27. Juni 1896.

Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen

40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer,

mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand

Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache

schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit

und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei

Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten

kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz

alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die

uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten

nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum

Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit

den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt,

je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes

Gedränge -- aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden

sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner,

die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls

hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles

fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich

gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr

ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe

ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der

Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte

Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris

das Nötigste aus den Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner

aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen.

+Fakalla+, 29. Juni 1896.

Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei

Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und

Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste

Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu

nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre

beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und

war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute

sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen

Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können.

An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche

Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten

müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber --

kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige

Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier

schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und

Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als

sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem

sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen

sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von

Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte

ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten.

Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt

ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen

in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen

Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen

wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets

willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer

findet sich stets in der Nähe von Wasser; auch der Honigvogel ist

ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo

man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine

Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne.

+Am Fluß Ruipa+, 1. Juli 1896.

Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das

Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im

Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen

lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer

mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter

tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte

bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind

übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen,

werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen!

Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“

sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick

sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend

und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst

fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im

Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona!

-- Heute den 34. Tag unterwegs!

+Gima+, 2. Juli 1896.

Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr

werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch

bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal

nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner

Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf -- natürlich tolle Kopfschmerzen.

Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches

Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas

zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres

Zeichen, daß sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin

ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und

heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen.

+Ndemusdorf+, 3. Juli 1896.

Auch heute alle Dörfer verödet -- ein böses Zeichen! Quawa hat die

Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe,

aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige

sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen.

Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer

Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg

möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser

Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei

Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch

seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit

den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als

Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom

hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen

und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben,

überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa

zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus

Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat

sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber

zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um

einzutreten.

Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um

unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein

Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel

weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und

im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in

welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und

der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.

Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas Elf Jahre nach Tagebuchblättern erzählt · 第 18 / 132 题