Es war am Neujahrsmorgen des Jahres 1900. Die Uhr zeigte fast die neunte
Stunde, aber im Kirchspiel Svartsjö in Wermland war es noch beinah ganz
dunkel. Die Sonne war noch nicht über die langgestreckten niedrigen
Waldfirste emporgestiegen.
Gerade als die Glocke schlug, öffnete sich die Tür zum Pfarrhofe, und
der Pfarrer trat heraus, um in die Kirche zu gehen. Doch als er die
Treppe hinuntergegangen war, blieb er stehen, um auf jemand zu warten.
Er war ein junger und eifriger Mann; er stand da und stampfte den Schnee
wie ein ungeduldiges Pferd.
Endlich zeigte sich seine Frau in der Tür. Sie war erstaunt, daß er sich
die Zeit genommen hatte, auf sie zu warten. »Das ist schön, daß du
gewartet hast,« sagte sie. -- »Nein,« antwortete der Mann und lächelte,
»das ist nicht schön. Ich möchte mit dir über etwas sprechen.«
Die Glocken der Svartsjöer Kirchen begannen zu läuten, als er dies
sagte. Er trat näher an die Frau heran und fragte sie, ob sie höre, daß
gerade jetzt die Glocken in Löfwik am andern Ufer des Sees und dort
oben in Bro auch läuteten?
»Es ist etwas Schönes um allen diesen Glockenklang,« sagte der Pfarrer.
-- »Ja,« sagte sie, »ja, so ist es.« -- »Hast du daran gedacht, daß sie
heute Nacht in jeder Kirche in ganz Wermland das neue Jahr eingeläutet
haben? Die großen Erzschlünde haben es in die dunkle Winternacht
hinausgerufen, von den kleinen Kapellchen in Finmarken gerade so wie vom
Domkirchenturm in Karlstad.« -- »Ja,« sagte sie, »daran hab ich auch
gedacht.«
»Aber nicht nur in Wermland ...« sagte der Pfarrer. »In ganz Schweden
sind heute Nacht die Kirchenglocken erklungen, ja, auf einem großen Teil
der Erde.« -- »Ja, das wird schon so sein,« sagte die Pastorin und wußte
nicht recht, worauf der Mann hinauswolle.
»Das neue Jahr, das heute Nacht geboren wurde, hat noch kaum etwas
andres erlebt als dies Glockengeläute,« fuhr der Pfarrer fort. »Zuerst
lag es ein wenig schlaftrunken und verschüchtert oben in den Wolken und
wiegte sich und konnte in der tiefen Finsternis gar nicht sehen, woher
es gekommen wäre. Da begegnete ihm der Glockenklang, der zu ihm
hinaufdrang: stark und volltönig aus den großen Städten, wo die Kirchen
einander nahestehen, schwächer und gleichsam rührend eintönig aus den
kleinen verstreuten Dorfkirchlein. Ich lag heute morgen da und dachte
daran, seit wir von dem Mitternachtsgottesdienste heimkamen. Als wir
nach der Kirche heimgingen, da hast du etwas gesagt, was mich nicht
schlafen ließ.«
Die Frau wußte sofort, was er meinte. Auf dem Heimwege hatten sie von
der alten versperrten und versiegelten Truhe gesprochen, die Magister
Eberhard Berggren vor achtzig Jahren in die Svartsjöer Kirche gestellt
hatte, mit der Vorschrift, daß sie nicht vor dem Neujahrstag des Jahres
neunzehnhundert eröffnet werden dürfe. Die Frau hatte gesagt, sie finde
es unrecht, daß sie jetzt hervorgenommen und geöffnet werden solle.
Jedermann wußte ja, daß die Truhe nichts andres enthielt als Schriften
des Unglaubens und der Gottesleugnung.
Doch der Pfarrer hatte gemeint, wenn das Kirchspiel einmal die Truhe in
seine Obhut genommen und versprochen hätte, Magister Eberhards Willen zu
erfüllen, so könnte man nicht umhin, sie zu eröffnen. Niemand wüßte ja
auch so recht, was eigentlich darin wäre.
»Ich habe gehört, daß der alte Eberhard ein Gottesleugner war,« hatte
die Frau geantwortet. -- Ja, das hatte der Pastor auch gehört. -- »Wär
ich du,« beharrte die Pastorin auf ihrer Meinung, »ich würde erwirken,
daß die Gemeinde beschlösse, die Truhe stehen zu lassen, wie sie steht.«
-- »Nein, aber Frau,« fiel da der Pfarrer ein, »willst du mich
vielleicht glauben machen, daß dieser alte Ekebykavalier imstande sein
könnte, auch nur einen einzigen Menschen in seinem Gottesglauben zu
erschüttern?«
Das hatte die Pastorin zugegeben. Sie glaubte nicht, daß die Schriften
gefährlich seien, aber sie meinte, es sei häßlich, daß sie durch einen
christlichen Geistlichen und seine Gemeinde ans Licht gezogen werden
sollten. Es läge etwas Anstößiges darin. Er könnte seinen Pfarrkindern
doch wenigstens vorschlagen, die Truhe uneröffnet zu lassen.
»Aber es ist eines toten Mannes Wille,« hatte der Pfarrer geantwortet;
und als die Frau sah, daß sie sich nicht einigen konnten, hatte sie
geschwiegen.
Als ihr nun der Mann sagte, daß ihre Worte ihn so früh am Morgen geweckt
hätten, da wurde sie sehr froh und fragte sogleich, ob er zu ihrer
Meinung übergegangen sei.
»Das wird davon abhängen, was ich dich jetzt fragen will.« -- »Ja, ich
werde dir gewiß nicht meine Zustimmung geben, diese Truhe zu öffnen.« --
Der Pfarrer lachte. -- »Dessen sollst du nicht so gewiß sein,« sagte er.
»Ich erwachte sehr früh,« fuhr der Pfarrer fort, »und rieb sogleich ein
Zündhölzchen an. Die Glocke schlug drei, und das erste, was ich dachte,
war, daß heute Nacht das neunzehnte Jahrhundert zu Ende gegangen ist,
und daß wir jetzt neunzehnhundert schreiben. Und dabei mußte ich an den
Glockenschlag denken, der die Nacht erfüllte, und an das neugeborne
Jahr, das da lag und lauschte. Wie ich so im Halbschlummer lag, sah ich
deutlich vor mir, daß das alte Jahr irgendwo im fernen Osten auf einem
Scheiterhaufen verbrannt worden war, und das neue Jahr war aus der
Asche hervorgekrochen und hatte die Flügel ausgebreitet und war
ausgezogen, die Welt in Besitz zu nehmen. Jetzt wiegt es sich wohl in
dem Glockenklange der Klöster und Kirchen Palästinas, dachte ich. Es
braucht die Flügel gar nicht zu bewegen, dachte ich weiter. Es hält sie
nur ausgespannt, und dann kommen die Tonwellen und ergreifen es und
wiegen es von einem Land zum andern. Ja, es liegt nur da und wiegt und
schaukelt sich. In der Dunkelheit weiß es gar nicht, wohin es kommt.
Alles, was es vernimmt, ist Glockenklang, und vielleicht noch
Kirchengesang, Orgelton und die Schritte derer, die zur Christmette
wandern.
»Das neue Jahr wird fühlen, daß es über heiliger Erde schwebt,« dachte
ich. Und ich fühlte mich ganz gerührt, wie ich da lag. Jetzt ist es über
die Sankt Peterskirche in Rom gewiegt worden, und dann ist es über die
Alpen nach Deutschland hinaufgeflattert. Später am Tage wird es bis zu
uns heraufschweben.
»Aber während ich so sann, wurde mir ganz weich zumute, und da kamen
deine Worte mir wieder in den Sinn. Wenn also das neue Jahr über
Wermland und Svartsjö geschwebt käme, dann sollte es hier einen Priester
und seine Gemeinde sehen, die eine Truhe mit Schriften des Unglaubens
öffneten. Und es schien mir sehr traurig, daß es so etwas schauen
sollte, nach allem dem Schönen, das es bisher erlebt hat. In Rom bei den
Katholiken hatte es den Papst die heilige Pforte öffnen und das Jubeltor
einweihen sehen, und hier oben im Norden sollte es uns den Riegel
eröffnen sehen, der Zweifel und Gottesleugnung einschloß. Das neue Jahr
wird eine zu schlechte Meinung von uns bekommen,« sagte ich. »Es geht
einfach nicht an, diese Truhe zu öffnen.«
»Siehst du wohl! Ich wußte, daß du zu meiner Partei übergehen würdest,«
sagte die Pastorin.
»Es hat nicht viel daran gefehlt,« sagte der Pfarrer; »aber gleich
darauf stand es mir wieder vor Augen, wie unmöglich es sei, gegen eines
toten Mannes Willen zu handeln. Ja, es war unmöglich, -- das eine wie
das andre: die Truhe zu öffnen wie sie geschlossen zu lassen. Und ich
begann mich zu fragen, ob es denn keinen Ausweg gäbe. Wenn man eine
Sache nur lange genug überdenkt, pflegt man schließlich doch
herauszufinden, was das Rechte ist. Ich lag da und grübelte stundenlang.
Ich dachte alles durch, was ich vom Magister Eberhard Berggren wußte, um
Klarheit darüber zu gewinnen, was er in diese Truhe gelegt haben
mochte.«
»Hast du es also herausgebracht?«
»Ich glaube wohl, daß ich es herausgebracht habe, aber ich will auch
deine Meinung hören.«
»Die kennst du schon,« sagte die Frau eigensinnig.
»Das sollst du nicht so bestimmt sagen,« meinte der Pfarrer. »Du
solltest zuerst versuchen, dich in die Sache hineinzudenken. Du solltest
versuchen, dich in Magister Eberhards Gedanken zu versetzen. Das hab ich
heute morgen getan. Wenn du nun ein alter Mann wärst, sagte ich zu mir
selbst, wenn du Magister Eberhard Berggren wärst, ein alter gelehrter
Mann, der nicht an Gott glaubte! Ich versuchte mir einzubilden, daß ich
mein ganzes Leben am Schreibtisch verbracht hätte, ohne Unterlaß denkend
und schreibend. Ich dachte mir, ich hätte Jahr für Jahr in einer Ecke
des Kavalierflügels auf Ekeby gesessen, mit Büchern und Papieren rings
um mich, -- und Leben und Scherz, Sang und Spiel wären durch die Räume
erbraust, aber ich hätte ganz still und stumm hinter einer Mauer von
Büchern gesessen und gearbeitet.
»Und dann dachte ich mir weiter, daß ich nach vielen, unendlich vielen
und langen Jahren endlich mit meiner Arbeit fertig geworden wäre. Und
ich hätte ihr alle meine Lebenskräfte geopfert. Ich wäre alt und müde
geworden, und in letzter Zeit hätte ich auch angefangen zu kränkeln. Ich
hätte zuweilen brennende Schmerzen in der rechten Seit gespürt, in der
Gegend der Leber, obgleich ich mir gar nicht die Zeit genommen hätte,
mich darum zu bekümmern. Ja, ich hätte wohl gar nicht daran gedacht, was
das Werk mich gekostet hätte: ich wäre nur glücklich gewesen, es
vollendet zu haben.
»Ich wäre auch natürlich ganz überzeugt gewesen, daß alles ganz
vollkommen sei, daß nichts fehle. Allen andern Philosophen hätte man
irgendeine Lücke im Gedankengang nachgewiesen, aber so etwas könnte mir
nicht passieren. Ich hätte meine eigne Philosophie gefunden, und die sei
ganz ohne Makel. Sie sei sicher und fest vom Grunde bis zur Turmspitze.
»Ja, ich versuchte mich noch weiter in die Sache hineinzudenken,« fuhr
der Pfarrer fort. »Wenn ich nun mein Buch fertig hätte, was würde ich
damit anfangen? Es wäre ja das allereinfachste, es gleich in die
Druckerei zu schicken. Aber wenn ich solch ein alter Mann wäre, würde
ich mir die Sache sicherlich überlegen. Ich würde sie mir deshalb
überlegen, weil ich sehr wohl wüßte: sobald meine Philosophie bekannt
würde, könnte niemand ihr widerstehen. Alle Menschen würden dann auf
einmal aufhören, an Gott zu glauben; und die Hoffnung auf ein ewiges
Leben würden sie gleichfalls verlieren. Und ich müßte mir doch sagen,
daß eine ganze Menge von jenen, die ich gekannt und geliebt, dies als
ein großes Unglück empfinden würde. Die Menschen sind schwach, würde ich
mir selbst sagen, sie können die Wahrheit nicht ertragen. Und so
allmählich würde ich dahin kommen, daß ich den Entschluß faßte, mein
Buch zu verwahren und es erst einige Zeit nach meinem Tode an den Tag
kommen zu lassen. Wenn ich es bis zum Jahre neunzehnhundert verwahrte,
dann müßte wohl ein neues Geschlecht herangewachsen sein, das das Licht
der Wahrheit besser ertragen könnte. Ich glaube, es wäre gar nicht
unmöglich, daß ich einen solchen Entschluß fassen würde, wenn ich solch
ein alter Mann wäre,« sagte der Pfarrer und sah seine Frau an, ihrer
Zustimmung gewiß.
»Ach nein,« antwortete sie, »so ganz unmöglich wäre das wohl nicht.«
»Wie ich so in der Dunkelheit dalag, glaubte ich sein Leben ganz zu
durchleben,« fuhr der Pfarrer fort. »Wo sollte ich nun fürs erste das
Manuskript hinterlegen? In einem der Herrenhöfe könnte ich es nicht
aufbewahren. Die sind alle aus Holz; früher oder später könnten sie
verbrennen, und dann wäre meine Arbeit verloren. Und wenn ich es in
einen Keller legte, dann würde die Feuchtigkeit es ebenso sicher
zerstören, wie es nur je das Feuer vermöchte.
»Nein, der einzige sichere Aufbewahrungsort, den ich mir denken könnte,
wäre wohl eine der Kirchen in Bro oder Svartsjö, die aus Stein erbaut
sind. Nun muß ich sagen: wenn ich ein solcher alter Heide wäre, dann
würde ich wohl eine gewisse Abneigung dagegen empfinden, meine Arbeit in
einer Kirche aufzubewahren. Aber ich würde mich schon bald mit dem
Gedanken trösten: wenn ich so sicher weiß, daß es keinen Gott gibt, kann
ich meine Arbeit schließlich ebenso gut in eine Kirche legen wie in
irgendein andres Gebäude.
»Ja, den Tag, an dem ich alles fertig hätte, so daß ich meine große
Dokumententruhe in den Schlitten legen und mit ihr nach Svartsjö fahren
könnte, würde ich sicherlich als einen großen Festtag ansehen. Denn ich
glaube, wenn ich ein so alter umsichtiger Mann wäre, würde ich meine
Truhe lieber in Svartsjö verwahren als in Bro, weil der Vikar in
Svartsjö ein viel nachgiebigerer Mann war als der Propst in Bro. Ja,
wahrhaftig, -- wäre ich nicht vergnügt an diesem Wintertage, wenn ich
bei guter Schlittenbahn mit einem flinken Pferde von Ekeby fortführe?
Wenn ich auch in den letzten Tagen jene innerlichen Schmerzen gespürt
hätte, so wüßte ich doch ganz genau, daß sie an einem Tage wie diesem
ganz wie fortgeblasen wären. Ich würde nur dasitzen und denken, welche
Wirkung es haben müßte, wenn mein Buch einmal in die Welt hinauszöge,
und wie berühmt mein Name da auf einmal sein würde. Das ganze Jahr
neunzehnhundert würden die Menschen von niemand anders sprechen als von
Eberhard Berggren.
»Aber obgleich ich so stolze Gedanken hätte, während ich so über die
Straße kutschierte, würde ich doch einen Wandrer bemerken, der mit dem
Ränzel auf dem Rücken und einem großen Bügeleisen in der Hand am
Wegesrand ginge. Und ich würde zu mir selbst sagen: Sieh da! Da geht der
alte lustige Schneider Lilje! Der arme Teufel muß das Ränzel und das
Bügeleisen schleppen. Ich will ihn doch fragen, ob er nicht ein Stück in
meinem Schlitten fahren will.
»Und nun stelle ich mir dies vor: wenn Schneider Lilje das Bügeleisen
und das Ränzel in den Schlitten gelegt und sich selbst auf die Kufen
gestellt hätte, würden er und ich bald ins Gespräch kommen.
Schneider Lilje würde fragen, wohin ich denn mit der schönen Truhe
wolle, und ich würde es nicht lassen können, ihm zu erzählen, was darin
sei. >Sieht er, Lilje,< würde ich wohl sagen, >diese Truhe enthält das
große Buch, das ich geschrieben habe, und jetzt fahre ich damit zur
Svartsjöer Kirche und verwahre es dort. Wir wollen die Truhe versperren
und versiegeln, der Pfarrer und ich; und niemand darf sie vor dem Jahre
neunzehnhundert öffnen.<
»Aber nun würde es mir auffallen, daß Lilje die ganze Zeit still bliebe,
und er pflegte doch sonst keine Minute lang schweigen zu können, und
dies würde mich so verwundern, daß ich schließlich fragen müßte: >Was
ist denn in ihn gefahren, Lilje, woran denkt er denn?< Und siehst du,
Frau, wenn Lilje dann antwortete, daß er sich überlege, ob er mich um
etwas bitten dürfte, dann würde ich ihm gleich die Erlaubnis geben, frei
von der Leber weg zu sprechen.
»Wahrscheinlich hätte ich in diesem Augenblicke nicht sehr auf Liljes
Geschichte aufgepaßt, aber später würde ich mich doch an jedes Wort
davon erinnern können. Ich würde mich erinnern, daß Lilje sagte, er habe
vor ein paar Tagen einen Landstreicher getroffen, der sterbend am
Wegesrande lag. Dieser Mann habe Lilje gebeten, ein kleines Päckchen,
das er ihm reichte, in Verwahrung zu nehmen. Er habe ihm aufgetragen, es
irgendwo aufzuheben, wo niemand es finden könnte. Er dürfte es nicht
vernichten. Und wenn er so alt würde, daß alle, die jetzt lebten, tot
wären, dann dürfte er es öffnen, sonst sollte er es einem andern zur
Aufbewahrung anvertrauen. Und Lilje habe es nicht übers Herz gebracht,
einem Sterbenden seine letzte Bitte abzuschlagen, und habe das Päckchen
entgegengenommen.
»Nun, wenn mir Lilje all dies erzählt hätte, dann würde ich natürlich
gesagt haben: >Es ist schon gut, Lilje, ich versteh, wo er hinaus will.
Er darf das Päckchen hier in meine Truhe legen.<
»Und ich hätte das Pferd angehalten und die Truhe geöffnet, und wir
hätten Liljes Päckchen hineingetan. Ich hätte der Sache so wenig Gewicht
beigelegt, daß ich es kaum angeschaut hätte. Aber nachher würde ich es
wohl oft vor Augen gesehn haben. Es war ein blaues Kuvert ohne Adresse,
ohne ein geschriebnes Wort. Es sah aus, als enthielte es Papiere, aber
sonst konnte man in keiner Weise erraten, was für Geheimnisse es bergen
mochte.
»Ja,« sagte der Pfarrer, »heute morgen versetzte ich mich in die ganze
Sache hinein und fand es ganz natürlich, daß alles so zugegangen wäre,
und stellte mir auch vor, daß ich, nachdem Lilje bei einem Kreuzweg aus
dem Schlitten gestiegen wäre, wohl gar nicht weiter an ihn gedacht,
sondern nur in Gedanken mein Buch noch ein letztes Mal durchgegangen und
gefunden hätte, daß alles darin makellos und vollendet sei, und daß kein
Wort geändert zu werden brauche.«
»Ja, wenn ich in Eberhard Berggrens Haut gesteckt hätte, wäre ich auch
nach der Ankunft in Svartsjö und während die Truhe versperrt und
versiegelt wurde, in derselben fröhlichen Laune gewesen. Aber wenn mir
dann der Pfarrer in Svartsjö gesagt hätte, dies könne ja jederzeit
wieder rückgängig gemacht werden, falls es mich reuen sollte, dann hätte
ich vielleicht etwas heftig geantwortet, weil es mich geärgert hätte,
daß er glaubte, ich hätte mir nicht genau überlegt, was ich tat. >Nein,
Bruder, hier kann keine Reue in Frage kommen,< hätte ich wohl
geantwortet. >Aber eines verspreche ich dir, Bruder: wenn dein Gott mich
zwingen kann, diese Truhe zu öffnen, dann will ich alles vernichten, was
ich gegen ihn geschrieben habe.<
»Und wenn dann der Pfarrer in Svartsjö mich ermahnt hätte, Ihn nicht
herauszufordern, der stärker sei als ich, dann hätte ich erwidert, daß
ich nur jemand herausforderte, der bloß in der Einbildung der Menschen
existierte.
»Glaubst du nicht, daß ich ganz so geantwortet hätte, wenn ich der
Magister Eberhard gewesen wäre?« fragte der Pfarrer und sah die Frau
noch einmal Zustimmung heischend an.
»Ach ja,« antwortete die Frau und nickte, »das glaube ich schon. Du bist
ja schon völlig so wie der alte Eberhard.«
»Ja, darum handelt es sich eben,« sagte der Pfarrer. »Man muß ganz eins
mit dem Manne sein, den man beurteilen soll. Sonst kann man nicht zur
Klarheit kommen.«
»Und glaubst du nun nicht,« fuhr er fort, »glaubst du, die du mich
kennst, nicht, daß ich mich, wenn ich Eberhard Berggren gewesen wäre, in
demselben Augenblick, wo ich mich in den Schlitten setzte, um nach Ekeby
zurückzufahren, -- daß ich mich da nicht tief unglücklich gefühlt hätte?
Glaubst du nicht, daß ich eine ganz furchtbare Sehnsucht nach meiner
Arbeit empfunden hätte? Obgleich ich mir ja sagen müßte, daß es ein
Glück sei, fertig zu sein, wäre ich doch furchtbar niedergeschlagen
gewesen. Und glaubst du nicht, daß plötzlich das Alter über mich
gekommen wäre, und daß die Krankheit, die ich bis dahin durch meinen
Willen hatte unterjochen können, mir jetzt so arg zugesetzt hätte, daß
ich mich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, bis ich zu Hause anlangte.
Nicht wahr, glaubst du nicht auch, daß es so gekommen wäre?«
»Ich kann nicht recht wissen, was ich glauben soll,« sagte die Frau,
»aber ich denke schon, daß deine Arbeit dir gefehlt hätte.«
»Ja,« sagte der Pfarrer, »dies alles stellte ich mir heute morgen so
vor. Ich wußte, daß ich nicht nur mein Buch vermissen, sondern daß ich
auch furchtbar krank werden würde. Das Übel würde mit so furchtbarer
Kraft über mich hereinbrechen, weil solch ein alter Mann, wie ich es
wäre, jetzt gar nichts mehr hätte, womit er es zurückdrängen könnte,
nichts, wofür er leben müßte, und so bliebe mir nichts anderes übrig,
als mich hinzulegen und auf den Tod zu warten.
»Du wirst wissen, daß es damals hier im Ort keinen Arzt gab; aber
irgendeine weise Frau wäre wohl gerufen worden, und sie hätte die
Krankheit erkannt und gesagt, es sei Krebs. Und merkwürdigerweise wäre
dies fast als ein Glück angesehen worden; denn damals glaubte man gar
nicht, daß diese Krankheit unbedingt zum Tode führen müsse. Es gab
nämlich eine alte Familie -- Amnérus hieß sie wohl --, und die besaß ein
Rezept, das den Krebs heilen konnte. Es wurde als ein großer Schatz
betrachtet, streng geheim gehalten und vererbte sich wie ein Majorat in
der Familie.
»Und nun kannst du dir wohl denken: Frau, wenn ich ein alter kranker
Mann wäre, würde ich den ersten Tag benützen, an dem mir so wohl wäre,
daß ich in einem Schlitten sitzen könnte, um zu diesen Leuten mit Namen
Amnérus zu fahren, die das Rezept besäßen und Heilung für die
furchtbaren Qualen hätten.
»Nun denke ich mir also, siehst du, Frau, daß ich bei der Familie
Amnérus angefahren käme. Sie wohnten tief drinnen im Walde. Es gab keine
Felder, keinen Garten, sondern der Wald stand bis dicht ans Haus heran.
Und die Menschen dort waren klein und lichtscheu und trugen
altväterische Kleider und hatten dünne, piepsende Stimmen.
»Ich denke, es würde mir sogleich auffallen, wie erschrocken sie
aussähen, da sie mich erblickten. Ich würde zuerst gar nicht begreifen,
warum sie davonlaufen zu wollen schienen, wenn ich mein Anliegen
vorbrächte. Aber bald würde die Reihe, Angst zu haben, an mir sein. Denn
ich würde erfahren, daß der Grund ihres Schreckens der sei, daß sie das
Rezept nicht mehr hätten. Ja, was glaubst du, Frau, würde wohl ein armer
Kranker fühlen, wenn er hörte, daß dieses Rezept ihnen von einem Knecht
gestohlen sei, der in ihrem Dienst gestanden hätte, und sich aus
irgendeinem Grunde an ihnen rächen wollte? Was würde ein Todkranker,
der Linderung und Besserung erwartet hätte, denken, wenn sie die
Geheimlade des Sekretärs herauszögen, wo sie das Rezept zu verwahren
pflegten, und ihm zeigten, daß sie leer sei. Ja, sie sei leer; sie
hätten keine Macht mehr über die Krankheit.
»Natürlich würde der Kranke sie fragen, ob sie denn die Mischung nicht
so gut kennten, daß sie sie ohne Rezept zu bereiten vermöchten. Aber das
wäre nicht der Fall. Niemand von ihnen kennte das Heilmittel; denn die
Sache wäre so strenge geheimgehalten worden, daß immer nur eine Person
sich hätte damit befassen dürfen. Und die unter den Schwestern, die die
Bereitung des Heilmittels gekannt hätte, wäre an dem Tage, bevor es
gestohlen worden, gestorben. Der Dieb hätte sich gerade diesen Zeitpunkt
ausgewählt, sonst hätte er ja keinen Schaden gestiftet. Aber wo der Dieb
sich jetzt befände, das wüßten sie nicht. Es wäre ein versoffener wilder
Geselle gewesen, vielleicht wäre er schon bei irgendeiner Schlägerei ums
Leben gekommen. Nur eines wüßten sie sicher, daß er das Rezept genommen
hätte. Denn ehe er fortgegangen wäre, hätte er den Mägden ein blaues
Kuvert gezeigt und sich gerühmt, daß die Herrschaft ihn noch vermissen
würde.
»Und nun weiß ich ganz gewiß: wenn ich solch ein kranker Mann gewesen
wäre, ich würde, wenn ich dies von dem blauen Kuvert gehört hätte, kein
Wort weiter gefragt haben, sondern wäre aus dem Zimmer gegangen, hätte
mich in den Wagen gesetzt und wäre davongefahren.
»Ja, nur davongefahren, Frau, um allein zu sein und die Sache mit mir
selbst durchzudenken. Dieses blaue Kuvert, dieses blaue Kuvert, ich
würde natürlich sogleich wissen, wo es wäre. Und ich hätte doch erst
einige wenige Tage zuvor gesagt: >Wenn dein Gott mich zwingen kann,
diese Truhe zu öffnen, dann -- --< Nein, nein, es wäre nicht zugänglich,
dieses Rezept, ohne daß meine ganze Lebensarbeit vernichtet würde. Aber
in dieser Arbeit lebte Eberhard Berggren in Jugend und Klarheit; was
sonst auf Erden von ihm übrig wäre, das sei nur ein abgelebter Greis. In
früheren Tagen hätte Eberhard Berggren seine Arbeit höher geschätzt als
Freude und Lust und Liebe. Und dann würde ich wohl die Fäuste ballen und
denken -- --«
Der Pfarrer trat dicht an seine Frau heran. »Du, die du mich kennst, --
was, glaubst du, hätte ich beschlossen, wenn ich solch ein alter Mann
wäre? Bedenke, daß ich felsenfest glauben würde, daß mein Buch das beste
und weiseste Buch sei, das je geschrieben wurde, und bedenke, daß ich
glauben würde, daß das Rezept mich unfehlbar gesund machen könne. Sage,
wie glaubst du, daß ich gehandelt hätte?«
»Ich glaube wohl, du hättest dich dafür entschieden, für dein Buch zu
sterben,« sagte die Frau.
»Ja,« sagte der Pfarrer, »ich hätte die Fäuste geballt und gedacht, daß
ich dieses Rezept ja gar nicht so notwendig brauchte, -- ich könnte ja
sterben. Und glaubst du auch, daß ich an meinem Vorsatze festgehalten
hätte?«
»Ich weiß nicht,« sagte die Pastorin, »ich kenne dich nicht gut genug.
Wenn es sich nur um den Tod gehandelt hätte. Aber nun waren da ja auch
die Schmerzen.«
»Ich hätte innerlich gekämpft,« sagte der Pfarrer, »und in den ersten
Tagen wäre die Krankheit sogar ein wenig zurückgewichen, weil ich den
festen Entschluß gefaßt hätte, sie ihr Schlimmstes tun zu lassen. Aber
nach ein paar Wochen hätte sie mich mit erneuter Kraft überfallen, und
man hätte mir oben im Kavaliersflügel wieder ein Lager gebettet, und da
hätte ich einsam gelegen, den ganzen Tag lang, und hätte mit den
Schmerzen gekämpft.
»Und ich glaube wohl, wenn ich solch ein alter, unerschütterlicher Mann
gewesen wäre, dann hätte ich zuweilen ganz gegen meinen Willen die
Vorstellung gehabt, daß ich gegen Gott kämpfte. Ich hätte den Gedanken
von mir gewiesen. Ich hätte gedacht, daß ich nicht mit jemandem kämpfen
könne, der gar nicht da wäre. Es sei doch ein bloßer Zufall, würde ich
sagen, daß ich Lilje mit dem Rezepte begegnet sei. Es sei durchaus keine
lenkende Vorsehung, die ihn mir geschickt hätte. Es gäbe keine
Vorsehung, und so könne sie auch nichts schicken.
»Aber einmal ums andre würde mir die Vorstellung kommen, daß ich daläge
und mit unserm Herrgotte ränge. Vielleicht würde es mancher als Milde
und Gnade betrachten, daß du mich wissen ließest, wo das gestohlene
Rezept zu finden sei. Der Dieb hätte es ja ebensogut vernichten können.
Du willst wohl, daß ich es als eine sonderliche Gnade ansehe, daß es in
Liljes Hände kam. Aber ich wünsche, es wäre vernichtet worden. Ich sehe
es nicht als eine Gnade an, daß ich weiß, wo es zu finden ist. Ich
betrachte es -- -- Ja, und dann würde ich mich wieder erinnern, daß ich
in meinem Buch doch ganz unwiderleglich bewiesen hätte, daß es keinen
Gott gebe, und würde den Zwist abbrechen.
»Ich denke, es muß eine große Versuchung, eine furchtbare Versuchung für
den alten kranken Magister Eberhard gewesen sein: nur ein Wort an den
Pfarrer in Svartsjö, und er hätte das Heilmittel in seiner Hand! Glaubst
du nicht, daß er um dieser Versuchung willen die Qualen noch tausendmal
verschärft empfand? Es handelte sich um einen furchtbaren Preis; aber
wer wirklich krank ist, fragt wohl nach nichts anderm als nach der
Gesundheit.
»Doch immerhin -- wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, ich hätte
versucht, auszuharren; hätte versucht, Gott und den Menschen zu zeigen,
was Manneskraft vermag.
»Aber am schlimmsten wäre es an dem Tage gewesen, an dem Schneider Lilje
auf den Hof gekommen wäre. Da wären die Qualen so furchtbar gewesen, daß
ich in jeder Stunde meinen Tod erwartete. Und da wäre mir wohl der
Gedanke gekommen, daß ich jemand sagen müßte, was in diesem blauen
Kuvert sei. Denn plötzlich hätte mich der Gedanke beängstigt, daß ich
ein großes Unrecht gegen meine Mitmenschen beginge, wenn ich nicht
sagte, wo dieses unschätzbare Heilmittel zu finden sei. Ich könnte es ja
so einrichten, daß es erst nach meinem Tode hervorgenommen würde. Dann
hätte nicht ich die Truhe geöffnet, dann könnte ja meine Arbeit
unberührt liegen bleiben.
»Ich würde mir wohl denken, daß es am sichersten wäre, das Geheimnis
niederzuschreiben, und niemanden vor meinem Tode von dieser Schrift
Kenntnis erlangen zu lassen. Aber siehst du, Frau, es wäre wohl für
einen Todkranken, dem die geringste Bewegung Qualen verursacht, nicht so
leicht, die Feder zu führen.
»Und schließlich hätte ich wohl Lilje hereingerufen und ihm das
Geheimnis anvertraut und ihm befohlen, das gestohlne Kuvert den
Eigentümern zurückzugeben. Aber zu gleicher Zeit hätte ich ihm streng
verboten, es vor meinem Tode aus der Truhe zu nehmen. Erst wenn ich in
den Kirchhof gebettet wäre, dürfte er zu dem Pfarrer in Svartsjö gehen
und mit ihm sprechen.
»Du kannst sicher sein, sobald ich mit Lilje gesprochen hätte, würde es
mich wieder gereut haben. Man könnte sich doch auf einen solchen Kerl
nicht verlassen. Es wäre klar, ich hätte jemandem sagen müssen, wo das
Rezept zu finden sei. Aber ich hätte es niederschreiben sollen. Ich
hätte niemanden vor meinem Tode darum wissen lassen dürfen.
»Und bei alledem hätte ich mit der stummen geheimen Hoffnung dagelegen,
daß Lilje mir ungehorsam sein könnte.
»Ein paar Tage später würde ich etwas Eignes, Geheimnisvolles an der
Frau bemerken können, die mich pflegte. Ich würde sehen, daß sie eine
ganz besonders frohe und feierliche Miene machte, wenn sie mit einem
warmen Trunke zu mir hereinkäme. Ich würde erschrecken, und ich würde
mir selbst zuflüstern: Hüte dich, trinke nicht! Es kostet dich die
Arbeit deines ganzen Lebens!
»Aber trotzdem, siehst du, Frau, würde ich wohl den Kopf vorstrecken und
trinken; und mit jedem Tropfen, der über meine Lippen käme, würde ich
Linderung fühlen. Ich würde das Glas von mir schieben wollen, wenn es
halb geleert wäre, aber ich würde es nicht können. Und wenn ich es
geleert hätte, würde ich mich auf einmal ganz gesund fühlen und vor
Freude weinen.
»Nun will ich dir sagen, wie es mir weiter ergangen wäre, wenn ich der
alte Eberhard gewesen wäre. Am nächsten Tage wären die Schmerzen
wiedergekommen, und da hätte ich wieder von diesem Trank getrunken. Da
hätten die Schmerzen aufgehört und wären in kleinen Zwischenräumen
wieder zum Leben erwacht, aber am dritten Tage wären sie ganz
verschwunden gewesen. Und ich würde sehr wohl wissen, was für einen
Trank man mir gegeben hätte, ich würde begreifen, daß ich eine
Niederlage erlitten hätte, aber ich wäre allzu glücklich, um weiter
danach zu fragen.
»Dann würde ich wieder umhergehen und mich ganz gesund fühlen. Aber ich
würde mich wohl hüten, jemand zu fragen, woher der Trank gekommen wäre,
der mich geheilt hätte. Und ich glaube ganz gewiß nicht, daß mir jemand
sagen würde, daß man die Truhe eröffnet und das Rezept herausgenommen
hätte. Niemand würde es sagen, aber ich würde es doch wissen. Ich würde
nach Svartsjö fahren und mir die Truhe ansehen, und sie würde versperrt
und versiegelt in der Kirche stehen, aber ich würde doch wissen, daß sie
eröffnet worden wäre. Und dann -- --«
»Würdest du dich dann für verpflichtet halten, dein Buch zu vernichten?«
fragte die Pastorsfrau.
»Ich glaube wohl, daß ich versuchen würde, Schlupfwinkel und Ausflüchte
zu finden, aber ich würde nicht leugnen können, daß ich, wenn ich ein
Ehrenmann sein wollte, mein Buch vernichten müßte.«
»Und würdest du es auch tun?«
»Ja, was glaubst du? Bedenke jetzt auch recht, was dieses Buch für mich
bedeuten würde! Wäre es vernichtet, so wäre auch mein Name und mein Ruhm
vernichtet.«
Die Pastorin sah mit einem warmen Blick zu ihrem Mann auf.
»Ja, du hast es vernichtet,« sagte sie, »du hast es vernichtet!«
»Ich danke dir,« sagte der Pastor.
Eine Weile ging er schweigend weiter.
»Nun aber: was denkst du jetzt von der Truhe?« fragte die Frau.
»Ich denke, daß es nicht gefährlich sein kann, sie zu öffnen. Du hast
meine Frage jetzt so beantwortet, wie ich es wünschte.«
»Du und Magister Eberhard, ihr seid nicht eine und dieselbe Person,«
sagte die Frau.
»Liebes Kind,« sagte der Pfarrer. »Wir wissen ja, daß der alte Eberhard
alles, was ich jetzt erzählt habe, durchgemacht hat, und daß man die
Truhe öffnen mußte, um das Rezept herauszunehmen, das ihn heilte. Aber
wir dürfen nicht glauben, daß Magister Eberhard ein schlechterer Mann
gewesen sei als irgendeiner von uns. Es ist, seit ich nun die Sache
durchdacht habe, mein fester Glaube, daß er in aller Heimlichkeit die
Schrift aus der Truhe genommen hat, und daß das große Buch des
Unglaubens längst, längst vernichtet ist.«
»Aber die Truhe steht doch noch mit allen ihren Siegeln da.«
»Ja, siehst du,« sagte der Pastor lächelnd, »allzuviel darfst du von
einem alten Philosophen nicht verlangen. Du kannst nicht von ihm
verlangen, daß er alle Menschen wissen lasse, daß er gezwungen war,
nachzugeben. Ich glaube wohl, es war das Natürlichste, daß er die Truhe
auf alle Fälle stehen ließ, wie sie stand. Er konnte es wohl nicht
ertragen, daß alle Bekannten zu ihm kämen und sagten, jetzt müsse er
wohl bekehrt sein und an Gott glauben.«
Die Frau grübelte ein wenig nach, und dann sagte sie: »Ja, das werden
wir jetzt bald sehen, denn nun willst du sicherlich die Truhe öffnen.«
»Ja, jetzt öffne ich sie mit frohem Mut,« sagte der Pastor.
Und wenn das junge Jahr so um die Mittagszeit des Neujahrtags
neunzehnhundert in den Wolken über der Svartsjöer Kirche geschwebt
hätte, da hätte es den Pfarrer und die angesehensten Männer des
Kirchspiels um eine schöne alte Mosaiktruhe versammelt gesehen. Und als
sie feierlich eröffnet wurde, da enthielt sie ein paar Pakete: alte
Gerichtsverhandlungen und Zeitungen.
Aber von gottesleugnerischer, himmelstürmender Philosophie, -- nicht
eine Zeile.