Den ganzen Morgen habe ich mich zu nichts aufschwingen können; Tom
ist auch ganz verstört. Während des Kriegsgerichts hielt ich es nicht
mehr aus und ging ins Gefängnis zu den Mpangirefrauen. Sie saßen dicht
zusammen, das Gesicht der Wand zugekehrt! Ich rief Mgumditemi zu mir.
Sie war kaum wieder zu erkennen, so abgemagert und abgehärmt sah
sie aus, die Tränen standen ihr in den Augen, sie litt wirklich mit
Mpangire, während die andern, Sadangombe ausgenommen, nur ihr eigenes
Schicksal zu betrauern schienen, sie bettelten auch gleich um besseres
Essen. So sehr mich die Mgumditemi gerührt hat, so stießen mich die
andern ab.
Stadt +Iringa+, 23. Februar 1897, abends.
Jetzt sitze ich mit meinem Mann um 7½ Uhr abends im Zelt in der
früheren Sultanstadt. Vor ungefähr acht Wochen waren wir auch hier
im Begriffe, den künftigen Sultan abzuholen. Jetzt ist es mit der
Sultansherrlichkeit für immer vorbei. Mein Mann hatte gehofft, die
Quawabrüder so zu verpflichten, daß sie der Station ergeben wären, aber
der Quawatrieb, allein zu herrschen, war zu mächtig in ihnen, und so
mußten sie es mit dem Leben büßen. -- Sie wurden verurteilt, und als
ihnen die Ketten abgenommen und sie zum Galgen geführt wurden, hat
Mpangire einen noch recht menschlichen Zug gezeigt. Er hat gefragt,
was wohl aus seinen Kindern werden würde! Das versöhnt einigermaßen
wieder mit dem Verräter. Alle Europäer waren für ihn eingenommen, auch
mich hatte das hübsche Gesicht, der freie Blick, das große Auge, das
manierliche und nette Wesen, der chevalereske Ton, sein schnelles,
kluges Auffassen so geblendet, daß mir sein jähes Ende sehr nahe ging;
ich habe bitterlich geweint, und noch jetzt traure ich um den schwarzen
Gentleman, trotzdem meine Vernunft sich dagegen sträubt.
Mein Mann ist jetzt zu einem Schauri in die Tembe eines Großen der
Wahehe gegangen. Ich ängstigte mich um ihn! Wie leicht kann ein
fanatischer Kerl ihm etwas antun. Die Askaris sind auch von Leuten, die
schon 5 bis 6 Monate mit ihnen freundschaftlichst verkehrten, auf den
Befehl von Quawa ermordet worden.
An der Küste müssen sie uns ganz in Frieden denken; ein Herr
Kaufmann hat die Erlaubnis bekommen, meinen Mann um 20 Wahehe zu der
Ostafrikanischen Ausstellung in +Leipzig+ zu bitten -- und wir
sind froh und dankbar, wenn wir mit den Leuten zu einem friedlichen
Verhältnis kommen!! -- Schöne Exemplare sind es schon; es würde
lohnen, sie auszustellen, freilich würden sie das als eine harte
Bestrafung ansehen.
Die Weiber und Kinder der Quawafamilie und die Quawaanhänger, so auch
der Eisenfundi, werden des Landes verwiesen und an die Küste geschickt.
Selbst auf unsrer Safari haben wir Gäste. Zum Abendessen war Pater
Alphons, der uns schon entgegengekommen war. Pater Superior hatte auch
am Kriegsgericht teilgenommen.
[Illustration]
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Der Wahehe-Aufstand.
+Iringa+, 27. Februar 1897.
Am 27. Februar abends kehrten wir von der Safari zurück, und mein Mann
atmete erleichtert auf, daß nichts Ungünstiges in unsrer Abwesenheit
vorgefallen war. Wir beschlossen daher, am 28. wieder aufzubrechen. Tom
will das Land rekognoszieren und Jumben in den verschiedenen Teilen
einsetzen. Abends waren wir mit Graf Fugger gemütlich bei uns.
Des Morgens früh wurde alles für die Safari zurecht gemacht. Gerade als
wir aufbrechen wollten, kamen zwei Wahehe mit schlimmer Kunde. Quawa
hat wirklich so viele Leute gesammelt, daß es ihm möglich gewesen ist,
an einer Stelle 500 Stück, an einer anderen Stelle 60 Stück Rindvieh
von den Msagiras, denen das Vieh zum Hüten gegeben war, wegzunehmen.
Gerade der Teil der Landschaft, nach welchem unser Zug bestimmt war,
sei zu Quawa übergegangen. So mußte die Safari unterbleiben, dafür
rückten Graf Fugger und mein Mann, jeder mit einer Expedition, nach
den gefährdeten Gebieten ab. Alle wünschen sehnlichst, daß es zum
entscheidenden Kampfe kommen möge, doch Quawa weiß dem immer geschickt
auszuweichen. Gott weiß, ich bin in derselben verzehrenden Angst wie
damals in Perondo. Nur bin ich meinem Manne viel näher; Gott sei Dank.
Wenn ihm ein Unglück zustößt, dann ist es auch mit uns in der Station
vorbei.
Wie schnell ändern sich alle Pläne. Um 10 Uhr wollten mein Mann und
ich abmarschieren und Graf Fugger sollte hier bleiben, statt dessen
marschiert Graf Fugger um 12 Uhr ab, ich bleibe hier, und um 2 Uhr ging
mein Mann, der noch vieles anzuordnen hatte.
Dieselbe böse Nachricht wurde, eine halbe Stunde später wie die Wahehe
es meldeten, auch von Farhenga und Sadalla gebracht, also ist es
unumstößliche Wahrheit.
Ein Revolver von der 1891 niedergemetzelten Zelewski-Expedition ist
in meinem Besitze, er wurde in einer Tembe gefunden. Wie man von den
Wahehe hört, hat sich die unglückliche Expedition tapfer verteidigt,
200 Wahehe fielen damals!