“ herausgebe....“

Der alte Schwätzer wäre noch lange in dieser Weise fortgefahren, indem

er dabei seine lüsternen Blicke immerwährend von der einen seiner

Auserkornen zur andern gehen ließ -- -- allein jetzt plötzlich schien

er von einem neuen Anblick überrascht und mit lauter Stimme rief er

aus: „Ah -- da kommt unser theurer Freund +Edmund von Randow+!...

Ah, das ist wirklich schön! Der Bursche ist mir so zu sagen ans Herz

gewachsen: es ist ein köstlicher Junge, der Edmund.“

Die Person, von welcher Althing also deklamirte, näherte sich in

raschen Schritten und verdoppelte dieselben noch, sobald sie die Zwei

ansichtig wurde. Man denke sich einen jungen eleganten Mann von guter

aber etwas leichtfertiger Haltung -- dessen lachendes Auge kühn oder

nach Umständen auch frech den Leuten bis zwischen die Zahnreihen sieht,

dieser junge Mensch, ein Liedchen summend, eilte jetzt durch die Reihen

der Gäste hin, indem er Diesem auf den Fuß trat, Jenen am Ellbogen

anstieß -- und auf alle Mahnungen die hierauf erfolgten nichts that,

als daß er mit seiner dünnen Reitgerte in der Luft umherfocht, als

wollte er Mücken vertreiben.

„Haha!“ ließ er sich mit einem Male so laut vernehmen, daß man es gewiß

bis zum Zeughause hören konnte: „da sitzen sie ja beisammen die zwei

Freunde, die zwei Kameraden..... Ach! und welche Blicke dieser alte

Sünder wieder um sich herum wirft....“

In diesem Augenblick war er zu ihnen gelangt und ohne Weiteres

warf er sich auf einen Stuhl, griff nach einer von den bereits

herbeigeschafften Flaschen und schenkte sich ein Glas Champagner

ein, das er auf einen Zug leerte; -- dann streckte er die Beine von

sich, erhob die Reitgerte und versetzte damit seinem Nachbar, dem

Liebesritter Althing, einen leichten Schlag auf die Knie: „Nun, wie

geht es? Was macht Ihr da? Was machen die holden Fräuleins -- und wie

viele hat ihrer dieser große Verführer bereits in einem Augenblick

erobert? --“

Diese Apostrophe schien dem alten Seladon zu schmeicheln und mit den

Lippen schmatzend versetzte er in geheimnißvollem Tone: „Bis jetzt ist

es nur Eine -- -- aber diese kann für Tausend gelten, hahaha!“

„Wirklich?“ rief Edmund: „Das muß in der That ein kleines Weltwunder

sein.... Nun und wo sitzt denn diese Helena -- mein lieber Alter..?“

„Ich habe“ versetzte dieser mit gekränktem Tone -- „Dich bereits zu oft

gebeten, mich nicht „mein lieber +Alter+“ zu nennen; denn erstens bin

ich noch in meinen besten Jahren -- zwischen 30 und 40 -- und zweitens

haben wir uns, was man so sagt, conservirt -- -- endlich drittens -- --“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein neuer +Fall+, den man

wirklich +Fall+ nennen konnte, sich ereignete; Edmund hatte nämlich

seine Beine so weit ausgestreckt, daß ein Aufwärter, welcher eben mit

einer Platte voll Confituren und Getränken vorübereilte und die sehr

vernünftige Absicht hatte, auszuweichen -- so unvernünftig war, es ein

wenig allzu rasch thun zu wollen -- solchergestalt mit seiner Platte

hinfiel und den ganzen Inhalt der Gläser auf Edmunds Beinkleider und

Althings Stiefel ausgoß -- das Uebrige vermälte sich mit dem Staube

auf dem Boden und wurde von zwei herbeieilenden Knaben und drei Hunden

in friedfertiger Weise getheilt. Edmund lachte wie toll über das, was

er „Impromptu“ nannte -- hingegen war Althing über die Vertilgung des

Glanzes auf seinen Stiefeln so untröstlich, daß er dem unseligen

Aufwärter nicht nur einen Schimpfnamen nach dem andern -- sondern zum

Beschluß auch noch einen Tritt auf einen gewissen Theil des Körpers

versetzte; eine Mode, die in Wien eben nicht ungewöhnlich ist, während

man dergleichen Divertissements der großen Herrn in dem ganzen übrigen

Europa bereits längst abgeschafft hat.

Die Unterhaltung erhielt demnach eine bedeutende Lücke, wenigstens in

ihrer conversationellen Seite; das war jedoch Keinem angenehmer als

unserm bleichen, melancholischen Freunde, unserm armen Freunde Leuben,

der, während hier Alles lachte, auch nicht einmal das Gesicht verzog.

„Alle Donner!“ schrie Althing -- „ich bin für diesen Augenblick

ruinirt; meine Toilette ist hin! Und es ist doch ein so wichtiger

Augenblick.... Jene kleine Brünette! -- Jene, die ich schon besiegt

hatte, kraft der Gewalt meiner Physiognomie, -- wer weiß, ob sie nicht

Anstoß nimmt an ungewichsten Stiefeln! O nichtswürdiger Marqueur!

Dummkopf von einem Aufwärter -- ich könnte Dich --“

Mittlerweile hatte Edmund dem armseligen Marqueur, dem all dies Unglück

galt und der da stand vor seinen zerbrochenen Tassen und Gläsern wie

Niobe, die ihren verfolgten Töchtern nachsieht, -- diesem Unglücksmanne

hatte der leichtfertige Edmund eine Banknote zugeworfen, die wohl den

dreifachen Werth des Schadens enthalten mochte und daher ein ganz

respektables Schmerzensgeld war. Der Unglücksmann verbeugte sich bis

zu seinem Bauche und würde sich noch tiefer verbeugt haben, hätten ihn

seine geschundenen Glieder daran nicht gehindert.

„Nun, bist Du zufrieden?“ rief Edmund.

„Vollkommen!“ versetzte der Kerl: „Wenn Euer Gnaden wieder ein ander

Mal schaffen[A], so brauchen Sie mir’s nur sagen zu lassen. --“

Diese Replik versetzte Alles in heitre Laune, so daß sogar Leuben eine

Anwandlung davon bekam; erst jetzt erwiderte er den Gruß Edmunds; doch

plötzlich blieb sein Auge mit einem heftigen fieberhaften Ausdrucke

auf demselben haften und ein leises Zucken der Lippen schien die

gewaltsamen Gedanken, welche sich gerne in Worten Bahn brechen wollten,

anzuzeigen.

„Was haben Sie, mein bester Leuben?“ fragte der Andere: „Was ist Ihnen?

Sie sind heute bei sehr schlimmer Laune, wie ich merke -- und ich

finde deshalb den Einfall köstlich, sich dieselbe gleich am Morgen mit

Champagner zu vertrinken.“

„O“ fiel der alte Dicke ein: „dieser Champagner hat etwas ganz Anderes

zu bedeuten. Es ist ein Versöhnungstrank -- eine Libation; denn wir

hatten ein Rencontre, bevor Du kamst -- und wenig fehlte, so hätten wir

einander die Hälse gebrochen.“

Edmund schlug ein unsinniges Gelächter auf. „Wie -- ein Rencontre?

einen Streit? -- Seid Ihr denn verrückt? Zwei alte Freunde und ein

Streit!.. Macht doch keinen Narren aus mir.“

„Nein, nein, in vollem Ernste gesprochen, Du kannst Dich darauf

verlassen -- -- und überdies, was hindert uns, Dir den Inhalt des

Streites mitzutheilen. -- Ohnehin betrifft er ja in entfernterer Weise

sogar Dich. --“

„Wie?“ schrie jetzt Edmund aus Leibeskräften: „Mich, mich, sagst Du,

-- hahaha! -- Der Fall wird interessant -- doch bevor wir weiter gehn:

Marqueur, noch eine Bouteille von diesem rothen Champagner -- -- er ist

köstlich! -- -- So, und jetzt erzähle, mein Alter, erzähle!“

„Donnerwetter! noch ein Mal, Edmund, rede mich nicht immer so an,

+Alter+! darauf werde ich künftig nicht mehr hören; verstehst Du?

--“

„Also, mein Junge, wenn Dir dies lieber ist.“

„Das ist etwas Anderes. Ich verlange, wie Du weißt, nichts Unbilliges.

Ich könnte zehn Taufscheine beibringen, worin mein Alter von 30 bis 40

Jahren bestätigt ist -- und --“

„Schon gut -- Alle Teufel! Wirst Du endlich zur Geschichte kommen,

verd-- Alter -- Althing wollt’ ich sagen.“

„Nun ja, so höre: es handelte sich um Deine Schwester Cölestine.“

Bei diesen Worten nahm der Roué Edmund einen so ernsten Ausdruck des

Gesichtes an, wie man ihn dessen nimmer fähig gehalten hätte: „Ueber

diesen Gegenstand“, sagte er mit Nachdruck -- „bitte ich Dich zu

schweigen, mein Freund, und erkläre Dir ein für alle Mal, daß ich

hierbei keinen Scherz verstehe.“

„Meinetwegen,“ bemerkte Althing; „was geht die Geschichte mich an? --

Was mich betrifft, so will ich Dir gerne den Gefallen thun, darüber zu

schweigen; jedoch ist hier Einer....“ und hierbei deutete er auf Leuben.

Edmund richtete sich auf; in der That schien jetzt dieser ganze Mensch

verändert -- die Lappen und Flitter der Liederlichkeit schienen alle

von ihm gefallen zu sein und er stand so würdig da, als irgend Einer.

Mit Ernst wandte er sich an seine beiden Gesellschafter: „Meine

Herren,“ sprach er, „es ist da von einer +Geschichte+ und dann von

Ihnen, Herr von +Leuben+, die Rede. Wollten Sie wohl die Güte haben,

mir hierüber einige nähere Aufklärung zu geben.“

Der junge Mann, dessen Namen er so eben genannt, hatte seinen festen,

durchdringenden Blick von ihm noch immer nicht abgekehrt. Jetzt

zitterte er an allen Gliedern -- und schien mit unaussprechlicher

Ungeduld den Moment erwartet zu haben, welcher so eben einbrach.

„Reden Sie doch! Reden Sie doch!“ rief Edmund, bald zu Leuben, bald

wieder zu Althing gewendet, welch’ Letzterer, durch die Aufmerksamkeit,

die er seinem _vis à vis_, oder seiner Brünette, schenkte, gehindert,

hier am Tische nur mit halben Ohren zuhörte.

„Werden Sie mir endlich sagen --?“ wiederholte Edmund so heftig, daß

der Dicke erschrack und nun rasch die Worte aussprach:

„Aber mein Gott, welche Aufregung bei einer so kleinen Sache? Nun denn,

unser ganzes Gespräch, so weit es Ihre Schwester, Fräulein Cölestine,

betraf, drehte sich um die Frage: ob sie wirklich, wie man sich

erzählt, Braut geworden sei oder nicht. Das ist Alles.“

„Ja --“ wiederholte Leuben mit einer wilden, sonderbaren Unruhe: „ob

sie Braut geworden sei, darum handelte es sich, und dies können Sie,

Herr von Randow, uns mit der größten Bestimmtheit sagen.“

„Nun -- wenn es sonst nichts ist!“ entgegnete Edmund in munterem Tone,

„dann hatten wir freilich viel Lärmens um Nichts gemacht; denn es wird

Ihnen Beiden doch wohl einerlei sein, ob oder ob dies nicht der Fall

ist.“

„Nein, nein -- es ist uns keineswegs so ganz gleichgültig, wie Du

glaubst, mein Lieber,“ meinte Althing: „und so magst Du es uns nur

sagen, was die Sache Wahres enthält.“

„Nun denn -- Cölestine ist in der That die Braut des Grafen von A--x;

diese Angelegenheit ist bereits abgeschlossen.“

Ein fahler Lichtschein fuhr über Leubens Angesicht, dessen Blässe

jetzt eine todtenähnliche Farbe annahm. Dieser Mensch schien von

einem elektrischen Schlag bis ins tiefste Leben hinein getroffen zu

sein; die Veränderung, welche an ihm vorging, ward jedoch von keinem

seiner beiden Nachbarn bemerkt -- denn mit einer an’s Uebernatürliche

streifenden Gewalt schien er sich zu beherrschen. Er blieb auf seinem

Stuhle sitzen -- bewegungslos, antheillos, und bis auf seine wechselnde

Gesichtsfarbe, so unverändert, als wäre nichts vorgefallen.

Bald darauf erhob man sich; Edmund hatte Besuche bei Freunden und im

Kaffeehause zu machen (er traf seine Freunde gewöhnlich an solchen

Orten); Althing beobachtete den so eben erfolgten Aufbruch seiner

„Brünette“ -- natürlich, daß er Willens war, ihr zu folgen; was endlich

Leuben betraf, so war demselben höchst wahrscheinlich wenig daran

gelegen, dem einen oder dem andern dieser Herren zu folgen -- und in

der That, wir sehen ihn auch alsbald nach einer leichten Begrüßung

sich einsam hinweg begeben und den Weg rechts nach den Vorstädten --

vielleicht um in den nahen Garten des Fürsten Schwarzenberg zu gelangen

-- einschlagen.

Der Schwarzenberg-Garten ist ein allgemeiner Freund sowohl der

glücklich wie der unglücklich Liebenden. Beide bergen sich in seinem

Schatten.

Althing und Edmund waren eine Strecke gegangen; da sie jedoch

verschiedene Ziele verfolgten, so trennten sie sich auch sehr bald

und unser dicker Adonis ging nun allein klirrenden Trittes Derjenigen

nach, welche, wie er glaubte, ihm so viele und so ausdrucksvolle

Liebeszeichen auf dem Wasserglacis gegeben -- und die, wie er nicht

zweifelte, sich auch jetzt nur erhoben hatte, damit sie endlich

ungestört mit ihm reden könnte.

Aber welche Ueberraschung für unseren heißblütigen Ritter, als er sich

plötzlich von einem leisen Handschlage auf seiner Schulter berührt

fühlte und nun einen ihm unbekannten jungen Herrn hinter sich sah, der

folgende Worte zu ihm sprach:

„Mein bester Herr -- ich rathe Ihnen, von der Verfolgung jener Dame

abzulassen, denn es würde Sie zu nichts führen und wahrhaftig, Sie

können Ihre Zeit auf andere Weise weit besser verwenden. Sollten Sie

Zweifel in meine Worte setzen, so werden diese bald zerstreut sein.

Blicken Sie mir gefälligst nach und überzeugen Sie sich, daß unter

diesem Monde nichts häufiger vorkommt, als der +Irrthum+... Man

glaubt den goldnen Schatz bereits mit der Hand zu erfassen -- in diesem

Augenblick jedoch entschlüpft er uns und im nächsten schon hat ihn

derjenige, für welchen er bestimmt war.“

Dies sprechend, lachte der Fremde unserm dicken Freunde so recht ins

Gesicht, verdoppelte seine Schritte, so daß er ihm bald vorkam und nach

wenigen Schritten sich dicht hinter jener Dame, jener Brünette befand.

Diese drehte sich rasch um, ließ ein Briefchen fallen, der Fremde hob

es mit einer bewundernswerthen Geschicklichkeit auf und -- bald war er

mit seinem Schatze hinter einer Hecke verschwunden.

Herr von Althing blieb wie vom Donner gerührt auf dem Platze stehen

-- schüttelte das Haupt -- ließ es ein wenig sinken -- stieß einen

schweren Seufzer aus und begab sich nach zwei Minuten Ueberlegung auf

den Rückweg, indem er vor sich hin murmelte:

„Ei, ei, da glaubte ich ganz sicher zu sein. Meiner Treu, ich hätte

eher meinen Kopf verwettet, als so etwas zu glauben.... Da seh’ man

mal die Weiber an! Aber machen wir es mit ihnen denn besser? -- Also

Geduld, Freund Althing! -- Du hast so manches Herz gebrochen -- --

gebiete dem deinigen jetzt Stillschweigen. Allons nach Hause! und neue

Toilette gemacht. Ich wette darauf, an diesem ganzen Unglück waren

meine begossenen Stiefel Schuld.“

Zweites Kapitel.

Cölestine von Randow und Alexander von A--x.

Cölestine von Randow war eine der reizendsten Jungfrauen der Residenz.

Ihre Familie gehörte zu den edelsten des Landes. Erst vor einem

Zeitraum von 100 Jahren aus Polen eingewandert, hatte der damalige

Stammhalter durch Dienste, die er dem Staate leistete, derselben

schnell eine der glänzendsten Stellungen zu verleihen gewußt. Doch

verlor unter seinem Sohne das Geschlecht wieder einen Theil seiner

Geltung und seines Vermögens, und erst den beiden Nachfolgern gelang es

-- jene Fehler zu verbessern. Freilich ist ein Schade nicht so leicht

gehoben wie gemacht, und noch bis zum heutigen Tage empfand die Familie

Randow jene Nachwehen, die ihr von ihrem Großvater hinterlassen

worden waren. -- Ueberhaupt war es ein Familienfehler der Randow, den

fast jedes Glied derselben mehr oder minder theilte -- unüberlegt, ja

leichtsinnig zu sein, und wiewohl sie alle von Herz und Geist edel und

vortrefflich waren, so überwog in ihnen jenes Erbgebrechen oft so sehr,

daß dadurch alle andern und bessern Eigenschaften häufig in Schatten

gestellt wurden, wie dies z. B. gegenwärtig bei +Edmund+ von Randow,

dessen Charakter wir schon ziemlich deutlich bezeichnet zu haben

glauben, der Fall war.

Was wir von Cölestine zu sagen haben, wird in Nachfolgendem bestehen.

Sie war, wie gesagt, eine der schönsten, der glänzendsten Erscheinungen

in der höheren Frauenwelt. Man begreift, daß, um in dem Kreise der

Schönheiten Wiens auf jene Benennung Anspruch zu haben, man weit über

den Verhältnissen eines gewöhnlichen Maaßes stehen müsse. In der

That war Cölestine so schön, daß man aus ihrem Bilde einen modernen

Canon für zeitgenössische Maler hätte machen können. Man stelle sich

eine zarte, schlanke, feine und doch im höchsten Grade plastische

Gestalt vor, als wäre sie aus einer Composition, die geschmeidiger als

Marmor und fester als Wachs ist, von einem neuen Pygmalion gebildet

worden.... Fürwahr, diese Frau schien nicht aus dem Alltagsmaterial,

woraus uns der liebe Gott schafft, zu bestehen! -- Das schmale Oval

des Gesichtes wies einen wie mattes Silber schimmernden Teint, der

so durchsichtig war, wie Florgewebe, und durch welchen an den Wangen

ein zart geschämiges Inkarnat, auf den Lippen aber das brennende Roth

der Granatblüthe durchdrang.... Diese mandelförmig geschnittenen

Augen mit der feurig dunklen Iris, die einen stechend schwarzen von

goldnem Schimmer durchwirkten Kreis bot -- diese schweren dunklen

Wimpern und diese dünnen gewölbten Brauen, die von Meistershand auf

die glatte, nicht allzu hohe Stirne gezeichnet schienen -- -- diese

feine, doch ein wenig gestülpte Nase, dieser nicht allzu kleine Mund,

der geschlossen von einem eigenen unaussprechlichen Zauber -- geöffnet

es jedoch in einem noch höheren Grade war -- da dann eine entzückende

Kindlichkeit daraus sprach (eben so wie er, geschlossen, Ernst und

Sinnigkeit ausdrückte) -- -- ferner dieses Kinn vom reinsten Ebenmaße,

welches an einen Hals grenzte, der zugleich schlank und kräftig war....

wenn wir zu all diesem noch den prachtvollen, reichen Haarwuchs vom

tiefsten Schwarz hinzuthun, der wegen seiner Ueppigkeit und strotzenden

Fülle das Haupt nach hinten fast unverhältnißmäßig verlängerte, so

daß er jenem der alten Griechinnen glich: so haben wir im Grunde nur

erst einen Theil des reizenden Bildes Cölestinens gemalt. Es müßte

uns jedoch ein weit kunstreicherer Pinsel als der, welchen die Muse

unserer schwachen Hand anvertraut, zu Gebote stehen -- um Alles, Alles,

um jedes einzelne Attribut der Schönheit dieses Originals in den

vergänglichen Rahmen dieses Gemäldes zu fassen....

Gewöhnlich war der Ausdruck von Cölestinens Gesicht still und ernst,

ohne Trauer; zeitweise jedoch wurde er von einer Lebhaftigkeit und

jenem muntern Wesen durchstrahlt, das nur einer Französin und einer

Polin in so entzückender Weise eigen. Cölestine träumte und schwärmte

nicht -- sie emfang, sie faßte deutlich und zugleich tief auf; leicht

aber gab sie sich der Wirkung irgend einer ungewöhnlichen Erscheinung

in der Außenwelt hin und dann blitzte ihr dunkles Auge hell auf -- ihr

Mund öffnete sich -- ihre Lippe verzog sich zum Lachen, zum Spott, zum

Zorn, zur Zärtlichkeit, kurz zu dem Ausdruck jeder Empfindung.

Man erzählte sich von ihren Kinderjahren, daß sie zu jener Zeit

ein kleiner Wildfang und dazu über alles Maß eitel gewesen sei. In

Wahrheit, die letztere Eigenschaft hatte sie bei sich noch immer nicht

gänzlich abgestellt, so große Mühe sie sich deswegen übrigens auch

gab. Sie wußte recht gut, daß Eitelkeit, Gefallsucht und leichter Sinn

ein so tüchtiges Gemüth und einen so glänzenden Geist, wie womit sie

ausgestattet war, entwürdigen, und gleichwohl ertappte sie sich --

mißtrauisch wie sie war -- alle Tage wohl zehn Mal bei diesen Fehlern.

Sie zürnte dann mit sich, sie schmollte, sie bestrafte sich sogar....

allein _naturam si furca etc._

Allein welcher Charakter ist frei von Mängeln und welches Geschöpf

tadellos in der Schöpfung? Ich mißtraue jenem Reinen und Fehlerlosen

gar gewaltig und würde, hätte ich die Wahl frei, mich zehntausend Mal

eher an diejenigen schließen, welche von irdischer Gebrechlichkeit

nicht frei sein wollen. -- O, der Mann, welcher Cölestine einst

besitzen sollte, hätte sich wahrhaftig in lautem Dankgebet an das

Schicksal dafür wenden sollen, daß es ihm ein solches Geschenk gewährt.

Dieser Mann nun, von dem wir reden, dieser Glückliche, der Cölestine

als sein Weib in die Arme schließen sollte -- es war, wie wir schon

erfahren haben, der Graf von A--x. -- Sein Geschlecht war inländischen

Ursprungs und mindestens eben so glänzend wie jenes der Randow. Graf

Alexander von A--x (denn das ist sein Vorname) war keineswegs mehr

ein Jüngling; er stand im vollkräftigen Mannesalter von 36 Jahren --

-- und dieser Umstand war eine von den Ursachen, um derentwillen ihm

die achtzehnjährige Cölestine den Vorzug vor dem Heere ihrer andern,

theils stillen, theils ziemlich aufdringlichen Anbeter gegeben. --

+Alexander+ bekleidete eine wichtige Stelle im Staatsdienste und

man glaubte ihn an dem Vertrauen hochmächtiger Personen betheiligt.

Er war ein düsterer, kalter, verschlossener, fast schwermüthiger

Charakter -- falls man ihn blos nach der Oberfläche beurtheilte....

aber ach, welches Feuer von Liebe, welche Lava der Leidenschaft mochte

da tief unten auf dem Grunde der Seele glühen! -- Seine Gestalt war

männlich und kräftig; eine nicht allzu hohe aber derbe Statur würde

ihn als einen gewöhnlichen Kraftmenschen bezeichnet haben, wenn sein

farbloses oder vielmehr braungelbes Angesicht, in welchem zwei gewaltig

große, oft wildbewegte, oft düster starrende Augen wohnten -- durch

die mannigfachen Bewegungen, denen es zeitweise unterworfen war, nicht

auf ein höchst bewegtes Seelenleben würde gedeutet haben. Zwar wollte

die Welt damit -- ein wüstes und wildes Sinnenleben in Verbindung

bringen, welches der Graf in früheren Jahren und fremden südlichen

Ländern geführt haben sollte; allein Niemand konnte hierüber etwas

Bestimmtes sagen -- und so dürfen diese Behauptungen eben sowohl in das

Reich der Annahmen -- wie in jenes der Wirklichkeit gestellt werden.

-- Mit Einem jedoch verhielt es sich vollkommen richtig, nämlich,

daß Graf Alexander in der Liebe von einer wahrhaft schrecklichen

Eifersucht verfolgt wurde -- wie man aus einem Verhältnisse, in welchem

er vor mehreren Jahren mit einer jungen liebenswürdigen Dame stand,

die bereits als seine Braut galt, wußte. -- Jene Dame war in Folge

eines Verdachts, den Alexander auf sie, die ganz unschuldig war,

geworfen, von ihm so tief in der Seele gekränkt worden, daß sie ihr

Schicksal nicht ertragen konnte und an der Seite des zu spät zur Reue

zurückkehrenden Bräutigams ihren Geist aushauchte.

Seit dieser Zeit hatte Alexander absichtlich der Liebe widerstrebt

-- er schien sich hieraus eine Buße gemacht zu haben. Doch in der

Nähe Cölestinens, wohin der Zufall ihn führte, und wo irgend ein

verhängnißvoller Zwang ihn festhielt, war er nicht länger fähig zu

widerstehen.... er faßte eine verzehrende Leidenschaft für das reizende

Wesen und trat mit einer unglaublich großen Anzahl von Mitbewerbern in

die Schranken.

Trotzdem, daß Cölestine im Ganzen auch die Mitwerbung der Uebrigen

nicht ohne geheimes Vergnügen sehen mochte -- trotzdem, sagen wir,

daß sie, Gott weiß durch welche magische oder vielleicht auch ganz

natürliche und positive Mittel, jenen dichtgeschlossenen Verehrer-Kreis

(worunter es Einige von der glühendsten, ja von der wüthendsten Sorte

gab) beständig um sich erhielt: hatte doch entschiedenermaßen Graf

Alexander seit ziemlich lange her ihr Herz erworben, und endlich ward

ihm ihre Hand in feierlicher Form zugesagt.

In der Zeit, mit welcher dieser Roman beginnt, gingen in allen Kreisen

der _haute crême_ Anzeigen folgenden Inhaltes herum:

„Wir beehren uns, Ihnen anzuzeigen, daß am 15ten dieses Monats

unsere Tochter, Fräulein Cölestine von Randow, mit dem Herrn Grafen

Alexander von A--x, K. K. etc. etc. vermählt werden wird. Wir werden

nicht ermangeln, Ihnen das Weitere demnächst bekannt zu geben und

um die Auszeichnung Ihrer Gegenwart zu bitten.

Wien am 9ten Mai 1842.

Eugenie von Randow,

geborne Ernini von Kronau.

Friedrich von Randow,

K. K. General-M.“

So war denn also über Cölestinens und Alexanders von A--x Verhältniß

kein Zweifel mehr -- man hatte die handgreiflichste Gewißheit.

Als diese zu den früher so hoffnungsreichen, aber jetzt so jämmerlich

durchgefallenen Amateurs und Adorateurs Cölestinens gelangte -- da

schäumten Einige von ihnen vor Wuth, Andere sannen still auf Rache

-- noch Andere verzweifelten -- und endlich Einige, (das waren die

Wenigsten, weil die Vernünftigsten), lachten über dieses Ende vom Liede

-- gingen nach Hause, wuschen ihre Erinnerungen mit Rosenwasser ab --

und traten als vollkommene Gentlemen wieder auf die Straße; denn es ist

der Grundzug des wahren Mannes von Welt

_nil admirari,_

d. h. über Alles höchstens -- die Achsel zu zucken.

Warum aber hatte Cölestine dem Grafen Alexander einen so entschiedenen

Vorzug vor so vielen Andern eingeräumt? -- -- Ach es ist schwer,

die Calcule der Liebe zu verfolgen. Die Liebe berechnet nach einem

dynamischen Zahlensysteme, wofür wir in der materiellen Welt keine

Zeichen haben. Wer kann sagen, warum Diese Jenen liebt und nicht den

Andern? -- Ja, das Beste dabei ist: wir selber können in den meisten

Fällen uns das von unserer eigenen Liebe nicht nachweisen. Mich dünkt,

Shakspeare hat es gesagt: Der Eine verliebt sich in die blauen Strümpfe

seiner Dame, ein Zweiter in ihren süßen Athem -- -- ein Dritter

findet in der Pupille ihres Auges eine Gottheit, die ihn zu ihren

Füßen hinreißt; oft ist ein Traum, in welchem uns eine bisher ganz

gleichgültige Person erscheint, hinreichend -- um uns in Wirklichkeit

mit rasender Liebe zu ihr hinzureißen; ja man hat Beispiele, daß uns

Jemand durch seine enorme Häßlichkeit eben so bezaubert, wie ein

anderer Jemand unsern Freund durch seine unaussprechliche Schönheit.

Das sagt Shakspeare. Und sollte er es auch nicht sagen, so sage ich

es, was, wenn es gut gesagt sein sollte, die Sache am Ende auch nicht

schlimmer macht.

Was nun Alexander und Cölestine betrifft, so ist es höchst

wahrscheinlich, daß die ernste, bedeutungsvolle, stolze und düstere

Männlichkeit des Grafen -- sie zu allererst zu ihm hinzog. --

Solche ungewöhnliche tiefromantische und geheimnißvolle Charaktere

beschäftigen zu sehr die Neugierde der Weiber, als daß sie später nicht

auch deren ganze Seele herüberziehen sollten. Denn mag man dagegen

sagen, was man will -- Neugierde ist der erste Ring in der Kette

weiblicher Empfindungen; an ihm hangen die übrigen der Theilnahme, des

Mitleids, der Freude, der Furcht, der Hoffnung, der Freundschaft und

der Liebe.

Ueberdies war Alexander, dieser stolze, selbstständige und geistreiche

Mann auch -- ein nicht unschöner Mann. Grund allein schon, ihn zu

lieben -- wenn er auch sonst nichts besessen hätte. Denn ist materielle

Schönheit an sich nicht schon hinreichend, ein Weiberherz, oft das

gebildetste und zarteste, zu besiegen? Wenigstens treffen wir täglich

auf Beispiele, die hierher gehören. In Rom hat erst kürzlich eine

jugendliche hochgeborne und hochgebildete Miß ihren -- Kutscher

geheirathet, und Madame Dudevant in Paris hat sich, wie man mir

erzählt, neulich in einen allerliebsten handfesten Ouvrier vernarrt,

wiewohl die große Schriftstellerin nachgerade im Begriffe steht, eine

-- Matrone zu werden.

Doch wohin verirre ich mich? Graf Alexander ist ja nicht in diese

Kategorie zu versetzen; aber man gelangt beim Raisonniren so leicht vom

Hundertsten in’s Tausendste, und dies darum: weil es in der Natur so

viele Aehnlichkeiten -- nahe und entfernte -- giebt.

Genug an dem: sie hatten sich gefunden, sie hatten sich erreicht -- ein

Himmel voll Lust ging auf über ihren Häuptern und der Erdendämon des

Kummers zog grollend von dannen. Sie kannten ihn nicht mehr.

Drittes Kapitel.

Die Trauung.

Der Vermählungstag erschien. Noch immer hatten die Neider und

Nebenbuhler sich geschmeichelt, er werde hinausgeschoben und so durch

irgend einen der zahllosen unberechenbaren Zufälle, auf die der

Mißgünstige hofft -- endlich gar vereitelt werden. Aber nichts von

dem Allen geschah. Es war mit diamantenen Buchstaben in dem Buche des

Lebens geschrieben: Cölestine sollte Alexanders Gemahlin sein.

Als man nun nichts mehr dagegen thun konnte, ergab man sich ins

Schicksal -- jedoch mit einer Hölle im Herzen. --

Das Palais des Herrn von Randow lag in der --straße, innern Stadt. Man

nennt diese und noch eine Straße vorzugsweise die: aristokratischen,

weil sie aus einem Aggregat hochadeliger Wohnungen bestehen. Es ist

das Quartier: St. Germain Wiens, wiewohl im verjüngten Maßstabe, da

viele der größten Paläste der _haute volée_ in der ganzen Stadt

zerstreuet stehen.

Seit vielen Jahren hatte im Palaste der Randow kein so reges Treiben

geherrscht, wie am heutigen Tage. Es ging und kam, es lief und rannte

Alles, was der Bewegung fähig war. Vom Haushofmeister herab bis zu dem

letzten Küchen- und Stalljungen hatten die Domestiken alle Hände voll

zu thun. Die Gänge, die Vorsäle, der Hof, Küche und Keller -- hier

wimmelte es von Menschen und menschenähnlichen Geschöpfen.

Dagegen herrschte im Innern der Gemächer eine feierliche grandiose

Stille, wie denn ein kommendes Ereigniß von höhern Menschen immer mit

kalter Ruhe erwartet zu werden pflegt.

Im großen Familiensaale stand die geschmückte Braut an der Seite ihres

Bräutigams, umgeben von ihren Angehörigen und einigen Freunden --

und harrte des Augenblickes, der sie an die Stufen des Altars führen

würde. Die Trauung sollte in der Hauskapelle vollzogen werden und man

erwartete nur das Zeichen zum Aufbruch.

Cölestine war ein wenig blässer als gewöhnlich und hierauf beschränkte

sich die ganze Veränderung ihrer Gestalt. Man konnte gewiß auch nicht

das leiseste Zeichen von Alteration auf ihrem Gesichte bemerken -- und

der Blick, mit welchem sie, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, auf

Alexander verweilte, war fest, mild und heiter. Es schien, als ob ein

namenloses Glück in ihr Herz eingezogen sei, von welchem sie jedoch der

Welt nichts verrathen wollte, da man nur insgeheim wahrhaft glücklich

ist.

Wenn man dann noch den Grafen, ihren Bräutigam, anblickte, so mußte

uns anfangs die Aehnlichkeit, welche sich in der Seelenstimmung dieser

beiden Personen aussprach, lebhaft überraschen -- und man konnte nicht

umhin, sich zu gestehen: diese Beiden sind in der That für einander

bestimmt. Graf Alexander stand in diesem Augenblick mit gleichem

ruhigen Bewußtsein an ihrer Seite und auch er schien mit seinem Glück

vollständig abgeschlossen zu haben. Doch jenes Leuchten, welches wie

der Blitz momentan durch sein dunkles Auge zuckte, jedoch nur so

selten, daß es kaum Jemand bemerkte, sprach von einer Lust, die wilder

bewegt war, als sie es schien.

Nur wenig von dem Allen fiel den Eltern Cölestinens auf. Ihre

Zufriedenheit über das Geschick ihrer geliebten Tochter war so groß,

daß ihr Augenmerk nur in diesem Kreise verweilte und nicht fähig war,

selbst zu verwandten Dingen hinaus zu treten. Eine freundlichere

Greisengestalt, wie die des Generals von Randow, konnte man sich nimmer

vorstellen; es war in ihr jene Mischung von adeligem und militärischem

Ritterthume vereint, die man auf den Bildern der Condé’s und ähnlicher

Heldenfamilien so gerne erblickt; hiezu kam noch ein unvertilglicher

Zug von Herzensgüte, die, wie wir wissen, ein Eigenthum aller

Familienglieder der Randow bildete -- und die überdies auch sonderbarer

Weise ein Attribut fast aller heroischer Charaktere ist und war. -- Die

Mutter Cölestinens, aus einem deutschen Hause entsprossen, war eine

der sanftmüthigsten und zartsinnigsten Seelen -- ein wahrer, echter,

niemals getrübter Tugendspiegel, das Muster einer Gattin und Mutter.

Seit einiger Zeit lebte sie nur in und für diese einzige Tochter, und

die Thränen, welche sie zum ersten Male im Leben vergossen hatte, waren

Freudenthränen über Cölestinens Glück.

Es wird nicht eben nöthig sein, viel von den übrigen Personen zu

reden, welche theils als nächste Verwandte des Hauses, theils als

erbetene Zeugen das Brautpaar umgaben. -- Da stand eine +Gräfin von

Wollheim+ mit ihrem Gemahle, der ein großer Jäger war, während sie

zu den leidenschaftlichsten Mitgliedern des +Wohlthätigkeitsvereins

hoher Damen+ gehörte und alle Jahre mit eigenen Händen 6 Paar

grobwollner Strümpfe dazu strickte, die sie freilich viel leichter

für einige Groschen hätte kaufen können. Ferner war eine Frau von

+Porgenau+ ebenfalls mit Gemahl da, von welch’ letzterem man sich

allerlei schnurrige Geschichten erzählte. Er wollte für einen großen

Bonmotisten und Calembouristen gelten, und da hierzu sein Talent nicht

völlig ausreichte, griff er zu dem auch bei einigen andern Leuten

gebräuchlichen Mittel, daß er fremde Witze als eigene auftischte.

Achtbarer und hochverehrter als der alte -- Rath und Ritter einiger

Orden, Herr von +Labers+, konnte Keiner sein. Er zählte unter die

verdientesten Staatsmänner der Regierung und seine Anwesenheit allein

reichte hin, eine Gesellschaft auszuzeichnen. Er war einer von den

Trauungszeugen des Brautpaares. An seinem Arme führte er die bejahrte

Wittwe eines +Feldmarschall-Lieutenant E--z+, welche ebenfalls

eine Zeugin bei der Ceremonie abgab. Noch mehrere Gäste befanden

sich im Saale; jedoch ist es nicht unsere Absicht, sie hier alle

aufzuzählen, um so weniger, da dieselben im Verfolge dieser Geschichte

wohl nicht wieder auftreten dürften.

Nur von Cölestinens Bruder, Edmund von Randow, müssen wir noch

sprechen. Natürlich, daß auch er sich im Kreise der Gesellschaft

befand. Ein Charakterzug, der an diesem leichtsinnigen Jüngling sehr

auffallend erschien, war eine so zärtliche Liebe für seine Schwester,

daß er in ihrer Nähe, man möchte sagen, einen ganz neuen Menschen

anzog; denn es gab dann keinen gefühlvolleren und liebenswürdigeren

jungen Mann, als wozu er sich Angesichts Cölestinens verwandelte.

So stand denn Edmund jetzt auch schüchtern wie ein Mädchen neben

seiner Schwester, und wenn er einen Blick von ihr erhielt, wäre er vor

Seligkeit niedergesunken und hätte ihre Füße geküßt.

Es ist in der That auffallend, und doch ist es vorgekommen, daß

zwischen Bruder und Schwester oft eine so romantische Liebe existirt,

wie man sie kaum zwischen Geliebten findet. Woher mag das kommen?

Ist es vielleicht einerseits die Anziehungskraft zwischen den beiden

Geschlechtern -- und anderseits die Macht jenes Naturgebots, welches

eine Scheidewand stellt zwischen Menschen, die ein Schoß gebar? --

In diesem wechselnden anziehenden, abstoßenden Magnetismus ist gewiß

ein namenloser Reiz verborgen und es entspringt hieraus einer jener

romanesken Zustände, welche wir nur erleben, nicht schildern können.

Endlich erschien der Hauskaplan im Chorhemd und Stola, um das Paar

vor die Stufen des Altars zu laden. Man trat sogleich durch einen

kurzen Corridor in das Heiligthum. Der Tisch des Herrn war festlich

geschmückt, helle Lichter brannten auf demselben und zwischen ihnen

glänzte auf silbernem Kreuze das schmerzvolle Bild des Erlösers.

Der Priester stellte sich auf die oberste Altarsstufe und erwartete

hier, daß Diejenigen, denen er ein Sakrament der Kirche ertheilen

sollte, zu ihm kommen und darum bitten würden. -- So wurde denn

Cölestine von der Wittwe des Feldmarschall-Lieutenant E--z und ihren

Eltern, Graf Alexander aber von dem --Rath, Herrn von Labers, und

seinen Freunden dahin geführt.

Mit fester Stimme ward beiderseits das „Ja“ gesprochen, die Ringe

gewechselt, die Stola schlang sich um die vereinigten Hände.

Sie waren Mann und Weib.

Edmund, der der Ceremonie von ferne zugesehen hatte, sank bei dem

letzteren Akte ohnmächtig in einen Betstuhl.

Zu gleicher Zeit hörte man draußen einen Pistolenschuß fallen, und

wie man später erfuhr, hatte ein junger Mann, den man jedoch nicht

erkannte, den Versuch gemacht, sich selbst zu entleiben. Vor der

Trauungsfeier noch war er in der Nähe der Kapelle gesehen worden,

hatte sich aber irgendwo zu verstecken gewußt, so daß man ihn nicht

finden konnte. Nachdem der Schuß, welchen er gegen seinen Kopf zu thun

beabsichtigt hatte, durch irgend einen Umstand fehlgegangen war -- war

dieser Fremde wieder plötzlich verschwunden, ohne daß man wußte, wohin

er gerieth. -- Diese ganze Szene trug sich vor der Kapelle zu und war

von einigen Dienern des Hauses beobachtet worden.

Ein heftiger Schrecken hatte sich beim Knall des Gewehres unter der

Gesellschaft in der Kapelle verbreitet. Man glaubte anfangs, es sei

nach dem Bräutigam oder gar nach der Braut geschossen worden. Indeß

erfuhr der General und seine Gemahlin sogleich das Wahre von der

Sache, und dem Brautpaar, so wie den übrigen Gästen sagte man: es sei

unvorhergesehenerweise das Gewehr eines Jägers im Hause losgegangen.

Aber welches Entsetzen ergriff Alle, als sie in einem Betstuhle Edmund

leblos liegen sahen. Doch wieder beruhigte man sich, sobald man seinen

wahren Zustand entdeckte. Man kannte seine schwärmerische Neigung für

Cölestine. Aber war es diese Neigung, die ihn im Augenblick, als die

Schwester ihm auf immer entrissen werden sollte -- oder war es ein

Vorgefühl vor dem räthselhaften Schusse, -- welches ihn besinnungslos

hinstürzen ließ, wer kann es berechnen?

Als endlich wieder Alles geordnet war, als man den Ohnmächtigen

wieder zu sich gebracht hatte, als er in den Armen seiner bräutlich

geschmückten Schwester vollends zum Leben erwacht war -- verließ der

Zug endlich die Kapelle und begab sich nach dem großen Familiensaale.

Cölestine empfing hier den Segen ihrer Eltern, die ersten Glückwünsche

der gegenwärtigen Gäste, so wie einige Geschenke ihrer Verwandten.

Länger jedoch vermochte die Arme sich nicht aufrecht zu erhalten. Diese

Menschen, die sie umgaben, waren so gesund, wohlbehalten, ihnen war

nichts begegnet als ein gewöhnliches Fest -- -- hingegen auf Cölestine

waren so viele Ereignisse, oder vielmehr ein einziges großes, tausend

andere in sich fassendes Ereigniß, eingedrungen -- daß ihre ungewohnte

Brust den Druck desselben nicht länger zu ertragen vermochte.

Cölestine begab sich mit ihrem Manne und ihrer Mutter nach einem andern

Gemache.

Zurück blieben die Verwandten und Gäste, welche sich um den General

stellten und ihm jetzt dasselbe wiederholten, was sie früher

seiner Tochter gesagt hatten, nämlich Glückwünsche, Gratulationen,

Prophezeihungen und andere leere Sachen, an denen die Welt immer reich

sein wird, so lange es noch müßige Menschen und solche giebt, denen es

an Nichts oder an Wenigem fehlt; mögen dieselben hohen oder niedern

Standes sein, das ist einerlei.

Viertes Kapitel.

Der Hochzeitsball.

Des Abends waren die Salons des Palastes glänzend erleuchtet.

Natürlich, man mußte ja einen Ball geben, ohne das läuft so was nimmer

ab. Wie hätte sonst die halbe Welt Gelegenheit haben sollen, die

ersten Augenblicke des Ehepaars mit jener schmählichen Neugierde zu

kontrolliren, welche Ihr -- Ihr armen braven Handwerksleute, Bürger

und Bauern nicht kennt. Gewisse Gebräuche und Sitten der _beau monde_

hat die bloße, nackte Unverschämtheit erfunden -- und die herzlose

Fühllosigkeit sanktionirt sie und bringt dieselben in Ausübung. Hierher

gehört auch die Sitte, von welcher wir gegenwärtig sprechen.

Wozu ein Ball, ein Fest, eine Versammlung nach der Vermählung? Sind

sich in diesen Stunden Mann und Weib nicht genug, halten sie sich denn

nicht zum ersten Male mit den Armen umschlungen, und sind diese nicht

noch kräftig genug, um fremder Stütze zu entbehren? -- Bei Gott, es ist

eine Perfidie -- mich unter dem Vorwande eines Gebrauchs -- von der

ersten Besitznahme meines Eigenthums zu trennen. Der erste Augenblick

ist ja der entzückendste, warum stört Ihr mich gerade jetzt? -- -- --

Oder sollen diese Gesellschaften am Tage der Vermählung soviel sagen,

als: von nun an wollen wir immer und so oft als irgend möglich zwischen

Euch treten und Euch die einsamen Augenblicke, die so süß sind,

rauben.... von nun an wollen wir es hindern, daß Ihr Euch so ganz

vereinigt, wie es in der Schrift geschrieben steht: ein Leib und eine

Seele.

-- Die Räume der Salons waren jetzt bereits so sehr angefüllt, daß

kaum mehr Platz da war für neue Gäste, und doch kamen deren immer mehr

und mehr. Namentlich Frauen waren mit ihren Männern in großer Menge

erschienen und auch junge Leute; weniger waren Mädchen zu bemerken,

die man von solchen Festen gerne ausschließt.

Schon sammelte und sonderte man sich in Kreisen und Gruppen, schon

unterhielt man sich in jener halbleisen und halbschreienden Weise,

welche die Conversation der Leute vom guten Ton auszeichnet. Der

Gegenstand dieser Conversation, dieser Blicke, dieser Deutungen und

Zeichen war, wie natürlich -- Cölestine und ihr Mann. Ich weiß nicht,

ob noch irgend ein anderes menschenmögliches Ereigniß im Stande gewesen

wäre, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen, es müßte

denn allenfalls das Herabfallen der Decke des Salons gewesen sein.

„Allein finden Sie nicht, beste N**, daß er beiweiten hübscher ist, als

wie man uns ihn beschrieb?“

„Gewiß, gewiß, meine Freundin: er kann sogar ein +schöner Mann+

genannt werden.“

„Was sagen Sie zu seinem Benehmen, theure Gräfin V**? Finden Sie es

nicht ein wenig schroff? ungewöhnlich?“

„In der That -- ja.... indeß kleidet es ihn nicht schlecht, wie ich

glaube....“

„Ist er Ihnen schon einmal irgendwo vorgestellt worden, meine Beste?“

„Das nicht, kleine Freundin; jedoch habe ich ihn zeitweise bei der

Baronin von G--r getroffen, wo er sehr beliebt ist.“

„Es scheint mir unbegreiflich, daß dieser Mann beliebt sein könnte.“

„Warum nicht, liebste Beste! Sie thun ihm wahrhaftig Unrecht....“

„Ach -- wovon reden Sie da, meine schönen Damen?“

„Guten Abend, theure Freundin.... Sie sehen, wir reden von ihm....“

Und wer ist dieser Er und Ihm, und: +dieser Mann+? Wer sonst, als Graf

Alexander, der junge Ehemann, der so glücklich ist, von heute an für

zwölf volle Tage Stoff zu liefern für die Conversation der schönen Welt.

Aber entgeht vielleicht Cölestine ihrem Schicksal? O, ein solcher Fall

ist noch nicht da gewesen.

In einigen Gruppen, gebildet aus jungen Leuten und auch älteren

Gesellen, ist ein solches Flüstern und Lachen und Deuten (natürlich

bloß mit den Augen) zu bemerken, daß es die Umstehenden genieren

müßte, wären diese an dergleichen nicht gewöhnt. Man spricht nämlich

in diesen Gruppen von der schönen jungen Frau, ohne jedoch hierbei

außer Acht zu lassen, nebenbei auch über ihren Mann ein Wörtchen

hineinzumengen. In dieser Beziehung sind die Klatschereien der Herren

noch weit abscheulicher als jene der Damen, da hier in der Regel ihr

eigenes Geschlecht viel günstiger beurtheilt wird. Wir haben in jener

Damen-Unterhaltung, der wir vorhin beiwohnten, nur immer über den

+Gemahl+, über +Alexander+ reden gehört -- -- aber glaube Niemand,

daß er jetzt in der Herren-Unterhaltung, die wir sogleich besprechen

wollen, bloß den Namen Cölestinens zu hören bekommt; im Gegentheil wird

jener ihres Mannes tausend Mal genannt werden, und zwar nicht nur sein

Name, sondern auch sein Kopf, sein Hals, seine Brust, sein Arm, sein

Bein, sein Rock, sein Taschentuch.

O über die männlichen Klatschschwestern!

„Ach ja -- guter T*** -- Du findest diese Cölestine wirklich so

allerliebst? Ich bemerke so eben, daß sie eine abscheuliche Stumpfnase

hat.“

„Das deutet auf Herrschsucht und Trotz, meine Herren!“

„Um so besser. Der Herr Gemahl wird sich ihr trefflich fügen, denn wenn

ich nicht irre, so deutet sein hängender Backenbart ein großes Talent

zur Unterwürfigkeit an!“

„Hahahaha! hahahaha!“

„Ein vortrefflicher Einfall.... Er dürfte aus dem Munde des alten

+Porgenau+ kommen! -- hahaha!“

„O, dann wäre er gestohlen!“

„Schadet nichts! Gedanken sind keine Waare!“

„Allein -- wie finden Sie diese Haltung +ihres+ Kopfes? Der Kopf

an sich ist bewundernswürdig schön!“

„Jedoch entstellt ihn die übermäßige Coiffure.“

„Was man immer sagen mag: +sie+ ist eine der ersten Schönheiten

Wiens.“

„Gewiß! Vom ersten Wasser! Vom ersten Wasser!“

„Vom ersten Kaliber.“

„Still -- -- welcher Vergleich!“

„Die Zahl +ihrer+ Anbeter soll Legion gewesen sein.“

„Ich wenigstens gehörte nicht dazu.“

„Jedenfalls war dieser Graf Alexander der Glücklichste unter allen...“

„Oder eigentlich der Unglücklichste, wie man’s nehmen will...“

„Ach, ach -- ich denke, er ist an sich schon unglücklich genug; wenn

man die Physiognomie dieses Menschen betrachtet, so wird man finden,

daß dieselbe aus lauter Unglücken, oder deutscher: Unglücksfällen

zusammengesetzt ist...“

„Mäßigen Sie sich, Herr von G--r; denn da kommt eben die Schwiegermama,

und die scheint in Beziehung auf ihren Tochtermann entgegengesetzter

Meinung.“

Augenblicklich entstand in diesen Versammlungen eine musterhafte Stille

und die Gesichter der Herren, welche erst von Satyre und Ironie (aber

ziemlich erbärmlicher) überflossen, wiesen sich so freundlich süß,

wie eine Hausfrau von ihren Gästen sie nur immer erwarten kann. Ja

noch mehr, diese trefflichen jungen Leute umringten die Generalin und

wußten ihr in einem Athemzuge so viel Schmeichelhaftes zu sagen, daß

man gemeint hätte, über deren Zungen wäre niemals etwas Anderes als

Lobgesang und Psalmodei gekommen.

Nichts als Glückwünsche und zwar „aus dem Innersten des Herzens“ wurde

gespendet -- man pries ihr Haus über diesen neuen Zuwachs an Ehre und

Glück, der demselben so eben geworden war, und dann was den Grafen

Alexander von A--x betraf, so bezeichnete man ihn als „einen der

ausgezeichnetsten Kavaliere der Residenz und einen der einflußreichsten

Diener des Staates.“

Die alte Dame erwiederte diese Höflichkeiten mit jener Miene von

Liebenswürdigkeit und jenem feinen Takte, die einer vornehmen Frau

immer zu Gebote stehen und wovon die erstere durch den zweiten stets

sicher geleitet und bemessen wird.

Man ordnete sich alsbald zum Tanze. Hierzu waren zwei weitläufige

Säle bestimmt, wohin man sich jetzt paarweise begab. Cölestine,

nun Gräfin von A--x, eröffnete an der Hand des Herrn von Labers

den Zug, -- Graf Alexander bot ihrer Mutter und der General der

Feldmarschall-Lieutenants Wittwe den Arm. Die übrigen Gäste schlossen

sich ohne Rangordnung, die in der höhern Gesellschaft nicht existirt,

an -- da hier mit dem Privilegium des Eintritts auch jenes der

Gleichheit verbunden wird.

Gräfin Cölestine hatte zum ganzen Feste so viel heitern Sinn und eine

so sichere Fröhlichkeit mitgebracht, daß alle Welt sagen mußte: sie sei

glücklich und hoffe es stets zu sein. Von dem Grafen, ihrem Gemahle,

ließ sich dasselbe sagen, doch schien ihn in manchen Augenblicken

dieses geräuschvolle und ostensible Treiben zu belästigen; man sah es

ihm an -- er wünschte lieber allein zu sein mit Derjenigen, die er

jetzt sein nannte. Sollte man es Besorgniß nennen, die sich momentan

in seiner Miene kundgab? Vielleicht war es das nicht -- und doch

flüsterten zwei seiner eifrigsten Beobachter, die vielleicht früher

auch seine Nebenbuhler gewesen waren:

„Ach, es ist die Eifersucht, die sich selbst in den ersten Tropfen

seines Freudenkelches mischt! wie wird dies erst später werden?“

Dann lachten diese guten Herren und meinten, der Tag ihrer Rache würde

schon von selbst kommen.

Einige Stunden später -- Graf Alexander hatte während dieser Zeit nach

der Sitte der vornehmen Welt mit seiner Frau +so wenig als möglich

gesprochen und getanzt+ -- konnte ein feiner Menschenkenner Spuren

eines tiefern Unmuths auf des jungen Ehemanns Stirne lesen. Und in

der That, Alexander war jetzt von einem jener schrecklichen Gefühle

geplagt, denen seine Seele in früherer Zeit so oft zur Beute geworden.

Die immerwährende und sich stets gleichbleibende Heiterkeit Cölestinens

hatte ihn bitter berührt, sie hatte ihn schmerzlich verletzt. Woher

diese so bestimmt ausgesprochene Zufriedenheit bei ihr -- -- da doch

er dieselbe nicht theilte? So fragte er sich. Der Bedauernswerthe! er

bedachte nicht, daß seine Frage ein Widerspruch sei -- -- -- waren denn

ihre beiderseitigen Gemüther gleich? ja, entsprangen denn ihre jetzigen

so verschiedenen Stimmungen aus +einer+ Quelle?

So oft es der Anstand und die Umstände erlaubten, versuchte Alexander

sich seiner Gemahlin zu nähern und -- da traf er denn immer auf

Hindernisse, die sich zwischen sie und ihn stellten.

Cölestine war eine leidenschaftliche Tänzerin, und warum sollte sie

an dem heutigen Freudentage sich diesem Vergnügen nicht mindestens

im selben Maße überlassen, wie zu andrer Zeit? Werden doch, wenn wir

fröhlich gestimmt sind, unsere innern Triebe freier entfesselt wie

sonst.

Aber so urtheilte Alexander keineswegs. Seine glühende, spanische,

eifersüchtige Liebe lechzte nach dem Besitze des Gegenstandes, auf

welchen nur er ein Recht zu haben meinte.... Zum Glück war sein

Charakter fast eben so stolz und verschlossen wie eifersüchtig; sonst

hätte er die Bewegungen seines Herzens nicht bemeistert.

Indessen wurde sein Betragen zuletzt auffallend genug, daß einige Damen

und Herren, die eher gekommen waren, zu beobachten und zu secciren --

als sich zu unterhalten, unter einander sprachen:

„Unser junger Ehemann scheint von höchst eigenthümlicher Sorte zu sein;

man könnte fast glauben, er befinde sich hier, um die Gäste, die seine

Schwiegermutter eingeladen hat -- zu vertreiben...“

„Ohne eben weit zu sehen -- ließ sich dergleichen von ihm im Voraus

erwarten. Sie kennen den Grafen A--x also nicht?“

„O! man muß ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: er macht

schon im Voraus das Programm zu den künftigen Gesellschaften seines

Hauses. Man wird sich darnach richten können. Sie dürften nicht ganz so

glänzend ausfallen, wie die junge Gräfin vielleicht beabsichtigt.“

„Man spricht davon,“ sagte Frau von Porgenau, die sich so eben näherte,

„Gräfin Cölestine werde ihre _jour fix_ am Sonnabende geben.“

„In der That?“ versetzten einige Damen und sagten zu einander im

Stillen: „Um so besser, denn an diesem Tage gibt auch Gräfin Wollheim,

Frau von H-- -- und die Marquise d’M-- ihre _cercles_.“

„Vortrefflich! Vortrefflich!“ ließ sich in diesem Augenblick die

schallende Stimme des Grafen von Wollheim vernehmen. Der große Jäger

sprach jedoch nicht zu dieser Gruppe, sondern zu einer einige Schritte

von hier, in deren Mitte er saß. Seine Worte galten dem ersten

tanzenden Paare, über welches alle Welt entzückt war. +Edmund von

Randow+ tanzte nämlich mit seiner Schwester. Man hatte niemals ein

eleganteres, ein schöneres Paar gesehen. Es war die Mazurka, ein Tanz,

worin vielleicht in der ganzen Residenz Niemand so vollkommen war wie

die beiden Geschwister. Man sah, daß es das nationelle Element sei,

welches in ihnen zu einem so schönen äußern Leben erwache; denn wie wir

wissen, waren die Randow ursprünglich Polen, und noch hatte das alte

Vaterland an ihnen nicht ganz seine Söhne verloren.

Die Mazurka war zu Ende. Man konnte sich nicht enthalten, die Virtuosen

zu beklatschen -- -- Alexander sah von ferne zu; ob er sich freute, ob

nicht, ist ungewiß; allein es zuckte keine Muskel auf seinem Gesichte,

welches starr, kalt, theilnahmlos oder niedergeschlagen schien. -- --

Edmund verließ seine Schwester und ging kaum zwei Schritte, als er

von den offenen Armen des großen Nimrod in Empfang genommen wurde.

Denn beiläufig gesagt, waren Edmund und der alte Graf von Wollheim

sehr große Freunde, weil Jener mit Diesem auf die Jagd ging, trank und

spielte, von welchen Beschäftigungen sämmtlich unser Nimrod ein großer

Liebhaber war.

„Alle Hirsche und Rehe!“ rief Letzterer aus: „Edmund, Du hast Dich

wacker gehalten. Fast so wie auf jener großen Treibjagd, Anno 1839,

wo Du unter meiner Leitung Dein Meisterstück machtest. -- Aber wo

zum Guckuck hast Du diese Gelenkigkeit in Deinen Knieen und Flechsen

her?... ein Pullcinell hätte es nicht besser thun können....“

„Ganz recht, lieber Graf,“ versetzte der Jüngling; „übrigens machen

Sie mir da kein Kompliment. -- Freilich ist es nicht Ihre Sache, von

diesen Dingen zu sprechen -- und aufrichtig gesagt, ich unterhalte mich

mit Ihnen tausend Mal lieber über unsre alten Gegenstände.... Kommen

Sie daher, mein vielgeliebter Wehrwolf... lassen Sie uns dorthin zur

Kredenze treten -- erst einige Schluck Wein und dann findet sich schon

das Uebrige...“

„Köstlicher Junge! Köstlicher Junge!“ exklamirte der Jäger: „Er ist und

bleibt immer derselbe. Nun fürwahr, an Dir, mein Edmund, habe ich mir

einen Schüler erzogen, auf welchen ich stolz sein kann.... Allein, was

meinst Du, wird uns nicht etwa Deine Mutter belauschen? Du weißt, sie

sieht Dich nicht gerne mit dem Glase in der Hand.... Es scheint mir,

auch Dein Vater schielt nach uns herüber.... Nehmen wir uns in Acht!

Hübsch gescheidt, mein Jüngelchen.“

„Schon gut!“ entgegnete Edmund: „Kommen Sie nur... ich verspüre in mir

einen teufelsmäßigen Durst.... Das kommt stets, wenn ich ein Mal etwas

lang solid gewesen bin...“

„Ja, ja, Du hast Deiner Schwester heute den Hof gemacht, und zwar --“

„Still -- theurer Mann! Darüber kein Wort mehr.... Können wir nicht

über andere Dinge reden? Du weißt, ich liebe jenes Thema nicht unter

uns.“

„Nun so will ich Dir eine alte Jagdgeschichte von einem Herzog von

Würtemberg erzählen. --“

„Erzähle in Gottes Namen! -- So, jetzt wären wir in der Nähe der

Gläser.“

Wie man sieht, so dutzten sich die zwei an Alter zwar ungleichen, aber

an Gesinnung desto ebenmäßigeren Freunde. So machte es Edmund übrigens

immer. Er war mit allen Leuten seines Schlages auf Du.

Während dieses hier vor sich ging, während Wollheim und Edmund, in eine

dunkle Ecke zurückgezogen, dem Nierensteiner, oder was es sonst war,

die möglichst größte Ehre anthaten und dabei Gespräche führten, wie sie

der Wein eingibt und wie wir sie hier zu wiederholen uns sehr hüten

werden, unterhielt man sich auf andern Punkten der Salons auch nicht

übel.

So zum Beispiel beglückte Gräfin von Wollheim einen Kreis alter und

buckliger Zuhörerinnen mit einer Erzählung ihrer letzten Leistung im

Fache „der Strümpfe für den Wohlthätigkeitsverein.“

„Glauben Sie, meine Damen,“ so sprach sie, „daß es eine der süßesten

Empfindungen gewährt, unsere Talente und unseren Fleiß im Dienste der

Armuth und Noth anzuwenden.... Im vergangenen Winter habe ich 4½ Paar

guter Socken und Strümpfe gemacht, jedes Paar zu 2½ Pfund... Das gab

eine Bekleidung! Welche Wärme!“

„Ja, ja -- welche Wärme!“ erwiederte ein altes Stiftsfräulein ohne

Zähne, dafür jedoch mit einer Zunge, die hinreichend +schnitt+, sobald

es sich um den Ruf eines Nebenmenschen handelte.... „Auch ich habe

zwei Paar wollene Jacken an das Comité des +Frauen-Vereins+ gesendet.

-- -- Alles eigene Arbeit! -- Wer weiß, welches Pack sie jetzt auf dem

Leibe trägt.... Denn Sie wissen doch, meine Freundinnen, daß diese

unverschämten Armen, welche wir mit unserer Hände Arbeit beglücken, die

letztere bei nächster Gelegenheit zum Trödler oder in’s Branntweinhaus

tragen...“

„Sollte das möglich sein?“

„Sie können mir’s glauben!“

„Mein Gott, das wäre ja recht abscheulich! -- Wozu arbeiten wir denn?

-- Dann könnten wir ihnen ja die paar Kreuzer, welche sie für unsere

Sachen lösen, viel bequemer selbst geben....“

„Das ist Alles wahr und ich habe darüber schon mehrfach nachgedacht.

Hören Sie mich, meine Besten, welchen Vorschlag ich gesonnen bin, bei

dem Comité des Frauen-Vereins in den nächsten Tagen einzureichen.

-- Man soll in Zukunft jedes Stück unserer Handarbeiten mit kleinen

Schlössern versehen: Strümpfe, Socken, Unterbeinkleider, Unterröcke --

kurz Alles. Jedes Stück wird sodann dem damit betheilten Armen mittelst

des Schlosses förmlich an den Leib +geschlossen+.... den Schlüssel

aber behalten wir oder besser das Comité. -- Sollte dieser Vorschlag

nicht durchgehen, so habe ich einen zweiten in Bereitschaft. Man klebt

mittelst einer Mischung, bestehend aus Gummi, Pech, Sägespänen und

Teufelsd-- --, den Leuten ihre Kleidungsstücke an den Leib.... Jene

Mischung muß in einem glühenden Becken heiß gemacht und in diesem

Zustande unsern theuern Schützlingen über die nackten Glieder gegossen

werden, sodann kommt das Kleidungsstück darauf -- und es geht niemals

wieder herunter. -- Ist dies nicht eine köstliche Erfindung? Was sagen

Sie dazu, meine Damen?“

So schloß die Stiftsdame.

Die Uebrigen waren nicht ganz ihrer Meinung. Besonders schüttelte

Gräfin Wollheim sehr unwillig das Haupt und sagte:

„Aber da wird ja unsere schöne Arbeit völlig zu Grunde gerichtet. Das

abscheuliche Pech muß ja durch alle Nähte dringen....“

Man sieht, sie dachte menschenfreundlich!

„Fürchten Sie dieses nicht, meine Beste!“ beruhigte die Stiftsdame:

„Das Pech dringt nicht heraus. Dagegen hilft der Teufelsd-- --, den ich

nicht umsonst beigemischt habe. -- Der Teufelsd-- --, wie Sie wissen

werden, meine Damen, hat eine contraktive Eigenschaft und ist überhaupt

auch für die Gesundheit sehr zuträglich.... Unsere Armen werden dabei

dick werden, wie ungarische Mastschweine....“

Die Stiftsdame hatte unter andern lieben Eigenschaften auch jene, daß

sie alle Gegenstände bei ihren natürlichen Namen nannte, von welcher

Gewohnheit sie keine Rücksicht abhielt. Da man dies von ihr wußte, ließ

man sie reden; freilich redeten mit ihr nur die Buckligen und Häßlichen.

-- -- Seit einer halben Stunde bereits lauerte Alexander auf eine

Gelegenheit, die ihm eine ungestörte Zusammenkunft mit Cölestine

verschaffen sollte. -- Jetzt schien auch sie seine Wünsche zu begreifen

und gab ihm hierauf ihre Antwort durch sanfte und wehmüthige Blicke

zu verstehen. -- Alexander war nun der seligste Mensch! -- So hatte

er sich also wieder umsonst gequält!.... Er hätte früher nur gleich

ihre Nähe aufsuchen und sie nicht verlassen sollen, so hätte er sich

jeden Kummer erspart. -- Er brauchte ja deßhalb nicht die übrigen Leute

von Cölestine zu verscheuchen. -- Ein günstiger Augenblick gönnte ihm

jetzt, mit ihr mehrere Worte zu sprechen, und er flüsterte ihr zu:

„Ach, wie sehne ich mich nach Dir, Cölestine!“

„Ich theile Dein Verlangen, mein theurer Geliebter!“ antwortete sie

ihm leise und ein Blick ihrer schönen schwarzen Augen bestätigte die

Wahrheit dieser Worte.... Dieser Blick versengte jedoch mit seiner Glut

wieder die Besonnenheit des Grafen und er sprach mit dumpfem Schmerze:

„Soll ich Dich noch lange entbehren -- so sterbe ich! Erbarme Dich

meiner! Noch nie habe ich so gefleht.“

Aber in demselben Augenblick fühlte er sich an der Schulter berührt.

Der Vater seines Weibes stand neben ihm:

„Ei, ei!“ sprach der General: „was soll das heißen, Alexander? Sie

rauben unseren Freunden ein sehr wichtiges Recht. Heute gehört

Cölestine noch ihnen -- -- erst von morgen an dürfen Sie allein über

Ihre Frau verfügen...“

Es ist nicht möglich auszudrücken, wie schwer diese Worte den Grafen

verletzten; gleich einem vergifteten Degen fuhren sie durch sein

Herz, und zwar eben deßhalb, weil sein Schwiegervater es war, der sie

gesprochen. Mit einem unaussprechlichen Blick sah Alexander denselben

an, zerdrückte in seiner Brust einen heftigen Seufzer und ließ sich

sodann stumm von dem General fort führen. Dieser hatte ihn unterm Arme

ergriffen und durchschritt mit ihm einen, zwei Säle.... Es schien, als

könnte er ihn nicht weit genug weg von Cölestine führen....

Alexander hätte den Alten ermorden mögen -- aber was blieb ihm zu thun

übrig? Er folgte, folgte wie ein Opferthier, das man zwar mit Blumen

bekränzt, aber dennoch zur Schlachtbank führt. Der General hatte ihn

zu einer Ottomane gebracht und ihn genöthigt, hier Platz zu nehmen.

Er selbst setzte sich neben ihn und begann nunmehr ein Gespräch von

Geschäftssachen und Gegenständen, die sich auf den zukünftigen

Haushalt der Eheleute bezogen.... Alexander hätte vor Wuth aufspringen

mögen wie ein Wahnsinniger... Der General aber schien sehr kalt und

ruhig.

Dies ist leicht zu begreifen; er war ein Greis und hatte so eben seine

Tochter versorgt -- während der Andere vor Leidenschaft glühte, diese

Tochter zu umarmen. Das war der Unterschied; bei Gott ein ziemlich

großer.

Um das Unglück voll zu machen, kam auch noch Herr +von Porgenau+ herbei

und fing an, alte Witze aufzutischen, die im Jahre 1805 Mode waren, ja

einige darunter mochten noch in der Arche Noah von dessen Söhnen aus

Langerweile gemacht worden sein.

„Ei -- so schön beisammen!“ rief der alte Bonmotist und lächelte schon

im Voraus über den Witz, welchen er sofort zu machen beabsichtigte.

Denn Herr von Porgenau hatte die Gewohnheit jener Humoristen und

Komiker, sowohl auf dem Theater als auf dem Druckpapiere (ich will hier

ihre Namen nicht nennen!), die, bevor sie einen Gedanken, den sie für

einen Witz halten, preisgeben -- selbst zu lachen anfangen und sich so

gleichsam den Erfolg sichern; denn die Zuhörer lachen dann auch mit --

freilich bloß über die Albernheit des Witzmachers.

Herr von Porgenau war übrigens nicht ganz mit diesen Leuten zu

vergleichen. Jene lachen nur +vor+ oder +während+ ihres Witzes -- -- er

aber lachte auch +nach+ demselben.

„Ah! Ah!“ rief er dem General in’s Gesicht und schien dabei vor

Lust und Vergnügen umzukommen: „Sie theilen diesen Platz mit ihrem

Schwiegersohne, guter Randow! -- Sie haben ihm also einen Theil ihrer

+Besitzungen+ übergeben....“

Um dem alten Narren eine Freude zu machen, lachte der General über

diesen schauderhaften Einfall mit; Alexander aber warf ihm einen

durchbohrenden Blick zu, der so viel sagte, als: „Packen Sie sich,

alter Dummkopf!“

„Guter Gott!“ fing Porgenau an, als er sich von seiner Heiterkeit

wieder erholt hatte: „Wie sehen sie d’rein, lieber Graf von A--x? Das

ist nicht die Miene eines jungen Ehemannes.... das ist, hahaha! hahaha!

hahaha! -- vielmehr die Miene eines jungen +Wehemannes+!“

Ueber dieses Wortspiel konnte nicht einmal der heute so dienstfertige

General lachen, was Herrn von Porgenau gar sehr verdroß. Er regalierte

sich also zuvörderst durch eigenes Gelächter -- und sodann sann er auf

einen neuen Witz, der, wie er sich vornahm, Alles besiegen würde, was

bisher in diesem Fache geleistet worden war.

„Finden Sie -- hahaha! Finden Sie, hahaha!“ begann er: „finden Sie

nicht, daß, hahaha! hahaha!“

Er konnte vor Selbstvergnügen kaum fortkommen.

„Finden Sie nicht, meine Herren -- daß heute ein, hahaha! -- sehr

schöner Tag ist? hahaha!“

„Gewiß -- ein schöner Tag,“ bestätigte der General.

„Und wissen Sie -- hahaha! -- weßhalb heute der Tag so schön ist --

hahaha!?“

„Nun?“

Der Bonmotist nahm eine Triumphatormiene an, platzte dann in eine

entsetzliche Lache aus, und rief:

„Also -- Sie wissen nicht, weßhalb -- hahaha!“

„Nein.“

„Nun -- +ich weiß es auch nicht!+ -- Hahaha! hahaha! hahaha!

hahaha! hahaha.“ -- Das war der Witz! Porgenau wälzte sich in einem

Lehnstuhle wie Einer, der den Lachkrampf hat....

Hier vermochte es Graf Alexander nicht länger auszuhalten. Er fuhr

gleich einem Gehetzten von seinem Sitze auf, entriß sich den Armen

seines Schwiegervaters und lief hinaus auf den Gang in die frische

Nachtluft, wo er den Vater über den Sternen fragte, warum er auch

solche Wesen, wie diesen Porgenau, geschaffen habe....

Er stand lange auf demselben Fleck, dann trat er auf eine Terrasse, die

mit Orangenbäumen und Blumen bepflanzt war und einen Rasensitz darbot.

Auf diesen warf er sich, das Antlitz in das feuchte Grün gedrückt --

und, zum ersten Male im Leben, weinte er.... Er mochte sehr lange hier

liegen. --

[Illustration: S. 79]

Da fühlte er sich von zwei heißen Armen umschlungen.... Vor ihm knieete

+Cölestine+, sein Weib.

Ihm schwindelte und er wollte das nicht glauben: „Es ist ein Traum!“

murmelte er vor sich und schüttelte das Haupt.

„Es ist kein Traum, mein Geliebter!“ lispelte es ihm so süß von den

Lippen der Geliebten entgegen, daß er die Hand nach ihr ausstreckte.

Und was er erfaßte, war warmes, holdes, köstliches Leben.... er

konnte nicht widerstehen, er tauschte das seinige damit aus -- mit

fieberischem Entzücken stürzte er sich in dieses jetzt zur klarsten

Einheit gewordene Doppeldasein: sie versanken beide in seinen

unergründlichen, schwindelnden Tiefen. --

„Aber, meine Seele,“ sagte er darauf: „wie kommst Du hierher? Und wird

man Dich mir nicht sogleich wieder entreißen?“

„Fürchte nichts, mein Geliebter!“ flüsterte sie und schmiegte sich ihm

innig an, wie der Epheuzweig einer starken Säule....: „Jene Menschen,

die uns einen ganzen Tag lang von einander gerissen -- haben nicht

die Macht, uns auch noch die Nacht zu rauben. Alles entfernt sich

bereits aus den Sälen unseres Hauses -- es ist ein wilder Tumult --

und in diesem stahl ich mich weg, um Dich aufzusuchen. -- Wenn Du

glaubst, ich folgte Dir nicht überall mit den Augen, so hast Du Dich

betrogen!... O Du wähnest, daß nur Du mich liebst! So weißt Du nicht,

daß ich mich ganz, ganz Dir zu eigen gegeben habe? -- Diese Stunde soll

es Dir sagen. Spricht sie nicht mit tausend Geisterzungen meine Liebe

Dir aus -- -- so wird nie eine andere es Dir sagen. -- Ja, ja, ich

liebe Dich -- tiefer, seliger, und ernster vielleicht, als Du mich....

Urtheile nicht voreilig über uns beide! Glaube meinen Worten!“

„Ja, sie reden jetzt mit überzeugender Gewalt zu mir!... Du bist mein

-- und hast Dich aus freiem Trieb mir übergeben, und so mußt Du mich ja

lieben! -- Entschuldige meine Thorheit, die mich vorher sich wie ein

Kind betragen ließ.... Allein wenn man im innersten Herzen erregt ist,

dann, in Wahrheit, geht man seines Verstandes verlustig, man wird ein

Narr, ein Wahnsinniger, ein Elender!“

„Sprich, geliebter Engel -- --“ kos’te das holde Weib, das auf seinem

Schoße saß -- „sprich,“ sagte sie mit einem Tone, der klang und

duftete wie eine wehende Rose: „wirst Du auch immer so sein, wie jetzt?

Wirst Du mich immer lieben? -- -- Denn jetzt, ich weiß es, werde ich

von Dir vielleicht mehr geliebt, als irgend ein Weib von einem Mann.

Aber wird dies auch immer so bleiben? Kannst Du mir dafür Gewißheit

geben?“

„Und würde es Dich glücklich machen, wenn ich das könnte?“

„Gewiß -- mein Alexander! Liebte ich Dich nicht, hätte ich Dich nicht

genommen.... und weil ich Dich liebe, muß ich ja wünschen, daß es

immerdar so bleiben möge.... Allein es ist ein böser Zustand, hiefür

keine Bürgschaft zu haben.... Höre mich, mein Gemahl! So wie ich jetzt

fühle und denke -- würde ich die Hälfte meines Lebens dafür geben, wenn

ich sicher wäre, daß während der andern Hälfte ich auch nicht einen

Gran von Deiner Liebe einbüßen sollte!.... Glaubst Du meinen Worten,

oder meinst Du, ich treibe nur Scherz?....“

Alexander vermochte kaum zu antworten; er preßte den blühenden Leib

seines jungen Weibes an seine Brust, an seinen Körper -- er that ihr

mit seinen ungestümen Umarmungen beinahe weh.... doch sie empfand es

nicht....

„Alexander!“ rief sie mit gedämpfter, tiefer Stimme: „in dieser

entzückenden Stunde, der heiligsten Stunde unseres Lebens, schwöre ich

Dir, Dir ewig treu zu sein. Schwöre Du mir’s auch!“

Er wollte sprechen.

„Still!“ rief sie und legte ihr kleines Händchen auf seinen Mund:

„schwöre nicht eher, als bis Du Alles erwogen hast.... ich gebe Dir

eine halbe Stunde Zeit.... aber länger vermag ich nicht zu harren, dann

gelobst Du mir, was Du Deinem Schöpfer geloben kannst.... und jetzt,

jetzt lass’ uns diesen Ort verlassen, lass’ uns eilen, um, bevor noch

alle Gäste die Säle verlassen haben, dort gegenwärtig zu sein. --

Du gehst durch jene, ich durch diese Thür. Nach einer halben Stunde

treffen wir uns -- -- -- --“

„Im einsamen Brautgemache!“ ergänzte er leise und verließ sie zitternd

an allen Gliedern, glückselig wie ein Gott.

In der That war ihm in diesem Augenblick der Zufall günstiger, wie

heute den ganzen Tag über. Noch waren die Gäste in reicher Menge im

Saale zugegen, und eben weil sich Alles zum Aufbruch rüstete (gewisse

Leute brauchen dazu einige Stunden Zeit), war seine wie Cölestinens

vorige Abwesenheit nicht bemerkt worden.

Mutter und Vater vermutheten die junge Frau unter irgend einer

Gruppe von Bekannten; dasselbe dachte man von dem Grafen, und da die

Neidischen und Nebenbuhler zufällig alle längst fortgegangen waren, so

konnten auch diese das geheime Glück der Eheleute nicht stören.

Endlich war Alles aus dem Hause. Dieses stand jetzt still und leer....

die Lichter in den Sälen wurden ausgelöscht -- die Lakaien nahmen

nunmehr von diesen Schauplätzen Besitz. Der General mit seiner Gemahlin

entfernten sich nach dem rechten Flügel des Palais; Alexander mit

Cölestine am Arme schlug seinen Weg nach dem linken ein.

Nachdem sie eine Reihe von Gemächern durcheilt waren, nahm er sie auf

seine Arme und ras’te mit ihr, wie ein Riese mit einem Kinde, in’s

Brautgemach.

Hier leistete er ihr den Schwur, welchen sie verlangte: +ewig ihr

treu zu bleiben+.

Fünftes Kapitel.

Einige Lebensszenen.

Im Kaffeehause bei +Daum+ trafen einige Tage darauf zwei Herren

zusammen. Es war gegen Mittag, um welche Stunde dieses Etablissement

sehr zahlreich und zwar von einer gewählteren Gesellschaft besucht

wird. Hier sehen Sie den Stutzer, der so eben von seiner Toilette

kommt, um sich hier in den vielen Spiegeln zu besehen, was er zu Hause

niemals so gut kann, denn welcher Mensch, und sei er ein +Pelham+,

besitzt in seinem Quartier ganz Spiegelwände? Uebrigens frühstückt hier

der Stutzer auch, und das ist der Vorwand, unter welchem er erscheint.

-- Ferner werden Sie eine zahlreiche Auswahl junger Kavaliere in diesem

Saale bemerken.... man beabsichtigt einen Morgenritt nach dem Prater

und kommt früher hierher, sich zu erfrischen.... Ein großer Theil

jener Beamten, die eben keine zärtlichen Freunde der Bureaux sind --

sodann pensionirte Hauptleute und Majore und endlich Fremde, namentlich

Franzosen, vollenden die Gesellschaft, welche Herrn Daums Kaffeehaus

Vormittags zwischen zehn und zwei Uhr besucht.

Man tritt, wie gesagt, gewöhnlich unter dem Vorwande, ein Frühstück zu

nehmen, ein, aber nur bei den Wenigsten lauert keine andere Absicht

im Hintergrunde. Dieser Herr z. B. will sich zwei Stunden lang auf

weichen Sopha’s umherwälzen und Neuigkeiten aufschnappen -- -- Jener

sieht durch’s Fenster nach den vorübergehenden Damen oder er stellt

sich zu diesem Behufe lieber gleich vor die Thür des Kaffeehauses --

denn es liegt ja auf dem Kohlmarkt, der besuchtesten Straße Wiens; was

einen Dritten betrifft, so hat dieser, dem die Gläubiger seine Wohnung

stürmen, sich vor ihren zudringlichen Schaaren hierher, in dieses

Asyl geflüchtet, weil öffentlich Niemand gemahnt werden darf. -- Und

so ließe sich dieses Thema, welches wie so viele andere Kapitel über

den Unterschied zwischen +Schein+ und +Sein+ handelt, noch weiter

behandeln, wäre hier der Raum zu dergleichen vorhanden. --

Wir eilen jedoch lieber zu einem der Hauptfäden unserer Geschichte und

überlassen Schilderungen von Nebendingen jenen Autoren, die in ihrer

Naivetät solche für Hauptsachen halten.

Jene zwei Herren, die sich bei Daum so eben getroffen haben und

von welchen wir zuvor sprechen wollten, waren: unser wohlbekannter

Weiberbesieger +Althing+ -- und +Edmund von Randow+. Sie begrüßten

einander mit jenem Geschrei, welches zwischen gewissen noblen Leuten

die herrschende Tonesart ist....

„Ah -- mein lieber Edmund!“

„Ah -- mein alter Bursche Althing!...“

Sie umarmten sich so herzlich als nur möglich.

„Wie kommst Du hierher?“

„Diese Frage wollte ich eben an Dich stellen, furchtbarster aller

Adonisse -- (ich hoffe, Du wirst mit dieser Charakteristik zufrieden

sein!). Hab’ ich Dich doch niemals noch hier gesehen.... Ich glaubte

immer, Du besuchtest dieses Etablissement nicht gerne -- weil keine

Damen hierher kommen...“

„O, o! soll das ein Scherz sein! Bin ich ein Narr, der den Weibern

nachläuft? Hoffentlich wirst Du nicht so gering von mir denken, Edmund!

Ich den Frauen nachlaufen... haha! So etwas ist nicht nöthig. -- --

Es giebt Männer, die von +ihnen+ verfolgt werden, hahaha...“ Und

unser Dicker zupfte an seiner Cravatte und schlug mit seinen Sporren,

die er wie die alten Ritter immerwährend -- vielleicht auch im Bette --

an den Füßen trug, zusammen....

„Kurz gesagt: was suchst Du eigentlich hier?...“

„Theuerster Freund -- bevor wir über diesen Gegenstand reden -- lass’

uns eine Tasse Chocolate oder noch besser ein deutsches Frühstück

zu uns nehmen.... das stärkt zum Diskours.... Marqueur! Marqueur!

Chocolate, aber.... die Vanille nicht zu vergessen! hahaha!“

„Hahaha!“ -- lachte auch Edmund und rief dem Aufwärter nach: „schlagt

auch ein Ei hinein und gebt ein wenig von jenem gewissen Pulver dazu,

welches in Apotheken schwer zu bekommen ist.... hahaha!“

„Hahaha! Mein Freund -- Du übertreibst, Du übertreibst. Jene

Ingredienzen sind bei mir alle noch nicht nothwendig, Dank Aeskulap,

dem Gott der Gesundheit....“

„Und einem andern Gott, den man in unsern Schulmythologien nicht

abgebildet findet.... hahaha!“

Althing hatte einen Tisch gewählt, von wo man sehr bequem auf den

Kohlmarkt hinaussehen konnte -- und der Jüngling nahm neben seinem

Mentor Platz.

„In der That,“ sagte er, „ich bin äußerst neugierig, den Grund, der

Dich hieher führte, zu erfahren, mein Alter....“

Zornig schnob ihn der Dicke an: „Ein für alle Mal, ich bin dieses Wort

nun satt -- und werde es in Zukunft als eine Beleidigung ansehen,

die gerächt werden muß, +Alter+ und immer +Alter+! -- --

Donnerwetter! Ihr macht es ja so, als gäbe es keinen Aelteren mehr in

der Welt, als ich. Was soll das heißen?... Bin ich Euer Freund, oder

foppt Ihr mich bloß!?“

„Ihr -- Ihr? -- sprichst Du zu mir per +Ihr+! --“

„Nun ja -- Du und die Andern; Du verstehst mich schon. -- Noch ein Mal,

Edmund, wenn es in Zukunft zwischen uns nicht schrecklich hergehen soll

-- so sprich jenes verdammte Wort nicht mehr aus.... namentlich vor so

vielen Leuten....“

In diesem Augenblick ging draußen ein junges und sehr schönes Mädchen

-- ein Ladenmädchen, Putzmacherin, Blumenmädchen oder dergl., kurz

eine Grisette -- vorbei und Althing fuhr mit einem Ruck, als habe ihn

Jemand gestochen, in die Höhe: „Alle T--l!“ rief er: „Was seh’ ich?

-- Um diese Stunde schon? -- Sie sagte mir, sie würde erst um ein

Uhr.... Sapperment, dahinter muß etwas stecken.“ Und er bemühte sich,

hinter dem Tische, der ihn und seinen Bauch einzwängte, rasch vor zu

kommen.... Das gelang jedoch nicht so leicht -- und unser Ritter, der

sich mit den Sporren an den Wandtapeten verfangen, riß, während er

davon stürmte, ein Stück davon mit sich....

Augenblicklich liefen ein Paar Marqueure herbei und stellten sich ihm

in den Weg:

„Entschuldigen -- Euer Gnaden!... -- Verzeihen -- Euer Gnaden....

aber....“

„Was wollt Ihr?“ schrie er wüthend und suchte durchzukommen....

augenscheinlich hatte er in der Eile von dem Schaden, welchen er

verursacht, gar nichts gemerkt.... denn seine Wuth über die Kerle stieg

von Moment zu Moment:

„Was soll das heißen?“ tobte er mit von Zorn erstickter Stimme: „Bin

ich hier unter Wegelagerern und Mördern?...“

Er fing jetzt an so zu springen, als wollte er über die zwei Aufwärter

wegsetzen; zum Glück aber war er nicht im Stande, höher als zwei

Zoll sich zu erheben -- dann plumpste er jedes Mal mit schrecklichem

Geräusch auf den Boden herab. -- Endlich jedoch aufs Aeußerste

gebracht, ballte er seine Fäuste, streckte sie, wie ein Stier die

Hörner, vor sich hin -- und versuchte nun auf diese Weise eine Bresche

zu machen; aber im selben Augenblick hatte ein dritter Marqueur ihn

hinten beim Rockschoß ergriffen....

„Entsetzlich!“ stöhnte der Unglückselige, den bereits seine Kräfte --

er besaß deren nicht große -- verließen: „Entsetzlich! so etwas habe

ich noch nicht erlebt!... Das ist hier eine Schlachtbank, aber kein

Kaffeehaus!...“

Jetzt trat der Obermarqueur vor ihn: „Entschuldigen Sie,“ meinte

dieser -- „es ist ein Kaffeehaus, wie diese Herren hier alle bezeugen

werden.... Man kommt jedoch nicht in ein Kaffeehaus, um Tapeten zu

zerreißen, Frühstück zu bestellen und sich dann so beiläufig --

fortzumachen.... Ich gebrauche noch einen sehr milden Ausdruck, wie Sie

sehen....“

„Ha! mir das?“ schäumte Althing: „Mir das? -- Fortmachen?

„+Durchgehen+,“ wollen Sie wohl sagen! -- Wissen Sie denn auch,

mit wem Sie’s eigentlich zu thun haben, mein Mann?“

„Eben deßhalb, weil man Sie hier nicht kennt, weil Sie noch niemals da

gewesen sind, mein Herr, durften Sie bei Ihrem forcirten Abgang keine

andere Behandlung erwarten.... Mein Gott, wer wird uns zumuthen, unsere

Tapeten von fremden Herren zerreißen zu lassen?....“

„Aber ich wäre wieder gekommen; ich hatte nur ein wichtiges Geschäft

abzumachen, das keinen Aufschub litt.“

„Mein Herr, ich erlaube mir die Bemerkung, daß, bevor man

zu wichtigeren Geschäften geht, man so unwichtige, wie eine

Kaffeehausschuld, abmacht...“

„Aber -- -- bin ich denn allein da? Wo ist denn mein Freund, Herr von

Randow? -- War dieser denn Euch nicht Bürge genug? --“

„Allerdings; allein der Herr von Randow hatten ja eben die ganze Szene

mit angesehen -- und da Dieselben sich dessenungeachtet nicht in’s

Mittel legten....“

Bei diesen Worten drehte der mißhandelte Liebesheld sich um, um nach

seinem Freunde Edmund zu sehen. Dieser saß zwei Schritte davon und

hielt sich vor Heiterkeit kaum mehr auf dem Sitze. In der That, die

eben vorgefallene Szene hatte ihm ein Vergnügen gemacht, in welchem

er sich um großer Schätze willen nicht hätte mögen stören lassen; von

ihm war also eine Unterbrechung desselben und somit der Szene nicht zu

erwarten.

Althing warf ihm einen indignirten Blick zu und sprach, bitter

lächelnd: „-- -- O, das hat man für seine Freundschaft, für seine

Lehren! -- Gewöhnlich erzieht man sich an seinen Schülern --

Schlangen und Nattern. -- Doch schon gut! Ich werde diesen Vorfall

nicht vergessen -- und auch wie ritterlich man sich dabei gegen mich

benommen....“

„Aber, mein Gott,“ entgegnete Edmund kichernd: -- „Was sollte ich thun?

-- Du schlugst ja so wüthend umher, daß man nicht in Deine Nähe treten

und Dir ein Wort zuflüstern konnte. ... Und überdies....“

„Schon gut! schon gut! Keine Entschuldigung, mein Herr!“ sagte

unser Dicker in jenem kalten Tone, womit man einen Menschen seine

Gleichgültigkeit fühlen läßt: „Marqueur! -- Was macht der ganze dumme

Spaß....“

„Nicht mehr als zehn bis zwölf Gulden,“ antwortete der Oberaufwärter.

„Was heißt das: Bis --“

„Das heißt, mein Herr, es läßt sich noch nicht ganz genau

berechnen....“

„Wohl; hier habt Ihr zwölf Gulden! -- -- und nun ein Glas Limonade. Ihr

bringt sie jedoch zu diesem Tische, hier nebenan.“

Der Gekränkte setzte sich wirklich an einen andern Tisch, jedoch hatte

er auch von hier die Aussicht auf den Kohlmarkt. Er saß ganz allein --

denn die ihm früher während seines Kampfes mit den Aufwärtern umgebende

Menge hatte sich, bis auf einige junge Herren, die ihn aus einer

gewissen Entfernung durch Lorgnets besahen, verloren. -- Diese für ihn

höchst wahrscheinlich jetzt sehr erwünschte Einsamkeit -- fing der gute

Dicke nun damit an zu benutzen, daß er sein Wesen und seinen Anzug, die

ein bischen derangirt worden waren, in die vorige Ordnung zu bringen

versuchte,.... er zog seine Cravatte straffer an -- besah seine Sporren

-- wischte den Schweiß von der Stirne -- und als die Limonade ankam,

trank er sie auf einen Zug aus. Bei allen diesen Verrichtungen jedoch

unterließ er nicht, sein Auge immerwährend nach der Straße hinaus zu

richten.... Allein da konnte er lange schauen! es war Alles vergebens.

Jetzt trat Edmund näher heran, setzte sich auf einen Stuhl neben ihn

und sprach: „Althing, ich will Dir’s nur sagen! Wenn Du nach jenem

Mädchen lugst, der Du vorhin nachspringen wolltest -- die ging bereits

während Deiner Fehde mit den Aufwärtern zurück....“

Dieses Wort war im Stande, den Seladon Alles Geschehene vergessen

zu machen: „Ist das wahr?“ rief er eifrig: „Du sprichst von jener

hübschen, niedlichen Grisette?“

„Von jener niedlichen Grisette, ja, ja! -- Sie hat, dünkt mich, sogar

Deine Rauferei hier vor dem Fenster mit angesehen...“

„Ist das möglich! Und was that sie dabei? -- Sie war gewiß im äußersten

Grade entrüstet?“

„Nein, denn sie lachte wie toll und rief noch mehrere von ihren

Freundinnen herbei, die eben vorbeigingen....“

„Aber das ist unglaublich! -- das Mädchen liebt mich ungeheuer!“

„-- Wie die Andern -- haha!“

„Nein, nein, Diese ist in mich total verschossen! Du hast keinen

Begriff davon, mein Freund. Willst Du einen Beweis? Nun gut: so wisse,

daß sie mir heute ein Rendezvous gab; daß sie eben meinetwegen hier so

oft vorüber geht -- --“

„Ich sah jedoch ganz deutlich, daß sie auch nach andern Herrn

blickte....“

„Blickte?“

„Und -- lachte!“

„-- Dieselben aus.“

„Nein, sondern: lachte sie an. Allein, Du scheinst Deiner Sache sehr

gewiß.“

„Das bin ich auch, mein Freund! Sie gab mir Tausende von Beweisen, jene

kleine Hexe.“

„Zum Beispiel.“

„Zum Beispiel --! -- Ach, wozu erst viele Beispiele. Ich weiß, woran

ich bin und damit gut. Uebrigens weißt Du, daß ich in diesen Dingen

nicht von heute bin. Man hat Erfahrungen -- man hat Abenteuer gehabt

von allen Sorten.... kurz, man war glücklich... hehe!“

„Doch was seh’ ich!“ rief Edmund plötzlich: „Kommt sie da nicht schon

wieder?...“

Rasch blickte der Alte durch’s Fenster: „Richtig! Richtig!“ rief er

freudig aus.. „Nun, was sagst Du dazu, mein Junge! Siehst Du den

Blick, welchen sie mir zuwirft.... hahaha! Wirst Du nun noch länger

zweifeln.... daß man Sieger, daß man Geliebter des Herzens ist?“

Und kaum hatte er das gesagt, als er nun wieder aufsprang und --

diesmal von den Aufwärtern -- ungefährdet hinaus lief. Doch lief ihm

fast das ganze Kaffeehaus nach und Alles lachte über eine Begebenheit,

welche bisher in den Annalen von Daum’s Caffée unerlebt war.

Unter den Zuschauern, welche sich jetzt vor der Thür des Etablissements

aufstellten, um dem Alten nachzusehen, befand sich auch Edmund. Er nahm

sich vor, seinem verliebten Freunde zu folgen und ihn nöthigenfalls

zu hindern, abermals einen dummen Streich zu begehen. Denn hatte

der junge Mann auch jenem Auftritt im Kaffeehause mit ruhigem Blute

beigewohnt und sich an demselben auch noch obendrein erlustigt -- so

war er gleichwohl, nach Art gutmüthiger Menschen, sogleich bereit, sein

Vergehen durch eine edle That zu sühnen.

Althing verfolgte die Grisette inzwischen Schritt für Schritt; er ging

ihr über den Kohlmarkt, den Michaelerplatz, die Herrengasse bis zur

Freiung nach -- -- aber er bemühte sich vergebens, sie einzuholen, denn

das Mädchen hüpfte leichtfüßig wie ein Reh, während er Mühe hatte,

seinen dicken Bauch fortzubringen; und dann genirten ihn auch seine

Sporren, mit denen er alle Augenblicke anstieß und hängen blieb. --

Aber der Eifer des Jägers wächst mit der Mühe der Verfolgung -- und

man sah es dem dicken Adonis an: er wollte sich lieber seine Beine und

seine Lungen zu Grunde laufen, als von seinem Vorhaben, das Mädchen zu

erreichen, abstehen.

Endlich schien das Glück sich ihm wieder zuzuneigen. Die Kleine, auf

dem tiefen Graben angelangt, wohin sie jetzt ihre Schritte lenkte,

mäßigte die letzteren.... das gab dem Alten neuen Lebensmuth, und er

ruderte ihr nun aus Leibeskräften nach, wobei sich Arme, Beine, der

Kopf, kurz der ganze Körper bewegte. --

„Ah!“ dachte Edmund, der immer in einer kleinen Entfernung nachzog

-- „sollte es wider Vermuthen günstiger ausschlagen? Doch, das ist

unglaublich! -- Sehen wir nur nach, was es wieder geben wird.“

Schon hatte Althing die Grisette erreicht; -- er rückte ihr an die

Seite und flüsterte ihr Etwas in’s Ohr... man konnte von hinten sehen,

zu welcher freundlichen Fratze er sein rothes, schweißtriefendes

Gesicht verzog; -- -- jetzt trennte ein Schubkarren, welcher mitten

zwischen die beiden fuhr, den Ritter von seiner Dame.... und Jener

mußte ein wenig zurückbleiben.... er wollte ihr rasch wieder

nachspringen, aber in diesem Momente trat die Grisette in ein Haus,

und unserem Dicken, welcher seinen Fuß schon auf die Schwelle gesetzt

hatte, wurde die Thüre vor der Nase zugeschlagen... so daß wenig fehlte

und er wäre um die letztere gekommen...

Er prallte heftig zurück und auf eine Frau, die zu dieser Zeit eben

vorbeiging und auf den Armen einen Korb voll Gemüse trug; es war eine

Fratschlerin (Höckerweib) -- man weiß was eine Wiener Fratschlerin zu

bedeuten hat.

Augenblicklich entlud sich eine Fluth von Schimpfwörtern aus ihrem

Munde: „Der alte Mensch da! -- Da seht ihn einmal an! Ist er

toll? Wirft sich da in meinen Gemüsekorb hinein -- als gehörte er

darunter.... Nun ja, er sieht mir auch gerade so aus, wie ein hohler

Kürbis.... Tausendsapperment hinein!“[B]

Althing schien der Verzweiflung nahe zu sein... Er hatte gänzlich den

Kopf verloren; er wußte nicht wie ihm geschah -- und blickte bald das

tobende Höckerweib hinter, bald das Haus vor sich an.... Allein auf

beiden Seiten war nichts Tröstliches zu sehen, und der wackere Mann

schüttelte jammervoll sein edles Haupt....

Da warf er einen zerknirschten Blick nach den sechsten Stockwerk hinauf

und murmelte wehmuthsvoll: „Dort oben soll sie wohnen, wie sie mir

gesagt hat; aber wozu sagt sie mir dieses, wenn sie mir die Thüre vor

der Nase zuschlägt?.... O, Althing, so ist Dir noch niemals mitgespielt

worden! --“

Die Fratschlerin war wieder langsam weiter gegangen, jedoch nicht

ohne noch immerwährend zu fluchen und sich von Zeit zu Zeit nach

dem Unglücksmanne zornig umzusehen. Was Edmund betrifft, so hatte

sich dieser hinter einen Mauervorsprung zurückgezogen und sah von

hier aus dem Treiben seines alten Kameraden zu. Er wartete blos auf

die Gelegenheit, wie ein echter Retter in der Noth hervorzuspringen,

falls dieses irgend nöthig sein sollte. Ach, wahrhaftig! er wartete

vergebens; die Gelegenheit überrumpelte ihn und seinen Freund, wie ein

unbarmherziger Feldherr seinen gar zu sicheren Gegner....

Während nämlich Althing noch immerfort nach den Fenstern der sechsten

Etage hinaufsah -- denn er vermochte nicht sein Auge von da abzuwenden

-- wurde plötzlich aus einem dieser Fenster, gerade über seinem

Haupte, ein Gefäß ausgeleert, dessen Inhalt den armen Ritter völlig

überfluthete, so daß er laut aufschrie: „Ah! Ah! -- Feuer! Feuer!“ und

zuversichtlich noch mehrere ähnliche Rufe herausgestoßen haben würde --

wäre in diesem Augenblick Edmund nicht herbeigelaufen und hätte sich

seiner bemächtigt, um ihn hastig in’s nächste Haus zu ziehen und so

der Polizei, die unfehlbar sogleich herbeieilen mußte, zu entreißen.

Denn ein unbegründeter Feuerruf mußte in Wien mit einer artigen Summe

bezahlt werden.

Althing’s Kleider verbreiteten eben keinen angenehmen Geruch; zum Glück

war es indessen blos Seifenwasser oder etwas Aehnliches. -- -- Der

Dicke triefte wie ein Pudel und überdies schien ihn sowohl vor Schreck

als vor Kälte ein Fieber ergriffen zu haben, denn er bebte, zitterte

und klapperte mit den Zähnen, daß es ein Erbarmen war. --

„O, mein Freund!“ sagte er zu dem Jüngling: „Beweine mich! -- Ich

bin ein Märtyrer der Liebe geworden! -- Ach, wäre ich nur schon zu

Hause, um andere Kleider anzuziehen! -- Der Zustand dieser hier wird

mich tödten.... O, hätte ich das träumen können! -- Ich, ich, der so

viele Siege davon getragen hat; der mit Cäsar sagen konnte: _veni,

vidi, vici_ -- -- -- und nun eine solche Erfahrung zu machen......

Allein,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, indem er sich im

Gesichte mit der Hand herumwischte.... „was bemerkst Du an meiner

Physiognomie, Edmund?“

„Ich bemerke, daß sie voll Ruß ist; ihr unterer Theil sieht wie

bei einem Schornsteinfeger aus.... Dein Schnurbart hat seine Farbe

gelassen. -- --“

„Glaube dies ja nicht; er ist von Natur schwarz und färbt nicht ab; du

darfst dessen gewiß sein. Er ist immer schwarz gewesen, dieser Bart --

in meinem zehnten Jahre schon! -- Auch hat man dieses stets für eine

meiner vorzüglichsten Zierden erklärt. Allein, werden wir nicht bald

nach Hause gehen? Ich halte es hier nicht aus.“

„Willst Du der Polizei in die Arme laufen, Unglücklicher, und auf die

Wachstube geführt werden?“

„Aber man wird uns nicht bemerken -- -- Schaffe einen Fiaker herbei,

guter Edmund....“

„Das geht nicht; man darf auch mich nicht sehen. Wir müssen noch einige

Zeit hindurch hier verweilen....“

„Das ist eine schlimme Aussicht.... Jedoch, was bemerke ich da rechts

im Hofe, siehst Du -- dort, aus dem vierten Fenster, hat so eben ein

allerliebster Lockenkopf herausgesehen.... das gewährt Zerstreuung. --“

„Ach, Althing -- wirst Du denn nie Vernunft annehmen? In unserer Lage

haben wir nach andern Dingen zu sehen, als nach Lockenköpfen....“

„Ganz wohl; aber man darf keine Gelegenheit vorbeistreichen lassen --“

„Still doch! -- Hast Du nichts gehört? -- Mir schien es, als hätten

sich draußen Stimmen hören lassen....“

Augenblicklich verstummte der Dicke und sein Fieberfrost kehrte

zurück.... Jetzt vernahm man ganz in der Nähe eine Stimme, die keinen

Zweifel über ihren Besitzer zuließ: „Hier hat Jemand Feuer gerufen! --

Wer ist das gewesen?“

„Wir wissen nichts, wir wissen es nicht!“ antworteten mehrere Stimmen!

„Es war ein dicker Herr,“ rief jetzt eine --; „er muß in diesem Hause

verborgen sein! -- ich sah ihn da hinein laufen...“

„O mein Edmund!“ ächzte Althing und fiel bewußtlos seinem Freunde in

die Arme.

Nun wurde die Thür geöffnet und ein Polizeimann trat ein; sogleich

deutete ein Weib mit einem Korbe, die zu gleicher Zeit erschien, auf

den Ohnmächtigen und rief: „Der da ist es gewesen! Der da hat Feuer

geschrieen! Das ist der Vogel -- -- der früher auch in meinen Korb

hinein flog, als hätte er sechs Tage nicht gefressen...“

„Mein Herr von Randow,“ bedeutete der Polizeisoldat gegen Edmund --

denn der Dicke hörte nichts -- „da ich so glücklich bin, Sie und diesen

Herrn hier zu kennen, so ersuche ich Sie, falls es Ihnen nicht lieber

wäre, sich sogleich auf die Direktion dieses Viertels zu bemühen -- --

einige Stunden später daselbst zu erscheinen, um über den Feuerruf, für

dessen Urheber man Sie ausgibt, die nöthige Auskunft zu ertheilen...“

Nach diesen Worten empfahl sich der Diener der öffentlichen Sicherheit,

wobei er nicht vergaß, mit der Spitze seiner Finger den Czako zu

berühren.... zugleich jagte er die Schaar der Neugierigen, welche

sich vor dem Hause angesammelt hatte, wie dies in Wien häufiger als

anderswo zu geschehen pflegt, auseinander und öffnete so unsern beiden

Freunden freies Feld, welches diese denn auch benutzten, nachdem

Althing wieder zu sich gekommen war.

Edmund packte denselben in einen Fiaker und schickte ihn nach Hause;

er selbst wurde von Verrichtungen nach einem andern Theile der Stadt

gerufen.

Es war in der Nähe des Augartens, wohin er in einem Wagen sich bringen

ließ. Eben stieg er aus, in der Absicht, sich nach einem von den

schönen neuen Häusern, welche dort stehen zu begeben, -- als ihm aus

der Allee, welche den Augarten von Außen umgibt -- ein Mensch entgegen

stürzte, der auf den ersten Anblick einem Wahnsinnigen nicht unähnlich

sah. -- Ohne Mühe erkannte unser Freund den +Baron von Leuben+,

jenen glühenden Verehrer Cölestinens, welchen wir auf dem Wasserglacis

kennen gelernt haben. Aber was war mit dem Menschen vorgegangen!

Sein Anzug sah im höchsten Grade zerrüttet aus, so als hätte er ihn

seit 8 Tagen nicht gewechselt und als hätte er die Nächte auf freier

Straße oder im Felde liegend zugebracht. Das Gesicht war fahl und

eingefallen, die Züge verzerrt -- das Haar flatternd, allen Winden

Preis gegeben....

„Sind Sie es oder sind Sie es nicht?“ rief er Edmund an und faßte ihn

bei der Hand.

Dieser, der ohne Zweifel weder Zeit noch Lust hatte, sich aufzuhalten,

entschuldigte sich und schützte dringende Geschäfte vor....

„Nein, nein!“ sagte Jener mit zitternder Stimme: „ich lasse Sie nicht;

Sie müssen mit mir sprechen. Zwei Worte nur, aber um Gotteswillen reden

Sie mit mir!“

„Mein Herr,“ versetzte Jener; „wäre dazu vielleicht nicht ein ander Mal

Zeit? Wollen Sie z. B. nicht hier auf diesem Platze einige Augenblicke

lang auf mich warten? Ich werde sogleich wieder zurück sein....“

„Nicht doch! Keinen Schritt von hier!“ schrie Leuben: „Wollen Sie, daß

ich völlig toll werde? Zur Hälfte bin ich’s schon. Ich kann es nicht

länger ertragen. Bei der Barmherzigkeit des Himmels beschwöre ich Sie:

hören Sie mich an!“

„Nun denn,“ antwortete Edmund, halb in Unmuth und halb mitleidig: „was

steht zu Ihrem Befehl?“

„Kommen Sie unter jene Bäume dort.... denn hier werden wir gesehen --

-- und ich weiß, mein Aeußeres taugt nicht dazu. --“

Diese Rede rührte den jungen Menschen, der, wie erwähnt worden, so

leicht zu rühren war: er folgte dem Baron und war mit demselben bald in

der Allee....

„Sie sehen in mir,“ fing der Letztere an, „einen Unglücklichen, einen

Elenden -- dessen Herz gebrochen ist und für dessen Verstand nicht

minder Gefahr droht.“

„-- Nun wohl, mein Herr,“ entgegnete unser Freund: „was Sie mir sagen,

ist schrecklich genug, um meine innigste Theilnahme zu erwecken: drum

reden Sie, was kann ich für Sie thun?“

„Was Sie für mich thun können?“ seufzte Leuben schwer auf: „Jetzt

vielleicht nichts mehr oder sehr wenig; früher jedoch würden Sie ganz

gewiß mein Leben, meine Seele, mein Glück und meinen Frieden haben

retten können. --“

Daß Edmund den Zusammenhang und Sinn dieser abgebrochenen Worte

errieth, läßt sich wohl denken. Er hatte es längst bemerkt, daß dieser

junge Mann auch zu der Zahl derjenigen gehörte, die von den Reizen

Cölestinens bezaubert waren; er wußte jedoch bisher noch nichts von der

namenlosen, alle Grenzen einer gewöhnlichen Empfindung übersteigenden

Leidenschaft Leubens. Diese Stunde gab ihm indeß hinreichende

Aufklärung. Da ihm nun solchergestalt das Unzukömmliche seines jetzigen

Zusammentreffens mit dem jungen Mann und das gänzlich Verwerfliche

seines längern Verweilens bei demselben einleuchtete, so bemühte er

sich eifrig, sein Mitleid für ihn zum Schweigen zu bringen und sich

rasch von hier zu entfernen.

Er wartete daher nur noch eine nähere Erklärung Leubens ab, sodann

wollte er ihm ohne Rücksicht Adieu sagen. -- Der Unglückliche

beschleunigte selber diesen Plan. Er faßte Edmund an beiden Händen --

stellte sich vor ihn hin und sprach mit düsterem Tone:

„Ich liebe Ihre Schwester!“

„Mein Herr!“ versetzte dieser, der jetzt augenblicklich sich losriß und

zwei Schritte zurück trat -- in kaltem Tone: „Meine Schwester ist seit

acht Tagen die Gemahlin des Grafen von A--x.“

„Das weiß ich!“ sagte Leuben mit dumpfer Stimme.

„Das wissen Sie!“ rief Edmund streng: „und dennoch wagen Sie es, mir

eine solche Erklärung zu geben.“

„Und warum nicht?“ fragte Jener finster.

„-- Weil ich,“ entgegnete zornig Randow: „dieselbe nicht zu dulden

willens bin, mein Herr.“

„Und was weiter --?“ meinte der Jüngling gleichgültig.

„Das Weitere ist, daß ich, Rücksicht auf Ihren Zustand nehmend, Sie

nicht ferner anhören will. Adieu, mein Herr!“ Er wandte ihm den Rücken.

„Aber -- -- ich habe Sie beschworen, es zu thun, und Sie haben

eingewilligt. Wollen Sie Ihr Wort brechen?“

„Nach dem, was ich so eben hören mußte, fühle ich mich meiner Pflicht

vollkommen entledigt. Darum noch ein Mal: Adieu!“

Edmund ging jetzt raschen Schrittes fort.

Leuben aber lachte ihm in jenem schrecklichen Tone nach, welchen man so

oft hört, wenn man an den Irrenhäusern vorbeikommt -- und welcher Ton

ein Menschenherz durchschneidet und zerreißt. -- --

„O!“ rief der Unglückliche, so daß Edmund es noch hören konnte: „es ist

auch so gut. Einer Wölfin Bruder -- pflegt kein Lamm zu sein.... wohl,

wohl. So ist also Alles vorbei -- und mir bleibt nichts als Tod oder

Verzweiflung.“

Einen Augenblick hielt er hier inne, dann kreischte er wild auf: „Doch

nein! mir bleibt noch Eins! -- Noch Eins!“ und abermals ließ er ein

heiseres Lachen hören -- doch schien durch dieses ein von dem früheren

sehr verschiedener Grundton durchzuklingen. Jetzt verschwand er im

Augarten.

Edmund aber trat in ein neues und schönes Gebäude ein. Es war das

Palais des Grafen Alexander von A--x, welches dieser seit Kurzem mit

Cölestine bewohnte.

Sechstes Kapitel.

Die ersten Tage eines jungen Ehepaars.

Cölestine, oder der eheliche Verdacht; Erster Theil (von 2) · 第 5 / 12 题