Zukünfte entschieden wird, wo du diesen Abend um fünf Uhr deine

Bittschrift und halb dich selber übergibst; -- geh' es doch gut! geh' es

herrlich! Werde Flätz, dieser Waffenplatz deiner kleinen Bestrebungen,

zugleich die Baustelle von Lust- und Luftschlössern zweier Herzen, des

deinigen und des weiblichen!«

Im Gasthofe zum Tiger stieg ich ab.

Erster Tag in Flätz.

Kein Mensch wird sich anfangs in meiner Tigerhotelslage stark

enthusiasmieren über die nächsten Aussichten. Ich, als der einzige mir

bekannte Mensch, besonders von der Seite der Liebe (vom abgehenden

Dragoner nachher!), sah aus den Fenstern des mit Marktgästen sich

vollstopfenden Gasthofes heraus und auf das Nachströmen des Marktheeres

[136] Übersteigt ihr eure Zeit zu hoch, so geht es euren Ohren (von

seiten der Fama) nicht viel besser, als sinkt ihr unter solche zu

tief, wirklich ganz ähnlicherweise spürte =Charles= oben in der

Luftkugel, und =Halley= unten in der Taucherglocke gleichen

besonderen Schmerz in den Ohren.

hernieder und konnte sehr bald bedenken, daß eigentlich niemand als Gott

und die Spitzbuben und Mörder genau wußten, wieviel von beiden letzteren

darunter mit einschwämmen, um vielleicht die unschuldigsten Marktgäste

teils zu enthülsen, teils zu enthalsen. Meine Lage hatte etwas gegen

sich -- mein Schwager hatte, weil er alles blind herausschlägt, es

fallen lassen, daß ich im Tiger abstiege -- (o Gott, wann lernen solche

Menschen geheimnisreich bleiben und auch den elendesten Bettel des

Lebens unter Deckmänteln und Schleiern bloß deshalb zu tragen, weil so

oft eine lausige Maus einen Eis- und Golgathaberg gebiert als ein Berg

eine Maus?). Sämtliches Postgesindel saß sämtlich im Tiger ab -- die

Hure -- der Kammerjäger -- Jean Pierre -- der Riese, der schon am

Stadttore ausstieg und den Großkopf des

[25] In der Jugend sieht man eben wie ein operierter Blindgeborener

-- und was tut auch der Geburtshelfer oder die Geburtshelferin

anders als operieren -- die Ferne für die Nähe an, den Sternenhimmel

für greifbares Stubengeräte, die Gemälde für Gegenstände,

Zwergs als eigenen Kopf durch Mantelbemäntelung über die Straßen trug,

damit er um einen halben Zwerg gratis riesenhafter erschiene, als er

eigentlich für Geld zu sehen war. -- --

Es kam nun auf jeden ausgestiegenen Passagier an, ob er zum Tiger, dem

Wappentiere des Gasthofs, den Prototypus machen, und welches Lamm er

dann fressen, aussaugen, abrupfen wollte. Auch mein Schwager verließ

mich, um einem Roßtäuscher nachzuziehen, behielt aber für seine

Schwester sein Zimmer neben meinem; dies sollte, wie es schien,

Aufmerksamkeit für sie verraten. Ich blieb einsam meiner Tatkraft

überlassen.

Gleichwohl dacht' ich unter so vielen Spitzbuben, die mich umzingelten,

wenn nicht gar belagerten, warm an eine ferne, redliche Seele, an meine

Berga in Neusattel, ein Mark- und Kraftherz, das vielleicht manchem

und die ganze Welt sitzt dem Jüngling auf der Nase, bis ihn, wie den

Blinden, mehrmaliges Auf- und Zubinden endlich Schein und Ferne

schätzen lehrt.

[Illustration: ... so gab ich dem Feld- und Bartscheerer einen so

plötzlichen Stoss auf den Nabel ..]

schwachen Ehebündner mehr Schutz gewähren, als verdanken würde.

»Erscheine nur morgen mittags recht bald, Berga,« sagte mein Herz, »und

womöglich noch vormittags, damit ich dein Jahrmarktsparadies um so viele

Stunden länger ausdehne, als du um frühere anlangst!«

Ein Geistlicher läuft mitten im Weltsturm leicht in einen Freihafen

ein, in die Kirche; die Kirchenmauer ist seine Schießhausmauer und

Fortifikation; und dahinter sitzen gleichergestimmte und friedlichere

Seelen beisammen als auf dem Marktplatz -- kurz, ich ging in die

Hofkirche. Inzwischen wurde ich in meiner Liederandacht ein wenig

verrückt durch einen Heiducken, der einem wohlgekleideten, jungen Herrn

mir gegenüber die Doppellorgnette von der Nase abriß, weil in Flätz

sowie in Dresden

[125] Am Ende muß man noch aus Angst und Not der wärmste Weltbürger

werden, den ich kenne; so sehr schießen die Schiffe als

Weberschiffchen hin und her und weben Weltteile und Inseln

aneinander. Denn es falle heute das politische Wetterglas in

Südamerika; so haben wir morgen in Europa Gewitter und Sturm.

Gläser, die verkleinern und nähern, gegen den Hof verstoßen; ich hatte

zwar selber eins aufgesetzt, aber es vergrößerte. Ich konnte mich

unmöglich dahin bringen, die Brille abzunehmen, und ich werde hier,

fürcht' ich, wieder als Starrkopf und Waghals aussehen; bloß dies hielt

ich für schicklich, in einem fort mit ihr ins Gesangbuch zu blicken und

nicht einmal, da der Hof einrauschte, aufzuschauen, um Winke zu geben,

daß sie erhaben geschliffen. -- Die Predigt übrigens war gut, wenn auch

nicht immer fein bedacht für eine Hofkirche; denn sie mahnte von

unzähligen Lastern ab, zu deren Widerspielen, den Tugenden, ein anderer

Prediger zu leicht hätte ermahnen können! Unter dem ganzen Gottesdienste

trachtete ich, wahre, tiefe Ehrerbietung

[19] Leichter, hat man bemerkt, ersteigt man einen Berg, wenn

man rückwärts hinaufgeht. Dies ließe sich vielleicht auch auf

Staatshöhen anwenden, wenn man ihnen immer nur das Glied wiese,

womit man sich darauf setzt, und das Gesicht gegen das Volk unten

gerichtet hielte, indes man in einem fort sich entfernte und höbe.

an den Tag zu legen, sowohl gegen Gott als gegen meinen erhabenen

Landesherrn. Zur letzteren Ehrerbietung hatte ich noch meinen

Privatgrund; ich wollte solche nämlich recht öffentlich und stark mit

erhabenen Schriftpunzen auf meinem Gesicht ausprägen, um irgendeinen

eingefleischten Schadenfroh am Hofe Lügen zu strafen, der etwa meine

neuliche Widerlegung von Linguets Lob auf Nero und meine deutsche freie

Satire auf diesen wahren Tyrannen selber, die ich ins Flätzische

Wochenblatt eingeschickt, möchte zu einem heimlichen Charaktergemälde

meines Fürsten umzudrehen beliebt haben. Leider kann man jetzt kaum auf

den höllischen Teufel selber eine Stachelschrift abfassen, ohne daß

irgendein menschlicher sie auf einen Engel appliziert.

Als endlich der Hof aus der Kirche in den

[26] Wenige deutsche Gelehrte sind nicht originell, wenn man anders

(wenigstens aller Länder Sprachgebrauch ist) jedem Originalität

zusprechen darf, der bloß seine eignen Gedanken auftischt und keine

fremden. Denn da zwischen ihrem Gedächtnis, wo das Gelesene oder

Fremde wohnt, und zwischen

Wagen stieg, hielt ich mich in solcher Entfernung, daß mein Gesicht

unmöglich wäre zu sehen gewesen, falls ich etwa in der Nähe kein

ehrerbietiges, sondern ein zu stolzes gezogen hätte. Gott weiß, wer mir

allein jene tollkecken Phantasien und Gelüste eingeknetet hat, die

vielleicht einem Helden Schabacker mehr anständen als einem Feldprediger

unter ihm. Ich kann hier nicht umhin, eine der frechsten, euch, meinen

Freunden, zu vertrauen, würfe sie auch anfangs ein zu grelles Licht auf

mich. Es war bei meiner Ordination zum Feldprediger, als ich zum

heiligen Abendmahle ging am ersten Ostertag. Während ich nun so dastand,

weich bewegt vor dem Altargeländer mit der ganzen Männergemeinde -- ja,

ich vielleicht stärker gerührt, als einer darunter, weil ich als ein in

den Krieg Ziehender

ihrer Phantasie oder Erzeugungskraft, wo das Geschriebene und Eigene

entsteht, ein hinlänglicher Zwischenraum und die Grenzsteine so

gewissenhaft und fest gesetzet sind, daß nichts Fremde ins Eigne und

umgekehrt herüber kann, so daß sie wirklich hundert Werke lesen

können, ohne den Erdgeschmack

mich ja halb als einen Sterbenden betrachten durfte, der nun wie ein zu

Henkender die letzte Seelenmahlzeit empfängt -- so warf in mir, mitten

in die Rührung von Orgel und Sang, etwas -- sei es nun der erste

Osterfeiertag gewesen, der mich auf das sogenannte alte christliche

Ostergelächter brachte, oder der bloße Abstich teuflischer Lagen gegen

die gerührtesten -- kurz, etwas in mir (weswegen ich seitdem jeden

Einfältigeren in Schutz nehme, der sonst dergleichen dem Teufel

anschrieb!) -- dies Etwas warf die Frage in mir auf: »gäb' es denn etwas

Höllischeres, als wenn du mitten im Empfange des heiligen Abendmahls

verrucht und spöttisch zu lachen anfingest?« Sogleich rang ich mich mit

diesem Höllenhund von Einfall herum -- versäumte die stärksten

Rührungen,

des eignen einzubüßen oder dasselbe sonst zu ändern: so ist, glaub'

ich, ihre Eigenheit bewährt; und ihre geistigen Nahrungsmittel, ihre

Plinsen, Laibe, Krapfen, Kaviare und Suppenkugeln werden nicht, wie

nach Büffon die körperlichen, zu organischen Kügelchen der

Erzeugung, sondern erscheinen rein

um nur den Hund im Gesichte zu behalten, und abzutreiben -- kam aber von

ihm abgemattet und begleitet vor dem Altarschemel mit der jammervollen

Gewißheit an, daß ich nun in kurzem ohne weiteres zu lachen anfangen

würde, ich möchte innen weinen und stöhnen, wie ich wollte. Als daher

ich und ein sehr würdiger alter Bürgermeister uns miteinander vor dem

langen Geistlichen verbeugten und letzterer mir (vielleicht kam er mir

auf dem niedrigen Kniepolster zu lang vor) die Oblate in den klemmen

Mund steckte: so spürt' ich schon, daß an den Mundwinkeln alle

Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen, die auch nicht lange an der

unschuldigen Gesichtshaut arbeiteten, als schon ein wirkliches Lächeln

darauf erschien -- und als wir uns gar zum zweiten Male verneigten, so

grinste

und unverändert wieder. Oft denk' ich mir solche Gelehrte als

lebendige, aber tausendmal künstlichere Entriche von Vaukansons

Kunstente aus Holz. Denn in der Tat sind sie nicht weniger künstlich

zusammengefugt als diese, welche frißt und den Fraß hinten

wiederzugeben scheint -- zarte Nachspiele

ich wie ein Affe. Mein Nebenmann, der Bürgermeister, redete ganz mit

Recht, als wir hinter den Altar umgingen, mich leise an: »Um Gottes

willen, sind Sie ein ordinierter Prediger oder ein Pritschenmeister? --

Lacht denn der lebendige Gottseibeiuns aus Ihnen?« -- »Ach, Gott! wer

denn sonst?« sagt' ich; erst nachher bracht' ich meine Andacht

ernsthafter zu Ende.

Aus der Kirche -- (ich komme wieder in die Flätzer) -- ging ich in den

Gasthof zum Tiger und aß an der Wirtstafel, weil ich nie menschenscheu

bin. Vor dem zweiten Gerichte reichte mir der Kellner einen leeren

Teller, worauf ich zu meinem Erstaunen einen französischen Vers mit der

Gabel eingekratzt erblickte, der nichts Geringeres enthielt als ein

Pasquill auf den Kommandanten von

der Ente, welche unter dem Schein, die Kost in Blut und Saft

verwandelt zu haben, bloß einen, vom Künstler im Hinterleibe

trefflich vorgerüsteten Auswurf, der mit Speise und Verdauung gar

nicht zusammenhängt, illusorisch in die Welt setzt und drückt.

Flätz. Ohne Umstände bot ich den Teller der Tischgesellschaft hin und

sagte, ich hätte das pasquillantische Geschirr, wie sie sähen, eben

bekommen, und bäte sie zu bezeugen, daß der Handel mich nichts angehe.

Ein Offizier wechselte sogleich mit mir Teller. Bei dem fünften Gericht

durft' ich mich über die chemisch-medizinischen Unkenntnisse der

Tischgesellschaft verwundern, indem ein Hase, aus welchem ein Herr

mehrere Schrotkörner, das heißt also ein mit Arsenik versetztes und

durch den warmen Essig nun aufgelöstes Blei, öffentlich herausgezogen

und vorgezeigt hatte, von den Zuschauern (mich ausgenommen) lustig

fortgespeist wurde.

Unter den Tischgesprächen faßte mich eins gewaltig bei meiner schwachen

Seite, bei meiner Ehre. Es wurde nämlich der Gerichtsgebrauch der

Residenz erzählt, daß ein unzüchtiges Mädchen jeden, wen eine Dirne dazu

wähle, in den Vater ihres Wurms verkehren

[15] Nach Ähnlichkeit der schön polierten englischen Einlegmesser

gibt's auch Einlegkriegsschwerter, oder -- mit andern Worten --

Friedensschlüsse.

könne bloß durch ihr Eidwort. »Schrecklich!« sagt' ich, und mir stand

das Haar zu Berg. -- »Auf diese Weise kann sich ja der erste beste

Hausvater mit Frau und Kindern, oder ein Geistlicher, der im Tiger

logiert, von der ersten schlimmsten Aufwärterin, die er oder die ihn

leider abends zufällig kennen lernen, um Ehre und Unschuld gebracht

sehen?« Ein ältlicher Offizier fragte: »Soll denn aber das Mädchen sich

lieber zum Teufel schwören?« Welche Logik! -- »Oder gesetzt,« fuhr ich

ohne Antwort fort, »ein Mann reist mit jenem Wiener Schlossergesellen,

der nachher Mutter wurde und mit einem Söhnchen niederkam, oder mit

irgendeinem verkleideten Ritter d'Eon, mit dem er häufig übernachtet;

und der Schlossergeselle oder der Ritter dürfen dann ihre Beilager

beeidigen: so kann ja kein zarter Mann zuletzt mehr mit einem anderen

reiten und fahren, weil er nicht weiß, wann dieser die Stiefel auszieht

und die Weiberschuhe an, und ihn dann zum Vater schwört und sich zum

Teufel?«

Aber einige von der Tischgesellschaft vergriffen sich in meinem

Kanzelfeuer so sehr, daß sie schafsmäßig zu glauben andeuteten: ich

selber sei in diesem Punkt nicht richtig, sondern lax. Beim Himmel! ich

wußte da nicht mehr, was ich fraß und sprach. Zum Glücke wurde mir

gegenüber eben die Lüge irgendeiner französischen Niederlage ausgesagt;

da ich nun an den Straßenecken die französische und deutsche

Proklamation angesehen, welche jeden, der Kriegsberichte -- nämlich

nachteilige -- anhört, ohne sie anzuzeigen, vor das Kriegsgericht

bestellt: so konnt' ich als ein Mann, der sich nie gern vergessen will,

wohl nichts Klügeres tun, als davongehen mit leeren Ohren und nur dem

Wirte rapportieren warum.

Es war keine unrechte Zeit, denn absichtlich um viereinhalb Uhr wollt'

ich mir den Bart scheren lassen, um gegen fünf so recht mit einem vom

Balbiermesserglättzahn geleckten Kinn, wie glattes Velinpapier, ohne

Wurzelstöcke vom Kinnhaare (Barthaare ist Pleonasmus) auf- und

vorzutreten. Vorher goß ich, wie Pitt vor Parlamentssitzungen, verdammt

viel Pontak mit wahrem Ekel in meinen Magen hinunter gegen jede

Heillehre und Sperrordnung desselben, nicht sowohl um den leichten,

fremden Bartputzer zu bestehen, als den Ministergeneral Schabacker, mit

welchem ich eines und das andere Feuerwort zu wechseln vorhatte.

Es kam der gewöhnliche Fremdenbalbier des Hotels, hatte aber sogleich in

seinem viellinigen ausgezackten Gesichte mehr von einem endlich toll

werdenden, als von einem weiser werdenden Manne an sich. Tolle nun hass'

ich unglaublich und bin daher in kein Tollhaus zu bringen, weil da der

erste beste Wütige mich mit Riesenfäusten erschnappt, wenn er mag, und

weil ich überhaupt der Ansteckung wegen nicht weiß, ob ich wieder mit

dem Verstande herauskomme, den ich hineintrage. -- Gewöhnlich sitz' ich

(bin ich eingeseift) dergestalt auf dem Stuhle, daß ich, beide Hände

(den Blick spann' ich scharf gegen das balbierende Gesicht) auf den

Schenkeln, dem Zwerchfell des Balbiers gegenüber schlagfertig liegen

habe, um ihn bei der kleinsten zweideutigen Bewegung wie wütig

umzustoßen.

Ich weiß kaum recht, wie es zuging, aber indes ich mich ins

närrisch-gewundene Gesicht des Bartputzers vertiefe und da er eben das

lang' gewetzte Schlachtmesser etwas vorschnell gegen meine entblößte

Gurgel führte: so gab ich dem Feld- und Bartscherer einen so plötzlichen

Stoß auf den Nabel, daß der Mann sich im Fallen bald selber

selbstmörderisch die Gurgel abgeschnitten hätte. Mir blieb freilich

nichts davon als Gutmachungen und eine gegen meine sonstigen Grundsätze

umgebundene geschwollene Kravatte als Deckmantel dessen, was unbeschoren

geblieben.

Jetzt brach ich denn endlich zum General auf und trank die Pontaksreste

noch unter der Schwelle aus. Ich hoffe, in mir lagen Pläne fertig,

richtig zu antworten, ja zu fragen. Das Bittschreiben hatt' ich in der

Tasche und in der rechten Hand. In der linken hatt' ich dessen Duplikat.

Mein Feuer half mir leicht über alle ministeriellen lebendigen Zäune

hinüber, und ich befand bald mich unverhofft im Vorzimmer unter seinen

vornehmsten Lakaien, die, soviel ich merkte, nichts verpassen sollten.

Ich überreichte dem Ansehnlichsten meine papierne Bitte mit der

mündlichen, sie seinerseits zu überreichen. Er nahm sie, aber

unverbindlich. Ich wartete tief in die Stunde sechs Uhr hinein

vergeblich, worin allein dem frohen Generale manches vorzutragen ist.

Endlich erseh' ich einen Stief- oder Duzbruder des vorigen Lakaien und

wiederhole mein Gesuch; dieser rennt umsonst umher, um Bruder oder

Schreiben zu suchen -- nichts war zu finden: -- wie glücklich war ich,

daß ich das Duplikat der Bittschrift mitten im Pontak vor dem Rasieren

mir wieder abgeschrieben, und also -- bloß aus dem Grundsatz, daß man

immer ein zweites hölzernes Bein im Mantelsack eingepackt haben müsse,

wenn man ein erstes am Leibe habe -- und aus der Furcht, daß, wenn mir

das Urschreiben auf dem Wege

[13] _Omnibus una salus sanctis, sed gloria dispar_; das heißt --

schreiben sonst die Gottesgelehrten -- nach Paulus haben wir im

Himmel alle dieselbe Seligkeit, aber verschiedene Ruhmstufen. Schon

auf der Erde finden wir im Himmel der Schriftstellerwelt

vom Tiger zu Schabacker verloren ginge, meine ganze Reise und Hoffnung

zu Wasser müßte werden -- dies, sag' ich, war gut, daß ich das

Repetierwerk des Urschreibens eingesteckt hatte, und folglich in jedem

Falle etwas, und zwar ein detto, einzuhändigen vermochte. Ich händigte

dasselbe ein.

Leider nur war schon sechs Uhr vorbei. Der Lakei aber blieb nicht lange

aus, sondern brachte mir bald -- ich möchte sagen den Predigttext dieses

Zirkelbriefes -- die fast rohe Antwort (die ihr, Freunde, aber aus

Achtung für mich und Schabacker geheim zu halten habt): falls ich der

Attila Schmelzle beim Schabackerschen Regiment wäre, so möcht' ich mich

nur mit meinem Hasenpanier wieder zum Teufel scheren, wie ich bei

Pimpelstadt getan. Ein anderer wäre auf dem Platze geblieben; ich aber

ging ganz derb davon und

ein Vorbild davon. Nämlich die Seligkeit der von der Kritik

seliggesprochenen Autoren der genialen, der guten, der

mittelmäßigen, der geistesarmen, ist bei allen die nämliche, sie

machen sämtlich im ganzen fast einerlei Kameralglück, denselben

versetzte dem Kerl: »Ich schere mich auch willig zum Teufel, und schere

mich den Teufel darum.« Unterwegs untersucht' ich mich selber, ob nicht

etwa der Pontak aus mir gesprochen -- wiewohl schon die Untersuchung

widerspricht, da kein Pontak untersucht; -- aber ich fand, daß nur ich,

mein Herz, vielleicht mein Mut etwas gesprochen: und wozu denn überhaupt

Kleinmut, da das Vermögen meiner guten Frau mich ja besser besoldet als

zehn katechetische Professuren, und da sie alle Ecken meines Buches des

Lebens mit so viel goldenen Beschlägen versieht, daß ich es, ohne es

abzunützen, immer aufschlagen kann? -- Schwangere mögen bei Schrecken an

den Hintern greifen, um das Muttermal des Versehens dorthin zu verstecken;

ich griff bei dem Mute ans Herz und sagte: »Schlage dich nur tapfer durch,

wer auch dabei geschlagen

schwachen Profit. Aber Himmel, was hingegen Nachruhmsstaffeln

anlangt, wie tief wird nicht -- ungeachtet des nämlichen Honorars

und Absatzes -- schon bei Lebzeiten ein sogenannter Duns unter ein

Genie hinabgestellt! -- Wird nicht oft ein

werde!« Ich fühlte mich ganz erhoben und erhitzt -- ich dachte mir

Republiken, wo ich als Held nach Hause kommen könnte -- ich sehnte mich

in jene heroischen Griechenzeiten hinein, wo ein Held vom andern Prügel

gern einsteckte und sagte: schlage nur, aber höre mich! und aus unseren

feigen heraus, wo man kaum Schimpfworte aushält, geschweige mehr -- ich

malte mir es aus, wie ich mich fühlen würde, wenn ich in glücklichere

Umgebungen Afterthronen umwürfe und vor ganzen Völkern auf Großtaten wie

auf Tempelstufen unsterblich aufstiege und in gigantischen Zeiten ganz

andere und größere Männer zu übermannen und zu übertreffen fände als

jetzt den Milbenpöbel um mich her und höchstens den einen und den

anderen Vulcanello. Ich dachte -- und machte mich immer wilder und ich

selber berauschte mich

geistesarmer Autor in einer Messe vergessen, indes ein geistreicher

oder gar ein genialer durch fünfzig Messen durchblüht und so erst

sein 25 jähriges Jubiläum feiert, bevor er spät vergessen untergeht

und im deutschen Ruhmtempel eingesenkt wird, der

(also kein Pontaksrausch, der bekanntlich mehr durch als ohne Trinken

wächst), und gestikulierte öffentlich -- als ich mich fragte: »Willst

du ein bloßer Staatsschoßhund werden -- ein Hunds-Hund -- ein _pium

desiderium_ eines _impii desiderii_ -- ein Ex-Ex -- ein Nichts-Nichts?

-- -- O Sackerment!« Darüber stieß ich mir aber meinen Hut in den

Marktkot. Da ich ihn aufhob und säuberte, sah ich überall, wie

verschossen er war, und entschloß mich sogleich, einen neuen zu kaufen

und anfangs selber zu tragen in der Hand.

Ich vollzog's und erhandelte einen vom feinsten Kaliber. Sonderbar,

durch diesen Hut, als wär's ein Magisterhut, wurde in der Ziegengasse

ordentlich mein Kopf geprüft und examiniert. Da nämlich der General

Schabacker darin daherfuhr, und ich (wie sich wohl von selber versteht)

mich nicht durch

die bekannte Eigenheit der Kirche des Ordens der Padri Lucchesi in

Neapel nachahmt, welche bekanntlich (nach Volkmann) unter ihrem

Dache eine Begräbnisstätte, aber kein Denkmal darauf verstatten.

gemeine Grobheit, sondern durch Höflichkeit rächen wollte: so bekam ich

eine der kitzlichsten Aufgaben zu lösen vor. Schwenkt' ich nämlich bloß

den feinen Filz, den ich schon in der Hand trug, behielt aber den

verschossenen auf dem Kopfe: so konnt' ich einem Grobian von Haus aus

ähnlich sehen, der nichts abzieht; zog ich hingegen den alten vom Kopfe

und hofierte damit: so spielten zwei Filze auf einmal (ich mochte nun

den anderen mitbewegen oder nicht) die Sache ins Lächerliche. Nun,

stimmt doch ab, ihr Freunde, eh' ihr weiter leset, wie man sich hier

herauszuziehen hätte, ohne den Kopf zu verlieren!.... Ich glaube

vielleicht dadurch, daß man bloß den Hut verliert; kurz und gut, ich

ließ eben geradezu den Putzhut aus der Hand in den Kot fallen, um mich

in den Stand zu setzen, den Sudelhut einsam abzunehmen und mit nötiger

Höflichkeit zu schwenken ohne einen Anstrich von Lächerlichkeit.

Im Tiger ließ ich -- um etwas schließen zu lassen -- den brillantierten

Fein-Fein-Fein-Filz

[Illustration: ... und betete laut: Dir übergeb' ich mich ganz / Du

allein sorgtest ja bisher für mich schwachen Knecht]

früher ausbürsten als den Kotsassen- oder Schartekenhut.

Nun ging ich, meine wichtige Vergangenheit in der Adjustier- und

Probierwage tragend, feurig auf und nieder. Der Pontak mußte -- ich weiß

wohl, daß es hinieden nur unechten gibt -- ein noch unechterer gewesen

sein; so sehr jagte er meine Phantasie in ein Feuer nach dem anderen.

Ich sah jetzt in ein weites, glänzendes Leben hinein, wo ich ohne Amt

lebte, bloß von Geld; und das ich gleichsam mit den delphischen Höhlen

und Zenonischen Gängen und Musenbergen aller der Wissenschaften übersäet

sah, die ich ruhig treiben konnte. Besonders konnte ich mich mehr auf

Preisschriften bei Akademien legen, deren (nämlich der Schriften) sich

kein Urheber jemals zu schämen braucht, weil eine ganze krönende

Akademie in jedem Falle für den Koronanden steht und errötet. Schießt

auch der Preiswerber neben der Krone vorbei, so bleibt er doch stets

unbekannter und anonymer (da man seine Devise nicht entsiegelt) als ein

anderer Autor, der zwar namenlos ein Langohr von Buch ediert, den aber

doch bald ein literarisches Eselbegräbnis (_sepultura asinina_)

öffentlich vor der halben Welt einsenkt.

Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz mit fortgehenden Noten · 第 3 / 5 段