Ruhetag. Gesundes Lager auf einem Hügel. Ich weihte meinen
40-Rupien-Koch in die Geheimnisse einer Eierspeise ein; aus dem Eifer,
mit dem sowohl er wie sämtliche Boys und andere Schwarze mir allerhand
Handreichungen taten, kann ich auf großes Interesse an der Sache
schließen. Jede Neuerung in unserem Küchenzettel kostet viel Zeit
und Mühe, denn die ganze Einrichtung besteht aus Eiertiegel und zwei
Kochtöpfen nebst Messern, Gabeln, Löffeln und Tellern. Die Zutaten
kann ich nur nach Gutdünken abmessen; ich freue mich, daß mir trotz
alledem so wenig „vorbeigerät“. Heute kauften wir viele Eßwaren, die
uns die Leute ins Lager brachten. Tom und der Zahlmeister eröffneten
nun einen Handel, indem sie die Vorräte in zwei Hälften teilten, zum
Verkauf an die Soldaten und an die Führer der Träger. Es wird mit
den „Markttagen“ zwischen diesen zwei Gruppen immer abgewechselt,
je nachdem Vorrat vorhanden. Heute kommen die Träger dran. Großes
Gedränge -- aber als die zweite Hälfte zum Verkauf gestellt werden
sollte, fand sich nicht ein Stück mehr vor! Selbst siebzehn Hühner,
die wir für die Messe behalten wollten, waren verschwunden. Die Kerls
hatten mit einer so verblüffenden Frechheit vor meinen Augen alles
fortgeschleppt, daß ich der Meinung war, sie hätten die Sachen wirklich
gekauft! Da bei der Menge der „Kauflustigen“ die Spitzbuben nicht mehr
ermittelt werden konnten, wurden sämtliche Träger vom weiteren Verkaufe
ausgeschlossen und mußten ihren Bedarf auf eigene Faust aus der
Umgegend zusammenkaufen. Übrigens reicht oft die ins Lager gebrachte
Zufuhr für die ganze Truppe nicht aus, es müssen dann unsere Askaris
das Nötigste aus den Dörfern herbeischaffen; damit sie die Einwohner
aber nicht bedrängen, dürfen sie ihre Gewehre nicht mitnehmen.
+Fakalla+, 29. Juni 1896.
Flußübergang; die Strömung war so stark, daß die Lasten in zwei
Kanoes durchgeschleppt werden mußten, ebenso ein Teil der Frauen und
Kinder; die Truppen hatten genug mit sich selbst zu tun. Da die erste
Bootsladung Weiber ins Wasser fiel (glücklicherweise ohne Schaden zu
nehmen), mußten die übrigen auch durchwaten. Auch unser Kanoe wäre
beinahe umgeschlagen, mein kleines Gewehr fiel dabei über Bord und
war in der reißenden Strömung für immer verschwunden. Damit die Leute
sich ordentlich verproviantieren können, machten wir nur einen kleinen
Marsch, denn in den nächsten Tagen werden wir nichts auftreiben können.
An Ziegen und Mehl haben wir Überfluß, aber auf die tägliche
Eierspeise, die es für Tom und mich bisher gab, werden wir verzichten
müssen. Seit gestern nehme ich Chinin, ich habe etwas Fieber --
kein Wunder, das fliegt einem hier beim Durchzug durch die sumpfige
Niederung an. Auch Tom fühlt sich nicht wohl. Während ich hier
schreibe, hocken meine einheimischen Besucher, Männer, Weiber und
Kinder, mir gegenüber, ihre Toilette ist mehr oder vielmehr weniger als
sommerlich, sie besteht eigentlich nur aus einem Lendentuche, mit dem
sich auch die Frauen begnügen; sie schwatzen unaufhörlich, scheinen
sich also doch viel zu erzählen zu haben; wo sie nur die Menge von
Unterhaltungsstoff herhaben? Bei Tom sitzen zwei Jumben, ich reichte
ihnen zum Gruße die Hand und war sehr erstaunt, als sie diese küßten.
Die waldigen Berge, die Palmen, der üppige Blumenflor, das alles gibt
ein wunderschönes Landschaftsbild, zu welchem die hochragenden Felsen
in ihrer starren Größe mit ihren dunkeln Klüften den malerischen
Gegensatz bilden. Seit Kisaki gibt es viele Vögel, auch Affen trafen
wir an. Von den Vögeln ist uns der Milan und der Marabu stets
willkommen: ersterer zeigt die Nähe von bewohnten Plätzen an, letzterer
findet sich stets in der Nähe von Wasser; auch der Honigvogel ist
ein angenehmer Reisegefährte, er führt stets an Stellen im Walde, wo
man Honig findet. Schnapsel hat sich schon sehr afrikanisiert, seine
Mittagsruhe hält er mit Vorliebe in der Sonne.
+Am Fluß Ruipa+, 1. Juli 1896.
Wieder zwei Marschtage durch Sumpf und hohes Gras. Erst brach das
Maultier mitten im Wasser unter mir zusammen, dann blieb mein Esel im
Schlamme stecken; beidemal mußte ich absteigen und mich weiterschleppen
lassen, und zu guter Letzt rutschte mein Maultier das steile Flußufer
mit mir hinab, so daß ich abgeworfen wurde. Der Ruipa ist an 3 Meter
tief; also Übersetzen mittels Kanoes: eine sehr langwierige Geschichte
bei der Menschenmenge und den vielen Lasten. Unsere Schwarzen sind
übrigens sehr eifrig um mich bemüht; wenn Maultier und Esel versagen,
werde ich wie ein Paket mit der Aufschrift „Vorsicht! Nicht stürzen!
Zerbrechlich!“ weitergereicht, nur mit dem „Vor Nässe zu bewahren!“
sieht es meistens fraglich aus; es muß doch ein köstlicher Anblick
sein, wenn vier Soldaten mich durch den Strom tragen, ausgleitend
und stolpernd, so daß ich nie weiß, nach welcher Seite ich demnächst
fliegen werde, oder aber wenn ich mitsamt meinen schwarzen Trägern im
Schlamme liege. Das „Kelele“ (Geschrei) dann bei der gesamten Korona!
-- Heute den 34. Tag unterwegs!
+Gima+, 2. Juli 1896.
Der Tag fing mit einem Überfall durch Ameisen an, deren ich erst Herr
werden mußte, ehe wir um 6¼ Uhr abmarschieren konnten. Der Marsch
bot einige Abwechselung gegen die letzten Tage: ich fiel diesmal
nicht mit meinem Reittiere, sondern es fiel mir der Tragebaum meiner
Kitanda (Tragsessel) auf den Kopf -- natürlich tolle Kopfschmerzen.
Unerträgliche Hitze, nirgends Schatten, mein Siegellack ist wie weiches
Wachs auseinandergegangen. Vergeblicher Versuch, in den Dörfern etwas
zu kaufen; die Bewohner sind sämtlich weggelaufen, ein sicheres
Zeichen, daß sie Anhänger von Quawa sind. Unsere Boys singen „Ich bin
ein Preuße“ in den stillen Abend hinaus; es klingt so kindlich und
heimatlich zugleich von den munteren schwarzen Burschen.
+Ndemusdorf+, 3. Juli 1896.
Auch heute alle Dörfer verödet -- ein böses Zeichen! Quawa hat die
Leute gegen uns aufgewiegelt. Zwar wohnen hier noch keine Wahehe,
aber er hat in den Dörfern hier überall von seinen Wahehe einige
sozusagen als „Stationschefs“ verteilt, die die Einwohner beherrschen.
Um es jedoch nicht ganz mit uns zu verderben, haben diese vor ihrer
Flucht das Gras niedergetreten und Bäume gefällt, uns also den Weg
möglichst gangbar gemacht, und in den Dörfern, in denen wir unser
Lager aufschlagen, erscheinen auch die Jumben. Sie dienen also zwei
Herren. Daß die Leute bei unserem Nahen weglaufen, hat wohl auch
seinen Grund in den schlimmen Erfahrungen, die sie früher stets mit
den Handelskarawanen machen mußten; ihre Hütten wurden einfach als
Quartiere benutzt, ohne daß sie dafür eine Entschädigung erhielten. Tom
hat nun angeordnet, daß die Karawanen für jede Hütte, die sie benutzen
und vor dem Abmarsche wieder reinigen, 5 Pesa zu bezahlen haben,
überlassen sie die Reinigung dem Besitzer, so sind dafür weitere 5 Pesa
zu entrichten. Die Hütten sind hier fast alle rechteckig und ganz aus
Gras hergestellt, dabei aber ziemlich wetterfest. Der hiesige Jumbe hat
sogar eine Veranda an seiner Wohnung; zwar keine Fenster, dafür aber
zwei, allerdings sehr kleine Türen, so daß man sich tief bücken muß, um
einzutreten.
Heute sah ich die erste Wildgrube, direkt am Wege, so daß ich sehr um
unsere Schafe bangte. An einen steilen Hügel am Wege knüpft sich ein
Negermärchen, das erste, von dem ich hörte: Hoch oben auf dem Gipfel
weidete, so berichtet die Sage, eine Herde von schneeweißen Ziegen und
im Innern des Berges sehe man ein großes Haus von Steinquadern, in
welchem der Teufel wohne. Den Zusammenhang zwischen dem Schloßherrn und
der Ziegenherde konnte ich leider nicht feststellen.