Die Trollin kam durch den Wald geschlichen, ihr Junges hatte sie in
einer Rindenbutte, die sie auf dem Rücken trug. Es war groß und häßlich,
mit Haaren wie Borsten, nadelscharfen Zähnen und einer Kralle am kleinen
Finger; aber die Trollin glaubte natürlich, daß es gar kein schöneres
Kind geben könne.
Wie die Trollin so einherging, kam sie zu einer Stelle, wo der Wald sich
ein wenig lichtete. Ein Weg lief hier durch, holperig und schlüpfrig von
Baumwurzeln, die sich darüber schlangen wie ein geknüpftes Netz. Und
über den Weg kamen ein Bauer und sein Weib geritten.
Zuerst wollte die Trollin wieder in den Wald fliehen, damit niemand sie
zu Gesicht bekomme, aber plötzlich bemerkte sie, daß die Bäuerin ein
Kind auf dem Arme trug, und da wurde sie andern Sinnes. Sie schlich sich
näher zum Weg heran und versteckte sich hinter einem Haselstrauch. »Ich
will doch sehen, ob das Menschenkind ebenso schön sein kann wie meines,«
dachte die Trollin.
Aber in ihrem Eifer streckte sie sich zu weit aus dem Busch vor, und als
die Reitenden sich näherten, erblickten die Pferde den großen schwarzen
Trollkopf. Sie erschraken, stellten sich auf die Hinterbeine, scheuten
und gingen durch. Fast wären der Bauer und sein Weib abgeworfen worden.
Sie stießen einen Schrei aus, beugten sich vor, um die Zügel anzureißen,
und waren im nächsten Augenblick verschwunden.
Die Trollin grinste vor Wut. Jetzt hatte sie das Menschenkind kaum zu
Gesicht bekommen. Aber plötzlich wurde sie wieder seelenvergnügt, denn
da lag ja das Kind gerade vor ihr auf der Erde. Es war der Bäuerin aus
dem Arm gefallen, als die Pferde durchgingen.
Das Kind lag auf einem Haufen dürrer Blätter und war ganz unversehrt. Es
schrie laut vor Schrecken über den Fall; aber als die Trollin sich
darüber beugte, schien es so belustigt über den erstaunlichen Anblick,
daß es verstummte und lächelte und das Händchen ausstreckte, um sie an
ihrem schwarzen Bart zu zupfen.
Aber die Trollin stand ganz verblüfft da und betrachtete das
Menschenkind. Sie sah die kleinen Händchen an mit den rosenroten Nägeln,
die klaren blauen Äuglein und das kleine Mündchen. Sie befühlte das
weiche Haar, strich über die Wangen und wußte sich vor Staunen gar nicht
zu fassen, daß ein Kind so rosig und weich und fein sein könnte.
Plötzlich riß die Trollin ihre Rindenbutte vom Rücken, holte ihr eignes
Junges heraus und setzte es neben das Menschenkind. Und, als sie nun
sah, welcher Unterschied zwischen den beiden war, konnte sie es nicht
lassen, vor Wut laut aufzuheulen.
Unterdessen hatten der Bauer und sein Weib ihre Pferde wieder gebändigt,
und sie kamen nun zurück, um ihr Kind zu suchen. Als die Trollin sie
herankommen hörte, kamen ihr fast die Tränen, denn sie hatte sich noch
lange nicht an dem Menschenkind satt gesehen. Sie blieb sitzen, bis die
Reitenden fast in Sehweite waren, da faßte sie einen raschen Entschluß.
Sie ließ ihr Junges am Wegesrand liegen, aber das Menschenkind steckte
sie in ihre Rindenbutte und lief damit in den Wald.
* * * * *
Kaum war die Trollin in den Wald verschwunden, als der Bauer und seine
Frau zum Vorschein kamen.
Es waren prächtige Bauersleute, reich und geachtet und mit einem schönen
Hof am Fuße des Waldhügels. Sie waren schon viele Jahre verheiratet,
aber sie hatten nur dieses einzige Kindchen. Man kann sich also denken,
wie sehr ihnen am Herzen lag, es wieder zu finden.
Die Frau war dem Manne um ein paar Pferdelängen voraus und erblickte
zuerst das Kind, das am Wegesrand lag. Es schrie aus Leibeskräften, um
die Trollin zurückzurufen, und die Bäuerin hätte schon an dem Geheul
merken können, was für ein Kind das war. Aber sie hatte solche Angst
ausgestanden, daß der Kleine sich im Fallen erschlagen haben könnte,
daß sie bei dem Geschrei nur dachte: Gott sei Dank, daß er am Leben ist.
»Da liegt das Kind,« rief sie dem Manne zu und glitt aus dem Sattel und
lief auf das Trolljunge zu.
Als der Bauer zur Stelle kam, saß die Frau am Wegesrand und drehte das
Kind hin und her und sah aus wie jemand, der seinen Sinnen nicht trauen
kann. »Mein Kind hatte doch nicht Zähne wie die Stacheln,« sagte sie,
und ihre Stimme drückte immer größeren und größeren Schrecken aus; »mein
Kind hatte doch nicht Haare wie Schweinsborsten, mein Kind hatte doch
keine Kralle am kleinen Finger.«
Der Bauer konnte nichts andres glauben, als daß sein Weib verrückt
geworden sei, und sprang nun auch vom Pferde. »Sieh das Kind an und sag,
ob du begreifen kannst, wie es sich so verändert hat,« sagte die Frau
und reichte es ihm. Er nahm es aus ihren Händen, aber kaum hatte er
einen Blick darauf geworfen, als er dreimal ausspuckte und es von sich
schleuderte. »Das ist doch ein Trolljunges,« rief er. »Das ist nicht
unser Kind.« Die Frau saß noch immer am Wegesrand. Sie war nicht rasch
von Gedanken und konnte nicht erraten, was sich begeben hätte. »Aber was
tust du denn mit dem Kinde?« fragte sie. »Ja, merkst du denn nicht, daß
das ein Wechselbalg ist?« sagte der Mann. »Die Trolle haben die
Gelegenheit benutzt, als unsere Pferde durchgingen. Sie haben unser Kind
gestohlen und eines von ihren eignen dafür hingelegt.« -- »Aber wo ist
denn dann jetzt mein Kind?« fragte die Frau. -- »Das ist eben bei den
Trollen,« antwortete der Mann.
Nun begriff die Frau endlich das ganze Unglück. Sie erbleichte, und der
Mann glaubte, daß sie auf der Stelle ihren Geist aufgeben würde.
»Unser Kind kann ja nicht weit fort sein,« sagte der Mann und versuchte
sie zu beschwichtigen, obgleich er selbst nicht viel Hoffnung hatte.
»Wir wollen in den Wald gehen und es suchen.« Damit band er die Pferde
an einen Baum und begab sich in das Dickicht. Die Frau stand auch auf,
um ihm zu folgen, als sie bemerkte, daß das Trolljunge auf dem Boden lag
und jeden Augenblick von den Pferden totgetrampelt werden könnte, die
über seine Gegenwart unruhig schienen und einmal ums andre wild nach
hinten ausschlugen. Sie schauderte bei dem Gedanken, den Wechselbalg
anrühren zu müssen, aber sie schob ihn doch so, daß die Pferde ihn nicht
zertreten konnten.
»Hier liegt die Schelle, die unser Kind in der Hand hatte, als du es
fallen ließest,« rief der Bauer aus dem Wald. »Jetzt weiß ich, daß ich
auf der rechten Spur bin.« Die Frau eilte ihm nach, und sie gingen in
den Wald und suchten lange und eifrig. Aber sie fanden weder Kind noch
Troll; und als die Dämmrung einbrach, mußten sie zu ihren Pferden
zurückkehren.
Die Frau weinte und rang die Hände. Der Mann ging mit
aufeinandergepreßten Lippen und sagte nicht ein Wort, um sie zu trösten.
Er war aus altem gutem Stamm, der erloschen wäre, wenn er nicht einen
Sohn bekommen hätte. Er ging jetzt einher und zürnte der Frau, weil sie
das Kind hatte zu Boden fallen lassen. Sie hätte es doch vor allem
andern festhalten müssen. Aber als er sah, wie betrübt sie war, brachte
er es nicht übers Herz, sie zu tadeln.
Der Bauer hatte der Frau in den Sattel geholfen, als ihr der Wechselbalg
einfiel. »Was sollen wir aber mit dem Trolljungen anfangen?« rief sie.
-- »Ja, wo ist denn das hingekommen?« sagte der Mann. -- »Es liegt dort
unter dem Busch.« -- »Da liegt es ja ganz gut,« sagte der Mann und
lächelte bitter. -- »Wir müssen es aber doch mitnehmen. Wir können es
doch nicht hier in der Wildnis lassen.« -- »Doch, das können wir sehr
gut,« sagte der Bauer und setzte den Fuß in den Steigbügel.
Die Frau fand, daß der Mann eigentlich ganz recht hätte. Sie brauchten
sich doch nicht des Trollkindes anzunehmen. So ließ sie das Pferd ein
paar Schritte machen. Aber sie war von weicher und warmherziger
Gemütsart, und plötzlich war es ihr ganz unmöglich, weiterzureiten.
»Nein, es ist ja doch ein Kind,« sagte sie. »Ich kann es nicht hier
lassen, den Wölfen zum Fraße. Du mußt mir den Jungen reichen.« -- »Das tu
ich nicht,« sagte der Mann. »Er liegt ganz gut, wo er liegt.« -- »Wenn
du ihn mir nicht jetzt bringst, so muß ich heute abend wieder herkommen
und ihn holen,« sagte die Frau. -- »Mir scheint, es ist nicht genug, daß
die Trolle mir meinen Knaben gestohlen haben,« sagte er, »sie haben
auch noch meinem Weibe den Kopf verdreht.« Aber dabei hob er doch das
Kind auf und reichte es der Frau, denn er hatte eine große Liebe zu ihr
und war es gewohnt, ihr in allem zu Willen zu sein.
Am nächsten Tage war das Unglück im ganzen Kirchspiel bekannt, und alle,
die alt und klug waren, eilten in die Hütte des Bauern, um gute
Ratschläge zu geben. »Wer einen Wechselbalg im Hause hat, muß ihm jeden
Tag mit einem derben Stecken Schläge geben,« sagte eine der Alten.
»Warum soll man denn so übel mit ihm umgehen?« fragte die Bäuerin.
»Freilich ist er häßlich, aber er hat doch nichts Böses getan.« -- »Ja,
wenn man das Junge schlägt, bis das Blut fließt, dann kommt schließlich
die Trollin herangesaust, wirft einem das eigne Kind zu und nimmt ihres
mit. Ich weiß viele, die es so gemacht haben, um ihr Kind wieder zu
bekommen.« -- »Aber diese Kinder sind dann nicht lange am Leben
geblieben,« sagte eine der alten Frauen; und die Bäuerin dachte bei sich
selbst, daß sie dieses Mittel nicht anwenden könnte. Das wäre ihr
unmöglich gewesen.
Gegen Abend, als die Bäuerin mit dem Wechselbalg allein in der Stube
war, begann sie sich auf einmal so heftig nach ihrem eignen Kinde zu
sehnen, daß sie gar nicht wußte, wo aus noch ein. »Vielleicht sollte ich
doch das versuchen, was sie mir geraten haben,« dachte sie, aber sie
konnte sich doch nicht entschließen.
In demselben Augenblick kam der Mann mit einem Stock in der Hand in die
Stube und fragte nach dem Wechselbalg. Da sah die Frau, daß der Mann den
Rat der klugen Frauen befolgen und das Trollkind prügeln wollte, um sein
eignes zurückzubekommen. »Es ist gut, daß er es tut,« dachte sie. »Ich
bin zu dumm. Ich könnte nie ein unschuldiges Kind schlagen.«
Aber kaum hatte der Mann dem Trollkind einen Hieb versetzt, als die Frau
herbeistürzte und ihn am Arm packte. »Nein, schlag nicht, schlag nicht!«
bat sie. -- »Du willst wohl dein eignes Kind nicht wieder haben?« sagte
der Mann und versuchte sich loszumachen. -- »Freilich will ich es wieder
haben, aber nicht auf diese Art,« sagte die Frau. Der Mann erhob den Arm
zu einem neuen Schlag, aber ehe er fiel, hatte sich die Frau auf das
Kind geworfen, so daß der Hieb ihren Rücken traf. »Gott schütze mich,«
sagte der Mann, »jetzt sehe ich, du willst dich so anstellen, daß unser
Kind all sein Lebtag bei den Trollen bleiben muß.« Er blieb stehen und
wartete, aber die Frau blieb vor ihm liegen und schützte das Kind. Da
warf der Mann den Stock fort und ging unmutig aus der Stube. Er wunderte
sich später, daß er seinen Vorsatz nicht seinem Weibe zum Trotz
durchgeführt hatte, aber wenn sie da war, bezwang ihn irgend etwas: er
konnte ihr nicht zuwiderhandeln.
Ein paar Tage vergingen in Schmerz und Trauer. Was die Bäuerin am
meisten quälte und ihren Kummer verdoppelte, war, daß sie für dieses
Trollkind zu sorgen hatte. Um seinetwillen hatte sie so bitter zu
leiden, daß es ihr fast die Kraft nahm, ihr eignes Kind zu betrauern.
»Ich weiß rein nicht, was ich dem Wechselbalg zu essen geben soll,«
sagte sie eines Morgens zu ihrem Mann. »Er will nichts kosten, was ich
ihm vorsetze.« -- »Das ist nicht zu verwundern,« sagte der Mann. »Du
wirst doch schon gehört haben, daß die Trolle nichts anderes essen als
Frösche und Mäuse.« -- »Aber du kannst doch nicht verlangen, daß ich zum
Froschsumpf gehe und ihm dort das Essen hole,« sagte die Frau. -- »Nein,
ich verlange nichts dergleichen,« antwortete der Bauer. »Ich finde, es
wäre am besten, wenn er verhungern würde.«
Die ganze Woche verging, ohne daß die Bäuerin imstande war, das
Trolljunge zu bewegen, irgend etwas zu sich zu nehmen. Es schrie nur,
wie es da in seiner Wiege lag, und wurde so elend und mager, daß kaum
noch etwas von ihm übrig blieb. Rings um ihn stellte die Bäuerin alles
mögliche gute Essen auf, das sie nur bereiten konnte; aber der
Wechselbalg fauchte und spuckte nur, wenn sie ihn überreden wollte,
etwas von den Leckerbissen zu kosten.
Eines Abends, als das Trollkind so aussah, als sollte es Hungers
sterben, kam die Katze mit einer Maus zwischen den Zähnen in die Stube
gelaufen. Da riß die Bäuerin der Katze die Maus aus dem Rachen, warf sie
dem Kind hin und verließ hastig die Stube, um nicht sehen zu müssen,
wie das Trolljunge aß.
Aber als der Bauer merkte, daß die Frau wirklich anfing, Frösche und
Spinnen für den Wechselbalg zu sammeln, da begann er einen solchen
Abscheu vor ihr zu empfinden, daß er ihn kaum verbergen konnte. Er
konnte sich nicht überwinden, ihr ein freundliches Wort zu sagen; und
wäre nicht jene wunderliche Macht gewesen, die sie über ihn besaß, so
hätte er sie sogleich verlassen.
Auch die Dienstleute begannen der Bäuerin Ungehorsam und
Unehrerbietigkeit zu zeigen, ohne daß der Bauer sich darum kümmerte.
Die Frau merkte bald: wenn sie fortführe, den Wechselbalg in Schutz zu
nehmen, würde sie es mit ihrem Manne, dem Gesinde und den Nachbarn sehr
schwer haben; aber sie war nun einmal so: wenn es jemand gab, den alle
andern haßten, mußte sie ihre äußerste Kraft aufbieten, um einen solchen
armen Wicht zu schützen. Und je mehr sie um des Wechselbalgs willen litt
und sich quälte, desto getreulicher wachte sie darüber, daß ihm nichts
Böses widerfahre.
Ein paar Jahre später an einem Vormittag saß die Bäuerin allein in der
Stube und nähte Flicken um Flicken auf ein kleines Kinderkleid. »Ach
ja,« dachte sie, während sie so nähte, »der hat keine guten Tage, der
für ein fremdes Kind sorgen muß.«
Sie nähte und nähte, aber die Löcher waren so groß und so zahlreich, daß
ihr die Tränen in die Augen kamen, wenn sie sie ansah. »Aber so viel
weiß ich,« dachte sie, »wenn ich meines eignen Sohnes Kittelchen
flickte, da wollte ich die Löcher nicht zählen.«
»Ich habe es doch gar zu schwer mit dem Wechselbalg,« dachte die
Bäuerin, als sie ein neues Loch entdeckte. »Das Beste wäre schon, wenn
ich ihn tief in den Wald führte, so tief, daß er nicht mehr heimfinden
könnte, und ihn dort zurückließe.«
»Obgleich ich mir gar nicht so viele Mühe zu geben brauchte, um ihn los
zu werden,« fuhr sie nach einem Weilchen fort. »Ich brauchte ihn nur
einen Augenblick ohne Aufsicht zu lassen, dann würde er schon im Brunnen
ertrinken oder im Herde verbrennen oder vom Hunde gebissen oder von den
Pferden gestoßen oder von den Knechten erschlagen werden. Ja, es wäre
ein Leichtes, ihn los zu werden, denn ausgelassen und schlimm ist er,
und es gibt keinen, der ihn nicht haßte. Ich glaube, wenn ich ihn nicht
beständig um mich hätte, würde gleich jemand die Gelegenheit benützen
und ihn umbringen.«
Sie ging hin und sah das Kind an, das in einer Ecke der Stube lag und
schlief. Es war sehr gewachsen und sah nun noch viel häßlicher aus, als
da sie es zum ersten Male erblickt hatte. Es hatte große, wulstige
Lippen, die Augenbrauen waren wie zwei steife Bürsten, und die Haut war
ganz braun.
»Deine Kleider flicken und über dich wachen, ginge wohl noch an,« dachte
sie. »Wenn ich deinetwegen nicht schlimmere Sorgen hätte. Es ist ja
fast, als hätte ich den Verstand verloren, daß ich so viel um dich
leide, wo du doch nichts andres bist als ein widerwärtiger Troll. Mein
Mann verabscheut mich, die Knechte verachten mich, die Mägde höhnen
mich, die Katze faucht mich an, der Hund knurrt, wenn er mir begegnet;
und an dem allen bist du nur schuld.«
»Aber daß Tiere und Menschen mich hassen, ist noch nicht das
Schlimmste,« fuhr sie nachdenklich fort. »Das Schlimmste ist, daß ich
mich jedesmal, wenn ich dich ansehe, um so mehr nach meinem eignen Sohn
sehne. O, mein liebes Kind, mein allerliebstes Goldkind, wo bist du
jetzt? Schläfst du jetzt bei der Trollin auf Moos und Reisig?«
Da ging die Tür auf, und die Frau begab sich wieder zum Tisch und setzte
sich zu ihrer Näherei. Es war ihr Mann, der eintrat. Er hatte ein
lächelndes Gesicht und sprach mit freundlicherer Stimme als seit langer
Zeit.
»Heute ist im Nachbardorf Jahrmarkt,« sagte er. »Wie wär es, wenn wir
hingingen?«
»Ach, das wollte ich gar so gerne,« sagte die Frau und wurde sehr froh.
»Nun, dann mach dich rasch fertig,« sagte der Mann. »Wir müssen zu Fuß
gehen, denn die Pferde sind bei der Arbeit. Aber wir kommen noch
zurecht, wenn wir den Weg über den Hügel nehmen.«
Ein kleines Weilchen später stand die Frau in Feiertagskleidern auf der
Schwelle. Das war das Freudigste, was ihr nun schon seit Jahren begegnet
war, und sie hatte das Trollkind völlig vergessen. »Aber,« dachte sie
ganz plötzlich, »vielleicht will mein Mann mich nur fortlocken, damit
einer der Knechte das Trollkind erschlagen kann, während ich nicht
daheim bin.« Sogleich ging sie in die Stube und kam mit dem großen
Trolljungen auf dem Arm zurück.
»Kannst du den Wechselbalg nicht daheim lassen?« fragte der Mann, aber
er lachte dabei und war ganz sanft. -- »Nein, ich traue mich nicht, von
ihm fortzugehen,« sagte sie. »Ja, das ist deine Sache,« sagte der Bauer,
»aber es wird dir schwer werden, solch' einen Bengel den Hügel
hinaufzuschleppen.«
Sie begannen nun ihre Wanderung, aber es ging steil aufwärts, man mußte
einen hohen Gebirgsgrat erklimmen, ehe man in das benachbarte Dörfchen
kam.
Die Frau wurde schließlich so müde, daß sie kaum mehr einen Fuß vor den
andern setzen konnte. Einmal ums andre suchte sie den großen Burschen zu
überreden, selbst zu gehen, aber er wollte nicht.
Der Mann war die ganze Zeit über vergnügt und so freundlich, wie er noch
nie gewesen war, seit sie ihr Kind verloren hatten. »Jetzt mußt du mir
aber den Wechselbalg geben,« sagte er, »ich werde ihn ein Weilchen
tragen.« -- »Ach nein, ich kann schon,« sagte die Frau, »ich will nicht,
daß du von diesem Trollzeug Beschwerden hast.« -- »Warum sollst du dich
allein damit abplagen,« sagte er und nahm den Wechselbalg.
Als der Bauer das Kind nahm, war der Weg gerade am allersteilsten. Er
führte ganz schmal und schlüpfrig am Rande eines Abgrundes vorbei, und
es war kaum Platz, um den Fuß aufzusetzen. Die Frau ging hinter ihm, und
sie bekam plötzlich große Angst, daß dem Mann etwas geschehen könnte,
wie er da ging und das Kind trug. »Geh hier vorsichtig,« rief sie. Sie
meinte, wenn er so rasch und unachtsam ginge, müßte er stürzen. Gleich
darauf glitt er auch wirklich aus und hätte fast das Trolljunge in den
Abgrund fallen lassen.
»Nein, wenn das Kind jetzt gefallen wäre, dann wären wir es für alle
Zeit los gewesen,« dachte sie. Aber in demselben Augenblicke stand es
ihr klar vor Augen, daß es die Absicht des Mannes war, das Kind hier
hinunterzuwerfen und dann zu tun, als wäre ein Unglück geschehen. --
Ach, ach, dachte sie, ist es so?! Er hat das alles nur so eingerichtet,
um das Kind zu beseitigen, ohne daß ich merke, daß er es mit Absicht
tut. Ja, wäre es nicht am besten, wenn ich ihm seinen Willen ließe?
Wieder rutschte der Mann auf einem lockern Stein aus, wieder wäre ihm
das Kind fast aus dem Arm gefallen. »Gib mir das Kind, du fällst damit,«
sagte die Frau. -- »Nein,« sagte der Mann, »ich werde schon aufpassen.«
-- »Du sollst es mir geben,« rief die Frau, »du bist schon zweimal
ausgeglitten.«
In demselben Augenblick rutschte der Mann zum drittenmal aus. Er
streckte die Arme nach einem Baumast, um sich daran festzuhalten, und
das Kind fiel. Die Frau kam dicht hinterdrein, und obgleich sie eben
noch gedacht hatte, daß es schön wäre, den Wechselbalg loszuwerden,
stürzte sie nun vor, packte einen Zipfel des Kittelchens und zog das
Kind daran wieder auf den Weg. Da wendete sich der Mann zu ihr. Sein
Gesicht war jetzt häßlich und wie verwandelt. »Als du unser Kind im
Walde fallen ließest, warst du nicht so flink,« sagte er zornig.
Die Frau antwortete nichts. Sie saß auf der Erde und weinte darüber, daß
die Freundlichkeit des Mannes nur gespielt gewesen war. »Warum weinst
du?« sagte er hart. »Es wäre wohl kein so großes Unglück gewesen, wenn
ich den Balg hätte fallen lassen. Komm jetzt, es wird spät.« -- »Ich
glaube, ich hab keine Lust mehr, auf den Markt zu gehen,« sagte sie. --
»Na ja, mir ist die Lust auch vergangen,« sagte er. »Ich will lieber
nach Hause,« sagte die Frau. »Ja, warum sollten wir auch hin, wenn es
uns keine Freude macht,« sagte der Mann und war einig mit ihr.
Auf dem Heimwege ging der Mann einher und fragte sich, wie lange er es
noch mit seinem Weibe aushalten könnte. Wenn er nun von seiner Macht
Gebrauch machte und ihren Willen zwänge, dann könnte ja noch alles
zwischen ihnen wieder gut werden, meinte er; aber so, wie es jetzt war,
wollte er am liebsten von ihr befreit sein. Er war nahe daran, Gewalt
gegen sie anzuwenden und das Kind an sich zu reißen, aber gerade da
begegnete er dem Blick des Weibes, der so schwermütig und traurig auf
ihm ruhte, daß er es nicht vermochte, hart gegen sie zu verfahren. Um
ihrer Trauer willen tat er sich Gewalt an, wie er es bisher getan hatte,
und alles blieb, wie es gewesen war.
Wieder vergingen ein paar Jahre, und es kam eine Sommernacht, wo im
Bauernhof eine Feuersbrunst ausbrach. Als die Leute aufwachten, waren
Stube und Kammer voll Rauch, und der ganze Dachboden war ein Feuermeer.
Es war gar nicht daran zu denken, zu löschen oder zu retten; man konnte
nur hinausstürmen, um nicht zu verbrennen.
Der Bauer ging in den Hof hinaus und stand da und sah das brennende Haus
an. »Eins möchte ich wissen, wer mir das angetan hat?« -- »Wer? Nun, wer
sollte es wohl anders sein als der Wechselbalg?« sagte ein Knecht. »Es
war schon lange immer sein Spiel, Scheiterhaufen aus Reisig zu machen
und sie anzuzünden.« -- »Gestern hat er einen großen Haufen trockne
Zweige auf den Dachboden getragen,« sagte die Magd. »Er wollte sie eben
anzünden, als ich kam und ihn bemerkte.« -- »Gewiß hat er sie gestern
Abend in Brand gesteckt,« sagte der Knecht. »Ihr könnt ganz sicher sein,
daß er das Unglück verursacht hat.«
»Wenn er nur wenigstens verbrennen wollte,« sagte der Bauer, »dann
wollte ich nicht klagen, daß meine alte Hütte durch ihn in Flammen
aufgegangen ist.« Wie er das eben sagte, trat die Frau aus dem Hause und
schleppte das Kind hinter sich her. Da stürzte der Bauer heran, entriß
ihr das Kind, hob es hoch in die Luft und warf es wieder in das Haus
zurück. Das Feuer schlug gerade zum Dach und zu den Fenstern heraus, und
die Hitze war fürchterlich. Einen Augenblick sah die Frau den Mann an,
leichenblaß vor Schrecken, dann kehrte sie um und eilte in das Haus
zurück, dem Kinde nach.
»Es macht mir gar nichts, wenn du mit verbrennst,« rief ihr der Bauer
nach. Sie kam jedoch wieder heraus und hatte das Kind in den Armen. Ihre
Hände waren arg verbrannt, und das Haar war fast abgesengt. Niemand
sagte ein Wort zu ihr, als sie herauskam. Sie ging zum Brunnen, löschte
ein paar Funken, die an ihrem Rocksaum glühten, und setzte sich dann auf
den Boden. Das Trollkind lag auf ihrem Schoß und schlummerte bald ein,
doch sie saß hochaufgerichtet und wach da und starrte mit traurigen
Augen vor sich hin. Eine ganze Menge Menschen eilten herbei, um zu
löschen, aber niemand sprach zu ihr. Es sah aus, als meinten alle, daß
sie etwas Häßliches und Unheimliches an sich hätte, das Schrecken und
Abscheu errege.
Bei Tagesanbruch, als das Feuer gelöscht war, kam der Bauer auf sie zu.
»Ich halte es nicht länger aus, ich kann nicht mit Trollen
zusammenleben, obgleich ich dich ungern verlasse. Ich gehe jetzt meiner
Wege und komme nie wieder.«
Als die Frau diese Worte hörte und sah, wie der Mann sich gleich darauf
abwendete, um seiner Wege zu gehen, da fuhr ein Zucken durch sie, als
wollte sie ihm nacheilen, aber das Trollkind lag schwer auf ihrem
Schoß. Sie schien nicht Kraft genug zu haben, es abzuschütteln, sondern
blieb sitzen.
Aber kaum war der Bauer in den Wald gekommen, als ihm ein kleiner Knirps
in vollem Lauf über die Hügel entgegenkam. Er war schön wie ein junges
Bäumchen, so schmal und schlank, das Haar war seidenweich, und die Augen
leuchteten wie blauer Stahl. »Ach ja, so wäre mein Sohn jetzt, wenn ich
ihn hätte behalten dürfen,« dachte der Bauer. »Einen solchen Erben hätte
ich gehabt. Das wäre freilich ein ander Ding gewesen als das schwarze
Ungetüm, das meine Frau mir ins Haus gebracht hat.«
»Grüß Gott,« sagte der Bauer, »wohin gehst du denn?« -- »Grüß Gott,«
sagte das Bürschchen und reichte ihm die Hand. »Wenn du erraten kannst,
wer ich bin, sollst du erfahren, wohin ich gehe.«
Als der Bauer die Stimme hörte, wurde er ganz blaß.
»Ich kenne diese Stimme,« sagte er. »Wenn mein Sohn nicht bei den
Trollen wäre, würde ich sagen, daß du es bist.« -- »Ja, jetzt habt Ihr
recht geraten, Vater,« sagte das Bürschchen und lachte. »Und weil Ihr
recht geraten habt, sollt Ihr auch wissen, daß ich auf dem Wege zur
Mutter bin.« -- »Du sollst nicht zur Mutter gehen,« sagte der Bauer.
»Sie fragt gar nicht nach dir. Sie hat für niemand ein Herz, als für ein
großes garstiges Trolljunges.« -- »Meint Ihr das, Vater?« sagte der
Knabe und sah dem Vater tief in die Augen. »Dann ist es vielleicht
besser, wenn ich fürs erste bei Euch bleibe.«
Der Bauer war so froh über das Kind, daß ihm die Tränen in die Augen
kamen. »Ja, bleib du nur bei mir,« sagte er und nahm den Knaben in seine
Arme und küßte ihn. Er hatte förmlich Angst, ihn aufs neue zu verlieren,
und wagte es nicht, ihn wieder auf den Boden zu stellen, sondern
wanderte mit dem Kinde im Arme weiter.
Als er ein paar Schritte gegangen war, begann der Kleine zu plaudern.
»Das ist gut, daß Ihr mich nicht so tragt, wie Ihr den Wechselbalg
getragen habt,« sagte der Knabe. »Was meinst du damit?« fragte der
Bauer. »Ja, die Trollin ging auf der andern Seite der Kluft mit mir, und
jedesmal, wenn Ihr mit dem Kinde ausglittet, Vater, glitt sie mit mir
aus.« »Ach was, ihr gingt auf der andern Seite der Kluft?« sagte der
Bauer und wurde plötzlich ganz nachdenklich. »Nie habe ich solche Angst
gehabt,« sagte das Bürschchen. »Als Ihr das Trollkind in die Schlucht
warft, wollte mich die Trollin hinterherwerfen. Wäre Mutter nicht so
geschwind gewesen und hätte den andern gerettet --«
Der Bauer begann langsamer zu gehen, während er dem Kleinen Fragen
stellte. »Du mußt mir doch erzählen, wie es dir bei den Trollen ergangen
ist.« »Manchesmal recht schlimm,« sagte der Kleine, »aber wenn Mutter
nur gut gegen das Trolljunge war, dann war die Trollin auch gut gegen
mich.«
»Pflegte sie dich vielleicht zu schlagen?« fragte der Bauer. »Sie
schlug mich nicht öfter, als Ihr das andre Kind schlugt.« -- »Was
kriegtest du denn zu essen?« fragte der Bauer. »Jedesmal, wenn Mutter
dem Wechselbalg Spinnen und Mäuse gab, bekam ich Butterbrot. Aber wenn
ihr dem Trolljungen Kuchen und Fleisch vorsetztet, dann setzte mir die
Trollin Schlangen und Kröten vor. In der ersten Zeit wäre ich fast
verhungert. Wenn Mutter dann nicht mehr Barmherzigkeit bewiesen hätte
als ihr andern, so hätte ich wohl ins Gras beißen müssen.«
Als das Kind dies sagte, machte der Bauer Kehrt und ging rasch in das
Tal hinab, seinem Hofe zu. »Ich weiß nicht, woher das kommt,« sagte er,
»aber es ist mir, als spürte ich einen Brandgeruch, wenn ich dich
anrühre, und dein Haar sieht aus, als ob es vom Feuer versengt wäre.«
»Das ist doch nicht zu verwundern,« sagte das Kind. »Ich wurde doch
heute Nacht ins Feuer geworfen, als Ihr das Trollkind in die brennende
Hütte schleudertet. Und wenn Mutter das Trolljunge nicht gerettet hätte,
so wäre ich wohl auch verbrannt.«
Der Bauer schien nun solche Eile zu haben, daß er fast lief, um in sein
Heim und zu seinem Weibe zurückzukommen. Aber plötzlich blieb er stehen.
»Jetzt mußt du mir aber sagen, woher es kommt, daß die Trolle dich
freigegeben haben?« sagte er. -- »Als Mutter das opferte, was ihr mehr
ist als das Leben, hatten die Trolle keine Macht mehr über mich und
ließen mich ziehen,« sagte das Kind. -- »Hat sie geopfert, was ihr mehr
ist als das Leben?« fragte der Bauer. »Ja, das hat sie wohl, als sie
Euch ziehen ließ, ohne einen Versuch zu machen, Euch zurückzuhalten,«
sagte das Kind.
Die Frau saß noch immer auf demselben Fleck am Brunnen. Sie schlief
nicht, aber sie schien wie versteinert. Sie vermochte sich nicht zu
rühren; und was rings um sie vorging, das bemerkte sie ebensowenig, als
wenn sie tot gewesen wäre. Da hörte sie die Stimme ihres Mannes nach ihr
rufen, und ihr Herz begann wieder zu pochen, und das Leben erwachte in
ihr. Sie schlug die Augen auf und sah sich wie eine Schlaftrunkne um. Es
war hellichter Tag, die Sonne schien, und die Vögel sangen, und es
schien ihr ganz unmöglich, daß sie an einem so schönen Morgen noch ihr
Unglück zu tragen haben sollte. Aber gleich darauf sah sie die
verkohlten Balken, die noch umherlagen, wo einst die Hütte gestanden
hatte, und eine Menge Menschen mit geschwärzten Händen und berußtem
Gesicht, und da kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie zu einem schwereren
Unglück erwachte als je zuvor; aber dennoch hatte sie das Gefühl, als ob
es nun zu Ende sein müßte. Sie sah sich nach dem Wechselbalg um. Er lag
nicht mehr auf ihrem Schoße und war auch nicht in der Nähe zu sehen.
Wäre alles wie sonst gewesen, sie wäre aufgesprungen und hätte nach ihm
gesucht, aber jetzt empfand sie gar keine Unruhe um ihn. Sie hörte ihren
Mann aus weiter Ferne rufen. Er kam aus dem Walde, zum Hofe hinunter,
und alle die fremden Menschen, die beim Löschen geholfen hatten, liefen
ihm entgegen und umringten ihn, so daß sie ihn nicht sehen konnte. Sie
hörte nur, wie er unaufhörlich rief: »Mutter, Mutter! komm doch und
sieh, komm und sieh!« Und die Stimme brachte Kunde von einer großen
Freude, aber sie blieb dennoch regungslos sitzen. Sie wagte ihm nicht
entgegenzugehen. Endlich kam die ganze Menschenschar auf sie zu, und der
Mann trennte sich von den andern und kam heran und legte ein schönes
Kind in ihre Arme.
»Hier ist unser Sohn, er ist zu uns zurückgekehrt,« sagte der Mann. »Und
du -- und kein andrer -- hast ihn gerettet.«