12. Februar 1897.

Was für eine qualvolle Nacht liegt hinter mir! Gestern nachmittag kam

plötzlich mein Mann hereingestürzt und rief mir zu: „Bitte mach schnell

Essen und zwei Decken zurecht“, dann war er auch schon verschwunden.

Zwei Stunden zermarterte ich mein Gehirn, was bloß geschehen sein

mochte! Jedenfalls wollte er irgendwohin abmarschieren.

Endlich kam er, und jetzt erfuhr ich, daß Quawa den Ruahaposten

überfallen und die Askaris niedergemetzelt habe. Daraus kann man wohl

auch schließen, daß Magdalenenhöhe und Perondo, so entsetzlich es auch

ist, das gleiche erfahren haben. Tom wollte nun gleich nach Iringa, um

Mpangires Nest auszuheben, während Graf Fugger nach den Etappen ging.

Alles wurde heimlich vorbereitet, damit die Wahehe hier nicht die Leute

in Iringa benachrichtigen könnten. Als alles so ziemlich bereit war,

wurde nach Quawas angesehenstem Halbbruder Gunkihaka geschickt, der

vor ein paar Tagen angekommen war, um sich hier anzubauen. Mein Mann

sagte gleich: „Dem muß ich tüchtig auf die Finger sehen.“ Nun war es

schlimmer, als wir dachten: er wollte uns nicht bloß ausspionieren,

sondern im Rücken überfallen. Daß in der letzten Zeit etwa 30 Temben

gebaut wurden, erschien uns jetzt auch in einem anderen Licht.

Graf Fugger aß mit uns, da das Essen in der Messe noch nicht fertig

war und es so am wenigsten auffiel. Dann ging er, seine Sachen zu

ordnen. Selbst mein Mann war diesmal des Ausgangs nicht gewiß! Dann

kamen Gunkihaka und ein Msagira, der eben erst angekommen war. Mein

Mann hatte das Gewehr vor sich hingelegt, fertig zum Schuß, wenn

Gunkihaka entfliehen wollte. Einen Menschen so vor dem Gewehrlauf

sitzen zu sehen, war -- milde ausgedrückt -- aufregend! Aber konnte

nicht derselbe Mensch sich plötzlich auf meinen Mann stürzen, ehe er

losdrücken konnte?

Jeder Nerv war in höchster Spannung. Alles war regungslos und

totenstill, auf einer Seite des Zimmers saßen Farhenga und Sadalla,

gegenüber die zwei Boys, die die Unglücksbotschaft gebracht hatten.

In der Veranda mein Mann, Gunkihaka und ich um einen Tisch, auf dem die

Lampe brannte, an der Erde hockend der gefangene Msagira, dahinter zu

den Seiten zwei Askaris.

Gunkihaka benahm sich musterhaft, aber trotz der zur Schau getragenen

Ruhe vibrierte seine Stimme etwas, und über sein Gesicht ging hin und

wieder ein leichtes Zucken. Er sollte über ihren Plan berichten und

über das Geschehene, doch es war keine Silbe aus ihm heraus zu bekommen.

Da kommt der Effendi (schwarzer Offizier) mit einem Träger atemlos mit

der schrecklichen Botschaft, die II. Etappe sei auch überfallen, nur

ein Askari entkommen! Gleich wurden die zwei Wahehe gebunden und dem

Grafen Fugger mitgegeben, sie sollten diesem die Quawafährte zeigen.

Wie sie so dastanden, ein Bild von Kraft. Gunkihaka einen Kopf größer

als mein Mann, der Msagira ihn aber noch fast um einen Kopf überragend.

Der eine jung mit dem großen Auge, das alle Quawaangehörigen haben, der

andere mit kleinen listigen Augen! Sie wurden abgeführt.

Jetzt bricht auch mein Mann auf, die Askaris sind lautlos angetreten,

und so ziehen sie ins Dunkle hinein.

Als sie ein Weilchen weg sind, wird Alarm geblasen, und die Askaris

treten für Graf Fugger an. Während wir so dastehen, kommen verschiedene

Nachrichten, daß am Fuß des Berges viele Leute zu sehen seien, die

ein Kriegsgeheul ausstoßen! Übrigens hatte mein Mann auch schon so

etwas verlauten hören und sagte mir, ich sollte die Koffer mit dem

Wertvollsten auf die Veranda stellen, damit, wenn die Wahehe Feuer

anlegten, wenigstens das Wertvollste gerettet werden könnte, aber er

glaube nicht, daß sie die Station angreifen würden! Die Frage, ob wir

uns alle wieder sehen würden, lag uns sehr nahe, ach, es war -- nein,

ich finde keine Worte für die Stimmung! Aber trotzdem sagte auch Graf

Fugger: „Das ist doch Leben, hier weiß man, zu was der Soldat da ist.“

Als auch er weg war, ging ich beklommenen Herzens nach Hause. Schlafen

konnte ich nicht!

Als der Tag hereinbrach, war es mir eine Erlösung. Die Sonne war noch

nicht aufgegangen, als mein Mann kam. Ich hörte Lärm und lief ihm

schleunigst entgegen.

Er konnte mich nur flüchtig begrüßen, es genügte mir aber; war er doch

heil zurück und seine Aufgabe gelungen! Alle Leute Mpangires, dieser

selbst, seine Weiber und Brüder gefangen. Inwieweit Mpangire an der

Verschwörung teilgenommen hat, ist noch nicht klar. Wenn er seinen

Bruder Quawa nicht ausliefert, kann er nicht Sultan bleiben und kommt

zur Küste. Wie weit die Rebellion um sich gegriffen und warum die Leute

am Ruaha weggelaufen sind, ist noch nicht festzustellen! Jetzt gilt es,

des Hauptschuldigen, Quawas, habhaft zu werden, aber wie und wo in dem

großen Reich?

Mein Mann ruhte nur einige Stunden, dann wurde alles zu einem neuen

Abmarsch für den Nachmittag fertig gemacht. Das war schnell getan,

denn er nimmt fast nichts mit (trotzdem er auf unbestimmte Zeit fort

bleibt), um nicht am schnellen Marschieren durch die Träger aufgehalten

zu werden. Kein Bett, kein Zelt, keine Kochlast! Zwei Decken, ein

Luftkissen, zwei Kochtöpfe, Messer, Gabel, Löffel, Teller, Tassen, ein

Stück Zeug für die Nacht zum Überspannen, einen Stuhl und eine Last

Essen! Und da war er noch ungehalten und sagte: „Früher habe ich oft

noch viel weniger mitgehabt!“

Ich begleitete Tom den Berg herunter, aber es war schon ganz dunkel,

und ich mußte zurück. Wenn ich nur nicht so schrecklich allein wäre!!

Das Dach von unserem Haus ist fertig. Natürlich stockt überall die

Arbeit. Spiegel, infolge des Perniziösen fast dienstuntauglich, ist

nach Iringa und Stephan meinem Mann nachgegangen. Der beklagenswerte

arme Baumeister ist immer noch krank, ich besuche ihn täglich.

Jetzt sind überall die Posten verstärkt, es sind zwei Hauptwachen. Ich

bin ganz von Soldaten umgeben, auf der Veranda sogar schläft einer. So

ist eigentlich nachts mehr Leben als am Tage, nur die Fundis arbeiten.

Auf der Straße sehe ich nur zwei kleine Jungen mit dem Kreisel spielen.

Jetzt, wo mein Mann unterwegs ist, regnet es nicht nur am Tage, sondern

auch fast die ganze Nacht hindurch.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 39 / 132 题