Auch von einem Weltenbaum berichtet die eddische Dichtung: es ist die

Esche ~Yggdrasill~. Nach Mannhardts Forschungen wissen wir, welche

Rolle der Baum und der Baumkultus bei den Germanen gespielt hat. Der

Baum war beseelt wie der Mensch; in ihm wähnte man den Leiter des

Geschickes einzelner Menschen, ganzer Familien. Baumfrevler wurden

mit den grausamsten Strafen belegt, denn sie hatten eine Baumseele

vernichtet oder gekränkt. Zugleich galt der Baum als Verkörperung

alles vegetativen Lebens. Nach der Erzählung Adams von Bremen stand

in dem heiligen Uppsala ein Riesenbaum, der Sommer und Winter grün

war und der seine Äste weithin verbreitete. Er galt den Umwohnern als

heilig, und an der Quelle, die sich in seiner Nähe befand, wurden

Menschenopfer dargebracht. Solcher oder ähnlicher Glaube und solcher

Kult haben den Mythus von einem mächtigen Weltbaum entstehen lassen,

dessen Geäst in Wolken und Himmel rage und der ewig grün über der

Erde stehe. In seinen Zweigen, glaubte man, weide Óðins Roß, und nach

diesem gab man dem Baume seinen Namen. Die drei Wurzeln des Baumes

befinden sich unter der Erde, nach junger Kombination die eine bei

Hel, die andere bei den Reifriesen, die dritte bei den Menschen. An

den Wurzeln befindet sich der Urðbrunnen, wo die Schicksalsgöttinnen,

deren Führerin Urðr ihm den Namen gegeben hat, mit weißem Naß den

Baum begießen und dadurch erhalten, wie sie ja auch sonst über alles

Leben walten. Eine weitere Mythe verlegt an den Stamm des Baumes

den Richtplatz der Asen, wohin sie täglich zu gemeinsamer Beratung

geritten kommen. Nach junger spekulativer Dichtung schaffen feindliche,

dämonische Mächte an seiner Vernichtung: an den Wurzeln nagt Gewürm,

in den Zweigen fressen vier Hirsche die jungen Triebe ab. Eine andere

Mythe läßt im Gezweig Yggdrasils einen Adler und zwischen seinen Augen

den weitspähenden Habicht Veðrfǫlnir sitzen, durch den die Asen Kunde

erhalten von den Vorgängen auf der Welt. Diese hört das Eichhörnchen

Ratatoskr („Nagezahn“) und bringt sie zum Drachen Níðhǫgg, der an der

Wurzel nagt. Noch von anderen, ähnlichen Bäumen berichtet die nordische

Dichtung: vom Mimameiðr, der sich über dem Mimirsbrunnen erhebt, von

Læráð („Schutzspender“), dessen Zweige Valhǫll beschatten und in dem

die Ziege Heiðrún wohnt, deren Milch die Einherjer nährt. Dieser Baum

steht über dem Brunnen Hvergelmir, aus dem die Ströme der Erde kommen.

Die Mythen vom Untergange der Welt und von ihrer Erneuerung

hat in den letzten Jahrzehnten des Heidentums ein isländischer

Dichter in einem der großartigsten Gedichte, der Vǫluspá, poetisch

behandelt. Er verwertete dabei teils volkstümliche Mythen, teils

Glaubensvorstellungen, die durch den Verkehr der Isländer mit Christen

und den Bewohnern der britischen Inseln entstanden waren. Zwei Mythen

vom Weltuntergang kannte das Volk. Nach der einen, die im nördlichen

Norwegen ihre Heimat haben mag und zu der der Volksglaube von den

Sonnenwölfen Veranlassung gab, glaubte man, daß die Erde einst

erstarren werde und daß dadurch alle Lebewesen untergehen würden. Nach

der anderen, die am Gestade des großen Weltmeeres entstanden ist, nahm

man an, daß die Erde einst im Meere versinken werde. Mit der Welt

mußten die Menschen, mußten die Götter untergehen. Dämonische Mächte

konnten nur diesen Untergang bewirkt haben. Der Sonnenwolf hatte die

leuchtende Himmelsbraut ereilt und verschlungen. Ein langer Winter

(„Fimbulvetr“) trat ein, und alle Lebewesen erstarrten. Nur im Haine

Hoddmimir hatten sich Lifthrasir und Lif, poetische Personifikationen

der Lebenssehnsucht und des Lebens, erhalten und wurden die Stammeltern

eines neuen Geschlechts. Auch die Sonne hatte schon vor ihrer

Vernichtung eine Tochter, Alfrǫðul („Elfenstrahl“), geboren, die nun

die Bahn der Mutter geht und die Welt zu neuem Leben ruft.

Der Untergang der Götter, die ~Ragnarök~, ist mit einem großen Kampfe

der alten Kultgötter gegen die dämonischen Mächte verbunden. Seit

Thór durch sein Dreinschlagen die Verträge mit den Riesen zunichte

gemacht hat, werden die Vorbereitungen zu dem großen Kampf zwischen

Dämonen und Göttern getroffen. Auf jener Seite stehen alle bösen

Elemente, auf dieser die Einherjer. Der Riese Eggther mit dem Hahn

Fjalar ist bei den Riesen auf der Wacht, bei den Asen Heimdallr neben

dem Hahn Gullinkambi. Die ersten Vorzeichen des Kampfes machen sich

bemerkbar: der Fenriswolf, der lautbrüllende Garmr, zerreißt seine

Fesseln, unter den Menschen herrscht Krieg und Unzucht — ein Zug, der

der christlichen Lehre entnommen ist —, die Wellenberge steigen, die

Weltesche Yggdrasill bebt. Da bläst Heimdallr ins Horn, während Óðinn

mit Mimirs Haupt zu Rate geht. Dann wird weiter ausgeführt, wie die

feindlichen Mächte heranziehen: von Osten kommt Hrymr an der Spitze

der Riesen und mit ihm der Miðgarðsormr, von Norden zu Schiff Loki

mit den chthonischen Dämonen, seinem Geschlechte, von Süden Surtr,

den nur die Phantasie eines isländischen Dichters zum Führer der

dämonischen Scharen gemacht haben kann. Andere Überlieferung nennt

diese zerstörenden Gewalten Múspells Söhne. Aus Deutschland oder

England ist der Name ~Múspelli~ d. i. Erdvernichtung nach dem Norden

gekommen und hier durch Mißverständnis aus dem Vorgang ein persönliches

Wesen geschaffen worden. Auf der Ebene Vígríð findet der große Kampf

statt. Óðinn fällt im Kampfe gegen den Fenriswolf, wird aber gleich

darauf von seinem Sohne Viðar gerächt. Thór und die Miðgarðsschlange

fallen beide in gegenseitigem Kampfe, Freyr fällt durch das Schwert

Surts. Alsdann wirft Surtr den Feuersbrand in die Wohnungen der Götter

und vernichtet so diese. Nun versinkt die Erde in den Fluten. Aber sie

taucht von neuem empor, und auf der neuen Erde finden sich in ihren

Söhnen die alten Götter wieder: Baldr und Hǫðr, Viðarr und Váli, Móði

und Magni bewohnen die Behausungen der alten Asen; sie treffen sich,

wie einst die alten Götter, auf Iðavǫll und erzählen sich hier von den

Großtaten der Väter. Im goldenen Saal Gimlé lebt mit ihnen ein neues

Geschlecht Einherjer, das jetzt lauteres Glück genießt. — Zeigt sich

schon in dieser Darstellung der verjüngten Welt christlicher Einfluß,

so tritt er am Schlusse des Gedichtes noch klarer zutage: danach kommt

von oben der gewaltige Herrscher zum höchsten Gericht, und jetzt wird

der leichenfressende Níðhǫggr, der Unhold in Drachengestalt, versinken.

Kultus der Germanen.

Zauber.

Wie bei dem altgermanischen Glauben, so lassen sich auch beim Kult

verschiedene Schichten in den Quellen nachweisen, von denen die

untersten in die früheste Kindheit des Volkes führen. Aber auch hier

hat die treibende Kraft einer kindlichen Phantasie nicht nachgelassen

und in späteren Zeiten noch in Anlehnung an den alten analogen Kult und

Brauch entstehen lassen oder hat den alten mit neuem Kult verquickt.

Zu dieser ältesten Schicht des Kultes gehört vor allem der +Zauber+.

Er findet sich bei allen Völkern; seine Wurzel führt in eine Zeit, da

man sich die Gegenstände und Erscheinungen in der Natur wohl belebt,

aber noch nicht personifiziert dachte. Durch Nachahmung der Gegenstände

oder durch Nachbildung von Gegenständen, die ihnen gleichen oder

gleiche Eigenschaften wie sie besitzen, wähnte man, die Dinge in seine

Gewalt zu bringen, sie zu zwingen, dem Menschen dienstbar zu werden.

So glaubte man durch Nachahmung der Sonne in Gestalt eines Rades oder

durch Feuer, das dem der Sonne glich, die Sonne zu Licht und Wärme,

durch Begießen gewisser Personen oder Gegenstände den Himmel zum

Regen, durch Eierstecken in die Felder die Gefilde zur Fruchtbarkeit

zu zwingen, indem man die Eigenschaften dieser Dinge, des Feuers, des

Wassers, der Eier, gleichsam auf Sonne, Himmel, Erde übertrug. Um die

Geschmeidigkeit der Schlange dem Menschen beizubringen, bestreicht

man ihn mit Schlangenfett; ein Tierbalg oder auch nur die Maske des

Tieres gibt dessen Eigenschaften. So wohnt allen Dingen ein gewisser

Zaubergehalt inne. Aber auch in der Tätigkeit der Gegenstände liegt

solcher. Der abnehmende Mond z. B. kann alle möglichen Krankheiten

mitnehmen; deshalb muß man bei dieser Phase des Himmelsgestirns die

kranken Glieder bestreichen. Dieser Glaube an die magische Kraft

der Dinge hat sich durch Jahrtausende bis heute lebendig erhalten.

Aber nicht jedem ist es gegeben, sich diese Kraft zum Vorteil oder

Nachteil der Menschen dienstbar zu machen. Solche Kunst besitzt nur

der Zauberer, d. h. diejenige Person, die von dem Glauben ihrer Kraft

an die Beherrschung der Dinge erfüllt ist und die diesen Glauben

auf ihre Mitmenschen übertragen kann. Bei den Germanen sind es in

geschichtlicher Zeit vorwiegend Frauen, die diese Eigenschaft besitzen.

Es sind jene Wesen, die im Volksglauben noch lange als Hexen, im Norden

als Völven fortleben. Aber daneben haben in heidnischer Zeit auch

vielfach Männer den Zauber geübt. Das sind die nordischen ~seiðmenn~,

von denen König Eiríkr blóðöx in Uppland 80 verbrennen ließ, darunter

einen seiner Brüder. Als ein des Zaubers besonders kundiger Mann

begegnet der isländische Skalde Egill: er errichtet die Hohnstange mit

dem nach dem Lande gekehrten Pferdeschädel und den Unheilsrunen, als

er Norwegen verläßt, und zaubert durch sie alles Unglück über König

Eirík und die Königin Gunnhild; er erkennt die Runen, die in einen

Fischkiemen geritzt unter dem Kissen eines kranken Bauernmädchens

liegen, sofort als falsch und weiß an ihre Stelle heilkräftige Zeichen

zu ritzen. Durch solche heilende Tätigkeit wird der Zauberer zugleich

Arzt. Deshalb ruft die Brynhildr-Sigrdrífa unter andern Lehren Sigurð

zu:

Astrunen lerne, willst Arzt du werden

und wissen, wie Wunden man heilt:

in die Borke schneid’ sie dem Baum des Waldes,

der die Äste nach Osten neigt.

In der nordischen Zauberkunst, von der wir sehr zahlreiche Beispiele

aus heidnischer Zeit haben, hat sich zeitig zur heimischen Kunst eine

fremde gesellt, die finnische Zauberkunst. Noch heute gelten die

Finnen und Lappen als Meister der Magie; die Zauberei beherrscht ihre

ganze Religion. So war es schon in alter Zeit. Norweger lernten bei

den Lappen oder Finnen das Zauberhandwerk, so die Königin Gunnhildr;

aus Finnmarken holte man sich Zauberer, wenn es galt, einen besonders

kräftigen Zauber gegen jemand zu üben; „an die Finnen glauben“ oder „zu

den Finnen gehen“ war eines der wichtigsten Verbote der norwegischen

Gesetze nach Einführung des Christentums.

Auf dem großen Felde des Zaubers muß man scheiden zwischen dem

+passiven+ Zauber und dem +aktiven+. Jener entspringt der Überzeugung,

gewissen Dingen wohne die Kraft inne, vor Unheil zu schützen, oder

durch einfache Handlungen könne man Unglück bzw. die unglückbringenden

Geister abwehren. Er wurzelt in der Furcht vor der Einwirkung

feindlicher Gewalten und ist deshalb wohl älter als der aktive Zauber.

Dieser will die Naturkräfte lenken und zwar hauptsächlich, um durch

sie den Mitmenschen zu schaden. Zu ihm gehört auch der rituelle

Zauber, d. h. die Zauberhandlung, durch welche man den Dingen oder

Erscheinungen in der Natur verjüngende Kräfte in Gegenständen zuführt,

die man von jenen in vollem Maße zu erhalten hofft. Nur zum aktiven

Zauber bedarf man gewisser Kräfte, gewisser Fertigkeit.

Wie fast alle Naturvölker suchten auch die Germanen bei Sonnen- und

Mondfinsternissen durch Lärm und Geschrei die Gestirne von ihren

Verfolgern, in denen man Wölfe vermutete, zu befreien. Solchen

abwehrenden Zauber zeigt auch die weitverbreitete Sitte, bei Gewittern

oder zu bestimmten Jahreszeiten, in denen die unheilbringenden

Geister ganz besonders ihr Wesen treiben, oder bei Festlichkeiten,

vor allem bei Hochzeiten, zu schießen und dadurch die Unglücksgeister

zu beseitigen oder sie fernzuhalten. Gegen Krankheiten und

krankheitbringende Dämone helfen ferner alle sichtbaren Elemente: das

Wasser, das Feuer, Erde. Tau, besonders Maitau, Märzenschnee u. a.

säubern alle Unreinigkeiten der Haut. Zahlreich sind die Pflanzen, die

gegen Behexung dienen, wenn man sie bei sich trägt: so die Mistel, die

Alraunwurzel, das Johanniskraut, das vierblättrige Kleeblatt, Rosmarin,

die Birke, die Weide u. a. Auch bestimmten Tieren wohnt magische

Kraft inne: man schirmt durch sie das Haus vor Unglück, vor allem vor

Blitzschlag und Feuer. Hierher gehören der Storch, die Schwalbe, das

Rotkehlchen. Andere ziehen Krankheiten an sich, wie der Kreuzschnabel,

der Gimpel. Ferner besitzen allerorten gewisse Gegenstände schützende,

dämonenabwehrende Zauberkraft. Wo ein Donnerkeil im Hause liegt,

schlägt kein Blitz ein; die Schwelle, auf der ein auf der Straße

gefundenes Hufeisen festgenagelt ist, die kreuzweise über der Tür

angebrachten Besen (die sog. Donnerbesen), in christlicher Zeit das

Weihwasser oder die am Türpfosten angeschriebenen Anfangsbuchstaben

der heiligen drei Könige (~C + M + B +~) lassen keinen bösen Geist

ins Haus. An den Türen der Zimmer und an Bettstellen sieht man

vielfach den Druden- oder Mahrenfuß, das Pentagramm, zum Schutze gegen

unsaubere Geister. Einzelne Personen oder Tiere schützen Amulette,

meist mit geheimnisvollen Inschriften, vor Gefahren; den Kriegern

werden sog. Himmelsbriefe auf die Brust gegeben, damit sie schußfest

sind. Gegen alle möglichen Krankheiten gibt es Besprechungsformeln,

gegen Diebstähle den Diebesbann, der den Dieb an dem Orte seiner Tat

festhält, gegen Feuersbrand den Feuersegen. Bei all diesem Zauber

gehen alte Vorstellungen und neue, die aber nach Analogie der alten

entstanden sind, bunt durcheinander. Eine ganz besondere Rolle spielt

beim passiven Zauber das Blut, sicher eines der ältesten Zaubermittel

auch der Germanen. Das Blut ist der Sitz des Lebens und erneuert das

Leben. Es ist noch nicht zu lange her, daß man sonst etwas für einige

Blutstropfen eines Hingerichteten gab: diese heilen alle gefährlichen

Krankheiten, schützen gegen Fieber und bringen Glück ins Haus. Auch in

gewissen Handlungen liegt magische Kraft: ist man sehr erschrocken,

so soll man dreimal ausspucken, damit der Schreck nichts schadet; das

Anhauchen schützt und heilt; dreimal wird die junge Frau um den Herd

ihres neuen Heims geführt, wenn sie Glück haben soll; auf entblößte

Teile des Körpers pflegten sich die alten Germanen zu schlagen und

hielten dadurch die Gegner von sich fern.

Während wir die Zeugnisse des passiven Zaubers hauptsächlich aus der

Volksüberlieferung der Gegenwart schöpfen, geben uns vom aktiven

Zauber auch die älteren Quellen, besonders die nordgermanischen, ein

vielseitiges Bild. Danach besteht der Zauber aus der Zauberhandlung

(altn. ~seiðr~, zaubern = ~fremja seið~) und dem Zauberspruche. Dieser

heißt ahd. ~galstar~, ags. ~gealdor~, altn. ~galdr~ oder alts. ahd.

~spel~, altn. ~spjall~ oder altn. ~ljóð~ und zerfällt in den epischen

Eingang und die Zauberformel. Überwiegend gebraucht der Zauberer seine

Gewalt über die magische Kraft der Dinge, um seinen Mitmenschen Schaden

zuzufügen. Neben diesem bösen Zauber, der schon in heidnischer Zeit

verurteilt wurde, gibt es aber auch einen guten aktiven Zauber, der

besonders im Ritual eine Rolle spielt; durch ihn sollen die Elemente

gezwungen werden, den Menschen ihre nutzbringenden Kräfte zuzuwenden

oder Unheil zu bannen. Durch diesen Zauber vermag man sich auch mit

den Geistern, die nicht selten die Urheber des Unglücks sind, in

Verbindung zu setzen und sich diese dienstbar zu machen. Hierdurch wird

der Zauber eine der wichtigsten Begleiterscheinungen der Prophetie,

denn die Geister sind es, die dem Seher die Ereignisse ferner Gegenden

und zukünftiger Zeiten künden. Außerdem bedienten sich die Zauberer

vielfach der Runen.

Die +Runen+ sind die ältesten Schriftzeichen der Germanen. Außer zu

kurzen Aufzeichnungen wurden sie von unseren Vorfahren zum Zauber

verwandt, wie ja auch viele andere Völker Buchstaben dazu verwenden. In

allen Stellen, wo die Runen erwähnt werden, ist vom Zauber die Rede;

in keinem der zahlreichen Belege, die von der Weissagung sprechen,

begegnet das Wort Rune. Demnach sind die Runen nur zum Zauber, nicht

zur Prophetie verwandt worden, und nur indirekt spielten sie bei

dieser eine Rolle, indem man mit ihrer Hilfe die Geister berief, von

denen man die Zukunft erfahren wollte. Deshalb steht das 10. Kapitel

der Germania, wo von dem Loswerfen der Germanen die Rede ist, mit den

späteren Runen in keinem Zusammenhang. Überhaupt haben sich diese erst

in der Frühzeit der germanischen Völkerbewegung über Deutschland,

England und Skandinavien verbreitet. Nördlich vom Schwarzen Meere und

an der unteren Donau, wo seit dem zweiten Jahrhundert n. Chr. gotische

Volksstämme saßen, hatte sich eine besondere altgermanische Kultur

entwickelt, deren Wurzeln griechisch-byzantinische und weströmische

Kultur waren. Hier ist auch um 200 in Anlehnung an das griechische

und lateinische Alphabet das Runenalphabet mit seinen 24 Zeichen

und seinen drei Reihen entstanden. Die auffallende, von den alten

Alphabeten abweichende Reihenfolge der Zeichen und deren Benennung

lassen vermuten, daß es zu magischen Zwecken gebildet und ursprünglich

verwandt worden ist. Von hier aus gelangte es auf der Weichselstraße

nach Norddeutschland, wo es sich bald nach Westen und Südwesten

fortpflanzte und von wo es norddeutsche Völker mit nach England und

Skandinavien brachten. Erst um 300 n. Chr. findet man hier Gegenstände

mit Runen, von denen einzelne sicher magischen Zwecken gedient haben;

kein Fund vor dieser Zeit hat solche oder den bekannten Runen auch nur

ähnliche Zeichen. Mit den Zeichen waren zugleich ihre Namen nach dem

Norden gekommen. Durch diese vertraten sie im Bilde gewisse Wesen und

Gegenstände, und wer Gewalt über die Runen hatte, besaß zugleich die

Herrschaft über die Dinge, die sie bezeichneten. So gehörte in den

letzten Jahrhunderten des Heidentums Runenkenntnis zum Zauber, und

Wôdan-Óðinn, der Gott des Zaubers, war ihr Herr und Meister geworden.

Runenzauber trat zur alten Zauberhandlung und zum Zauberspruch. Von

letzterem scheint auch das Wort „Rune“ (ahd. ~rûna~, altn. ~rún~)

übernommen zu sein, denn dies bedeutet ursprünglich das geheimnisvolle

Murmeln, unter dem man die Zeichen zu ritzen pflegte, und ist erst

später auf diese selbst übertragen worden. Durch den rechten Gebrauch

dieser Runen, berichtet ein nordisches Runenlied, kann man Sieg

erlangen, sich vor Betörung der Frauen schützen, die Wellen beruhigen,

Wunden heilen, sich Redegewandtheit und Denkkraft aneignen; durch Runen

heilt der Skalde Egill das kranke Bauernmädchen, durch Runen macht

er das Gift unschädlich, das die Königin Gunnhildr ihm ins Horn hat

füllen lassen; Runen hatte eine Zauberin in den Holzklotz geritzt, der

dem Skalden Grettir den Tod brachte; mit Androhung des Runenzaubers,

der ihr Wahnsinn und Raserei bringen sollte, zwang Skirnir die Gerð

zur Liebe zu Frey; durch Runen machte Óðinn die Rinda wahnsinnig, als

sie seine Liebeswerbung nicht annehmen wollte. Eine besondere Kraft

erlangen die Zeichen, wenn sie mit Blut gefärbt sind, dem Lebenssafte

und wirksamsten Zaubermittel aller Völker. In Holzstückchen pflegte man

sie besonders zu ritzen. Ein mit solchen Zeichen versehenes Stäbchen

war der Runenstab (ahd. ~rûnstab~, ags. ~rûnstæf~, altn. ~rúnstafr~).

Neben dem Runenzauber begegnet bei allen germanischen Stämmen

der Zauberspruch und zwar bald mit, bald ohne Verbindung mit dem

Runenzeichen. Zu den frühesten Zeugnissen altdeutscher Poesie gehören

die Merseburger Zaubersprüche, von denen der eine ein lahmes Roß

heilen, der andere gefangene Schützlinge und Freunde entfesseln soll.

Ähnliche Zaubersprüche finden sich in späteren Zeiten bei allen

germanischen Stämmen in großer Zahl. In den nordischen Hávamál rühmt

sich ein Zauberkundiger, die Sprüche zu kennen, die Krankheiten

heilen, den Stahl des Gegners stumpf machen, Fesseln springen lassen,

Pfeile im Fluge hemmen, Gegnern Unglück bringen, Feuer löschen, Streit

schlichten, Seewind beruhigen, Hexen bannen, heil im Kampfe erhalten,

Tote erwecken, Freunde feien, Liebeslust bei Mädchen erwecken. So ist

der Zauber ungemein mannigfaltig. Eine besondere Art ist der Mahren-

oder Hexenzauber. Danach kann die Seele des Zauberers den Körper

verlassen, andere Gestalt, besonders die von Tieren, annehmen und in

dieser den Menschen Unheil zufügen. Vor allem Krankheiten und Unwetter

erzeugen soll der Zauber. Als Friðþjófr im Auftrage der Könige Halfdan

und Helgi den Tribut von den Orkneyen holen sollte, da ließen ihm jene

durch zwei Zauberweiber, die sich in Walfischgestalt aufs Meer legten,

heftigen Sturm und Unwetter erregen. In der Schlacht, die Jarl Hákon

von Norwegen 986 den Jomswikingern lieferte, standen ihm zwei göttlich

verehrte Schwestern bei, die Hagelwetter, Blitz und Sturm gegen die

Schiffe seiner Feinde schickten. Noch heute wird in verschiedenen

Gegenden Deutschlands bei Gewitter und Hagel in die Luft geschossen,

weil man dadurch die unwettererzeugenden Hexen zu vertreiben hofft.

Gegen den Glauben an solchen Zauber eifern die frühesten christlichen

Bußordnungen und Gesetze. Die magische Kraft, dem Menschen zu schaden,

zeigt sich zuweilen schon in den Augen. Wie bei vielen Völkern lebt

auch bei allen germanischen Stämmen der Glaube an den „bösen Blick“,

mit dem verschiedene Personen, besonders Frauen, behaftet sind. Schon

dieser Blick, der bald angeboren, bald durch Zauber erlangt ist,

schadet und bringt Krankheiten, Abmagerung, Verstümmelung über Menschen

und Vieh.

Ein Gegenstück zu diesem bösen Wetterzauber ist der gute Wetterzauber,

der Vegetationszauber. Er wird vor allem angewandt, wenn günstige

Witterung, Sonnenschein oder fruchtbarer Regen, eintreten soll.

Durch einfache, natürliche Handlungen sucht man auf die Naturkräfte

einzuwirken. So rollte man vielenorts in früherer Zeit brennende

Räder zu Tale oder entfachte im Frühjahre Feuer, um dadurch auf die

Kraft der Sonne einzuwirken. Um Regen zu erlangen, begoß man die

Felder oder sprengte, wie Burchard von Worms berichtet, fließendes

Wasser über ein nacktes junges Mädchen oder warf beim Todaustragen

das Bild des Vegetationsdämons in den Bach oder Brunnen. Ähnlich

ging man vor, um Fruchtbarkeit der Felder zu erzielen: Eier, Hähne

und andere Tiere vergrub man in die Erde und glaubte durch solche

magische Handlung Fruchtbarkeit des Bodens zu erzwingen. Dieser Wetter-

und Vegetationszauber hat sich in unzähligen Sitten und Gebräuchen

vielenorts bis auf den heutigen Tag erhalten und spielt noch im Leben

der Landleute eine ungemein wichtige Rolle, wenn auch sein tieferer

Sinn vergessen ist.

Weissagung und Los.

Aus der letzten Zeit des Heidentums besitzen wir einen Bericht über

altheidnische Prophetie, der über den Zusammenhang zwischen Zauber

und Weissagung aufklärt und der zugleich ein Bild über Formalitäten

beim Zauber im germanischen Norden gibt. Die Erzählung spielt im

germanischen Grönland. Krankheit und Unwetter haben die isländischen

Kolonisten lange heimgesucht. Da läßt ein reicher Bauer eine

Wahrsagerin zu sich entbieten, um von ihr die Zukunft zu erfahren.

Diese erscheint in festlichem Schmucke. (Nach anderer Überlieferung

sind solche Völven von einer Anzahl Knaben und Mädchen begleitet.) Ihr

dunkelblauer Mantel ist mit Steinen besetzt, eine Perlenkette ziert

ihren Hals, eine Mütze aus Lammfell ihr Haupt. In der Hand trägt sie

den Zauberstab (~vǫlr~, wonach diese Zauberinnen ~vǫlvur~ hießen), an

ihrem Gürtel hat sie eine Ledertasche mit dem Zauberwerkzeug (~taufr~).

Nach ehrfurchtsvoller Begrüßung wird sie auf den Hochsitz geführt und

erhält dann das Mahl, wie es Völven zu empfangen pflegen: Grütze, mit

Ziegenmilch bereitet, und dazu die Herzen aller geschlachteten Tiere.

Erst am nächsten Tage werden die Vorbereitungen zum Zauber getroffen.

Aber es fehlt das Gefolge, das die Locklieder der Geister (~urðlokkur~)

singt. Endlich findet sich eine Christin, die sie von ihrer Mutter

gelernt hat, und nachdem sie sich hat überreden lassen, das Lied zu

singen, und sich die Völve auf den Zauberkessel (~seiðhjall~) gesetzt

hat, erscheinen die Geister, und nun erfährt die Frau alsbald die

Zukunft.

Durch den Zauber setzte sich die Völve mit den Geistern in Verbindung,

durch ihn machte sie sich diese dienstbar. Durch zahlreiche andere

Zeugnisse wird dieser Glaube bestätigt. So sagt ein zauberkundiges

Weib auf Island: „Weit habe ich die Geister umhergetrieben, und

nun weiß ich viele Dinge, die mir bisher unbekannt waren.“ Aus

diesem Dienst der Geister erklärt es sich, daß in allen germanischen

Ländern die Weissagung besonders kurz nach eingetretenem Tode eines

Menschen gepflegt wurde oder zu Zeiten, in denen man die Seelen der

Abgeschiedenen in der Nähe der menschlichen Wohnungen wähnte, vor allem

zur Zeit der winterlichen Sonnenwende, oder an Orten, wo sie nach dem

Volksglauben hausten: an den Gräbern, an Bergen, Flüssen, Kreuzwegen.

Der Traum mag den Glauben erweckt haben, sich mit den Geistern in

Verbindung setzen, von diesen die Zukunft erfahren zu können.

Germanische Mythologie · 第 7 / 9 段