_Dr._ Stierling und Leutnant Braun kamen heute wieder zurück. Morgen
soll Kriegsgericht über den Askari zusammentreten. Tom hatte den
Verwandten des Ermordeten reiche Geschenke angeboten; sie weigerten
sich jedoch, sie als Sühne gelten zu lassen, und verlangen den Tod des
Askari. Für Tom ein schweres Dilemma! Erhalten sie nicht volle Sühne
für den Tod ihres Verwandten, so muß man befürchten, daß sie sich
weigern werden, mit gegen Quawa zu ziehen -- und es sind gerade die
treuesten und schneidigsten von unseren Wahehes.
Gestern abend brannten einige Askarihütten ab. Es war ein mächtiges
Feuer. Tom war natürlich wieder der Erste auf dem Platze, eine Stange
fiel ihm aufs Bein und verursachte ihm große Schmerzen, er ließ sich
aber nicht in seiner Feuerwehrtätigkeit stören.
In den brennenden Hütten platzten die Patronen, die die Askaris hatten
liegen lassen, das machte die Sache gefährlich. Ein paar Ziegen und
Schafe waren nicht mehr zu retten, ihr Geschrei klang schauerlich. Ein
Schaf, dem schon die Wolle abgesengt war, konnte ich noch glücklich
retten. Plötzlich hieß es, ein Fundi sei durch eine Patrone am Gesicht
verwundet worden; da weder Arzt noch Lazarettgehilfe zugegen (beide
waren abkommandiert), ließ ich mir den Mann holen und hatte die Freude,
ihn tüchtig auslachen zu können, er hatte nur eine ganz geringfügige
Schmarre, die wohl kaum von einer Patrone herrührte.
Nach dem Brande wurde gemeldet, ein Askari sei von der Tembe gefallen
und habe ein Bein gebrochen. Ich ging hin, fand aber auch das nicht
so schlimm. Ich hielt den Schaden für eine starke Sehnenzerrung oder
Verstauchung und legte Verband an. Heute überzeugte ich mich, daß es
nicht schlimm geworden war. Auch _Dr._ Stierling konstatierte später
nur eine Verstauchung. Jetzt wird von den Leuten im Händlerdorf
eine große Boma gebaut. Man kann und darf eigentlich schon „Stadt“
sagen bei ungefähr 3000 Einwohnern, und das alles in einer Zeit von
sechs Monaten! Vor der Zeit war hier alles Pori (Wüste), und keine
Menschenseele, weder weiß noch schwarz, hier in der ganzen Gegend. Die
Dornenboma wird verstärkt und Bastionen werden angelegt. Jetzt sind
schon solche Vorsichtsmaßregeln notwendig, während wir vor zwei Monaten
ohne jeden Schutz hier lebten. Schnapsel amüsiert sich jetzt den ganzen
Tag bis spät zur Nacht, bis er eben gesucht wird, auf eigene Faust;
da er uns aber zu leicht weggefressen werden kann, besonders jetzt,
wo außer den wilden Tieren auch unsere Wassangus Hundefleisch lieben,
muß er die ganze Zeit angebunden sein und wird nur spazieren geführt.
Merere behauptet, er und seine Leute äßen Hunde nicht mehr, aber sein
Vater hat sie noch sehr geliebt, und da derselbe erst 1893 gestorben
ist, halte ich Mereres Zivilisation noch nicht für so wurzelecht, als
daß ich sie durch den täglichen Anblick Schnapsels ins Wanken bringen
möchte.
[Illustration: Eine Gerichtssitzung in Iringa.]
[Illustration: Sultan Merere auf seinem Reitstier.
(Zu S. 86.)]