5. Juli 1896.

Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren

Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, die

meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick eines

solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten

Farnkräuter gesehen! -- Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der

Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm:

Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die

Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen,

denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen.

Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern

trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste

zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze

niederzutreten.

+Am Kitalabach+, 6. Juli 1896.

Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns

zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft

bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in

der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken;

dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°.

Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges

Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war,

um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit

geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten

die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die

Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt,

dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten

diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur

dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung:

Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich

erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein,

wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst

zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel

festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln,

Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.

Am 7. Juli 1896.

Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf -- gegenüber

dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen

erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger

Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich

hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich,

wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem

Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu

überzeugen.

[Illustration]

[Illustration]

Zweites Kapitel.

In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa.

+Perondo+, 8. Juli 1896.

Um 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter

trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir

sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen

Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges,

hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit -- mehr gestattete der

Weg nicht -- so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und

Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki,

Graf Fugger und _Dr._ Berg entgegen, die auch für eine prächtige

Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet,

und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine

Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche

Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und

die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war

ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt

gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen -- und der Dienst machte

seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer

Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen

Festmahle -- wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich

es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt -- der letzte

-- wurde reichlich getrunken, dank seiner belebenden Wirkung und der

Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt,

trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch

Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns

nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser

schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein!

Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen,

gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das

Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort

gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu

besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts

übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht

Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen.

Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der neu

anzulegenden Station zu dirigieren -- +ohne daß es zu viel kostet+!

Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend: die Messe

besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die Bezeichnung

„Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der Zimmermann die

üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne durch Tischler

und Glaser ergänzt zu werden.

+Perondo+, 9. Juli 1896.

Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe,

brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen,

um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu

vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt

ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder,

alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu

begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen.

+Perondo+, 12. Juli 1896.

Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen

schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich alles nötige

Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem

europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen

Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch

die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten

wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem

-- natürlich sorgfältig gereinigten -- Gewehrlaufe glattgestrichen

und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl,

Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines

Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren

zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs

andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, -- aber

wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser

Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt

nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz

leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte

mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen

bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit

roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und

Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem

Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume

abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe -- man kann sie zwar

nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die

Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt

festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen

und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die

gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum

wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues

Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen

Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter

befestigt; es sah wunderhübsch aus -- stilvoll-afrikanisch. Dazu in

der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen;

an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel (ich hatte

mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum

Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl

die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas

getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste.

Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer

und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in

knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in

dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den

Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas

sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich

Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee

tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu

Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. --

Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen.

+Perondo+, 13. Juli 1896.

Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann

wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam _Dr._ Berg;

dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus

Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel.

Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie

seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur

aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt-

und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht

aufgefressen. Der Feinschmecker!

Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel

Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig.

Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind

anwesend.

+Perondo+, 17. Juli 1896.

Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum

Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren

bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um

Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe

genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern

mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab;

zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück

Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine

kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000

Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin

und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs.

Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder

einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die

Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und

beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer

Hütte.

Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn

1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der

gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es

reichlich.

Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf

der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens

werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine

Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der

Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten

geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches

Notwendige finde ich überhaupt nicht.

In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine

Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die

beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große

Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perniziöses Fieber zu haben und

wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte

dann auch _Dr._ Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom

den Verlust von zwei Europäern. -- Eine rechte Landplage sind hier die

kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen

Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns

vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den

Kopf gebunden tragen müssen -- ein spaßiger Anblick.

+Perondo+, 18. Juli 1896.

Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo

blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver

geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis _Dr._ Berg

kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der

hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des

schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer

angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders

annehmen.

Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch!

Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein

Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch.

Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern

Küchenzettel!

+Perondo+, 19. Juli 1896.

Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet

soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen

sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er

auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn

Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen

seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern

werden?

Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht

schlimmer, er ist aber sehr schwach.

[Illustration: Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince.

(Zu S. 35.)]

[Illustration: Von links nach rechts:

Oberleutn. +Glauning+. Hauptm. v. +Kleist+. Stabsarzt _Dr._

+Stierling+. Hauptm. v. +Prince+. Leutn. Graf +Fugger+. Leutn.

+Stadlbaur+. -- Frau Hauptm. v. +Prince+.]

Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und

ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus

erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden:

Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat.

Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie

sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere

Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen

und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in

einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen

Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen

abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere

Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen

und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu

noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen

Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu

wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können.

+Perondo+, 22. Juli 1896.

Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte:

erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon

besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von

irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten

Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten

wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten,

und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es

alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle

unsere Wünsche und Hoffnungen richten.

Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften

und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem

untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto

vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch

vielfach ausgedroschen; die Dreschflegel sind den unseren ähnlich,

selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird

innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf

Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich

mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach

selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und

Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen.

Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst

so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem

Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der

Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen.

Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht

anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln

greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 19 / 132 题