Es war einmal eine Saga, die wollte erzählt und in die Welt
hinausgetragen werden. Dies war ganz natürlich, weil sie wußte, daß sie
schon so gut wie fertig war. Viele hatten mitgeholfen, sie durch
merkwürdige Taten zu schaffen, andre hatten ihr Teil dadurch
beigetragen, daß sie diese Taten immer wieder und wieder erzählten. Ihr
fehlte nur, daß einer sie notdürftig zusammenfügte, damit sie gemächlich
durchs Land ziehen könne. Sie war erst ein ganzes Gewühl von
Geschichten, eine formlose Wolke von Abenteuern, die hin und her
flatterten wie ein Schwarm verirrter Bienen an einem Sommertag und nicht
wußten, wo sie einen finden sollten, der sie in einem Korbe vereinigen
könnte.
Die Saga, die erzählt werden wollte, war in Värmland entstanden, und man
kann sicher sein, daß sie über so manchen Herrenhöfen und Eisenhämmern,
über so manchen Pfarrhöfen und Offizierswohnungen in der schönen Provinz
schwebte, zum Fenster hineinguckte und um Einlaß bat. Aber sie mußte
viele vergebliche Versuche machen: überall wurde sie abgewiesen. Es
konnte ja kaum anders sein. Die Leute hatten an viel wichtigere Dinge zu
denken.
Endlich kam die Saga in ein altes Haus, das Mårbacka hieß. Das war ein
kleines Gehöft mit niedrigen Wirtschaftsgebäuden, die von hohen Bäumen
überschattet wurden. Früher einmal war es ein Pfarrhof gewesen, und es
war, als hätte ihm das ein Gepräge aufgedrückt, das es nicht verlieren
könnte. Man schien dort größere Liebe zu Büchern und Studien zu haben
als anderswo, und immer lag ein stiller Friede über diesem Hause. Da
durfte niemals ein Jagen bei der Arbeit oder ein Zank mit dem Gesinde
vorkommen. Haß oder Zwietracht durfte es da auch nicht geben; und wer
sich dort aufhielt, durfte das Leben nicht schwer nehmen --: die
allererste Pflicht war, sorglos zu sein und zu glauben, daß der liebe
Herrgott für jeden, der in diesem Hause lebte, alles zum Besten lenke.
Wenn ich heute zurückdenke, weiß ich: die Saga, von der ich spreche, muß
eine ganze lange Reihe von Jahren in ihrem vergeblichen Warten, daß sie
einer erzähle, hier geweilt haben. Es dünkt mich, sie müsse das Haus
umschwebt haben, so wie eine Wolke einen Bergesgipfel umschwebt; und
einmal ums andre ließ sie eines der Abenteuer, aus denen sie bestand,
darauf hinunterregnen. Sie kamen als seltsame Gespenstergeschichten von
dem Gutsherrn, der immer schwarze Stiere vor dem Wagen hatte, wenn er
nachts von einem Gastmahl heimkehrte, und in dessen Heim der
leibhaftige Böse selbst im Schaukelstuhl saß und sich hin und her
wiegte, während die Hausfrau spielte. Sie kamen als wunderliche
Geschichten aus dem Nachbarhof, wo die Elstern die Hausmutter verfolgt
hatten, so daß sie nicht wagte, vor die Tür zu gehen, von der
Kapitänswohnung, wo sie so arm waren, daß sie sich alles hatten
ausleihen müssen, und von der kleinen Hütte unten an der Kirche, wo so
viele junge und alte Mädchen gewohnt, die sich alle in den schönen
Orgelbauer verliebten.
Zuweilen kamen die lieben Abenteuer gleichsam noch handgreiflicher in
das Haus. Alte arme Offiziere fuhren in rumpelnden Carriols, die mit
uralten Pferden bespannt waren, an der Freitreppe vor. Sie machten Halt
und blieben wochenlang zu Gaste; und am Abend, wenn der Toddy ihnen Mut
gemacht hatte, begannen sie von der Zeit zu erzählen, wo sie ohne
Strümpfe in den Schuhen getanzt hatten, damit die Füße kleiner aussähen,
und wo sie ihr Haar gebrannt und ihren Schnurrbart geschwärzt hatten.
Einer von ihnen prahlte mit dem Abenteuer, wie er versucht hatte, ein
schönes Mädchen zu ihrem Bräutigam zurückzuführen, und wie er auf der
Heimfahrt von Wölfen verfolgt worden war, ein andrer war bei dem
Weihnachtsschmause mit dabei gewesen, wo ein erzürnter Gast alle
Haselhühner an die Wand warf, weil man ihm eingeredet hatte, es wären
Krähen, ein dritter hatte den Alten gesehen, der dazusitzen und auf
einem Holztische Beethoven zu spielen pflegte.
Aber auch auf andere Weise konnte die Saga ihre Anwesenheit kundmachen.
Auf dem Dachboden hing das alte Porträt einer Dame mit gepudertem Haar;
und wenn jemand daran vorüberging, mußte er sich ja erinnern, daß es die
schöne Grafentochter darstellte, die den jungen Lehrer ihres Bruders
geliebt hatte und einmal gekommen war, ihn zu besuchen, als sie eine
alte, ergraute Dame war und er ein alter verheirateter Mann. In der
Rumpelkammer lagen große Haufen von Dokumentenbündeln, die Kaufkontrakte
und Pachtverträge enthielten, unterzeichnet von der mächtigen Frau,
welche einst über sieben Güter geherrscht, die sie von ihrem Geliebten
geerbt hatte. Kam man in die Kirche, so sah man da in einem kleinen
verstaubten Schrank unter der Empore die Truhe, die mit Schriften des
Unglaubens gefüllt war und nicht vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts
geöffnet werden durfte; und nicht weit davon war der Fluß, auf dessen
Grunde eine Menge Heiligenbilder ruhten, die nicht auf der Kanzel und
der Empore hatten bleiben dürfen, denen sie einstmals zum Schmuck
gedient hatten.
Daher, daß so viele Überlieferungen das Haus umschwebten, kam es wohl
schließlich, wenn eines der Kinder, die dort aufwuchsen, Lust bekam, sie
zu erzählen. Es war keiner von den Jungen -- die waren nicht viel zu
Hause, sie hielten sich beinahe das ganze Jahr in ihren Schulen auf,
also daß die Saga nicht so große Macht über sie erlangte --, sondern es
war eines von den Mädchen, eines, das kränklich war, so daß es nicht so
viel umherlaufen und spielen durfte wie andre Kinder, sondern seine
liebste Freude daran hatte, durch Lesen und Erzählungen von allem dem
Großen und Merkwürdigen zu erfahren, was sich in der Welt zugetragen
hat.
Nun verhielt es sich durchaus nicht so, daß etwa das junge Mädchen von
Anfang an die Absicht gehabt hätte, die Sagen und Geschichten
niederzuschreiben, die sie umgaben. Es fiel ihr nicht im entferntesten
ein, daß aus diesen Abenteuern, die sie so oft hatte erzählen hören, daß
sie sie das Alltäglichste von der Welt däuchten, -- daß daraus ein Buch
werden könnte. Wenn sie zu dichten versuchte, wählte sie die Stoffe aus
ihren Büchern, und mit frischem Mute schrieb sie Geschichten über die
Sultane aus Tausend und Einer Nacht, über Walter Scotts Ritter und
Snorre Sturlasons Sagenkönige.
Es ist sicherlich überflüssig, zu erwähnen, daß, was sie schrieb, das
Unoriginellste und Unreifste war, was nur je niedergeschrieben worden
ist, aber das konnte sie selbst natürlich nicht sehen. Sie ging daheim
in dem stillen Hause umher und bedeckte jedes Stückchen Papier, dessen
sie nur habhaft werden konnte mit Versen und Prosa, mit Schauspielen und
Romanen. Wenn sie nicht schrieb, ging sie umher und wartete auf das
Glück. Und das Glück sollte darin bestehen, daß irgend ein fremder
Besucher, der sehr klug und mächtig wäre, durch einen wunderbaren Zufall
das entdeckte, was sie geschrieben hatte, und es würdig fände, gedruckt
zu werden. Dann würde alles andre ganz von selbst kommen.
Doch es begab sich nichts derartiges, und als das junge Mädchen über
zwanzig Jahre alt war, begann es ungeduldig zu werden. Sie konnte nicht
begreifen, woher es kam, daß das Glück sich gar nicht einfinden wollte.
Vielleicht fehlten ihr Kenntnisse; sie müßte auch wohl ein wenig mehr
von der Welt zu Gesicht bekommen als das elterliche Haus. Und da es so
lange währte, bis sie ihren Unterhalt als Schriftstellerin verdienen
konnte, mußte sie etwas lernen, sich eine Lebensstellung schaffen, damit
sie einen Broterwerb hätte, davon zu leben, während sie auf sich selbst
wartete.
Vielleicht war es ganz einfach so, daß die Saga die Geduld mit ihr
verloren hatte. Sie dachte sich vielleicht: Da dieses verblendete
Menschenkind nicht sieht, was dicht vor seinen Augen liegt, so muß es
eben gezwungen werden, von dannen zu ziehen. Es muß durch graue
Steinstraßen gehen, es muß in engen Stadträumen wohnen ohne andre
Aussicht als graue Hausmauern. Dieses Mädchen muß unter Menschen
einhergehen, die alles, was in ihnen eigentümlich ist, verbergen, und
die einander alle zu gleichen scheinen. Das wird sie vielleicht lehren,
das zu sehen, was vor der Tür ihres Heims wartet, alles, was zwischen
den blauen Hügelketten lebt und webt, die sie täglich vor Augen hat.
Und eines Herbsts, als sie schon zweiundzwanzig Jahre alt war, fuhr sie
nach Stockholm, um das Studium zu beginnen und sich gleichzeitig zur
Lehrerin auszubilden.
Das junge Mädchen stak bald tief in der Arbeit. Es schrieb nicht mehr,
sondern ging in Aufgaben und Lektionen auf. Es sah fast aus, als sollte
die Saga es ganz und gar verlieren.
Da begab sich etwas Merkwürdiges. In diesem selben Herbst, nachdem sie
ein paar Monate in grauen Gassen zwischen Hausmauern gelebt hatte, ging
sie an einem Vormittag mit einem Pack Bücher unter dem Arm die
Malmskillnadsgasse hinauf. Sie hatte eben eine Vorlesung über
Literaturgeschichte gehört. Die mußte von Bellman oder Runeberg
gehandelt haben, denn sie ging einher und dachte an diese beiden und an
die Gestalten, die sich in ihrer Dichtung bewegten. Sie sagte sich
selbst, daß Runebergs gutmütige Kriegshelden und Bellmans sorglose
Zechbrüder das vortrefflichste Material wären, das ein Dichter nur haben
könnte. Und da auf einmal tauchte dieser Gedanke in ihr auf: Die Welt,
in der du unten in Värmland gelebt hast, ist wohl nicht weniger
originell als die Welt Fredmans oder die des Fähnrichs Stål. Kannst du
nur lernen, sie zu gestalten, so hast du wohl einen ebenso guten Stoff
für deine Arbeit wie diese beiden.
So ging es zu, daß sie zum ersten Male der Saga ansichtig wurde. Und in
demselben Augenblicke, wo sie sie sah, begann der Boden unter ihr zu
schaukeln. Die ganze lange Malmskillnadsgasse vom Hamngatshügel bis
hinauf zur Brandstation erhob sich zum Himmel und sank wieder hinab, hob
sich und sank. Sie mußte eine gute Weile stille stehen, bis die Gasse
zur Ruhe gekommen war; und erstaunt sah sie die Vorübergehenden an, die
so ruhig einherschritten und gar nicht merkten, welches Wunder geschehen
war.
In dieser Stunde beschloß das junge Mädchen, die Geschichte der
Värmlandskavaliere zu schreiben, und sie gab diesen Gedanken nie wieder
auf. Aber viele, lange Jahre währte es, bis der Entschluß zur Ausführung
kam.
Denn erstens war sie nun in eine neue Lebensbahn eingetreten, und es
gebrach ihr an Zeit, etwas Größeres auszuführen. Zweitens erlebte sie
ein ganzes Mißlingen, als sie versuchte, diese Geschichte zu schreiben.
In diesen Jahren trugen sich jedoch immer wieder Ereignisse zu, die ihr
halfen, die Saga auszugestalten. Eines Morgens in den Ferien saß sie mit
ihrem Vater am Frühstückstisch, und die beiden plauderten von alten
Zeiten. Da erzählte er auch von einem Jugendbekannten, den er als den
bezauberndsten Menschen schilderte. Dieser Mann hatte Freude und
Heiterkeit mitgebracht, wohin er auch kam. Er konnte singen, er
komponierte, er improvisierte Verse. Spielte er zum Tanze auf, dann
tanzte nicht nur die Jugend, sondern auch Greise und Greisinnen, Hoch
und Niedrig: und hielt er eine Rede, so mußte man lachen oder weinen,
ganz wie er es wollte. Wenn er sich betrank, so konnte er noch besser
spielen und sprechen, als wenn er nüchtern war. Und wenn er sich in ein
Weib verliebte, war es dem unmöglich, zu widerstehen. Wenn er Torheiten
machte, so verzieh man ihm; war er einmal betrübt, so wollte man alles
Erdenkliche tun, um ihn nur wieder froh zu sehen. Aber großen Erfolg in
der Welt hatte er trotz seiner reichen Begabung nicht gehabt. Den
größten Teil seines Lebens hatte er als Hofmeister auf den verschiedenen
Gütern Värmlands verbracht. Schließlich hatte er das Pastorexamen
gemacht. Das war das höchste, was er erreicht hatte.
Nach diesem Gespräch konnte sie den Helden der Saga besser vor sich
sehen als früher, und damit kam ein wenig Leben und Bewegung hinein. Und
eines schönen Tages bekam der Held sogar einen Namen und wurde Gösta
Berling genannt. Woher er diesen Namen hatte, wußte sie nicht. Es war,
als hätte er ihn sich selbst gegeben.
Ein ander Mal war sie in den Weihnachtsfeiertagen daheim. An einem Abend
fuhr man zu einem Weihnachtsschmaus, einen weiten Weg bei argem
Schneegestöber. Das war eine langwierigere Fahrt, als jemand hätte
glauben können. Das Pferd arbeitete sich mühsam vorwärts. Mehrere
Stunden hindurch saß sie da im Schneewehen und dachte an die Saga. Als
sie endlich angelangt waren, hatte sie ihr erstes Kapitel erdacht. Es
war das Kapitel, das von der Weihnachtsnacht in der Schmiede handelte.
Welch ein Kapitel! Es war ihr erstes, und mehrere Jahre hindurch blieb
es ihr einziges. Es wurde zuerst in Versen geschrieben, denn der
ursprüngliche Plan war, daß die Saga ein Romanzenzyklus werden sollte,
so wie Fähnrich Ståls Erzählungen. Aber so allmählich änderte sich das,
und eine Zeitlang bestand die Absicht, die Saga als Schauspiel zu
schreiben. Da wurde die Weihnachtsnacht umgearbeitet: sie sollte den
ersten Akt geben. Aber auch dieser Versuch glückte nicht, und nun
entschloß sie sich endlich, die Saga als Roman zu schreiben. So wurde
das Kapitel in Prosa niedergeschrieben und umfaßte damals vierzig
Schreibseiten. Als es zum letzten Mal umgearbeitet wurde, hatte es nur
neun.
Nach einigen Jahren kam ein zweites Kapitel hinzu. Es war die Geschichte
von dem Ball auf Borg und von den Wölfen, die Gösta Berling und Anna
Stjärnhök verfolgten.
Dies wurde ursprünglich gar nicht in der Absicht geschrieben, es mit in
die Saga aufzunehmen, sondern als eine Art Gelegenheitsgedicht, das bei
einer kleinen Gesellschaft vorgelesen werden sollte. Die Vorlesung
jedoch unterblieb, und die Novelle wurde an die Zeitschrift Dagny
geschickt. Nach einiger Zeit erhielt die Verfasserin sie als für Dagny
nicht geeignet zurück. Sie war auch wirklich für niemand geeignet. Es
fehlte ihr noch ganz und gar an der künstlerischen Ausarbeitung.
Nun zerbrach sich die Verfasserin den Kopf, wozu diese unglückselige
Novelle wohl verwendet werden könnte. Wenn sie sie in die Saga einfügte?
Aber sie war ja ein Abenteuer für sich, ganz abgeschlossen. Sie würde
sich seltsam ausnehmen unter den übrigen, die besser zusammenhingen.
Vielleicht aber, dachte sie dann, wäre es gar nicht so übel, wenn alle
Kapitel der Saga solche mehr oder weniger in sich abgeschlossene
Abenteuer wären. Es würde schwer durchzuführen sein, aber unmöglich wäre
es nicht. Es würden vielleicht zuweilen Lücken im Zusammenhang
entstehen. Ja, aber es würde dem Buche großen Reichtum und Stärke geben.
Nun waren zwei wichtige Dinge entschieden. Es war klar, daß das Buch ein
Roman werden sollte, und daß jedes Kapitel ein Ganzes für sich sein
würde; aber damit war noch nicht so besonders viel gewonnen. Sie, die
die Idee gefaßt hatte, die Saga der Värmlandskavaliere zu schreiben, als
sie zweiundzwanzig Jahre war, begann sich nun den Dreißigern zu nähern
und hatte nicht mehr geschrieben als zwei Kapitel. Wohin waren die Jahre
entschwunden? Sie hatte das Seminar absolviert, sie war seit mehreren
Jahren Lehrerin in Landskrona, sie hatte sich für vieles interessiert
und sich mit mancherlei befaßt, aber die Saga war noch ungeschrieben.
Eine Menge Material war freilich gesammelt. Aber sollte das bedeuten,
daß ihr das Schreiben so schwer fiel? Warum kam nie die Inspiration über
sie? Warum glitt ihr die Feder so träge über das Papier? Zu dieser Zeit
hatte sie ihre düstern Stunden. Sie würde gewiß nie damit fertig werden.
Sie war der Knecht, der sein Pfund in die Erde vergrub und keinen
Versuch machte, damit zu wuchern.
Es verhielt sich aber so, daß sich dies alles in den achtziger Jahren
zutrug, in der besten Zeit der strengen Wirklichkeitsdichtung. Sie
bewunderte die großen Meister dieser Zeit und kam nie auf den Gedanken,
daß man in der Dichtung eine andere Sprache anwenden könnte, als die,
deren sich diese bedienten. Sie für ihr Teil liebte die Romantiker mehr,
aber die Romantik war tot, und sie war nicht die Frau, die daran gedacht
hätte, ihre Form und Ausdrucksweise neu zu beleben. Obgleich ihr Gehirn
übervoll war an Geschichten von Gespenstern und wilder Liebe, von
wunderschönen Damen und abenteuerlustigen Kavalieren, suchte sie von dem
allen in ruhiger, realistischer Prosa zu schreiben. Sie hatte keinen
sehr klaren Blick. Ein anderer hätte gleich erkannt, daß das Unmögliche
unmöglich war.
Einmal jedoch schrieb sie ein paar kleine Kapitel in einem andern Stil.
Das eine schilderte eine Szene auf dem Svartsjöer Kirchhof, das andre
handelte von dem alten Philosophen Onkel Eberhard und seinen Schriften
des Unglaubens. Sie schrieb sie mehr zum Spaße mit vielen Achs und Ohs
in einer Prosa, die fast rhythmisch war. Und sie merkte, daß es auf
diese Weise mit dem Schreiben ging; es war Inspiration darin, das fühlte
sie. Aber als die beiden kleinen Kapitel fertig waren, legte sie sie
weg. Sie waren nur der Kurzweil halber geschrieben worden. So könnte man
ein ganzes Buch ja nicht schreiben.
Aber es war wohl so, daß die Saga nun lange genug gewartet hatte. Sie
dachte sicherlich wie das vorige Mal, da sie sie in die Welt
hinausgeschickt hatte: -- Ich muß diesem verblendeten Menschenkind eine
große Sehnsucht geben, daß die ihm die Augen öffne.
Diese Sehnsucht kam auf die Art über sie, daß das Haus, wo sie
aufgewachsen war, verkauft wurde und sie hinfuhr, ihr Kindheitsheim zum
letzten Male zu sehen, bevor Fremde Besitz davon nahmen.
Und an dem Abend, bevor sie von dort abreiste, um diese Stätte
vielleicht nie wieder zu sehen, beschloß sie in aller Demut, das Buch
auf ihre eigne Weise und nach ihren eignen schwachen Kräften zu
schreiben. Es würde kein Meisterwerk werden, wie sie gehofft hatte. Die
Menschen würden über ihr Buch lachen; aber schreiben mußte sie es doch.
Es schreiben, um für sich selbst von ihrem Heim zu retten, was sie noch
retten konnte: die lieben alten Geschichten, den fröhlichen Frieden der
sorglosen Tage und die schöne Landschaft mit dem langgestreckten See und
den blauschimmernden Hügeln.
Aber ihr, die gehofft hatte, sie würde es doch einmal lernen, ein Buch
zu schreiben, das die Menschen lesen wollten, -- ihr war es, als hätte
sie damit preisgegeben, was sie im Leben am liebsten erringen wollte. Es
war das schwerste Opfer, das sie je gebracht hatte.
Ein paar Wochen später befand sie sich wieder in ihrem Heim in
Landskrona und setzte sich an den Schreibtisch. Sie begann zu schreiben;
sie wußte nicht recht, was es werden sollte, aber sie wollte keine Angst
haben vor den starken Worten, den Ausrufen, den Fragen. Auch wollte sie
keine Furcht davor haben, sich selbst zu geben mit ihrer ganzen
Kindlichkeit und allen ihren Träumen. Und als sie sich so entschlossen
hatte, begann die Feder fast von selbst zu fliegen. Es versetzte sie
beinahe in einen Taumel, sie wußte vor Entzücken nicht aus noch ein.
Seht, das hieß schreiben! Unbekannte Dinge und Gedanken -- oder
richtiger gesagt, etwas, von dem sie nicht geahnt hatte, daß sie es in
ihrem Hirn besaß -- drängten sich aufs Papier. Die Seiten füllten sich
mit einer Schnelligkeit, von der sie sich nie hatte träumen lassen. Wozu
sie sonst Monate, ja Jahre gebraucht hatte, um es auszuarbeiten, das
wurde nun in ein paar Stunden fertig. An diesem Abend schrieb sie die
Erzählung von der Wanderung der jungen Gräfin über das Eis des Löfven
und von der Überschwemmung bei Ekeby nieder.
Am nächsten Nachmittag verfaßte sie die Szene, in der der gichtbrüchige
Fähnrich Rutger von Örneclou versucht, sich aus dem Bett zu erheben, um
La Cachuca zu tanzen; und am folgenden Abend entstand die Geschichte von
dem alten Fräulein, das auszog, den geizigen Pastor von Broby zu
besuchen.
Nun wußte sie sicher: sie konnte das Buch in diesem Stil schreiben; aber
ebenso sicher war sie, daß niemand die Geduld haben würde, es zu lesen.
Übrigens ließen sich nicht viele Kapitel so in einem Atemzuge schreiben.
Die meisten erforderten lange Arbeit; und sie konnte sich nur ganz kurze
Weilchen an den Nachmittagen der Schriftstellerei widmen. Als sie ein
halbes Jahr lang geschrieben hatte, von dem Tage an gerechnet, da sie
sich der Romantik in die Arme geworfen hatte, waren ein Dutzend Kapitel
vollendet. Es war vorauszusehen, daß das ganze Buch in drei bis vier
Jahren fertig sein würde.
Es war im Frühling 1890, als die Zeitschrift Idun die Einladung zu einer
Preiskonkurrenz für Novellen im Umfang von ungefähr hundert Druckseiten
ergehen ließ.
Dies war ein Ausweg für eine Saga, die erzählt werden und in die Welt
hinausziehen wollte. Und die Saga war es wohl, die die Schwester der
Lehrerin dazu brachte, diese anzueifern, sie solle die Gelegenheit
benützen. Hier lag nun endlich eine Möglichkeit, zu erfahren, ob das
Geschriebene so ganz zu verwerfen wäre. Wenn es den Preis bekäme, wäre
viel gewonnen. Bekam es ihn nicht, so stünde sie nur auf demselben
Standpunkt wie zuvor.
Sie hatte nichts dagegen einzuwenden, aber sie hatte so geringes
Vertrauen zu sich selbst, daß sie zu keinem Entschluß kommen konnte.
Endlich, knapp acht Tage vor Ablauf der Einlieferungsfrist entschloß sie
sich, fünf Kapitel aus dem Romane herauszuheben, die so ziemlich
zusammenhingen, so daß sie den Eindruck einer Novelle machten, und sich
damit am Wettbewerb zu beteiligen.
Aber diese Kapitel waren durchaus noch nicht fertig. Drei von ihnen
waren notdürftig erzählt, aber zu den übrigen zwei war kaum ein Entwurf
vorhanden. Und dann mußte ja noch alles ins Reine geschrieben werden.
Dazu kam, daß sie gerade damals nicht bei sich zu Hause war. Sie war auf
Besuch bei ihrer Schwester und ihrem Schwager, die noch oben in
Värmeland wohnten. Und wer gekommen ist, für kurze Zeit liebe Freunde zu
besuchen, kann seine Tage ja nicht am Schreibtisch verbringen.
Sie schrieb also in den Nächten und saß in dieser Woche jede Nacht bis
vier Uhr auf.
Endlich fehlten nur vierundzwanzig Stunden an der kostbaren Zeit. Und
noch waren zwanzig Seiten zu schreiben.
Diesen letzten Tag waren sie eingeladen. Die ganze Familie sollte
fortfahren und über Nacht ausbleiben. Sie mußte natürlich mit.
Endlich nahm die Gesellschaft ein Ende, und sie saß bei Nacht in dem
fremden Hause und schrieb.
Es war ihr recht wunderlich zumute. Das Haus, wo sie als Gast weilte,
war eben das, wo der böse Sintram gewohnt hatte. Das Schicksal hatte sie
in wunderlicher Weise gerade in dieser Nacht hergeführt, wo sie über ihn
zu schreiben hatte, der in dem Schaukelstuhl saß und sich wiegte.
Zuweilen blickte sie von der Arbeit auf und horchte in den Salon
hinüber, ob dort draußen nicht am Ende ein paar Schaukelstuhlkufen in
Gang wären.
Doch sie hörte nichts, und als in der Frühe die Uhr sechs schlug, waren
die fünf Kapitel fertig.
Im Laufe des Vormittags fuhren sie auf einem kleinen Lastdampfer nach
Hause. Dort machte ihre Schwester ein Paket, verschloß es mit Lack und
Siegel, die zu diesem Zwecke von zu Hause mitgenommen worden waren,
schrieb die Adresse und schickte die Novelle ab.
Dies geschah an einem der letzten Tage im Juli. Gegen Ende August
enthielt die Zeitschrift Idun eine Notiz, daß mehr als zwanzig
Preisnovellen bei der Redaktion eingelaufen seien; aber ein paar davon
seien so wirr geschrieben, daß sie nicht mitgezählt werden könnten.
Da gab sie es auf, noch weiter auf den Ausgang zu warten. Sie wußte
schon, welche Novelle so wirr war, daß sie nicht mitgezählt werden
konnte.
Im November bekam sie eines Nachmittags ein wunderliches Telegramm. Es
enthielt nur die Worte »Jubelnde Glückwünsche« und war von drei ihrer
Kameradinnen aus dem Seminar unterzeichnet.
Es erschien ihr recht lang, das Warten bis zur Mittagsstunde des
nächsten Tages, wo die stockholmer Zeitungen ausgeteilt wurden. Und als
sie die Zeitung in der Hand hatte, mußte sie lange suchen, ohne etwas zu
finden. Endlich entdeckte sie auf der letzten Spalte eine kurze Notiz in
kleinem Druck, die mitteilte, daß sie den Preis erhalten hatte.
Vielleicht wäre das für einen andern nicht so viel gewesen, aber für sie
bedeutete es, daß sie sich dem Lebensberuf widmen durfte, nach dem sie
sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte.
* * * * *
Dem ist wenig hinzuzufügen. Die Saga, die in die Welt hinaus wollte, war
ihrem Ziele nun ziemlich nahe. Jetzt würde sie wenigstens geschrieben
werden, wenn es gleich einige Jahre dauerte, bis sie fertig würde.
Sie, die sie schrieb, war zu Weihnachten, nachdem sie den Preis bekommen
hatte, nach Stockholm gereist.
Der Redakteur der Zeitschrift Idun erbot sich, den Roman zu drucken,
sobald er fertig wäre.
Ja, wenn sie nur die Zeit finden könnte, ihn zu schreiben.
An dem Abend, bevor sie wieder nach Landskrona fahren sollte, saß sie
bei ihrer alten treuen Freundin, der Baronin Adlersparre, und las der
einige Kapitel vor.
Esselde hörte zu, so wie nur sie zuhören konnte, und sie war voll
Interesse. Nachher blieb sie schweigend sitzen und versank in Grübeln.
»Wie lange wird es dauern, bis es ganz fertig ist?« fragte sie
schließlich.
»So drei bis vier Jahre.«
Sie gingen auseinander; aber am nächsten Morgen, zwei Stunden, bevor sie
Stockholm verlassen sollte, kam ein Billett von Esselde mit der Bitte,
sie möge sie vor der Abreise besuchen.
Die alte Baronin war in ihrer bestimmten und entschlossenen Stimmung.
»Du mußt dir jetzt für ein Jahr Urlaub nehmen und das Buch fertig
schreiben. Das Geld will ich beschaffen.«
Eine Viertelstunde später war sie auf dem Wege zu der Vorsteherin des
Seminars, um sie zu bitten, ihr behilflich zu sein, daß sie eine
Stellvertreterin finde.
Um ein Uhr saß sie glücklich in dem Zuge, aber nun fuhr sie nicht weiter
als bis nach Sörmland, wo sie gute Freunde besaß, die in einem
entzückenden Heim wohnten.
Und sie fand dort beim Ingenieur Gumaelius und seiner Frau
Gastfreundschaft, Arbeitsfrieden und Ruhe und gute Fürsorge fast ein
Jahr hindurch, bis das Buch fertig war.
Endlich konnte sie vom Morgen bis zum Abend schreiben. Das war die
glücklichste Zeit, die sie noch erlebt hatte.
Aber als die Saga schließlich fertig war, da sah sie gar wunderlich aus.
Sie war toll und wild; und mit dem Zusammenhang war es nicht besser
bestellt, als daß alle ihre Teile noch immer die alte Lust hatten, jeder
seine eigne Straße zu ziehen.
Die Saga wurde nie, was sie hätte werden sollen. Es war ihr Unglück, daß
sie so lange hatte warten müssen, bis sie erzählt wurde. Wenn sie nicht
gebührend in Zucht und Zaum gehalten worden ist, so kam dies
hauptsächlich daher, daß ihre Verfasserin nur allzu glücklich war, sie
endlich schreiben zu dürfen.