sich in der Zukunft oder an einem entfernten Orte zutragen. Dasselbe
mag oft auch der Fall gewesen sein, wenn man bei Götteropfern eine
Frage an die Gottheit stellte. Das ist das nordische ~ganga til
fréttar~ „zur Befragung gehen“. Wie dieses jedoch vor sich ging,
erfahren wir nicht. Ungleich häufiger als die allgemeine Frage nach der
Zukunft, nach dem Was?, ist die Divination, die Frage an höhere Mächte
nach dem Wie?, die Frage, ob ein bestimmtes Unternehmen glücklich oder
unglücklich ausgehen werde, ob etwas zu tun oder zu unterlassen sei.
Die Antwort erfolgt hierbei entweder durch Vorzeichen (~auspicia~)
oder durch das Los (~sortes~). Zu jenen gehörten nach dem Zeugnis des
Tacitus vor allem der Flug und die Stimme der Vögel, das Wiehern und
Stampfen der heiligen, den Göttern geweihten Rosse. Daneben spielen als
Vorzeichen die Träume, der Stand des Mondes, das Feuer des Herdes, die
Gestirne eine Rolle. Hierher gehört auch der bis ins graue Altertum
hinaufreichende Angang oder Widergang, die Beachtung der Person oder
des Dinges, das einem zu Beginn eines Unternehmens beim ersten Ausgang
am Tage zuerst begegnet. Die einen Wesen (alte Frauen, Katzen, Hasen
u. a.) bringen Unglück, andere (Wolf, Hirsch, Schwein u. a.) dagegen
Glück.
Das Loswerfen, dessen Darstellung bei Tacitus die wünschenswerte
Klarheit vermissen läßt, war verschiedener Art und fand meist beim
Opfer statt. Verwandt wurden dazu Stäbchen (ahd. ~zein~, ags.
~tân~, altn. ~teinn~) eines fruchttragenden Baumes, denen bestimmte
Zeichen eingeritzt waren. Diese Zweige wurden auf ein weißes Tuch
geworfen, und unter Anrufen der Gottheit und heiligem Gemurmel
wurde dreimal je einer aufgehoben und gedeutet. Dies geschah, wenn
in einer Staatsangelegenheit gefragt wurde, durch den Priester, in
Privatangelegenheiten durch das Haupt der Familie. Die Frage war hier
nur, ob ein Unternehmen auszuführen oder zu unterlassen sei, die
Antworten demnach nur „ja“ oder „nein“, wie wir durch Cäsar erfahren.
Eine zweite Art des Loses, die friesische und angelsächsische Quellen
überliefern, nimmt man vor, wenn unter einer Anzahl Beteiligter der
Übeltäter gefunden oder einer dem allgemeinen Wohl geopfert werden
soll. In diesem Falle schneidet jeder sein Zeichen in einen Stab; diese
hebt dann der Priester einzeln auf. Das letzte Los bezeichnet den
Übeltäter oder ist das Todeslos.
Priester und Priesterinnen.
Zauber und Weissagung lagen bei den Germanen fast durchweg in
den Händen der Frauen. Nur das Loswerfen und die Beobachtung der
Vorzeichen war Sache der Männer; es war aus dem älteren Ritus in die
weiter ausgebildete Gottesverehrung mit herübergenommen worden. Daher
hatte auch der Stellvertreter der Gottheit auf Erden, der König oder
Priester, über das öffentliche Loswerfen zu wachen und die Beobachtung
der Vorzeichen im Dienste der Allgemeinheit vorzunehmen. Daneben fällt
ihm die Aufgabe zu, Opferfeste und Dingversammlungen zu eröffnen
und die Gottheit an ihnen zu vertreten. So steht der Priester im
staatlichen Leben bei den Germanen an der Spitze der Genossenschaft und
hat in vieler Beziehung größere Gewalt als der Leiter weltlicher Dinge.
Einen abgeschlossenen Priesterstand, wie die Gallier in ihren Druiden,
kannten die Germanen nicht. Bei verschiedenen Stämmen, namentlich
bei den Nord- und Ostgermanen, war der König zugleich Priester und
mußte dementsprechend für seinen Stamm die priesterlichen Funktionen
vornehmen. Bei diesen Stämmen galt der Priesterkönig oft noch als
Inkarnation der Gottheit auf Erden. Daher heißt er bei den Goten
~gudja~, bei den Nordgermanen ~goði~. Als solcher ist er für alles
Unheil, das höhere Mächte schicken, namentlich für Mißwachs und
Kriegsunglück, der Allgemeinheit gegenüber verantwortlich und wird,
wenn seine Opfer ohne Erfolg sind, selbst geopfert, damit sich die
Gottheit in seinem Nachfolger verjünge. Wo der Priester dagegen
von dem Könige getrennt ist, steht er in dieser Beziehung über dem
Könige: er kann, wie es von den Burgunden berichtet wird, weder
seines Amtes entsetzt noch getötet werden. In diesen Fällen wird der
Priester von dem Volke aus angesehenem Geschlechte auf Lebenszeit
gewählt. Seinen Anordnungen hat auch der König in jeder Beziehung
Folge zu leisten, ganz besonders, wenn jener Menschen oder Tiere
oder Sachen zum Opfer fordert. Als Vertreter der Gottheit hat der
Priester vor allem das Opfer zu leiten, dem Opferschmaus vorzustehen
und vielleicht auch die Minne des Gottes zu trinken, zu dessen Ehren
das Opfer stattfindet. Wo Götterbilder und Göttersymbole bestanden,
waren diese unter seinem Schutz, wie der Wagen der Nerthus. Als dann
auch besondere Götterhäuser, Tempel, gebaut wurden, hatte der Priester
auch für diese zu sorgen. Danach heißt er bei den Isländern ~hofgoði~
„Tempelpriester“. Zur Unterhaltung dieser Gebäude erhält er von
den Gaugenossen eine gewisse Abgabe, die Tempelsteuer (~hoftoll~).
Hierdurch erlangte er bald auch weltliche Macht über die Mitglieder des
Tempelverbandes, und so wurde auf Island der Priester in historischer
Zeit zum weltlichen Häuptling, zum ~hǫfðingi~ oder ~fyrirmaðr~.
Als Walter des Gottesdienstes greift der Priester auch in das
staatliche Leben der Germanen ein, denn wie bei vielen Völkern hängen
auch bei unsern Vorfahren Religion und Staatsleben aufs engste
zusammen. Unter dem Schutze der Gottheit sind die Gesetze entstanden,
der Priester hat sie zu schirmen und bei einigen Stämmen vorzutragen.
Daher heißt er bei den Westgermanen Gesetzschirmer (ahd. ~êwarto~) oder
Gesetzsprecher (ahd. ~êsago~, fries. ~âsega~). In dieser Eigenschaft
hat er auch die Volksversammlungen zu eröffnen und während dieser auf
Ordnung zu sehen. Auch entehrende Strafen, Fesselung oder Schläge, zu
vollziehen, ist ihm allein erlaubt, denn durch ihn straft die Gottheit,
wie Tacitus berichtet.
Frauen in amtlicher Tätigkeit als Priesterinnen konnten die Germanen
schon deshalb nicht haben, weil das Amt des Priesters ins Rechtsleben
eingriff und die Frauen von diesem ganz ausgeschlossen waren. Wenn
daher hier und da, wie z. B. bei den Cimbern, von den Schriftstellern
der Alten Priesterinnen erwähnt werden, so sind unter diesen nur
weise Frauen zu verstehen, deren Zauberkraft und prophetischer Gabe
man besonderen Wert beilegte, wie der Veleda aus dem Stamme der
Brukterer oder der semnonischen Ganna u. a. Nur bei den Nordgermanen
begegnen uns in spätheidnischer Zeit Priesterinnen (~gyðjur~), die den
Tempel zu schützen haben und an die die Tempelsteuer zu entrichten
ist. Dieser Wandel erklärt sich daraus, daß die isländischen Tempel
als Privateigentum aufgefaßt wurden und demnach auch wie dieses in
Frauenhände übergehen konnten. Dagegen ist jenes Weib, welches den
schwedischen Fricco durch die Lande begleitete, nicht eine eigentliche
Priesterin, sondern die Begleiterin des Gottes, sein Weib, ohne das man
sich eine phallische Gottheit nicht denken konnte.
Opfer und Gebet.
Um den Groll höherer Gewalten in der Natur zu sühnen und um ihren
Beistand zu erlangen, bedienten sich auch die Germanen wie alle anderen
Völker des +Opfers+. Leider ist in unserer Sprache die altgermanische
Bezeichnung für diesen so wichtigen Kultakt geschwunden. Unser „Opfer“
kommt von einem ahd. Verbum ~opfarôn~, und dies wiederum ist das
kirchenlat. ~operari~ „Almosen spenden“. Die germanische Bezeichnung
für diese Handlung war ahd. ~pluozan~, ags. ~blôtan~, altn. ~blóta~,
der Gegenstand des Opfers aber war ahd. ~kelt~, ags. ~gild~, altn.
~gjald~ „Geld“ = Spende, verpflichtete Gabe. Diese Handlung begriff
zugleich das Gebet in sich, denn ein Gebet in unserer Auffassung des
Wortes, eine einfache Bitte an die Gottheit, kannten die Germanen
nicht; diese war stets nur eine Begleithandlung der Opferspende oder
enthielt wenigstens das Versprechen einer solchen. Letzteres geschah
vor allem vor Kämpfen und größeren Unternehmen. Wiederholt bezeugen
nordische Sagas, wie Könige vor Beginn der Schlacht Óðin oder Thór
anrufen und ihm die Feinde weihen, wenn er ihnen den Sieg verleihe.
So verspricht Haraldr Hilditann vor der Bravallaschlacht alle seine
Gegner Óðin, wenn er ihm den Sieg schenke; so weiht sich König Eiríkr
von Schweden selbst dem Gotte, wenn er siegreich aus dem Kampfe mit
seinem Neffen hervorgehe. Der Araber Ibn Fadhlan, der die Nordgermanen
in Südrußland kennen gelernt und beobachtet hat, erzählt, wie diese
vor den Götterbildern niederfallen und ihre Gottheiten um reichen
Handelserfolg bitten, indem sie zugleich Geschenke an den hölzernen
Statuen niederlegen. So kommt der Germane zu seinen Göttern nie mit
leeren Händen. Die Angst und Erfurcht, die er bei solcher Bitte vor
den höheren Wesen hat, bezeugt er bald durch Niederknien, bald durch
Verhüllen des Antlitzes, bald durch Entblößung seines Körpers.
Das Opfer wird entweder von einzelnen Personen dargebracht oder von
einem größeren Verbande, der Gemeinde, den Mitgliedern eines Gaues,
eines Stammes. Nur die Opfer letzterer haben eine staatsrechtliche
Bedeutung. Die Privatopfer sind mannigfachster Art und enthalten
die untersten Schichten heidnischen Opferbrauches: die Spenden an
die Elemente, die Gaben an die Toten, an die Geister. Jene Spenden
sind meist Dinge, die man von der Natur haben möchte, entweder in
Wirklichkeit oder in bildlicher Darstellung. Die Gaben für die Toten
sind Gegenstände und Speisen, wie sie der Mensch während seines
Erdenwallens braucht. Die Stätte solchen Kultes war natürlich nicht
an einen besonderen Ort gebunden; in der Nähe des Hauses, da man
wohnte, oder in diesem selbst wurde die Spende dargebracht. Geschah
dies für die Familie, so tat es deren Haupt, der Familienvater.
Zu diesen Privatopfern gehörte der in allen germanischen Ländern
verbreitete Berg-, Quellen-, Fluß-, Baum-, Feldkultus, der nach den
Zeugnissen der Bußordnungen in heidnischer Zeit tief im Volke wurzelte;
zu ihnen gehörten jene Spenden an den Gräbern der Toten, die die
Konzilien verbieten, jene Disen- und Alfenopfer, die im Norden nicht
ungebräuchlich waren, aber auch die Bittopfer, die man bei Beginn jedes
wichtigen Unternehmens darbrachte, die Opfer, durch die man im Frühjahr
die Fluren zu weihen pflegte, die Bauopfer, durch die man jeden
wichtigen Bau zu schirmen suchte, u. a. Wie alle Opfer sind sie bald
abwehrender, bald sühnender Natur.
Diese Privatopfer haben sich meist in Sitte und Brauch geflüchtet
und leben hier noch bis zur Gegenwart fort. Neben ihnen bestanden
die öffentlichen Opfer, die im Gemeinde- oder Staatsverband
stattfanden. Sie nur leitet der Priester, mit ihnen allein sind größere
Versammlungen an bestimmtem Orte, Festschmäuse, Umfahrten u. dgl.
verknüpft. Wie die Volksversammlungen sind auch die öffentlichen Opfer
entweder gebotene oder ungebotene. Jene fanden bei unvorhergesehenen
Ereignissen statt, wenn ein Krieg drohte oder Krankheiten, Hungersnot,
Mißwachs das Land heimsuchten, oder nach erlangtem Siege, diese zu
festgesetzten Zeiten während des Jahres. Bei den einen wie bei den
anderen hatte der Priester bzw. der Priesterkönig die Leitung, doch
waren wohl bei den gebotenen Opfern die Festlichkeiten der ungebotenen
ausgeschlossen, es sei denn, daß das Opfer ein Siegesopfer war. Dagegen
wurde auch bei dem gebotenen Opfer häufig die Frage nach dem Ausgang
eines Unternehmens gestellt oder nach den Mitteln, wie ein Unglück
abzuwenden sei. Als z. B. König Vikarr mit den Seinen nach Hǫrðaland
zieht und kein günstiger Fahrwind die Segel blähen will, da opfert man
und fragt, wie günstiger Fahrwind zu erlangen sei. Nach dem Orakel
verlangt Óðinn ein Menschenopfer, und das Los soll entscheiden. Dieses
trifft den König, und dieser wird am folgenden Tage von Starkað an
einem Baumast dem Gotte geweiht und mit dem Speer durchbohrt, wobei
jener die Worte spricht: „Nun weihe ich dich dem Óðin.“ Auf ähnliche
Weise wurde bei Mißwachs König Óláfr trételgja von seinen Schweden in
seinem Hause verbrannt und so der Gottheit geopfert, weil er ein träger
Opferer war und seine Untertanen ihn als die Ursache des Mißwachses
ansahen. Der Todesgottheit glaubte man gleichsam für die Gesamtheit
ein Menschenopfer geben zu müssen, wenn man sich den unsicheren Wellen
anvertraute, wenn schwere Kämpfe bevorstanden. Ehe die Sachsen nach
ihren Plünderungszügen an der gallischen Küste heimkehrten, pflegten
sie jeden zehnten Mann der Gefangenen zu opfern, um dadurch glückliche
Heimkehr auf ihren Schiffen zu erlangen. Vor ihren Heerfahrten brachten
die Normannen dem Thór blutige Menschenopfer; aus den Herzen der
Getöteten prophezeiten sie dabei den Ausgang ihrer Wikingerfahrt. Auf
ähnliche Weise opferten die Franken am Po gotische Weiber und Kinder,
als sie 539 unter Theudoberts Führung in Italien eingedrungen waren,
um sich dieses Landes zu bemächtigen. Sie warfen die Leichname der
Getöteten als Erstlingsopfer in den Strom. Häufig begegnet man Opfern
für erlangten Sieg. Nach der Niederlage der Römer im Teutoburger Walde
wurden die gefangenen römischen Tribunen und Zenturionen von den
Germanen geschlachtet und den Göttern geweiht. Im Kampfe zwischen den
Hermunduren und Chatten opferten jene nach ihrem Siege alle gefangenen
Gegner dem Wôdan und Zîu. Bei einer Siegesfeier über die Römer opferten
579 die noch teilweise heidnischen Langobarden 400 Gefangene dem Wôdan.
In der großen Jomswikingerschlacht verspricht der norwegische Jarl
Hákon seinen eignen Sohn für den Sieg, König Eiríkr von Schweden alle
Gegner, die in seine Hände fallen. Außer Menschenopfern begegnen auch
noch andere Spenden, wenn man günstigen Fahrwind oder Befreiung von
Unglück erlangen will oder wenn man Land in Besitz nimmt. Mit solchem
gebotenen Opfer mag auch einst das Notfeuer verbunden gewesen sein
(vgl. S. 15), und in manchem Brauch der Gegenwart, der sich an Unwetter
oder großes Sterben oder an den Beginn von Unternehmungen knüpft, mögen
die letzten Reste dieses heidnischen Kultes fortleben.
Die +Zeit+, zu der die ungebotenen Opfer stattfanden, ist schwerlich
bei allen germanischen Stämmen und zu allen Zeiten dieselbe gewesen.
Sie war bedingt durch die Heimat und die wirtschaftliche Lage der
einzelnen Stämme. Nur annähernd war sie die gleiche. Über die
südgermanischen Festzeiten haben wir keine bestimmten Nachrichten;
nur indirekt können wir aus den Berichten des Tacitus schließen, zu
welcher Jahreszeit ungefähr dies oder jenes Opferfest stattgefunden
haben kann. Spätere christliche und volkstümliche Feste so schlechthin
in altheidnische Verhältnisse zu versetzen, geht nicht gut, da mit
der römischen Kultur und christlichen Sitte sicher auch Feste und
festlicher Brauch zu den Germanen gekommen sind. Dagegen haben wir
Nachrichten über die heidnischen Opferzeiten bei den Nordgermanen, die
durch andres, was wir sonst über Feste aus heidnischer Zeit erfahren,
gestützt werden und der wirtschaftlichen Lage des Volkes durchaus
entsprechen. Danach fiel das erste dieser Opferfeste zu Wintersanfang
d. i. Mitte Oktober. An ihm wurde vor allem für ein glückliches Jahr,
für Frieden und Wohlfahrt geopfert, denn Wintersanfang war bei den
Germanen Jahresanfang. Das zweite fiel Anfang Januar und wurde vor
allem zu Ehren des Frey, des Gottes der Fruchtbarkeit, gefeiert.
An ihm pflegte der Opfereber dargebracht zu werden, auf dem man
Gelübde ablegte. Durch dies Opfer hoffte man ein fruchtbares Jahr
zu erlangen. Das dritte Fest endlich fällt in die Zeit, da es dem
Sommer zugeht, gegen Mitte April. An ihm opferte man dem Óðin und
zwar um Sieg zu erlangen. Alle nordischen Hauptfeste fallen also in
den Winter, da die Arbeit auf dem Felde, da die Waffen ruhten, da
die wirtschaftlichen Verhältnisse das Schlachten eines Teiles des
Viehbestandes erheischten und so genügend Fleisch zu Festschmäusen
vorhanden war. Von diesen großen Festen fallen das erste und letzte
mit Dingversammlungen zusammen, denn Opferfest und Ding stehen im
engsten Zusammenhang, wie schon aus dem Zeugnis des Tacitus hervorgeht.
Auch in Südgermanien scheinen diese Feste auf ähnliche Zeiten gefallen
zu sein. So überraschte Germanikus die Marser zu Wintersanfang, als
sie eben das große Fest der Tanfana feierten. Um diese Zeit, wenn
die Ernte geborgen, das Vieh von der Weide zurück ist, zu der noch
heute allerorts die Kirmes gefeiert wird, mag einst das Fest des
Jahresanfangs gefeiert worden sein. Nur war es kein Dankopfer, das
man darbrachte, denn Dank in unserer Auffassung des Wortes war den
heidnischen Germanen fremd. Bekamen die Götter ihren Anteil an dem
Opfer, so war dies nur Einlösung eingegangener Gelübde. Das Opfer
selbst war ein Bittopfer für das nächste Jahr, wie aus den nordischen
Zeugnissen klar hervorgeht. So opferten z. B. die Schweden einst bei
großer Hungersnot zu jenem Wintersanfangsfeste zunächst einen Ochsen,
und als im folgenden Jahre keine Besserung eintrat, zu derselben Zeit
einen Menschen, und als auch dies Opfer vergeblich war, im dritten
Jahre den König selbst. Das zweite Opferfest fällt in den Mittwinter,
da die ganze Natur abgestorben ist. Schon diese Tatsache schließt
die Zusammenkunft größerer Verbände aus. Das Fest scheint demnach im
engeren Gemeinde- oder Sippschaftsverbande stattgefunden zu haben.
Es ist das Fest, das daneben als Julfest d. h. „Fest des Scherzes,
der Freude“ begegnet und das nach christlicher Umgestaltung als
Weihnachtsfest fortlebt. An ihm fanden besonders die großen Gelage in
der Familie statt, an denen Verwandte und Freunde zusammenkamen. Von
Haus aus war dies Fest ein Seelen- und Totenfest, an dem die Geister
mit teilnahmen, an denen ihnen besondere Tische gedeckt wurden. Noch
heute treiben nach allgemeinem Volksglauben die seelischen Wesen, das
wütende Heer, Frau Holle mit ihren Scharen, die norwegische Julschar
u. a. an diesen Tagen besonders ihr Wesen, und weit verbreitet ist der
Glaube, daß auch die Unterirdischen, die Verstorbenen, die Zwerge und
andere chthonische Gestalten, ja selbst die Riesen ihre Weihnachten
feiern. Keine Zeit führt so in das Gebiet des Seelenglaubens und
Totenkultes wie die Weihnachtszeit mit ihren Sitten und Gebräuchen und
ihrer volkstümlichen Prophetie. Daher hieß dies Mittwinteropfer auch
Alfen- oder Disenopfer. Den seelischen Schutzgeistern opferte man, den
Alfen und Disen, um von allen während der Winterszeit ihres Schutzes
zu genießen. Das dritte Hauptfest galt dem Erwachen der Natur oder
dem Gotte, unter dessen Führung man die Tätigkeit während des Sommers
aufnahm. Dieser konnte bei den kriegerischen Stämmen nur der Kriegsgott
sein. Das Nerthusfest scheint ein solches Frühlingsfest gewesen zu
sein, das, wie schon erwähnt, in den Sitten der Maien- und Pfingstzeit
Überbleibsel von Parallelriten aufweist. Neben diesen Hauptfesten
scheint es aber auch noch andere Feste gegeben zu haben, so vor allem
ein Fest, an dem man die Wiederkehr der Sonne feierte, wie es Prokopius
von den Skandinaviern berichtet, wie es in manchen volkstümlichen
Bräuchen, namentlich im Werfen der Sonnenscheibe oder im Rollen
des brennenden Wagenrades fortlebt. Bei all diesen Festlichkeiten
und Überbleibseln alter Opferriten müssen wir immer das eine im
Auge behalten: Wie die Germanen keinen einheitlichen Staat, keine
einheitliche Masse bildeten, wie ihre Sprache, ihre wirtschaftliche und
soziale Lage in den einzelnen Gegenden und Zeiten verschieden war, so
waren es auch ihre Sitten, ihr Kult und ihre rituellen Gebräuche.
Auch die Art der Versammlung zu den Opfern ist verschieden gewesen.
Bei dem Feste der Nerthus in Norddeutschland oder dem des Fricco
in Schweden fand die Feier in den einzelnen Gemeinden statt.
Der Priester zog mit dem Götterbilde umher, und überall, wohin
er kam, fanden Schmaus und Gelage zu Ehren der Gottheit statt.
Solche Umzugsfeierlichkeiten mögen vor allem bei Verehrung der
Vegetationsgottheit stattgefunden haben; sie sollten andeuten, daß die
Gottheit nun in die einzelnen Orte einziehe, woran noch der Einzug des
Maikönigs und der Maikönigin erinnert. Daneben gab es aber auch heilige
Stätten, an denen die Menge zu gemeinsamem Opfer zusammenströmte. Wie
weit dabei die Pflicht zur Teilnahme gegangen ist, geht aus den Quellen
nicht klar hervor, doch ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach wie die
Dingpflicht allgemein gewesen. Die nordische Egilssaga, die in dieser
Frage Andeutungen gibt, berichtet von dem großen Frühjahrsopfer zu
Gaular in Norwegen: „Dort war ein sehr angesehener Haupttempel; zu ihm
kam eine große Menge aus Firðir, Fjalir und Sogn und zwar fast alle
angesehenen Leute.“ Dagegen sagt Thietmar von Merseburg, daß zu dem
großen Opferfeste nach Lethra auf Seeland alle Dänen zusammengekommen
wären. Solche heilige Versammlungsorte, die als Mittelpunkte des
Kultes und Sitze der Gottheit galten, begegnen öfter in den Quellen:
im heiligen Haine der Semnonen kamen die Abgeordneten der suebischen
Stämme zusammen, die Marser überfiel Germanikus im Haine der Tanfana,
als sie ihr Opferfest feierten, auf Helgoland befand sich das
gemeinsame Heiligtum der Friesen, in Lethra auf Seeland das der Dänen,
in Altuppsala das der Schweden, in Norwegen hatte jeder Gau, jeder
Dingverband seinen heiligen Ort, von denen am berühmtesten der zu Mœrir
in Drontheim und der zu Gaular waren. Auch auf Island hatte jeder
Godenbezirk zu gemeinsamem Opfer sein Heiligtum, dessen Mittelpunkt
in den letzten Jahrhunderten des Heidentums die Götterbilder in
abgeschlossenem Raume waren.
Der altgermanische Tempel; das Götterbild.