Meine Begeisterung für Wasserfälle steht nicht mehr auf ihrer früheren
Höhe. Heute mit 4½stündigem Marsche sechzehn Flüsse passiert, die
meistens von Wasserfällen kamen; meine Freude beim Anblick eines
solchen ist also bereits sehr herabgestimmt. Heute die ersten
Farnkräuter gesehen! -- Es regnet unaufhörlich, Tag und Nacht, der
Marsch deshalb ganz abscheulich. In der Nacht plötzlich großer Lärm:
Schnapsel rast wie toll im Lokale herum, und draußen werden die
Schweine und Puten mobil. Ursache: allgemeiner Überfall durch Ameisen,
denen wir mit Insektenpulver und Asche energisch zu Leibe gingen.
Die Puten pickten sich die Störenfriede gegenseitig ab. Gestern
trafen wir die Karawane, die unser Haus trug, 350 Mann, die zur Küste
zurückkehrten; wir benutzten sie gleich, das Gras auf dem Lagerplatze
niederzutreten.
+Am Kitalabach+, 6. Juli 1896.
Bei strömendem Regen wieder ein ganz schauderhafter Weg. Es ist uns
zwar nichts Neues, daß die Leute ½ Stunde lang bis über die Knie, oft
bis zu den Hüften im Wasser waten, aber sie konnten sich sonst doch in
der Sonne bald trocknen. Daran ist jetzt natürlich nicht zu denken;
dazu ist es empfindlich kühl; im Zelt hatten wir um Mittag nur 14°.
Auch sind wir nunmehr alle ziemlich abgespannt. Mein Mann hat arges
Fieber, macht aber trotzdem die Wegeaufnahmen. Die Marschordnung war,
um Tom Gelegenheit zu besserem Überblick zu geben, seit einiger Zeit
geändert, wir marschieren nicht mehr an der Spitze, sondern halten
die Mitte, so daß Tom die Biegungen des Weges besser sieht. Stößt die
Spitze auf ein Hindernis, so wird dieses uns durch Winken angezeigt,
dann heißt es „Kolonne halt“, bis der Weg frei. Für mich bedeuten
diese Halts stets eine gewisse Spannung, denn je nach der Natur
dieses Hindernisses richtet sich die Art meiner Weiterbeförderung:
Postpaket, Seiltanzen oder Kunstreiten. Zu letzterem eigne ich mich
erfahrungsgemäß am wenigsten, das kommt mir täglich zum Bewußtsein,
wenn ich, Schnapsel auf dem Schoße haltend und die Füße möglichst
zwischen die Langohren meines Esels gelegt, mich krampfhaft am Sattel
festklammere, während der Weg mit Gleiten und Stolpern über Wurzeln,
Steine, durch Sumpflöcher, Wasserpfützen und Flußläufe geht.
Am 7. Juli 1896.
Heute schlugen wir das Lager am Fuße des Mbongo auf -- gegenüber
dem Endziel unseres Zuges: Perondo, unserer Station, die wir morgen
erreichen werden! Angesichts dieses Zieles tauchen eine Menge wichtiger
Fragen auf, die es zweifelhaft machen, ob die Station auch wirklich
hier errichtet werden kann. Wird Quawa Krieg anfangen? So friedlich,
wie man ihn an der Küste glaubt, ist er nicht, je näher wir seinem
Gebiete kamen, je mehr hatten wir Ursache, uns vom Gegenteile zu
überzeugen.
[Illustration]
[Illustration]
Zweites Kapitel.
In Perondo. Gründung der neuen Station Iringa.
+Perondo+, 8. Juli 1896.
Um 6¼ Uhr Aufbruch, zunächst durch Sumpf bis zum Fluß, dann guter
trockener Weg, mit Wassergräben an beiden Seiten. Hier machten wir
sämtlich erst Einzugstoilette, auch die Kompagnie, die ihre neuen
Uniformen anlegte. Wir Europäer ritten an der Spitze des Zuges,
hinter uns die Soldaten zu je drei Mann breit -- mehr gestattete der
Weg nicht -- so bewegte sich die Kolonne durch die schöne Berg- und
Waldlandschaft. Schon weit von der Station kamen uns Herr v. Stocki,
Graf Fugger und _Dr._ Berg entgegen, die auch für eine prächtige
Ausschmückung der Station gesorgt hatten; Ehrenpforten waren errichtet,
und alles prangte im Schmucke der Fahnen und Girlanden; kaum eine
Hütte ohne Palmen und Blumen. Über der Messe wehten die deutsche
Kriegs- und die Handelsflagge; die Unteroffiziere, die Soldaten und
die ganze Einwohnerschaft, an 2000 Personen, bildeten Spalier. Es war
ein farbenprächtiges, schönes Bild. Zum Willkommenstrunk wurde Sekt
gereicht, dann ein kurzes Plauderstündchen -- und der Dienst machte
seine Rechte an unsere Herren geltend. Zu Mittag folgten wir einer
Einladung Herrn v. Stockis nach der Messe zu einem afrikanischen
Festmahle -- wenn ich einen europäischen Maßstab anlegen soll, kann ich
es nur ein Austern-Diner nennen: also großartig! Sekt -- der letzte
-- wurde reichlich getrunken, dank seiner belebenden Wirkung und der
Freude über das erreichte Reiseziel war die Stimmung äußerst vergnügt,
trotzdem mein Mann und Graf Fugger Fieber hatten (letzterer hatte noch
Tags zuvor 40° gehabt!). Solch einen schönen Empfang hatten wir uns
nicht träumen lassen, möchte doch diese unerwartete Freude, dieser
schöne Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein!
Die Station liegt auf einem kleinen Hügel mitten in den Bergen,
gegenüber ein mächtiger Wasserfall. So prachtvoll sich das
Landschaftsbild dem Auge darbietet, so wenig entspricht der Ort
gesundheitlich den Anforderungen, die man an eine mit Europäern zu
besetzende Station stellen muß: ringsum Sumpf! Es bleibt nichts
übrig, als die Station zu verlegen, und zwar nach Uhehe. Das macht
Tom viel Arbeit und erfordert vieles und gründliches Kopfzerbrechen.
Zunächst allein: wie die 2000 Lasten mit nur 700 Trägern nach der neu
anzulegenden Station zu dirigieren -- +ohne daß es zu viel kostet+!
Die Wohnungsverhältnisse sind mehr praktisch wie glänzend: die Messe
besteht aus einer offenen Hütte, alles übrige, was auf die Bezeichnung
„Wohnung“ Anspruch macht, sind Lehmhütten, in denen der Zimmermann die
üblichen Löcher für Tür und Fenster gelassen hat, ohne durch Tischler
und Glaser ergänzt zu werden.
+Perondo+, 9. Juli 1896.
Wenn ich abends von unserer hochgelegenen Boma ins Dorf hinuntersehe,
brauche ich meine Einbildungskraft gar nicht übermäßig anzustrengen,
um mir den Anblick einer Berliner Straße in abendlicher Beleuchtung zu
vergegenwärtigen: alles hell erleuchtet, Licht an Licht. Heute ritt
ich durch Perondo, die Soldaten standen stramm, Frauen und Kinder,
alles was auf den Straßen kreucht und fleucht, kam heran, um mich zu
begrüßen, unzählige Male mußte ich „Jambo“ sagen.
+Perondo+, 12. Juli 1896.
Gestern gaben wir ein großes Diner! Die Vorbereitungen dazu nahmen
schon den ganzen Tag vorher in Anspruch, bis ich alles nötige
Küchengerät zusammen und die sonstigen Vorbedingungen zu einem
europäisch-afrikanischen Festmahle erfüllt hatte. Am Morgen des großen
Tages ging ich schon früh um 6 Uhr an die Arbeit, hatte aber auch
die Freude, daß alles trefflich gelungen ist. Die kleinen Pasteten
wurden mit dem stumpfen Ende des Hammers geformt, der Teig mit dem
-- natürlich sorgfältig gereinigten -- Gewehrlaufe glattgestrichen
und ausgerollt, Löffel, Messer und Gabel je nach Bedarf als Quirl,
Spicknadel und ähnliches verwandt, die Speise in Ermangelung eines
Reibnapfes in einem Teller verrieben; Töpfe und Schüsseln avancieren
zu Bratpfannen und Backformen. Freilich wartet schon immer eins aufs
andere, denn viel Vorrat und Auswahl ist nicht vorhanden, -- aber
wie gesagt, es ging trotz aller Umständlichkeit ganz prächtig. Unser
Koch konnte mir wenig helfen, seine Kunst beschränkt sich bis jetzt
nur auf die Zubereitung von Ziegen und Hühnern, die ihm übrigens ganz
leidlich gelingen. Die Ausschmückung unseres „Speisesaales“ hatte
mein Mann übernommen. Unsere Hütte ist ein aus ungeschälten Stangen
bestehender, viereckiger Kasten, die Wände aus Bambus, ausgefüllt mit
roter Erde, das schräge Dach ebenfalls aus Stangen, Bambusstöcken und
Stroh. Zum Schutz gegen den Staub ließ Tom als Zimmerdecke unter dem
Dache ein weißes Tuch ziehen. Die Hütte ist in drei gesonderte Räume
abgeteilt, unser Schlafzimmer hat sogar eine Türe -- man kann sie zwar
nicht schließen, es ist aber doch immerhin eine wirkliche Tür! Die
Fensterscheiben werden durch Drahtnetz angedeutet, die Dielen ersetzt
festgestampfte Erde. Die Einrichtung besteht aus Tischen, Stühlen
und Feldbettstellen. Tom hatte noch eine Veranda anbauen lassen, die
gerade an diesem Tage fertig geworden war; sie und der große Mittelraum
wurden nun zur Feier des Tages geschmückt. An die Wände wurde blaues
Tuch gespannt, überall hingen Blumen, und zum Ersatze der heimischen
Eichenholztäfelung wurden unten ringsum große saftiggrüne Blätter
befestigt; es sah wunderhübsch aus -- stilvoll-afrikanisch. Dazu in
der Mitte der festlich gedeckte Tisch, reich verziert mit Blumen;
an Tischgerät, wie Teller, Gläser usw., war kein Mangel (ich hatte
mir alles Nötige zusammengeborgt), daneben ein gedeckter Tisch zum
Anrichten und als Trägerin der „historischen“ Maibowle (es wird wohl
die erste ihrer Art gewesen sein, die im Innern Deutsch-Ostafrikas
getrunken wurde!), eine festlich verhüllte leere Kiste.
Die Boys bedienten flott und geschickt; trotzdem bei jedem Gang Messer
und Gabel gewechselt wurden, klappte alles so gut, daß wir das Menu in
knapp zwei Stunden erledigt hatten. Wer die vergnügte Gesellschaft in
dem festlich geschmückten Raume beobachtet hätte, wäre kaum auf den
Gedanken gekommen, daß er hier ferne von aller Zivilisation Europas
sich im Innern Afrikas befände. Unsern lieben Gästen zu Ehren hatte ich
Toilette wie zu einer großen Gesellschaft zu Hause gemacht. Den Kaffee
tranken wir auf der Veranda, wo Tom unsere Koffer mit weißen Tüchern zu
Kaffeetischen umgestaltet hatte. Um 7 Uhr abends trennten wir uns. --
Es ist doch schön in Afrika, selbst in einer Hütte mit harten Stühlen.
+Perondo+, 13. Juli 1896.
Um 7 Uhr ging Tom zum Dienste, kam um 8 Uhr zum Tee und verschwand dann
wieder. Ich zahlte den Boys ihr Gehalt, um 9 Uhr kam _Dr._ Berg;
dann besah ich meine schöne Vorratskammer, die sogar ein Gestell aus
Wellblech hat, denn Holzbretter sind ein seltener Artikel.
Die übrig gebliebene Kalbskeule, mit der wir so schön taten, da sie
seit sechs Wochen erst die zweite Unterbrechung der sonst immer nur
aus Huhn und Ziege bestehenden Fleischkost bildete, dieses Haupt-
und Prunkstück unseres festlichen Mahles, hat Schnapsel über Nacht
aufgefressen. Der Feinschmecker!
Während ich hier schreibe, hält mein Mann Schauri. Das macht mir viel
Spaß, und ich sehe gern zu; die Mimik der Schwarzen ist großartig.
Meist handelt es sich um Diebstahl, und Kläger und Beklagter sind
anwesend.
+Perondo+, 17. Juli 1896.
Ich war in den letzten Tagen nicht recht wohl und zu abgespannt zum
Schreiben. Abends haben wir „Sterne geguckt“ oder die Herren waren
bei uns. Am Sonntag ist Herr v. Stocki mit 300 Trägern ausgezogen, um
Nahrungsmittel für die Leute zu kaufen; denn wer weiß, ob in Uhehe
genügend Vorrat aufzutreiben sein wird. Graf Fugger ging gestern
mit 300 Trägern, 24 Soldaten und einem Maximgeschütz nach Uhehe ab;
zunächst muß er den ungemein steilen Berg hinauf, ein schweres Stück
Arbeit mit den Lasten; etwa sechs Stunden weiter wird er dann eine
kleine Boma anlegen, nach welcher später mit nur 700 Trägern 2000
Lasten hinaufgeschafft werden müssen; das nimmt für jeden Transport hin
und zurück fünf Tage in Anspruch; die ersten sind schon unterwegs.
Schnapsel sucht sich durch besonderen Ordnungssinn wieder
einzuschmeicheln, eben jagt er die Schweine fort, die sich bis an die
Veranda gewagt haben; sonst sitzt er stundenlang vor einem Baum und
beobachtet die Eidechsen oder lauert vor den Rattenlöchern in unserer
Hütte.
Alles ist hier teuer. Ein Ei kostet 5 Pesa (10 Pfg.), ein mageres Huhn
1 Rupie (1,35 Mk.). Ein Grieche hat sich hier niedergelassen, der
gute Geschäfte macht. Heute kommen 150 Futterlasten an. Reis gibt es
reichlich.
Soeben erscheint die kleine, unansehnliche Figur unseres Koches auf
der Bildfläche, um sich den heutigen Speisezettel zu holen. Nächstens
werde ich wohl auch mit krummem Rücken und Triefaugen antreten, meine
Küche ist ganz dazu eingerichtet: drei bis sechs offene Feuer an der
Erde, deren Rauch die Augen beizt. Gestern habe ich eine Anzahl Lasten
geöffnet. Eine wenig erfreuliche Arbeit: vieles ist verdorben, manches
Notwendige finde ich überhaupt nicht.
In der Boma wird eifrig gebaut. Im Norden und Süden werden kleine
Bastionen angelegt, Vorratskammern gebaut, mit Verandas für die
beiden zurückbleibenden Europäer. Für Tom erhebt sich eine große
Schwierigkeit: der Feldwebel scheint perniziöses Fieber zu haben und
wird vielleicht die Expedition nicht mitmachen können; mit ihm müßte
dann auch _Dr._ Stierling hier bleiben, und das bedeutet für Tom
den Verlust von zwei Europäern. -- Eine rechte Landplage sind hier die
kleinen stecknadelkopfgroßen Sandflöhe, die besonders den barfüßigen
Negern, aber auch uns bös zusetzen. Ferner eine winzige Fliege, die uns
vor allem an die Ohren geht, so daß wir vielfach Taschentücher um den
Kopf gebunden tragen müssen -- ein spaßiger Anblick.
+Perondo+, 18. Juli 1896.
Träger aus Kisaki brachten heute einige Möbel. Gegen Mittag kam Kapongo
blutend an. Herr v. Stockis Boy hatte auf ihn mit einem Revolver
geschossen. Wir hielten die Wunde mit Tüchern zu, bis _Dr._ Berg
kam und ihn verband. Der Attentäter ist vorläufig eingesperrt; der
hoffnungsvolle Junge ist erst ungefähr 13 Jahre alt. Zur Pflege des
schwerkranken Feldwebels hat mein Mann Nachtwachen für die Europäer
angesetzt. Hoffentlich läuft es gut ab, ich werde mich seiner besonders
annehmen.
Eine Delikatesse haben wir jetzt auf der Station: frische Milch!
Leider darf ich einer Magenverstimmung wegen keine genießen, aber mein
Mann ißt jeden Morgen saure Milch und trinkt über Mittag Buttermilch.
Wir machen nämlich frische Butter, eine große Wohltat für unsern
Küchenzettel!
+Perondo+, 19. Juli 1896.
Mit den Wahehes scheint es kritisch zu werden. Graf Fugger meldet
soeben durch einen Boten, daß die Einwohner alle vor ihm geflohen
sind, die Männer zu Quawa, die Weiber und Kinder in das Pori. Da er
auf seinem Zuge nirgends Nahrungsmittel findet, wurden sofort zehn
Futterlasten an ihn abgesandt. Wenn Quawas Einfluß an den Grenzen
seines Landes schon so fühlbar wird, wie wird es dann erst im Innern
werden?
Kapongo ist trotz seiner Wunde vergnügt, dem Feldwebel geht es nicht
schlimmer, er ist aber sehr schwach.
[Illustration: Empfang in Perondo. Reitesel der Frau v. Prince.
(Zu S. 35.)]
[Illustration: Von links nach rechts:
Oberleutn. +Glauning+. Hauptm. v. +Kleist+. Stabsarzt _Dr._
+Stierling+. Hauptm. v. +Prince+. Leutn. Graf +Fugger+. Leutn.
+Stadlbaur+. -- Frau Hauptm. v. +Prince+.]
Unser Eßzimmer ist jetzt großartig eingerichtet: eine ganze Kommode und
ein Waschtisch haben sich eingefunden; man muß sich an diesen Luxus
erst langsam gewöhnen. Nur des Staubes kann ich nicht Herr werden:
Erdboden und Wände sorgen für immer neuen Vorrat.
Heute gibt’s Radieschen zu Mittag, wirkliche echte Radieschen!! Sie
sollen aber auch für meinen mit Arbeit überhäuften Mann eine besondere
Überraschung werden; ein paar Hände mehr könnte er gut gebrauchen
und, wenn’s ginge, auch noch ein paar Köpfe. Das kommt und geht in
einem fort. Berichte schreiben, Schauri abhalten, dazwischen kommen
Meldungen über unseren Quälgeist Quawa, Träger mit Lasten wollen
abgefertigt sein, an die auswärts befindlichen Leutnants müssen längere
Dienstschreiben mit Befehlen und Verhaltungsmaßregeln abgesandt, Klagen
und Beschwerden angehört, untersucht und entschieden werden, dazu
noch die astronomischen Aufnahmen, die Kompagnie mit ihren täglichen
Anforderungen, kurz gesagt: der Tag hat oft vierundzwanzig Stunden zu
wenig, um die ganze Maschine im Gang halten zu können.
+Perondo+, 22. Juli 1896.
Heute fühlte ich mich so wohl, daß ich Krankenbesuche machen konnte:
erst bei Kapongo, dann beim Feldwebel Spiegel; es geht ihm schon
besser. Aber wie wohnen unsere Offiziere und Unteroffiziere! Von
irgendwelcher Bequemlichkeit keine Spur. Es ist wirklich im höchsten
Grade anzuerkennen, mit welcher Genügsamkeit sie sich hier einzurichten
wissen. Wir haben doch wenigstens mehr Wohnraum und bessere Betten,
und das ist hier eine Hauptsache. Nun, nach Weihnachten werden wir es
alle besser haben, dann ist die neue Station fertig, auf die sich alle
unsere Wünsche und Hoffnungen richten.
Ich kam bei einer Menge von Frauen vorüber, die Reis ausstampften
und lustig sangen. Sie begrüßten mich alle mit lautem Geschrei, dem
untrüglichen Zeichen von großer Freude: je lauter der Neger, desto
vergnügter. Der Reis und andere Körnerfrüchte werden hier auch
vielfach ausgedroschen; die Dreschflegel sind den unseren ähnlich,
selbst der anheimelnde Rhythmus unserer deutschen Scheunentenne wird
innegehalten. Heute erhielt mein Geflügelhof einen Zuwachs von elf
Hühnern. Die ganze Haus- und Hofwirtschaft gewinnt täglich für mich
mehr an Wert, besonders weil ich mir doch fast alles nach und nach
selbst schaffen und zusammenbauen muß, ohne die vielen Hilfsmittel und
Bequemlichkeiten, die einem zu Hause so überreich zu Gebote stehen.
Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, was uns Kinder einst
so in den alten Robinson-Geschichten fesselte, wie hier in unserem
Nomaden- und Ansiedlerleben, wo alle die Kleinigkeiten, die man in der
Heimat kaum der Beachtung wert hielt, in ganz anderem Licht erscheinen.
Freilich, Steck- und Nähnadeln habe ich mir aus Fischgräten noch nicht
anzufertigen brauchen, aber oft genug muß man hier zu Aushilfsmitteln
greifen, die auch eine Frau Robinson nicht verschmäht haben würde.