Die Legende von der Christrose

Die Räubermutter, die in der Räuberhöhle oben im Göinger Walde hauste,

hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter

begeben. Der Räubervater selbst war ein friedloser Mann und durfte den

Wald nicht verlassen, sondern mußte sich damit begnügen, den

Wegfahrenden aufzulauern, die sich in den Wald wagten; doch zu der Zeit,

als der Räubervater und die Räubermutter sich in dem Göinger Wald

aufhielten, gab es im nördlichen Schoonen nicht allzuviel Reisende. Wenn

es sich also begab, daß der Räubervater ein paar Wochen lang Pech mit

seiner Jagd hatte, dann machte sich die Räubermutter auf die

Wanderschaft. Sie nahm ihre fünf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte

zerfetzte Fellkleider und Holzschuhe und trug auf dem Rücken einen Sack,

der gerade so lang war wie es selbst. Wenn die Räubermutter zu einer

Haustüre hereinkam, dann wagte niemand, ihr das zu verweigern, was sie

verlangte, denn sie bedachte sich keinen Augenblick, in der nächsten

Nacht zurückzukehren und das Haus anzuzünden, in dem man sie nicht

freundlich aufgenommen hatte. Die Räubermutter und ihre

Nachkommenschaft waren ärger als die Wolfsbrut, und gar mancher hatte

Lust, ihnen seinen guten Speer nachzuwerfen, aber dies geschah niemals;

denn man wußte, daß der Mann dort oben im Walde hauste und sich zu

rächen wissen würde, wenn den Kindern oder der Alten etwas zuleide

geschähe.

Wie nun die Räubermutter so von Hof zu Hof zog und bettelte, kam sie

eines schönen Tages nach Öved, das zu jener Zeit ein Kloster war. Sie

klingelte an der Klosterpforte und verlangte etwas zu essen, und der

Türhüter ließ ein kleines Schiebfensterchen herab und reichte ihr sechs

runde Brote, eines für sie und eines für jedes Kind.

Aber während die Räubermutter so still vor der Klosterpforte stand,

liefen ihre Kinder umher. Und nun kam eines von ihnen heran und zupfte

sie am Rocke, zum Zeichen, daß es etwas gefunden hätte, was sie sich

ansehen sollte, und die Räubermutter ging auch gleich mit ihm.

Das ganze Kloster war von einer hohen, starken Mauer umgeben, aber der

kleine Junge hatte es zustande gebracht, ein kleines Hintertürchen zu

finden, das angelehnt stand. Als die Räubermutter hinkam, stieß sie

sogleich das Pförtchen auf und trat, ohne erst viel zu fragen, ein, wie

es eben bei ihr der Brauch war.

Aber das Kloster Öved wurde zu jener Zeit von Abt Johannes regiert, der

ein gar pflanzenkundiger Mann war. Er hatte sich hinter der

Klostermauer einen kleinen Lustgarten angelegt, und in diesen drang nun

die Räubermutter ein.

Im ersten Augenblick war sie so erstaunt, daß sie regungslos stehen

blieb. Es war Hochsommerzeit, und der Garten des Abtes Johannes stand so

voll von Blumen, daß es einem blau, und rot und gelb vor den Augen

flimmerte, wenn man hineinsah. Aber bald zeigte sich ein vergnügtes

Lächeln auf dem Gesicht der Räubermutter, und sie begann einen schmalen

Gang hinunterzugehen, der zwischen vielen kleinen Blumenbeeten

durchlief.

Im Garten stand der Laienbruder, der Gärtnergehilfe war, und jätete das

Unkraut aus. Er war es, der die Tür in der Mauer halb offen gelassen

hatte, um Queckengras und Melde auf den Kehrichthaufen davor werfen zu

können. Als er die Räubermutter mit ihren fünf Bälgern hinter sich her

in den Lustgarten treten sah, stürzte er ihnen sogleich entgegen und

befahl ihnen, sich zu trollen. Aber die alte Bettlerin ging weiter, als

sei nichts geschehen. Sie ließ die Blicke hinauf und hinab wandern, sah

bald die starren weißen Lilien an, die sich auf einem Beet ausbreiteten,

und bald den Efeu, der die Klosterwand hoch emporkletterte, und

bekümmerte sich nicht im geringsten um den Laienbruder.

Der Laienbruder dachte, sie hätte ihn nicht verstanden. Da wollte er sie

am Arm nehmen, um sie nach dem Ausgang umzudrehen. Aber als die

Räubermutter seine Absicht merkte, warf sie ihm einen Blick zu, vor dem

er zurückprallte. Sie war unter ihrem Bettelsack mit gebeugtem Rücken

gegangen, aber jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Höhe auf. -- »Ich

bin die Räubermutter aus dem Göinger Wald,« sagte sie, »rühr mich nur

an, wenn du es wagst.« Und es sah aus, als ob sie nach diesen Worten

ebenso sicher wäre, in Frieden von dannen zu ziehen, als hätte sie

verkündet, daß sie die Königin von Dänemark sei.

Aber der Laienbruder wagte es dennoch, sie zu stören, obgleich er jetzt,

wo er wußte, wer sie war, recht sanftmütig zu ihr sprach. -- »Du mußt

wissen, Räubermutter,« sagte er, »daß dies ein Mönchskloster ist, und

daß es keiner Frau im Lande verstattet wird, hinter diese Mauer zu

kommen. Wenn du nun nicht deiner Wege gehst, dann werden die Mönche mir

zürnen, weil ich vergessen habe, das Tor zu schließen, und sie werden

mich vielleicht von Kloster und Garten verjagen.«

Doch solche Bitten waren an die Räubermutter verschwendet. Die ging

weiter durch die Rosenbeete und guckte sich den Ysop an, der mit

lilafarbnen Blüten bedeckt war, und das Kaprifolium, das voll rotgelber

Blumentrauben hing.

Da wußte sich der Laienbruder keinen andern Rat, als in das Kloster zu

laufen und um Hilfe zu rufen.

Er kam mit zwei handfesten Mönchen zurück, und die Räubermutter sah

sogleich, daß es nun Ernst wurde. Sie stellte sich breitbeinig in den

Weg und begann mit gellender Stimme herauszuschreien, welche furchtbare

Rache sie an dem Kloster nehmen würde, wenn sie nicht im Lustgarten

bleiben dürfte, solange sie wollte. Aber die Mönche meinten, daß sie sie

nicht zu fürchten brauchten, und sie dachten nur daran, sie zu

vertreiben. Da stieß die Räubermutter schrille Schreie aus, stürzte sich

auf sie und kratzte und biß, und ebenso machten es alle ihre Sprossen.

Die drei Männer merkten bald, daß sie ihnen überlegen war. Es blieb

ihnen nichts andres übrig, als in das Kloster zu gehen und Verstärkung

zu holen.

Wie sie über den Pfad liefen, der in das Kloster führte, begegneten sie

dem Abt Johannes, der herbeigeeilt war, um zu sehen, was für ein Lärm

das wäre, den man vom Lustgarten hörte. Da mußten sie gestehen, daß die

Räubermutter aus dem Göinger Walde in das Kloster gedrungen war; sie

hätten nicht vermocht, sie zu vertreiben, und wollten sich nun Entsatz

schaffen.

Aber Abt Johannes tadelte sie, daß sie Gewalt angewendet hätten, und

verbot ihnen, um Hilfe zu rufen. Er schickte die beiden Mönche zu ihrer

Arbeit zurück, und obgleich er ein alter, gebrechlicher Mann war, nahm

er nur den Laienbruder mit in den Garten.

Als Abt Johannes dort anlangte, ging die Räubermutter wie zuvor zwischen

den Beeten umher. Und er konnte sich nicht genug über sie wundern. Er

war ganz sicher, daß die Räubermutter nie zuvor in ihrem Leben einen

Lustgarten erblickt hätte. Aber wie dem auch sein mochte, -- sie ging

zwischen allen den kleinen Beeten umher, die jedes mit einer andern Art

fremder und seltsamer Blumen bepflanzt waren, und betrachtete sie, als

wären es alte Bekannte. Es sah aus, als hätte sie schon öfters Immergrün

und Salbei und Rosmarin gesehen. Einigen lächelte sie zu, und über andre

wieder schüttelte sie den Kopf.

Abt Johannes liebte seinen Garten mehr als alle andern Dinge, die

irdisch und vergänglich sind. So wild und grimmig die Räubermutter auch

aussah, so konnte er es doch nicht lassen, Gefallen daran zu finden, daß

sie mit drei Mönchen gekämpft hatte, um ihn in Ruhe zu betrachten. Er

ging auf sie zu und fragte sie freundlich, ob ihr der Garten gefalle.

Die Räubermutter wendete sich heftig gegen Abt Johannes, denn sie war

nur auf Hinterhalt und Überfall gefaßt, aber als sie seine weißen Haare

und seinen gebeugten Rücken sah, da antwortete sie ganz freundlich: »Als

ich ihn zuerst erblickte, da schien es mir, als ob ich nie etwas

Schöneres gesehen hätte, aber jetzt merke ich, daß er sich mit einem

andern nicht messen kann, den ich kenne.«

Abt Johannes hatte sicherlich eine andre Antwort erwartet. Als er hörte,

daß die Räubermutter einen Lustgarten kennte, der schöner wäre, als der

seine, bedeckten sich seine runzeligen Wangen mit einer schwachen Röte.

Der Gärtnergehilfe, der daneben stand, begann auch sogleich die

Räubermutter zurechtzuweisen.»Dies ist Abt Johannes, Räubermutter,«

sagte er, »der selber mit großem Fleiß und Mühe von fern und nah die

Blumen für seinen Garten gesammelt hat. Wir wissen alle, daß es im

ganzen schoonischen Land keinen reicheren Lustgarten gibt, und es steht

dir, die du das ganze liebe Jahr im wilden Walde hausest, wahrlich übel

an, sein Werk meistern zu wollen.«

»Ich will niemand meistern, weder ihn, noch dich,« sagte die

Räubermutter, »ich sage nur, wenn ihr den Lustgarten sehen könntet, an

den ich denke, dann würdet ihr jegliche Blume, die hier steht, ausraufen

und sie als Unkraut fortwerfen.«

Aber der Gärtnergehilfe war kaum weniger stolz auf die Blumen als Abt

Johannes selbst, und als er diese Worte hörte, begann er höhnisch zu

lachen. -- »Ich kann mir wohl denken, daß du nur so schwätzest,

Räubermutter, um uns zu reizen,« sagte er, »das wird mir ein schöner

Garten sein, den du dir unter Tannen und Wacholderbüschen im Göinger

Walde eingerichtet hast! Ich wollte meine Seele verschwören, daß du

überhaupt noch nie hinter einer Gartenmauer gewesen bist.«

Die Räubermutter wurde rot vor Ärger, daß man ihr also mißtraute, und

sie rief: »Es mag wohl sein, daß ich niemals vor heute hinter einer

Gartenmauer gestanden habe, aber ihr Mönche, die ihr heilige Männer

seid, solltet wohl wissen, daß der große Göinger Wald sich in jeder

Weihnachtsnacht in einen Lustgarten verwandelt, um die Geburtsstunde

unseres Herrn und Heilands zu feiern. Wir, die wir im Walde leben,

haben dies nun jedes Jahr geschehen sehen, und in diesem Lustgarten habe

ich so herrliche Blumen geschaut, daß ich es nicht wagte, die Hand zu

erheben, um sie zu brechen.«

Da lachte der Laienbruder noch lauter und stärker: »Es ist gar leicht

für dich, dazustehen und mit derlei zu prahlen, was kein Mensch sehen

kann. Aber ich kann nicht glauben, es könnte etwas andres als Lüge sein,

daß der Wald Christi Geburtsstunde an einer solchen Stelle feiern

sollte, wo so unheilige Leute wohnen, wie du und der Räubervater.« --

»Und das, was ich sage, ist doch ebenso wahr,« entgegnete die

Räubermutter, »wie daß du es nicht wagen würdest, in einer

Weihnachtsnacht in den Wald zu kommen, um es zu sehen.« Der Laienbruder

wollte ihr von neuem antworten, aber Abt Johannes bedeutete ihm durch

ein Zeichen, stillzuschweigen. Denn Abt Johannes hatte schon seit seiner

Kindheit erzählen hören, daß der Wald sich in der Weihnachtsnacht in ein

Feierkleid hülle. Er hatte sich oft danach gesehnt, es zu sehen, aber es

war ihm niemals gelungen. Nun begann er die Räubermutter gar eifrig zu

bitten und anzurufen, sie möge ihn um die Weihnachtszeit in die

Räuberhöhle kommen lassen. Wenn sie nur eins ihrer Kinder schickte, ihm

den Weg zu zeigen, dann wolle er allein hinaufreiten, und er würde sie

nie und nimmer verraten, sondern sie im Gegenteil so reich belohnen, wie

es nur in seiner Macht stünde.

Die Räubermutter weigerte sich zuerst, denn sie dachte an den

Räubervater und an die Gefahr, der sie ihn preisgab, wenn sie Abt

Johannes in ihre Höhle kommen ließe; aber dann wurde doch der Wunsch,

ihm zu zeigen, daß der Lustgarten, den sie kannte, schöner sei als der

seinige, in ihr übermächtig, und sie gab nach.

»Aber mehr als einen Begleiter darfst du nicht mitnehmen,« sagte sie.

»Und du darfst uns keinen Hinterhalt und keine Falle stellen, so gewiß

du ein heiliger Mann bist.«

Dies versprach Abt Johannes, und damit ging die Räubermutter. Aber Abt

Johannes befahl dem Laienbruder, niemand zu verraten, was nun vereinbart

worden war. Er fürchtete, daß seine Mönche, wenn sie von seinem Vorhaben

etwas erführen, einem alten Mann, wie er es war, nicht gestatten würden,

hinauf in die Räuberhöhle zu ziehen.

Auch er selbst wollte den Plan keiner Menschenseele verraten. Aber da

begab es sich, daß Erzbischof Absalon aus Lund gereist kam und eine

Nacht in Öved verbrachte. Als nun Abt Johannes ihm seinen Garten zeigte,

fiel ihm der Besuch der Räubermutter ein; und der Laienbruder, der dort

umherging und arbeitete, hörte, wie der Abt dem Bischof vom Räubervater

erzählte, der nun so viele Jahre vogelfrei im Walde gehaust hätte, und

um einen Freibrief für ihn bat, damit er wieder ein ehrliches Leben

unter andern Menschen führen könnte. -- »Wie es jetzt geht,« sagte Abt

Johannes, »wachsen seine Kinder zu ärgeren Missetätern heran, als er

selbst einer ist, und Ihr werdet es dort oben im Walde bald mit einer

ganzen Räuberbande zu tun bekommen.«

Doch Erzbischof Absalon erwiderte, daß er den bösen Räuber nicht auf die

ehrlichen Leute im Lande loslassen wolle. Es sei für alle am besten,

wenn er dort oben in seinem Walde bliebe.

Da wurde Abt Johannes eifrig und begann dem Bischof vom Göinger Wald zu

erzählen, der sich jedes Jahr rings um die Räuberhöhle in

Weihnachtsschmuck kleide. »Wenn diese Räuber nicht schlimmer sind, als

daß Gottes Herrlichkeit sich ihnen zeigen will,« sagte er, »so können

sie wohl auch nicht zu schlecht sein, um die Gnade der Menschen zu

erfahren.«

Aber der Erzbischof wußte Abt Johannes zu antworten. -- »Soviel kann ich

dir versprechen, Abt Johannes,« sagte er und lächelte, »an welchem Tage

immer du mir eine Blume aus dem Weihnachtsgarten im Göinger Walde

schickst, will ich dir einen Freibrief für alle Friedlosen geben, für

die du mich bitten magst.«

Der Laienbruder sah, daß Bischof Absalon ebensowenig wie er selbst an

die Geschichte der Räubermutter glaubte, aber Abt Johannes merkte nichts

davon, sondern dankte Absalon für sein gütiges Versprechen und sagte,

die Blume wollte er ihm schon schicken.

* * * * *

Abt Johannes setzte seinen Willen durch, und am nächsten Weihnachtsabend

saß er nicht daheim in Öved, sondern war auf dem Wege nach Göinge. Einer

der wilden Jungen der Räubermutter lief vor ihm her, und zum Geleit

hatte er den Knecht, der im Lustgarten mit der Räubermutter gesprochen

hatte.

Abt Johannes hatte sich den ganzen Herbst über schon sehr danach

gesehnt, diese Fahrt anzutreten, und freute sich nun sehr, daß sie

zustande gekommen war. Aber ganz anders stand es mit dem Laienbruder,

der ihm folgte. Er hatte Abt Johannes von Herzen lieb und würde es nicht

gern einem andern überlassen haben, ihn zu begleiten und über ihn zu

wachen, aber er glaubte keineswegs, daß sie einen Weihnachtsgarten zu

Gesicht bekommen würden, er dachte nichts andres, als daß das Ganze eine

Falle sei, die die Räubermutter mit großer Schlauheit Abt Johannes

gelegt hätte, damit er ihrem Mann in die Hände falle.

Während Abt Johannes nordwärts zur Waldgegend ritt, sah er, wie überall

Anstalten getroffen wurden, das Weihnachtsfest zu feiern. In jedem

Bauerndorf machte man Feuer in der Badehütte, damit sie zum

nachmittägigen Bade warm sei. Aus den Vorratskammern wurden große Mengen

von Fleisch und Brot in die Hütten getragen, und aus den Tennen kamen

die Burschen mit großen Strohgarben, die über den Boden gestreut werden

sollten.

Als er an dem kleinen Dorfkirchlein vorüberritt, sah er, wie der

Priester und seine Küster vollauf damit beschäftigt waren, sie mit den

besten Geweben zu behängen, die sie nur hatten auftreiben können; und

als er zu dem Wege kam, der nach dem Kloster Bosjö führte, sah er die

Armen des Klosters mit großen Brotlaiben und langen Kerzen daherwandern,

die sie an der Klosterpforte bekommen hatten.

Als Abt Johannes alle diese Weihnachtszurüstungen sah, da spornte er zur

Eile an. Denn er dachte daran, daß seiner ein größeres Fest harre, als

irgendeiner der anderen feiern sollte.

Doch der Knecht jammerte und klagte, als er sah, wie sie sich auch in

der kleinsten Hütte anschickten, das Weihnachtsfest zu feiern. Und er

wurde immer ängstlicher und bat und beschwor Abt Johannes, umzukehren

und sich nicht freiwillig in die Hände der Räuber zu geben.

Aber Abt Johannes ritt weiter, ohne sich um seine Klagen zu kümmern. Er

hatte bald das Flachland hinter sich und kam nun hinauf in die einsamen,

wilden Wälder. Hier wurde der Weg schlechter. Er war eigentlich nur noch

ein steiniger, nadelbestreuter Pfad, und nicht Brücke nicht Steg halfen

ihnen über Flüsse und Bäche. Je länger sie ritten, desto kälter wurde

es, und tief drinnen im Walde war der Boden mit Schnee bedeckt.

Es war ein langer und beschwerlicher Ritt. Sie schnitten auf steilen und

schlüpfrigen Seitenpfaden den Weg ab und zogen über Moor und Sumpf,

drangen durch Windbrüche und Dickicht. Gerade als der Tag zur Neige

ging, führte der Räuberjunge sie über eine Waldwiese, die von hohen

Bäumen umgeben war, von nackten Laubbäumen und von grünen Nadelbäumen.

Hinter der Wiese erhob sich eine Felswand, und in der Felswand sahen sie

eine Tür aus rohen Planken. Nun merkte Abt Johannes, daß sie am Ziel

waren, und er stieg vom Pferde. Das Kind öffnete ihm die schwere Tür,

und er sah in eine ärmliche Berggrotte mit nackten Steinwänden. Die

Räubermutter saß an einem Blockfeuer, das mitten auf dem Boden brannte,

an den Wänden standen Lagerstätten aus Tannenreisig und Moos, und auf

einer von ihnen lag der Räubervater und schlief. -- »Kommt herein, ihr

dort draußen!« rief die Räubermutter, ohne aufzustehen. »Und nehmt die

Pferde mit, damit sie nicht draußen in der Nachtkälte zugrunde gehen!«

Abt Johannes trat nun kühnlich in die Grotte, und der Laienbruder folgte

ihm. Da sah es gar ärmlich und dürftig aus, und nichts war geschehen, um

das Weihnachtsfest zu feiern. Die Räubermutter hatte weder gebraut, noch

gebacken, sie hatte weder gefegt, noch gescheuert. Ihre Kinder lagen auf

der Erde rings um einen Kessel, aus dem sie aßen; aber darin war nichts

besseres als dünne Wassergrütze.

Doch die Räubermutter war ebenso stolz und selbstbewußt wie nur

irgendeine wohlbestallte Bauersfrau. -- »Setze dich nun hier ans Feuer,

Abt Johannes, und wärme dich,« sagte sie, »und wenn du Wegzehrung

mitgebracht hast, so iß, denn was wir hier im Walde kochen, wird dir

wohl nicht munden. Und wenn du vom Ritt müde bist, kannst du dich auf

eine dieser Lagerstätten ausstrecken und ruhen. Du brauchst keine Angst

zu haben, daß du dich verschlafen könntest. Ich sitze hier am Feuer und

wache, und ich will dich schon wecken, damit du zu sehen bekommst,

wonach du ausgeritten bist.«

Abt Johannes gehorchte der Räubermutter in allen Stücken und nahm seinen

Schnappsack hervor. Aber er war nach dem Ritt so müde, daß er kaum zu

essen vermochte; und sowie er sich auf dem Lager ausgestreckt hatte,

schlummerte er ein.

Dem Laienbruder ward auch eine Ruhestatt angewiesen, aber er wagte

nicht, zu schlafen, weil er ein wachsames Auge auf den Räubervater haben

wollte, damit dieser nicht etwa aufstünde und Abt Johannes fesselte.

Allmählich jedoch erlangte die Müdigkeit auch über ihn solche Gewalt,

daß er einschlummerte. Als er erwachte, sah er, daß Abt Johannes sein

Lager verlassen hatte und jetzt am Feuer saß und mit der Räubermutter

Zwiesprach pflog. Der Räubervater saß daneben. Er war ein

hochaufgeschossener magerer Mann und sah schwerfällig und trübsinnig

aus. Er kehrte Abt Johannes den Rücken, und es sah aus, als wolle er

nicht zeigen, daß er dem Gespräch zuhörte.

Abt Johannes erzählte der Räubermutter von allen den

Weihnachtszurüstungen, die er unterwegs gesehen hatte, und er erinnerte

sie an die Weihnachtsfeste und die fröhlichen Weihnachtsspiele, die wohl

auch sie in ihrer Jugend mitgemacht hätte, als sie noch in Frieden

unter den Menschen lebte. -- »Es ist ein Jammer, daß eure Kinder nie

verkleidet auf der Dorfstraße umhertollen oder im Weihnachtsstroh

spielen dürfen,« sagte Abt Johannes. Die Räubermutter hatte ihm zuerst

kurz und barsch geantwortet, aber so allmählich wurde sie kleinlauter

und lauschte eifrig. Plötzlich wendete sich der Räubervater gegen Abt

Johannes und hielt ihm die geballte Faust vor das Gesicht. -- »Du

elender Mönch, bist du hierhergekommen, um Weib und Kinder von mir

fortzulocken? Weißt du nicht, daß ich ein friedloser Mann bin und diesen

Wald nicht verlassen darf?« Abt Johannes sah ihm unerschrocken gerade in

die Augen. -- »Mein Wille ist es, dir einen Freibrief vom Erzbischof zu

verschaffen,« sagte er. Kaum hatte er dies gesagt, als der Räubervater

und die Räubermutter ein schallendes Gelächter aufschlugen. Sie wußten

nur zu wohl, welche Gnade ein Waldräuber vom Bischof Absalon zu erwarten

hatte. -- »Ja, wenn ich einen Freibrief von Absalon bekomme,« sagte der

Räubervater, »dann gelobe ich dir, nie mehr auch nur soviel wie eine

Gans zu stehlen.«

Den Gärtnergehilfen verdroß es sehr, daß das Räuberpack sich vermaß, Abt

Johannes auszulachen; aber dieser selbst schien es ganz zufrieden zu

sein. Der Knecht hatte ihn kaum je friedvoller und milder unter seinen

Mönchen auf Öved sitzen sehen, als er ihn jetzt unter den wilden

Räuberleuten sah.

Aber plötzlich sprang die Räubermutter auf.

»Du sitzest hier und plauderst, Abt Johannes,« sagte sie, »und wir

vergessen ganz, nach dem Wald zu sehen. Jetzt höre ich bis in unsere

Höhle, wie die Weihnachtsglocken läuten.«

Kaum war dies gesagt, als alle aufsprangen und hinausliefen; aber im

Walde war noch dunkle Nacht und grimmiger Winter. Das einzige, was man

vernahm, war ferner Glockenklang, der von einem leisen Südwind

hergetragen wurde.

Wie soll dieser Glockenklang den toten Wald wecken können? dachte Abt

Johannes. Denn jetzt, wo er mitten im Waldesdunkel stand, schien es ihm

viel unmöglicher als früher, daß hier ein Lustgarten erstehen könnte.

Aber als die Glocke ein paar Augenblicke geläutet hatte, zuckte

plötzlich ein Lichtstrahl durch den Wald. Gleich darauf wurde es ebenso

dunkel wie zuvor, aber dann kam das Licht wieder. Es kämpfte sich wie

ein leuchtender Nebel zwischen den dunkeln Bäumen durch. Und soviel

vermochte es, daß die Dunkelheit in schwache Morgendämmerung überging.

Da sah Abt Johannes, wie der Schnee vom Boden verschwand, als hätte

jemand einen Teppich fortgezogen; und die Erde begann zu grünen. Das

Farrnkraut streckte seine Triebe hervor, eingerollt wie Bischofstäbe.

Die Erika, die auf der Steinhalde wuchs, und der Porsch, der im Moor

wurzelte, kleideten sich rasch in frisches Grün. Die Mooshügelchen

schwollen und hoben sich, und die Frühlingsblumen schossen mit

schwellenden Knospen auf, die schon einen Schimmer von Farbe hatten.

Abt Johannes klopfte das Herz heftig, als er die ersten Zeichen sah, daß

der Wald erwachen wollte. -- Soll nun ich alter Mann ein solches Wunder

schauen! dachte er. Und die Tränen wollten ihm in die Augen treten.

Nun wurde es wieder so dämmerig, daß er fürchtete, die nächtliche

Finsternis könnte aufs neue Macht erlangen. Aber sogleich kam eine neue

Lichtwelle hereingebrochen. Die brachte das Murmeln von Bächlein und das

Rauschen der eisbefreiten Bergströme mit. Da schlugen die Blätter der

Laubbäume so rasch aus, als wären grüne Schmetterlinge herangeflattert

und hätten sich auf den Zweigen niedergelassen. Und nicht nur die Bäume

und Pflanzen erwachten. Die Kreuzschnäbel begannen über die Zweige zu

hüpfen. Die Spechte hämmerten an die Stämme, daß die Holzsplitter nur so

flogen. Ein Zug Stare, der das Land hinanflog, ließ sich in einem

Tannenwipfel nieder, um zu ruhen. Es waren prächtige Stare. Die Spitze

jedes kleinen Federchens leuchtete glänzend rot, und wenn die Vögel sich

bewegten, glitzerten sie wie Edelsteine.

Wieder wurde es für ein Weilchen still, aber bald begann es von neuem.

Ein starker, warmer Südwind blies und säte über die Waldwiese alle die

Samen aus südlichen Ländern, die von Vögeln und Schiffen und Winden in

das Land gebracht worden waren und auf seinem kargen Boden nirgend

anders blühen konnten; und sie schlugen Wurzel und schossen Triebe in

demselben Augenblick, da sie den Boden berührten.

Als die nächste Welle kam, fingen Blaubeeren und Preißelbeeren zu blühen

an. Wildgänse und Kraniche riefen hoch oben in der Luft, die Buchfinken

bauten ihr Nest, und die Eichhörnchen begannen in den Baumzweigen zu

spielen.

Alles ging nun so rasch, daß Abt Johannes gar nicht Zeit hatte, zu

überlegen, welches Wunder gerade geschah. Er hatte nur Zeit, Augen und

Ohren weit aufzumachen. Die nächste Welle, die herangebraust kam,

brachte den Duft frischgepflügter Felder. Aus weiter Ferne hörte man,

wie die Hirtinnen die Kühe lockten, und wie die Glöckchen der Lämmer

klingelten. Tannen und Fichten bekleideten sich so dicht mit kleinen

roten Zapfen, daß die Bäume wie Seide leuchteten. Der Wacholder trug

Beeren, die jeden Augenblick die Farbe wechselten. Und die Waldblumen

bedeckten den Boden, daß er ganz weiß und blau und gelb war.

Abt Johannes beugte sich zur Erde und brach eine Erdbeerblüte. Und

während er sich aufrichtete, reifte die Beere. Die Füchsin kam aus ihrer

Höhle mit einer großen Schar von schwarzbeinigen Jungen hinter sich her.

Sie ging auf die Räubermutter zu und rieb sich an ihrem Rock, und die

Räubermutter beugte sich zu ihr hinunter und lobte ihre Jungen. Der Uhu,

der eben seine nächtige Jagd begonnen hatte, kehrte wieder nach Hause

zurück, ganz erstaunt über das Licht, suchte seine Schlucht auf und

legte sich schlafen. Der Kuckuck rief, und das Kuckucksweibchen

umkreiste mit einem Ei im Schnabel die Nester der Singvögel.

Die Kinder der Räubermutter stießen zwitschernde Freudenschreie aus. Sie

aßen sich an den Waldbeeren satt, die groß wie Tannenzapfen an den

Sträuchern hingen. Eines von ihnen spielte mit einer Schar junger Hasen,

ein andres lief mit den jungen Krähen um die Wette, die aus dem Nest

gehüpft waren, ehe sie noch flügge waren, das dritte hob die Natter vom

Boden und wickelte sie sich um Hals und Arm. Der Räubervater stand

draußen auf dem Moor und aß Brombeeren. Als er aufsah, ging ein großes

schwarzes Tier neben ihm einher. Da brach der Räubervater einen

Weidenzweig und schlug dem Bären auf die Schnauze. -- »Bleib du, wo du

hingehörst,« sagte er. »Das ist mein Platz.« Da machte der Bär kehrt und

trabte nach seiner Seite fort.

Immer wieder kamen neue Wellen von Wärme und Licht, und jetzt brachten

sie Entengeschnatter vom Waldmoor her. Gelber Blütenstaub von den

Feldern schwebte in der Luft. Schmetterlinge kamen, so groß, daß sie wie

fliegende Lilien aussahen. Das Nest der Bienen in einer hohlen Eiche war

schon so voll von Honig, daß er am Stamm hinuntertropfte. Jetzt begannen

auch die Blumen sich zu entfalten, deren Samen aus fremden Ländern

gekommen waren. Die Rosenbüsche kletterten um die Wette mit den

Brombeeren die Felswand hinan, und oben auf der Waldwiese sprossen

Blumen, so groß wie ein Menschengesicht. Abt Johannes dachte an die

Blume, die er für Bischof Absalon pflücken wollte, aber eine Blume wuchs

herrlicher heran als die andre, und er wollte die allerschönste wählen.

Welle um Welle kam, und jetzt war die Luft so von Licht durchtränkt, daß

sie glitzerte. Und alle Lust und aller Glanz und alles Glück des Sommers

lächelte rings um Abt Johannes. Es war ihm, als könnte die Erde keine

größere Freude bringen als die, die ihn über den plötzlichen Anbruch der

schönen Jahreszeit erfüllte, und er sagte zu sich selbst: »Jetzt weiß

ich nicht, was die nächste Welle, die kommt, noch an Herrlichkeit

bringen kann.«

Aber das Licht strömte noch immer zu, und jetzt däuchte es Abt Johannes,

daß es etwas aus einer unendlichen Ferne bringe. Er fühlte, wie

überirdische Luft ihn umwehte, und er begann zitternd zu erwarten, es

würde nun, nachdem die Freude der Erde gekommen war, des Himmels

Herrlichkeit anbrechen.

Abt Johannes merkte, wie alles still wurde: die Vögel verstummten, die

jungen Füchslein spielten nicht mehr, und die Blumen ließen ab, zu

wachsen. Die Seligkeit, die nahte, war von der Art, daß einem das Herz

stillstehen wollte; das Auge weinte, ohne daß es darum wußte, die Seele

sehnte sich, in die Ewigkeit hinüberzufliegen. Aus weiter, weiter Ferne

hörte man leise Harfentöne und überirdischen Gesang. Abt Johannes

faltete die Hände und sank in die Kniee. Sein Gesicht strahlte von

Seligkeit. Nie hatte er erwartet, daß es ihm beschieden sein würde,

schon in diesem Leben des Himmels Wonne zu kosten und die Engel

Weihnachtslieder singen zu hören.

Aber neben Abt Johannes stand der Gärtnergehilfe, der ihn begleitet

hatte. Er sah den Räuberwald voll Grün und Blumen, und er wurde zornig

in seinem Herzen, weil er sah, daß er einen solchen Lustgarten nie und

nimmer schaffen könnte, wie er sich auch mit Hacke und Spaten mühte. Und

er vermochte nicht zu begreifen, warum Gott solche Herrlichkeit an das

Räubergesindel verschwende, das seine Gebote mißachtete.

Gar dunkle Gedanken zogen durch seinen Kopf. »Das kann kein rechtes

Wunder sein,« dachte er, »das sich bösen Missetätern zeigt. Das kann

nicht von Gott stammen, das ist aus Zauberei entsprungen. Es ist von des

Teufels arger List hierher gesandt. Es ist die Macht des bösen Feindes,

die uns verhext und uns zwingt, das zu sehen, was nicht ist.«

In der Ferne hörte man Engelsharfen klingen, und Engelgesang ertönte,

aber der Laienbruder glaubte, daß es die böse Macht der Unholde sei, die

nahe. »Sie wollen uns locken und verführen,« seufzte er, »nie kommen wir

mit heiler Haut davon, wir werden betört und dem Abgrund verkauft.«

Jetzt waren die Engelscharen so nahe, daß Abt Johannes ihre

Lichtgestalten zwischen den Stämmen des Waldes schimmern sah. Und der

Laienbruder sah dasselbe wie er, aber er dachte nur, welche Arglist

darin läge, daß die bösen Geister ihre Künste gerade in der Nacht

betrieben, in der der Heiland geboren war. Dies geschah ja nur, um die

Christen um so sicherer ins Verderben zu stürzen.

Die ganze Zeit über hatten die Vögel Abt Johannes Haupt umschwärmt, und

er hatte sie zwischen seine Hände nehmen können. Aber vor dem

Laienbruder hatten sich die Tiere gefürchtet: kein Vogel hatte sich auf

seine Schulter gesetzt, und keine Schlange spielte zu seinen Füßen. Nun

war da eine kleine Waldtaube. Als sie merkte, daß die Engel nahe waren,

nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und flog dem Laienbruder auf die

Schulter und schmiegte das Köpfchen an seine Wange. Da vermeinte er, daß

der Zauber ihm nun völlig auf den Leib rücke, ihn in Versuchung zu

führen und zu verderben. Er schlug mit der Hand nach der Waldtaube und

rief mit lauter Stimme, so daß es durch den Wald hallte:

»Zeuch du zur Hölle, von wannen du kommen bist!«

Gerade da waren die Engel so nahe, daß Abt Johannes den Hauch ihrer

mächtigen Fittiche fühlte, und er hatte sich zur Erde geneigt, sie zu

grüßen. Aber als die Worte des Laienbruders ertönten, da verstummte

urplötzlich ihr Gesang, und die heiligen Gäste wendeten sich zur Flucht.

Und ebenso floh das Licht und die milde Wärme in unsäglichem Schreck vor

der Kälte und Finsternis in einem Menschenherzen. Die Dunkelheit sank

auf die Erde hinab wie eine Decke, die Kälte kam, die Pflanzen auf dem

Boden schrumpften zusammen, die Tiere enteilten, das Rauschen der

Wasserfälle verstummte, das Laub fiel von den Bäumen, prasselnd wie

Regen.

Abt Johannes fühlte, wie sein Herz, das eben vor Seligkeit gezittert

hatte, sich jetzt in unsäglichem Schmerz zusammenkrampfte. Niemals kann

ich dies überleben, dachte er, daß die Engel des Himmels mir so nahe

waren und vertrieben wurden, daß sie mir Weihnachtslieder singen wollten

und in die Flucht gejagt wurden.

In demselben Augenblick erinnerte er sich an die Blume, die er Bischof

Absalon versprochen hatte, und er beugte sich zur Erde und tastete unter

dem Moos und Laub, um noch im letzten Augenblick etwas zu finden. Aber

er fühlte, wie die Erde unter seinen Fingern gefror, und wie der weiße

Schnee über den Boden geglitten kam.

Da ward sein Herzeleid noch größer. Er konnte sich nicht erheben,

sondern mußte auf dem Boden liegen bleiben.

Aber als die Räubersleute und der Laienbruder sich in der tiefen

Dunkelheit zur Räuberhöhle zurückgetappt hatten, da vermißten sie Abt

Johannes. Sie nahmen glühende Scheite aus dem Feuer und zogen aus, ihn

zu suchen, und sie fanden ihn tot auf der Schneedecke liegen.

Und der Laienbruder hub an zu weinen und zu klagen, denn er erkannte,

daß er es war, der Abt Johannes getötet hatte, weil er ihm den

Freudenbecher entrissen, nach dem er gelechzt hatte.

* * * * *

Aber als Abt Johannes nach Öved hinuntergebracht worden war, sahen die,

die sich des Toten annahmen, daß er seine rechte Hand hart um etwas

geschlossen hielt, was er in seiner Todesstunde umklammert haben mußte.

Und als sie die Hand endlich öffnen konnten, fanden sie, daß, was er mit

solcher Stärke festhielt, ein paar weiße Wurzelknollen waren, die er aus

Moos und Laub hervorgerissen hatte. Und als der Laienbruder, der Abt

Johannes geleitet hatte, diese Wurzeln sah, nahm er sie und pflanzte sie

in des Abtes Garten in die Erde.

Er pflegte sie und wartete das ganze Jahr, daß eine Blume daraus

erblühe, doch er wartete vergebens den ganzen Frühling und Sommer und

Herbst. Als endlich der Winter anbrach und alle Blätter und Blumen tot

waren, hörte er auf zu warten. Als aber der Weihnachtsabend kam, da

überkam ihn die Erinnerung an Abt Johannes so mächtig, daß er in den

Lustgarten hinausging, seiner zu gedenken. Und siehe, wie er nun an der

Stelle vorbeikam, wo er die kahlen Wurzelknollen eingepflanzt hatte, da

sah er, daß üppige grüne Stengel daraus emporgesproßt waren, die schöne

Blumen mit silberweißen Blättern trugen.

Da rief er alle Mönche von Öved zusammen; und als sie sahen, daß diese

Pflanze am Weihnachtsabend blühte, wo alle andern Blumen tot waren, da

erkannten sie, daß sie wirklich von Abt Johannes aus dem

Weihnachtslustgarten im Göinger Wald gepflückt war.

Aber der Laienbruder sagte den Mönchen, da nun ein so großes Wunder

geschehen sei, sollten sie einige von den Blumen dem Bischof Absalon

schicken.

Als nun der Laienbruder vor Bischof Absalon hintrat, reichte er ihm die

Blumen und sagte: »Dies schickt dir Abt Johannes. Es sind die Blumen,

die er dir aus dem Weihnachtslustgarten im Göinger Walde zu pflücken

versprochen hat.«

Und als Bischof Absalon die Blumen sah, die in dunkler Winternacht der

Erde entsprossen waren, und als er die Worte hörte, wurde er so bleich,

als wäre er einem Toten begegnet. Eine Weile saß er schweigend da, dann

sagte er: »Abt Johannes hat sein Wort gut gehalten; so will auch ich das

meine halten.« Und er ließ einen Freibrief für den wilden Räuber

ausstellen, der von Jugend an friedlos im Walde gelebt hatte.

Er übergab dem Laienbruder den Brief, und dieser zog damit von dannen,

hinauf in den Wald und suchte den Weg zur Räuberhöhle. Als er am

Weihnachtstage dort eintrat, da eilte ihm der Räuber mit erhobner Axt

entgegen. -- »Ich will euch Mönche niederschlagen, so viele euer auch

sind!« rief er. »Sicherlich hat sich um euretwillen der Göinger Wald in

dieser Nacht nicht in sein Weihnachtskleid gehüllt.«

»Es ist einzig und allein meine Schuld,« sagte der Laienbruder, »und ich

will gerne dafür sterben. Aber zuerst muß ich dir eine Botschaft von Abt

Johannes bringen.« Und er zog den Brief des Bischofs heraus und

verkündete ihm, daß er nicht mehr vogelfrei sei, und zeigte ihm das

Siegel Absalons, das an dem Pergamente hing. -- »Fortab sollst du mit

deinen Kindern im Weihnachtsstroh spielen, und ihr sollt das Christfest

unter den Menschen feiern, wie es der Wunsch des Abtes Johannes war,«

sagte er.

Da blieb der Räubervater stumm und bleich stehen, aber die Räubermutter

sagte in seinem Namen: »Abt Johannes hat sein Wort getreulich gehalten,

so wird auch der Räubervater das seine halten.«

Doch als der Räubervater und die Räubermutter aus der Räuberhöhle

fortzogen, da zog der Laienbruder hinein und hauste dort einsam im Walde

unter unablässigem Gebet, daß sein hartes Herz ihm verziehen werde.

Und niemand darf ein strenges Wort über einen sagen, der bereut und sich

bekehrt hat, wohl aber kann man wünschen, daß seine bösen Worte ungesagt

geblieben wären, denn nie mehr hat der Göinger Wald die Geburtsstunde

des Heilands gefeiert, und von seiner ganzen Herrlichkeit lebt nur noch

die Pflanze, die Abt Johannes dereinst gepflückt hat. Man hat sie

Christrose genannt, und jedes Jahr läßt sie ihre weißen Blüten und ihre

grünen Stengel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprießen, als

könnte sie nie und nimmer vergessen, daß sie einmal in dem großen

Weihnachtslustgarten erwachsen ist.

Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen · 第 18 / 28 题