13. April 1897.

Nach dem Schlachtfest heute „Pökelfest“ und großes Wurststopfen und

dazu noch frische Kartoffeln! Tom, Winkler und ich hatten schon vor

einigen Tagen Kartoffelernte gehalten: an manchen Stauden fanden wir

bis zu 58 Knollen, darunter 22 große, von denen 10 aufs Pfund gehen;

durchschnittlich kamen auf jede Pflanze 25 Kartoffeln. Es wurde alles

genau gezählt, gewogen und an die Europäer verteilt, denn unsere erste

Kartoffelernte ist ein Ereignis. Wir kochen nie mehr als sechs Stück,

so sparsam gehen wir mit dieser Delikatesse um.

Aus Mage melden Wahehe, daß sie zwei Wahehewassagira, die zu den

treuesten Anhängern Quawas gehörten, im Waldlager überfallen und

niedergemacht hätten. Der eine der Erschlagenen ist Farhengas

rechter Bruder. Dieser Bruderzwist, dessen Strömung Tom nach der

alten Diplomatenregel „_divide et impera_“ geschickt in die für uns

günstigste Richtung abgelenkt hatte, kommt uns nun in der Tat zu nutze.

Von den Sudanesenfrauen zeigte mir eine heute einen feinen, goldgelben,

aber sehr festen Faden von seidenartigem Glanze, das Gespinst einer

großen Spinne, welches man, wie die Frau erzählte, im Sudan zu feinen

Stoffen verwebt. Ob sich das nicht auch hier erzielen ließe? In

die Boma Prinages schlug der Blitz ein. Prinage selbst kam mit dem

Schrecken davon, aber einer der besten Sudanesensoldaten wurde tödlich

getroffen, drei andere leicht verletzt.

Karfreitag, 16. April 1897.

Den Karfreitag mußten wir heute durch kriegerische Schaustellung

feiern, der wir uns nicht entziehen durften: die Kriegsspiele unserer

Farhenga- und Sikkileute. Das Ganze war wie eine Pantomime im Zirkus

Renz, freilich durch die Darsteller und die ganze lebenswahre Umgebung,

in der die Spiele vor sich gingen, weit interessanter. Sikkis Oheim,

ein stattlicher 1.90 _m_ hoher Mann mit besonders ausdrucksvollem

Kopfe, zeichnete sich als Haupt- und Vortänzer in diesem kriegerischen

Schauspiele durch unglaublich hohe Luftsprünge aus; Sikki selbst

tanzte, wie es seiner Jugend zukam, bei der Gruppe der jüngeren Leute;

er ist nämlich noch nicht in dem Alter, in welchem ihm die Stammessitte

erlaubt, Schmuck an Armen und Hals anzulegen. Der Kriegstanz unserer

Wahehe bot ein wildbewegtes Bild ihrer Kriegführung, wie sie hinter

ihren Schilden gedeckt den Feind beschleichen und überfallen. Den

Hauptdarstellern lohnten wir ihre Anstrengungen mit einem Kognak, für

den sie großes Verständnis zeigten.

Gestern, zum Gründonnerstag, hatte ich bunte Ostereier mit allerlei

scherzhaften Zeichnungen darauf (ein Kater, Jüngling auf Bierfaß

reitend) nach den Messen geschickt, für Tom hatte ich bei uns welche

versteckt; wir hatten beim Eiersuchen dann noch viel Vergnügen.

Am 1. Osterfeiertag, 18. April 1897.

Keine Glocke läutet zum Ostertage -- aber wir feiern das hohe Fest,

obwohl ich fast immer liegen muß, mit inniger Dankbarkeit gegen den

allgütigen Gott, der uns bis hierher in seinen Schutz genommen.

Während Tom seine Berichte schreibt, erhebt sich draußen ein

Heidenlärm: die für die Expedition aufgebotenen Wahehe rücken an.

Vergessen sind Krankheit und Osterheimweh -- ich gehe mit Tom hinaus,

um das buntbewegte Bild dieses für uns so äußerst wichtigen Zuzuges

anzusehen. Die Jumben traten ein jeder mit seinem Trupp zusammen,

die Leute wurden aufgerufen, und jeder Gezählte kauerte in Reih und

Glied mit seinen Kameraden, ein komisches Bild eines großen Appells.

Die Zählung ergab 500 Wahehekrieger -- ein großer Erfolg von Toms

Politik, denn beim ersten Aufrufe hatten sich nur 200 gestellt. Der

Weg zum Herzen dieses streitbaren Volkes heißt Krieg. Wer sie für sich

gewinnen will, muß ihnen Gelegenheit geben zu Kämpfen und Raubzügen;

ihren wilden Drang nach kriegerischer Betätigung auf die richtigen,

unseren Zwecken günstigen Ziele abzulenken, war Toms hauptsächlichstes

Bestreben, dazu kommt noch ein anderes bedeutsames Moment, welches

uns die ansehnliche Schar dieser tüchtigen, im Kampfe erprobten

Wahehekrieger noch wertvoller macht: in unserem Vernichtungskampf

gegen Quawa bedeutet jeder einzelne Mann, der sich Toms Expedition

anschließt, einen dauernden Verlust für unseren Feind, denn wer von

seinen Leuten einmal auf unserer Seite gekämpft hat, dem ist qualvoller

Tod sicher, sobald er in Quawas Gewalt kommt. Es war doch anfangs

etwas beängstigend für uns, mitten unter diesen 500 wilden Kerlen

sich zu bewegen, von denen jeder noch vor kurzem unsere Ermordung

sich als besonderes Verdienst angerechnet hätte. Tom hatte auch alle

Vorsichtsmaßregeln getroffen, um etwaiger Überlistung gewachsen zu

sein, das Maxim stand schußbereit, und die Wachen waren verstärkt.

Unsere Befürchtung war jedoch grundlos, die Wahehe kamen in der Tat mit

der ehrlichen Absicht, unter Tom zu kämpfen. Auf Toms Frage, warum so

viele von ihnen ohne Schilde wären, erklärten sie, die Schilde hätten

sie zerbrochen, denn Tom habe bekannt gemacht, daß er jeden als Feind

erkläre, der mit Speer und Schild gesehen werde. Von Farhenga hätte

ich gern einen schönen Speer gekauft, aber der geforderte Preis von

15 Rupien war mir doch zu unverschämt, 8 Rupien hätte ich ihm dafür

gegeben.

Feldwebel Langenkemper traf hier ein, er hat krankheitshalber um

Ablösung gebeten. Wir ritten den nächsten Tag nach, da Meldung von

Leutnant Braun gekommen war.

Auch Merere ist wegen Krankheit schon lange zurück, er beehrt uns

alle Minuten mit seinem Besuche, und der arme Tom muß ihm Tag für

Tag dasselbe sagen; er tut das mit einer unbegreiflichen Geduld und

Freundlichkeit; mir wäre schon längst die Geduld gerissen. Solch’

Schauri mit unserm langweiligen Gastfreund und Bundesbruder hat aber

auch seine angenehmen Seiten. Hinter einer Tembe, 20 Schritt von uns,

eine Viehherde, auf der anderen Seite eine Eselherde, aus allen Türen

neugierige schwarze Gesichter hervorlugend; zu dem Schauri muß sich

nämlich alles respektvoll entfernen. Merere hockt auf einem Fell, Tom

und ich ihm zur Seite auf etwa sechs Zoll hohen Negerstühlchen, Merere

furchtbar geheimnisvoll, als ging’s um ein Königreich; für ihn freilich

war die Sache wichtig genug. Hoffte er doch, nach dieser Expedition

auch in Iringa, also für ganz Uhehe, als Sultan eingesetzt zu werden.

In Wirklichkeit saß sich’s bei dieser Haupt- und Staatsaktion gar nicht

übel; abgesehen von der spaßigen Seite, bot das Ganze ein eigenartig

schönes Bild. Vor uns der waldige Bergabhang, über den Bäumen die

aufragenden Gipfel der Berge, zuerst in rotgoldener Sonnenglut, dann

sich dunkler färbend, bis die untergehende Sonne zuletzt alles mit

flammender Abendröte übergoß.

[Illustration]

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Expeditionen gegen Quawa. Gouverneur Oberst Liebert.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 71 / 132 题