Es gibt ein Buch, das Oceola heißt. Obgleich es möglich sein kann, das
ich mich nicht recht erinnre, und daß es irgendeinen andern prächtigen
exotischen Namen führt. Es ist ein Indianerbuch, wie man heutzutage
sagt, aber es ist wohl ursprünglich nicht für Kinder geschrieben,
sondern war bestimmt, von großen Leuten gelesen zu werden. Ich weiß
nicht, wer es verfaßt hat, ich weiß auch nicht, wann es geschrieben
wurde, aber es ist wohl recht alt, da es mehr als vierzig Jahre her ist,
seit ich es zum ersten Male gesehen habe.
Ich kann auch nicht sagen, wie es kommt, daß das Buch seinen Weg in mein
Heim dort oben in Värmland fand. Es gehörte nicht zu dem Bücherschatz
des Hauses, der hauptsächlich aus Versdichtungen bestand und nur ganz
wenige Romane umfaßte. Vielleicht hatte es ein Besucher mitgebracht,
oder auch hatte es sich meine Tante, die eine große Romanvertilgerin
war, von irgendeinem der Nachbarn ausgeliehen. Aber wie dem auch sein
mag, -- eines ist sicher, daß es an einem schönen Tage, als ich etwa
sieben, acht Jahre alt bin, daheim auf einem Tische liegt, und daß meine
Augen darauf fallen.
Ich lese gerne. Ich pflege jeden Tag auf einem Schemelchen neben Mutter
zu sitzen, wenn sie an ihrer Näherei arbeitet, und ihr aus Nösselts
»Weltgeschichte für Frauenzimmer« vorzulesen. Wir sind durch alle sieben
Teile gekommen, aber am besten verstehe ich den ersten Teil mit den
vielen Sagen. Ich kann nie aufhören, mich zu freuen, wenn Odysseus
heimkehrt und die Freier totschießt; aber Hektors und Andromaches
Abschied übergehe ich am liebsten, weil ich ihn nicht lesen kann, ohne
zu weinen.
Die Frithjofsage und Andersens Märchen und Fähnrich Ståls Erzählungen
sind auch meine guten Freunde, aber einen Roman habe ich noch nie zu
lesen versucht. Ich beabsichtige auch garnicht, mich durch dieses dicke
Buch durchzuarbeiten. Es kommt mir vor, als müßte man mehrere Jahre
brauchen, um es zu Ende zu lesen; ich will nur hineingucken. Aber das
Glück will es, daß ich es gerade an der Stelle aufschlage, wo die Heldin
des Buches, die junge, schöne Tochter eines Plantagenbesitzers, beim
Bade von einem Alligator überrascht wird. Ich lese, wie sie entflieht
und verfolgt wird und in Todesgefahr schwebt. Nie zuvor hat mich ein
Buch in solche Spannung versetzt. Ich stehe atemlos und lese, bis der
junge heldenmütige Indianer zu ihrer Rettung herbeieilt und nach einem
furchtbaren Kampf mit dem Alligator diesem sein Messer in das Herz
stößt.
Nun lese ich Seite um Seite, solange man mich in Frieden läßt. Und sowie
ich wieder frei bin (denn ich bin ja viele Stunden des Tages damit
beschäftigt, bei einer Lehrerin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen),
kehre ich zu dem Tisch zurück, wo der Roman noch immer liegt, und lese
darin.
Ich bin ganz benommen, ganz bezaubert. Tag und Nacht denke ich nur an
das Buch. Es ist eine neue Welt, die sich mir ganz plötzlich eröffnet
hat. Der ganze Reichtum des Lebens strömt mir zu. Da sind Liebe,
Heldenmut, schöne, edle Menschen, niedrige Schurken, Gefahren und
Freuden, Glück und Schmerz. Da sind kunstvoll verschlungne Ereignisse,
die mich in Spannung und Schrecken versetzen. Da ist alles mögliche,
wovon ein kleines, siebenjähriges Kind, das auf einem stillen Herrenhof
in Värmland aufgewachsen ist, nie zuvor hat reden hören. Man versetze
einen der erwachsenen Bewohner der Erde auf einen Stern im Weltenraume.
Ich glaube kaum, daß er diese neue Welt mit glühenderem Eifer
untersuchen könnte, mit größerem Interesse, mit einem stärkeren Gefühl,
wie wunderbar glücklich er sei, weil er all dies Ungeahnte kennen lernen
dürfe.
Fortab lese ich alle Romane, die mir in die Hände fallen. Es läßt sich
schwer sagen, wieviel ich von ihnen verstand, aber ein unerhörtes
Vergnügen bereiteten sie mir. Jetzt sind sie meiner Erinnerung
entschwunden, die allermeisten wenigstens.
Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, wundert es mich wohl, daß man mich
alles lesen ließ, was ich nur fand. Aber ich begreife, daß es Vater und
Mutter schwer fiel, mir etwas abzuschlagen. Jene Kränklichkeit, die
Tante Wennervik mir prophezeit hatte, war schon eingetreten. Das eine
Bein war schwach, und lange Zeit hindurch konnte ich gar nicht gehen.
Man fand es nicht zuträglich für mich, daß ich mich mit körperlichen
Übungen und Spielen belustigte wie andre Kinder; sondern die Eltern
sahen es am liebsten, wenn ich mich still verhielt. Und da sie nun
merkten, daß ich mich glücklich fühlte, wenn ich nur ein Buch in der
Hand hatte, waren sie froh, daß ich mich auf diese Weise zerstreuen
konnte.
Aber für mich wurde die Bekanntschaft mit diesem Indianerbuche Oceola
entscheidend für das ganze Leben. Es erweckte in mir die tiefe, starke
Sehnsucht, einmal etwas ebenso Herrliches schaffen zu können. Dieses
Buch bewirkte, daß ich von den frühesten Kindheitsjahren an wußte, daß,
was ich in kommenden Tagen am liebsten tun wollte, Romane schreiben war.
Ich hatte wohl durch Geschwister und Dienstleute gehört, was die alte
Tante Wennervik mir an dem Abend, an dem ich geboren wurde, über meine
Zukunft prophezeit hatte. Niemand wurde der Weissagung froh; nur ich
selbst, -- ich war zufrieden, weil sie mir versprach, daß ich viel mit
Büchern und Schreiben zu tun haben würde. Nach etwas anderm fragte ich
damals nicht. -- -- --
Ich will auch erzählen, daß es sich vor einigen Jahren, als ich schon
ein paar Bücher geschrieben hatte, zutrug, daß ich in dem Bücherstand
einer Eisenbahnstation ein kleines, dickes Büchlein erblickte, das
»Oceola« hieß. Es war schlecht gedruckt, auf häßlichem grauem
Zeitungspapier und in einen schäbigen braunen Umschlag geheftet; es
wurde für einen geringen Preis feilgeboten. Ich kaufte es, und als ich
im Zuge saß, begann ich darin zu lesen, um zu sehen, ob es wirklich das
Wunderbuch meiner Kindheit wäre, das ich hier wiedergefunden hatte. Ich
entdeckte auch die Szene mit den Alligator, -- es mußte also dasselbe
Buch sein.
Aber es war es doch nicht. Dies war ein armseliges, langweiliges,
schlecht übersetztes, veraltetes Buch. Es war etwa so, wie wenn man den
Geliebten seiner Jugend als hinfälligen Kranken wiedersieht. Ich hatte
Angst davor, Angst, daß es das Bild der rechten, der strahlenden Oceola
verdunkeln könnte. Ich hatte die größte Lust, es zum Kupeefenster
hinauszuwerfen.
Aber das konnte ich doch nicht tun. Es ging nicht an, dieses Buch zum
Fenster hinauszuwerfen. Genau bedacht, war etwas Rührendes darin, daß
mir ein solches Buch damals soviel Freude hatte schenken können.
Es durfte mit nach Hause kommen, aber dann steckte ich es ganz tief
unten in den Bücherschrank, und ich wage es nie mehr anzusehen.