Mein Mann hat heute alle von ihm selbst eingesetzten Jumben aufgeboten
und hält ihnen eine sehr eindringliche Rede. Sie und ihre Leute sollen
sich alle mit ihm vereinigen und gemeinsam gegen Quawa ziehen. Es ist
unglaublich, welche Furcht und unausrottbarer Respekt vor der früheren
Sultansgestalt selbst bei uns ganz ergebenen Leuten herrscht. Ich hörte
zu. Mein Mann entwickelte eine Beredsamkeit, die ich ihm nie zugetraut
hätte. Endlich waren sie alle sämtlich überredet und wollten alles tun,
was Tom anordnet, -- wie weit die guten Vorsätze gehen, wird sich bald
zeigen.
Wir waren nun wirklich sehr aufgeregt, ob die Wahehe kommen würden.
Fortwährend wurde die Frage: „Kommen sie, kommen sie nicht?“ erörtert.
Gestern abend traf nämlich noch die Nachricht ein, in Ubena sei
Mawala von 4 bis 6 Quawaleuten ermordet worden. Für meinen Mann ein
schwerer Verlust, da er von Anfang an treu zu ihm hielt; Mawalas Vater
ist nämlich von Quawa gehängt worden. Sein Bruder Sadamenda ist in
Iringa-Bagamoyo als Sultan eingesetzt worden. Sofort wurden Boten an
alle Jumben geschickt, die sie zu heute entbieten mußten. Unsere Sorge
war, daß die Jumben dem Heerbann nicht alle folgen und daß die Angst,
das Schicksal Mawalas zu teilen, sie ins Pori treiben würde: dann
stünde Tom ohne Leute da.
Als wir nun einen Jumben nach dem andern ankommen sahen, wurden
wir etwas ruhiger, aber die Sorge wurde wieder rege, als Sadamenda
nicht kam; wir glaubten ihn schon entflohen, als sich beim Schauri
herausstellte, daß er einen Stellvertreter geschickt habe, da er
selbst „weinen“ müsse! Eine Art offizieller Trauerdienst um seinen
Bruder!
Dann kam die Nachricht, daß Sagamaganga, der Bruder von Kiwanga,
ermordet sei, also so weit dehnt sich Quawas Macht aus. Ferner sind
drei Händler auf dem Wege erstochen, dann traf ein Askari von Kiwanga
ein, der zum Schutz des Viehs dort war (das Vieh, 200 Stück, ist
weggetrieben). Er hat sich vier Wochen durchs Pori heimlich hierher
geschlichen und kam halb verhungert hier an.
Außerdem kamen Meldungen von Leutnant Fonck, daß Kiwanga, Mbeyera,
Lupembe abgefallen seien. Ebenso die Wangoni, die sich alle zum Kampf
gegen uns rüsteten!
Solche Nachrichten wirken gerade nicht beruhigend, obwohl mein Mann es
nicht für möglich hält, daß Kiwanga abgefallen sei, selbst auch von den
anderen scheint es ihm zweifelhaft.
Es herrschte auch Ungewißheit, ob Merere dem Aufgebot hierher folgen
und wieviel Leute er mitbringen würde; denn Leutnant Fonck hatte auch
geschrieben, daß Merere große Angst vor Quawa habe. Gegen 4 Uhr traf
aber Leutnant Braun ein und mit ihm Merere und 140 Mann. Nun muß er
hier bleiben und noch mehr Wassangus kommen lassen.
Es ist ihm ein Teil einer Straße eingeräumt worden, in der er mit
seinen Leuten wohnt. Jeden Tag wird ein Ochse für ihn geschlachtet,
er bekommt noch Zucker, Salz, Pombe (Bier) und er und sein Bruder
je 1 Rupie, seine Leute je 10 Pesa. Die Leute, die ihm ihre Temben
überlassen mußten, bekommen 1 Rupie per Tag Entschädigung. Sie wollten
nicht so recht, da hieß es aber, das sei eben Einquartierung, und in
Uleia (Europa) wär’s auch nicht anders.
Für uns ist Merere ein billiger Gast, da er Kognak, Wein und Zigaretten
verschmäht, weil er dann betrunken wird, wie er sagt. Dafür ißt er
desto mehr Zucker. Des Nachmittags wiesen wir ihm sein Quartier an. Er
geht stets mit dem Säbel, den mein Mann 1893 seinem Vater schenkte,
oder läßt ihn von einem dazu bestimmten Boy hinter sich hertragen,
desgleichen hat er einen besonderen Stuhlträger.
Er ist sich sehr seiner Würde bewußt, bemüht sich aber nicht, bessere
Manieren sich anzugewöhnen, ebenso wie er nichts Europäisches essen
mag. Betteln tut er großartig, mit unglaublicher Zähigkeit.
Einen Sultan Mpangire gibt es eben nur einmal -- um den schönen Kerl
tut mir’s jetzt noch herzlich leid.
Merere hat kein dummes Gesicht; er ist mittelgroß, etwa 36 Jahre alt.
Sein Blick ist freundlich, und ich habe den Eindruck, als wenn er gegen
seine Untertanen gütig und gerecht wäre und auch auf den Rat seiner
Großen höre. Seine Askaris sind teils mit Gewehren, teils mit Speer und
Schild bewaffnet, er hat Chargen unter ihnen.