Wir passierten das Dorf Marore; hier waren die Hütten schon alle aus
Stroh gebaut, nichts erinnert mehr an die Bergstämme von Uhehe. Das
Land ist von üppigster Fruchtbarkeit, wir sehen viele Ziegen, aber
keine Rinder.
+Kisenguana+, 9. Januar 1900.
Toms Geburtstag! Mein armer Mann ist leider wieder sehr elend, das
Fieber hat ihn auf unserem Marsche noch kaum einen Tag verschont. So
feierten wir den Tag recht still.
+Ndisi+ (auf Deutsch „Bananen“), 10. Januar 1900.
Leider sind die Bananen noch nicht reif. Sehr zustatten kommen uns
die Rasthäuser, die auf der Strecke angelegt sind, man findet nach
dem heißen, anstrengenden Marsche doch gleich einen schattigen,
kühlen Aufenthalt unter dem Schutze dieser weiten Strohdächer; die
ganze Karawane, Menschen und Vieh, drängt sich um diesen gegebenen
Mittelpunkt zusammen.
+Mangatua+, 11. Januar 1900.
Der Jumbe, ein noch junger Bursche, dessen Vater Tom gekannt hat, kam
uns mit seinen Leuten zwei Stunden weit entgegen. Hier hatte Chef
Fließbach damals nach dem Wahehe-Überfall die Boma Uleia gebaut (bei
Kondoa), wo der tapfere Leutnant Brüning den Heldentod starb. Unser Weg
ist überhaupt reich an Erinnerungsstätten für Tom an frühere Kämpfe und
Überfälle; ein Netz solcher denkwürdiger Punkte erstreckt sich bis zum
Rikwasee, von Songea, Tabora bis hinauf nach dem Kilimatscharo, sieben
Jahre Kämpfe lassen ihre Spuren zurück. Die Angst vor den Wahehe ist
hier noch unverkennbar, zehn dieser wilden Gesellen würden genügen,
die ganze Einwohnerschaft zu verjagen. Gott sei Dank ist kein Grund
mehr zu dieser Befürchtung vorhanden, seitdem Tom dieses tapfere Volk
in sich zersplittert und unseren Interessen dienstbar gemacht hat.
Bis hierher hatte sich Quawas Machtbereich erstreckt. Dem Jumben von
Lusolwe, welcher Herrn v. Zelewski Chakula geliefert hatte, hatte er
zur Strafe den Kopf abschlagen lassen, nur Farhenga, sein politischer
Agent, brachte sich schleunigst in Sicherheit, um nicht auch der Rache
des blutdürstigen Tyrannen zu verfallen. So ist es zu verstehen, daß
die Leute hier in dem mächtigen, ehemaligen Quawa-Gebiete und den
angrenzenden Landschaften in Tom jetzt ihren Befreier begrüßen.
+Kilossa+, 12. Januar 1900.
Heute starker Marsch, von 6 bis 10 Uhr und nachmittags von 1 bis 3½
Uhr. Meinem Manne machte es große Freude, die Station Kilossa, die
er 1891 gegründet, wieder zu sehen, und freute sich über die schöne
Entwicklung. Auf der Boma herzlichster Empfang und die liebenswürdigste
Gastfreundschaft; Leutnant Abel war uns zu unserer freudigen
Überraschung eine große Strecke entgegengeritten. Wir trafen hier die
Leutnants Sand[11] und Pfeiffer[12], die, von Dar-es-Salaam kommend,
auf dem Marsche nach Iringa sich befanden, sowie Zahlmeister Asp, der
nach Muanza ging. Kilossa ist wie ein Taubenschlag, stetes Kommen und
Gehen; um so höher müssen wir die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde
einschätzen, die uns in einer Weise aufnahmen, als seien Gäste für sie
ein ganz ungewöhnliches, seltenes Ereignis. Leutnant Abel und _Dr._
Brückner hatten sogar ein trauliches Zimmer für uns hergerichtet; wir
wurden gleich mit kühlem Bier erfrischt; dann besahen wir uns den
Garten, die Ställe usw. und waren dann beim Diner äußerst vergnügt.
Am 16. hatten wir die große Freude, einen alten Freund meines Mannes,
den Pater Oberle, auf seiner Station +Mrogoro+ zu begrüßen, bis wohin
unser alter Bundesbruder Kingomdogo von Geringeri aus uns das Geleite
gegeben hatte.
Die Mission ist sehr schön gelegen, inmitten steiler, aus der Ebene
unvermittelt schroff emporragender Berge, an einem Abhange, von dem
aus sich eine wunderbare Fernsicht bietet. Im Garten eine reiche
Auswahl von tropischen Kulturpflanzen: Kaffee, Orangen, Zitronen,
Custard-Appels, Zimt, Kokospalmen und anderen jungen Anpflanzungen,
ebenso ein prächtiger Blumenflor. Die Kirche ist das stattlichste
Gebäude, was ich je, mit so unzulänglichen Mitteln errichtet, gesehen
habe, 46 _m_ lang, 10 _m_ breit, 8 _m_ hoch. Der Pater Superior ließ
die Missionskinder singen; es war wirklich überraschend, wie hübsch die
deutschen Gesänge zur Geltung kamen; besonderes Lob konnten wir aber
dem schwarzen Organisten für sein wirklich schönes Orgelspiel spenden.
Der Pater Superior Oberle und Tom sind schon seit 1892 befreundet, als
Tom Chef der Station Kilossa war. Erst spät am Abend trennten wir uns
von dem lieben Gastfreund, der uns gern noch länger beherbergt hätte.
Unsere Karawane hatten wir nach Simbamuene vorausgeschickt, wohin wir
ihr bei schönstem Mondschein folgten. Dort schwingt eine Frau das
Szepter als Jumbin, und zwar mit Erfolg. Wir wurden gleich nach unserer
Ankunft in ihrer Hütte mit Bananen, Milch, Eiern und Hühnern reichlich
bewirtet, da der unerträgliche Rauch uns aber allzusehr in die Augen
biß, verabschiedeten wir uns möglichst bald von der gastfreundlichen
alten Dame.
Am 17. waren wir in +Mrogoro+. Unser Lager ist wieder der Sammelplatz
aller Jumben aus der Gegend, die uns begrüßen wollen; die
Anhänglichkeit der Leute hier, wo Tom seit 1895 nicht wieder gewesen
ist, ist wirklich rührend. Mit Gesang, Trommeln und Schießen werden
wir eingeholt und im Triumphzug nach dem Lagerplatze geleitet. So ging
es jeden Tag seit unserem Abschied von Kilossa, der Begriff „Ruhe“
ist für mich zum Gegenstand stiller, aber heißer Sehnsucht geworden.
Unterwegs trafen wir den Landwirt Hierl mit einem kleinen, von zwei
Eseln gezogenen Wagen, dem ersten Gefährt, das von Dar-es-Salaam
auf so weite Entfernung ins Innere gelangt ist. Diese erste Fahrt
ist ein gutes Zeichen für die künftige Erschließung von Uhehe; wird
erst ein praktikabeler Fahrweg für größere Fuhrwerke angelegt und
instandgehalten, dann bilden auch die steilen Mageberge kein Hindernis
mehr, da man sie dann umgehen kann.
Am 18. passierten wir +Kiroka+, das „Pensionopolis“ unserer Askaris,
von denen sich eine Anzahl nach Ablauf ihrer Dienstzeit hier
angesiedelt hat (also eine Art Görlitz „in Schwarz“), auch sie kamen
uns weit entgegen, um ihren früheren Chef zu begrüßen. Abends rasteten
wir in Kikundi. Von hier aus wird die Gegend ganz eben, die Rasthäuser
sind schmutzig und für uns unbenutzbar, auch das gute Wasser wird
selten.
+Sabiro+, 19. Januar 1900.
Die Hitze auf dem heutigen Marsche hat mich ganz elend gemacht, auch
das Wasser ist schlecht, ebenso das Rasthaus. Dicht neben unserem Wege
tauchte plötzlich ein Leopard aus dem dichten Gebüsch auf; er entkam,
ehe Tom schußfertig war, denn auf solche Begegnungen hatten wir kaum
noch gerechnet.
+Geringeri+, 20. Januar 1900.
Die erste verheiratete Europäerin, die ich seit vier Jahren sah.
Leutnant v. Trotha, auf dem Marsche nach dem Kivu-See, und Sergeant
Heß, dieser mit seiner Frau auf dem Wege nach Tabora, kamen heute hier
an; wir bewirteten sie bei uns; sie ist die erste Unteroffiziersfrau,
die nach einer der Stationen im Innern geht, eine stattliche, große
Erscheinung, blond, von energischem Wesen; sie scheint mir für die
Verhältnisse im Innern sehr gut geeignet, und das Beispiel einer
rührigen, praktischen Hausfrau wird bei dem bekannten Nachahmungstriebe
der Neger, die gern sich nach den Gebräuchen der höherstehenden weißen
Rasse richten, sicher gute Früchte tragen.
Am 21. waren wir in +Kigongo+, am 22. Ruhetag.
Am 24. Januar bei +Msenga+, besonders heißer Marschtag, aber auch
besonders merkwürdig; wir erreichten den ersten Kilometerstein, 80 _km_
von Dar-es-Salaam!! Da waren wir also glücklich wieder an der Grenze
der Zivilisation angelangt; ich glaubte, meinen Augen nicht trauen
zu dürfen, als sich plötzlich dieses altgewohnte Zeichen deutscher
Kultur an unserer Karawanenstraße erhob. Wie wir als Kinder oft auf
der Landstraße die Schritte von einem Meilenstein zum anderen gezählt
hatten, so kontrollierten wir nun hier, mit der Uhr in der Hand,
die Zeit, die wir für jeden Kilometer brauchten; das Ergebnis war
erfreulich, wir machten den Kilometer durchschnittlich in 10 Minuten.