Nach langer Pause komme ich wieder einmal zum Schreiben. Eine Zeit voll
Mühe und Arbeit liegt hinter mir, in die auch der Tod seine düsteren
Schatten warf. Aus der Heimat kam eine mich bewegende Todesnachricht
-- und hier stand ich an der Bahre eines treuen Mitarbeiters, der auch
mir so oft in schwerer Zeit mit Rat und Tat beigestanden: Zahlmeister
Winkler starb am Abend des 7. Juni, des Pfingstmontags. Als Graf Fugger
mir am 8. früh die Nachricht brachte, war ich tief erschüttert -- zum
erstenmal trat der Tod hier in Afrika in so ergreifender Weise in mein
Leben.
Graf Fugger hatte das Zimmer mit Palmen geschmückt, und ich brachte,
was ich an Blumen auftreiben konnte, so daß wir unserem entschlafenen
Landsmann die letzte Ruhestätte wenigstens nach heimatlicher Sitte
würdig schmücken konnten. Das Fieber hatte den stattlichen, blühenden
Mann in wenigen Tagen furchtbar mitgenommen, elend und verfallen,
aber mit dem Ausdruck friedlicher Ruhe lag er auf seinem Bette. In
Perondo hatte er einst den Wunsch ausgesprochen, -- wir sprachen
gerade über das Sterben -- dereinst ohne Bewußtsein ins Jenseits
hinüberzuschlummern -- wie bald hat sich dieser Wunsch erfüllt! Ohne
Bewußtsein ist er aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit eingegangen.
Um 3 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung, voran die Kompagnie
mit der Musik, dann der von zwölf Askaris getragene Sarg und der
Boy des Verstorbenen mit einem schwarzen Kreuz, welchem wir wenigen
Europäer folgten. Am Grabe bildete die Kompagnie Spalier, der Sarg
wurde heruntergelassen und mit Blumen und Palmenzweigen bedeckt. Graf
Fugger[6] widmete dem jungen Landsmann und treuen Kameraden, der
nun fern der deutschen Heimat sein Grab gefunden, herzliche Worte,
darauf sprach Pater Ambrosius ein Gebet -- und die Trauerfeier war
zu Ende. Die Kompagnie rückte nach soldatischer Art unter fröhlichen
Marschweisen ab, und wir gingen schweren Herzens still nach Hause. „Wer
weiß, wie nahe mir mein Ende!....“ Feldwebel Merkel beaufsichtigte die
Arbeiter, die den Grabhügel aufhöhen und einzäunen. Winkler, der erst
vor einigen Tagen von einer Expedition zurückgekehrt war, hatte sich
den Keim zu diesem Fieber auf dem Rückmarsche mit Merere von Usafua an
derselben Stelle am großen Ruaha geholt, an welcher früher einmal auch
Tom und Graf Fugger daran erkrankt waren.
Noch nie hat mich Schwermut und Sehnsucht so gepackt wie an diesem
Begräbnistage. Ich hielt es zu Hause nicht aus, die Einsamkeit trieb
mich hinaus auf die Straßen; wie beneidete ich die Schwarzen, die
in ihrem harmlosen Frohsinn so vergnügt in den Hütten herumhockten,
wie sehnte ich mich in dieser traurigen Stimmung nach meinem Mann,
schon die schlichte Frage eines Askari-Wachtpostens nach des _bana
mkubwa_ („großen Herrn“) und meinem Befinden, klang mir in meiner
Einsamkeitsstimmung wie ein verheißungsvoller Gruß. Als ich von meinem
Rundgang nach Hause zurückkam, fand ich einen Boten vor mit einem
Briefe von Tom! In welcher Gefahr hatte mein Mann in dieser Zeit
geschwebt. Der Brief berichtet ausführlich über seine Expedition; ich
werde Toms eigene Worte hierher setzen:
(Aus Toms Brief vom 5. Juni 1897, zwei Stunden vom Muassi-See.)
„... Schlaflosigkeit und Erkältung behindern zwar sehr den fröhlichen
Gedankenfluß, und meine Sitzgelegenheit -- der Stuhl ist beinahe so
hoch wie der Tisch -- trägt auch nicht zur Bequemlichkeit bei, aber die
komische Geschichte muß ich Dir doch noch erzählen:
Am 3. Juni stellte ich fest, daß die Bewohner einiger dicht bei
Leutnant Foncks Lager gelegenen Temben sich in den Felsenhöhlen
versteckt hielten. Dort hielten sie sich für sicher, denn weder andere
Wahehe, noch viel weniger irgend ein anderer Neger würde ihnen in
ihre Höhlenverstecke folgen. Die Gelegenheit war mir gerade recht,
den Wahehe einmal zu zeigen, daß wir sie auch aus diesen, ihnen für
absolut uneinnehmbar geltenden Felshöhlen herausholen. Ich nahm also
Unteroffizier Schubert mit einigen Askaris sowie eine Anzahl Wahehe
mit, letztere als Zuschauer und Augenzeugen. Nach sechsstündigem
Marsche kamen wir an eine Felsenschlucht, in deren Klüften die
Flüchtigen sich verborgen hielten. Sofort kam Leben in die ganze
Sache, wie vor einem Kaninchenbau huschten die schwarzen Gestalten
hin und her, zu schnell, um in der kurzen Zeit des Sichtbarseins von
unseren Leuten scharf genug aufs Korn genommen zu werden. Eine der
Höhlen, in welcher ich einen Mann verschwinden sah, beschloß ich, genau
zu untersuchen. Sie war, wie sich bei näherer Besichtigung ergab, am
Eingang etwa einen halben Meter weit und zweigte sich in etwa zwei
Meter Tiefe nach rechts und links ab. Ich stellte einen Posten an den
Eingang und suchte weiter. Aus dem nächsten Felsenloche, welches einen
etwas bequemeren Eingang hatte, stöberte ich mit einigen Askaris gegen
30 Weiber und Kinder auf, die sich in den einzelnen Gängen versteckt
gehalten. Das Geschrei der Aufgeschreckten und das Gebrüll meiner Leute
in dem dunkeln Labyrinthe von Gängen da unten hatte übrigens doch
etwas Unheimliches. In die nächste Höhle, die wir absuchten, trauten
sich meine Askaris nicht hinein, es war ihnen zu dunkel -- auch hatten
wir sichere Zeichen, daß hier Weiber und Kinder versteckt lagen. Kaum
war ich in den Eingang getreten, als mir von links her ein Speer
scharf an der Brust vorbeisauste und klirrend an die Felswand schlug,
zugleich bohrte sich zwischen meinen Füßen hindurch ein zweiter Speer
in den Moderboden. Der Hausherr war also bereit, uns zu empfangen.
Etwas oberhalb hinter mir stand ein Händler aus der Stadt, der sich
freiwillig angeschlossen hatte -- ein dritter Speer, der direkt von
vorn kam und mir den Helm abriß, traf ihn in die Seite. Mit einem Satze
war mein „Freiwilliger“ raus aus dem Loch. An seiner Stelle erschien
nun aber oben mein Boy Juma, der mir voll Angst zuschrie, ich möchte
mich doch ja recht gut decken. So vernünftig war er aber doch, daß er
mir ein Gewehr herunter warf. Wie aber in der pechschwarzen Finsternis
zielen? Zunächst deckte ich mich hinter einem Felsblock, damit meine
Silhouette den im sichern, dunkeln Hintergrunde stehenden Speerschützen
nicht allzudeutlich gegen die vom Eingange aus durchs Tageslicht
beleuchtete Felswand sichtbar würde. Dicht hinter meinem Verstecke höre
ich ein gleichförmiges Schaben und Knirschen -- Tschirr! Tschirr! --
da sitzt ein Kerl und schärft seine Speere. Ich schoß nach der Richtung
hin, freilich ohne zu treffen, zugleich bemerkte ich aber dicht
hinter mir ein tiefes Loch, dessen Boden ich mit einem Speere nicht
erreichen konnte. Ein Speerwurf von da unten hätte voraussichtlich die
Folge gehabt, daß ich auf meinem bereits geschilderten hochbeinigen
Schreibsessel jetzt noch unbequemer sitzen müßte, und da aus der
Finsternis vor mir wieder ein Speer über den Kopf weg gegen die
Felswand klirrte, konzentrierte ich mich für diesmal mit erheblicher
Geschwindigkeit nach rückwärts, nachdem ich noch durch einen Schuß ins
Dunkle über den warmen Empfang quittiert hatte. So kam ich nicht zum
Ziel. Ich ließ also Grasfackeln binden, hieß einige Askaris Schild und
Speer nehmen, ebenso den schneidigsten meiner Wahehe, und drang mit
ihnen wieder in die Höhle -- sofort saß dem Wahehe ein Speer in der
als Deckung vorgehaltenen Matte. Nun ließ ich zum Angriff blasen, die
brennenden Grasfackeln wurden in die Gänge geworfen, und ich trieb
meine Askaris, die wie die Wilden brüllten, vorwärts. Auf diese Weise
säuberten wir eine ganze Anzahl dieser „uneinnehmbaren“ Schlupflöcher
und förderten eine Menge Weiber und Kinder ans Tageslicht. In der
ersten Höhle wurde ein Mann getötet, vier gefangen, zwei entkamen.“
Ich muß offen gestehen, daß mich beim Lesen solcher Geschichten doch
ein Grausen ankam, wenn ich mir die näheren Umstände dieses kleinen
Scherzes ausmalte.
Der 9. Juli war ein Glückstag! Ich war gerade dabei, im Wohnzimmer
die letzten Gardinen aufzustecken, als meine Muhigu angerannt kommt:
„_Bana mkubwa!_“ Ich dachte, es käme irgend ein Europäer, die die
Muhigu uns wie üblich als „großer Herr“ anmeldete, und wollte eiligst
ins Schlafzimmer, um mir die Haare aufzustecken, die ich heftiger
Kopfschmerzen wegen offen trug, da lag ich aber schon in den Armen
Toms, der der Muhigu auf dem Fuße gefolgt war! Vor freudigem Schreck
schrie ich laut auf.
Und als ob es für einen Tag nicht Glücks genug wäre, kam am Nachmittage
auch noch die langersehnte Post. Einige Tage konnte Tom sich
erholen, die Strapazen der letzten Expedition hatten ihn doch sehr
mitgenommen, und auch ich ließ alle Arbeit ruhen, um seiner Pflege mich
ausschließlich widmen und mich seiner Gegenwart wieder einmal ungestört
erfreuen zu können. Als Reiseerinnerung brachte er mir die Felle und
Köpfe zweier prächtiger Giraffen und eines Zebras mit, die er unterwegs
geschossen hatte, eine Anzahl eigenartig roter Perlen, die die Weiber
hier als Schmuck tragen, und ein schönes Leopardenfell, aus dem ein
Wahehekrieger sich einen „Kriegsmantel“ zurechtgeschneidert hatte --
alles Gegenstände, die sich als malerischer und vor allem stilechter
Wandschmuck verwerten lassen.
Nach einigen Tagen der notwendigsten Erholung begann wieder „des
Dienstes ewig gleichgestellte Uhr“ ihr regelmäßiges Tick-Tack --
Schauris von morgens bis abends. Nur eine Stunde, vom Abendsignal bis
zum Abendbrot, wurde dem Krocketspiel gewidmet, an dem Graf Fugger
wieder eifrig teilnahm; während Toms Expedition hatte er täglich,
soweit es sein Dienst erlaubte, mir Gesellschaft geleistet und mich zu
Spaziergängen abgeholt. Und wie jede gute Tat ihren Lohn erhält, so
auch hier; denn der Auftrag, dem Gouverneur entgegenzuziehen und ihn an
der Grenze von Uhehe zu begrüßen, erfüllte den lebenslustigen jungen
Offizier mit heller Freude; hatte er doch nach langer Zeit einmal
wieder Gelegenheit, deutsche Kameraden zu begrüßen.
Bei uns brachte währenddessen jeder Tag seine besondere Abwechselung.
Zuerst wurde Farhenga krank, und zwar so plötzlich, daß man auf eine
Vergiftung schließen mußte; dieser Verdacht liegt hier sehr nahe,
denn Gift und Selbstmord sind bei unseren schwarzen „Großen“ an der
Tagesordnung. Dann aber brachte sich Quawa wieder in Erinnerung:
als Tom eines Tages vom Schauri nach Hause kam, erzählte er mir, --
so ganz nebenbei, es schien ihm nicht besonders nahe zu gehen -- es
sei ihm gemeldet worden, Quawa habe zwei Wanyamwesi-Leute von der
etwa eine Stunde von uns entfernten und uns freundlich gesinnten
Ansiedelung gegen hohe Belohnung gedungen, Tom bei nächster Gelegenheit
zu ermorden. Mein Mann schickte natürlich eine Patrouille, die die
beiden Biedermänner nach ein paar Tagen auch richtig einlieferte. Mein
Haushalt erhielt einen Zuwachs in Gestalt eines etwa vier Tage alten
kleinen Zebras, es ging aber trotz aller Pflege schon nach drei Tagen
ein; nicht einmal photographieren konnte ich das niedliche Tierchen,
denn ich lag gerade an jenen Tagen wieder mal fest. Eine Sendung
Apfelsinen kam mir damals gerade recht gelegen. Sie hatten nur den
bittern Nachgeschmack, daß jede einzelne Frucht durch den Trägerlohn
auf eine halbe Rupie (70 bis 90 Pfennig) zu stehen kommt. Wie gute
Dienste würde mir jetzt die Eismaschine leisten, aber gerade jetzt
versagt sie, die Gummiringe schließen nicht fest genug. Auch eine
unserer großen Demijeon-Flaschen kam zerbrochen an, von denen je zwei
von einem Träger getragen werden. Das läuft ins Geld: seitdem wir hier
sind, haben wir schon 247 Träger gehabt, pro Mann 21 Rupien!
Da ich gerade von unseren Landplagen schreibe, darf ich auch Mereres
Freund, den Araber Jemadari, nicht vergessen. Er gehört zu den
„Großen“, also kostet mich die Ehre seines Besuches täglich das
ortsübliche Gastgeschenk, das jeder bekommt, der sich persönlich nach
dem Befinden seines Sultans erkundigt -- und das ist Tom für sie.
Zum Glück geht dieser teure Gastfreund nach Iringa, wo er als Wali
eingesetzt werden soll; auf die Dauer hätten meine Fruchtsaft-, Öl- und
andere Vorräte diese täglichen Opfer auf dem Altar der Gastfreundschaft
nicht mehr leisten können.
Die hohen Trägerkosten sind das schwierigste Hindernis, das einer
regelrechten Kolonisierung im Wege steht: wie sollen sich unsere
deutschen Unteroffiziere, auf die man doch in erster Linie mit
rechnen könnte, hier eine eigene Familie begründen: die einfachsten
Lebensbedürfnisse, ohne die man einer deutschen Frau den Aufenthalt
nicht zumuten kann -- von irgendwelchem, auch dem allerbescheidensten
Luxus ganz abgesehen -- würden an Trägerlohn mehr erfordern, als ein
Unteroffizier von seinem Gehalt aufwenden kann. Es ist ein Jammer,
daß sich für dieses herrliche, fruchtbare Gebirgsland von Uhehe kein
deutscher Unternehmungsgeist mobil machen läßt. Deutsche Bauern, die
selbst Hand anlegen, fänden hier Gelegenheit, ein reiches Gebiet
dauernd der Kultur zu gewinnen. Wir haben in Iringa Versuche mit
europäischen Feld- und Gartenfrüchten gemacht, die zu den besten
Hoffnungen berechtigen. Bedingung für das Gedeihen einer Kolonisation
im größeren Maßstabe ist natürlich die Erschließung der natürlichen
Zugangsstraßen nach der Küste, zunächst also der wasserreichen Flüsse
Kihansi und Ulanga, ferner die Anlage einer festen Straße zur Umgehung
der die Bootsfahrten hindernden Stromschnellen -- doch halt! die
Phantasie „beflügelt meinen Kiel“ -- sie erhebt ihre Schwingen sogar
bis zu dem kühnen Bilde einer -- Schmalspurbahn, die von Ngahoma am
Ulanga aus diesen Fluß mit dem Rufidji verbinden müßte!
Wie dicht übrigens unsere Leute an Quawa heran waren, erzählte der
Sohn des Jumben Chetamaruru, der von dem Sultan bei Luhota gefangen,
ihm aber später im Pori glücklich entkommen war. Diesem Berichte nach
sei _Dr._ Stierling ganz nahe an dem Busche vorbeigezogen, in welchem
Quawa mit seinen Gefangenen sich versteckt hatte. Um die Verfolger auf
falsche Fährte zu locken, hatte der alte Fuchs seine Weiber nach einer
andern Richtung abziehen lassen und freute sich nun im Busche über
das Gelingen seiner Kriegslist. Er hätte aber sicherlich keine Freude
erlebt, wenn er mit dem schneidigen Doktor zusammengetroffen wäre.
Mit meinen Leuten hatte ich erst recht viel Ärger. Die Frauen, die
sich bis jetzt bei mir tüchtig herausgefuttert hatten, sollten nun
beim Umzug helfen; das war nun nicht nach ihrem Geschmack -- sie
drückten sich einfach. Schammy rauchte Haschisch und versuchte in
seinem Delirium, seinen Kollegen Humadi zu erschießen; der schlug aber
zum Glück noch den Gewehrlauf nach oben, so daß der Schuß in die Decke
ging. Auf diese Weise kann man noch einmal vom eigenen Hausboy über den
Haufen geschossen werden. Als er gefesselt werden sollte, entwickelte
der Bengel Riesenkräfte, zerschlug alles, was ihm unter die Fäuste kam,
und verschwand schließlich im Pori. Dort fanden ihn nach zwei Tagen
einige Askaris zwischen den Steinen hockend, hungrig, zitternd -- mit
einem Mordskater! Natürlich war er sehr geknickt, als sie ihn mir
anbrachten, und bat de- und wehmütig um Verzeihung. Die Unglückspfeife
habe ich vor seinen Augen zerschlagen und verbrannt. Unter diesen
Umständen hatte ich bei der großen Arbeit nur noch Humadi und die Totos
(Kinder), da ich auch Sitamira auf Knall und Fall entlassen mußte --
sie war zu hübsch -- leider aber auch ebenso leichtsinnig. Der einzige
Lichtblick in dieser Zeit voll allerlei Verdruß war die Rückkehr meines
Koches, der gerade noch kurz vor Ankunft des Gouverneurs aus dem
Lazarett entlassen wurde. Ich mußte ihn zunächst mit Wein und Milch
aufpäppeln, da er noch sehr klapperig war, er hat mir aber doch nach
besten Kräften geholfen; wußte ich doch wirklich manchmal nicht, wo mir
der Kopf stand, bei all den tausenderlei Vorbereitungen -- die Herren
sollen nach ihren anstrengenden Märschen einmal wieder die Empfindung
haben, in ein deutsches Haus zu kommen.
Der Gouverneur hatte sich für den 11. Juli angemeldet. Tom wollte ihm
einen Tagemarsch entgegenziehen und brach am 10. auf. Ich war eben
dabei, unsere Schlafzimmer für den Gouverneur als Wohnung einzurichten,
als Juma, den Tom mitgenommen hatte, atemlos angestürzt kam: „In
einer Stunde ist der Gouverneur da!“ Er hatte den Marsch über Mage
genommen und traf nun einen Tag früher ein, als wir ihn erwarteten!
Also reingefallen mit all meinen Vorbereitungen, und ich hatte mir
doch alles so schön ausgedacht. Zunächst weinte ich vor Ärger über das
Mißlingen meiner schönen Küchen- und Tafelpläne -- dann ging’s aber um
so flinker. Leberwurst und Sülze konnte ich den Herren nun freilich
nicht zum Frühstück vorsetzen, und die Wildtauben, die es zu Mittag
geben sollte, flogen noch lustig und lebendig umher, so mußte ich Gang
für Gang von meinem kunstvoll zusammengebauten Menu streichen. Zum
Glück traf der Gouverneur erst gegen 1 Uhr mittags ein, so daß er sein
Wohnzimmer fix und fertig vorfand.
Zum Frühstück konnte ich unseren Gästen nur eine Kalbskeule vorsetzen,
dazu allerlei kalte Speisen und Konserven, auch zu einer Bowle hatte
ich noch Zeit gefunden. Abends tafelten wir nach festlichem deutschen
Zuschnitt; meine Fleischpastetchen fanden vielen Beifall, desgleichen
der Plumpudding. Daß die Europäer „brennende Speise“ essen, wurde von
der schwarzen Bedienung und ihrem Anhang mit offensichtlichem Staunen
beobachtet. Zu Ehren des Gouverneurs hatten wir ein großes Festprogramm
aufgestellt. Fackelzug, Kostümfest und verschiedene andere Kurzweil,
die Herren hatten aber so viel zu tun, daß es beim guten Willen bleiben
mußte.
Der Gouverneur war erstaunt und erfreut über die militärische Haltung
der Wahehe, die am 17. Juli hier für einen neuen Quawa-Zug unter
Führung ihrer Jumben auf der Station antraten. Tom hatte, wie er
vorausgesetzt hatte, wirklich 1300 Wahehe und 300 andere Neger für die
Station zusammengebracht.
Nachmittags 4 Uhr brach der Zug auf, am 20. standen sie bereits dicht
bei Quawas Kriegslager; leider war ihr Angriff ohne das gewünschte
Ergebnis; als der Gouverneur und Tom mit der 6. Kompagnie den steilen
Berg, ohne auf Widerstand zu treffen, erstiegen hatten, fanden sie das
Negerdorf sowohl wie das Kriegslager verlassen, nur einige Nachzügler
wurden noch abgefaßt, die über die Besetzung des Lagers durch Quawa
Auskunft gaben -- der Biedermann hatte, als er acht Europäer an der
Spitze der Angreifenden zählte, die günstige Stellung aufgegeben
und die sichere Deckung im Pori dem immerhin zweifelhaften Ausgange
eines Verteidigungskampfes vorgezogen. Ich bin ihm persönlich dafür
dankbar. Das Lager war auf der Spitze einer aus einem tiefen Talkessel
terrassenförmig sich aufbauenden Kuppe angelegt, die dem Angreifer
nicht die geringste Deckung gewährte, so daß die den Hang erklimmenden
Truppen bequem Mann für Mann von der Höhe aus aufs Korn genommen werden
konnten. Wer weiß, wer von den Herren nicht dort den Angriff mit dem
Leben bezahlt hätte!