Ein fortwährendes Gehen und Kommen von fremden Menschen bei uns.
Man fürchtet sich vor jeder neuen Nachricht. So Tag für Tag auf der
Lauer liegen, geduldig abwarten und nichts tun können, ist für Tom
die größte Energieprobe; gar zu gern möchte er losschlagen. Es geht
aber auch unglaublich auf die Nerven, an Schlafen ist kaum noch zu
denken. Tom sieht schon ganz elend aus, und ich ängstige mich sehr
um seine Gesundheit, um so mehr, als das große Schreckgespenst einer
langen Trennung vor mir steht. Tom erwartet nur mehr Wassangus und
Kiwangaleute, um loszuschlagen. Es ist eben keine leichte Zeit.
Natürlich kann ich gar nicht alle Meldungen und Nachrichten hier
einschreiben. Heute ist nur 20 Schritt von der Boma der Unteroffiziere
ein Soldatenboy erstochen worden. Zwei Soldaten kamen gleich mit der
Meldung. Also selbst auf ganz sicherem Gebiete ein Meuchelmord.
Gestern kam Kersten, um die gefangenen Weiber, Kinder, Anhänger von
Quawa und Mpangire nach der Küste zu bringen. Der verurteilte Askari
geht mit, das Kriegsgericht hat auf fünf Jahre Zuchthaus erkannt.
Das weiße Schwein wurde plötzlich so krank, daß wir glaubten, es
würde eingehen. Hammermeister als gelernter Fleischer konstatierte
aber nur Unmengen von Sandflöhen, Sohle und Kniescheibenhaut mußten
abgeschnitten werden. Jetzt wird es fleißig gepflegt und verbunden
werden, desgleichen das schwarze Schwein.
Abends ritten wir zu Merere hinüber; der sollte auf seinem Ochsen
mitkommen, das gab natürlich viel Spaß, besonders, als er plötzlich von
demselben heruntersegelte. Einmal ritt er als Dame, das andere Mal als
Herr. Er versuchte sich auf dem Maultier, Tom führte es, als es aber
leicht antrabte, strebte Merere mit allen Kräften hinunter. -- Heute
morgen hatte ich Mgumditemi bei mir, um sie zu fragen, ob sie bleiben
oder mit den andern an die Küste und dann weiter zu ihrer Mutter gehen
oder ob sie bei uns abwarten wolle, bis Quawa dingfest gemacht sei.
Sie zog letzteres vor und war ganz selig darüber. Auf ihren Wunsch
wirkte ich bei Tom aus, daß auch ihre kleine etwa neunjährige Schwester
bei uns bleiben kann. Ich freue mich, daß Mgumditemi hier bleibt. Sie
ist eine nette, kluge Frau. Jetzt ist sie ganz abgehärmt und kaum
wiederzuerkennen. Das kleine Mädel ist auch nett.
Gestern abend kam der Bruder Mauritius, früher Tischler hier, von der
Küste an, von Mage hatte er Begleitkommando bekommen. -- Früher war
bei der hiesigen katholischen Mission die Regel, möglichst einfach
zu leben, da aber zu viele Brüder an Entkräftung starben, wurde die
Maßnahme aufgehoben. Für die Mission ist noch ein zweiter Bruder
bestimmt, der gut kochen soll. Einen deutschen Koch hier zu haben und
sich um die Küche nicht zu kümmern brauchen, das müssen geradezu ideale
Zustände sein! Heute frühstückte er bei uns, ich gab ihm Gemüse, und
dann zog er zu seiner Mission.
Vom Lazarettgehilfen Prinage kam die Meldung, daß alle Karawanenstraßen
von Quawas Wahehe besetzt werden sollen; jede Post, jede Karawane,
jeder Händler soll niedergemacht werden. Das stimmt mit der Aussage
des Bruders, der den Mörder des Boy beherbergt hatte: Quawa habe den
Wahehe sagen lassen, sie sollten alles niedermachen, was ihnen in den
Weg kommt, Karawanen, Post, Händlern usw. auflauern, alle den Weißen
freundlich gesinnten Wahehe totschlagen, dann ins Pori verschwinden,
das würde den Europäern so langweilig werden, daß sie wieder abzögen.
Auf diese Art will er uns aus dem Lande treiben. Nun, erschrecken kann
er uns, das beweist er täglich -- aber wir bleiben doch! das Schlimme
ist nur bei der Sache, daß Tom so wenig dagegen tun kann. Wenn man zu
Hause in Deutschland ist, so denkt man, mit den Negern sei doch leicht
fertig zu werden, sie seien ja solche untergeordneten Geschöpfe, daß
es eine Kleinigkeit sei, sie zu regieren. Nun, ich wünschte, daß alle,
die dieser Ansicht sind (ich war es früher nämlich auch), einmal hier
zusehen könnten, dann würden sie sich überzeugen, daß die Leute auch
ohne Schulbildung sehr schlau sind. Heute kam ein Ruga-Ruga an mit
einer Speerwunde, seine zwei Begleiter sind erstochen worden. Die Täter
konnten nicht ergriffen werden, denn sie flohen ins Pori. Tom weiß
aber, wer sie sind. Kersten mit seinen Gefangenen wurden sofort Boten
nachgeschickt, um ihn zu größter Vorsicht auf dem Marsche zu mahnen.