Ankunft bloß von seinem Gelde im Gasthofe, erst darauf in den
Häusern seiner Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde an,
wie z. B. ich, so wird man gerade die ersten Jahre hindurch höflich
freigehalten, in den andern und längern aber -- denn man bleibt oft
sechzig Jahre -- muß man wahrhaftig (ich habe die Dokumente in
Händen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, als wäre man im großen
Gasthofe zur Erde, was noch dazu wahr ist.
ich setze mich nämlich auf einen Sessel mitten in der Stube (oft bleib'
ich bei bedenklichem Gewölk ganze Nächte auf ihm), und decke mich durch
mein Reinigen von allen Leitern, Ringen, Schnallen und so weiter und
durch mein Absitzen von allen Blitzabsprüngen immer so, daß ich
kaltblütig die Sphärenmusik der Donnerpauke vernehme. -- Diese Vorsicht
hat mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; und ich wünsche mir
noch heute Glück, daß ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich tags
vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres und ohne vorher das Abendmahl zu
nehmen, ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein schweres Gewitter (was
wirklich in die Kirchhofslinde einschlug) darüber stand; -- ich kam auch
sogleich nach der Entladung der Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche
zurück und war so glücklich, noch hinter dem
[112] Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich so wie seinen Hut
-- wenn er sich und diesen nicht gerade gebraucht -- beide, um sie
zu schonen, so lange auf den =Kopf=, bis er wieder getragen wird.
[Illustration: und floh dann mit vollen Segeln auf geradewohl und
geradeaus den Kürzesten Weg hindurch ...]
Henker (als dem letzten) zu kommen und das Liebesmahl zu genießen.
So denk' ich für meine Person; aber leider, im vollen Postwagen traf ich
Menschen, denen Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter sich
fürchterlich über unsern Kutschenhimmel versammelten und prasselnde
Feuerklumpen, als wären's Johanniswürmchen, im Himmel umherspielten; und
als ich endlich ersuchen mußte, das schwitzende Postkonklave möchte nur
wenigstens Uhren, Ringe, Gelder und dergleichen zusammenwerfen, etwa in
die Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter am Leibe hätte: so
tat's nicht nur keiner, sondern mein eigener Schwager, der Dragoner,
stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf den Bock hinaus und schwur, er
leite ab. Ich weiß nicht, war der desperate Mensch ein gescheiter oder
keiner; kurz, unsere Lage
[10] Die Weltepochen feiern -- wie die spanischen Könige --
Regierungsantritt, Volljährigkeit, Vermählung -- gern mit
Scheiterhaufen (Autodafés, Tressenausbrennungen der Weisen oder auch
der Irrgläubigen).
war fürchterlich, und jeder konnte ein gelieferter Mann sein. Zuletzt
bekam ich gar einen halben Zank mit zweien von der rohen Menschenfracht
der Kutsche, dem Vergifter und der Hure, weil sie fragend fast
zu verstehen gaben, ich hätte vielleicht bei dem angepriesenen
Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten Anschläge gehabt. So etwas
verwundet die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte es nun stärker als
oben; dennoch mußt' ich den ganzen nötigen Erbitterungswortwechsel so
leise und langsam als möglich führen und haderte sanft, damit nicht am
Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche in Hitze und Schweiß
geriete, und in unsere Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdünstungen
durch den Kutschenhimmel herabfahren
[144] Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich nicht zum
Schreiben, sondern er weckt mit deren Brandgeruch Ohnmächtige auf,
kitzelt mit ihr den Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und
stochert mit ihr seine Zähne aus. Er ist der einzige im ganzen
gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben und ausschöpfen kann,
er mag ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse
sitzen. Denn
ließe. Zuletzt setzt' ich der Gesellschaft das ganze elektrische Kapitel
deutlich, aber leise und langsam -- ich wollte nicht ausdampfen --
auseinander und suchte besonders von der Furcht abzuschrecken. Denn, in
der Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag -- ja ein doppelter, mit dem
elektrischen ein apoplektischer -- treffen, da aus Erxleben und Reimarus
genug bewiesen ist, daß starkes Fürchten durch Dünsten den Strahl
zulockt; ich stellte daher in ordentlicher Angst vor meiner und fremder
Furcht den Passagieren vor, daß sie jetzt durchaus bei unserer schwülen
Menge, bei dem die Blitze spießenden Degen auf dem Kutschbock, und bei
dem Überhang der Wetterwolke, und selber bei so vielen Ausdünstungen
anfangender Furcht, kurz, bei
indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter das neue Buch nur
aus neuem Stoff und Zuwachs schaffen, legt der Rezensent bloß sein
altes Maß von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke an,
und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, stets
verschieden geschliffenen Gläserwelt, die er beleuchtet, in neue
Farben.
so augenscheinlicher Gefahr nichts fürchten dürften, wollten sie nicht
samt und sonders erschlagen sein. »O, Gott,« rief ich, »nur Mut! Keine
Furcht! Nicht einmal Furcht vor der Furcht! -- Wollen wir denn als
zusammengetriebene Hasen hier seßhaft, von unserem Herrgott erschossen
sein? -- Fürchte sich meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche heraus
ist, nach Belieben an anderen Orten, wo weniger zu besorgen ist, nur
aber nicht hier.«
Ich kann nicht entscheiden -- da unter Millionen kaum ein Mensch an der
Gewitterwolke stirbt, aber vielleicht Millionen an Schnee- und Regenwolken
und dünnen Nebeln -- ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise
Anspruch zu machen hatte, als wir sämtlich unbeschädigt, einem Regenbogen
entgegen, in das Städtchen Vierstädten einfuhren, wo ein Posthalter in
der einzigen Gasse wohnte, die der Ort hatte.
[107] Deutschland ist ein langes, erhabenes Gebirge -- unter dem
Meer.
[Illustration: Aus der hohen Posthauspforte trat / tief sich bückend /
der Riese heraus]
Zweite Station, von Vierstädten nach Niederschöna.
Der Posthalter war ein grober Patron und ein Schläger; eine Gattung von
Menschen, die ich unaussprechlich hasse, weil meine Phantasie mir immer
vorspiegelt, ich könnte vielleicht aus Zufall oder Widerwillen ihnen ein
recht höhnisches und impertinentes Gesicht schneiden, und mir solche
Gesellen auf den Hals hetzen, und darauf spür' ich schon Ziehen von
Mienen. Zum Glück konnt' ich diesmal (gesetzt, ich hätte ein Fehlgesicht
geschnitten) mich mit meinem Schwager, dem Dragoner, bewaffnen, für
dessen Riesenmacht dergleichen ein Leckerbissen ist. Denn er kann zum
Beispiel vor keinem Wirtshause, worin eine Schlägerei laut wird,
vorbeigehen, ohne hineinzutreten und sogleich unter der Türe zu
schreien: »Macht Friede, ihr Hunde!« darauf unter
[18] Unter Selbststillen versteht man nicht, wie beim
tatzensaugenden Bären, daß man sich selber an die eigene Brust lege,
sondern daß man andere nicht durch andere säugen lasse: so aber
sollte auch das Wort Selbstliebe im Gebrauche sein.
seinem Schein von Friedensdeputation nimmt er ohne Verzug, als wär' es
eine amerikanische Friedenspfeife, das nächste Stuhlbein in die Hand und
deckt damit das schlagende Personal hinüber und herüber zu, oder er
nähert die harten Köpfe der Parteien (er schlägt sich zu keiner)
einander mit Gewalt, indem er in jede Hand einen am Hinterkopfe faßt;
dann ist der Kauz im Himmel.
Ich für meine Person vermeide diskrepante Zirkel mehr, als daß ich sie
aufsuche, sowie auch jeden toten oder totgemachten Menschen; -- der
vorsichtige Mann sieht leicht voraus, was davon zu holen ist, entweder
verdrießliches und mißliches Zeugschaftgeben, oder oft gar (wenn die
Umstände sich verschwören) peinliches Nachfragen über Mitschuld.
[97] Daher schließ' ich, daß Schmelzle gut predigt, schon aus seinen
vielen Kenntnissen und Wortspielen. Die theologische Welt auf
Kathedern, noch mehr die auf Kanzeln, verdient das Lob, daß sie
gleichsam der Lichtsammler oder Lichtfang oder Lichtmagnet der
besten Strahlen und Entdeckungen ist, die aus andern Wissenschaften
ausgehen, besonders derer aus der Philosophie und Dichtkunst:
In Vierstädten stieß mir nichts von Wichtigkeit auf als -- zu meinem
Grausen -- ein Hund ohne Schwanz, der durch die Stadt oder Gasse lief.
Ich zeigte erbittert im ersten Feuer den Passagieren den Hund und legte
ihnen die Frage vor, ob sie denn eine medizinische Polizei für trefflich
bestellt ansähen, welche, wie die Vierstädter es zuließe, daß Hunde
öffentlich herumsprängen, denen der Schwanz fehlte. »An was«, sagt' ich,
»halt' ich mich denn, wenn dieser weggeschnitten, und mir jede solche
Bestie entgegenrennen, und ich weder aus dem eingezogenen noch
aufgerichteten Schwanze, da der ganze weggehackt ist, einen Schluß
ziehen kann, ob das Vieh toll ist oder nicht. So wird der gescheiteste
sie selber entdeckt eigentlich nichts als eben die passiven
Diebsinseln, wo sie ihre Gewürze abholt. So findet man in Predigten,
z. B. in Marezolls Kanzelstücken einen reichen Fund fremder
Erfindungen; und überhaupt gibt's wenige Entdeckungen in der
Philosophie und Moral, welche ein Jahrfünft oder Jahrzehnt später,
nachdem sie ihren Schöpfer berühmt gemacht, nicht den Nachschöpfer
in der theologischen Welt -- diese Erbin ihrer
Mann wütig und gebissen und scheitert bloß aus Mangel eines
Schweifkompasses.« Der nachkommende blinde Passagier (er ließ sich
jetzt als sehender einschreiben, Gott weiß zu welchen Endzwecken) spann
vor mir meinen eigenen Satz, dem er zugehört, fast bis ins Komische aus,
und erregte zuletzt in mir den Verdacht, er mache durch eine, aber sehr
starke Schmeichelnachahmung meines Sprechstils Jagd auf mich. »Der
Hundeschwanz«, sagt' er, »ist wohl für uns Alarmstange und Irrenanstalt,
damit man in keine komme, gleichsam die äußeren Vorposten der Wut -- man
schneide den Kometen den Schwanz, den Bassen den Roßschweif, den Krebsen
den ihrigen (denn ausgestreckter bedeutet krepierte) ab: so ist man
Magd, der Philosophie -- noch zehnmal größer und reicher gemacht
hätten, sobald er nur Kanzelwasser genug zum Einflößen der fremden
Bissen (_boli_) aufgegossen hatte. Aber hier möcht' ich gern auf
einen Unterschied der meisten lutherischen Prediger von den Mönchen
zeigen, der nicht ganz zum Nachteil der ersteren ausschlägt. Der
Mönch darf (_C. Q. X. de stat. monach._) nichts Eigenes haben, bei
Strafe unehrlichen Begräbnisses, und jedes
in den gefährlichen Angelegenheiten des Lebens ohne Leitseil, ohne
Avertisseur, ohne Hand in _margine_ -- und man kommt um, ohne vorher zu
wissen wie.«
Übrigens lief diese Station ohne Zank und Not vorüber. Alles schlief
gegen zehn Uhr ein, sogar der Postillion, außer ich. Ich stellte mich
zwar schlafend, um zu beobachten, wer sich etwa aus guten Gründen nur
schlafend stelle; aber alles schnarchte fort, der Mond warf seine
verklärenden Strahlen nur auf herabgesunkene Augenlider.
Herrlich konnt' ich jetzt Lavaters Rat befolgen, an Schlafende
vorzüglich die physiognomische Elle anzusetzen, weil der Schlaf wie der
Tod die echte Form gröber ausprägt.
Eigentum wird ihm als Kirchenraub angerechnet. Mich dünkt aber, der
lutherische Kanzelredner demütigt und entäußert sich weit mehr, wenn
er auch, im höheren Geistigen, wo er noch schön und frei zu wählen
hat -- da über das Eigentum des körperlichen ohnehin in seinem Namen
das Kammerkollegium das Armutsgelübde ablegt -- kurz, wenn er, was
Gedanken anlangt, gar nichts Eigenes hat und haben will.
Andere Schläfer außerhalb der Postkutsche würd' ich mit gedachter Elle
weniger auszumessen raten, immer in einiger Besorgnis bleibend, daß etwa
ein Kerl, der sich nur schlafend stellte, sogleich, als ich nahe genug
stände, wie im Traume aufspränge, und dem physiognomischen Meßkünstler
in die eigene Gesichtsbildung einen so hinterlistigen Fauststreich
versetzte, daß sie in keinem physiognomischen Fragmente, weil sie selber
eines geworden, mehr florieren könnte, weder in punktierter Manier, noch
in geschabter. Und kann denn nicht der ehrlichste Schläfer von der Welt,
eben während ihr über dessen physiognomische Leichenöffnung her seid,
losschlagen, von der Ehre in einem Prügeltraume angehetzt, und euch
vielleicht mit wenigen Handgriffen und Fußtritten in einen viel ewigeren
Schlaf einwiegen, als der gewesen, woraus er aufgefahren?
In meinem sogenannten silhouettierenden
[71] Der Jüngling ist aus Willkür sonderbar und freuet sich; der
Mann ist's unabsichtlich und gezwungen und ärgert sich.
Schattenspiele kommt der Gesichterinhalt der schlafenden Postkutsche
selber vor; erst darin werde ich euch breit belegen, warum mir der
Giftträger mit der Mordkuppel teuflisch erschienen -- der Zwerg
altkindisch -- die Hure matt- und schlafffrech -- mein Schwager
ruhiggesättigt von Rache oder von Essen -- der Legationsrat Jean Pierre
aber, Gott weiß warum, als ein halber Engel, wiewohl er sich denken
läßt, der halbe Engel, da nur der schöne Körper, nicht die andere im
Schlaf vergangene Hälfte, die Seele, vor mir wirkte.
Beinahe vergäß' ich's, daß ich doch in meinem Dörfchen, während beide
Schwäger, der Dragoner und der Postillion, tranken, eine kleine Furcht
glücklich bestanden, weil das Schicksal zweimal auf meiner Seite
gewesen. Ich sah unweit eines Jagdschlosses neben einem schönen
Baumklumpen eine weiße Tafel mit schwarzer Inschrift schimmern. Dies
ließ mich hoffen, daß mich dort ein kleines Sargkunstwerk, ein
Ehrenpfahl, irgendein
[198] Der Pöchel und das Vieh schwindeln auf keinem Abgrundsabhang,
aber wohl der Mensch.
Treff-, Zier- und Spießdank für einen Toten erwarte. Auf einem
unbetretenen blumigen Gewinde lang' ich vor dem Schwarz auf Weiß an
und lese im Mondschein mit Entsetzen: »Jedermann wird hier vor dem
Selbstschuß gewarnt!« So stand ich also vielleicht einen Fußzehennagel
breit von dem Büchsenhahn, womit ich, wenn ich die Ferse rückte, mich
selber als einen verblüfften Stocknarren und Ladstock in die andere
Welt, unter die Seligen hineinschoß. Ich suchte vor allen Dingen mich
mit den Fußnägeln in den Boden wie einzubeißen und einzufressen -- weil
ich wenigstens so lange am holden Leben bleiben konnte, als ich mich
fest pflöckte neben der daliegenden Atroposschere und Henkersbühne; --
darauf wünscht' ich mich zu entsinnen, auf welchen Steigen der Teufel
mich unerschossen herbeigeführt. Aber vor Angst hatt' ich alles
ausgeschwitzt und wußte gar nichts, -- im nahen Höllendorf war kein
[11] Das goldene Kalb der Selbstsucht wächst bald zum glühenden
Phalarisochsen, der seinen Vater und Anbeter einäschert.
Hund zu ersehen und zu erschreien, der mich etwa aus dem Wasser hätte
holen können, und die beiden Schwäger soffen selig. Indes, ich faßte Mut
und Entschluß -- schrieb auf einem Pergamentblatte meinen letzten Willen
sowie meine zufällige Sterbart nieder, und meinen Todesdank ans
Bergelchen -- und flog dann mit vollen Segeln auf Geratewohl und
geradeaus den kürzesten Weg hindurch, unter der Voraussetzung, mich bei
jedem Schritte niederzuschießen und mir so mit eigener Hand auf mein
noch langes Lebenslicht den _Bonsoir_ oder Lichttöter zu setzen. Aber
ohne Schuß kam ich an. In der Schenke lachte freilich mehr als ein Narr
über mich, weil, was nur ein Narr wissen konnte, die Warnungstafel schon
seit zehn Jahren ohne Schüsse dageblieben, wie oft diese ohne jene.
[103] Das männliche Schmarotzergewächs an den weiblichen Rosen und
Lilien muß (wenn ich dessen Schmeicheln recht fasse) wahrscheinlich
bei den Schönen die Sitte der Italiener und Spanier voraussetzen,
welche jede Kostbarkeit dem zum Geschenk anbieten, der solche sehr
lobt.
So aber steht's, ihr Freunde, mit unserer Jagdpolizei, die gegen alles
warnt, nur nicht gegen Warnungstafeln.
Übrigens hatt' ich auf der ganzen Station leichte Händel mit dem
Postillion, weil er nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde halten
wollte, wenn ich ausstieg, um zu ...... Leider sind freilich von
Postknechten keine Urinpropheten zu erwarten, da so selten Gelehrte aus
Hallers großer Physiologie es wissen, daß Aufschieben der gedachten
Sache teuflisches Steingut niederschlägt und zuletzt den Inhaber selber,
weil diese Steingrube seltener der Blasenschneider als der Tod mit einem
Grabe schließt. Hätten Postknechte gelesen, daß Tycho de Brahe wie eine
Bombe am Zerspringen starb: sie hielten lieber an; sie fänden bei
solchen, mir so unerwarteten Kenntnissen es vernünftig, daß ein Mann
[199] Aber wenige gegenwärtige Staaten, glaub' ich, köpfen unter
dem Vorwande, zu trepanieren -- oder heften (in einer gesuchtern
Allegorie) die Lippen zusammen unter dem Vorwand, deren Hasenscharten
zuzunähen.
seinen Leichenstein zwar einmal auf sich, aber nicht in sich tragen
will. Bin ich denn nicht sogar in Weimar oft aus den längsten
Abschiedsauftritten Schillers mit Tränen in den Augen hinausgelaufen,
bloß um (während seine Minerva mich im ganzen erweichte) nicht von deren
Medusenkopf auf der Brust partiell versteinert zu werden? Und kam ich
nicht ins weinende Komödienhaus zurück und viel munterer in die
allgemeine Rührung ein, weil ich dann nichts mehr zu erleichtern
brauchte als mein Herz?
Sehr im Finstern kamen wir in Niederschöna an.
Dritte Station, von Niederschöna nach Flätz.
Als ich am Posthause, mit den Augen auf meinen Mantelsack geheftet, in
Gedanken dastehe: schmettert und schnaubt ein Vieh von Nachtwächter mir
so nahe und unversehens
[12] Die Einzelwesen haben Lehrjahre, die Staaten Lehrjahrhunderte;
-- aber sind beide freigesprochen, so sind doch wieder Lehrstunden
und Sonntagsschulen nachzuholen.
mit seiner Nachttuba ins Ohr, daß ich ordentlich zurückspringe, ich,
den schon jede heftig-schnelle Anrede verdrießt. Gibt's denn keine
medizinische Polizei gegen solche geblasene Stundenlärmfidibus und
-Lärmkanonen, durch welche doch keine knallenden entbehrlich werden?
Eigentlich sollte niemand mit dem Nachtwächterhorne investieret werden
als ein vernünftiger Mann, der sich schon einen Bruch geblasen oder
gehoben hätte und der imstande wäre, seinen Stundenvers so leise
abzusingen, daß man gar nichts hörte.
Was ich längst erwartet und der Zwerg vorausgesagt, traf jetzt ein: aus
der hohen Posthauspforte trat tief sich bückend der Riese heraus und hob
im Freien eine unvernünftig große Statur und dito Kopf mit der
ellenhohen
[67] Gastfreiheitswirt, willst du deinen Gast erforschen? Begleite
ihn zu einem andern Wirte und höre zu! -- Ebenso: willst du deine
Geliebte in einer Stunde besser kennen lernen als in einem Monat
Zusammenlebens? Sieh ihr eine Stunde lang unter Freundinnen und
Feindinnen (wenn dies kein Pleonasmus ist) zu!
Mütze und Feder empor; mein Schwager ihm zur Seite schien nur sein
vierzehnjähriger Sohn zu sein, und der Zwerg gar sein auf zwei Beinen
aufwartendes Schoßhündchen. »Lieber Freund,« sagte mein neckender
Schwager, der ihn an mich und die Postkutsche geleitete, »steig' Er
ruhig ein, wir machen Ihm sämtlich gern Platz. Kremp' Er sich nur recht
zusammen, und leg' Er den Kopf aufs Knie; so geht's.« Der unnütze Necker
hätte so gern den fast einfältigen Giganten -- dem er's bald abgemerkt,
daß dessen Gehirn kein schlauer Gast, sondern die negative Größe seines
Rumpfes war -- unter uns im bangen Postschrank und Notstall vor sich
gesehen zu einem Giespuckel eingeknüllt und krumm geschlossen. »Giht
doch nit! Giht gar nit!« sagte der Riese, als er hineinsah. »Der Herr
Soldat wissen vielleicht nicht,« versetzte der Zwerg, »wie groß ein
Riese ist; und Er denken, weil
[80] Im Sommer des Lebens graben und statten die Menschen Eisgruben
so gut als möglich aus, um sich doch für ihren Winter etwas
aufzuheben, was fortkühlt.
ich hineingehe. -- Aber das ist ein anderes Loch. -- Ich will überall
hineinpassen, man sage mir nur wo.« --
Kurz, es war kein Ausweg für den Postmeister und den Riesen, als daß
sich dieser hinten auf das Passagierwarenlager stellte und setzte, sich
als eine Tränenweide herüberbeugend über den ganzen Kutschkasten. Mich
selber konnte ein solcher Rückenwind und Rückhalt nicht außerordentlich
ergötzen; und ich traue (hoff' ich) jedem von euch, ihr Freunde, zu, daß
er hinter einem Rückendekret so gut und so hell wie ich überschlagen
hätte, was ein Kerl und Riese hinter ihm, ein Nachfahrer in allerlei
Sinne, etwa Mordendes, probieren könne, es sei nun, daß er durch das
Rückenfenster des Wagens einbräche und angreife oder sich überhaupt mit
Titanenmacht oben über den Kutschenhimmel hermache. Indessen fing der
oben mit gekreuzten
[28] Es ist mir unmöglich, sogleich auf der Stelle unter dem
Wasserästen-Wald von Anspielungen in meinen Werken -- sogar diese
ist wieder ein Ast -- herauszubringen und darauf zu fallen, ob ich
je
Armen auf dem Kasten liegende Elefant -- der aber von seinem Gleichnis
mehr die drückende Masse als das fliegende Geisteslicht zu haben schien
-- bald zu schlafen und zu schnarchen an; ein Elefant, wovon (wie ich
immer froher einsah) mein Schwager, der Dragoner, leicht der Kornak und
Bändiger sein konnte, ja schon gewesen war.
Da jetzt mehr als eine Person schlafen wollte, aber (mit Recht) ich
hingegen wachen: so bot ich gern meinen Fahrehrensitz, den Vordersitz
(auch um manchen Neid der Passagiere zu tilgen), solchen Personen an,
die auf ihm ein wenig schlummern wollten. Der Legationsmann ergriff das
Anerbieten und den Lehnpolster mit Hast und entschlief an der Rücklehne
des Titans hinter ihm. Etwas unbegreiflich blieb mir dergleichen
Postschlaf von einem diplomatischen _Chargé d'affaires_. Ein Mann, der
so mitten unter einer blutfremden,
die sämtlichen Höfe oder Höhen die (Bouguersche) Schneelinie Europas
genannt habe oder nicht, ich wünschte aber Belehrung darüber, um es
im widrigen Falle etwa noch zu tun.
oft blutdürstigen Genossenschaft entschläft, kann ja, wenn er im
Schlummer und Wagen spricht (denkt nur alle an den sächsischen Minister
vor dem Siebenjährigen Kriege!) hundert Geheimnisse, tausend Schandtaten
herausstoßen, die er kaum verübt hat. Sollte nicht jedem Minister,
Gesandten oder anderen Mann von Ehre oder Stand ordentlich grausen vor
Tollwerden oder hitzigen Fiebern, da ihm kein Mensch dafür steht, daß er
nicht darin mit den größten Skandalen herausfährt, wovon vielleicht die
Hälfte Lügen sind?
Endlich, nach der langen Juliusnacht, kamen wir Passagiere samt der
Aurora vor Flätz an. Ich sah scharf und weich nach den Turmspitzen; ich
glaube, daß jeder Mensch, der in einer Stadt etwas Entscheidendes zu
suchen
[36] Und so wünscht' ich überall der erste zu sein, besonders im
Betteln; der erste Kriegsgefangene, der erste Krüppel, der erste
Abgebrannte (ähnlich dem, der die erste Feuerspritze anführt)
erbeutet die Hauptsumme und das Herz; der Nachkömmling spricht die
Pflicht nur an; und endlich geht es mit dem melodischen Mancando des
Mitleids soweit
hat, und dem sie entweder ein Richtplatz seiner Hoffnungen oder deren
Ankerplatz, entweder Schlacht- oder Zuckerfeld wird, sein Auge am ersten
und längsten auf die Türme der Stadt als auf die Zeigefinger und
Züngelchen seiner Zukunftswage heftet; gleichsam architektonische Berge,
welche wie die natürlichen die Thronen unserer Zukunft sind. Als ich
mich damit zu dichterisch gegen Jean Pierre herausließ, so antwortete er
geschmacklos genug: »Die Türme solcher Städte sind ja die Alpenspitzen,
worauf wir den Alpenkäse unserer Zukunft suchen und melken.« Mochte der
Legations-Peter mit diesem Stile mich lächerlich machen oder nur sich?
-- Entscheidet!
»Hier ist der Ort, die Stadt,« sagt' ich heimlich zu mir, »wo heute viel
und über
herunter, daß der letzte -- wenn der vorletzte wenigstens noch
mit einem reichen »Gotthelf« beschwert abzieht -- nichts von der
mildtätigen Hand mehr erhält als deren Faust. Wie nun im Betteln der
erste, so möcht' ich im Geben der letzte sein; einer löscht den
andern aus, besonders der letzte den ersten; so aber ist die Welt
bestellt.