Als ich neun Jahre alt bin, geht eine andre von den bösen Prophezeiungen
der Pastorin Wennervik in Erfüllung. Da mache ich eine lange Reise. Ich
werde nach Stockholm geschickt, um Heilung für mein krankes Bein zu
suchen, und es wird mir verordnet, eine Kur im gymnastischen Institut
durchzumachen. Ich bleibe einen ganzen Winter in Stockholm, und die
Behandlung tut mir sehr gut. Als ich im Frühling heimkomme, bin ich
ebenso gesund wie andre Kinder, und man merkt es beinahe gar nicht, daß
ich hinke.
Ich wohne bei nahen Verwandten, die sehr gut gegen mich sind, aber das
kann nicht hindern, daß ich mich ein wenig nach Hause sehne. Es fällt
mir schwer, mich an das Stadtleben zu gewöhnen. Es ist mir eine Last,
daß ich jedesmal, wenn ich ausgehe, Hut und Mantel anziehen muß. Ich mag
diese Welt von Steinstraßen nicht, wo die Kinder ebenso ordentlich und
still wie die Erwachsenen ihrer Wege gehen müssen. Ich verstehe mich
auch nicht auf die Spiele der stockholmer Kinder. Ich kann nicht in
ihren kleinen Schlitten fahren, und ich mache mir nichts daraus, mit
Puppen zu spielen. Ich fühle mich dumm und ungeschickt in Gesellschaft
dieser niedlichen und lebhaften Kinder, und ich habe große Angst,
ausgelacht zu werden, weil ich mit värmländischem Akzent spreche.
Aber es gibt Dinge in der Hauptstadt, die über alle Beschreibung
herrlich sind und für alle Unannehmlichkeiten Ersatz bieten. So zum
Beispiel hat mein Onkel alle Romane von Walter Scott in seinem
Bücherschrank, und er leiht sie mir, so daß ich im Laufe des Winters die
ganze Sammlung durchlesen kann. Und dann das Theater!
Bei meinen Verwandten wohnt eine alte treue Dienerin, die dem Haushalt
meines Onkels vorgestanden hat, bevor er sich verheiratete. Sie ist zu
alt, um an irgendwelchen Arbeiten teilzunehmen; sie sitzt tagaus, tagein
in einem schönen Lehnstuhl in ihrem eignen Zimmerchen und strickt und
häkelt. Onkel ist sehr gut gegen sie. Er ist besorgt, daß ihr die Zeit
zu einförmig werden könnte, und steckt ihr nicht selten eine
Theaterkarte zu. Aber wenn die Alte ins Theater geht, darf ich
mitkommen. Meine Verwandten haben schon entdeckt, welches ungeheure
Vergnügen mir dies bereitet, und sie sind vielleicht auch ein klein
wenig ängstlich, die Alte ganz allein fortzulassen. Meine Theaterbesuche
kosten überdies nichts. Die alte Ursula sagt dem Theaterdiener nur ein
gutes Wort, und ich darf mit hinein. Ich bekomme keinen Sitzplatz,
sondern muß vor ihr stehen, aber das hat nichts zu bedeuten. Im Theater
vergeht die Zeit so rasch, daß ich gar nicht müde werde, ehe alles schon
vorbei ist.
Es gibt wohl noch heute Menschen, die sich an die ausgetretnen Stufen
und die schmalen Gänge im alten Opernhaus erinnern. Und es gibt auch
wohl noch den einen oder andern, der sich entsinnt, wie es in den
Korridoren roch. Ich komme manchmal im Ausland in irgendein altes
Schauspielhaus, wo derselbe Theatergeruch noch herrscht. Und wenn ich
ihn spüre, dann werde ich von der Seligkeit der Erwartung erfüllt. Es
kommt mir vor, als ob ich wieder als ein kleines Kind vor der Logentür
stünde und darauf wartete, daß der Diener komme und aufschließe.
Ulla und ich, wir sitzen stets in der ersten Reihe der zweiten Galerie.
Wir gehen übrigens nicht immer in die Oper, sondern wir gehen auch in
das dramatische Theater, aber auch dort haben wir denselben Platz.
Auf diese Weise sehen wir »Die Afrikanerin«, »Robert den Teufel«, den
»Freischütz«, »Die Värmländer«, »Die schöne Helena«, »Die Frauenschule«,
»Die Blumen im Treibhaus«, »Meine Rose im Walde«. Das ist wieder eine
neue bunte Welt, in die ich geführt werde. Es ist wirklich gut, daß ich
am Nähtisch meiner Mutter gesessen und Nösselts Weltgeschichte gelesen
habe. Wie hätte ich mich sonst zurechtfinden können!
Aber eigentlich ist sie nicht ganz neu. Es ist ja meine ganze Romanwelt,
die so illustriert und mir in lebenden Bildern vorgeführt wird. So also
sehen sie aus, meine edeln Wilden, meine geharnischten Ritter. So geht
ein König gekleidet. So nimmt sich ein Klosterhof aus. In solchen
langen, grauen Mänteln wandeln Mönche und Nonnen umher. Ich lerne
sturmgepeitschte Meere, leuchtende Rittersäle und tropische Landschaften
kennen. Und ich nehme natürlich alles blutig ernst. Ich verstehe nicht,
daß die schöne Helena ein einziger großer Scherz ist. Ich glaube, daß
es wirklich so zugegangen sei, als Helena von Paris geraubt wurde,
obgleich Nösselt es zu erzählen vergessen hat.
Wir haben ganz denselben Geschmack, die Alte und ich. Wir lieben
prächtige Dekorationen, prächtige Kostüme und große Szenen, wo es auf
der Bühne von Menschen wimmelt. Und natürlich kümmern wir uns
hauptsächlich um die Handlung. Vom Gesang und von der Musik verstehen
wir nicht viel. Wir werden eher davon belästigt, weil es uns schwer
fällt, die Worte zu hören, und weil wir den Zusammenhang verlieren.
Aus einfachen Stücken, in denen keine Könige und Ritter auftreten,
machen wir uns nicht viel, obgleich ich für meinen Teil ein Volksstück
wie »Die Värmländer« sehr gerne habe, weil es mich an die Heimat
erinnert. Aber die alte Ulla ist unzufrieden, wenn sie nur Bauern auf
der Bühne sieht. Sie kränkt mich tief durch die Bemerkung, daß die
schöne Helena mit ihrer großen Königsschar doch etwas ganz andres sei.
Ich fühle mich für meine Landsleute verletzt, aber im tiefsten Grunde
bin ich eigentlich ihrer Meinung.
Inzwischen geht der Winter zu Ende, und ich darf nach Hause reisen. Und
natürlich verfolgt mich die Erinnerung an alles, was ich gesehen habe,
und ich erzähle es meinen Geschwistern wieder und wieder.
Eines Tages, als wir aus dem einen oder andern Anlaß keine Schularbeiten
haben, fällt es uns ein, daß wir Theater spielen und eines der Stücke
aufführen könnten, die ich in Stockholm gesehen habe. Wir entscheiden
uns für »Meine Rose im Walde«. Nicht weil es das hübscheste ist, was ich
gesehen habe, aber es ist das einfachste, das einzige, das wir uns
darstellen zu können getrauen.
Es wird ein anstrengender Tag für mich. Ich bin es, die die Rollen
einstudiert und die Auftretenden unterweist, was sie sagen und tun
sollen. Wir haben kein Textbuch, sondern alles muß so gemacht werden,
wie ich es in der Erinnerung habe. Ich verwandle mit Hilfe von Decken
und Tüchern die Kinderstube in eine Bühne. Ich wähle die Kostüme aus,
ich erkläre, wie die Mitwirkenden frisiert und geschminkt sein müssen.
Ich bin ja die einzige, die einige Erfahrung in allen diesen Dingen hat.
Noch vor dem Abend ist alles fertig, und das Schauspiel geht in Szene.
Zuschauer sind Vater, Mutter, Tante, die Erzieherin, die Haushälterin
und ein paar Dienstmädchen. Sie sitzen alle in einer engen Türöffnung
und können nicht viel von der Bühne sehen. Aber das macht nichts. Sie
unterhalten sich doch unbeschreiblich gut.
Wir haben ein junges Mädchen als Pensionärin im Hause. Sie ist sehr
reizend und geht in einem alten Ballkleid meiner Mutter umher und spielt
die Liebhaberin: »Meine Rose im Walde«. Meine älteste Schwester, die
auch zwölf Jahre alt ist, hat sich mit Vaters allerältester Uniformjacke
herausstaffiert und spielt den Liebhaber. Sie ist ganz unbeschreiblich
niedlich. Sie hat wirklich Anlagen für den schauspielerischen Beruf.
Unsere Kammerjungfer gibt die Rolle der Haushälterin, und ich selbst
habe es übernommen, einen siebzigjährigen Greis zu spielen. Es muß ein
Greis mit langem, weißem Haar im Stücke vorkommen, und ich wähle diese
Rolle, weil mein Haar sehr lang und ganz weiß ist.
Wir haben einen großen, großen Erfolg. Ich möchte wissen, was der alte
Franz Hedberg gesagt haben würde, wenn er sein Stück auf diese Weise
aufgeführt gesehen hätte, aber auch er wäre vielleicht mit uns zufrieden
gewesen.
Doch von diesem Tage an träume ich nicht nur davon, Romane zu schreiben.
Jetzt will ich auch Theaterstücke verfassen. Ich sehne mich danach,
erwachsen zu sein, damit ich nicht mehr am Schultisch sitzen und meine
Zeit mit Lektionen und Aufgaben vergeuden muß.