Es war einmal ein alter Bauernhof, und es war ein Weihnachtsabend mit
grauem Himmel, wie vor einem großen Schneefall, und mit scharfem
Nordwind. Am Nachmittag war es, gerade um die Zeit, wo alle Leute es
eilig hatten, ihre Arbeit zu Ende zu bringen, damit sie dann in der
Badehütte baden konnten. Dort drinnen feuerte man so heftig ein, daß die
Flammen zum Schornstein hinausschlugen und eine Menge Funken und
Rußflocken mit dem Winde flogen und auf die schneebedeckten
Schindeldächer niederfielen.
Wie die Flamme so aus dem Schornstein der Badehütte aufstieg und sich
gleich einer Feuersäule über den Bauernhof erhob, begannen alle zu
spüren, daß Weihnachten vor der Tür stand. Die Magd, die im Hausflur lag
und scheuerte, fing leise zu singen an obgleich das Scheuerwasser in dem
Kübel neben ihr zu Eis gefror, die Knechte, die im Schuppen standen und
das Weihnachtsholz hackten, begannen zwei Scheite auf einmal zu spalten
und schwangen die Axt so lustig, als wäre die Arbeit nur ein Spiel.
Aus dem Speicher kam eine alte Frau mit einem großen Haufen runder
Bierwürzenbrote auf dem Arm. Sie ging langsam über den Hof in das große
rotgestrichne Wohnhaus und trat vorsichtig in die Wohnstube, wo sie die
Brote auf die lange Bank niederlegte. Dann breitete sie ein Tuch auf den
Tisch und legte das Brot in Häufchen, in jedes ein großes und ein
kleines. Sie war eine seltsam häßliche alte Frau, mit rötlichem Haar,
schweren, schlaffen Augenlidern und einem eignen so strammen Zug um Mund
und Kinn, als wären die Halssehnen zu kurz. Aber nun am Weihnachtsabend
war eine solche Freude und ein solcher Friede über ihr, daß man gar
nicht sehen konnte, wie häßlich sie war.
Einen Menschen aber gab es auf dem Hof, der nicht vergnügt war, und das
war das Mädchen, welches die Birkenruten band, die beim Baden benützt
werden sollten. Sie saß am Herd, einen ganzen Arm voll feiner
Birkenreiser vor sich auf dem Boden, und band; doch hatte sie keine
haltbaren Gerten, um die Zweige zusammenzubinden. Die Wohnstube hatte
ein breites, niedriges Fenster mit kleinen Scheiben, und durch diese
fiel der Schein aus der Badehütte ins Zimmer, spielte auf dem Fußboden
und vergoldete das Birkenreisig. Aber je lustiger das Feuer brannte,
desto unglücklicher wurde das Mädchen. Sie wußte, daß die Rutenbüschel
auseinanderfallen müßten, sobald man sie nur anrührte, und daß sie darum
Spott und Schmach erleiden würde, zum mindesten so lange, bis ein neues
Weihnachtsfeuer in diesem Schornstein flammte.
Wie sie so dasaß und sich unglücklich fühlte, trat der Mann in die
Stube, vor dem sie die allergrößte Angst hatte. Es war der Hausvater
Ingmar Ingmarson in eigner Person. Sicherlich war er in der Badehütte
gewesen, um sich zu vergewissern, daß der Ofen heiß genug würde; und nun
wollte er sehen, wie es mit den Rutenbüscheln stünde. Er war alt, Ingmar
Ingmarson, und er hielt auf alles, was alt war. Und gerade weil die
Leute es jetzt aufzugeben begannen, in der Badehütte zu baden und sich
mit Birkenreisern peitschen zu lassen, legte er großes Gewicht darauf,
daß es auf seinem Hof geschehe, und ordentlich geschehe.
Ingmar Ingmarson trug einen alten Schafpelz und Lederhosen und
Pechdrahtstiefel. Er war schmutzig und unbarbiert und kam in seiner
bedächtigen Art so leise herein, daß man ihn ebensogut für einen Bettler
hätte halten können. Er zeigte ungefähr dieselben Züge und dieselbe
Häßlichkeit wie die Frau; sie waren miteinander verwandt, und sie hatte
von altersher gelernt, eine heilige Ehrfurcht vor jedem zu haben, der
dieses Aussehen hatte. Denn es bedeutete viel, dem alten Geschlecht der
Ingmarsöhne anzugehören, das allezeit das vornehmste in der Gegend
gewesen war; aber das Höchste, was ein Mensch sein konnte, war Ingmar
Ingmarson selbst, der Reichste, der Klügste und der Mächtigste im ganzen
Kirchspiel.
Ingmar Ingmarson kam auf das Mädchen zu, bückte sich, nahm eines der
fertigen Rutenbüschel und schwang es durch die Luft. Sogleich flogen
die Ruten auseinander; eine landete auf dem Weihnachtstisch und eine
andre im Himmelbett.
»Hei, min Deern,« sagte der alte Ingmar und lachte, »glaubst du, daß man
solche Ruten brauchen kann, wenn man bei den Ingmarsöhnen badet? Oder
hast du solche heillose Angst um deine Haut?«
Da der Hausvater es nicht übler aufnahm, faßte das Mädchen Mut und
sagte, sie wolle schon Rutenbüschel binden, die hielten, wenn man ihr
nur Gerten zum Binden gäbe.
»Dann muß man dir wohl Gerten schaffen, min Deern,« sagte der alte
Ingmar; denn er war in rechter Weihnachtsstimmung.
Er ging aus der Wohnstube, kletterte über die Magd mit dem Scheuereimer
hinweg und blieb auf der Türschwelle stehen, sich nach jemand umzusehen,
den er in den Birkenhain um Gerten schicken könnte. Die Knechte waren
noch bei dem Weihnachtsholz, der Sohn kam mit dem Weihnachtsstroh aus
der Tenne, die beiden Schwiegersöhne schleppten eben die Arbeitswagen in
die Schuppen, damit der Hof feiertäglich aussähe. Keiner von ihnen hatte
Zeit, sich aus dem Hause zu entfernen.
Da beschloß der Alte ganz gelassen, sich selbst auf den Weg zu machen.
Er ging schräg über den Hof, als wolle er in den Stall, sah sich um,
sich zu vergewissern, daß niemand auf ihn acht gäbe, und schlüpfte dann
hinter die Stallwand, wo ein halbwegs gebahnter Weg in den Wald hinauf
führte. Der Alte hielt es nicht für nötig, jemand zu sagen, wohin er
ging, denn sonst hätte es vielleicht dem Sohn oder einem der Eidame
einfallen können, ihn abzuhalten. Und alte Leute wollen nun einmal am
liebsten ihren eignen Willen haben.
Er schlug den Weg über die Felder durch das kleine Tannenwäldchen ein
und kam zu dem Birkenhain. Hier bog er vom Wege ab und watete in den
Schnee hinauf, um ein paar einjährige Birkenschößlinge zu finden.
Um diese Zeit hatte der Wind endlich erreicht, woran er den ganzen Tag
gearbeitet hatte: er hatte den Schnee aus den Wolken losgerissen, und
jetzt kam er den Wald heraufgefegt, mit einer langen Schleppe von
Schneeflocken hinter sich.
Ingmar Ingmarson bückte sich eben, um einen Zweig abzuschneiden, als der
Wind, ganz mit Schnee beladen, heransauste. In dem Augenblick, als der
alte Mann sich aufrichtete, pustete der Wind los und blies ihm einen
Haufen Flocken ins Gesicht. Er bekam die Augen voll Schnee, und der Wind
wirbelte so heftig rings um ihn, daß er sich ein paarmal herumdrehen
mußte.
Das ganze Unglück kam wohl daher, daß Ingmar Ingmarson alt geworden war.
In seinen Jugendtagen hätte ihn ein Schneesturm wohl kaum schwindelig
gemacht, aber jetzt drehte sich alles im Kreise, als wenn er sich in
einer Weihnachtspolka herumgeschwungen hätte. Und als er heimwärts gehen
wollte, ging er gerade nach der verkehrten Richtung. Er ging geradewegs
in den großen Tannenwald hinein, der hinter dem Birkenhain anfing,
anstatt zu den Feldern hinunter.
Die Dunkelheit brach schnell herein, und unter den jungen Bäumen am
Waldessaum trieb das Schneegestöber sein Spiel weiter. Der Alte sah
wohl, daß er zwischen Tannen ging, aber er merkte nicht, daß er fehl
gegangen war; denn auch auf der Seite des Birkenwaldes, die dem Hofe
zugekehrt war, wuchsen Tannen. Aber nun kam er so tief in den Wald
hinein, daß es ganz ruhig und still wurde; von dem Sturm war nichts mehr
zu spüren, und die Bäume wurden hoch und großstämmig. Da sah er, daß er
in die Irre gegangen war, und wollte umkehren.
Er war ganz traumselig und erregt davon, daß er sich hatte verirren
können; und wie er so mitten in dem weglosen Wald stand, war er nicht
klar genug im Kopfe, um zu wissen, wohin er gehen müßte. Er schlug
zuerst eine Richtung ein und dann wieder eine andre. Endlich kam es ihm
in den Sinn, in seinen eignen Fußstapfen zurückzugehen, dann aber brach
die Dunkelheit herein, und er konnte die Fußstapfen nicht mehr finden.
Und höher und höher wurden die Bäume um ihn. Er mochte gehen, wie er
wollte, -- er merkte schon, daß er sich weiter und weiter vom Waldsaum
entfernte.
Es war rein wie verhext und verzaubert: den ganzen Abend mußte er hier
im Walde herumlaufen und kam gewiß zu spät zum Baden.
Er drehte die Mütze um und knüpfte sein Strumpfband anders, aber es
blieb ihm ebenso wirr im Kopfe wie zuvor, und es wurde ganz dunkel, und
er fing an zu glauben, daß er die Nacht über im Walde bleiben müßte.
Er lehnte sich an einen Tannenbaum und stand still, um seine Gedanken zu
sammeln. Mit diesem Walde war er doch so wohl vertraut. Er war hier so
viel umhergegangen, daß er fast jeden Baum kannte. Als Knabe war er hier
umhergelaufen und hatte die Schafe gehütet, war er auf Schleichwegen
gegangen und hatte den Waldvögeln Fallen gestellt. In seiner Jugend
hatte er mitgeholfen, den Wald zu fällen. Er hatte ihn abgeholzt
daliegen und er hatte ihn aufs neue wachsen sehen.
Endlich kam es ihm vor, als ob er wieder wüßte, wo er war, und er
glaubte, wenn er nur so und so ginge, müßte er auf den rechten Weg
kommen. Aber wie er auch ging, -- er kam nur tiefer und tiefer in das
Waldesdickicht.
Einmal fühlte er festen, glatten Boden unter dem Fuß, und da sagte er
sich, daß er nun endlich auf einen Weg gekommen wäre. Den versuchte er
nun weiterzugehen, denn ein Weg mußte doch irgendwohin führen. Aber nun
lief der Weg in eine Waldwiese aus, und da hatte das Schneegestöber
freien Spielraum, da gab es keinen Pfad mehr, -- nur Schneehaufen und
Schneegruben. Da sank dem Alten der Mut, und er fühlte sich als ein
armer Wicht, der draußen in der Wildnis sterben müßte.
Er begann es müde zu werden, sich durch den Schnee zu schleppen; und ein
Mal ums andre setzte er sich auf einen Stein, um auszuruhen. Aber sobald
er sich setzte, wurde er schläfrig, und er wußte, daß er erfrieren
mußte, wenn er einschlummerte. Darum versuchte er zu gehen und zu gehen,
-- das war ja das Einzige, was ihn retten konnte.
Aber wie er so ging, konnte er der Lust nicht widerstehen, zu rasten. Er
dachte, wenn er nur ruhen dürfte, fragte er gar nicht viel danach, ob es
ihn das Leben koste.
Es bereitete ihm ein solches Wohlgefühl, stillzusitzen, daß der
Todesgedanke ihn gar nicht beängstigte. Er empfand sogar eine Art
Freude, wenn er daran dachte, daß lange Personalien über ihn in der
Kirche verlesen werden würden, wenn er tot wäre. Er erinnerte sich, wie
schön der alte Propst über seinen Vater gesprochen hatte; und sicherlich
würde auch über ihn etwas Schönes gesagt werden. Es würde gesagt werden,
daß er den ältesten Bauernhof im Tale gehabt hätte, und es würde von der
Ehre gesprochen werden, die darin läge, einem so ansehnlichen Geschlecht
zu entstammen. Und auch von der Verantwortung würde die Rede sein.
Ja, ja. Verantwortung war bei der Sache, das hatte er immer gewußt. Man
mußte bis zum äußersten ausharren, wenn man einer von den Ingmarsöhnen
war.
Und plötzlich durchzuckte es ihn blitzartig, daß es nicht rühmlich für
ihn wäre, erfroren im wilden Walde gefunden zu werden. Das wollte er
nicht in seinem Nachruf haben. Und so stand er wieder auf und begann zu
wandern. Doch da hatte er so lange stillgesessen, daß ganze Schneemengen
sich aus seinem Pelze wälzten, als er sich zu rühren begann. Und nach
einem Weilchen saß er wieder da und träumte.
Jetzt kamen die Todesgedanken noch lockender zu ihm. Er dachte das ganze
Begräbnis durch und alle die Ehren, die seinem toten Leib erwiesen
werden würden. Er sah den großen Gastmahltisch im Festsaal des oberen
Stockwerkes gedeckt, den Propst und die Pröpstin auf dem Hochsitz, den
Richter mit der weißen Krause über der schmalen Brust, die Majorin in
schwarzer Seide, die dicke Goldkette viele Male um den Hals geschlungen.
Er sah alle Gastzimmer weiß bezogen, weiße Laken vor den Fenstern. Weiß
auf allen Möbeln. Tannenreisig auf dem Weg vom Hausflur bis hinab zur
Kirche. Und ein Backen und Schlachten und Brauen zwei Wochen vor dem
Begräbnis. Zwanzig Klafter Holz in vierzehn Tagen verheizt.
Die Leiche auf einer Bahre im innern Zimmer, Kohlendunst in den
frischgeheizten Stuben. Gesang an der Leiche, wenn der Sargdeckel
zugeschraubt wird, Silberplatten auf dem Sarge. Der Hof voll Gäste. Das
ganze Dorf in Bewegung, um das »Mitgebrachte« zu bereiten, alle
Kirchenhüte gebürstet, der ganze Herbstbranntwein beim Leichenschmaus
ausgetrunken, alle Wege voll von Menschen wie an einem Markttag.
Wieder fuhr der Alte auf. Er hatte sie beim Leichenschmaus von sich
sprechen hören. »Aber wie konnte er denn in dieser Weise erfrieren?«
fragte der Amtsrichter. »Was hatte er denn überhaupt oben im Hochwald zu
tun?« Und da antwortete der Kapitän, das habe wohl das Weihnachtsbier
und der Branntwein gemacht.
Und dies weckte ihn aufs neue. Die Ingmarsöhne waren nüchterne Leute. Es
sollte nicht von ihm heißen, er wäre in seiner letzten Stunde nicht bei
Sinnen gewesen. Er begann wieder zu gehen und zu gehen. Aber er war so
müde, daß er kaum auf den Füßen stehen konnte. Er war jetzt ganz hoch
oben im Walde, das merkte er; denn es war ein unwegsamer Boden voll von
großen Felsblöcken, wie sie weiter unten nicht zu finden waren. Er blieb
mit dem Fuß zwischen ein paar Steinen hängen, so daß er sich kaum
losmachen konnte; und nun stand er da und jammerte laut. Jetzt war es um
ihn geschehen.
Und plötzlich fiel er zu Boden in einen großen Reisighaufen. Er fiel
ganz weich auf Schnee und Reisig, so daß ihm kein Leid geschah; aber
jetzt konnte er nicht mehr aufstehen. Er wollte nichts andres mehr auf
dieser Welt als schlafen. Er schob das Reisig ein bißchen beiseite und
kroch hinein, als wäre es ein Fell. Aber wie er so den Körper unter die
Zweige schob, spürte er, daß dort drinnen im Haufen etwas lag, was warm
und weich war. »Hier liegt gewiß ein Bär und schläft,« dachte er.
Er fühlte, wie das Tier sich rührte, und hörte, wie es rings um sich
witterte. Er lag ganz still. Er dachte, seinethalben könne der Bär ihn
schon auffressen. Er vermochte kein Glied zu regen, um ihm zu entkommen.
Aber der Bär schien ihm, der in einer solchen Unwetternacht unter seinem
Dach Schutz suchte, nichts zuleide tun zu wollen. Er schob sich etwas
tiefer in seine Höhle, als wolle er dem Gast Platz machen, und gleich
darauf schlief er mit gleichmäßigen, sausenden Atemzügen.
* * * * *
Unterdessen hatten sie unten auf dem alten Ingmarshof nicht viel
Weihnachtsfreude gehabt. Den ganzen heiligen Abend hatten sie Ingmar
Ingmarson gesucht.
Zuerst waren sie im ganzen Wohnhaus und in allen Wirtschaftsgebäuden
umhergegangen. Sie hatten vom Boden bis zum Keller gesucht, dann waren
sie in die Nachbarhöfe gegangen und hatten dort nach Ingmar Ingmarson
gefragt.
Als sie ihn nirgends fanden, hatten Söhne und Schwiegersöhne sich auf
die Felder und Äcker hinaus begeben. Die Fackeln, die den
Kirchenwanderern auf dem Weg zur Weihnachtsmette hätten leuchten sollen,
wurden nun angezündet und in dem rasenden Schneegestöber auf allen Wegen
und Stegen umhergetragen. Aber der Wind hatte alle Spuren verweht, und
sein Heulen übertönte den Laut der Stimmen, wenn sie zu rufen und zu
schreien versuchten. Bis weit über Mitternacht waren sie draußen, aber
endlich sahen sie ein, daß sie bis zum Tagesanbruch warten müßten, wenn
sie den Verschwundenen finden wollten.
Kaum dämmerte das Morgenrot, so waren alle Leute im Ingmarshof wieder
auf den Beinen, und die Männer standen im Hofe, bereit, in den Wald
hinauszuziehen. Aber ehe sie sich noch aufgemacht hatten, kam die alte
Hausmutter und rief sie in die Wohnstube. Sie hieß sie, sich auf die
langen Bänke in der Stube setzen, und sie selbst setzte sich an den
Weihnachtstisch, mit der Bibel vor sich, und begann zu lesen. Und als
sie nach ihren schwachen Kräften gesucht hatte, was in einer solchen
Stunde angemessen wäre, da hatte sie die Geschichte von dem Manne
gefunden, der von Jerusalem gen Jericho ging und unter die Mörder fiel.
Sie las langsam und singend von dem armen Manne, dem der barmherzige
Samariter zu Hilfe kam. Söhne und Schwiegersöhne, Töchter und
Enkeltöchter saßen ringsumher auf den Bänken. Sie alle glichen ihr und
einander: groß und schwerfällig, mit häßlichen, altklugen Gesichtern,
denn alle waren sie von dem alten Stamm der Ingmarsöhne. Alle hatten sie
rötliches Haar, eine sommersprossige Haut und lichtblaue Augen mit
weißen Wimpern. Im übrigen konnten sie verschieden genug voneinander
sein, aber alle hatten sie einen strengen Zug um den Mund, schläfrige
Augen und ungelenke Bewegungen, als fiele ihnen alles schwer. Aber jedem
von ihnen konnte man doch ansehen, daß sie zu den ersten in der Gegend
gehörten und selbst wußten, daß sie vornehmer waren als die andern.
Alle Ingmarsöhne und Ingmartöchter seufzten bei dem Bibellesen tief. Sie
fragten sich, ob wohl ein Samariter den Hausvater gefunden und sich
seiner erbarmt hätte. Denn für alle Ingmarsöhne war es, als verlören sie
etwas von ihrer eignen Seele, wenn jemand, der zum Stamme gehörte, von
einem Unglück getroffen wurde.
Die alte Frau las und las und kam zu der Frage: »Welcher dünkt dich, der
unter diesen dreien der nächste sei gewesen, dem, der unter die Mörder
gefallen?«
Aber ehe sie noch die Antwort lesen konnte, ging die Tür auf, und der
alte Ingmar trat in die Stube.
»Mutter, Vater ist da,« sagte eine der Töchter, und es wurde nicht mehr
gelesen, daß des Mannes Nächster der gewesen war, der Barmherzigkeit an
ihm getan hatte.
* * * * *
Etwas später am Tage saß die Hausmutter wieder auf demselben Platz und
las in ihrer Bibel. Sie war allein. Die Frauen waren zur Kirche
gegangen, und die Männer waren auf der Bärenjagd im Hochwalde. Sowie
Ingmar Ingmarson gegessen und getrunken hatte, hatte er die Söhne
mitgenommen und war in den Wald auf die Bärenjagd gegangen. Denn es ist
nun einmal so, daß es eines Mannes Pflicht ist, den Bären zu fällen, wo
und wann er ihm auch begegnet. Es geht nicht an, einen Bären zu schonen;
denn früher oder später findet er doch Geschmack am Fleische und
verschont dann weder Mensch noch Tier.
Aber seit sie auf die Jagd gegangen waren, war eine große Angst über die
alte Hausmutter gekommen, und sie hatte zu lesen begonnen. Jetzt machte
sie sich daran, was an diesem Tage in der Kirche gepredigt wurde, aber
sie kam nicht weiter als bis zu dem Wort: »Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen.« Sie blieb sitzen und starrte mit ihren
erlöschenden Blicken diese Worte an, und von Zeit zu Zeit stieß sie
einen tiefen Seufzer aus. Sie las nicht weiter, sondern wiederholte nur
ein Mal ums andre mit langsamer schleppender Stimme: »Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen.«
Da kam der älteste Sohn in die Stube, als sie sich gerade aufs neue
durch diese Worte schleppte.
»Mutter,« sagte er sehr leise.
Sie hörte ihn, schlug aber die Augen nicht vom Buche auf, als sie
fragte: »Bist du nicht mit im Walde?«
»Doch,« sagte er noch leiser. »Ich bin dort gewesen.«
»Komm hierher zum Tisch,« sagte sie, »so daß ich dich sehen kann.«
Er kam näher, aber als ihr Blick auf ihn fiel sah sie, daß er zitterte.
Er mußte sich auf die Tischkante stützen, um die Hände still halten zu
können.
»Habt Ihr den Bären erlegt?« fragte sie wieder.
Jetzt konnte er nicht mehr antworten; er schüttelte nur den Kopf.
Die Alte stand auf und tat, was sie nicht getan hatte, seit der Sohn ein
Kind gewesen war. Sie ging auf ihn zu, legte liebkosend die Hand auf
seinen Arm, streichelte ihm die Wange und zog ihn auf die Bank. Dann
setzte sie sich neben ihn und hielt seine Hand in der ihren. »Sag mir
jetzt, was geschehen ist, mein Junge.«
Der Bursche erkannte die Liebkosung wieder, die ihn in den Jahren der
Kindheit getröstet hatte, wenn er unglücklich und hilflos war; und das
rührte ihn so tief, daß er zu weinen anfing. »Ich kann mir denken, daß
es etwas mit Vater ist,« sagte sie.
»Ja, aber es ist noch schlimmer,« schluchzte der Sohn.
»Noch schlimmer?«
Der Bursche weinte immer heftiger; er wußte nicht, wie er Macht über
seine Stimme bekommen sollte. Endlich hob er die grobe Hand mit den
breiten Fingern und wies auf die Stelle, die sie eben gelesen hatte:
»Friede auf Erden.«
»Hat es etwas damit zu tun?« fragte sie.
»Ja,« antwortete er.
»Mit dem Weihnachtsfrieden?«
»Ja.«
»Ihr wolltet heute morgen eine böse Tat tun.«
»Ja.«
»Und Gott hat uns gestraft?«
»Gott hat uns gestraft.«
Endlich erfuhr sie, wie es zugegangen war. Sie hatten die Bärenhöhle
gesucht, und als sie so nahe waren, daß sie den Reisighaufen sehen
konnten, waren sie stehen geblieben, um die Gewehre in Ordnung zu
bringen. Aber ehe sie noch fertig waren, kam der Bär aus der Höhle
gestürzt, gerade auf sie zu. Er sah weder nach rechts, noch nach links,
er kam gerade auf den alten Ingmar Ingmarson zu und versetzte ihm einen
Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte, als wäre er vom Blitz
getroffen. Aber niemand sonst fiel der Bär an, sondern stürzte an ihnen
vorbei in den Wald hinein.
* * * * *
Am Nachmittag fuhren Ingmar Ingmarsons Frau und Sohn in den Pfarrhof und
meldeten den Todesfall an. Der Sohn führte das Wort. Die alte Hausmutter
saß dabei und hörte zu, mit einem Gesicht, das regungslos war wie ein
Steinbild.
Der Pfarrer saß in seinem Lehnstuhl am Schreibtisch. Er hatte seine
Bücher hervorgenommen und den Todesfall aufgezeichnet. Er tat das ein
wenig langsam: er wollte Zeit haben, darüber nachzudenken, was er der
Witwe und dem Sohne sagen solle; denn dies war doch ein ungewöhnlicher
Fall. Der Sohn hatte ganz offen erzählt, wie alles sich zugetragen
hatte; doch der Pfarrer wollte gern wissen, wie sie selbst die Sache
auffaßten. Es waren sehr eigentümliche Menschen, die Leute vom
Ingmarhofe.
Als nun der Pfarrer das Buch zuschlug, sagte der Sohn: »Wir wollten Euch
auch sagen, Herr Pfarrer, daß wir keine Personalien über Vater verlesen
haben wollen.«
Der Pfarrer schob die Augengläser auf die Stirn und sah scharf forschend
zu der alten Frau hinüber. Sie saß ebenso regungslos da wie zuvor. Sie
zerknüllte nur das Taschentuch, das sie zwischen den Händen hielt.
»Wir werden ihn an einem Werktag begraben,« fuhr der Sohn fort.
»So, so, so, so,« sagte der Pfarrer. Es schwindelte ihm förmlich. Der
alte Ingmar Ingmarson sollte unter die Erde kommen, ohne daß jemand
darum wüßte. Die Dorfbewohner sollten nicht auf dem Hügel stehen und
sehen, mit welchem Staat er zu Grabe getragen würde.
»Wir werden keinen Leichenschmaus halten. Wir haben es den Nachbarn
mitgeteilt, damit sie kein >Mitgebrachtes< bereiten.«
»So, so, so, so,« sagte der Pfarrer abermals. Er konnte nichts andres
über die Lippen bringen. Er wußte wohl, was es für solche Leute
bedeutete, vom Leichenschmaus abzustehen. Er hatte gesehen, wie sehr es
Witwen und Vaterlose tröstete, einen stattlichen Leichenschmaus
abzuhalten.
»Und es wird auch kein Trauerzug sein, nur ich und meine Brüder gehen
mit.«
Der Pfarrer sah gleichsam Antwort heischend zu der Alten hinüber. Konnte
sie dem wirklich zustimmen? Er fragte sich, ob der Sohn auch ihren
Willen ausspräche. Sie saß ja da und ließ sich alles dessen berauben,
was ihr kostbarer sein mußte als Silber und Gold.
»Wir wollen kein Glockengeläute haben und keine Silberplatten auf dem
Sarge. Das wollen wir so, Mutter und ich. Aber wir sagen es Euch, Herr
Pfarrer, um zu hören, ob Ihr es als ein Unrecht gegen Vater anseht.«
Nun ergriff auch die Frau das Wort. »Ja, wir wollen wissen, ob Ihr
meint, Herr Pfarrer, daß es ein Unrecht gegen Vater sein kann.«
Der Pfarrer schwieg noch immer, und da fuhr die Frau eifrig fort: »Laßt
Euch sagen, Herr Pfarrer: hätte mein Mann sich gegen den König oder den
Vogt vergangen, und hätte ich ihn vom Galgen herunterschneiden müssen,
er würde doch ein ehrliches Begräbnis bekommen haben, wie sein Vater vor
ihm, denn die Ingmarsöhne fürchten niemand, und sie brauchen keinem aus
dem Wege zu gehen. Aber um die Weihnachtszeit hat Gott Friede gesetzt
zwischen Tieren und Menschen, und das arme Tier hielt Gottes Gebot, aber
wir brachen es, und darum sind wir jetzt unter Gottes Strafgericht. Und
es steht uns nicht an, in Prunk und Staat einherzugehen.«
Der Pfarrer stand auf und ging zu der Alten hin. »Es ist ganz recht, was
Ihr sagt,« antwortete er, »und Ihr sollt Euern eignen Willen haben.«
Und unwillkürlich fügte er hinzu, vielleicht mehr für sich selbst: »Die
Ingmare sind doch großangelegte Menschen.«
Bei diesen Worten richtete sich die Alte ein wenig empor. Und der
Pfarrer sah sie für einen Augenblick als das Sinnbild des ganzen
Stammes. Er begriff, was Jahrhundert um Jahrhundert diesen
schwerflüssigen und wortkargen Menschen die Macht gegeben hatte, die
Führer eines ganzen Kirchspiels zu sein.
»Es kommt den Ingmarsöhnen zu, dem Volke ein gutes Beispiel zu geben,«
sagte sie. »Es ist an uns, zu zeigen, daß wir demütig sind vor Gott.«