10. März 1897.

Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten

und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen

sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist

unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren

Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte

zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut

hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun,

was Tom anordnet, -- wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald

zeigen.

Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden.

Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert.

Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei

Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein

schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater

ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in

Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an

alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge

war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst,

das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann

stünde Tom ohne Leute da.

Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden

wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda

nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri

herausstellte, daß er einen Stellvertreter geschickt habe, da er

selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen

Bruder!

Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga,

ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind

drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga

ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist

weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher

geschlichen und kam halb verhungert hier an.

Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera,

Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf

gegen uns rüsteten!

Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es

nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den

anderen scheint es ihm zweifelhaft.

Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen

und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch

geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf

aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er

hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen.

Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit

seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet,

er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder

je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben

überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten

nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in

Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders.

Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten

verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er

desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er

geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte,

oder läßt ihn von einem dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen,

desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger.

Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere

Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen

mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit.

Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal -- um den schönen Kerl

tut mir’s jetzt noch herzlich leid.

Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt.

Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen

seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner

Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und

Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 46 / 132 题