25. Juli 1897.

Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll

Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren

Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht

-- und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch

mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister

Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger

mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert -- zum

erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein

Leben.

Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte,

was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen

Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte

würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden

Mann in wenigen Tagen furchtbar mitgenommen, elend und verfallen,

aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In

Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, -- wir sprachen

gerade über das Sterben -- dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits

hinüberzuschlummern -- wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne

Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen.

Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie

mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der

Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen

Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg

wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf

Fugger[6] widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der

nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte,

darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet -- und die Trauerfeier war

zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen

Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer

weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die

Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst

vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich

den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an

derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch

Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.

Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem

Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb

mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die

in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten,

wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann,

schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des _bana

mkubwa_ („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner

Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem

Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem

Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit

geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich

werde Toms eigene Worte hierher setzen:

(Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei Stunden vom Muassi-See.)

„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen

Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit -- der Stuhl ist beinahe so

hoch wie der Tisch -- trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die

komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:

Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei

Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen

versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere

Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in

ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht,

den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für

absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also

Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe

mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem

Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die

Flüchtigen sich verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze

Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten

hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von

unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der

Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau

zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am

Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei

Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den

Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen

etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen

30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt

gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute

in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch

etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten

sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel -- auch hatten

wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum

war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer

scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug,

zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer

in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen.

Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich

freiwillig angeschlossen hatte -- ein dritter Speer, der direkt von

vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze

war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien

nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte

mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er

mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis

zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine

Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen

nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht

beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre

ich ein gleichförmiges Schaben und Knirschen -- Tschirr! Tschirr! --

da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung

hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht

hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht

erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die

Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen

Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der

Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die

Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher

Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins

Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum

Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und

Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit

ihnen wieder in die Höhle -- sofort saß dem Wahehe ein Speer in der

als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die

brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb

meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise

säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher

und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der

ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“

Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch

ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen

Scherzes ausmalte.

Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer

die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt:

„_Bana mkubwa!_“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die

Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst

ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger

Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen

Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck

schrie ich laut auf.

Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage

auch noch die langersehnte Post. Einige Tage konnte Tom sich

erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr

mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich

ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört

erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und

Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs

geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber

hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein

Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte --

alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter

Wandschmuck verwerten lassen.

Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des

Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack --

Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis

zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger

wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich,

soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu

Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so

auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an

der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen

Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal

wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.

Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung.

Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine

Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe,

denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der

Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung:

als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, --

so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen -- es

sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der

etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten

Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit

zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine Patrouille, die die

beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein

Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten

kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen

ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen,

denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung

Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den

bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn

auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute

Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt

versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine

unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei

von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier

sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!

Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres

Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den

„Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das

ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach

dem Befinden seines Sultans erkundigt -- und das ist Tom für sie.

Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali

eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und

andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft

nicht mehr leisten können.

Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer

regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere

deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit

rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten

Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt

nicht zumuten kann -- von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten

Luxus ganz abgesehen -- würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein

Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer,

daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein

deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die

selbst Hand anlegen, fänden hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet

dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit

europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten

Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation

im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen

Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse

Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung

der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen -- doch halt! die

Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ -- sie erhebt ihre Schwingen sogar

bis zu dem kühnen Bilde einer -- Schmalspurbahn, die von Ngahoma am

Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!

Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der

Sohn des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen,

ihm aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach

sei _Dr._ Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem

Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf

falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer

andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über

das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude

erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.

Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die

sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun

beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack -- sie

drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in

seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber

zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke

ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den

Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte

der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam,

und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen

einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd -- mit

einem Mordskater! Natürlich war er sehr geknickt, als sie ihn mir

anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife

habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen

Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos

(Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte --

sie war zu hübsch -- leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige

Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines

Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem

Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch

aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach

besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir

der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen -- die Herren

sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung

haben, in ein deutsches Haus zu kommen.

Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm

einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben

dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten,

als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In

einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage

genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten!

Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir

doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das

Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne -- dann ging’s aber um

so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich

nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag

geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang

für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum

Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein

Wohnzimmer fix und fertig vorfand.

Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen,

dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte

ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach festlichem deutschen

Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen

der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von

der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen

beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm

aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil,

die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben

mußte.

Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung

der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter

Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er

vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die

Station zusammengebracht.

Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht

bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte

Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen

Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das

Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler

wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa

Auskunft gaben -- der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der

Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben

und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange

eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür

dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel

terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer

nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden

Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden

konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem

Leben bezahlt hätte!

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 79 / 132 题