Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem
Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner
Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenüber, eng aneinander geschmiegt,
und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel führt: Sechs Wochen
im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben können es fast
auswendig und haben endlose Diskussionen darüber geführt, aber sie lesen
es immer wieder mit demselben Vergnügen, sie haben alles vergessen, um
den kühnen Luftschiffern quer über Afrika zu folgen, und sie erheben nur
selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu
betrachten, die sie durchfahren.
Die Knaben sehen einander sehr ähnlich. Sie sind von gleicher Größe,
gleich gekleidet -- in graue Überröcke und blaue Schulmützen --, sie
haben alle beide große träumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie
sind immer gut Freund, gehen immer miteinander, kümmern sich nicht um
andre Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten.
Der Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der
ältere, der dreizehn Jahre zählt, kommt in der Schule schwer vorwärts,
und er kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt
halten. Dafür ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er
will Erfinder werden und beschäftigt sich beständig damit, eine
Flugmaschine zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jünger als Lennart, aber
er begreift leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder.
Auch er interessiert sich nicht besonders für das Lernen, hingegen ist
er ein großer Sportsmann: Skiläufer, Radfahrer und Eisläufer. Wenn er
erwachsen ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts
Flugmaschine fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken,
was von der Welt noch zu entdecken übrig ist.
Vater ist ein großgewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem
Gesicht und schmalen, schönen Händen. Er ist nachlässig gekleidet. Seine
Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhänger guckt am Halse hervor, die
Weste ist schief geknöpft, und die Strümpfe sind herabgerutscht. Er
trägt das Haar so lang, daß es auf den Rockkragen hängt, dies jedoch
nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.
Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem
Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen
mitbekommen. Die eine Anlage ist eine große musikalische Begabung, und
sie trat als Erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,
studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen
Studienjahren so glänzende Fortschritte, daß er selbst und seine Lehrer
erwarteten, es würde ein großer, weltberühmter Violinspieler aus ihm
werden. Er hätte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu
erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich
draußen in der Welt keine Stellung erkämpfen, sondern kam gar bald heim
und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs
schämte er sich wohl, daß er allen den in ihn gesetzten Erwartungen
nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern
Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute
in Anspruch nehmen zu müssen.
Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige
Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schönes
kleines Heim, eine frohe und glückliche Frau und zwei kleine Jungen, und
er war der Liebling der ganzen Stadt, überall gesucht und gefeiert. Aber
dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen
schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen
und sein Glück zu versuchen, doch fühlte er sich verpflichtet, daheim zu
bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.
Vor allem war es die Frau, die ihn überredet hatte, von dieser Reise
abzustehen. Sie glaubte, daß es ihm nicht besser glücken werde als das
erste Mal. Sie meinte, sie seien so glücklich, daß er nichts andres zu
erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mußte
ihn auch schwer genug büßen; denn von der Zeit an kam der zweite
Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm
und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu
trösten.
Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen
pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Maß und kam binnen kurzem ganz
herunter. Er wurde allmählich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war
nicht mehr liebenswürdig und einnehmend, sondern böse und hart. Und das
größte Unglück war, daß er einen furchtbaren Haß gegen seine Frau faßte
und sie in jeder möglichen Weise quälte, wenn er betrunken war -- und
auch sonst.
Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wäre
sehr unglücklich gewesen, hätten sie sich nicht eine kleine Welt für
sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplänen
und Abenteuerbüchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese
Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,
daß sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben über nichts
zu sprechen, was sie interessiert. Er stört sie ein Mal ums andre, wenn
er fragt, ob es nicht schön wäre, Stockholm kennen zu lernen, und ob sie
sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie
antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu
vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, daß die Knaben von
seiner Liebenswürdigkeit sehr entzückt sein müßten und nur zu schüchtern
wären, es zu zeigen.
»Die haben zu lange an Mutters Schürzenband gehangen,« denkt er. »Sie
sind ängstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,
wenn sie in meine Hand kommen.«
Aber Vater täuscht sich. Daß die Knaben ihm so kurze Antworten geben,
kommt nicht von der Schüchternheit, sondern bedeutet nur, daß sie
wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wäre,
würden sie ganz anders antworten. »Warum sollten wir es schön finden,
mit Vater zu reisen?« würden sie dann sagen. »Vater glaubt freilich,
etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, daß er nur ein
verkommner Schwächling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,
Stockholm kennen zu lernen? Wir wissen sehr gut, daß Vater uns nicht
mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu
kränken.«
Es wäre klüger, wenn Vater die Knaben lesen ließe, ohne sie zu stören.
Sie sind niedergeschlagen und ängstlich, und es reizt sie, daß er so
guter Laune ist. »Nur weil er weiß, daß Mutter daheim sitzt und weint,
ist er heute so vergnügt,« flüstern sie einander zu.
Vaters Fragen bringen es schließlich dahin, daß die Knaben nicht mehr
lesen, obgleich sie noch immer über das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt
dessen beginnen ihre Gedanken mit großer Bitterkeit um alles zu
kreisen, was sie um Vaters willen haben leiden müssen.
Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken
hatte und über die Straße getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen
verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurück, wie die andern
Jungen sie gehänselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen
Vater hatten, der trank.
Sie haben sich für Vater schämen müssen, sie mußten seinetwegen in
beständiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spaß hatten, ist er
dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergnügen verdorben. Es ist kein
kleines Sündenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr
sanftmütig und geduldig, aber sie fühlen einen Groll in sich aufsteigen,
der stärker und stärker wird.
Er hätte doch begreifen müssen, daß sie ihm die große Enttäuschung nicht
verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das
Ärgste, was er ihnen noch angetan hatte.
Die Sache war nämlich die, daß die Mutter der Knaben sich im vorigen
Frühling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere
Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und
gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war
bei ihm geblieben, damit er nicht völlig verkomme. Aber jetzt endlich
wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, daß der
Vater sie unglücklich machte; und sie meinte, sie müsse sie diesem
Elend entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.
Als das Frühlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu
ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs
einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht
gewesen, daß es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr
Verschulden gelöst würde; aber dem hatte sie sich unterwerfen müssen.
Noch weniger zufrieden war sie damit, daß die Knaben vom Gerichte dem
Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufne Ehefrau wäre. Sie
tröstete sich freilich damit, daß er unmöglich die Absicht haben könnte,
die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.
Sobald die Scheidung durchgeführt war, war sie zurückgekommen und hatte
eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor
zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so daß die Knaben zu ihr
übersiedeln konnten. Es war der glücklichste Tag, den die Kinder noch
erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem großen Zimmer und
einer großen Küche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so
außerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und
ihnen tagsüber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da
schlafen. Die Küche war sehr niedlich und hell. Da würden sie essen. Und
in einem kleinen Verschlag hinter der Küche hatte Mutter ihr Bett.
Mutter hatte ihnen gesagt, daß sie sehr arm sein würden. Sie hatte eine
Stelle als Gesanglehrerin an der Mädchenschule bekommen; aber dies war
auch alles: davon mußten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich
ein Dienstmädchen zu halten, sondern mußten sich allein behelfen. Die
Knaben waren über das Ganze in hellstem Entzücken; vor allem darüber,
daß sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu
tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein
rechter Spaß, sich das alles auszudenken.
Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er
selbst sollte den Schlüssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er
sollten sie je betreten dürfen.
Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glücklich
sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan
hatte, solange sie sich zurückerinnern konnten. Mutter hatte ihnen
erzählt, sie habe gehört, daß Vater eine Erbschaft von einigen tausend
Kronen gemacht hätte; er habe seine Stellung gekündigt und wolle nun
nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darüber gefreut,
daß er die Stadt verließ, so daß sie ihm nicht mehr auf der Straße zu
begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der
Botschaft zu Mutter gekommen, daß Vater die Knaben nach Stockholm
mitnehmen wolle.
Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu dürfen, aber
Vaters Abgesandter hatte geantwortet, daß Vater fest entschlossen sei,
die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kämen,
würde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch
das Scheidungsurteil durchlesen, da stünde es ja deutlich, daß die
Knaben dem Vater gehörten. Und das wußte Mutter ja auch. Das ließ sich
nicht leugnen.
Vaters Freund hatte viele schöne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen
und wolle sie deshalb für sich haben ... Aber die Knaben wußten, daß
Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu quälen. Er hatte
sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude
hätte. Sie sollte in beständiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze
war nur Rache und Bosheit.
Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf
dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenüber saß Vater und freute sich,
daß er Mutter unglücklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der
verging, wurde ihnen der Gedanke, daß sie bei Vater bleiben und mit ihm
leben müßten, immer widerwärtiger. Waren sie denn völlig in seiner
Gewalt? Gab es keine Rettung?
Vater hat sich in seine Ecke zurückgelehnt, und nach einem Weilchen
schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander
zu flüstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschluß zu fassen. Den
ganzen Tag haben sie, jeder für sich, nur daran gedacht,
durchzubrennen.
Sie verabreden, sich auf die Plattform zu schleichen und aus dem Zuge zu
springen, wenn er gerade durch einen großen Wald führe. Dann würden sie
sich an einem versteckten Plätzchen im Wald eine Hütte bauen und dort
allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.
Während die Knaben diese Pläne schmieden, bleibt der Zug an einer
Station stehen, und eine Bäuerin, die ein kleines Kind an der Hand
führt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trägt ein
Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das
Überröckchen aus, das vom Regen naß geworden ist, und wickelt ihn in
einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten
Füßchen, sucht aus einem Bündel Strümpfe und Schuhe hervor und legt sie
ihm an. Schließlich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die
Bank, den Kopf auf ihrem Schoße, damit er einschlafe.
Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Bäuerin,
die sich mit ihrem Kinde beschäftigt. Diese Blicke werden immer
häufiger, und plötzlich haben die Knaben, beide zugleich, Tränen in den
Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnäckig
niedergeschlagen.
Es ist, als wäre zugleich mit der Bäuerin noch jemand anders, der für
alle, außer für die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen
gekommen. Und dieser andre ist -- Mutter. Die Knaben haben das Gefühl,
daß sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hände
ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich
entschied, daß sie reisen müßten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie
damals: »Ihr müßt mir versprechen, daß ihr Vater meinetwegen nicht gram
sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen können, daß ich ihn
gehindert habe, fortzureisen. Er meint, daß es meine Schuld sei, wenn
nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug
strafen. Aber ihr dürft ihm deshalb nicht böse sein. Da ihr jetzt mit
Vater leben sollt, müßt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr
dürft ihn nicht reizen, ihr müßt auf ihn achten, so gut ihr könnt. Das
müßt ihr mir versprechen; sonst weiß ich gar nicht, wie ich euch ziehen
lassen soll.«
Und die Knaben hatten es versprochen.
»Ihr dürft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!«
hatte Mutter gesagt.
Das hatten sie auch versprochen.
Die Knaben sind zuverlässig, und in demselben Augenblick, wo sie daran
denken, daß sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle
Fluchtgedanken fahren. Vater schläft noch immer, aber sie bleiben
geduldig auf ihren Plätzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie
wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, führt sie bald
aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.
* * * * *
Weit draußen in der Södervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde
gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon
lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre übergegangen,
ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse
und Flecken, die Decken sind verrußt, ein paar Fensterscheiben sind
zerbrochen, und der Küchenboden ist so ausgetreten, daß er ganz holperig
geworden ist. Ein paar Dienstmänner haben die Möbel vom Bahnhof geholt,
sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehen lassen. Vater
und Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobner
Axt da, um eine Kiste zu öffnen. Die Knaben packen aus einer andern
Kiste Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind
geschickt und arbeiten eifrig, aber Vater hört nicht auf, sie zur
Vorsicht zu mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen
Teller auf einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit
nicht recht vorwärts. Seine Hände sind zitterig und kraftlos, und er ist
schon ganz schweißbedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu
können. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,
ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und
fängt an, sie anzustemmen, doch Vater stößt ihn fort. Lennart werde doch
nicht glauben, daß er den Deckel aufbringen könne, wenn Vater selbst es
nicht zustande bringe? »Nur ein geübter Arbeiter kann diese Kiste
öffnen,« sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.
Kaum ist Vater zur Türe hinaus, als ihm etwas einfällt. Er begreift
plötzlich, warum er keine Kraft in den Händen hat. Es ist noch früh am
Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf
bringt. Wenn er in ein Café ginge und einen Kognak tränke, dann würde er
seine Kraft wiederfinden und könnte sich ohne fremde Unterstützung
behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.
Vater geht also auf die Straße, um ein Café zu suchen. Als er in die
kleine Hofwohnung zurückkehrt, ist es acht Uhr abends.
In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der
Södervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts
gewesen, das hauptsächlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten
bestand und in einem Keller in der Nähe von Mosebacke seine
Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,
nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich
noch da, und Vater hatte das Glück gehabt, ein paar von den alten
Freunden zu treffen, die da saßen und frühstückten. Sie hatten ihn mit
größter Freude begrüßt, ihn zum Frühstück eingeladen und seine Ankunft
in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit
schließlich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Möbel
auszupacken; doch die Freunde hatten ihn überredet, zu bleiben und mit
ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,
daß Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn
keine geringe Überwindung gekostet, sich zu so früher Stunde von der
lustigen Gesellschaft loszureißen.
Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben
kein Zündholz. Vater hat ein Zündholzschächtelchen in der Tasche, und
als er ein kleines Kerzenstümpfchen angezündet hat, das glücklicherweise
mitgekommen ist, sieht er, daß die Knaben erhitzt und verstaubt sind,
aber munter und vergnügt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem
Tag.
In den Stübchen stehen die Möbel geordnet, die Kisten sind fortgeräumt,
Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten
Zimmer die Betten für die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters
Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,
wie er sichs nur wünschen kann.
Jetzt geht mit Vater ein eigentümlicher Umschwung vor. Als er heimkam,
war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit
davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurückgelassen hatte.
Aber jetzt, wo er sieht, daß sie guter Laune sind, und daß ihnen nichts
abzugehen scheint, bereut er es, daß er ihrethalben seine Freunde
verlassen hat; er wird reizbar und streitsüchtig.
Er sieht wohl, daß die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie
geleistet haben, und daß sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber
dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und
ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich gefälligst zu merken, daß man
in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht für alles, was
er täte, bezahlt werden müsse. Die Knaben antworten, daß sie keine Hilfe
in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht hätten, aber er hört
nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die große Kiste
zu öffnen. Sie hätten sich dabei etwas zuleide tun können. Er hätte
ihnen doch verboten, sie zu öffnen. Sie hätten jetzt ihm zu gehorchen.
Er sei für sie verantwortlich.
Er nimmt die Kerze, geht in die Küche und leuchtet in die Schränke. Der
kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den
Brettern aufgestellt.
Er prüft alles haargenau, um Anlaß zu weiterm Tadel zu finden.
Plötzlich erblickt Vater ein paar Überreste des Abendbrots der Knaben
und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie
sich das verschafft hätten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedächten?
Ob sie sein Geld hinauswürfen, um Hühner zu essen?
Dann fällt ihm ein, daß er ihnen ja kein Geld zurückgelassen hat. Er
fragt, ob sie das Huhn gestohlen hätten, und gerät ganz außer sich.
Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den
Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn
haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hält ganze Reden, ganze
Predigten, er erschöpft seine letzten Kräfte. Schließlich bittet und
bettelt er.
»Ich beschwöre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles
verzeihen, was ihr auch begangen haben mögt, wenn ihr mir nur die
Wahrheit sagt.«
Jetzt können es die Knaben nicht länger aushalten. Vater hört einen
prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er
merkt, daß sie vor unterdrücktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und
während sie jetzt ungezügelt herauslachen, sagt Lennart, von beständigem
Kichern unterbrochen: »Mutter hat uns doch ein Hühnchen in den Eßkorb
gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.«
Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber
keine passenden Worte. Er richtet sich noch majestätischer empor, sieht
sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weitres auf sein Zimmer.
* * * * *
Vater hat jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er
benützt dies, um ein Dienstmädchen zu ersparen. Morgens schickt er
Lennart in die Küche und läßt ihn Kaffee kochen, während Hugo den
Frühstücktisch deckt und Brot vom Bäcker holt. Nach dem Frühstück setzt
Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten
machen, die Zimmer kehren und die Öfen heizen. Er gibt unaufhörlich
Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine
Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufräumen vorüber ist, geht er aus und
bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen läßt er aus einer
benachbarten Kochschule holen. Dann läßt Vater die Knaben für den Abend
allein und verlangt von ihnen nichts andres, als daß sein Bett gemacht
sei, wenn er heimkommt.
Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und können sich
beschäftigen, womit sie wollen.
Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.
Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier
und Marken, damit sie ihr antworten können.
Mutters Briefe enthalten hauptsächlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu
sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn
kennen lernte, und sie erzählt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er
im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zärtlich und
liebevoll gegen ihn sein. Sie dürften nie vergessen, wie unglücklich er
wäre.
»Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid
mit Euch und läßt Euch wieder nach Hause zu mir kommen,« schreibt
Mutter.
Mutter erzählt, daß sie beim Pfarrer und beim Bürgermeister gewesen sei,
um zu fragen, ob es nicht möglich wäre, die Knaben wieder zu bekommen.
Aber alle beide hätten ihr gesagt, daß es keinen Ausweg gebe. Die Knaben
müßten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm
übersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu können, aber
alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie
glaubten, daß Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder
heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.
Einerseits finde sie es schrecklich, daß ihre Knaben in Stockholm ohne
irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:
wenn sie ihr Heim verließe und ihre Anstellung aufgäbe, könnte sie sie
nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei würden. Aber zu
Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach
ihnen sehen.
Die Knaben schreiben und erzählen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde
für Stunde. Sie lassen Mutter wissen, daß sie Vater das Essen holen und
ihm das Bett machen. Sie begreift, daß sie sich bemühen, ihr zuliebe gut
gegen ihn zu sein, aber sie merkt, daß sie ihn nicht besser leiden
können als früher.
Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer
großen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen,
niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer weiß,
in was sie hineingeraten könnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften
machten!
Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie
würden sich schon durchschlagen. Sie erzählen, daß sie sich die Strümpfe
stopfen und die Knöpfe annähen. Sie deuten auch an, daß Lennart mit
seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, daß alles gut sein
werde, sowie die fertig wäre.
Aber Mutter lebt in beständiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken
bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er möge über ihre
kleinen Söhne wachen, die einsam in einer großen Stadt leben, ohne
irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schützt
und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bösen bewahrt.
* * * * *
Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von
Vaters früheren Kollegen, der der Hofkapelle angehört, hat ihn
eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater
hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von
den Tonwellen erfüllt wird, gerät Vater in so heftige Bewegung, daß er
sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfängt. Er schluchzt,
schneuzt sich geräuschvoll und stöhnt ein Mal um das andre auf. Er legt
sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, daß die Spielenden
gestört werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater
die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des
Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hören seine Tränen nicht auf
zu fließen.
Vater hat die Hände der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem
Jungen an jeder Seite einher. Ganz plötzlich fangen auch die Knaben zu
weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst
geliebt hat. Es war entsetzlich für ihn gewesen, versoffen und verkommen
dazusitzen und andre spielen zu hören. Es war ein Jammer, daß er nicht
das geworden war, was er hätte werden sollen. Es war für Vater so, wie
es für Lennart wäre, wenn er seine Flugmaschine nie fertigbrächte, oder
für Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen dürfte. Zu denken, daß
sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Häupten prächtige
Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden hätten
noch lenken dürften!
* * * * *
Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bücher vor
sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist
ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, daß er eine Musiklektion zu
geben hätte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden
lassen, daß dies die Wahrheit sei.
Vater ist schlechter Laune, wie er so über die Straße geht. Er hat den
Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, daß er zu einer
Musiklektion ginge. »Sie werfen sich zum Richter auf über ihren Vater,«
denkt er.
»Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich hätte jedem eine Ohrfeige geben
sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.«
»Wie wäre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umsähe?« fährt
er fort. »Es könnte gewiß nichts schaden, sich zu überzeugen, wie sie
ihren Studien obliegen.«
Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, öffnet ganz leise die Türe und
steht in dem Zimmer der Knaben, ohne daß einer von ihnen ihn hätte
kommen hören. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Köpfen auf,
und Lennart reißt ängstlich ein Bündel Papiere an sich, das er in die
Schreibtischlade wirft.
Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt,
in welche Schule sie gehen würden, und Vater hatte geantwortet, mit
ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er würde versuchen, einen Meister zu
finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins
Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem
Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer
der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbücher wurden
hervorgesucht, und jeden Vormittag saßen die Knaben an einem alten
Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen
Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu
arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt hätten.
Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin
und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht.
Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch
heran. »Hättet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie?« fragt
er. -- »Ja,« antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. -- »Aber wo
habt ihr das Geographiebuch und den Atlas?« -- Die Knaben werfen einen
Blick auf das Bücherbrett und sehen tödlich verlegen aus. »Wir haben
noch nicht angefangen,« sagt Lennart. -- »So, so,« sagt Vater. »Ihr habt
wohl etwas andres vor.« Und er richtet sich ganz vergnügt auf. Er hat
jetzt die Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben
gründlich an die Wand gedrückt hat.
Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper
gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel
Überwindung gekostet wie früher, artig gegen ihn zu sein. Aber natürlich
haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu
ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid
tut.
»Habt ihr einen Brief geschrieben?« fragt Vater mit seiner strengsten
Stimme. -- »Nein,« rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. -- »Was
habt ihr denn getan?« -- »Wir haben nur geplaudert.« -- »Das ist nicht
wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade
gesteckt hat.« -- Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. -- »Nehmt es
heraus!« ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, daß die Söhne an seine
Frau geschrieben hätten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten,
stünde natürlich etwas Häßliches über ihn darin. Die Knaben rühren sich
nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der
Schublade sitzt. -- »Rühr ihn nicht an!« ruft Hugo. »Wir haben nur über
etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.«
Hugo schiebt Lennart weg, reißt die Lade auf und zieht einen Bogen
Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen
vollgekleckst ist. »Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel für
sein Luftschiff ausgedacht. Und darüber haben wir gesprochen.«
Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die
Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit
Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre
vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehört.
Zum größten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich
fort, er lacht auch nicht über ihre Versuche, sondern er betrachtet
Blatt für Blatt genau. Vater hat nämlich auch ein wenig Anlage zur
Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte,
für solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von
diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, daß er großen
Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekämpft Lennart seine
Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zögernd, doch allmählich mit immer
größerer Bereitwilligkeit.
Bald sind Vater und die Knaben in eine tiefsinnige Diskussion über
Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug
gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre
Pläne und Träume mit. Und wenn Vater auch begreift, daß die Knaben mit
den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen können,
imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Söhne sprechen von
Aluminiummotoren, Aeroplanen und Gleichgewichtslagen wie von den
selbstverständlichsten Dingen. Er hat sie für rechte Dummköpfe gehalten,
weil sie in der Schule nicht gut vorwärts kamen. Jetzt scheint es ihm
mit einem Male, daß sie ein paar kleine Gelehrte seien.
Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, -- das versteht Vater besser
als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so geträumt und
hat durchaus keine Lust, über solche Träume zu lachen.
An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und
plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen
und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer
großen Überraschung richtig gute Freunde.
* * * * *
Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straßen. Die kleinen
Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben
sich dicht an die Tür gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater saß allein
an einem Tisch, einen großen dunkeln Toddy vor sich, und hörte einer
Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem
Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen.
»Was soll das heißen?« hatte er gefragt. »Warum kommt ihr hierher?« --
»Du solltest doch nach Hause kommen, Vater,« sagten die Knaben. »Es ist
doch der fünfte Dezember. Du hast ja versprochen -- -- --«
Da hat sich Vater erinnert, daß Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei
Hugos Geburtstag, und daß er versprochen hätte, beizeiten nach Hause zu
kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein
Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu
besorgen.
Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er,
unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Straße entlang. Als er
heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es
festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar
Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein
bißchen Geld bekommen, und dafür haben sie Nüsse, Mandeln und eine
Flasche Himbeersaft gekauft.
Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genießen wollen,
sondern haben gewartet, daß Vater heimkomme und sie mit ihnen teile.
Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, können sie ein so
großes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es
schmeichelt ihm, daß sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich
guter Laune läßt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie
er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hält sich an der
Tischdecke fest, fällt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als
er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft über den Boden strömt
und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas
verstreut liegen.
Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, läuft zur
Türe hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim.
* * * * *
An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen über
der Schulter durch die Straße. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind
mager und blaß geworden und sehen ungepflegt und nachlässig aus. Ihr
Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und
Strümpfe und Schuhe zeigen Löcher. Wenn sie miteinander sprechen,
brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrücke, und es kommt auch vor,
daß ein Fluch über ihre Lippen gleitet.
Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich
von dem Abend her, an dem Vater vergaß, heimzukommen und Hugos
Geburtstag zu feiern. Es war, als hätte sie bis dahin doch die Hoffnung
aufrecht erhalten, daß eine baldige Änderung in ihrem Schicksal
eintreten würde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, daß
Vater ihrer bald müde werden und sie wieder heimschicken würde. Dann
hatten sie sich eingebildet, Vater würde sie liebgewinnen und um
ihretwillen zu trinken aufhören. Ja, sie hatten sich gedacht, daß Mutter
und er sich versöhnen könnten, und daß sie alle glücklich sein würden.
Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, daß dies alles unmöglich war.
Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu
einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus
ihnen.
Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich der Knaben. Nichts
könnte je anders werden. Sie würden nie von Vater loskommen. Sie hatten
das Gefühl, als wären sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem
dunkeln Gefängnis eingeschlossen zu sitzen.
Nicht einmal ihre großen Pläne konnten sie trösten. Festgekettet, wie
sie hier saßen, könnten sie die ja nie zur Ausführung bringen. Da sie ja
doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte
der großen Männer gut genug, um zu wissen, daß jeder, der etwas
Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht.
Der härteste Schlag aber war gewesen, daß Mutter zu Weihnachten nicht zu
ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe
gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so daß sie während der
Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mußte und nicht nach Stockholm
reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre
Schule wieder begonnen. Überdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles,
was sie zusammengespart hatte, war während ihrer Krankheit
draufgegangen.
Die Knaben fühlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar,
daß es ihnen nie besser gehen würde, wie sehr sie sich auch anstrengten;
und darum hatten sie so allmählich aufgehört, sich mit dem zu plagen,
was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was
ihnen Spaß machte.
Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hörten
ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte
sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge.
Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich
aufzurütteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur
ohnmächtige Anläufe. Er vergaß seine Befehle ebenso rasch, wie er sie
gegeben hatte.
Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu
vernachlässigen. Niemand hörte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja
keinen Zweck, daß sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes
Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang
es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und
sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber
Schlittschuh liefen als daheim saßen und lernten.
Heute nun ist ein so wunderschöner Tag, daß sie unmöglich im Zimmer
bleiben können. Es sind nur ein paar Grad Kälte, -- stille, hohe Luft
und klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, daß die Schulen
Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Straße ist voll von Kindern, die
daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise
zueilen.
Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr
ernst und schwermütig aus. Kein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ihr
Unglück ist so groß, daß sie es keinen Augenblick vergessen können.
Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist
von einer dichten Menschenmenge umsäumt, weiter draußen schwirren die
Schlittschuhläufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschädigt
worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in
blitzschneller Fahrt dahingleiten.
Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die
übrigen Läufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt über
das Eis schießen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch
nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder.
Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie
etwas sehr Schönes. Ein großer Luftballon kommt aus der Richtung von
Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und
als die Sonne darauf fällt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel
ist mit einer Menge bunter Fähnchen geschmückt, und da der Ballon nicht
sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen.
Als die Knaben den Ballon erblicken, stoßen sie einen Freudenschrei aus.
Es ist das erste Mal in ihrem Leben, daß sie einen großen Ballon durch
die Luft segeln sehen. Er ist viel schöner, als sie ihn sich vorgestellt
haben. Alle die Träume und Pläne, die in so vielen schweren Tagen ihr
Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken.
Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt
sind, sie bemerken den Anker und die Sandsäcke an der Gondelkante.
Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit über die vereiste
Bucht. Alle Schlittschuhläufer, groß und klein durcheinander, stürzen
ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann
nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungnen Linie, wie ein
ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergnügen sich damit, eine
Menge Papierchen in verschiednen Farben auszuwerfen, die langsam durch
die blaue Luft flattern.
Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon
nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurückgeworfen, den Blick nach oben
gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind,
strahlen ihre Augen von Glück. Sie sind ganz außer sich vor Entzücken
über das Luftschiff und denken an nichts andres, als ihm solange zu
folgen wie nur möglich.
Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man muß schon ein guter Läufer
sein, um nicht zurückzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet
sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die
kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, daß man auf sie aufmerksam wird.
Später sagten die Leute, es sei etwas eignes über ihnen gewesen. Sie
lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der
Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als sähen sie eine
Vision.
Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer
Wegweiser, der käme, sie auf den rechten Pfad zurückzuführen und sie zu
lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken,
schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der großen
Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewiß, daß es ihnen gelingen
wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege
durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff
besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden
sie dort oben hoch über den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird
weit vollkommner sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich
lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne
Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nächte tragen, wohin sie nur
wollen. Sie werden sich auf den höchsten Berggipfeln niederlassen, die
ödesten Wüsten durchfahren, die am schwersten zugänglichen Gegenden
erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen.
»Wir dürfen es nicht aufgeben, Hugo,« sagt Lennart. »Es wird prächtig
sein, wenn wir nur fertig werden.«
Vater und sein Unglück, -- das ist etwas, was sie gar nichts mehr
angeht. Wer ein so großes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von
etwas Erbärmlichem hindern lassen.
Je weiter der Ballon kommt, desto größer wird seine Geschwindigkeit. Die
Schlittschuhläufer haben nun aufgehört, ihn zu verfolgen. Die einzigen,
die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und
leicht dahin, als hätten sie Flügel an den Füßen.
Plötzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit
über die Bucht schauen können, ein Schrei des Entsetzens und der Angst.
Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem
offnen Fahrwasser zugleitet.
»Draußen ist offnes Wasser! Offnes Wasser!« So rufen die Menschen.
Die Schlittschuhläufer unten auf dem Eise hören die Rufe und wenden ihre
Blicke der Mündung der Bucht zu. Sie sehen, daß weit draußen ein
Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, daß zwei kleine
Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken,
weil sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur
einen Moment zur Erde zu wenden.
Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnelläufer eilen
dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie
sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, daß sie die einzigen
sind, die es verfolgen: sie hören keine Rufe hinter sich, sie vernehmen
nicht das Wogen und Brausen des offnen Wassers vor sich. Sie sehen nur
den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fühlt Lennart, wie sein
eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt über den
geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin.
Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben
dem offnen Wasser nähern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so atemlose
Spannung, daß sie weder rufen noch ein Glied rühren können. Es liegt wie
eine Verzauberung über den beiden Kindern, die in ihrem wilden
Dahinstürmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden
Himmelserscheinung nach.
Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben
bemerkt. Sie sehen, daß sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und
machen warnende Gebärden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie
sehen, daß die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene
wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen
empor, überglücklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum
folgen zu dürfen.
In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit
emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobnen Armen
gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die
Schlittschuhläufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar
Sekunden später an der Eiskante, aber die Strömung hat die Körper unter
das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen.