12. Mai 1898.

Tom wieder unterwegs, um womöglich die Quelle des Kihansi zu

finden. Aus Berlin traf ein Brief von Toms Jugendfreund, Leutnant

v. Thaer, ein, der mich meiner Lieben daheim wegen sehr beunruhigt.

Herr von Thaer ist sehr besorgt um unser Schicksal; ihm war die

Schreckensnachricht zugegangen, Tom und ich seien von den Wahehe

ermordet worden, selbst die Einzelheiten dieses Mordes waren angegeben;

auf persönliche Anfrage beim Auswärtigen Amt hatte man ihm gesagt,

amtlich sei nichts derartiges bekannt, nach einigen Tagen wurde die

Nachricht dann auch offiziell als unbegründet bezeichnet. Hoffentlich

bewährt sich auch an uns der alte Volksglaube: daß Totgesagte ein hohes

Alter erreichen! Welcher Schrecken aber für alle unsere Lieben daheim,

wenn sie tagelang unter dem fürchterlichen Druck der Ungewißheit

leben müssen, falls das Gerücht auch zu ihnen gedrungen ist! Ich habe

die Briefe von zu Hause noch nie mit solcher Sehnsucht erwartet, wie

diesmal.

+Dabagga+, 15. Mai 1898.

Toms topographische Ausbeute ist reichlich: er hat die Quellen nicht

nur des Kihansi, sondern auch die des Mtitu festgestellt; so sehr

ich mich über jeden Erfolg meines Mannes freue, so unzufrieden bin

ich doch manchmal mit ihm, denn im Eifer, das vorgesetzte Ziel zu

erreichen, vergißt er Essen und Trinken; so hat er auch diesmal wieder

den ganzen Tag nichts genossen; er war aber über das Ergebnis seiner

Erkundungsmärsche so vergnügt, daß ich die Gardinenpredigt, mit der ich

ihm das Abendbrot zu würzen gedachte, für eine bessere Gelegenheit noch

zurückhielt.

Der Regen hat uns übrigens auf dieser geographischen Expedition zu

vielen Marschpausen gezwungen, da wir bei trübem, nassem Wetter keine

genauen Aufnahmen erzielen. Tom hat jedoch seine Karte um eine große

Zahl wichtiger Punkte bereichern können, und für mich war es noch

besonders wertvoll, unser Gebiet so kreuz und quer zu durchstreifen.

Meine Sorge, daß unsere Lieben in Deutschland durch die Tataren- oder

vielmehr „Kaffern“-Nachricht von unserer Ermordung in Angst gesetzt

seien, wird durch heute eingelaufene Zeitungen bestätigt: Papa hat nach

Dar-es-Salaam um Nachricht telegraphiert. Nun haben sie inzwischen wohl

alle die beruhigende Nachricht erhalten, daß es uns gut geht. Wie mag

wohl das Gerücht entstanden sein? Gott sei’s gedankt, Toms politische

Haltung den Schwarzen gegenüber, sein kluges, freundliches Eingehen

auf die nationale Eigenart der einzelnen Stämme hat uns die Herzen

dieser großen Kinder Schritt für Schritt gewonnen, wir fühlen uns

sicher mitten unter ihnen. Wer hätte früher je gedacht, daß die stolzen

Wahehekrieger einst für die Weißen friedliche Arbeit tun würden?

Jetzt schlagen sie Wege für uns durch den Urwald und sind anstellig

für jede friedliche Beschäftigung. Selbstverständlich lassen wir uns

nicht in untätige Sicherheit einwiegen, sondern halten die Augen nach

allen Seiten hin offen. So hat Tom jetzt für die Feldarbeit auf der

vom Förster Ockel eingerichteten landwirtschaftlichen Versuchsstation

hier in Dabagga auch Wapawagas aus dem Bezirk Uhehe eingestellt; es

hatten sich auf die erste Aufforderung hin sofort 30 Mann gemeldet,

vorsichtshalber wurden aber erst 15 zur Probe angenommen; sie mußten

sich jeder in einem besonderen, mit ihrem Handzeichen versehenen

Kontrakt auf vorläufig drei Monate verpflichten, eine Förmlichkeit,

bei der sie sich ungemein wichtig vorkamen; jetzt führen sie mit viel

Geschick den Spaten; der Förster ist sehr zufrieden mit ihnen. Ob sie

aushalten werden, ist eine Frage der Zeit. Neue Besen kehren gut. Je

länger man in Afrika lebt, je klarer offenbart es sich einem, daß das

Gedeihen der Kolonie davon abhängt, wie man sich die Schwarzen erzieht;

ihre richtige Behandlung ist eine Kunst, für die nicht jeder zugänglich

ist.

Ich war von Dabagga überrascht, es würde sich bei der schönen Lage zum

Luftkurort eignen. Der Förster hat sich ein allerliebstes Häuschen

gebaut und sein Wohnzimmer schmuck und heimisch eingerichtet. Im Kamin

prasselte ein tüchtiges Feuer, um welches wir uns, da es empfindlich

kalt geworden war, gemütlich zusammenfanden. Der Boden ist vorzüglich:

Weizen und Raps gedeihen gut, ebenso Erdbeeren, Mandeln und allerlei

Baumarten; nur mit dem Gemüse klappt es noch nicht, ohne ersichtlichen

Grund. Nachmittags hielten wir Scheibenschießen: von den Askaris

erzielte der beste Schütze zweimal zehn Ringe bei freihändigem Schießen

auf 170 Meter.

Als besonders denkwürdig notiere ich noch: photographierte das

Forsthaus und den ersten deutschen +Pflug+ im Lande Uhehe!

+Suka+, 20. Mai 1898.

Am 18. Mai Abschied vom gastlichen Förster[8], vier Stunden Marsch nach

dem Ifigaberge, wo Tom Vermessungen machte, Basis absteckte und andere

topographische Arbeiten. Die Safari nähert sich ihrem Ende, wir denken

stark an den Heimmarsch. Wahehe, die noch vor wenigen Wochen gegen uns

gekämpft haben, sind unsere Führer!

Station +Iringa+, 24. Mai 1898.

Am Sonntag, den 22., trafen wir wohlbehalten wieder ein, abgesehen

von einem ohne Folgen verlaufenen Sturz mit dem Maultier, ohne jeden

Unfall; ich habe mich prächtig erholt -- von Tom ist es mir fraglich,

er hat sich auf der Safari wenig Ruhe gegönnt. Unser Haus fanden wir

schön mit Blumen geschmückt, den Tisch zierlich gedeckt; dann kamen

sämtliche Europäer an, uns zu begrüßen; wir saßen noch zwei Stunden

beim Weine und erzählten uns.

Am 2. Pfingstfeiertag, 30. Mai 1898.

Iringa wird Weltstadt! Wir sind Poststation geworden, als sichtbares

Zeichen unserer Zugehörigkeit zum Weltpostverein wurde der erste

Briefkasten angebracht, und jeder drängt sich, seine Korrespondenz

ihm eigenhändig einzuverleiben! Gleich am ersten Tage wurden ihm über

500 Postkarten anvertraut, die der staunenden Mitwelt von dem großen

Ereignis Mitteilung machen sollten. Natürlich gab das auch Anlaß zu

einer mehr feucht-fröhlichen wie feierlichen Einweihung. Für Leutnant

Braun, der auf Urlaub geht, kam Leutnant Bischoff als Ersatz, für

Feldwebel Langenkemper Feldwebel Schütz, mit ihnen Tischler Wunsch und

vier Goanesen, die sich auf Tischlerarbeit verstehen. Die Station soll

gut ausgebaut werden; projektiert sind zunächst ein Försterhaus und ein

Haus für den demnächst eintreffenden Landwirt Hirl.

Gestern mittag zum 1. Pfingstfeiertag haben wir die Herren bei uns

angefeiert, da gab’s denn morgen für mich viel Arbeit; nachmittags

ruhte ich ein Stündchen, um 7½ Uhr waren wir in der Messe eingeladen.

Das war ein anstrengender Tag. Zum Pfingst-Heiligenabend war großer

Zapfenstreich mit Fackelzug und am Sonntag früh großes Wecken -- ganz

so, wie es sich für eine deutsche Garnisonstadt gehört!

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 114 / 132 题