4. März 1897.

Wie die Ertrinkenden sind wir mit unseren Hoffnungen bald oben, bald

unten, kaum haben wir uns auf die Oberfläche gearbeitet, reißt eine

Welle uns wieder in die Tiefe. Gott gebe, daß wir nicht untergehen!

-- Ich war mit dem Pater spazieren gegangen; als ich zurückkam, waren

von Leutnant Fonck wieder schlimme Nachrichten eingetroffen. Auch in

Madibiro sind Unruhen, es wird Vieh gestohlen, ja es sind sogar mehrere

Leute vor den Wahehe geflohen. Die Wahehe haben wieder neuen Mut

geschöpft, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich an mehr wagen.

Ich kann’s nicht sagen, wie leid mir Tom tut, auf den es von allen

Seiten Unglücksbotschaften regnet.

Die Schwarzen hier in der Stadt müssen doch ein unbegrenztes Vertrauen

zu uns haben. Die Bautätigkeit läßt trotz der unsicheren Zustände nicht

nach, die Händler bauen weiter an ihren Hütten und Lagerhäusern, es

entsteht Straße um Straße, daß es eine wahre Freude ist. -- Ich bin

tüchtig erkältet, wahrscheinlich Nachwehen von dem Ruahabade am Schluß

der letzten Safari (Reise). Unser neues Haus steht unter Dach, es

schreitet sehr langsam vorwärts unter den ungünstigen Verhältnissen.

Kein Bauleiter, und jetzt kaum ein Europäer zur Aufsicht, Feldwebel

Spiegel hat es aber sehr hübsch gemacht, trotz seines Augenleidens. An

der Befestigung der Boma wird fleißig gearbeitet, es wird alles dazu

herangezogen.

Von Tom sind schon ein Ruga-Ruga und ein Askari zurück, die nicht

schnell genug mitkonnten. Von Feldwebel Langenkemper, mit dem Tom

zusammentraf, mußten mehrere Lasten zurück. Tom scheint also vorwärts

zu stürmen. Mir ist sehr ernst! Ich hätte gewünscht, bessere Nachricht

nach Haus senden zu können! Aber so launenhaft ist das Schicksal. Vor

drei Wochen war es hier wunderschön friedlich, und jetzt spukt es

allerorten. Ein Segen, daß Tom den Aufstand schon im Entstehen erkannte

und ihn im Keime ersticken kann. Quawas Freunde haben sich jetzt noch

enger zusammengeschlossen und treten offen auf, die fein eingefädelte

Überraschung des Überfalls ist ihnen nicht gelungen; wie weit die

Funken reichen, was sie noch alles entflammen werden, ist unabsehbar.

Doch ich weiß, Tom wird trotz alledem ihrer Herr, früher oder später,

obgleich er in Quawa einen Gegner gefunden, der in Deutsch-Ostafrika

kaum seinesgleichen hat.

Sonnabend, 6. März 1897.

Ich habe fest zu Bett gelegen, aber heute mußte ich doch aufstehen, um

meine gratulierenden Sudanesen-Damen zu empfangen. Wir sind nämlich

mitten im Ramassan, dem großen Feste der Mohammedaner. Des Schießens

ist kein Ende, der Beginn der Festzeit wurde sogar mit Kanonenschüssen

eingeleitet; der Neger beurteilt nun einmal aus seiner kindlichen

Anschauung heraus jede Feier und jedes Vergnügen nach dem Lärm, den er

dabei machen darf.

Meine Damen erscheinen bei mir zum Gratulieren, ich bewirte sie

mit Bonbons und allerlei Süßem, der Frau des Effendi (farbigen

Offiziers) lasse ich Kaffee und Wein reichen. Ein interessanter

Anblick, meine acht Besucherinnen: von der nach hiesigen Begriffen

gebildeten Effendi-Frau mit feingeschnittenem Gesicht, lebhaften,

hübschen Zügen, bis zur kugelrunden, gutmütig ausschauenden und

zufrieden lächelnden Rentiersgattin, auf deren dickem Gesicht das

behagliche Lächeln angenehmen Gesättigtseins glänzt. Ich hätte

früher nie geglaubt, wie viele Abstufungen innerhalb der schwarzen

Rasse möglich sind; man lernt im täglichen Umgang rasch die Gesichter

individualisieren, sie in die beiden, überall auf der Welt und in allen

Ständen gebräuchlichen Hauptklassen einzuteilen: in sympathische und

unsympathische Gesichter. Meine Sudanesinnen sind in mancher Beziehung

zugleich meine Schicksalsgenossinnen; auch sie sind Fremde hier, die

ihre Heimat verließen, um dem Gatten nach einem unbekannten Lande zu

folgen; augenblicklich sind auch sie Strohwitwen, denn die Sudanesen

sind unsere besten Askaris und werden zu jeder Expedition mitgenommen.

Die Sudanesenfrau hält treu zu ihrem Manne, Ausnahmen kommen kaum

öfter vor wie bei uns Weißen. Meine Kaffeegesellschaft bot einen

wundervollen Anblick: Gelb und Weiß sind die bevorzugten Farben, und

in dieser Auswahl bekunden die schwarzen Damen wirklich Geschmack,

denn sie bringen die dunkle Hautfarbe zu malerischer Wirkung. Lang

herabwallendes, weißes Krepptuch, je nach dem Stande der Trägerin

von feinerem oder gröberem Gewebe, verhüllt die Gestalt vom Scheitel

bis zu den Sohlen, darunter wird ein mit bunter Seidenborte oder mit

feinen Klöppelspitzen verziertes Gewand getragen; ein weißseidenes Tuch

bedeckt die Stirn bis an die Augenbrauen; dazu reicher Silberschmuck

an Hals und Armen: lange schwere Silberketten mit in Silber gefaßten

Löwenklauen, silbernen Dosen jeden Formates, Ringen und Talismanen.

An den Fingern möglichst viele silberne Reifen, zum Teil in der Form

unserer Siegelringe, mit Steinen besetzt. Man sieht unter diesen

Schmucksachen zuweilen Stücke von ganz eigenartig schöner Ziselierung

und Prägung. Nur eine der Frauen hatte Kinder, und diese hatte in

berechtigtem Mutterstolze ihr Jüngstes mitgebracht. Den anderen Frauen

waren die Kinder infolge der Strapazen und Entbehrungen auf den

Safaris, auf denen sie ihre Männer begleiten mußten, schon im zartesten

Alter gestorben.

Auch bei uns in Uhehe spielt die „Frauenfrage“ eine große Rolle:

infolge der vielen Kriegszüge herrscht Mangel an jungen Männern,

dagegen Überfluß an Frauen; dazu kommen noch die vielen geraubten

Weiber aus anderen Stämmen. Kein Wunder, daß unter solchen

Verhältnissen die schwarzen „Herren der Schöpfung“ verwöhnt sind --

die Weiber reißen sich geradezu um die Männer. So hat denn ein jeder

hier mehrere Frauen, denen nach dem einfachen Grundsatze: „je älter und

häßlicher -- um so härter die Arbeit und karger der Lohn“ die ganze

Last der Haus- und Feldarbeit zufällt. So haben z. B. alle jungen

hübschen Frauen bei den Wahehe Überfluß an weißen und bunten Tüchern,

mit denen sie ihre schlanken Glieder verhüllen. Nur der meist prächtig

geformte Hals mit dem tadellosen Büstenansatz, die vollen Schultern

und die kräftigen Arme bleiben frei. Mit zunehmendem Alter und dem

Schwinden der körperlichen Reize schwinden auch diese sichtbaren

Zeichen sowohl eheherrlicher Gunst wie eifersüchtigen Verhüllens -- der

Rest ist Schweigen.

Am 8. März 1897.

Heute kam Tom zurück; ich war gerade im Garten und konnte ihm schon

von weitem zuwinken. In die Freude des Wiedersehens mischte sich die

Sorge um Graf Fugger, von dem noch keine Meldung gekommen ist. Auch

_Dr._ Stierling bringt eine Hiobspost: wieder sind 16 Kettengefangene

ausgebrochen; eine neue Verstärkung für Quawa!

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 44 / 132 题