21. Oktober 1896.

Heute besuchten mich eine richtige und eine Halbschwester von Quawa.

Rotwein schien ihnen sehr zu schmecken, Butterbrot weniger, umsomehr

aber Zucker und vor allem Cakes. Sie baten mich, ihnen das Nähen

beizubringen, und wollen zu diesem Zwecke bald wiederkommen. Beide sind

hübsche Geschöpfe mit kleinen Füßen und schmalen Händen, besonders

Quawas rechte Schwester gefiel mir durch ihr offenes Wesen. Wir waren

sehr lustig miteinander und schlossen gute Freundschaft. Nur beim

Essen und in sonst noch einigen Bewegungen verrät sich zuweilen die

„Wilde“.

Unser Renommierstück, auf welches Tom besonders stolz ist, wurde

heute fertig: die Diele im Schlafzimmer. Alles, was an Einpackholz

aufzutreiben war, ist dazu verwandt worden; sie sieht zwar demnach

etwas sehr gestückelt aus, ist aber trotzdem sehr schön; da sie einen

Fuß hoch über dem Boden angebracht ist, werden wir immer trockenen

Fußboden haben. Das Linoleum kommt uns ganz besonders gut zu statten:

wir haben es ringsum an der Wand des Schlafzimmers gezogen, nun hält es

den Wind ab und sieht hochfein aus!

Ab und zu machen wir einen Spaziergang; ein Aussichtspunkt ist ganz

in der Nähe, der sich mit den schönsten Schweizer Glanzpunkten messen

kann. Dazu die prachtvolle, klare Luft; wir fühlen uns nach all den

Sumpfniederungen wie in einem klimatischen Kurort, und das Bild unserer

ersten Station Perondo kann neben diesem schönen Lande hier nicht

aufkommen. Die Nachwehen unseres Marsches äußern sich übrigens, ich

habe zuweilen kleine Fieberanfälle. Die Bazillen müssen erst wieder

herausgetrieben werden. Heute kamen die Schwestern wieder und brachten

20 Ehefrauen Mpangires mit. Die beiden Quawa-Schwestern, Salatamanga

und die Halbschwester Fulimanga, und die „größte“, d. h. erste Frau

Mpangires, Hamuna, erhielten Stühle sowie Tee und Zucker, die andern

hockten auf der Erde. Mit dem Nähen wurde es aber nichts: Hamuna

erklärte mir, Arbeit sei etwas Häßliches, und nun wollen die beiden

andern auch nichts mehr lernen. Hamuna ist hübsch und scheint außer

ihrer Faulheit auch ein gut Teil Schlauheit zu besitzen, sie hat aber

kein so gutes Gesicht wie die beiden Schwestern. Da aus der Nähstunde

nichts wurde, zeigte ich ihnen die Bilder in Brehms Tierleben, das

begeisterte sie sehr, namentlich die der ihnen bekannten Tiere. Da mein

Toilettenspiegel zerbrochen angekommen ist, schenkte ich jeder ein

Stück davon: das machte großen Eindruck, sie wurden nicht müde, sich

darin zu bewundern.

Soeben schickt mir Mpangire das landesübliche Gastgeschenk: ein

kleines Mädchen, Paligungire, ebenso landesüblich lasse ich das kleine

Ding zunächst im Flusse einer gründlichen Reinigung unterziehen und

stecke es dann in eines der Kleidchen meiner kleinen Muhegu; mein neues

„Eigentum“ hat ein drolliges Kindergesichtchen, mit großen treuherzigen

Augen. Vorläufig sehen sich nun beide Mädels Bilder an, morgen soll der

erste Nähversuch gemacht werden. Mit Teller und Löffel hantieren sie

ganz geschickt.

Aus der Heimat seit drei Monaten keine Nachricht!....

Das Auspacken und Einrichten macht viel Freude; die Wirtschaft wächst

mir zusehends unter den Händen, und jedes frisch ausgepackte Stück wird

wie ein lieber alter Bekannter begrüßt. Noch 14 Tage ungefähr, dann

hört hoffentlich das Leben aus den Koffern und Kisten auf. Mit Vorräten

für ein Jahr wirtschaften, ohne Vorratskammer oder Keller zu haben,

über diese Aufgabe muß Henriette Davidis noch einen besonderen Nachtrag

schreiben, für afrikanische Hausfrauen und solche, die es werden wollen.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 26 / 132 题