Es ist ein schöner Frühlingsabend, und ich gehe in dem kleinen Hain
hinter dem Garten auf und ab. Sowie ich auf einem der geschlängelten
Pfade an die Grenze des Haines komme, schlägt mir das blendendste Licht
entgegen. Weite Fluren breiten sich vor mir aus, und der Sonnenschein
zittert in dem feuchten Dunst, der von den frischgepflügten Feldern
aufsteigt. Auf einer Seite leuchtet die Luft wie Purpur, auf der andern
sieht es aus, als wäre sie von Goldstaub erfüllt.
Drinnen unter den Bäumen ist es jedoch merkwürdig finster. Sie haben
sich erst ganz kürzlich belaubt, ich bin das grüne Dunkel noch nicht
gewohnt, das im Sommer unter ihnen zu herrschen pflegt. Ganz plötzlich,
gerade als ich aus dem Licht vor dem Hain wieder unter die Bäume trete,
kommen mir ein paar Reime auf die Lippen:
Wie dunkel ist es doch unter der Linde,
Wie ängstlich still wehen die Winde.
Was nun? Was war das? Ich stehe da und wage kaum zu atmen. Das sind ja
Reime. Das ist ja ein Vers. Kann ich Verse machen?
Ich bin fünfzehn Jahre, und ich habe alle Dichter gelesen, die wir zu
Hause haben: Tegnèr, Runeberg, Frau Lengren, Stagnelius, Vitalis,
Bellman, Wallin, Dahlgren. Aber nie zuvor ist es mir eingefallen, daß
ich Verse schreiben könnte. Verse machen, -- das ist ja etwas Hohes und
Heiliges. Seine Gedanken in Reim und Metrum niederschreiben zu können,
-- das ist eine Gabe, die nur den Auserwählten der Menschheit beschieden
ist.
Aber jetzt habe auch ich ein paar gereimte Zeilen zusammengestellt. Ich
wiederhole sie mir einmal ums andre. Ich spreche sie halblaut. Ich singe
sie leise. Aber ich versuche nicht, weitere Zeilen hinzuzufügen. Ich bin
viel zu erstaunt darüber, was mir widerfahren ist.
Stelle dir vor, daß du als armes Bettelkind aufgewachsen bist und ganz
plötzlich die Gewißheit erlangst, ein Königskind zu sein!
Stelle dir vor, daß du blind warst und plötzlich sehend wirst, daß du
bettelarm gewesen und auf einmal reich bist, daß du ausgestoßen und
freudlos warst und ganz unvermutet einer großen, warmen Liebe begegnest!
Stelle dir was du willst an großem unerwartetem Glück vor, und du wirst
dir doch kein größeres denken können, als das ich in diesem Augenblick
empfand.
Ich konnte reimen. Ich konnte Verse machen. Ich hatte dieselbe Gabe wie
Tegnèr, Runeberg, Wallin. Ich würde werden wie einer von ihnen.
Ich hatte ja schon lange daran gedacht, Romane und Theaterstücke zu
schreiben. Aber das ist lange nicht so merkwürdig wie Verse schreiben.
Das ist nur hübsch und vergnüglich; aber Verse, -- das ist das Hohe und
Edle. Das ist das Ruhmvolle und Anbetungswürdige. Das ist das
Allerwunderbarste.
Ich verschweige den Meinen die große Entdeckung. Aber ich gehe den
ganzen Tag wie im Taumel umher, höre garnichts, was man mir sagt,
sondern antworte ganz verkehrt.
Ich sehe uns noch alle an jenem Tag beim Abendbrot vor mir. Da sitzen
Vater und Mutter. Da sind meine Schwestern, die Tante, die Erzieherin.
Und da bin ich selbst, klein und blaß, mit langem Haar, ganz wie alle
andern Kinder. Vater führt wie gewöhnlich das Wort. Er scherzt mit der
Tante und der Erzieherin. Es geht fröhlich und munter her, aber das
Gespräch bewegt sich um die alleralltäglichsten Dinge. Was würden sie
sagen, die anderen, wenn sie eine Ahnung von den wilden Hoffnungen
hätten, die in meinem Kopfe stürmen!
Was mich beunruhigt, ist Tante Wennerviks Weissagung. Darin kam nichts
davon vor, daß ich etwas Großes und Merkwürdiges werden solle. Aber wer
Verse schreibt, der ist doch eine Größe, der ist fast noch mehr als ein
König. Ich bekomme Angst, daß ich mich geirrt haben könnte, daß ich doch
nicht die Göttergabe hätte.
Da wiederhole ich mir selbst den kleinen Reim, und wieder fühle ich mich
unendlich stolz, unendlich glücklich.
Als es endlich Nacht wird, will ich versuchen, was diese neue Gabe
vermag; und ich beginne ganz getrost, ein Poem zu verfassen. Ich liege
bis zum Morgen wach und binde und knüpfe Wort an Wort. Ich füge
Verszeile an Verszeile und habe bis zum Morgen eine Menge Strophen
fertig.
Aber das Gedicht ist nicht das Merkwürdige für mich. Das Merkwürdige
ist, daß ich die Gabe habe, zu reimen, daß ich zu den Auserwählten
gehöre.
In den nächsten Jahren schreibe ich zur Zeit und zur Unzeit, früh und
spät, Tag und Nacht Verse. Der größte Teil von diesen Dichtungen ist
vernichtet; und das wenige, was übrig blieb, ist recht schwach.
Von dieser ganzen Schriftstellerei gibt es nur ein kleines Stückchen, an
dem ich meine Freude habe, und das ich mir zuweilen selbst wiederhole,
wenn ich unter dem Dunkel der Bäume stehe und das Licht der Abendsonne
über Flur und Tal lodern sehe:
Wie dunkel ist es doch unter der Linde
Wie ängstlich still wehen die Winde.