Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald
unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine
Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen!
-- Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren
von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in
Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere
Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut
geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen.
Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen
Seiten Unglücksbotschaften regnet.
Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen
zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht
nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es
entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. -- Ich bin
tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß
der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es
schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen.
Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel
Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens. An
der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu
herangezogen.
Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht
schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom
zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts
zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht
nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor
drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es
allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte
und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch
enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte
Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die
Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar.
Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später,
obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika
kaum seinesgleichen hat.
Sonnabend, 6. März 1897.
Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um
meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich
mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens
ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen
eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen
Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er
dabei machen darf.
Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie
mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen
Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter
Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen
gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften,
hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und
zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das
behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins glänzt. Ich hätte
früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen
Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter
individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen
Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und
unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung
zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die
ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu
folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen
sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen.
Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum
öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen
wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und
in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack,
denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang
herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin
von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel
bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit
feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch
bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck
an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten
Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen.
An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form
unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen
Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung
und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in
berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen
waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den
Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten
Alter gestorben.
Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle:
infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern,
dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die vielen geraubten
Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen
Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind --
die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder
hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und
häßlicher -- um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze
Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen
hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern,
mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig
geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern
und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem
Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren
Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens -- der
Rest ist Schweigen.
Am 8. März 1897.
Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon
von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die
Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. Auch
_Dr._ Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 Kettengefangene
ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!