Nach fünfstündigem Marsche wohltuende Ruhe. Wir besuchten einen unserer
früheren Unteroffiziere, Sabatke, der sich hier angesiedelt hat, und
freuten uns der hübschen Häuslichkeit, in der eine deutsche Hausfrau
waltet. Das Heim, das sich diese jungen Ansiedler geschaffen, blitzt
und glänzt von Sauberkeit, unter schattigen Bäumen Tische und Stühle
mit zierlichen weißen Decken, und ringsum das lebhafte Treiben und
Lärmen des gutbesetzten Geflügelhofes mit Hühnern, Enten und Tauben,
auch die Esel gaben ihr Teil zu dem ländlichen Konzert. Nach einem
letzten Wegetrunk nahmen wir Abschied von unseren Landsleuten und
kehrten nach dem Lagerplatz zurück, wo wir unsere Leute in freudiger
Aufregung bei großen Mengen von Reis fanden, an denen sie sich für die
Entbehrungen auf dem Marsche schadlos hielten. Es war doch oft bei
ihnen recht knapp zugegangen, doch nun winkt ja das Ende: wir sind an
der Küste.
+Kisserawe+, 26. Januar 1900.
Auf der Evangelischen Mission. -- Wie schön ist es hier, ein irdisches
Paradies -- und doch lauert der Tod ringsum in dem Schatten der Bäume,
noch hat das Fieber hier seine Stätte.
Man kann den Opfermut der Missionare nicht genug bewundern, mit dem
sie den schier aussichtslosen Kampf gegen den unsichtbaren Feind
aufnehmen, jeder Fuß breit Landes wird schwer erkämpft, Grabsteine
bezeichnen die Etappenstraße, auf der die Kultur ihren Einzug hält.
Auf der Station herrscht reges Leben, eine Welt im kleinen hat sich
hier gebildet, überall wird gearbeitet, denn die Väter führen ihre
schwarzen Pflegebefohlenen recht eigentlich im Geiste des „Bete und
arbeite“ dem Christentum zu. Tischler und Drechsler, Schmiede und
Zimmerleute und was sonst noch alles für Handwerker beim Bau und der
Entwicklung der Station gebraucht werden, haben sie sich aus dem
spröden, aber bei verständnisvoller Behandlung doch bildungsfähigen
schwarzen Menschenmaterial herausgemodelt. Ein schönes Haus mit Türen
und Fenstern zeugt von dem erzieherischen Wirken unserer evangelischen
Mission; der Segen der Arbeit ruht sichtbar auf ihrem Tun. Nachdem
uns die Kinder noch mit einigen deutschen Gesängen erfreut, nahmen
wir Abschied von den gastfreundlichen Missionaren und gingen nach
unserem Lagerplatze bei Pugu, der Versuchsstation für Viehzucht, die
Gouverneur Liebert angelegt hat. Dort trafen wir Herrn Leopold, der aus
Dar-es-Salaam zur Besichtigung der Station gekommen war, und verlebten
einen fröhlichen Abend.
Der Gegensatz der abwechselungsreichen Geselligkeit der letzten Tage
zu dem oft monatelangen Entbehren europäischer Gesellschaft -- für uns
während der letzten vier Jahre doch eigentlich der Normalzustand --
wirkte geradezu aufregend; wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt
erschien uns aber der erste Reitersmann, der unbehindert durch Träger,
Askaris, Weiber und Boys wohlgemut sein Rößlein tummelte -- wir sind an
der Küste!
+Dar-es-Salaam+, Kaisers Geburtstag, 1900.
Wir sind da! Der erste Abschnitt unserer afrikanischen Tätigkeit ist zu
Ende. Morgen gehen wir an Bord des „Herzog“, der uns der alten Heimat
zuführen soll. Nicht für immer, ein Erholungsaufenthalt von einigen
Monaten soll meinem Gatten, den Asthma und Fieber in den zehn Jahren
seiner ostafrikanischen Tätigkeit bös mitgenommen haben, und auch mir,
an der diese vier Jahre Ostafrika nicht ohne Spuren vorübergingen,
frische Spannkraft verleihen zu unserem Lebensziel: als deutsche
Landwirte in friedlichem Wettstreite an unserem Teil mitzuarbeiten an
der wirtschaftlichen Erschließung unseres +deutschen+ Afrika.
Dazu wolle Gott uns seinen Segen geben!
[Illustration]
[Illustration:
Massow Frau v. Prince
Hasso Adalbert
Frau v. Prince mit ihren Kindern.
(Zu S. 213.)]
[Illustration]
Neuntes Kapitel.
Wie unsere Plantage entstand.
Vorstehend sind in erster Linie unsere Wander- und Kriegsfahrten
geschildert worden. Wir, mein Mann und ich, sind seitdem friedliche
Pflanzer geworden. Wir haben uns in der Fremde eine neue Heimat
gegründet und sie sehr lieb gewonnen. Unser Heim Sakkarani liegt im
gebirgigen West-Usambara, und von ihm, wie es entstand und wuchs,
von den kleinen Leiden, aber auch von den großen Freuden deutscher
Kulturpioniere will ich nachstehend erzählen.
Mein Mann hatte als alter, erfahrener Afrikaner alle Vorbereitungen
sorgsam erwogen, und wir gingen mit reichlicher Ausrüstung ans Werk.
Vielleicht in manchem mit allzu reichlicher. Man verfällt leicht in
den Fehler, möglichst viel Wagen, Pflüge, Maschinen usw. gleich aus
Europa mit hinüber zu bringen, weil man glaubt, es sei vorteilhafter,
sie persönlich auszusuchen, als sie später schriftlich zu bestellen
und lange auf sie warten zu müssen. Man vergißt dabei aber, daß man
all das Gerät im Anfang schwer unterbringen kann, und man muß dann
mit Schmerzen sehen, wie es Wind und Wetter und Ameisen ausgesetzt
verdirbt, ehe man es in Gebrauch nehmen kann. Als Kuriosum möchte
ich übrigens noch erwähnen, daß die Fracht für die bewegliche Habe,
mit der wir in Dar-es-Salaam landeten, von dort nach Tanga, von wo
aus wir ins Innere vorrückten, den gleichen Preis kosten sollte,
den wir von Hamburg bis Ostafrika bezahlt hatten! Im Interesse der
schnelleren Besiedelung der Kolonie wird eine Ermäßigung der enorm
hohen Frachtsätze sehr zu wünschen sein.
Wir fanden im übrigen bei den Behörden das bereitwilligste
Entgegenkommen. Dankbar gedenke ich der Liebenswürdigkeit des
damaligen stellvertretenden Gouverneurs v. Estorff, der jetzt
in Deutsch-Südwestafrika sich frische Lorbeeren errang, und der
Gastfreundschaft, die ich in Wilhelmsthal beim Bezirkshauptmann v.
Keudell fand, während mein Mann „Land suchend“ ins Innere vorausging.
Schon nach wenigen Tagen holte er mich aber ab, und wir zogen
hoffnungsvoll in die Berge, der Stätte unserer Zukunft entgegen.
Ich kann es nicht genug betonen, wie mich damals trotz aller
begeisterten Schilderungen, die ich schon vorher gehört hatte,
die Schönheit unserer neuen Heimat überraschte. Die Fülle der
Naturherrlichkeiten, die sie bietet, und die wunderbar ozonreiche Luft,
die das Höhenklima auch hier mit sich bringt, -- es ist immer wieder,
als könne die Brust sich nicht stark genug weiten, um sie einzuatmen --
begeisterten mich förmlich. Schon in jenen ersten Tagen träumten wir
von Luftkurorten und Sanatorien in den Bergen Usambaras für die armen
Landsleute, die in der heißen Steppe oder an der Küste das kostbarste
aller Güter, die Gesundheit, einzubüßen Gefahr laufen.
Es war Anfang Oktober; um diese Zeit herrscht überall in Ostafrika
Trockenheit, alles Gras ist gelb und verdorrt. Hier oben aber, auf etwa
1500 Meter Höhe, wo mein Mann seine Wahl getroffen hatte, mutete das
Gelände noch frisch an, der Boden atmete Fruchtbarkeit und erfüllte uns
zukünftige Landwirte mit froher Zuversicht. Einige Kopfschmerzen machte
uns dafür zunächst das geringe pflugfähige Land auf den meist ziemlich
steilen Hängen. Es war auch ein recht ermüdendes Klettern, ehe wir
ans Ziel gelangten und unsere Zelte bei unserem nächsten Nachbar, dem
Jumben Mtangi, aufschlagen konnten. Der Mann gefiel uns schon deshalb,
weil er Verstand genug gehabt hatte, seinen Sitz auf mäßig steiler Höhe
zu nehmen, anders als die anderen Waschambaas, die ihre Hütten meist
auf den unzugänglichsten Bergspitzen bauen; ein Erbteil aus der Zeit
vor der deutschen Herrschaft, als die räuberischen Massais ihnen mit
steten Einfällen drohten.
Es galt nun zunächst, das abzuholzende, für die Pflanzungen
vorzubereitende Gelände genau kennen zu lernen. Vor den steilsten
Bergkuppen schreckten wir dabei nicht zurück, um Einblick in unser
Gebiet zu gewinnen. Das Land selbst ist ja noch spottbillig, aber es
richtig auszunutzen, darauf kommt es an. Auf alles mögliche muß man
achten, z. B. auch auf die Einwirkung des Windes. Denn nicht selten
stellt sich, nachdem der Wald geschlagen ist, heraus, daß auch eine
scheinbar ganz geschützte Stelle dem Winde so sehr ausgesetzt ist, daß
man nachher mit Kosten und Mühen Windschutzbäume anpflanzen muß.
Ich muß einiges über unsere Arbeiter einschalten. Eine Arbeiterfrage
gibt es ja auch in Ostafrika, wenn sie auch anders gestaltet ist, als
im lieben alten Deutschland.
Man muß da unterscheiden zwischen den Tagearbeitern und dem
angeworbenen Arbeiterstamm, den kein Pflanzer entbehren kann. Jene
kommen aus der Nachbarschaft und arbeiten nur auf Tage, höchstens auf
eine Woche; dann gehen sie wieder nach Hause, um das eigene Feld zu
bestellen oder, richtiger gesagt, zuzuschauen, wie das ihre Frauen
besorgen, Pombe zu trinken und zu schwatzen. Nur wenn sie Geld für
irgendein Kleidungsstück gebrauchen, verdingen sie sich wieder auf
einige Tage. Das Kleid kann allerdings auch für ihre _Bibi_ (Frau) sein.
So ist die Sammlung eines Stammes ständiger Arbeiter von der höchsten
Wichtigkeit. Ihn zusammenzubringen ist aber nicht so einfach. Es
bedarf dazu genauer Landeskenntnis und vieler Geduld. Wenn man mit
der Absicht, eine Pflanzung anzulegen, nach Ostafrika kommt, wird
man wohl oder übel schon an der Küste eine Anzahl Leute anwerben
müssen. Aber das ist fast stets unzuverlässiges, aus allerlei Stämmen
zusammengelaufenes Volk und bildet nur den Anfang und den Übergang
zu besseren Leuten. Man richtet dann meist auf die Wanyamwesi und
die Wassukuma ein besonderes Augenmerk und findet auch sonst von den
anderen Volksstämmen den einen oder anderen brauchbar. Während von dem
von der Küste mitgebrachten Volk die schlechten Elemente bald das Weite
suchen, gibt man den Vertrauen Erweckenden Anwerbegeld in die Hand und
schickt sie auf „Leutesuche“. Oft kommen die Entsendeten nicht wieder,
und man ist geprellt, oft auch bringen sie unbrauchbares Material,
das bald wieder davonläuft. Anfangs wird man leicht nervös, wenn es
wieder und wieder heißt: „Heut sind vier -- sechs -- zehn Arbeiter
verschwunden.“ Man denkt auch wohl, das läge an falscher Behandlung.
Gewiß -- auch die Behandlung des Negers will gelernt sein. Der
Hauptgrund aber ist doch der unausrottbare, zigeunerhafte Wandertrieb
des Negers, der gar zu gern von Tür zu Tür zieht, um auszuprobieren, wo
er sich am bequemsten von der leidigen Arbeit drücken kann. Dabei kommt
eine Abart des europäischen „Zug nach dem Westen“ in Ostafrika, nämlich
zur Küste, zur Geltung. Man ist dem gegenüber nur zu wehrlos. Ich
hatte mir auch mein Ideal zurechtgezimmert; ich wollte Herz für unsere
Arbeiter haben, mich um ihr Wohl und Wehe kümmern, ihnen in der Not
meinen Beistand, bei Krankheiten ungebetene Pflege und Hilfe bringen.
In der ersten Zeit hab’ ich das auch treulich gehalten -- aber als ich
sah, daß sie nachher doch davonliefen, beschränkte ich mich darauf,
ihnen nur dann Verband und Arznei zu geben, wenn sie darum baten. Jetzt
läuft uns nie ein Arbeiter fort; es sei denn: „_Cherchez la femme._“ --
Bei unseren Geländeerkundungen hatten wir endlich auch unsere
zukünftige Hausstelle gefunden und siedelten mit unserem Zeltlager,
nachdem der Platz einigermaßen gesäubert war, zu ihr über. Eine
Robinsonade im Freien begann damit, voller Entbehrungen und viel
harter Arbeit -- und doch denke ich gerade an sie so gern und freudig
zurück. Oft genug hatten wir nicht einmal frisches Fleisch, denn die
Eingeborenen waren noch so mißtrauisch, daß sie uns nur spärlich
ihre Ziegen und Hühner verkauften. Es mag auch originell genug um
unsere provisorische Niederlassung ausgesehen haben: Staub in den
Zelten gab’s freilich nicht zu wischen, aber dafür mußte immer darauf
gedacht werden, den bösen Schimmel von Kleidungsstücken und Geräten
fernzuhalten oder zu entfernen. Sobald die Sonne herauskam, wurden
Kisten und Koffer geöffnet, der Inhalt ausgebreitet, die Kleider und
Decken über Sträucher und auf die Bäume gehängt -- manchmal kam mir’s
vor, als wäre das alles ein Warenhaus im Freien.
[Illustration: Ziegeltrocknen in der Sonne.
Im Hintergrunde die Schuppen.
(Zu S. 223.)]
[Illustration: Landschaft in West-Usambara.
Im Mittelgrund Wasser tragender Küchenboy.
(Zu S. 226.)]
Die Arbeit in der nächsten Umgebung begann. Ringsum erschallten die
Axtschläge, die Bäume krachten nieder. Manchmal fiel’s uns schwer
genug, solch altem ehrwürdigen Riesen zu Leibe zu gehen, und einigemale
siegte die Sentimentalität. Aber wir haben das später bereut, denn
solch ein geschonter Urwaldbaum verträgt es nicht, allein zu stehen; er
geht bald ein, wird zur Unzierde, und seine herabfallenden Äste richten
Schaden an.
Dann folgte die Periode des „Abbrennens“. Die Axt allein wäre ja des
Waldes nicht Herr geworden. In dieser Zeit dünkte ich mich oft wie
eine tränende Räucherware, denn der beizende Rauch war entsetzlich.
Unsere Gesichter waren gar nicht mehr rein zu erhalten, unsere Hände
gleich denen eines Schornsteinfegers, alle Kleider wurden ruiniert;
wo man ging und stand, streifte man an verkohlte Äste, Zweige,
Unkrautstengel, und die ganze Luft war mit schwarzen Staubteilchen
erfüllt. Heilfroh war ich, als die Brandfackel aus der Umgebung des
Zeltlagers weitergetragen wurde. Aber die helle Freude dann, als ich
die mitgebrachten Apfel- und Zitronenbäumchen in das erste frisch
gewonnene Land einpflanzen konnte, an deren Früchten wir uns jetzt
schon erquicken! Das Roden machte ja noch unsägliche Arbeit, doch bald
kamen auch Kartoffeln in die Erde, und Gemüsebeete wurden angelegt.
Auf diesem zuerst gerodeten Stück Land von etwa 30 Hektar liegen heute
unser Haus, Garten, Arbeiterwohnungen und unsere Wiese, deren frisches
Grün wir sehr lieb haben und die sich so schön, wie eine rechte
Alpenmatte, aus dem sie umgebenden Busch- und Kaffeeland abhebt.
Unser „Haus“, schrieb ich soeben stolz. Soweit waren wir aber lange
noch nicht. An die Stelle der Zelte trat zunächst noch die „Hütte“.
Gewaltige Lasten Malamba, verwelkte, getrocknete Bananenblätter
nämlich, brachten die Negerinnen auf ihren Köpfen herangeschleppt.
Mit Bindfaden wurden die Umfassungslinien der Hütte abgesteckt, längs
des Fadens wurde Erde ausgehoben; von zwei zu zwei Metern kam ein
stärkerer Stamm zu stehen, die Zwischenräume füllten dünnere, mit
Lianen verflochtene Stämme; ähnlich entstand das Dach; unter vielen
Schweißtropfen, mit unendlichem Ach und Weh, Zureden, Stöhnen kam der
starke Dachfirststamm hinauf, und schließlich wurde das Gerippe überall
mit den Bananenblättern durchwoben, wie man in einen Smyrnateppich die
Fäden einzieht, und das Ganze innen und außen mit einem dicken Brei
nasser Erde verklebt.
Tanzen hätte ich vor Freude mögen, als ich zum ersten Male den
festgestampften glatten Boden der Hütte unter mir fühlte! Möbel hatten
wir, durch frühere Erfahrungen gewitzigt, nicht mitgebracht. Aus Kisten
und Kasten wurde aber bald das Notwendigste an Stühlen, Tischen,
Regalen zurechtgezimmert. Es ging ganz gut, trotzdem wir zunächst sogar
auf Fenster verzichteten und uns mit Vorhängen behalfen.
Nicht lange, und wir hatten auch eine Sägerei und damit etwas sehr
Wichtiges, nämlich Bretter. Anfangs wollten die Neger an das Sägen
absolut nicht heran, oder sie sägten so ungleichmäßig und langsam,
daß man die Bretter ebenso billig hätte aus Berlin beziehen können.
Allmählich fanden sie aber Geschmack an der Arbeit, und mit den ersten
brauchbaren Brettern kleideten wir die Innenwände unseres Heims aus
und legten Dielen. Als dann Gardinen, Decken und allerhand kleiner
Krimskrams aus den Kisten herausgeholt war, hatte ich’s bald wohnlich
und täglich neue Freude an jedem Fortschritt.
In Europa, gar nun in der Großstadt, kennt man solche Freuden gar
nicht, wie sie das Schaffen auf dem unberührten Urwaldboden mit sich
bringt. Wie froh waren wir, als wir den ersten breiten Weg gebahnt
hatten; wie empfanden wir’s, als wir -- das Angenehme immer gern dem
Nützlichen zugesellend -- uns auch einen Spazierpfad in ein verborgenes
Stück Waldesherrlichkeit anlegen konnten! Mitten durch die Urwaldriesen
mit ihren Lianen, durch mächtige Baumfarne bis zu einer wunderbaren
Fernsicht, von der das Auge weit, weit über den grünen Wald, über
romantische Felswände fortschweift. Heut noch ist uns dieser Weg vor
allem wert. Und ich muß immer wieder daran denken, wie wir ihn zum
ersten Male in der Nacht gingen, durch die tiefe Stille, während der
Wald sich mit Myriaden von Leuchtkäferchen geschmückt hatte, von
denen jedes sein Laternchen auf dem Rücken trug, die Luft magisch
durchflimmernd. Es war so recht eine Stunde, in der sich das Herz mit
Dankbarkeit gegen den Schöpfer füllte!
Inzwischen war wacker an der Plantagenanlage gearbeitet worden.
Des Morgens in aller Frühe schellt die Glocke. Die Leute treten an,
der Assistent -- wir würden in Deutschland Verwalter oder Inspektor
sagen; natürlich ein Weißer -- trägt ihre Namen in das Arbeitsbuch ein.
Am Abend werden dann, um das vorweg zu nehmen, die Namen verlesen,
und jeder erhält sein Poscho, das Geld für den Tagesbedarf, und eine
Marke; diese Marken werden später gegen Geld eingelöst. -- Nach
dem Aufschreiben geht’s an die Arbeit. Die ausgesucht kräftigsten
Leute ziehen zum Axtschlag hinaus. Bei ihnen bildet sich bald eine
besondere Art der Arbeit heraus. Die Axt wird im Takt geschwungen,
und während sie sich mit tänzelnder Pose in den Hüften wiegen, dringt
der Schlag tief in den Leib des Riesen ein, Hieb auf Hieb, bis die
Schwere der Baumkrone nicht mehr das Gleichgewicht halten kann, der
Baum niedersaust, im Fallen schwächere Stämme mit sich reißend. Im
letzten Augenblick springen die Schläger -- sechs Mann z. B. bei einem
Stamm von etwa drei Meter Umfang -- geschickt zur Seite und begleiten
das Niederkrachen mit wildestem Freudengeheul. Manchmal bleiben die
Stämme aber auch, durch Lianen gehindert, hängen, und dann wird das
Niederlegen besonders gefährlich. Verletzungen kommen häufig vor,
ernste Unglücksfälle doch selten, und die erstaunliche „Heilhaut“ des
Negers hilft ihm über leichtere Verwundungen schnell hinweg.
Sind vom Assistenten die kräftigsten Männer abgeteilt, so kommen
die schwächeren an die Reihe, die Leute für das Reinigen und
Gießen der schon fertigen Saatbeete, die Leute für meinen Garten,
die Steinschläger und Ziegelformer -- denn wir arbeiten ja nun auf
das wirkliche Haus los --, endlich der große Trupp, der den Spuren
der Axtschläger folgt. Es beginnt der +erste+ Kleinschlag am
gemordeten Walde. Alle großen Baumkronen werden zerschlagen, damit das
Holz enger zusammenzuliegen kommt und später um so besser brennt.
Denn wenn das Schlagen ein gut Stück vorwärts gerückt ist, folgt wieder
die Brennperiode; bei gutem Trockenwetter bald, bei schlechtem Wetter
erst nach sechs Monaten. Überall lodert’s dann, die Flamme züngelt
übers Feld, hier offen fast einer glitzernden Schlange gleich, dort
unter dem Blattwerk verborgen fortschleichend. Und darüber ballt
sich der Rauch in allen Schattierungen. Oft ist die ganze Anlage in
undurchdringlich dichten Rauch gehüllt, darüber erhebt er sich zu
Wolken, die aus weiterer Entfernung wie ungeheure Gewitterwolken
ausschauen.
Ist der Boden ausgekühlt, so schreitet man zum +zweiten+ Kleinschlag.
Der Brand hat bereits alles Blattzeug und die kleineren Äste
fortgeräumt. Jetzt wird außer den größten Stämmen der ganze Rest in
kleine, leicht bewegbare Stücke zerschlagen. Schließlich müssen die
Stämme und alles übrige zu Haufen geschafft werden, meist in den
Schluchten, und über diese Haufen geht nun noch einmal die vernichtende
Flamme hin. Es ist dies keine leichte Arbeit, und zumal das Schieben
und Rollen der ganz großen Stämme kostet ungezählte Schweißtropfen. Der
beaufsichtigende Assistent hat es oft verzweifelt schwer dabei, denn
unsere guten Neger verstehen die Drückebergerei aus dem ff! Es gilt
aufzupassen und überall einzugreifen, anzufeuern. Auch die schwarzen
Vorarbeiter, die Simamissis, die freilich mit ihren Untergebenen
nicht selten gemeinsame Sache machen, müssen ihr Teil dazu tun, wobei
bisweilen ein nicht ganz sanftes deutsches Schimpfwort, das bei ihnen
Anklang fand, höchst drollig dem Gehege ihrer Zähne entflieht. Ein
gröberes wird angewandt, um die Widerspenstigen, bei denen allzu große
Faulheit Pate stand, zur Vernunft zu bringen. Und wird geschlagen? Ich
kann es mit gutem Gewissen aussprechen: der weiße Mann mit der Knute
existiert nur in der Phantasie mit den Verhältnissen absolut nicht
vertrauter Europäer. Geschlagen darf nur bei grober Frechheit gegen den
Weißen werden: dann ist ein schneller Schlag allerdings meiner Ansicht
nach unentbehrlich und von der besten Wirkung. Sonst aber ist man von
den Arbeitern viel zu abhängig, um sie durch Schläge zu reizen, und man
kommt auf die Dauer ohne das leidige Prügeln viel, viel besser aus.
Streng muß der Neger, der ein Kind ist und bleibt, behandelt werden,
für Milde und nachsichtige Güte hat er wenig Verständnis und deutet sie
stets als Schwäche. Aber auf gleichmäßig +gerechte+ Behandlung hat er
Anspruch, und sie wirkt stets am besten auf ihn!
Ist endlich das Feld gereinigt, so geht es an die Beetanlage. Wir
bauten zunächst nur Kaffee, und von ihm allein spreche ich daher hier.
Das Land wird in rechteckige Gärten eingeteilt; mit eingeknoteten
Stricken, die von zwei Leuten in gleichmäßigem Zwischenraum gespannt
werden, während ein dritter bei jedem Knoten einen Stock in die Erde
stößt, werden die Pflanzlöcher bezeichnet, die 75 _cm_ tief und 60 _cm_
breit auszuheben und dann mit fruchtbarer, lockerer Erde auszufüllen
sind. Dabei terrassiert man zugleich gewissermaßen die Beete, denn
die Pflanzen müssen stets auf flachem Boden stehen. Hat sich nach
einiger Zeit der Boden gesackt und ist schönes, feuchtes Wetter, so
kommt endlich das Pflanzen an die Reihe. Die Pflänzchen, die in den
Saatbeeten ¾ bis 1½ Jahre alt geworden sind, werden herausgenommen
und sorgsam eingepflanzt. Und nun hebt die Sorge für sie an mit
unaufhörlichem Reinigen von Unkraut usw. -- aber ich will hier keine
Schilderung der Kaffeekultur geben. Sei’s daher mit dem Gesagten, das
ja auch nur ein sehr grobliniges Bild der Arbeiten ist, genug.
Gut ist’s nur, daß der Kaffee wenigstens nichts von dem gefährlichsten
Feinde aller afrikanischen Kulturen zu fürchten hat -- von der
Heuschrecke nämlich. Uns haben diese bösen Gesellen auch einmal
gründlich heimgesucht, und sie erschienen unter Umständen, die mich
noch weit mehr überraschten, als das Auftreten der Heuschrecken
selber. Dem Storch ist die Heuschrecke eine besondere Leckerei, wie
übrigens dem Neger auch, der sie, nachdem er ihr Beine und Flügel
abgerissen hat, in der Sonne dörrt und dann mit Wonne verspeist. Eines
Tages kamen nun als Vorläufer einige Störche bei uns in Sicht, und die
Neger verkündeten gleich, daß die Heuschrecken folgen würden. Aber
noch vor ihnen zogen gleich schweren, dicken Wolken Riesenschwärme von
Störchen, die einzigen, die ich in zehn Jahren in Afrika sah, heran.
Sie mußten schon eine weite Reise hinter sich haben, denn sie setzten
sich ermüdet auf Dächer und Bäume. Es waren unzählige. Ich übertreibe
nicht: der Wald sah schließlich weiß von ihnen aus, wie eingeschneit.
Ich hätte nicht geglaubt, daß es in der ganzen Welt so viele Störche
gäbe. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Ein paar Tage darauf
aber bedeckten Myriaden von Heuschrecken die ganze Gegend, und als
diese endlich weiterzogen, starrten die Äste im Walde kahl und öde gen
Himmel, und in meinem armen Garten sah es nicht besser aus; unsere
liebe, saftige Wiese war eine trockene, gelbe Grasfläche geworden. --
Als unsere Plantage -- ja immer das Wichtigste! -- einigermaßen im
Gange war, konnten wir endlich auch an den Bau eines massiven Hauses
denken. Guter Ton für die Ziegel war nach einigem Suchen gefunden
worden, und die Ziegelei mit all ihren Finessen längst im Betrieb.
Für das Fundament unseres Hauses aber brauchten wir Steine; zum
Steinschlagen jedoch hatten die Neger merkwürdigerweise weder Neigung
noch Fähigkeit. Es war ihnen zu neu, sie bildeten sich auch wohl ein,
es sei eine furchtbar anstrengende Arbeit. Erst nachdem ihnen mein
Mann höheren Lohn gab und einige besondere Vergünstigungen zugestand,
ließ sich das seltsame Vorurteil wenigstens bei den besten überwinden.
Allmählich lernten sie sich auch ganz gut ein: anfangs schlugen sie
nur kleine Steine los, bald verstanden sie jedoch auch größere Quadern
zu lösen. Übung macht den Meister. Umständlich und schwierig war der
Transport der Steine zur Baustelle, wie auch der der Ziegel. Einen
Fahrweg anzulegen, lohnte nicht, zumal da eingefahrene Tiere nicht zu
kaufen sind. Ein Versuch mit Eseln aber scheiterte kläglich an deren
Störrigkeit. So mußten wir schließlich doch zu der alten afrikanischen
Transportart zurückgreifen: die Steine und Ziegel wurden von den Negern
herangetragen.
Nachdem wir sehr gründlich als unsere eigenen Architekten den Plan des
Hauses durchberaten hatten, ging’s ans Abstecken und das Bodenausheben
für das Fundament. In der Nähe der Baustelle war ein Loch ausgehoben
worden, in dem der Mörtel zurechtgestampft wurde. Leichtfüßige Knaben
trugen ihn in leeren Petroleumfässern -- die in Afrika ein gar
begehrter, vielseitig verwendeter Artikel sind -- den Maurern zu, die
schon am Werk waren mit nicht geringem Geschrei: „_Udongo! Udongo!_“
-- „Erde her!“, also ungefähr unserem „Lehm up“ entsprechend. Die
Herren Maurer sind wie bei uns verschieden geschickt; so erhielten
die gewandteren die Erker, Fenster-, Türkanten zugewiesen, die minder
tüchtigen die glatten Flächen, wobei sich freilich beim Nachprüfen
mit dem Lot oft genug die Notwendigkeit ergab, ein ganzes Stück
windschiefer Arbeit wieder einreißen zu lassen, denn Augenmaß ist den
Negern nicht gegeben.
Mit wachsender Freude sahen wir die Mauern emporsteigen und den Inder
in Tätigkeit, der hier den Zimmermann spielte, Tür- und Fensterrahmen
und den Dachstuhl bearbeitete. Grade damals -- zwischen Tür und Angel
sozusagen -- wurde mir mein erster, kleiner Usambarit geschenkt, der
mit seinem schwarzen Milchbruder um die Wette prächtig heranwuchs, ja
jenen bald überholte.
So kam das Rüstfest heran, denn ein solches darf auch in Ostafrika
nicht fehlen. Als der Dachstuhl lag und mit Wellblech, wie hier fast
überall, eingedeckt war, meldeten sich die Maurer um ihren Backschisch,
und ein junges Öchslein mußte zur Feier des Tages sein Leben lassen;
natürlich auf „koschere“ Art, denn die meisten Neger essen kein
Fleisch, wenn das Tier nicht am Halse durchschnitten wurde -- selbst
mit der Jagdbeute verfahren sie nach Möglichkeit so.
Bald war das Haus auch verputzt, und frohen Sinnes zogen wir in
das erste Zimmer, das fertig geworden war. Wirklich sehr frohen
Sinnes, weil das Wohnen in der Hütte uns durch die Ratten gründlich
vergällt wurde -- so sehr, daß wir sogar schon reumütig zu den Zelten
zurückgekehrt waren. Endlich, endlich hatten wir jetzt ein eigenes,
festes Dach über uns! Eine bleibende Stätte! Es kam uns vor, als hätten
wir einen steilen, steilen Berg erklommen und dürften nun befriedigt
und dankbar von unserer Höhe auf die arbeitsreiche Zeit zurückschauen,
die hinter uns lag, und zuversichtlich hinaus auf die Zukunft vor uns!
Stillestehen, ruhen und rasten freilich darf man nie. Unsere Anlage
wurde denn auch fortgesetzt vergrößert und ausgebaut. Massive Ställe
entstanden und massive Arbeiterwohnungen, zu denen sich die Waschambaas
drängten -- solch schmuckes, sauberes Häuslein zieht sie doch mächtig
an -- und wir erkannten in ihrem Bau ein wichtiges Mittel, uns einen
festen Arbeiterstamm zu sichern. Natürlich erhält jeder Mann zu seinem
Hause auch soviel Feld, wie er haben will, um ihn recht seßhaft zu
machen, und er wird bei der Einrichtung nach allen Richtungen hin
unterstützt. Ich muß es immer aufs neue wiederholen: wir sind ja auf
den Neger angewiesen und müssen ihn durch seinen Vorteil an uns zu
ketten suchen.
Die Plantage machte die erfreulichsten Fortschritte; wir können bis
heute mit dem Wachstum des Kaffees durchaus zufrieden sein. Mit
welcher Freude verfolgt man das von Jahreszeit zu Jahreszeit! Am
schönsten ist es, wenn die Pflanzung abblüht; dann sieht es aus, als
wenn frischgefallener Schnee über den Feldern liegt, und geht man
hindurch, so duftet es fast betäubend. Später beobachtet man wieder
den Fruchtansatz mit gespanntem Interesse, die wachsende Rundung und
Vergrößerung der Kirsche. Allmählich färben sich die grünen Beeren
dabei gelblich, schließlich nehmen sie eine prachtvolle Purpurfarbe an,
und ihr süßliches Fleisch winkt den Vögeln als schmackhafte Speise.
Nun ist auch die Zeit der Ernte gekommen. Männer, Frauen und Kinder
ziehen mit ihren Körben in langen Reihen aufs Feld. Am Nachmittag wird
das Geerntete heimgebracht und am Pulper aufgeschüttet. Der Strahl
einer Wasserleitung führt die Kirschen durch den Pulper, wobei sie
ihres Fruchtfleisches beraubt werden, in die Gärbassins. Darauf kommt
der Kaffee -- die Bohnen -- in Waschbassins, während die Schalen
für spätere Düngung gesammelt bleiben. Die Bohnen wandern dann zur
Sonnentrocknung auf Tennen, wo sie beständig gewendet werden müssen,
und schließlich, oder bei schlechtem Wetter auch sofort, in die
Aufbereitungsanstalt. Bei schlechtem Wetter! Ja, des Wetters Gunst
oder Ungunst spielt bei uns dieselbe Rolle, wie nur bei irgend einem
ostelbischen Agrarier, und heilfroh sind wir, wenn der letzte Träger
mit dem letzten Sack Kaffee sich auf den Weg zur Bahnstation macht.
[Illustration: Blick auf unsere Kaffeeplantage.
Im Vordergrunde offene, mit gutem Boden für die Pflanzen hergerichtete
Löcher.
(Zu S. 224.)]
[Illustration: Unser fertiges Wohnhaus.
Rückseite mit Aussicht auf den Hof.
(Zu S. 224.)]
[Illustration: Eine Ecke der Diele im Hause Prince mit Durchblick in
das Speisezimmer.
(Zu S. 224.)]
[Illustration: Idyll auf dem Hofe der Kaffepflanzung zu Sakkarani.
(Zu S. 229.)]
Meine besondere Hausfrauenfreude ist natürlich mein Garten. Da
blühen und duften als deutsche Lieblinge längst Veilchen und Rosen,
zwischen ihnen aber auch eine schöne Afrikanerin, eine lilienartige
Amaryllis mit einem prächtigen Kranz von fünf großen, weißleuchtenden,
bräunlichrot gestreiften Blättern. Zu den ersten Apfelsinenbäumen
haben sich Apfelbäume und Pfirsiche hinzugesellt, welch letztere in
anderthalb Jahren drei Meter hoch wurden und prächtig tragen; auch
Kirschen, Birnen und Pflaumen ernte ich schon. Ausgezeichnet gedeihen
die angepflanzten Eukalyptusbäume, die in vier Jahren die enorme Höhe
von fünfzehn Metern erreichten und mich, aus der Ferne gesehen, oft
an unseren heimischen Fichtenwald erinnern. An europäischem Gemüse
fehlt es meiner Küche nie. Aber auch allerlei Versuchsbeete sind
angelegt worden: Chinin, Kampfer, Gerberakazie. Man muß erproben,
was zu bauen sich lohnt. Neuerdings versprechen wir uns, neben dem
Kaffee, viel vom Kautschuk und, was meinen Lesern neu sein wird,
von Zedern-Anpflanzungen. Das Zedernholz ist ja, schon für die
Bleistiftfabrikation, ungemein gesucht. Ich darf’s als unsere bestimmte
Hoffnung verraten: unsere Usambara-Zedern werden dereinst es mit den
historischen vom Libanon mindestens aufnehmen können.
Wie wir leben?
Wir arbeiten! Das ist das beste. Aber man denke nun nicht, daß wir in
ostafrikanischer Einsamkeit versauern. Es gibt heut, mindestens bei uns
in den schönen Usambara-Bergen, keine Einsamkeit in dem Sinne, wie der
Deutsche in der Heimat sich das vorstellen mag. Es fehlt uns durchaus
nicht an Verkehr. Gleich den Gutsbesitzern daheim wechseln wir Besuche
mit den befreundeten Besitzern der Nachbarplantagen, mit den Herren vom
Bezirksamt, mit den Gästen des nahen Sanatoriums. Das Traumbild, das
uns vor fünf Jahren, beim ersten Einrücken in unser Reich, aufstieg,
hat sich nun verwirklicht, und so mancher Leidende aus den heißen
Gebieten holte sich im Usambara-Sanatorium bereits frische Kraft.
Und dann gibt es viele, viele liebe Gäste. Freilich ist der Besuch
sehr verschiedener Art. Da sind, um mit dem Auslande anzufangen,
durchreisende Engländer; besonders dankbar für die genossene
Gastfreundschaft. Dann deutsche Jäger: zumal willkommen hiesige
Bekannte und solche Männer, die, wie Prof. Dr. Paasche, aus reinem
Interesse für die Kolonie zu uns kommen und sich mit offenem Blick
in ihr zu orientieren vermögen. Auf der andern Seite fehlt’s aber
auch nicht an „verbummelten Genies“, die sich von einer Plantage
zur andern durchfuttern und die man nicht selten, mehr oder
minder sanft, herausgraulen muß, am leichtesten meist durch sich
steigernde Einschränkung -- der geistigen Getränke. Weiter kommen
Stellungsuchende, oft sehr fragwürdiger Art, und auch Goldsucher fehlen
nicht. Wir liegen wirklich nicht mehr außerhalb der Welt. Was bedeuten
denn die vier Stunden zu unserer Bahnstation Mombo? Für unsere Eltern
war’s daheim oft weiter bis zum nächsten Schienenstrang. Ein Hotel
gibt es eben in unserer Nähe nicht, und so ist jeder Reisende auf
Gastfreundschaft angewiesen, die aber überall in Deutsch-Ostafrika aufs
freundlichste gewährt wird.
Soll ich nun auch noch etwas von unserem materiellen Leben erzählen?
Ich denke, wir essen recht gut. An Gemüse fehlt es nie; Butter
ist vielleicht manchmal etwas knapp, aber ich habe eine schöne
Rinderherde. Eier gibt’s reichlich -- nur sehr klein sind sie. Frisches
Fleisch liefern Schaf, Ziege, Huhn und manchmal Rind und Schwein;
Ziegenbraten, über den man daheim leicht die Nase rümpft, ist gut
zubereitet etwas ganz Vortreffliches.
Früh -- meist recht früh -- gibt es Tee oder Kaffee mit Eiern und
kaltem Fleisch; um 12 Uhr bringt die zweite Mahlzeit ein Fleischgericht
mit Gemüse und Kompott; am Abend -- um 6 Uhr wird nämlich mit der
Arbeit Schicht gemacht, und der gebildete Europäer macht Toilette --
gibt es unser Mittag: Suppe, wieder ein Fleischgericht mit Gemüse und
Kompott, süße Speise oder Käse. Also eigentlich ganz wie im lieben
Deutschland. Nur ein Unterschied ist in der Tageseinteilung: wenn wir
nicht Gäste haben (wobei dann auch häufig musiziert und wohl auch mal
ein Tänzchen gewagt wird), gehen wir kaum je später als neun Uhr zu
Bette. Dafür heißt’s aber auch früh aufstehen.
Vieles Gute verdanken wir natürlich der Bahnverbindung. Ja, unsere
Usambarabahn! Wenn es nicht Tatsache wäre, man möchte es für einen
Traum halten: Vor fünf Jahren war das Land längs ihres Laufes noch
Wildnis -- heut reiht sich hier eine Plantage an die andere. Alles
Land an der Bahn selbst, ja darüber hinaus, ist schon in festen
Händen. Dabei ist an Landspekulation nicht zu denken: das Gouvernement
verpachtet jetzt nur noch, und erst wenn das gepachtete Land bebaut
ist, kann man noch einmal soviel kaufen. Also 5 _ha_ bebautes Land
ergeben auf 10 _ha_ Ankaufsrecht. Wir selbst wollten kürzlich ein
bestimmtes Stück Land zu einer Gummiplantage kaufen, kamen aber
ausgerechnet um 24 Stunden zu spät! Das alles hat lediglich die Bahn
ermöglicht -- und doch gibt es immer noch kluge Leute, die gegen
Kolonialbahnen eifern.
Aber nun wieder zurück zu unserem Leben. Da muß ich vor allem noch der
Post gedenken. Der Augenblick, in dem, etwa alle vierzehn Tage, der
Bote mit der Europapost ankommt, ist immer ein großes Ereignis. Man
träumt ihn schon im voraus mit offenen Augen durch, und der Gedanke
an ihn verdichtet sich bis zu Visionen, in denen Eltern, Geschwister,
liebe Freunde auftauchen. Der Briefwechsel hält uns Afrikaner am
festesten mit der alten Heimat zusammen. Leider muß ich es sagen: die
Briefe von den Angehörigen und Freunden werden seltener. Vielleicht
bilde ich mir das ja auch nur ein. Aber ich empfinde, als ob auf die
Dauer die Verschiedenheit der Interessen, die Schwierigkeit, sich in
so ganz andere Verhältnisse hineinzudenken, den intimen Briefwechsel,
den wirklichen Austausch der Gedanken erschwert. Schmerzlich empfinde
ich es, wie sich allmählich die Verbindung doch lockert. Und ich kämpfe
immer aufs neue dagegen an.
Aus diesem Grunde reiste ich nach Hause und nahm unsere Kinder mit, um
sie den Großeltern vorzustellen. Trotz fünfjähriger Abwesenheit waren
mir die alten Verhältnisse so vertraut, als ob ich nie fortgewesen
wäre. Ich war glücklich, Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde
gesund wieder zu sehen und manche neue Verbindung zu knüpfen.
Ich habe geschwelgt in Kunst und Theater und war entzückt und
begeistert für alles Schöne, ich schwärme dafür, auch habe ich sehr
viel für gute Leckereien übrig, und trotz allem war ich froh, als mein
Urlaub zu Ende ging. Afrika zog mich förmlich zu sich zurück. Es wäre
dies auch der Fall gewesen, wenn mein Mann nicht dort geblieben wäre.
Es ist eben ein eigen Ding um die Tropen.
Außer den Briefen bringt die Post uns ja aber auch die deutschen
Zeitungen (mit ihren für uns oft so drollig verspäteten Nachrichten)
und so oft als geschenkliche Überraschung Büchersendungen von Mittler
& Sohn aus Berlin. Nein, wir versauern nicht! Wir haben unsere gute
Bibliothek, die wir fortdauernd durch alle besseren Neuerscheinungen
bereichern, wir haben unsere guten deutschen Zeitschriften, unter denen
auch Velhagen & Klasings Monatshefte uns immer aufs neue erfreuen.
Und wir haben unseren Gedankenaustausch darüber. Denn nach des Tages
Last und Mühe sitzen mein Mann und ich gerne zu einem Plauderstündchen
beisammen, werfen alles Äußerliche und Alltägliche hinter uns und
suchen unsere schönste Erholung in der Pflege höherer Interessen. Das
kann, das darf der Europäer in der Fremde nicht entbehren. Er muß sich
auch dadurch seine Überlegenheit wahren; er bedarf dessen, um sich
selber in Zucht zu halten.
Eine wundervolle Erholung bietet endlich die Jagd. Auf eigenem Grund
und Boden haben wir ja freilich außer Buschbock und Wildschwein
nur kleineres Raubzeug und Vögel, und das würde dem verwöhnten
Afrikaner auf die Dauer nicht genügen. Aber wir sind beweglich. Wir
entschließen uns, wenn die Arbeit es gestattet, schnell einmal zu einer
ausgedehnteren Jagdexpedition -- immer wir beide, denn in Afrika (und
das ist wieder das Schöne) geht die Frau immer mit dem Mann. So ziehen
wir denn in die waldreiche Steppe mit Zelten und Betten und Trägern
-- „das Bündlein“ für solch eine Expedition zu schnüren, ist nicht
ganz so leicht, wie das Kofferpacken in Europa. Aber desto schöner,
erquickender ist auch die goldene Freiheit solch eines Nomadenlebens.
Jedesmal kommen wir erholt, angeregt, von neuer Arbeitsfrische erfüllt,
heim und freuen uns dann doch auch wieder unseres gemütlichen Hauses,
seines Komforts -- und natürlich zu allermeist des Wiedersehens mit
unseren drei Buben, die gottlob! in der gesunden Luft unserer Berge
prächtig gedeihen. Unser Jüngster Adalbert fing sein kleines Leben
mit guten Vorbedeutungen an. Am Geburtstag meines Vaters, einen Tag
vor dem Seiner Majestät, geboren, weilte zu derselben Zeit der erste
Hohenzollernsproß, Prinz Adalbert von Preußen, in unserer Kolonie, und
Seine Königliche Hoheit war so gnädig, die Patenstelle bei unserem
Nesthäkchen anzunehmen.
Seitdem ich dies schrieb, hat die Kolonie ihren Aufstand gehabt.
Überall hat es unter den Schwarzen gegärt. Der ganze Süden war in
hellem Aufruhr bis dicht an die Grenzen der Wahehe. Es war ein Segen,
daß die Wahehe treu zur Fahne hielten, denn dadurch wurde den Flammen
des Aufstandes Einhalt geboten und verhindert, daß sie nach Norden
übergriffen, der sich ja nur abwartend verhielt. Die Wahehe der
Landschaft Mage und jener Gegend warfen sich den andringenden Wasagara
entgegen und hielten unter schweren eigenen Verlusten das Eindringen
der Empörer in ihr Land ab. Auch der so tüchtige Großjumbe Muvigny,
auf den sich meine Leser als meinen ritterlichen Begleiter bei einer
Reise besinnen werden, und unser braver, treu ergebener Farhimbu, den
mein Mann von Sakkarani aus in Irole, nahe dem Zelewski-Schlachtfelde,
angesiedelt hatte, bezahlten ihre Treue mit ihrem Leben. Ebenso hat
mein alter Freund Sultan Kiwanga seine von Anbeginn der deutschen
Herrschaft bestehende Freundschaft für sie mit dem Leben büßen müssen.
Häuptlinge, die zu rebellieren beschlossen hatten, lockten ihn in einen
Hinterhalt und ermordeten ihn. Unsere anderen schwarzen Freunde bogen
die Sache durch und erfreuen sich noch ihrer Stellungen, Jumbe Mtaki
bekam sogar ein Sultanat. --
Die Kompagnie Iringa unter der tapfern Führung des Hauptmanns +Nigmann+
und dem zielbewußten Oberleut. v. Krieg hat eine hervorragende Rolle
auch in diesem Aufstand gespielt. Schnell entschlossen eilte Hptm.
Nigmann mit ihr in das Kampfgebiet, entsetzte die Station Wahenga noch
in elfter Stunde und befreite sogar die fern im Süden gelegene Station
+Songia+ von den sie umlagernden Wangoni. Wie schneidig aber die Stämme
der dortigen Gegenden sind, beweist der Umstand, daß bei Songia der
einzige Europäer, der in dem Aufstand im offenen Felde gefallen ist,
_Dr._ Wiehe, den Heldentod fand. Abermals hat Heldenblut besonders
schwarzer deutscher Untertanen den Boden Afrikas getränkt, möchte es
segensreiche Frucht tragen und endgültig allen Kampf von dem schönen
Lande fernhalten.
Wenn die alten Namen alte Erinnerungen doppelt lebhaft zurückrufen,
tauchen auch unsere früheren Mitkämpfer, mit denen wir meistens noch
in brieflichem Verkehr stehen, wieder auf. Bei denjenigen, die seitdem
aus dem Leben geschieden sind, habe ich dies vermerkt. Von den andern
sind manche verschollen, einige leben in Deutschland pensioniert oder
wie Hptm. Engelhardt in der Armee, Prof. _Dr._ Fülleborn in Hamburg
am tropischen Institut. Andere, wie Major v. Prittwitz, Hptm. v. d.
Marwitz, Albinus, Prof. _Dr._ Ollwig, sind noch so glücklich, ihre
Kraft der kaiserlichen Schutztruppe hier oder wie Glauning in Kamerun
weihen zu können. Nur zwei, Feldwebel Merkl und Richter, sind unserm
Beispiel gefolgt und haben, als ihre Gesundheit den kaiserlichen Dienst
nicht mehr gestattete, sich als Ansiedler in der Kolonie, und zwar am
Kilimandjaro, niedergelassen. Die letzte Post brachte uns für August
die Einladung zur Hochzeit des Herrn Richter in Tanga.
Einen herben Verlust erlitten wir durch das Hinscheiden unseres
hochverehrten Gönners und Freundes Hermann von Wissmann, von dem ich
noch 14 Tage vor seinem Tode einen herzlichen Brief erhielt, in dem er
dankbar von seinem Glücke schrieb, das er täglich durch seine Frau und
Kinder genösse. Aber nicht nur seiner Familie und seinen Freunden wird
er unvergeßlich sein, sondern soweit die deutsche Zunge reicht, wird
sein Name mit Stolz als der unseren Einer genannt werden. Möchte das
Denkmal, zu dessen Aufbau sich alle rüsten, als Wahrzeichen der großen
Taten des Begründers der Kolonie Deutsch-Ostafrika bald errichtet
werden.
Inzwischen haben sich auch zum ersten Male einige
Reichstagsabgeordnete, als Vertreter des deutschen Volkes, von dem Wert
unserer Kolonie überzeugt. An solchen Reichtum und solche Fülle von
Naturschönheiten hatten sie nicht geglaubt. Mein Wunsch wäre es, dieses
Jahr kämen einmal die ärgsten Kolonialfeinde heraus, sie würden besiegt
und bekehrt nach Hause gehen und selbst am eifrigsten für Verkehrswege
und Eisenbahnen werben. Man kann nur solange das Fortschreiten der
Kolonie verhindern, als man sie nicht selbst gesehen hat. Darum schnürt
das Ränzel und überzeugt euch. Ehre allen den Männern, die sich ihrem
Beruf auf lange Zeit entrissen, um sich dann mit solcher Hingebung der
selbstgestellten Aufgabe zu unterziehen. Uns brachte der Besuch noch
eine besonders große Freude; auch mein verehrter Vater, mit seinen 64
Jahren, war nicht einmal vor der weiten Reise zurückgeschreckt und
nahm sich die Mühe, die beschwerlichsten Touren mitzumachen. Seitdem
die Augen meines Vaters auf Sakkarani geruht haben, seitdem kommt mir
unser Heim noch heimatlicher vor. Zu beklagen war nur die Kürze seines
Hierseins -- 3 Tage --, die noch täglich durch lange Ausflüge zu 2-4
Stunden entfernten Ansiedlern eingeschränkt wurden. Hier konnte sich
mein Vater von dem Vorwärtskommen und der Zufriedenheit der Leute
überzeugen. Dieses sind durchweg Leute, die bei der Einwanderung
10000 Mark haben mußten. Noch geeigneter würde der kleine Mann ohne
Heller und Pfennig sein, ja womöglich solcher, der in Deutschland
Not an Kleidung und Nahrung leidet. Er wird hier ein lebensfrohes,
menschenwürdiges Dasein führen, und je mehr er Not mit seiner Familie
-- je zahlreicher desto besser -- litt, um so mehr wird er die Wohltat
des Lebens ohne Hungern und Frieren empfinden. In dem gesunden,
relativ keimfreien Lande kann er mit Frau und Kindern selbst den Boden
bearbeiten, so daß er keine Tagelöhner braucht. Damit die Kinder nicht
unwissend aufwachsen, wird bei genügender Anzahl für Schulunterricht
gesorgt werden; aber bei den allerersten Familien muß es auch so gehen,
vielleicht helfen da die Missionen aus. Auf jeden Fall aber wäre es für
die Kinder ein Segen, wenn sie, anstatt im Winter vor Kälte und Hunger
zu verkümmern an Geist und Leib, hier in kräftiger, gesunder, warmer,
freier Luft arbeiten und dann ihren Hunger an Mais, Gemüse, Kartoffeln,
Eiern stillen. Als Sonntagsgericht gäbe es auch ein Huhn in den Topf,
ab und zu wohl gar ein Schweinchen oder eine Ziege, von der sie noch
die Milch hätten.
Auch bei der leidigen Wohnungsfrage wäre es ein Glück nicht nur für
den einzelnen, sondern für das ganze Volk, wenn die Jugend in Gottes
freier herrlicher Natur heranwüchse, anstatt in dumpfigen, schmutzigen,
von Menschen überfüllten Räumen zu vegetieren, wo sie der Hauch der
moralischen Verwesung umgibt. Meine Jungen tragen jahraus jahrein nur
ein Hemdchen, Hose und Bluse und sind glücklich, wenn sie barfuß gehen
können; sie frieren nie, trotzdem der Ofen ein unbekannter Gegenstand
im Hause ist. Dafür tragen sie lange Haare, um das Genick gegen die
intensiven Sonnenstrahlen zu schützen, denn der Tropenhelm wird von den
wilden Buben doch gar leicht zur Seite geworfen.
Welche Wohltat liegt schon in dem Gedanken, die Jugend mit roten Backen
aufwachsen zu sehen, anstatt der hohlwangigen, verfallenen, alten
Gesichterchen der frierenden kleinen Geschöpfe im Winter. Hier müßten
sich wohltätige Frauen zusammentun und Geld sammeln, um es solchen
verarmten Familien zu ermöglichen, ein neues segensreiches Leben zu
beginnen. Es gibt soviel Wohltätigkeitsvereine, und darum bitte ich,
gründet auch einen zur Unterstützung armer Familien, die auswandern
wollen. Laßt das deutsche Blut nicht in fremdem Lande verloren gehen,
sondern wirkt dahin, daß es Wurzeln in deutschen Kolonien schlägt und
dort zu schönem Stamme aufschießt.
Es liegt nicht im Nahmen meines Buches, mich darüber noch näher
auszulassen, doch erwähnen möchte ich, daß kleine Handwerker, wie
Schuster, Schneider, Schlosser, besonders gut vorwärtskommen würden;
sie würden sich viele kleine Nebenverdienste hierzulande schaffen
können, ähnlich den Handwerkern in kleinen Dörfern, die ja auch ihr
Feld nebenbei bestellen. Dieselben Vorteile, die man den Deutsch-Russen
zuteil werden läßt, sollte man auch unsern auswanderungslustigen
Landsleuten gewähren. Anfangs werden manche vielleicht in den
ungewohnten Verhältnissen sich unglücklich fühlen, „was der Bauer
nicht kennt, das frißt er nicht“, das Gasthaus, der Klatsch, die
Sonntagsrauferei werden fehlen, doch allmählich werden sie sich
einleben und zufrieden sein. Am meisten für hier würden Leute aus
verarmten Gebirgsgegenden sich eignen, da sie an das Bergeklettern
gewöhnt sind und auch verstehen, den Pflug an steilen Abhängen zu
führen. Es müssen aber saubere, arbeitsame, vorwärtsstrebende Leute
sein und in Gruppen angesiedelt werden, damit sie sich gegenseitig
zur Arbeit anspornen, denn in der Einsamkeit würden sie bald die
Selbstzucht verlieren und verbummeln. Ein gewisser Druck dürfte nicht
fehlen. Die Kolonisten müßten zu kleineren Dorfschaften vereint
werden, die Dorfschulzen müßten dahin wirken, daß das Saatgut, die
Zuchttiere, das Handwerkszeug, das von der Regierung zu stellen wäre
(es kommt ja später durch Zölle usw. wieder ein), nicht aufgegessen
und verkauft werden könnte. Manch ein erwachsener Sohn würde als
Holzfäller, Pflugführer, Wagenlenker sein gutes Auskommen auf größeren
Farmen, manch erwachsene Tochter als Dienstmädchen gute Stellung in
Familien finden und meistens sich bald verheiraten. Sie würden sich
dann auch nicht einsam fühlen, denn Eltern und Geschwister wären ja in
erreichbarer Nähe. Ein anderes Verfahren erscheint nicht zweckmäßig, da
es in den Bergen an dem genügenden Absatz fürs erste noch fehlen würde
und die Verbindungen zur Küste noch viel zu schlecht und teuer sind und
die deutschen Ansiedler doch schon mehr Ansprüche machen, auch tritt
für die Kinder die Schulfrage in den Vordergrund.
[Illustration: Die Reichstagsabgeordneten auf ihrer Studienreise nach
Deutsch-Ostafrika Juli-August 1896.
1. Hr. Dr. Arendt. 2. Hr. Justizrat Dietrich. 3. Hr. Amtsgerichtsrat
Schwarz. 4. Hr. Oberstabsarzt Hönmann (der hiesige Begleiter). 5.
Hr. Oberamtsrichter Kalkhof. 6. Hr. Ingenieur Hackbarth (Leiter der
Usambara-Bahn). 7. Hr. v. Prince. 8. Hr. Kapitän Doherr von der
Deutsch-Ostafrika-Linie. 9. Hr. Lehmann. 10. Hr. Bezirksamtmann Zache
von Tanger. 11. Hr. Oberst v. Massow. 12. Fr. v. Prince.
(Zu S. 231.)]
Für Unverheiratete, die in der Steppe eine Farm gründen wollen, sind
Kapitalien von 30000-50000 Mark erforderlich. Für Familien mit Kindern
ist eine Ansiedlung dort wegen der Malaria nicht zu raten.
Ich schreibe dies im „Wonnemonat Mai“, wo zu Hause alles blüht und
sprießt und zu neuem Leben erwacht ist. Auch uns gibt der Mai frisches
Leben durch seine große Feuchtigkeit. April und Mai sind für uns die
Winterzeit, die hier sogenannte große Regenzeit, für sie wird schon
Monate vorher fleißig vorgearbeitet. Da wird der Boden urbar gemacht
und zubereitet, um die Pflanzen, wenn die Regenzeit beginnt, aufnehmen
zu können. Den neuen Anpflanzungen gibt der Regen frische Kraft,
daß sie schneller anwurzeln. Dies ist für alle Kulturen das gleiche
und ändert sich nur in der Art des Geländes; bei Grasland z. B. ist
die Arbeit eine entsprechend geringere als bei Buschland. Ein guter
Pflanzer ist derjenige, der bis zur großen Regenzeit -- so genannt zum
Unterschied von der kleinen Regenzeit im November und Dezember, weil es
in diesen Monaten weniger regnet -- sein gestecktes Ziel erreicht hat.
Überhaupt, gesund sind wir alle! Früher galt der Satz als unumstößlich
richtig: wo es in Afrika fruchtbar ist, ist es ungesund und gesund
nur, wo es unfruchtbar ist. Nun, Usambara liefert den Beweis, daß
das in dieser Verallgemeinerung nicht zutrifft. Auch außerhalb der
Usambara-Berge weist Deutsch-Ostafrika noch weite, weite Strecken
Landes auf, in denen der Deutsche arbeiten kann.
Ich hoffe und ich glaube es bestimmt, unsere Berge werden in nicht
allzu ferner Zeit vielen fleißigen deutschen Siedlern eine neue Heimat
auf deutschem Boden gewähren. Es herrschen vielfach auch darüber ganz
übertriebene Vorstellungen, welches Grundkapital dazu erforderlich
sei, sich hier eine Existenz zu gründen. In Wirklichkeit gehören dazu
nicht Hunderttausende. Schon mit einem Kapital von 30-50000 Mark kann
man vorwärtskommen. Freilich: das Vermögen allein tut es wahrlich
nicht. Zäher Fleiß und unbeugsame Energie und die Gabe, sich in den
neuen Verhältnissen zurechtzufinden, müssen sich dazu gesellen. Man muß
sich zu schicken wissen, muß Entbehrungen in den Kauf nehmen können.
Man darf nicht mit den Allüren des großen Herrn nach hier kommen, der
einen breiten Train mit sich führt, mit kostspieligem Aufsichtspersonal
rechnet. Selbst ist der Mann -- das gilt hier! Und die Frau muß dem
Mann als wahre Helferin, recht als guter Kamerad zur Seite stehen.
Das Leben ist auch hier ein Kampf. Aber dieser Kampf birgt unzählige
Freuden in sich. Das Ringen mit der Wildnis, das Erschließen eines
Stückchens Land nach dem anderen gewährt immer neue Genugtuung. Und
immer neue Befriedigung bringt auch das Erhalten des Errungenen, denn
die Wildnis sucht sich jedes Fleckchen Erde, das man ihr abgewonnen,
unausgesetzt zurückzuerobern. Wir sind glücklich bei alledem gewesen,
andere können es auch sein: in dem Bewußtsein, für die eigene Familie
zu arbeiten, die Pflicht gegen sie -- und zugleich damit eine Pflicht
gegen unser teures Vaterland und seine schönste Kolonie zu erfüllen.
Dort oben auf meinem Bücherbrett stehen Goethes Werke -- er hat auch
uns ein gutes Wort gegeben:
„Wenn jeder von uns als einzelner seine Pflicht tut und jeder nur im
Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, so wird es um das
Wohl des Ganzen gut stehen... Jeder wisse den Besitz, der ihm von der
Natur, von dem Schicksal gegönnt war, zu würdigen, zu erhalten, zu
steigern; er greife mit allen seinen Fähigkeiten so weit umher, als er
zu reichen fähig ist. Immer aber denke er dabei, wie er andere daran
will teilnehmen lassen.“ -- -- --
[Illustration]
[Illustration]
Anhang.