11. Oktober 1898.

Gestern brachte Pater Ambrosius den am Fieber erkrankten Herrn v.

der Marwitz nach der Station und ging mit dessen Stellvertreter, dem

Unteroffizier Künster, wieder auf seinen Posten zurück.

Ich war in großer Unruhe! Herrn v. der Marwitz’ Fieberanfall hatte

noch in der letzten Woche unseren Arzt sechs Tage lang von der Station

ferngehalten, jetzt gerade, wo ich ärztlicher Hilfe voraussichtlich

bald dringend bedarf! Gott sei Dank, diese Sorge bin ich los, nun geht

das „große Reinemachen“ noch einmal so flott. Es soll wenigstens alles

in Haus und Hof imstande sein, wenn ich nicht jeden Tag selbst mehr

nach dem Rechten sehen kann.

* * * * *

+Utengule+, 28. Mai 1899.

Schwere Zeiten liegen hinter mir, Wochen und Monate so banger,

verzehrender Sorge, wie sie nur einer Mutter beschieden sein

können..... Wir befinden uns auf Safari. Tom hatte schon früher den

Wunsch geäußert, sich die Gegend hier genauer anzusehen, nun sind wir

seit dem 27. April unterwegs.

Die Landschaft Irole übertrifft an Fruchtbarkeit alle unsere

Erwartungen, sie liegt 1400 Meter hoch und zeichnet sich durch gesundes

Klima und für uns Europäer angenehme Temperatur aus. Am 30. April

besuchten wir das auf einer Anhöhe bei der Residenz des Jumben Kawenda

von Irole gelegene Zelewski-Denkmal: eine 8 Meter hohe Steinpyramide

auf einem 7 Meter hohen Sockel, in welchen eine Kupferplatte mit den

Namen der zehn Gefallenen der unglücklichen Zelewski-Expedition von

1891 eingefügt ist. Mit tiefer Rührung las ich die Namen: vor acht

Jahren fielen zehn deutsche Männer an dieser Stelle im blutigen Kampfe

gegen die Wahehe -- und heute stehen wir hier als die Herren des

Landes, und die Wahehe sind unsere tapfersten Kampfgenossen. Das teure

Blut unserer tapferen Landsleute ist nicht fruchtlos geflossen.

Wir schmückten das Denkmal mit Blumen und Laubgewinden und zogen weiter

in die steilen Utshungwe-Berge. Anhaltendes Regenwetter vereitelte aber

Toms Arbeiten, Wegaufnahmen und Kartieren; auch ich hatte natürlich

keine Freude an dieser „Wasserpartie“. Kurze Sonnenblicke, die zuweilen

die Nebelwand zerrissen, ließen erkennen, daß wir uns in fruchtbarem

und eigenartig schönem Berggebiete befanden.

Sehr überrascht waren wir eines Morgens, als wir aus unserem Zelt

anscheinend in eine Schneelandschaft traten; es war jedoch nur der

frische Morgentau, der auf den dicht behaarten Halmen einer weißlich

schimmernden Grasart glänzte. Die Täuschung war wirklich überraschend.

Auf dem Rückzug aus den Bergen mit vielen Flußübergängen ist mir

besonders eine prächtige Schirmakazie aufgefallen, die ihr flaches Dach

gegen 7 Meter weit nach allen Richtungen hin ausbreitete; leider konnte

ich den stattlichen Baum nicht photographieren, Nebel und Regen folgten

uns auf dem ganzen Marsch bis Malangali.

Von besonderem Interesse war mir auf dieser Safari, daß wir am 5. Mai

an einem Platze Halt machten, in dessen Nähe ich vor 2½ Jahren mit Tom

nach monatelanger, in dem Fieberneste Perondo unter Angst und Sorge um

sein Leben zugebrachter Einsamkeit wieder zusammenkam. Das Wiedersehen

wog all die sorgenvollen Wochen auf! Noch eine andere Erinnerung

knüpft sich an diesen Platz: hier wurde damals der Askari meuchlerisch

ermordet, das erste Zeichen des beginnenden Aufstandes.

Zu unserer Begrüßung kam der Jumbe Lupambile aus Mugama, ein Verwandter

des Sultans Kiwanga, ins Lager. Er brachte mir die Hühner und andere

Lebensmittel, die ich vorausgesandt hatte. Ihm vertraute ich meine

beiden jüngsten Pflegekinder an: Mumiri und Mpanga. Wider Erwarten

zeigten sich die beiden Kleinen den Anstrengungen der Safari nicht

gewachsen, die ersten paar Tage hielten sie auf ihren Eseln, die ich

besonders für sie angeschafft hatte, ganz tapfer aus, besonders Mumiri;

das kleine frische Kerlchen klammerte sich mit den Armen um den Hals

seines Grautieres, auf die Dauer freilich wurde ihm diese Stellung

doch zu unbequem; sobald er sich aufrecht setzte, fiel er herunter,

auch wurde er oft von den Bäumen aus dem Sattel gestreift. So war es

denn besser, die Kinder hier zu lassen, umsomehr, als sie bei Lupambile

in bester Hand sind.

Am 6. Mai rasteten wir am Iragolabach; von der Fülle der herrlichsten

Blumen, Lilien und Orchideen, nahmen wir eine Menge Knollen zum

Einpflanzen mit. Der Zug durch die Landschaft Fuagi war besonders für

unsere Schwarzen beschwerlich, es fehlte an Holz zum Lagerfeuer; die

armen Kerle froren Tag und Nacht. Auch der Übergang über den Uuhai

(Nebenfluß des Ruaha) bot, der steilen Ufer und des weichen Moorbodens

auf unserer Seite wegen, große Schwierigkeiten; die Karawane brauchte

länger als eine Stunde zum Durchwaten, ich „schwebte“ wieder auf den

Köpfen von zwei Askaris über die Flut hinweg; ein besonders langer

Mhehe stapfte hinterher, um die teure Last vor unfreiwilligem Bade

zu bewahren, falls einer meiner beiden Träger im Wasser stolpern

oder fallen sollte. Es ging aber gut ab. Von Wild sahen wir nur ein

Wildschwein und eine Antilope auf einem Felsblock, deren Silhouette

sich scharf gegen den rotglühenden Morgenhimmel abhob -- ein prächtiges

Bild. Am Kufaribache (8. Mai) fand sich viel Brennholz; trotz der

milden Sommernacht schichteten die Träger wahre Scheiterhaufen

zusammen, als wollten sie sich nun bei dem reichlichen Holzvorrat

nachträglich noch an Hitze ersetzen, was sie in den holzarmen Strecken

entbehren mußten.

Am 9. Mai stellten wir die Quelle des Ruaha fest. Wir hielten da

einen Ruhetag, weil Tom Berichte schreiben und seine Beobachtungen

und Aufnahmen in Ordnung bringen wollte. Unser Herbarium erhielt

auch hier reichen Zuwachs; in dem die Ruahaquelle umgebenden Sumpfe

wuchsen wunderschöne Blumen, von denen wir uns einen Vorrat preßten;

freilich mußten wir in dem Sumpf und dem Bache herumwaten. Das ganze

Land ist sehr wasserreich: binnen sechs Tagen mußten wir mehr als 250

Wasserläufe passieren, zum Teil von ansehnlicher Tiefe. Am 12. lagerten

wir am Malangali-Ruaha, den wir zum Unterschied von unserem großen

Flusse den Ruahabach nannten. Bemerkenswert waren die in der Nähe

befindlichen charakteristischen Erderosionen, wie man sie selten von

solcher eigenartigen Schönheit antrifft.

Am 14. Mai trafen wir auf Station Malangali ein, wo Herr v. der

Marwitz ein wunderhübsches Offiziershaus mit Wohnzimmer, Schlafzimmer

und Baderaum gebaut hatte. Hier war soeben der arme Geograph Schmidt

am Fieber gestorben. Auch Idunda passierten wir, die Station, welche

Tom seinerzeit eingehen lassen mußte, weil der Platz von Dysenterie

so verseucht war, daß man der Krankheit nicht Herr werden konnte.

Am Sanibach kamen wir in das Gebiet Mereres, nach Ubena. Der

Charakter dieser Landschaft ist ganz verschieden von dem Uhehes, lang

ausgedehnter welliger Steppenhügel mit wenig Wasser, doch fehlt es

nicht an fruchtbaren Stellen. Am meisten fällt der gänzliche Mangel

an Baumwuchs auf, es gibt hier meilenweit weder Baum noch Strauch.

Als Brennmaterial dient der Dünger der Rinderherden, der hier von den

Schwarzen überall gesammelt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet

wird. Die Temben sind meist aus Schilf, selten ist einmal ein Holzstab

durchgezogen, den sie sich von weit her holen müssen.

In Gawiro kam uns Merere entgegen, an der Spitze seines Hofstaates.

Er ist jetzt ganz „Europäer“ geworden, selbst den Gebrauch des

Taschentuches hat er sich angewöhnt. Übrigens spielt er in

seinem, gegen manchen seiner Stammes- und Standesgenossen stark

kontrastierenden Selbstbewußtsein als Sultan eine gute Figur. Mich

behandelte er mit ausgesuchter Höflichkeit; es imponierte ihm, daß ich

lesen und schreiben kann. Als Tom in Ruipa neulich Volkszählung hielt,

sagte Merere: „Wir zählen nicht einmal unsere Rinder, wie sollen wir

unsere Frauen zählen?“ Daß Tom gefragt wird, wieviel Rinder er für mich

bezahlt hat, kommt öfter vor.

Beim Einzug in Gawiro war feierliche Einholung; von weither kamen uns

die Leute entgegen, in Gawiro selbst offizieller Empfang. Merere nahm

auf dem von seinem Vater ererbten, schön geschnitzten und mit Metall

eingelegten Stuhle Platz, der ihm überall von einem eigens hierzu

angestellten Jüngling nachgetragen wird. Wir setzten uns neben den

Sultan. Die Leute knieten nieder, indem sie, die Handflächen aneinander

reibend, die vorgestreckten Arme hin und her bewegten, und sagten

„_adse senja_“ (Gegrüßt seist du, Rindvieh!), worauf Merere erwidert:

„_Guiri juga_“ (Guten Morgen, wir grüßen dich!). Wenn Merere von

einer Reise zurückkehrt, wird er mit dem zweimal wiederholten Rufe

begrüßt: „_Guage senja_“ (Guten Morgen, Rind!), „_Wadjeri Msenga_“

(Guten Tag, o Rindvieh!). Die Halle, in der diese Begrüßung stattfand,

war mit Spiegeln an den Wänden, Fellen und Waffen ganz geschmackvoll

ausgestattet. Auch die übrigen Räume fand ich ganz wohnlich

eingerichtet; unter Mereres Stuhl war sogar ein schönes Leopardenfell

als Teppich ausgebreitet. Von besonderem Interesse war für uns Mereres

Haus, da es an den Außenseiten mit Wandmalereien geschmückt war,

die in der ganzen Auffassung des Dargestellten am besten für die

kindlich naive Anschauungsweise unserer schwarzen Freunde sprechen.

Auf den Bildern aus grellbunten Erdfarben, die der eingeborene _al

fresco-_Künstler sich an Ort und Stelle zusammengemischt hatte, war

Quawa dargestellt, wie er mit Mpangire und seinen Brüdern zum Kriege

auszieht, die Fahne voran; ferner ein Jäger, der, hinter einem Baum

versteckt, auf einen Elefanten schießt; die Zeichnung des Elefanten,

dem der Maler beide Stoßzähne auf die dem Beschauer zugekehrte Seite

gemalt hatte, erinnerte lebhaft an die naiven Darstellungen auf

altägyptischen Bildern; an der Vorderseite waren zwei große Giraffen

aufgemalt. Diese Wandbilder sind im ganzen Gebiete die einzigen Zeichen

von künstlerischer bezw. malerischer Betätigung; Quawa hatte sie

sich auf die Wände seiner Tembe malen lassen; da sie in der dunklen

Halle jedoch nicht zur Geltung kamen, ließ Merere auf den Außenwänden

seiner Tembe dieselben Bilder anbringen. Bemerkenswert ist auch, daß

Merere als erster schwarzer Herrscher im Innern sich ein zweistöckiges

steinernes Haus bauen läßt; das Aufrichten lotrechter Wände macht ihm

freilich viel Kopfschmerzen.

Mit Herrn v. der Marwitz, der inzwischen eingetroffen, setzten wir

uns weiter in Marsch, und zwar kamen wir nun in wildreiche Gegend;

besonders die Zebras, denen ich auf meinem Maultiere mich bis auf

etwa 100 Meter nähern konnte, boten einen prächtigen Anblick; die

mit Leierantilopen vermischten Herden formierten sich manchmal

wie eine Kavallerie-Brigade mit vorgezogenen Kommandeuren und

Adjutanten. Bei Usafa, etwa drei Stunden nördlich von Gawiro, geht das

charakteristische weitgewellte Ubena-Grasland der Uheheberge auf, und

es beginnt die Tischplatten-Niederung des Mpangali oder großen Ruaha,

welche zunächst bis zur größten Ortschaft Kiwere mit Busch und Strauch

bedeckt ist. Über Kiwere hinaus, und zwar bis an den Usafaabfall im

Westen, die Vorhügel von Niam-Niam im Norden, an die Irongoberge

im Osten, dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine gewaltige, fast

baumlose Ebene aus, die zwar in der Regenzeit mit Gras bestanden,

aber in den trockenen Zeiten, namentlich nach den Grasbränden,

unbeschreiblich öde wäre, wenn nicht die kolossalen Wildherden Leben

in das Bild brächten. Verschiedentlich glaubte ich noch aus 1500

Meter Entfernung, mitten in der gelben Ebene, eine lange Strecke

Buschwald vor mir zu sehen, der sich aber bei Annäherung als eine etwa

1000 Stück starke Herde von vorherrschend Zebras und Leierantilopen

auswies. Rhinozeros und Elefanten sind auch nicht selten, während Löwen

nachgerade hier zu Hause zu sein schienen. Merere wurde eingehend über

den Wert des Zebras belehrt. Am Mpangali selbst liegen keine Dörfer,

wohl aber ist eine Reihe Niederlassungen, meist Neuansiedelungen, durch

Merere ein bis zwei Stunden vom Flusse ab in der Steppe verstreut; nur

am linken Ufer ist die Steppe von Ulanga westlich menschenleer und fast

ohne Wald. Bei Ulanga, einer Niederlassung mit 60 Hütten, trennten wir

uns am 19. Mai 1899. Merere ging auf direktem Wege nach seiner neuen

Residenz Utengule, um Vorbereitung zum Schauri zu treffen.

Am Ruaha schlugen wir unser Lager auf, an der einzigen Stelle, wo der

Fluß einigermaßen passierbar ist; die vielen Krokodile, die sich hier

aufhalten, machen den Übergang doch etwas riskant, ich balancierte,

die Füße auf den Hals meines Maultieres gelegt, glücklich und ohne

weitere Anfechtung hindurch. Dann trafen wir nach kurzer Mittagspause

Vorbereitungen zur Kibokojagd (Nilpferd). Ich war in keiner geringen

Aufregung: zum erstenmal auf Flußpferde pürschen -- da darf man schon

Jagdfieber haben.

Wir waren kaum 300 Meter am Ufer entlang gegangen, als wir auch schon

die ersten Tiere sahen: prustend kamen zwei unförmliche Schnauzen

aus dem Wasser, um nach ein paar schnaufenden Atemzügen rasch wieder

unterzutauchen. -- Hier faßte Herr v. der Marwitz Posten, während Tom

und ich weitergingen. Bald fanden wir eine ganze Familie: die Alten

scheu und vorsichtig immer nur auf Augenblicke den Kopf aus dem Wasser

reckend, die Totos dagegen vergnügt und sorglos herumplätschernd. Wir

beobachteten eine Zeitlang das interessante Bild, als plötzlich von

der Seite unseres Jagdgenossen ein Schuß fiel, dem bald noch mehrere

folgten. Jetzt galt es auch für uns, zum Schusse zu kommen, ehe die

Dickhäuter sich von dem Knall verscheuchen ließen. Ich stellte mich

hinter Tom, um ihm rasch die Patronen zureichen zu können. Es war

nicht ganz leicht, den stärksten Kopf von den oft nur sekundenlang

auftauchenden Ungetümen aufs Korn zu nehmen, und es dauerte lange,

bis Tom endlich schoß. Das getroffene Tier warf sich hoch auf aus dem

Wasser, schlug mit den kurzen plumpen Beinen und versank dann lautlos;

wir hatten die Kugel dicht unter dem Auge einschlagen sehen, wenn es

also nicht zu weit abtrieb, mußten wir das Tier finden.

Die badende Kibokoherde hatte eine Anzahl Krokodile angelockt, von

denen Tom eins, welches auf einer Sandbank am Ufer sich sonnte, zur

Strecke brachte; es war ein stattlicher Bursche.

Herr v. der Marwitz hatte Glück gehabt, sein Kiboko hatte ihm den

Gefallen getan, angeschossen auf das Ufer zu klettern, wo er ihm den

Fangschuß geben konnte. Angesichts dieses Kolosses wurden wir doch

zweifelhaft, ob unser Kiboko auch wirklich tödlich getroffen wäre; es

ließ Tom keine Ruhe, und so ging er denn selbst noch einmal, um den

Fluß abzusuchen; sehr vergnügt kehrte er mit der Nachricht zurück, daß

auch unsere Jagdbeute glücklich auf einer Sandbank im Strome gestrandet

sei.

Am anderen Morgen galt es, die beiden Kolosse und das Krokodil zu

bergen. Das war keine leichte Arbeit; unsere Leute strengten sich

gewaltig an, die starren, unbeweglichen Fleischkolosse durch den Fluß

und die Uferhöhe hinauf zu schleppen; die Aussicht auf den seltenen

Überfluß an Fleisch schien ihnen Riesenkräfte zu verleihen.

Die Nachricht von unserem Jagdglück hatte sich mit Windeseile in der

Gegend verbreitet, von allen Seiten kamen Einwohner der umliegenden

Dörfer, um von der Beute ihr Teil zu holen. Ehe wir sie ihnen

überließen, photographierte ich die beiden Kibokos und das Krokodil;

dann wandten wir uns ab von dem scheußlichen Anblick dieser gierigen,

heulenden, hungrigen Schar, die mit Messern, Äxten und Speeren in dem

Fleische der toten Tiere herumwühlte und sich um die besten Stücke

zankte.

Nur mit Mühe brachten die Wasagiras, die sich vorher schon über die

Verteilung des Fleisches geeinigt hatten, Ordnung in dieses tobende

Chaos.

Während hier der tollste Lärm um unsere Riesenbeute tobte, saß Herr v.

der Marwitz unweit davon am Ufer und holte mit seiner Angelschnur in

größter Seelenruhe Fisch auf Fisch aus dem Wasser, die uns zu Mittag

vortrefflich schmeckten.

Nachmittags passierten wir, nachdem wir den Fluß nochmals

durchschritten, eine Stelle, an der Herr v. der Marwitz vor einigen

Monaten 32 Flußpferde erlegt hatte; die von den Hyänen abgenagten

Knochenhaufen machten einen unheimlichen Eindruck. Kurz darauf

kamen wir nach Ulanga, einem Dorfe mit runden Hütten. Am anderen

Morgen großer Alarm: soeben war ein Trupp Elefanten dicht am Dorfe

vorbeigelaufen, in der Ferne konnten wir sie noch sehen! Eine

Verfolgung blieb, wie zu erwarten, ohne Erfolg, nur einen Antilopenbock

brachte Tom zur Strecke. Mehr Glück hatten wir später in der Nähe

einer kleinen Ansiedelung von acht Hütten, Karadja; dort konnte ich

eine Strecke photographieren, bestehend aus 1 Zebra, 1 Kuhantilope,

3 Nämära, 1 Swala, 1 Schwarzfersenantilope. Die Leute leben hier fast

ausschließlich von der Jagd, Feldfrüchte bauen sie fast gar nicht,

tauschen solche vielmehr in den Nachbardörfern gegen das Fleisch ihrer

Jagdbeute ein, und damit ist beiden Teilen aufs beste geholfen.

Im weiteren Verlaufe unseres Marsches hatte ich Gelegenheit, mich dicht

an einen größeren Trupp von Zebras anzupirschen und die prächtigen

Tiere lange zu beobachten; ein wunderbares Bild: die zierlichen Tiere

fühlten sich ganz sicher, die Fohlen spielten und sprangen um die alten

Tiere herum, die sorglos grasten; erst als mein Maultier hart auf einen

großen Stein auftrat, schraken sie zusammen und wurden flüchtig.

Das wichtigste Ereignis stand mir jedoch noch bevor. Etwa 150 Schritt

abseits unseres Weges stieg plötzlich eine schwarze Wolke von Aasgeiern

auf, dort mußte also ein ausgiebiger Futterplatz sein. Aber sollten

wir auf diese Entfernung hin das Frühstück gestört haben? Ich schickte

einen Wahehe nach der Richtung, doch der war kaum in die Nähe gekommen,

als sich plötzlich ein mächtiger Löwe aus dem hohen Grase erhob! Es

war ein prachtvolles starkes Tier mit dichter Mähne, die er zornig

schüttelte. Der Wahehe stand vor Schreck wie festgenagelt, und ich

meinte nicht anders, als daß der Löwe ihn im nächsten Augenblicke

unter seinen Pranken haben würde -- aber ich hatte den Wüstenkönig

überschätzt. Ehe noch Tom aus dem Sattel und mit der Büchse zur Stelle

war, hatte der Löwe sich schon bis auf etwa 300 Schritt entfernt; dann

wandte er sich wieder und äugte nach uns herüber, sobald wir ihm aber

folgten, brachte er immer größere Strecken zwischen sich und uns, bis

er endlich am Horizonte verschwand.

Das ganze Benehmen deutet auf alles andere, als auf die vielgerühmte

Tollkühnheit und Tapferkeit des sogenannten „Königs der Tiere“ -- mir

kam es erbärmlich feige vor, als das kraftvolle stattliche Tier Reißaus

nahm. Unverbesserliche Optimisten mögen darin vielleicht ein Zeichen

der sprichwörtlichen „Großmut“ erkennen, daß er sich nicht auf den

Wahehe stürzte. Das Urteil über die bewundernswerten Eigenschaften

des Wüstenkönigs scheint mir nach allem, was unsere „Afrikaner“ davon

erlebt und erzählt und was ich selbst von ihm gesehen habe, sehr der

Revision bedürftig. Jedenfalls darf man den Begriff „König“ nicht in

dem Sinn auffassen, wie wir Europäer das zu tun gewohnt sind; man kommt

der Sache schon besser bei, wenn man den Begriff nach dem Beispiele der

sehr ehrenwerten Mitglieder des Pickwick-Klub „_in a Pickwickian i.

e. African point of view_“ nimmt.

Da Tom für seine kartographischen Aufnahmen den Fluß als Basis

benutzen wollte, hielten wir uns die nächsten Tage am Ruaha auf. Noch

am Vorabende unseres Aufbruches, am 24. Mai, hatte ich Gelegenheit,

mich auf eine Kibokofamilie anzupirschen, die sorglos im Strom badete.

Ich muß gestehen, daß ich in nicht geringer Aufregung war, als ich

zum ersten Male die Büchse erhob, das Herz schlug mir hörbar bis

zum Hals hinauf, so daß ich mein Ziel, den in kurzen Zwischenräumen

auftauchenden Kopf meines Wildes, kaum fest in die Visierlinie bringen

konnte: ich hatte das richtige Büchsenfieber! Endlich, als sich meine

Nerven beruhigt hatten, paßte ich meine Gelegenheit ab; ich blieb im

Anschlag liegen, bis der ungefüge Kopf des zur Beute erkorenen Tieres

aus dem Wasser auftauchte, und diesmal ließ ich ihm keine Zeit, mich

wieder zu necken; noch ehe er wieder im Wasser verschwinden konnte, gab

ich Feuer -- die Kugel schlug dicht über dem rechten Auge ein, und mein

Kiboko verschwand im Wasser! Wenn ich auch meiner Sache ganz sicher

zu sein glaubte, daß der Schuß gut gesessen, war ich doch in großer

Spannung, in die sich allmählich auch gelinde Zweifel mischten, ob wir

das Tier finden würden, um so größer daher meine Freude, als unsere

Leute mit Jubelgeschrei verkündeten, daß mein Kiboko mit weidgerechtem

Kopfschuß etwas weiter stromabwärts an einer Sandbank angetrieben sei.

Mein Jagdglück feierten wir nach dem Abendbrote unten am Fluß. Im

Mondschein floß der Ruaha wie ein silbernes Band leise rauschend

durch die dunklen Schatten seiner waldigen, hügeligen Umgebung; als

afrikanische Staffage belebt dies in majestätischer Ruhe vor uns

ausgebreitete Landschaftsbild eine Familie von Flußpferden, die im

Gefühl, so ganz unter sich und zu Hause zu sein, ihre schwarzen

nassen Leiber im Silberglanze des Mondlichtes aufblitzen ließen, die

kühle wohltuende Nachtluft, säuselnd in den Palmenwipfeln -- es war

ein herrlicher Abend, der mir unvergeßlich bleiben wird, es waren

Stunden, die zum inneren Erlebnis werden, die Herz und Gemüt, Körper

und Geist so vollkommen mit ihrem Zauber durchdringen, daß sich die

tiefste Trauer, der heftigste Schmerz in linde Wehmut lösen, in stille

Sehnsucht, wie Windstille nach dem Sturme. Die schwere Zeit, die eben

jetzt hinter mir liegt, mit ihren Ängsten und Sorgen, mit ihren Leiden

und -- Hoffnungen, werden mich solche Stunden freilich nicht vergessen

machen; aber es liegt jetzt wie ein verklärender Schimmer über der

Erinnerung an jene Leidenszeit, eine versöhnliche Stimmung, die den

unfruchtbaren Hader mit dem Schicksal aufgibt und den Blick wieder fest

und vertrauensvoll auf das gesteckte Ziel richtet. Blicke ich zurück

auf diese unsere letzte Safari in unserem ersten Wirkungskreise, in dem

ich meinem Gatten bei Erfüllung der schweren Pflichten seines Amtes,

soweit es in meinen Kräften stand, zur Hand gehen konnte, dann ist es

mir, als wollte dies wilde, unwegsame Land der „weißen Bibi“ nach all

ihrem Leid nun auch alle seine Wunder offenbaren, wie zum Trost für das

schwere Opfer, mit der das Mutterherz sich ein Heimatsrecht in diesem

Lande erkaufen mußte.

Ja, Afrika ist jetzt unsere zweite Heimat, wir haben sie uns erkämpft

und erstritten, nicht nur mit der Waffe in der Hand. Und das Zeichen

unseres Sieges?... ein kleiner Grabhügel in Iringa, der nun alles

birgt, was Elternherzen an hoffnungsvollen Zukunftsträumen gehegt! Ruhe

sanft in deutscher Erde, Du liebes Jungchen!

* * * * *

Am 25. Mai brechen wir vom Zusammenflusse des Barali und Kumani mit

dem Ruaha auf, einem landschaftlich besonders interessanten Punkte;

die drei großen Flüsse bilden eine seeartige Erweiterung, auf deren

flachen Sandbänken sich zahlreiche Krokodile sonnten; Tom schoß

zwei davon. Über Kimara erreichten wir am 27. den Kimarafluß in der

Nähe des Dorfes Komalingi; hier hatten kürzlich die Pocken furchtbar

gehaust, von 62 Bewohnern waren nur 23 übrig geblieben. Am 28. waren

wir in Mtengule, dem Stammsitze Mereres, dessen Vorväter schon hier als

Sultane gesessen haben. Tom hielt hier Steuer-Schauri, in Anbetracht

der langjährigen Bedrückungen von seiten des Sultans Quawa wurden

die erbetenen Vergünstigungen gewährt. Tom hatte den Ort an Merere

wieder zurückgegeben, der nun, nach unser aller Quälgeist, Quawas, Tod

zum Mittelpunkt einer seßhaften, landbauenden Bevölkerung zu werden

verspricht. Merere thronte auf dem von seinen Vätern ererbten Stuhle,

auch ein großes, mit allerhand Stäbchen durchflochtenes Perlenhalsband

gehörte mit zu den Attributen seiner Würde.

Hier trafen wir auch den auf einer Forschungsreise begriffenen _Dr._

Fülleborn. Er versah uns reichlich mit Lymphe, so daß wir im weiteren

Verlaufe unseres Zuges zahlreiche Impfungen vornehmen konnten. Wir

verlebten mit diesem liebenswürdigen Gelehrten recht frohe Stunden. Von

allen Ehrungen, die uns von seiten Mereres zuteil wurden, war der Tanz

seiner etwa 300 alten und jungen Weiber entschieden die anstrengendste

für beide Teile, denn diese Feierlichkeit dauerte 24 Stunden! Wir sahen

sie uns natürlich nur für kurze Zeit an, aber das Geschrei dieser

schwarzen Mänaden klang noch in unsere Nachtruhe hinein. Übrigens

stellten wir zu unserer Verwunderung fest, daß von sämtlichen jungen

Frauen auch nicht eine einzige wirklich hübsch zu nennen war.

Am 30. Mai kamen wir nach ziemlich anstrengendem Marsche durch eine

etwa 40 Kilometer breite, rings von Bergspitzen und Kuppen umsäumte

Grasebene nach Ruipa, dem Grenzorte von Mereres Reich und Residenz

seiner Mutter. Die alte Dame -- man kann diesen europäischen Begriff in

der Tat auf die weißhaarige, mit einer gewissen vornehmen Zurückhaltung

auftretende Mutter des Sultans anwenden -- machte auf uns den besten

Eindruck; sie hat viel natürlichen Anstand, und die Unterhaltung mit

ihr war wirklich interessant. So viel Achtung und Ehrerbietung die

kluge, alte Sultanin auch bei ihrem Volke genießt, in Gegenwart ihres

Sohnes, des regierenden Herrn, darf sie sich nicht auf einen Stuhl

setzen, sondern muß in seiner Nähe auf dem Boden kauern, wie es auch

die Araber tun müssen, die sich doch weit erhaben über die Neger dünken.

An der Ruahaquelle, am 13. Juni 1899.

Die letzten beiden Wochen passierten wir mehrere Dörfer, in denen die

schwarzen Pocken furchtbar gewütet hatten; vom Kinde bis zum ältesten

Greise kaum eine Person ohne Pockennarben. Auch die Malaria machte sich

wieder recht fühlbar. Wir haben, jedenfalls aus dem Lager am 3. Juni

in Mbarali, die Fieberkeime mitgebracht; Toms heftiger Anfall ging zum

Glück rasch vorüber, aber ich bin so schwach, daß ich mich für den Rest

unserer Safari noch tragen lassen muß.

Am 21. Juni treffen wir wieder in Alt-Iringa ein.

[Illustration]

[Illustration]

Achtes Kapitel.

Abschied von Iringa. Auf der Heimreise.

+Iringa+, 25. September 1899.

Starkes Erdbeben. Wie die Wahehe erzählen, werden Erdstöße hier öfter

beobachtet. In der Tat hatten solche auch in den Tagen nach Quawas Tod,

vor Jahresfrist etwa, stattgefunden; dieses Naturereignis war damals

von den Wahehe mit dem politischen Ereignis des Todes des gewaltigsten

Negersultans in ursächlichen Zusammenhang gebracht worden.

Am 22. November traf die Genehmigung von Toms Urlaubsgesuch ein. Seit

der Rückkehr von unserer Safari, am 21. Juni, war ich krank, wochenlang

nicht imstande, das Bett zu verlassen, es war eine furchtbare Zeit.

Auch Toms Gesundheit war infolge der Strapazen der letzten Jahre so

erschüttert, daß er, wenn auch schweren Herzens, den schönen Beruf,

dem er mit Leib und Seele angehörte, wohl aufgeben müssen wird. Ein

längerer Urlaub in der Heimat wird, so Gott will, uns beide wieder

für die Aufgabe stärken, die wir uns infolgedessen gestellt haben:

fernerhin als deutsche Landwirte und Kolonisten in diesem Lande zu

wirken. -- Nun geht es ans Einpacken. Die Hauptsorge, wo bleiben meine

Totos, meine kleinen schwarzen Pflegekinderchen, ist auch glücklich

gelöst. Missionar Neuberg wird sie bis zu unserer Rückkehr in Pflege

nehmen.

Weihnachten.

Den heiligen Abend verlebten wir still für uns. Die beiden Feiertage

folgten wir einer Einladung nach der katholischen Mission, wo die

erste Taufe an erwachsenen Eingeborenen stattfand. Abends hatten die

lieben Schwestern der Mission es sich nicht nehmen lassen, uns einen

Weihnachtsbaum zu schmücken, sie und Pater Severin hatten allerhand

hübsche Weihnachtsüberraschungen für uns in Gestalt von geschnitzten

Holzgeräten, wie Näpfe, Löffel und dergleichen, in deren Anfertigung

die Wahehe sehr geschickt sind.

Mit schmerzlicher Wehmut gedachten wir des heiligen Abends im

vergangenen Jahre; in der zu einer Kapelle umgewandelten Halle hatten

wir freudigen Herzens unsern Erstgeborenen taufen lassen und dann das

heilige Abendmahl genommen.

Zur Taufe war der uns sehr sympathische Missionar Bunk von der

Berliner evangelischen Missionsgesellschaft von seiner Station zu uns

herübergekommen. Seitdem die Verhältnisse in Uhehe friedlicher geworden

sind, ist auch diese Missionsgesellschaft hier in Arbeit getreten. Sie

hatte schon mehrere Stationen im Kondelande am Nyassa und ist nun von

dort, also von Westen her, an mehreren Punkten in Uhehe vorgedrungen.

Ihre rasch angelegten Stationen versprechen guten Erfolg. Tom ist es

eine Freude, diesen tüchtigen deutschen Männern in mancherlei Beziehung

hilfreich sein zu können. Schwierigkeiten könnten ja entstehen aus

einem Wettbewerb der katholischen und evangelischen Missionen. Aber bei

den Größenverhältnissen unseres Landes und bei dem auf beiden Seiten

vorhandenen Taktgefühl wird das kaum zu befürchten sein.

Auf der Station ging es nun auch ans Abschiednehmen. Wir besuchten

noch einmal alle die Stätten unserer Tätigkeit; besonders der Garten

mit seinen gleichmäßigen, gutgepflegten Beeten und Wegen bezeugte es

mir, daß ich hier nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt hatte, seine

Erträgnisse kommen nun unsern Nachfolgern und ihrer Küche zugute.

Die Übergabe der Station an Herrn v. der Marwitz erfolgte unter

militärischer Feierlichkeit, in Gegenwart sämtlicher Jumben. Tom hielt

eine Ansprache an die Askaris, in der er betonte, er freue sich,

seinem Nachfolger eine so erprobte, tüchtige Kompagnie übergeben zu

können; dann reichte er jedem Askari die Hand; auch die Jumben mahnte

er zur Treue, sie hätten nun gesehen, daß der deutschen Macht keiner

auf die Dauer mit Erfolg sich widersetzen könne, selbst Quawa habe

unterliegen müssen. Für ihre Treue und Anhänglichkeit würden sie dann

durch den Segen friedlicher Arbeit unter dem mächtigen Schutze der

schwarz-weiß-roten Flagge belohnt werden. Alles war sehr feierlich

gestimmt, nach afrikanischer Sitte freilich ringsum ein Höllenlärm mit

Schießen und Schreien, in welchem vor allem die schrillen, gellenden

Weiberstimmen dominierten, die ganze Stadt war auf den Beinen und des

Abschiednehmens und Händeschüttelns kein Ende. Dann setzte sich die

Musik an die Spitze, und geleitet von sämtlichen Europäern, unsern

Askaris und großem Gefolge aus der Einwohnerschaft, zogen wir den Berg

hinab. Dort verabschiedeten wir uns zum letztenmal von unsern Soldaten,

dem Wali, dem Griechen und anderen alten Bekannten; die Europäer

begleiteten uns noch weiter bis zu unserem ersten Lager am Ruaha. Eine

Abschiedsbowle versammelte uns zum letztenmal um den Tisch, die Herren

benutzten unsere Kisten als Stühle, und manche herzliche Rede, heiter

und ernst, stieg uns zu Ehren nach alter schöner Heimatsitte.....

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 127 / 132 题