15. April 1898.

Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur

in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen;

binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt,

dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom

von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch

die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen

bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und

präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der

Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station

wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick

hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die

Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen

gebautes Haus -- ein solches hat er wohl nie vorher gesehen -- mag ihm

eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen

Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! --

In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde,

den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen -- hat dieser selbe

gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet,

sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder

geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten

darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris

unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte,

die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die

Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der

Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten

ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und

den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er

noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille

erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. -- Doch

der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich

die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren

Herrn im Pori nicht wiedergefunden! --

So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede

Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird

er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich

erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele?

In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die

Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch,

verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer

seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst,

die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich

dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer

deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod

oder Selbstmord!

+Mgaga+, den 6. Mai 1898.

Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen

der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine

Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt

diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir

machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die

trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen,

Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein

Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse

angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine

Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber

sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter

hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder

in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten.

Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes

Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm

bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt

afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart,

die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen

uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich

hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser

Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute

einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er

im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach

Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle

Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich

einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.

+Mgaga+, 10. Mai 1898.

Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz

befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem

noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl

Feuerstellen ist noch vorhanden, auch einige niedere Grashütten

wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen,

ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in

Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung

bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene -- Spiegel,

der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es

einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage

lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark

verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz

für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben

wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten

in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw.

Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend,

den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter.

An Stelle meines bisher besten Boys -- er stand bei allen Gläubigen

als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in

hohem Ansehen --, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab,

habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen,

klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere

Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen

machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche

erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden --

für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und

unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche

schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung

ausgesetzt! Endlich -- ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine

Perle je wiederzusehen -- kam mein Mpischi ganz von selbst wieder

an -- seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er

im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf

seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem

Seelenschmerz nicht erholt.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 113 / 132 题