Was Tom im Dezember vorigen Jahres in einem Berichte an den Gouverneur
in bestimmte Aussicht gestellt hatte, ist in Erfüllung gegangen;
binnen vier Monaten wird Quawa, von allen seinen Anhängern getrennt,
dem Hungertod im Pori verfallen sein. Nach dem Verzeichnis, das Tom
von allen Quawaanhängern zusammengestellt und dessen Richtigkeit durch
die Aussagen von Gefangenen und durch Berichte unserer Patrouillen
bestätigt wurde, kann er jetzt nur noch seinen ältesten Sohn und
präsumtiven Nachfolger Sapi, einen jüngeren Sohn und zwei Mann der
Leibwache bei sich haben. Seine Spur wurde dicht bei unserer Station
wiedergefunden, auf einem Berge, von dem aus man einen guten Überblick
hat. Der Blick auf das blühende, rege Leben in der Stadt, auf die
Boma, die vielen Ansiedelungen und auf unser massiv aus Steinen
gebautes Haus -- ein solches hat er wohl nie vorher gesehen -- mag ihm
eindringlich genug bewiesen haben, daß seine Hoffnung auf den baldigen
Abzug seiner Feinde diesmal nicht wieder in Erfüllung gehen wird! --
In diesen Tagen fieberhafter Aufregung, wo alles aufgeboten wurde,
den Todfeind zum entscheidenden Kampfe zu stellen -- hat dieser selbe
gehetzte Flüchtling in einer Tembe unweit der Station übernachtet,
sich am langentbehrten Herdfeuer Speise bereitet und die müden Glieder
geruht! Merkls Patrouillen sahen den Rauch dieser Tembe und wollten
darauf zu marschieren, allein die führenden Wahehe hielten die Askaris
unter allerhand Ausflüchten davon ab: es seien Leute in jener Hütte,
die das Wild von den Feldern abhalten sollten, und ähnliches. Die
Sache erschien aber unsern Askaris verdächtig, sie gingen in der
Richtung der verdächtigen Tembe vor, und richtig: von einem als Posten
ausgestellten Jumben gewarnt, eilte Quawa mit seinen beiden Söhnen und
den letzten beiden Kriegern seiner Leibwache dem Walde zu, nachdem er
noch einen unserer Askaris erschossen. Die Kugeln unserer Patrouille
erreichten ihn nicht mehr. Der Wald nahm ihn in seinen Schutz. -- Doch
der Überfall sollte gute Folgen haben; zwei Tage danach stellten sich
die beiden Quawasöhne und die beiden letzten Krieger; sie hatten ihren
Herrn im Pori nicht wiedergefunden! --
So ist denn Quawas Geschick besiegelt! Er steht nun ganz allein, jede
Aussicht auf Unterstützung, auf Zufuhr ist ihm abgeschnitten; wird
er seinen Ausspruch wahr machen, den er einst getan: er werde sich
erschießen, sobald sein Sohn in die Hände des Bana Kapirimbu fiele?
In der Tembe fanden die Askaris Quawas Messer und Trinkbecher. Die
Leute erzählen sich, der Sultan habe weder Feuerholz bei sich, noch,
verstehe er überhaupt selbst Feuer anzumachen, da er hierfür immer
seinen besonderen Diener gehabt habe. Trotz aller Sorge und Todesangst,
die ich in diesen zwei Jahren um meinen Mann gelitten, hätte ich
dem tapferen Feinde doch ein anständigeres Ende, den Tod von einer
deutschen Kugel, gewünscht, als es ihm jetzt beschieden ist: Hungertod
oder Selbstmord!
+Mgaga+, den 6. Mai 1898.
Der Arzt hat uns am 28. April auf Safari geschickt; die Strapazen
der letzten Streifzüge haben Tom sehr mitgenommen, und auch meine
Nerven bedürfen nach all der Aufregung der Auffrischung. Tom benutzt
diese „Erholungstour“ zur Erkundung und Kartierung der Umgegend. Wir
machen kartographische Aufnahmen der Wege, stecken die Basis für die
trigonometrischen Messungen ab; Azimutbestimmung, Entfernungsmessen,
Bestimmung der geographischen Breiten füllen unsere Tage aus. Mein
Herbarium schwillt an, der Dolmetscher hat mir eine Blumenpresse
angefertigt, sie ist etwas sehr geräumig ausgefallen (für eine
Reise um die Erde könnte ich sie als Handkoffer benutzen), aber
sie erfüllte ihren Zweck. Vom Gongo ya Luimtuira, einem 2100 Meter
hohen Felsengipfel, großartige Aussicht! Am 3. Mai waren wir wieder
in unsern alten lieben Bergen, die wir schon früher durchwanderten.
Leider werden unsere astronomischen Ortsbestimmungen durch trübes
Wetter sehr beeinträchtigt, auch die Kälte macht sich recht unangenehm
bemerklich. Einmal mußten wir mit unserm Lager dem Überfalle eines echt
afrikanischen Feindes weichen; die Siafus, eine bösartige Ameisenart,
die sich weder mit Wasser noch mit Feuer vertreiben lassen, zwangen
uns, den Lagerplatz weiter den Berg hinan zu verlegen. Wahrscheinlich
hatten sie von dem großen „Schlachtfest“ Witterung bekommen; da unser
Mehlvorrat verbraucht war, ließ Tom nämlich zum Jubel unserer Leute
einen Ochsen schlachten; es war ein buntes, bewegtes Bild, als er
im Kreise der rings um ihn hockenden Schwarzen stand und jedem nach
Verdienst und Würdigkeit seine Fleischportion zuteilte; die helle
Freude leuchtete aus den Augen der armen Kerls über die Aussicht, sich
einmal wieder an Fleisch sattessen zu können.
+Mgaga+, 10. Mai 1898.
Nach dem neunstündigen Ritt bin ich heute sehr müde. Unser Lagerplatz
befindet sich an einer Stelle am Saume des Urwaldes, an der vor kurzem
noch unsere Feinde sich häuslich eingerichtet hatten; eine Anzahl
Feuerstellen ist noch vorhanden, auch einige niedere Grashütten
wurden von unseren Askaris aufgestöbert. Tom ist allein losgezogen,
ich habe inzwischen „Höhe abgekocht“, Pflanzen gepreßt und mich in
Semmlers „Tropische Agrikultur“ vertieft. Eine angenehme Unterbrechung
bot die Ankunft der Postsachen, mit ihnen der vergessene -- Spiegel,
der aus Versehen nicht mit eingepackt worden war. Früher hätte ich es
einfach für unmöglich gehalten, daß ein weibliches Wesen vierzehn Tage
lang ohne Spiegel existieren könne, ich bin aber doch schon so stark
verafrikanert, daß ich ihn wirklich kaum noch vermißte. Als Ersatz
für Schnapsels Sohn Pombe, den uns der Leopard totgebissen, haben
wir jetzt eine Tochter dieses in der Blüte seines Daseins Geknickten
in Gestalt eines muntern, sehr zierlichen Hündchens als Haus- bzw.
Zeltgenossen, dem wir, seinem lebhaften mutwilligen Wesen entsprechend,
den Namen „Sillery“ gaben; die Dynastie Schnapsel blüht also weiter.
An Stelle meines bisher besten Boys -- er stand bei allen Gläubigen
als Zugehöriger zur Familie der direkten Nachkommen des Propheten in
hohem Ansehen --, den ich seinem Vater auf dessen Wunsch zurückgab,
habe ich jetzt einen jungen Mhehe, ein prächtiges Kerlchen mit großen,
klugen Augen. Mein Koch klagt mir wieder sein Hauskreuz: seine bessere
Hälfte behandelt ihn zu schlecht! Das würde mir nun wenig Kopfschmerzen
machen, wenn diese ehelichen Zwistigkeiten sich nicht auf meine Küche
erstreckten. Eines schönen Tages war meine „Perle“ verschwunden --
für mich ein unersetzlicher Verlust! Tom hetzte sofort den Wali und
unsern Freund Farhenga auf seine Spur, die auch Leute auf die Suche
schickten; überdies wurde für seine Einlieferung ein Rind als Belohnung
ausgesetzt! Endlich -- ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, meine
Perle je wiederzusehen -- kam mein Mpischi ganz von selbst wieder
an -- seine Frau hatte ihn wieder mal so schlecht behandelt, daß er
im Pori Schutz gesucht hatte. Hoffentlich wirkt die Safari auch auf
seinen Lebensmut wieder auffrischend; noch hat er sich von seinem
Seelenschmerz nicht erholt.