[89] In großen Städten lebt der Fremde die ersten Tage nach seiner

Ankunft bloß von seinem Gelde im Gasthofe, erst darauf in den

Häusern seiner Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde an,

wie z. B. ich, so wird man gerade die ersten Jahre hindurch höflich

freigehalten, in den andern und längern aber -- denn man bleibt oft

sechzig Jahre -- muß man wahrhaftig (ich habe die Dokumente in

Händen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, als wäre man im großen

Gasthofe zur Erde, was noch dazu wahr ist.

ich setze mich nämlich auf einen Sessel mitten in der Stube (oft bleib'

ich bei bedenklichem Gewölk ganze Nächte auf ihm), und decke mich durch

mein Reinigen von allen Leitern, Ringen, Schnallen und so weiter und

durch mein Absitzen von allen Blitzabsprüngen immer so, daß ich

kaltblütig die Sphärenmusik der Donnerpauke vernehme. -- Diese Vorsicht

hat mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; und ich wünsche mir

noch heute Glück, daß ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich tags

vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres und ohne vorher das Abendmahl zu

nehmen, ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein schweres Gewitter (was

wirklich in die Kirchhofslinde einschlug) darüber stand; -- ich kam auch

sogleich nach der Entladung der Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche

zurück und war so glücklich, noch hinter dem

[112] Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich so wie seinen Hut

-- wenn er sich und diesen nicht gerade gebraucht -- beide, um sie

zu schonen, so lange auf den =Kopf=, bis er wieder getragen wird.

[Illustration: und floh dann mit vollen Segeln auf geradewohl und

geradeaus den Kürzesten Weg hindurch ...]

Henker (als dem letzten) zu kommen und das Liebesmahl zu genießen.

So denk' ich für meine Person; aber leider, im vollen Postwagen traf ich

Menschen, denen Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter sich

fürchterlich über unsern Kutschenhimmel versammelten und prasselnde

Feuerklumpen, als wären's Johanniswürmchen, im Himmel umherspielten; und

als ich endlich ersuchen mußte, das schwitzende Postkonklave möchte nur

wenigstens Uhren, Ringe, Gelder und dergleichen zusammenwerfen, etwa in

die Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter am Leibe hätte: so

tat's nicht nur keiner, sondern mein eigener Schwager, der Dragoner,

stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf den Bock hinaus und schwur, er

leite ab. Ich weiß nicht, war der desperate Mensch ein gescheiter oder

keiner; kurz, unsere Lage

[10] Die Weltepochen feiern -- wie die spanischen Könige --

Regierungsantritt, Volljährigkeit, Vermählung -- gern mit

Scheiterhaufen (Autodafés, Tressenausbrennungen der Weisen oder auch

der Irrgläubigen).

war fürchterlich, und jeder konnte ein gelieferter Mann sein. Zuletzt

bekam ich gar einen halben Zank mit zweien von der rohen Menschenfracht

der Kutsche, dem Vergifter und der Hure, weil sie fragend fast

zu verstehen gaben, ich hätte vielleicht bei dem angepriesenen

Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten Anschläge gehabt. So etwas

verwundet die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte es nun stärker als

oben; dennoch mußt' ich den ganzen nötigen Erbitterungswortwechsel so

leise und langsam als möglich führen und haderte sanft, damit nicht am

Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche in Hitze und Schweiß

geriete, und in unsere Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdünstungen

durch den Kutschenhimmel herabfahren

[144] Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich nicht zum

Schreiben, sondern er weckt mit deren Brandgeruch Ohnmächtige auf,

kitzelt mit ihr den Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und

stochert mit ihr seine Zähne aus. Er ist der einzige im ganzen

gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben und ausschöpfen kann,

er mag ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse

sitzen. Denn

ließe. Zuletzt setzt' ich der Gesellschaft das ganze elektrische Kapitel

deutlich, aber leise und langsam -- ich wollte nicht ausdampfen --

auseinander und suchte besonders von der Furcht abzuschrecken. Denn, in

der Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag -- ja ein doppelter, mit dem

elektrischen ein apoplektischer -- treffen, da aus Erxleben und Reimarus

genug bewiesen ist, daß starkes Fürchten durch Dünsten den Strahl

zulockt; ich stellte daher in ordentlicher Angst vor meiner und fremder

Furcht den Passagieren vor, daß sie jetzt durchaus bei unserer schwülen

Menge, bei dem die Blitze spießenden Degen auf dem Kutschbock, und bei

dem Überhang der Wetterwolke, und selber bei so vielen Ausdünstungen

anfangender Furcht, kurz, bei

indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter das neue Buch nur

aus neuem Stoff und Zuwachs schaffen, legt der Rezensent bloß sein

altes Maß von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke an,

und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, stets

verschieden geschliffenen Gläserwelt, die er beleuchtet, in neue

Farben.

so augenscheinlicher Gefahr nichts fürchten dürften, wollten sie nicht

samt und sonders erschlagen sein. »O, Gott,« rief ich, »nur Mut! Keine

Furcht! Nicht einmal Furcht vor der Furcht! -- Wollen wir denn als

zusammengetriebene Hasen hier seßhaft, von unserem Herrgott erschossen

sein? -- Fürchte sich meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche heraus

ist, nach Belieben an anderen Orten, wo weniger zu besorgen ist, nur

aber nicht hier.«

Ich kann nicht entscheiden -- da unter Millionen kaum ein Mensch an der

Gewitterwolke stirbt, aber vielleicht Millionen an Schnee- und Regenwolken

und dünnen Nebeln -- ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise

Anspruch zu machen hatte, als wir sämtlich unbeschädigt, einem Regenbogen

entgegen, in das Städtchen Vierstädten einfuhren, wo ein Posthalter in

der einzigen Gasse wohnte, die der Ort hatte.

[107] Deutschland ist ein langes, erhabenes Gebirge -- unter dem

Meer.

[Illustration: Aus der hohen Posthauspforte trat / tief sich bückend /

der Riese heraus]

Zweite Station, von Vierstädten nach Niederschöna.

Der Posthalter war ein grober Patron und ein Schläger; eine Gattung von

Menschen, die ich unaussprechlich hasse, weil meine Phantasie mir immer

vorspiegelt, ich könnte vielleicht aus Zufall oder Widerwillen ihnen ein

recht höhnisches und impertinentes Gesicht schneiden, und mir solche

Gesellen auf den Hals hetzen, und darauf spür' ich schon Ziehen von

Mienen. Zum Glück konnt' ich diesmal (gesetzt, ich hätte ein Fehlgesicht

geschnitten) mich mit meinem Schwager, dem Dragoner, bewaffnen, für

dessen Riesenmacht dergleichen ein Leckerbissen ist. Denn er kann zum

Beispiel vor keinem Wirtshause, worin eine Schlägerei laut wird,

vorbeigehen, ohne hineinzutreten und sogleich unter der Türe zu

schreien: »Macht Friede, ihr Hunde!« darauf unter

[18] Unter Selbststillen versteht man nicht, wie beim

tatzensaugenden Bären, daß man sich selber an die eigene Brust lege,

sondern daß man andere nicht durch andere säugen lasse: so aber

sollte auch das Wort Selbstliebe im Gebrauche sein.

seinem Schein von Friedensdeputation nimmt er ohne Verzug, als wär' es

eine amerikanische Friedenspfeife, das nächste Stuhlbein in die Hand und

deckt damit das schlagende Personal hinüber und herüber zu, oder er

nähert die harten Köpfe der Parteien (er schlägt sich zu keiner)

einander mit Gewalt, indem er in jede Hand einen am Hinterkopfe faßt;

dann ist der Kauz im Himmel.

Ich für meine Person vermeide diskrepante Zirkel mehr, als daß ich sie

aufsuche, sowie auch jeden toten oder totgemachten Menschen; -- der

vorsichtige Mann sieht leicht voraus, was davon zu holen ist, entweder

verdrießliches und mißliches Zeugschaftgeben, oder oft gar (wenn die

Umstände sich verschwören) peinliches Nachfragen über Mitschuld.

[97] Daher schließ' ich, daß Schmelzle gut predigt, schon aus seinen

vielen Kenntnissen und Wortspielen. Die theologische Welt auf

Kathedern, noch mehr die auf Kanzeln, verdient das Lob, daß sie

gleichsam der Lichtsammler oder Lichtfang oder Lichtmagnet der

besten Strahlen und Entdeckungen ist, die aus andern Wissenschaften

ausgehen, besonders derer aus der Philosophie und Dichtkunst:

In Vierstädten stieß mir nichts von Wichtigkeit auf als -- zu meinem

Grausen -- ein Hund ohne Schwanz, der durch die Stadt oder Gasse lief.

Ich zeigte erbittert im ersten Feuer den Passagieren den Hund und legte

ihnen die Frage vor, ob sie denn eine medizinische Polizei für trefflich

bestellt ansähen, welche, wie die Vierstädter es zuließe, daß Hunde

öffentlich herumsprängen, denen der Schwanz fehlte. »An was«, sagt' ich,

»halt' ich mich denn, wenn dieser weggeschnitten, und mir jede solche

Bestie entgegenrennen, und ich weder aus dem eingezogenen noch

aufgerichteten Schwanze, da der ganze weggehackt ist, einen Schluß

ziehen kann, ob das Vieh toll ist oder nicht. So wird der gescheiteste

sie selber entdeckt eigentlich nichts als eben die passiven

Diebsinseln, wo sie ihre Gewürze abholt. So findet man in Predigten,

z. B. in Marezolls Kanzelstücken einen reichen Fund fremder

Erfindungen; und überhaupt gibt's wenige Entdeckungen in der

Philosophie und Moral, welche ein Jahrfünft oder Jahrzehnt später,

nachdem sie ihren Schöpfer berühmt gemacht, nicht den Nachschöpfer

in der theologischen Welt -- diese Erbin ihrer

Mann wütig und gebissen und scheitert bloß aus Mangel eines

Schweifkompasses.« Der nachkommende blinde Passagier (er ließ sich

jetzt als sehender einschreiben, Gott weiß zu welchen Endzwecken) spann

vor mir meinen eigenen Satz, dem er zugehört, fast bis ins Komische aus,

und erregte zuletzt in mir den Verdacht, er mache durch eine, aber sehr

starke Schmeichelnachahmung meines Sprechstils Jagd auf mich. »Der

Hundeschwanz«, sagt' er, »ist wohl für uns Alarmstange und Irrenanstalt,

damit man in keine komme, gleichsam die äußeren Vorposten der Wut -- man

schneide den Kometen den Schwanz, den Bassen den Roßschweif, den Krebsen

den ihrigen (denn ausgestreckter bedeutet krepierte) ab: so ist man

Magd, der Philosophie -- noch zehnmal größer und reicher gemacht

hätten, sobald er nur Kanzelwasser genug zum Einflößen der fremden

Bissen (_boli_) aufgegossen hatte. Aber hier möcht' ich gern auf

einen Unterschied der meisten lutherischen Prediger von den Mönchen

zeigen, der nicht ganz zum Nachteil der ersteren ausschlägt. Der

Mönch darf (_C. Q. X. de stat. monach._) nichts Eigenes haben, bei

Strafe unehrlichen Begräbnisses, und jedes

in den gefährlichen Angelegenheiten des Lebens ohne Leitseil, ohne

Avertisseur, ohne Hand in _margine_ -- und man kommt um, ohne vorher zu

wissen wie.«

Übrigens lief diese Station ohne Zank und Not vorüber. Alles schlief

gegen zehn Uhr ein, sogar der Postillion, außer ich. Ich stellte mich

zwar schlafend, um zu beobachten, wer sich etwa aus guten Gründen nur

schlafend stelle; aber alles schnarchte fort, der Mond warf seine

verklärenden Strahlen nur auf herabgesunkene Augenlider.

Herrlich konnt' ich jetzt Lavaters Rat befolgen, an Schlafende

vorzüglich die physiognomische Elle anzusetzen, weil der Schlaf wie der

Tod die echte Form gröber ausprägt.

Eigentum wird ihm als Kirchenraub angerechnet. Mich dünkt aber, der

lutherische Kanzelredner demütigt und entäußert sich weit mehr, wenn

er auch, im höheren Geistigen, wo er noch schön und frei zu wählen

hat -- da über das Eigentum des körperlichen ohnehin in seinem Namen

das Kammerkollegium das Armutsgelübde ablegt -- kurz, wenn er, was

Gedanken anlangt, gar nichts Eigenes hat und haben will.

Andere Schläfer außerhalb der Postkutsche würd' ich mit gedachter Elle

weniger auszumessen raten, immer in einiger Besorgnis bleibend, daß etwa

ein Kerl, der sich nur schlafend stellte, sogleich, als ich nahe genug

stände, wie im Traume aufspränge, und dem physiognomischen Meßkünstler

in die eigene Gesichtsbildung einen so hinterlistigen Fauststreich

versetzte, daß sie in keinem physiognomischen Fragmente, weil sie selber

eines geworden, mehr florieren könnte, weder in punktierter Manier, noch

in geschabter. Und kann denn nicht der ehrlichste Schläfer von der Welt,

eben während ihr über dessen physiognomische Leichenöffnung her seid,

losschlagen, von der Ehre in einem Prügeltraume angehetzt, und euch

vielleicht mit wenigen Handgriffen und Fußtritten in einen viel ewigeren

Schlaf einwiegen, als der gewesen, woraus er aufgefahren?

In meinem sogenannten silhouettierenden

[71] Der Jüngling ist aus Willkür sonderbar und freuet sich; der

Mann ist's unabsichtlich und gezwungen und ärgert sich.

Schattenspiele kommt der Gesichterinhalt der schlafenden Postkutsche

selber vor; erst darin werde ich euch breit belegen, warum mir der

Giftträger mit der Mordkuppel teuflisch erschienen -- der Zwerg

altkindisch -- die Hure matt- und schlafffrech -- mein Schwager

ruhiggesättigt von Rache oder von Essen -- der Legationsrat Jean Pierre

aber, Gott weiß warum, als ein halber Engel, wiewohl er sich denken

läßt, der halbe Engel, da nur der schöne Körper, nicht die andere im

Schlaf vergangene Hälfte, die Seele, vor mir wirkte.

Beinahe vergäß' ich's, daß ich doch in meinem Dörfchen, während beide

Schwäger, der Dragoner und der Postillion, tranken, eine kleine Furcht

glücklich bestanden, weil das Schicksal zweimal auf meiner Seite

gewesen. Ich sah unweit eines Jagdschlosses neben einem schönen

Baumklumpen eine weiße Tafel mit schwarzer Inschrift schimmern. Dies

ließ mich hoffen, daß mich dort ein kleines Sargkunstwerk, ein

Ehrenpfahl, irgendein

[198] Der Pöchel und das Vieh schwindeln auf keinem Abgrundsabhang,

aber wohl der Mensch.

Treff-, Zier- und Spießdank für einen Toten erwarte. Auf einem

unbetretenen blumigen Gewinde lang' ich vor dem Schwarz auf Weiß an

und lese im Mondschein mit Entsetzen: »Jedermann wird hier vor dem

Selbstschuß gewarnt!« So stand ich also vielleicht einen Fußzehennagel

breit von dem Büchsenhahn, womit ich, wenn ich die Ferse rückte, mich

selber als einen verblüfften Stocknarren und Ladstock in die andere

Welt, unter die Seligen hineinschoß. Ich suchte vor allen Dingen mich

mit den Fußnägeln in den Boden wie einzubeißen und einzufressen -- weil

ich wenigstens so lange am holden Leben bleiben konnte, als ich mich

fest pflöckte neben der daliegenden Atroposschere und Henkersbühne; --

darauf wünscht' ich mich zu entsinnen, auf welchen Steigen der Teufel

mich unerschossen herbeigeführt. Aber vor Angst hatt' ich alles

ausgeschwitzt und wußte gar nichts, -- im nahen Höllendorf war kein

[11] Das goldene Kalb der Selbstsucht wächst bald zum glühenden

Phalarisochsen, der seinen Vater und Anbeter einäschert.

Hund zu ersehen und zu erschreien, der mich etwa aus dem Wasser hätte

holen können, und die beiden Schwäger soffen selig. Indes, ich faßte Mut

und Entschluß -- schrieb auf einem Pergamentblatte meinen letzten Willen

sowie meine zufällige Sterbart nieder, und meinen Todesdank ans

Bergelchen -- und flog dann mit vollen Segeln auf Geratewohl und

geradeaus den kürzesten Weg hindurch, unter der Voraussetzung, mich bei

jedem Schritte niederzuschießen und mir so mit eigener Hand auf mein

noch langes Lebenslicht den _Bonsoir_ oder Lichttöter zu setzen. Aber

ohne Schuß kam ich an. In der Schenke lachte freilich mehr als ein Narr

über mich, weil, was nur ein Narr wissen konnte, die Warnungstafel schon

seit zehn Jahren ohne Schüsse dageblieben, wie oft diese ohne jene.

[103] Das männliche Schmarotzergewächs an den weiblichen Rosen und

Lilien muß (wenn ich dessen Schmeicheln recht fasse) wahrscheinlich

bei den Schönen die Sitte der Italiener und Spanier voraussetzen,

welche jede Kostbarkeit dem zum Geschenk anbieten, der solche sehr

lobt.

So aber steht's, ihr Freunde, mit unserer Jagdpolizei, die gegen alles

warnt, nur nicht gegen Warnungstafeln.

Übrigens hatt' ich auf der ganzen Station leichte Händel mit dem

Postillion, weil er nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde halten

wollte, wenn ich ausstieg, um zu ...... Leider sind freilich von

Postknechten keine Urinpropheten zu erwarten, da so selten Gelehrte aus

Hallers großer Physiologie es wissen, daß Aufschieben der gedachten

Sache teuflisches Steingut niederschlägt und zuletzt den Inhaber selber,

weil diese Steingrube seltener der Blasenschneider als der Tod mit einem

Grabe schließt. Hätten Postknechte gelesen, daß Tycho de Brahe wie eine

Bombe am Zerspringen starb: sie hielten lieber an; sie fänden bei

solchen, mir so unerwarteten Kenntnissen es vernünftig, daß ein Mann

[199] Aber wenige gegenwärtige Staaten, glaub' ich, köpfen unter

dem Vorwande, zu trepanieren -- oder heften (in einer gesuchtern

Allegorie) die Lippen zusammen unter dem Vorwand, deren Hasenscharten

zuzunähen.

seinen Leichenstein zwar einmal auf sich, aber nicht in sich tragen

will. Bin ich denn nicht sogar in Weimar oft aus den längsten

Abschiedsauftritten Schillers mit Tränen in den Augen hinausgelaufen,

bloß um (während seine Minerva mich im ganzen erweichte) nicht von deren

Medusenkopf auf der Brust partiell versteinert zu werden? Und kam ich

nicht ins weinende Komödienhaus zurück und viel munterer in die

allgemeine Rührung ein, weil ich dann nichts mehr zu erleichtern

brauchte als mein Herz?

Sehr im Finstern kamen wir in Niederschöna an.

Dritte Station, von Niederschöna nach Flätz.

Als ich am Posthause, mit den Augen auf meinen Mantelsack geheftet, in

Gedanken dastehe: schmettert und schnaubt ein Vieh von Nachtwächter mir

so nahe und unversehens

[12] Die Einzelwesen haben Lehrjahre, die Staaten Lehrjahrhunderte;

-- aber sind beide freigesprochen, so sind doch wieder Lehrstunden

und Sonntagsschulen nachzuholen.

mit seiner Nachttuba ins Ohr, daß ich ordentlich zurückspringe, ich,

den schon jede heftig-schnelle Anrede verdrießt. Gibt's denn keine

medizinische Polizei gegen solche geblasene Stundenlärmfidibus und

-Lärmkanonen, durch welche doch keine knallenden entbehrlich werden?

Eigentlich sollte niemand mit dem Nachtwächterhorne investieret werden

als ein vernünftiger Mann, der sich schon einen Bruch geblasen oder

gehoben hätte und der imstande wäre, seinen Stundenvers so leise

abzusingen, daß man gar nichts hörte.

Was ich längst erwartet und der Zwerg vorausgesagt, traf jetzt ein: aus

der hohen Posthauspforte trat tief sich bückend der Riese heraus und hob

im Freien eine unvernünftig große Statur und dito Kopf mit der

ellenhohen

[67] Gastfreiheitswirt, willst du deinen Gast erforschen? Begleite

ihn zu einem andern Wirte und höre zu! -- Ebenso: willst du deine

Geliebte in einer Stunde besser kennen lernen als in einem Monat

Zusammenlebens? Sieh ihr eine Stunde lang unter Freundinnen und

Feindinnen (wenn dies kein Pleonasmus ist) zu!

Mütze und Feder empor; mein Schwager ihm zur Seite schien nur sein

vierzehnjähriger Sohn zu sein, und der Zwerg gar sein auf zwei Beinen

aufwartendes Schoßhündchen. »Lieber Freund,« sagte mein neckender

Schwager, der ihn an mich und die Postkutsche geleitete, »steig' Er

ruhig ein, wir machen Ihm sämtlich gern Platz. Kremp' Er sich nur recht

zusammen, und leg' Er den Kopf aufs Knie; so geht's.« Der unnütze Necker

hätte so gern den fast einfältigen Giganten -- dem er's bald abgemerkt,

daß dessen Gehirn kein schlauer Gast, sondern die negative Größe seines

Rumpfes war -- unter uns im bangen Postschrank und Notstall vor sich

gesehen zu einem Giespuckel eingeknüllt und krumm geschlossen. »Giht

doch nit! Giht gar nit!« sagte der Riese, als er hineinsah. »Der Herr

Soldat wissen vielleicht nicht,« versetzte der Zwerg, »wie groß ein

Riese ist; und Er denken, weil

[80] Im Sommer des Lebens graben und statten die Menschen Eisgruben

so gut als möglich aus, um sich doch für ihren Winter etwas

aufzuheben, was fortkühlt.

ich hineingehe. -- Aber das ist ein anderes Loch. -- Ich will überall

hineinpassen, man sage mir nur wo.« --

Kurz, es war kein Ausweg für den Postmeister und den Riesen, als daß

sich dieser hinten auf das Passagierwarenlager stellte und setzte, sich

als eine Tränenweide herüberbeugend über den ganzen Kutschkasten. Mich

selber konnte ein solcher Rückenwind und Rückhalt nicht außerordentlich

ergötzen; und ich traue (hoff' ich) jedem von euch, ihr Freunde, zu, daß

er hinter einem Rückendekret so gut und so hell wie ich überschlagen

hätte, was ein Kerl und Riese hinter ihm, ein Nachfahrer in allerlei

Sinne, etwa Mordendes, probieren könne, es sei nun, daß er durch das

Rückenfenster des Wagens einbräche und angreife oder sich überhaupt mit

Titanenmacht oben über den Kutschenhimmel hermache. Indessen fing der

oben mit gekreuzten

[28] Es ist mir unmöglich, sogleich auf der Stelle unter dem

Wasserästen-Wald von Anspielungen in meinen Werken -- sogar diese

ist wieder ein Ast -- herauszubringen und darauf zu fallen, ob ich

je

Armen auf dem Kasten liegende Elefant -- der aber von seinem Gleichnis

mehr die drückende Masse als das fliegende Geisteslicht zu haben schien

-- bald zu schlafen und zu schnarchen an; ein Elefant, wovon (wie ich

immer froher einsah) mein Schwager, der Dragoner, leicht der Kornak und

Bändiger sein konnte, ja schon gewesen war.

Da jetzt mehr als eine Person schlafen wollte, aber (mit Recht) ich

hingegen wachen: so bot ich gern meinen Fahrehrensitz, den Vordersitz

(auch um manchen Neid der Passagiere zu tilgen), solchen Personen an,

die auf ihm ein wenig schlummern wollten. Der Legationsmann ergriff das

Anerbieten und den Lehnpolster mit Hast und entschlief an der Rücklehne

des Titans hinter ihm. Etwas unbegreiflich blieb mir dergleichen

Postschlaf von einem diplomatischen _Chargé d'affaires_. Ein Mann, der

so mitten unter einer blutfremden,

die sämtlichen Höfe oder Höhen die (Bouguersche) Schneelinie Europas

genannt habe oder nicht, ich wünschte aber Belehrung darüber, um es

im widrigen Falle etwa noch zu tun.

oft blutdürstigen Genossenschaft entschläft, kann ja, wenn er im

Schlummer und Wagen spricht (denkt nur alle an den sächsischen Minister

vor dem Siebenjährigen Kriege!) hundert Geheimnisse, tausend Schandtaten

herausstoßen, die er kaum verübt hat. Sollte nicht jedem Minister,

Gesandten oder anderen Mann von Ehre oder Stand ordentlich grausen vor

Tollwerden oder hitzigen Fiebern, da ihm kein Mensch dafür steht, daß er

nicht darin mit den größten Skandalen herausfährt, wovon vielleicht die

Hälfte Lügen sind?

Endlich, nach der langen Juliusnacht, kamen wir Passagiere samt der

Aurora vor Flätz an. Ich sah scharf und weich nach den Turmspitzen; ich

glaube, daß jeder Mensch, der in einer Stadt etwas Entscheidendes zu

suchen

[36] Und so wünscht' ich überall der erste zu sein, besonders im

Betteln; der erste Kriegsgefangene, der erste Krüppel, der erste

Abgebrannte (ähnlich dem, der die erste Feuerspritze anführt)

erbeutet die Hauptsumme und das Herz; der Nachkömmling spricht die

Pflicht nur an; und endlich geht es mit dem melodischen Mancando des

Mitleids soweit

hat, und dem sie entweder ein Richtplatz seiner Hoffnungen oder deren

Ankerplatz, entweder Schlacht- oder Zuckerfeld wird, sein Auge am ersten

und längsten auf die Türme der Stadt als auf die Zeigefinger und

Züngelchen seiner Zukunftswage heftet; gleichsam architektonische Berge,

welche wie die natürlichen die Thronen unserer Zukunft sind. Als ich

mich damit zu dichterisch gegen Jean Pierre herausließ, so antwortete er

geschmacklos genug: »Die Türme solcher Städte sind ja die Alpenspitzen,

worauf wir den Alpenkäse unserer Zukunft suchen und melken.« Mochte der

Legations-Peter mit diesem Stile mich lächerlich machen oder nur sich?

-- Entscheidet!

»Hier ist der Ort, die Stadt,« sagt' ich heimlich zu mir, »wo heute viel

und über

herunter, daß der letzte -- wenn der vorletzte wenigstens noch

mit einem reichen »Gotthelf« beschwert abzieht -- nichts von der

mildtätigen Hand mehr erhält als deren Faust. Wie nun im Betteln der

erste, so möcht' ich im Geben der letzte sein; einer löscht den

andern aus, besonders der letzte den ersten; so aber ist die Welt

bestellt.

Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten · 第 2 / 5 段