Das Mädchen vom Moorhof

1

Es ist in einem Thingsaal, weit draußen auf dem Lande. Am Richtertisch,

hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein großer, stark gebauter Mann

mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat

er einen Fall nach dem andern entschieden, und schließlich ist etwas wie

Überdruß und Düsterkeit über ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es

die Hitze und Schwüle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrückt, oder die

Schuld an dieser schlechten Laune die Beschäftigung mit allen diesen

kleinlichen Zwistigkeiten trägt, die aus keinem andern Grunde entstanden

zu sein scheinen, als um die Händelsucht und Unbarmherzigkeit und

Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.

Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute

durchgeführt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines

Erziehungsbeitrages.

Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das

Protokoll des früheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfährt man

fürs erste, daß die Klägerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte

ein verheirateter Mann.

Weiter geht aus dem Protokoll hervor, daß der Beklagte erklärt hat, die

Klägerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden

lassen. Er gibt zu, daß die Klägerin eine Zeitlang auf seinem Hof in

Dienst gestanden hat; er aber habe sich während dieser Zeit in keinerlei

Liebeshändel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche

Unterstützung von ihm zu begehren. Die Klägerin jedoch hat an ihrer

Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist

dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht

verurteilt werden wolle, der Klägerin die verlangte Unterstützung zu

zahlen.

Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem

Gerichtstisch. Die Klägerin ist sehr jung und sieht ganz verschüchtert

aus. Sie weint vor Scham und trocknet mühsam ihre Tränen mit einem

zusammengeknüllten Taschentuch; es scheint, als könne sie es nicht

auseinanderfalten. Sie trägt schwarze Kleider, die ziemlich neu und

ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, daß man versucht ist,

zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anständig vor Gericht

erscheinen zu können.

Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, daß er ein

wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein

zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl

steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als

fände er ein besonderes Vergnügen daran, da zu stehen, aber er macht

auch durchaus keinen befangnen Eindruck.

Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten

und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,

den Eid zu schwören.

Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er

fängt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des

Pfarrers darüber hervor, daß er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides

kenne und kein Hinderungsgrund für ihn vorliege, ihn zu schwören.

Während dieser ganzen Zeit hat die Klägerin nicht aufgehört zu weinen.

Sie scheint unüberwindlich scheu zu sein und hält die Augen hartnäckig

zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, daß

sie dem Beklagten ins Gesicht sehen könnte.

Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar

Schritte näher an den Richterstuhl heran, als hätte sie etwas

einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht möglich,

scheint sie zu sich selbst zu sagen, er könne nicht Ja gesagt haben. --

Ich habe nicht recht gehört ...

Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem

Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,

um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.

Die Klägerin hört, daß jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie

zwingt sich, den Blick so weit zu heben, daß sie über den Tisch hinsehen

kann, und da bemerkt sie, daß der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.

Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie

hält sich wieder zurück. -- Es ist ja nicht möglich, daß er den Eid

ablegt. Der Richter muß ihn doch daran hindern.

Der Richter war ein so kluger Mann, und er wußte gar wohl, was die Leute

in seiner Heimat dachten und fühlten. Er müßte doch wissen, wie streng

alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe

betrifft. Sie kannten keine ärgere Sünde als die, die sie begangen

hatte. Würde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es

nicht wahr gewesen wäre? Der Richter könnte wohl wissen, welche

furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung

allein, sondern auch alles mögliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst

nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten

sie kaum in ihrer Hütte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie

hinauszuwerfen. Nein, der Richter müßte wohl begreifen, daß sie keine

Unterstützung von einem verheirateten Mann verlangt hätte, wenn ihr kein

Recht darauf zustünde.

Der Richter könnte doch nicht glauben, daß sie in einer solchen Sache

lüge, daß sie so furchtbares Unglück auf sich herabbeschworen hätte,

wenn sie einen andern hätte anklagen können als einen verheirateten

Mann. Und wenn er dies wüßte, müßte er den Eid doch verhindern.

Sie sieht, daß der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein

paarmal durchliest. Darum fängt sie zu glauben an, daß er eingreifen

werde.

Es ist auch richtig, daß der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet

seine Blicke ein paarmal auf die Klägerin, aber dabei wird der Ausdruck

des Ekels und des Überdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer

deutlicher. Es sieht aus, als wäre er ungünstig gegen sie gestimmt.

Selbst wenn die Klägerin die Wahrheit spricht, -- sie ist ja doch eine

schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme für sie

empfinden.

Es kommt manchmal vor, daß der Richter in einen Prozeß eingreift als ein

guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behütet, sich ganz und

gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er müde und unlustig, und er

denkt an nichts andres, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu

lassen.

Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er

hoffe, daß dieser die verhängnisvollen Folgen eines falschen Schwurs

genau bedacht habe. Der Beklagte hört ihn mit derselben Ruhe an, die er

die ganze Zeit über an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und

nicht ohne Würde.

Die Klägerin hört dies mit dem äußersten Schrecken. Sie macht ein paar

heftige Bewegungen und preßt die Hände zusammen. Nun will sie vor dem

Richterstuhl sprechen. Sie kämpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer

Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnürt. Das

Ende ist doch, daß sie kein hörbares Wort hervorbringen kann.

Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird

ihn hindern, seine Seele zu verschwören.

Bis dahin hat sie nicht glauben können, daß es geschehen würde. Aber

jetzt packt sie die Gewißheit, daß es unmittelbar bevorsteht, daß es im

nächsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel

überwältigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemächtigt

sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die

Augen erstarren ihr im Kopfe.

Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwören.

Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, -- deshalb

darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.

Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas

Geheimnisvolles und Gräßliches um diese Sünde. Es gibt keine Gnade,

keine Vergebung für sie. Die Tore des Abgrundes öffnen sich von selbst,

wenn der Name des Meineidigen genannt wird.

Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben hätte, -- sie hätte

gefürchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt

zu sehen, ihm aufgeprägt von Gottes Zorn.

Während sie so dasteht und immer größere Angst sich ihrer bemächtigt,

hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel

zu legen hat. Dann schlägt der Richter im Gesetzbuch nach, um die

Eidesformel zu finden.

Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen

Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich über

den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.

Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurückgehalten. Sie

glaubt, daß er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen

werde.

Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht

hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann

macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen könne.

Und der Beklagte fängt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht

einen kleinen Fehler, so daß der Richter von vorn anfangen muß.

Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt weiß sie,

daß er falsch schwören, daß er Gottes Zorn für das zukünftige Leben auf

sich herabschwören will.

Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hände. Und es ist

alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.

Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind

lag im Sterben. An wen sonst hätte sie sich um Hilfe wenden sollen?

Nie hätte sie auch geglaubt, daß er eine so schreckliche Sünde begehen

könnte.

Jetzt hat der Richter den Eid noch ein Mal vorgesprochen. In wenigen

Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine

Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelöscht werden kann.

Gerade als der Beklagte anfängt, den Eid nachzusprechen, stürzt sie vor,

schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reißt die Bibel an

sich.

Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine

Seele nicht verschwören. Er darf nicht.

Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und

ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem

Gericht zusammenhängt, und sie glaubt, daß, was sie jetzt getan hat, sie

auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es

auch kosten möge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwören

will, läuft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm

Widerstand.

»Du darfst den Eid nicht schwören!« ruft sie. »Du darfst nicht!«

Was jetzt vorgeht, erweckt natürlich das größte Staunen. Die

Versammelten drängen zum Richtertisch, die Geschwornen erheben sich, der

Protokollführer springt auf, das Tintenfaß in der Hand, damit es nicht

umgestürzt werde.

Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: »Ruhe!« und alle die

Menschen bleiben regungslos stehen.

»Was fällt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen?« fragt der

Richter die Klägerin mit harter und strenger Stimme.

Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,

ist ihre Beklommenheit gewichen, so daß sie antworten kann: »Er darf den

Eid nicht ablegen!«

»Sei still und gib das Buch zurück!« ruft der Richter.

Aber sie gehorcht nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Händen.

»Er darf den Eid nicht ablegen!« ruft sie mit ungezügelter Heftigkeit.

»Ist es dir so sehr darum zu tun, den Prozeß zu gewinnen?« fragt der

Richter in immer schärferem Ton.

»Ich will die Klage zurückziehen!« ruft sie mit lauter, schneidender

Stimme. »Ich will ihn nicht zwingen, zu schwören!«

»Was schreist du da?« fragt der Richter. »Hast du den Verstand

verloren?«

Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hört

selbst, wie sie schreit. Der Richter muß wohl glauben, daß sie toll

geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen

kann. Noch einmal kämpft sie mit sich selbst, um Macht über ihre Stimme

zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,

während sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:

»Ich will die Klage zurückziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich

hab ihn noch lieb. Ich will nicht, daß er falsch schwört!«

Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem

Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hände auf

den Tisch gestützt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.

Während der Richter sie betrachtet, geht eine große Veränderung mit ihm

vor. Alle Schlaffheit und Mißvergnügtheit, die in seinen Zügen gelegen

hat, schwindet, und das große, grobe Gesicht wird durch die Rührung

geradezu schön. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.

Ich will mich nicht darüber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten

so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.

Plötzlich aber spürt der Richter, daß seine Augen sich mit Tränen

füllen, und da zuckt er beinahe beschämt zusammen und wirft einen

raschen Blick um sich. Da sieht er, daß die Schreiber und die

Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt

haben, um das Mädchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die

Bibel an die Brust gepreßt. Und er sieht einen Schimmer auf ihren

Gesichtern, als hätten sie etwas richtig Schönes gesehen, das sie bis in

das tiefste Herz erfreut hat.

Hierauf sieht der Richter auch über das versammelte Volk hin, und ihm

ist, als säßen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als hätten sie

gerade jetzt das gehört, wonach sie sich am meisten sehnten.

Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der

mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.

Der Richter wendet sich abermals an das arme Mädchen. »Es soll so sein,

wie du es willst,« sagt er. »Die Klage wird zurückgezogen,« diktiert er

dem Protokollführer.

Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.

»Was denn? Was denn?« schreit ihn der Richter an. »Hast du vielleicht

etwas dagegen?« Der Beklagte läßt den Kopf noch tiefer sinken und sagt

dann kaum hörbar: »Ach nein, es ist wohl am besten so.«

Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den

schweren Stuhl zurück, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur

Klägerin hin.

»Ich danke dir,« sagt er und reicht ihr die Hand.

Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet

die Tränen mit dem zusammengerollten Taschentuch.

»Ich danke dir,« sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so

leicht und behutsam, als wäre sie etwas gar Feines und Kostbares.

2

Niemand darf glauben, daß das Mädchen, das eine so schwere Stunde vor

dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas

Rühmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, daß sie vor der ganzen

Gemeinde beschämt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, daß

der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschüttelt hatte.

Sie glaubte, dies bedeutete nur, daß die Verhandlung zu Ende sei, und

sie ihrer Wege gehen könne.

Sie sah auch nicht, daß die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und

daß ihr mehrere die Hand drücken wollten. Sie schlich sich nur davon und

wollte fort. Aber unten an der Tür herrschte ein großes Gedränge. Der

Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drückte sich

an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verließ. Sie

meinte, daß alle andern vor ihr hinausgehen müßten.

Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wägelchen

angespannt vor der Freitreppe. Gudmund saß darin, die Zügel in der Hand,

und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das

aus dem Thingsaal strömte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: »Komm her,

Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.«

Aber obgleich sie ihren Namen hörte, -- sie konnte nicht glauben, daß er

sie rief. Es war nicht möglich, daß Gudmund Erlandsson sie kutschieren

wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und

schön und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte

nicht glauben, daß er etwas mit ihr zu tun haben wolle.

Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm

vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.

»Hörst du nicht, Helga, daß du mit mir fahren kannst?« fragte Gudmund,

und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte

es nicht in ihren Kopf hineinbringen, daß Gudmund es gut mit ihr meine.

Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und

wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu

hören. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief

vom Thingplatz fort, um außer Hörweite zu sein, wenn das Lachen begänne.

Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der

Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen großen Hof und war nicht

vermögend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing

gefahren, um einige Urkunden für seinen Vater zu holen, aber da er noch

eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein

hergerichtet. Er hatte das neue Wägelchen genommen, dessen Lackierung

keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide

glänzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote

Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem

kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln

geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein

Feiertagsgewand, aber er wußte, daß er männlich und stattlich darin

aussah.

Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen

gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war

ihm nicht lang erschienen. Als er ungefähr auf halbem Wege war, fuhr er

an einem armen Mädchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als

könnte es vor Müdigkeit kaum einen Fuß vor den andern setzen. Es war

Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei

jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin

sie gehe, und als er erfuhr, daß sie zum Thing wolle, bot er ihr an,

mitzufahren. Sie dankte und stieg rückwärts auf den Wagen, auf das

schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte

sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berühren. Es war auch

nicht seine Absicht gewesen, daß sie sich neben ihn setze. Er wußte

nicht, wer sie wäre, aber er vermutete, daß sie die Tochter irgendeines

armen Kleinhäuslers wäre, und fand, es sei wohl genug Ehre für sie, wenn

sie rückwärts aufsitzen dürfte.

Als sie an einen Hügel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte,

begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heiße, und wo sie

daheim sei. Als er hörte, daß sie Helga hieß und von einem Waldgütchen

stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. »Bist

du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst,« fragte er. Das letzte

Jahr wäre sie daheim gewesen, früher hätte sie einen Dienstplatz gehabt.

»Bei wem denn?« fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure

es lange bis die Antwort kam. »Im Sternhof, bei Per Martensson,« sagte

sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht

gehört werden. Aber Gudmund verstand sie doch. »Ja so, du bist also

die,« sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,

richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.

Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut

über den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein

Weilchen verhielt sich das Mädchen still, aber bald fühlte Gudmund seine

Hand auf seinem Arm. »Was willst du?« fragte er, ohne den Kopf zu

wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen könne. »Ach, warum

denn?« sagte Gudmund in verächtlichem Tone. »Fährst du nicht gut?« --

»Ja, danke, aber ich gehe doch lieber.« Gudmund kämpfte ein wenig mit

sich selbst. Es war ärgerlich, daß er gerade an diesem Tage eine solche

wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, daß er

sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder

vertreiben könnte. »Halte, Gudmund,« sagte das Mädchen noch einmal. Sie

sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zügel an. -- »Wenn sie

durchaus aussteigen will,« dachte er, »brauche ich sie doch nicht zu

zwingen, gegen ihren Willen zu fahren.« Sie war schon unten auf der

Straße, bevor noch das Pferd ganz stehen geblieben war. -- »Ich glaubte,

du wußtest, wer ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren,« sprach

sie, »sonst wäre ich gar nicht eingestiegen.« Gudmund sagte kurz: »Behüt

Gott!« und fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, daß er

sie kenne. Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind

gesehen; aber sie hatte sich verändert, seit sie herangewachsen war.

Zuerst war er sehr froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmählich

begann er mit sich selbst unzufrieden zu werden. Er hätte kaum anders

handeln können, aber er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.

Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog

er von der Straße ab, fuhr ein enges Gäßchen hinaus und kam zu einem

prächtigen großen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, öffnete

sich die Eingangstür, und eine der Töchter zeigte sich auf der Schwelle.

Gudmund zog den Hut und grüßte, und dabei huschte eine leichte Röte über

sein Gesicht. »Ich möchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,«

sagte er. -- »Nein, Vater ist zum Thing gefahren,« antwortete die

Tochter. -- »So, so, ist er schon fort?« sagte Gudmund. »Ich bin

hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren

möchte. Ich will auch zum Thing.« -- »Ach, Vater ist immer so

überpünktlich,« klagte die Tochter. -- »Es ist ja weiter kein Schade

geschehen,« sagte Gudmund. -- »Vater wäre gewiß gern mit einem so

prächtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren,« sagte das

Mädchen freundlich. Gudmund lächelte ein wenig, als er das Lob hörte.

-- »Ja, da muß ich also wieder abziehen,« sagte er. -- »Du willst nicht

hereinkommen, Gudmund?« -- »Danke schön, Hildur, aber ich muß ja zum

Thing. Ich darf nicht zu spät kommen.«

Gudmund fuhr nun gerades Wegs zum Thinghause. Er war sehr vergnügt und

dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schön, daß

gerade Hildur herausgekommen war, und daß sie den Wagen und die Decke

und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles

bemerkt.

Es war das erste Mal, daß Gudmund auf einem Thing war. Er fand, daß es

da sehr viel zu hören und zu erfahren gäbe, und blieb den ganzen Tag

dort. Er saß im Thingsaal, als Helgas Sache geführt wurde, und sah, wie

sie die Bibel an sich riß und Gerichtsdienern und Richter standhielt.

Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrückt hatte,

stand Gudmund hastig auf und verließ den Saal. Rasch spannte er das

Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, daß Helga sehr

tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so

verschüchtert, daß sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor

der Ehre, die ihr zugedacht war, flüchtete.

An demselben Tag kam Gudmund spät abends zum Moorhof. Das war ein

kleines Gehöft auf dem Abhang des bewaldeten Hügels, der das Kirchspiel

abschloß. Der Weg, der hinführte, war nur im Winter bei Schlittenbahn

fahrbar, und Gudmund hatte zu Fuß gehen müssen. Es war ihm recht sauer

geworden, vorwärts zu kommen. Fast hätte er sich an Stock und Stein die

Beine gebrochen, auch hatte er Bäche durchwaten müssen, die den Pfad an

mehreren Stellen durchschnitten. Wäre nicht Vollmond gewesen, so hätte

er überhaupt nicht hinfinden können; und er dachte, daß das ein

beschwerlicher Weg wäre, den Helga an diesem Tag hatte gehen müssen.

Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Höhe des

Hügels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals

unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn genügend, um zu wissen, daß er

richtig gegangen war.

Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht

und sehr schwer zu übersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr

und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehöft umgab. Die Hütte

selbst stand am oberen Rand der Einzäunung. Davor breitete sich ein

abschüssiger Hof aus, mit kurzem, grünem Gras bewachsen, und unterhalb

des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grünem

Torfdach. Es war ein geringes und ärmliches Anwesen, aber es ließ sich

nicht leugnen, daß es dort oben schön war. Das Moor, nach dem das

Gütchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nähe und sandte Nebel

empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglänzend heranwälzten

und einen Kranz um den Hügel bildeten. Der höchste Gipfel ragte noch aus

dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich

scharf gegen den Himmel ab. Unten über dem Tal lag der Mondschein so

hell, daß man die Felder und Gehöfte und einen geschlängelten Bach

unterscheiden konnte, über dem der Nebel wie der leichteste Duft

schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, daß

das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehörte,

nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem

Waldgut hausten, immer unter diesen Bäumen gehen müßten. Sie konnten

unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhähne und Bergeulen und

Luchse und Heidelbeerkraut.

Gudmund ging über die Wiese auf die Hütte zu. Durch das Fenster drang

Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick

hinein, um zu sehen, ob Helga in der Hütte wäre. Auf einem Tisch am

Fenster brannte ein kleines Lämpchen, und davor saß der Hausvater und

flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem

ein schwaches Feuer brannte, saß die Hausmutter. Sie hatte den

Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehört, um mit einem

kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man

hörte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte.

Ihr Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;

aber wie sie sich so über das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen

sanften Ausdruck, und sie lächelte dem Kleinen ebenso zärtlich zu wie

nur seine eigene Mutter.

Gudmund spähte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der

Hütte entdecken. Da schien es ihm am besten, draußen zu bleiben, bis sie

käme. Er wunderte sich, daß sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wäre

sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen

Imbiß zu nehmen? Aber bald müßte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor

Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.

Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten

aus. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob

ihn nie vorher eine solche Stille umgeben hätte. Es war, als hielte der

ganze Wald den Atem an und stünde da und wartete auf etwas Merkwürdiges.

Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein

Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. »Ich möchte

wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, daß ich hier bin,«

dachte Gudmund. »Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und

sich die ganze Nacht nicht heimwagen.«

Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, daß er nun auf einmal

soviel mit dieser Häuslerdirne zu schaffen hatte.

Als er vom Thing heim kam, war er wie gewöhnlich zu seiner Mutter

hineingegangen, ihr alles zu erzählen, was er während des Tages erlebt

hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer

verstanden, gegen den Sohn so zu sein, daß er noch ebensoviel Vertrauen

zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und

konnte nicht gehen, sondern saß den ganzen Tag still in ihrem Lehnstuhl.

Es war immer eine gute Stunde für sie, wenn Gudmund von einer Reise

heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.

Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzählte, sah er, daß die Mutter

gedankenvoll wurde. Lange saß sie stumm da und sah gerade vor sich hin.

»Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mädchen zu stecken,« sagte sie

dann. »Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglück gekommen

ist. Es kann wohl sein, daß sie sich dem, der ihr jetzt beistünde,

dankbar erweisen würde.«

Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht

mehr selbst helfen, sondern mußte beständig jemand um sich haben, der

ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der

auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht

leicht zu befriedigen, und außerdem wollten alle jungen Mägde lieber

eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es

sicherlich der Mutter eingefallen, daß sie die Helga vom Moorhof in

Dienst nehmen könnte, und Gudmund fand, daß dies ein guter Vorschlag

sei. Helga würde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wäre wohl

möglich, daß ihnen auf diese Weise für lange geholfen wäre.

»Am schwersten wird es mit dem Kinde sein,« sagte die Mutter nach einer

Weile, und Gudmund begriff, daß sie ernsthaft an die Sache dachte. --

»Das muß wohl bei den Großeltern bleiben,« sagte Gudmund. -- »Es ist

nicht ausgemacht, daß sie sich von ihm trennen will.« -- »Sie wird es

sich abgewöhnen müssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.

Ich finde, daß sie förmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem

Moorhof ist wohl Schmalhans Küchenmeister.«

Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu

sprechen. Man merkte, daß ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie

verhinderten, einen Entschluß zu fassen.

Gudmund begann nun zu erzählen, wie er den Amtmann auf Älvåkra

aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie über das

Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, daß er

sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergnügt. Wie sie

so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl saß, war es ihre stete Beschäftigung,

Pläne für die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf

den Gedanken verfallen, daß er es versuchen solle, um die schöne

Amtmannstochter zu werben. Das war die prächtigste Heirat, die er

machen konnte. Der Amtmann war ein richtiger Großbauer. Er hatte den

größten Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war

eigentlich töricht, zu hoffen, daß er sich mit einem Eidam begnügen

würde, der kein größeres Vermögen hatte als Gudmund, aber es war

immerhin möglich, daß er sich nach dem richtete, was seine Tochter

wollte. Und daß Gudmund Hildur gewinnen könnte, wenn er es nur wollte,

davon war die Mutter fest überzeugt.

Dies war das erste Mal, daß Gudmund die Mutter merken ließ, wie der

Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes

und breites von Hildur und von allen den Reichtümern und Vorteilen, die

dem zufallen würden, der sie einmal bekäme. Aber bald stockte das

Gespräch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grübeleien versunken

war. »Könntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich möchte sie doch

sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme,« sagte sie schließlich. --

»Das ist schön, daß du dich ihrer annehmen willst, Mutter,« entgegnete

Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekäme, mit

der sie zufrieden wäre, würde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres

Leben führen. »Du wirst sehen, daß du mit dem Mädchen zufrieden sein

wirst,« fuhr er fort. -- »Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer

anzunehmen,« sagte die Mutter.

Als es zu dämmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund

ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schönes Wetter,

die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein übergossen da.

Da fiel es ihm ein, daß er schon heute in den Moorhof gehen und die

Botschaft der Mutter bestellen könne. Wäre morgen schönes Wetter, dann

würde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, daß weder er noch

irgend ein andrer Zeit hätte, hinzugehen.

Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hörte er zwar keine

Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abständen die

Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes

Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu

merken, daß die Laute von dem Schuppen herkämen, und ging auf diesen zu.

Als er sich näherte, hörte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, daß

sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff

Gudmund, wer dort drinnen war. »Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt

und weint?« rief er und stellte sich in die Türöffnung, damit das

Mädchen nicht entwischen könnte, ehe er mit ihm gesprochen hätte.

Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war

Helga, die da saß und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu

unterdrücken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhört, und seiner

Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wußte, daß er

sie nicht sehen konnte.

Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, daß es ihr

nicht leicht fiel, die Tränen zurückzudrängen. Sie war noch nicht in der

Hütte gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrüßt. Sie hatte nicht

den Mut dazu gehabt. Als sie in der Dämmerung den steilen Hügel

hinaufstieg und daran dachte, daß sie den Eltern jetzt sagen müßte, sie

habe keinen Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte

sie solche Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie

ihr sagen würden, daß sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte

draußen zu bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt hätten; dann brauchte

sie vielleicht nicht vor dem nächsten Tage von der unglückseligen Sache

zu sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber

während sie so dasaß und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu

Bewußtsein, wie unglücklich und ausgestoßen sie war. Alle Schmach und

Angst, die sie hatte erleiden müssen, und alle Schmach und Angst, die

ihrer noch harrten, stand vor ihr und drückte sie mit Bleischwere zu

Boden. Sie weinte über sich selbst, darüber, daß sie so elend war, und

daß niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie

einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.

Je mehr sie sich gemüht hatte, in die Höhe zu kommen, desto tiefer war

sie gesunken. Alle Büsche und Sträucher, nach denen sie gegriffen,

hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen

versuchte, um sich aufrechtzuhalten, ließ sie im Stich. Niemand wollte

ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schließlich

ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam

niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewiß ihre Bestimmung, zugrunde zu

gehen.

Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:

das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm

hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so

elend wäre, daß kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann

könnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wäre auch für

das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es

gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber

wenn Helga einmal für immer aus dem Wege wäre, dann würde sich die

Großmutter des Kindes wohl so annehmen, als wäre es ihr eigenes.

Sie begriff nicht, daß sie mitten in ihrem größten Elend etwas getan

hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung über sie gegeben würde.

Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, daß das Moor der einzige

Zufluchtsort für sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr

weinte sie.

Es war darum nicht so leicht für sie, die Tränen zu unterdrücken. Es

dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.

Gudmund war nichts verhaßter, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die

größte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich

nun einmal die Mühe gemacht hätte, zur Hütte hinaufzuklettern, müßte er

seinen Auftrag auch ausführen.

»Was ist dir denn?« sagte er in barschem Ton zu Helga. »Warum gehst du

nicht ins Haus?« -- »Ach, ich getraue mich nicht,« antwortete Helga, und

ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ich getraue mich nicht.«

»Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen

Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor

deinen leiblichen Eltern Angst haben.« -- »O ja, o ja, die sind viel

schlimmer als alle andern.« -- »Warum sollten sie denn gerade heute so

böse sein?« -- »Ich bekomme ja kein Geld.« -- »Na, du bist doch ein so

tüchtiges Mädel, daß du für dich und dein Kind das Brot verdienen

kannst.« -- »Ja, aber mich will doch niemand nehmen.«

Plötzlich fiel es Helga ein, daß die Eltern ihre Stimmen hören und

herauskommen und fragen könnten, wer da spräche. Und dann wäre sie

gezwungen, ihnen alles zu erzählen. Dann könnte sie sich nicht in das

Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund

vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie

fest. -- »Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen

habe.« -- »Laß mich gehen,« rief sie und blickte ihn wild an. -- »Du

siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest,« sagte er; denn jetzt

stand sie draußen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. --

»Ja, das würde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das täte,«

sagte Helga und warf dabei den Kopf zurück und sah ihm gerade in die

Augen. »Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rückwärts auf deinem

Wagen mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mußt

du doch selbst einsehen, daß es für solch ein armes Wurm, wie mich, am

besten ist, wenn ich ein Ende mache.«

Gudmund wußte nicht, was er beginnen solle. Er wünschte sich weit weg,

aber er fühlte auch, daß er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht

verlassen konnte. »Hör mich jetzt an! Versprich nur, daß du anhörst, was

ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen, wohin du willst.« -- Ja,

das versprach sie. -- »Kann man hier nirgends sitzen?«

»Drüben steht doch der Hackblock.« -- »Also geh hin und setze dich und

sei still!« Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. -- »Weine jetzt

nicht mehr!« sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht über sie

zu gewinnen. Aber das hätte er nicht sagen sollen, denn sie ließ

sogleich den Kopf in die Hände sinken und weinte heftiger denn je.

»Weine nicht!« sagte er und war nahe daran, mit dem Fuß auf die Erde zu

stampfen. »Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir.« --

»Nein, keinem kann es schlechter gehen.« -- »Du bist jung und gesund, du

solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so

geplagt, daß sie sich nicht rühren kann, aber sie klagt nie.« -- »Sie

ist nicht so verlassen von allen wie ich.« -- »Du bist auch nicht

verlassen. Ich habe mit Mutter über dich gesprochen, und Mutter hat mich

zu dir geschickt.« Das Schluchzen hörte auf. Man vernahm gleichsam das

große Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas

Wunderbares wartete. »Ich soll dir bestellen, daß du morgen zu Mutter

kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen, ob du zu

uns in Dienst gehen willst.« -- »Das will sie mich fragen?« -- »Ja, aber

zuerst will sie dich sehen.« -- »Weiß sie, daß ...?« -- »Sie weiß

ebensoviel von dir wie alle andern.«

Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mädchen auf, und

im nächsten Augenblick fühlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er

erschrak förmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureißen. Aber

dann faßte er sich und blieb stehen. Er begriff, daß das Mädchen so

außer sich vor Freude war, daß sie nicht wußte, was sie tat; in diesem

Augenblick hätte sie sich dem ärgsten Schurken an den Hals werfen

können, nur um in dem großen Glück, das über sie gekommen war, ein klein

wenig Mitgefühl zu finden.

»Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben

bleiben!« sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte

wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. »Ich kann dir jetzt sagen, daß

es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen,« sagte sie. »Ich danke dir,

daß du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet.« Gudmund hatte

bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fühlte er, wie sich etwas

warm und zärtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr

übers Haar. Da zuckte sie zusammen, als hätte er sie aus einem Traum

geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. »Ich danke dir, daß

du gekommen bist!« sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im

Gesicht geworden, und er errötete auch.

»Ja, so kommst du also morgen zu uns,« sagte er und streckte die Hand

aus, um ihr Lebewohl zu sagen. -- »Ich werde nie vergessen, daß du heute

abend zu mir gekommen bist,« sagte Helga, und die große Dankbarkeit

bekam die Oberhand über ihre Befangenheit. »Ach ja, es ist vielleicht

ganz gut, daß ich da war,« sagte er ruhig, fühlte sich aber doch recht

zufrieden mit sich selbst. -- »Jetzt gehst du doch ins Haus?« sagte er.

-- »Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.«

Gudmund hatte plötzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an

einem hat, dem man hat helfen können. Er stand da und zauderte und

wollte nicht gehen. »Ich möchte dich gern unter Dach und Fach sehen,

bevor ich gehe.« -- »Ich dachte, sie sollten sich lieber erst

niederlegen, bevor ich hineingehe.« -- »Nein, du mußt gleich gehen,

damit du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst,« sagte er und

fand es recht vergnüglich, so für sie zu sorgen.

Sie ging sogleich auf die Hütte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und

stolz, daß sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie

sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,

als sie ihm nachkam. »Bleib hier draußen stehen, bis ich drinnen bin! Es

geht leichter, wenn ich weiß, daß du draußen bist.« -- »Ja,« sagte er,

»ich werde hier bleiben, bis du das Ärgste überstanden hast.«

Nun öffnete Helga die Hüttentür, und Gudmund merkte, daß sie sie leicht

angelehnt ließ. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem

Helfer fühle, der dort draußen stand. Er machte sich auch kein Gewissen

daraus, alles zu hören und zu sehen, was drinnen in der Hütte geschah.

Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter

legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte

einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.

»Bist du da? Setz dich jetzt und iß,« sagte sie. Dann ging sie zum Herd

und legte ein Stück Holz nach. »Ich habe das Feuer nicht ausgehen

lassen, damit du dir die Kleider trocknen und dich erwärmen kannst, wenn

du kommst. Aber iß jetzt zuerst! Das hast du wohl am nötigsten.«

Helga war die ganze Zeit an der Tür stehen geblieben. »Ihr sollt mich

nicht so gut aufnehmen, Mutter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Ich

bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Unterstützung verzichtet.«

»Es ist heute Abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und

gehört hat, wie es dir ergangen ist,« sagte die Mutter. »Wir wissen

alles.«

Helga blieb an der Tür stehen und machte, als wüßte sie weder aus noch

ein.

Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und

räusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend

überdacht hatte. »Es ist nämlich so, Helga,« sagte er: »Mutter und ich,

wir wollten immer anständige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es

uns vorgekommen, als ob du Unehre über uns gebracht hättest. Es war so,

als hätten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Böse zu

unterscheiden. Aber als wir nun hörten, was du heute getan hast, da

sagten wir uns, Mutter und ich, daß die Leute jetzt doch sehen können,

daß du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, daß wir

vielleicht auch noch Freude an dir erleben können. Und Mutter wollte

nicht, daß wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine

ordentliche Heimkehr hast.«

3

Helga vom Moorhof kam jetzt nach Närlunda, und da ging alles gut. Sie

war willig und anstellig und dankbar für jedes freundliche Wort, das man

ihr sagte. Sie fühlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie

vordrängen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie

lieb gewonnen.

In den ersten Tagen sah es aus, als fürchte sich Gudmund, mit Helga zu

sprechen. Er hatte Angst, daß das Mädchen sich etwas einbilde, weil er

ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unnötige Sorge. Helga

hielt ihn für viel zu herrlich und hoch, als daß sie gewagt hätte, ihre

Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, daß er sie nicht

fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.

In demselben Herbst, da Helga nach Närlunda kam, machte Gudmund viele

Besuche bei der Familie des Amtmanns auf Älvåkra, und es wurde viel

darüber gesprochen, daß er alle Aussicht hätte, dort im Hause

Schwiegersohn zu werden. Volle Gewißheit, daß seine Werbung Erfolg

hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der

Amtmann mit Frau und Tochter nach Närlunda, und es war ganz klar, daß

sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen würde,

wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.

Das war das erste Mal, daß Helga das Mädchen, welches Gudmund heimführen

wollte, aus der Nähe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig

Jahre, aber das Merkwürdige an ihr war, daß niemand sie ansehen konnte,

ohne zu denken, welche stattliche und prächtige Hausmutter einmal aus

ihr werden würde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schön,

und sah aus, als wenn sie gerne für viele um sich zu sorgen hätte. Sie

war nie scheu oder verschüchtert, sondern sprach viel und schien alles

besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in

der Stadt zur Schule gegangen und trug die schönsten Kleider, die Helga

je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden

Eindruck. Reich und schön, wie sie war, hätte sie wohl jeden Tag einen

Mann von Stand heiraten können, aber sie sagte immer, sie wolle keine

feine Dame werden und mit den Händen im Schoß dasitzen. Sie wollte einen

Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Bäuerin.

Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,

der so prächtig aufgetreten wäre. Sie hätte nicht geglaubt, daß ein

Mensch in allen Stücken so vollkommen sein könnte. Und es däuchte sie

ein großes Glück, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.

Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn

Helga an den Tag zurückdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die

Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee

gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des

Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht

das Mädchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so

daß Helga die Frage deutlich hörte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und

da hatte die andre etwas geantwortet, was Helga nicht hören konnte. Aber

es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fände, daß sie eine

solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel Kummer,

aber sie suchte sich damit zu trösten, daß es die Mutter und nicht

Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.

An einem Sonntag im Vorfrühling fügte es sich, daß Helga und Gudmund

zusammen aus der Kirche kamen. Als sie über den Kirchenhügel wanderten,

waren sie inmitten einer großen Schar von andern Kirchenbesuchern

gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schließlich waren

Helga und Gudmund allein.

Da fiel es Gudmund ein, daß er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht

mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in

voller Stärke wieder. Recht oft während des Winters hatte er an ihre

erste Begegnung gedacht und dabei immer gefühlt, wie etwas Süßes und

Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,

pflegte er sich die ganze schöne Nacht wieder zurückzurufen: den weißen

Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshöhe, das lichte Tal

und dann das Mädchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor

Freude geweint hatte. Je öfter er sich den Vorfall zurückrief, desto

schöner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in

Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer

vorstellen, daß sie mit dabei gewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit

ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu

wünschen, daß sie für ein Weilchen dieselbe wäre wie an jenem Abend.

Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rühmte sie sehr,

sagte, daß sie das schönste und klügste Mädchen in der ganzen Umgegend

sei, und beglückwünschte Gudmund dazu, daß er eine so ausgezeichnete

Frau bekäme. »Du mußt ihr sagen, daß sie mich immer auf Närlunda bleiben

läßt,« sagte sie. »Es wird so schön sein, unter einer solchen Frau zu

dienen.«

Gudmund lächelte über ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige

Antworten, als wären seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja

recht, daß ihr Hildur so gut gefiel, und daß sie sich über seine Heirat

so freute.

»Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen?« fragte er. -- »Ja

gewiß. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle

gegen mich wart.« -- »Hast du dich nach dem Walde gesehnt?« -- »Ach ja,

anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr.« -- »Ich glaubte, wer im Wald

daheim ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.«

Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des

Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber

jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lächeln, das sie

wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer höchsten Not

gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern

verheiraten wollte, war sie dessen gewiß, daß er ihr ein guter Freund

und getreuer Helfer bleiben würde.

Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fühlte, daß sie Vertrauen zu ihm

haben könnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als müßte sie ihm

alles erzählen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander

gesprochen hatten. »Ich will dir sagen, daß ich in den ersten Wochen auf

Närlunda eine recht schwere Zeit hatte,« begann sie. »Aber du darfst es

Mutter Ingeborg nicht wiedererzählen.« -- »Wenn du willst, daß ich

schweigen soll, so schweige ich.« -- »Denk dir nur, daß ich anfangs so

furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald

hinaufzulaufen.« -- »Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wärst froh, bei

uns zu sein.« -- »Ich konnte nichts dafür,« sagte sie entschuldigend.

»Ich sah wohl ein, welches Glück es für mich war, hier sein zu dürfen.

Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu

schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und

wollte mich in den Wald zurückführen. Es war mir, als verriete ich

einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.«

»Das war vielleicht ...« begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz

inne. -- »Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich

wußte ja, daß es ihm gut ging, und daß Mutter freundlich zu ihm war. Es

war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein wilder

Vogel, den man in einen Käfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich müßte

sterben, wenn man mich nicht losließ.«

»Nein, daß es dir so schlecht ging!« sagte Gudmund, und dabei lächelte

er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst

wiedererkennte. Jetzt war es, als läge nichts zwischen ihnen, sondern

als hätten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof

voneinander getrennt. Helga lächelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von

ihrer Qual zu sprechen. »Keine Nacht schlief ich,« sagte sie; »kaum

hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Tränen zu fließen, und wenn

ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz naß. Am Tag, wenn ich

unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrücken; aber

sowie ich allein war, schossen mir die Tränen in die Augen.«

»Du hast schon viel geweint in deinem Leben,« sagte Gudmund, aber sah

gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,

als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrückten Lachen einherginge. --

»Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging,« sagte sie

und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verständlich zu

machen. »Es kam eine Sehnsucht über mich, die mich von mir selbst

forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glücklich fühlen. Nichts war

schön, nichts war vergnüglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.

Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male

in die Stube trat.«

»Aber,« verwunderte sich Gudmund, »sagtest du nicht eben, daß du bei uns

bleiben willst?« -- »Ja, gewiß sagte ich das.« -- »Du sehnst dich also

jetzt nicht mehr?« -- »Nein, es ist vorübergegangen. Ich bin geheilt.

Warte nur, du wirst schon hören!«

Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer über den Weg und ging an ihrer

Seite weiter. Die ganze Zeit lächelte er. Es schien ihm Freude zu

machen, sie reden zu hören; aber er legte dem, was sie erzählte, wohl

nicht viel Gewicht bei. So allmählich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es

schien ihr, als ob alles leicht und hell würde. Der Weg von der Kirche

war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht

müde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzählen, weil

sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig für sie,

sich auszusprechen. Sie hätte ebenso vergnügt sein können, wenn sie

stumm neben ihm einhergegangen wäre.

»Als ich am allerunglücklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines

Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und über den Sonntag

daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hügel zum Moor

hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, daß ich nie mehr nach Närlunda

zurückkommen würde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, daß ich

eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, daß ich es nicht übers

Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu

bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual

rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine

Einbildung gewesen wäre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter

hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehörte

mir nicht mehr. Und es war ja gut, daß es so war; aber es fiel mir doch

schwer, mich daran zu gewöhnen.«

»Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen?« warf

Gudmund hin. -- »Ach nein. Als ich am Montag Morgen erwachte und daran

dachte, daß ich jetzt gehen müßte, kam die Sehnsucht wieder über mich.

Ich lag da und weinte und ängstigte mich, denn das einzige Rechte und

Richtige war doch, daß ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefühl,

als müßte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich

zurückkehrte. Aber da fiel mir plötzlich ein, was ich einmal gehört

hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und

sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner

Sehnsucht befreit.« -- »Na, das ist ein Heilmittel, das leicht

anzuwenden ist,« sagte Gudmund. -- »Ja, wenn es damit nur nicht die

Bewandtnis hätte, daß man sich nachher nirgendwo anders heimisch fühlen

kann. Geht man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat,

dann sehnt man sich ebensosehr dorthin zurück, als man sich früher von

dort weggesehnt hat.« -- »Kann man die Asche nicht wieder dorthin

mitnehmen, wohin man geht?« -- »Nein, das kann man nur einmal im Leben

tun. Dann gibt es keine Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefährlich, so

etwas zu versuchen.«

»Ich hätte nie so etwas gewagt,« sagte Gudmund, und sie hörte sehr

wohl, daß er sie nur neckte. -- »Ich hab es doch gewagt,« sagte Helga.

»Es war besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten,

als undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit,

und wie ich nach Närlunda zurückkam, benützte ich einen Augenblick, wo

niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.«

»Und jetzt glaubst du, daß die Asche dir geholfen hat?« -- »Warte, du

wirst schon hören, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und

dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso

heftig wie früher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an

diesem Tage sehr viel drinnen und draußen zu tun; und als ich am Abend

im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer

angezündet.«

»Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hören, wie es kam,« sagte

Gudmund. -- »Ja, denke nur, schon als ich über den Hof ging, kam es mir

vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wäre, und als ich die Tür

öffnete, da hatte ich das Gefühl, daß ich in unsre eigene Stube kam, und

daß Vater und Mutter am Feuer saßen. Ja, dies flog nur an mir vorbei wie

ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz erstaunt,

wie schön und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter Ingeborg

und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend, als ihr da

im Feuerschein saßet. Es war ein köstliches Gefühl, hereinzukommen, und

das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt, daß ich fast laut

aufgeschrieen und in die Hände geklatscht hätte. Es schien mir, als ob

ihr wie verwandelt wäret. Ihr wart mir nicht mehr fremd, sondern ich

konnte mit euch über alles reden. Du kannst dir denken, daß ich mich

freute; aber dabei mußte ich mich doch immer wieder wundern. Ich fragte

mich, ob ich denn verhext wäre, und sieh, da fiel mir plötzlich die

Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.«

»Ja, das ist seltsam,« sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an

Zauber und Hexerei; aber es mißfiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen

sprechen zu hören. »Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum

Vorschein gekommen,« dachte er. »Kann man begreifen, daß jemand, der so

viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?«

»Ja, gewiß war es seltsam,« sagte Helga. »Und dasselbe hat sich den

ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war

es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wäre. Aber es ist

auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,

aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle

Hausgenossen Abend für Abend versammeln. Das wird, möcht man sagen, so

vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und

manchmal ist es mürrisch und schlechter Laune. Es ist, als läge es in

seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es

mir, als wäre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gäbe es

allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.«

»Aber wenn du nun gezwungen wärest, aus Närlunda fortzugehen?« sagte

Gudmund. -- »Dann muß ich mich all mein Lebtag danach sehnen,« erwiderte

sie, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie dies im tiefsten Ernst

sagte. -- »Ja, ich werde gewiß nicht der sein, der dich vertreibt,«

sagte Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton.

-- Dann begannen sie kein neues Gespräch, sondern wanderten stumm bis

zum Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die

neben ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im

vorigen Jahr durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas

Frisches und Rosiges. Die Züge waren klein und rein, das Haar umgab den

Kopf wie ein Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht

klug werden. Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte

rasch hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu

werden, doch mußte sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.

Gudmund fragte sich, ob er sich wünsche, daß Hildur so wäre; aber das

wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. --

Ein paar Wochen später erfuhr Helga, daß sie im April von Närlunda fort

müsse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen

wollte.

Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg

begann davon zu sprechen, sie würden an ihrer neuen Schwiegertochter so

viel Hilfe haben, daß sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten

brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten

Stelle gehört, wo es Helga viel besser gehen würde als bei ihnen.

Ein Stück Lebensgeschichte, und andere Erzählungen · 第 13 / 28 题